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Full text of "Zeitschrift für deutsche Philologie"

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ZEITSCHRIFT 


FÜE 


DEUTSCHE  PHILOLOGIE 


BEGRÜNDET  vox  JULIUS  ZACHER 


HERAUSGEGEBEN 


VON 


HUGO    GERING         ^  ,     _ 


EINUNDZWANZIGSTER  BAND 


HALLE  A.  S. 

VERLAG    DER    BUCHHA]ST)LTrNG    DES    WAISEJS'HAUSES 

188  9. 


Z3S' 
ßo/.  ^/ 


Inhalt. 

Seite 

Tius  Things.     You  K.  Weinliold 1 

Briefe  voa  Opitz  und  Moscheroscli.     Von  G.  "Witkowski 16.  163 

Das  sogeuante  Hamburger  Preisausschreiben.     Von  E.  "Wolff 39 

Die  flauen  in  Wolframs  Parzival.     Von  K.  Kinzel 48 

Das  liederbuch  der  Anna  von  Köln.     Von  J.  Bolte 129 

Eex  mortis.     Von  E.  Peters 188 

Beiträge  zu  Klopstocks  Messias.     III.   Das  gericht  über  die  bösen  könige.     Von 

J.  Pawel 190 

Ein  Schreibfehler  in  Lessings  Hamburgischer  dramaturgie.     Von  G.  Kettner    .  199 

Zu  Saxo  grammaticus.     Von  K.  Elze 200 

Zu  Paul  Gerhardt.     Von  F.  Jonas 201 

Miscellen  zui-  frage  nach  der  waldensischen  herkunft  des  Codex  Teplensis  und 
der  ersten  bibeldrucke.     I.   Eine  handschiift   der  PauHnischen  briefe.     Von 

G.  Ellinger 203 

Einige  vogelnamen  aus  dem  nördücheu  Böhmen.     Von  F.  Branky      .     .     .     .  207 

Zimi  Jubiläum  Eichendorffs.     Von  J.  Minor 214 

Zwei  bruch stücke  der  Eeimchronik  des  Eudolf  von  Ems.     Von  I.  Ziugerle     .  257 

Der  ti'actat  der  Upsala-Edda  „af  setningu  hattalykils."     Von  0.  Brenner  .     .  272 
Eine  bearbeitung  des  Papinianus  auf  dem  repertoir  der  Wandertruppen.     Von 

C.  Heine ,     .     • 280 

Einige  bemerkungen  zu  Johann  Peter  Titzs    deutschen  gedichten.     Von  G.  El- 
linger     • 309 

Herder  im  Faust.     Von  A.  Huther 329 

Zu  Anastasius  Grün.     Von  F.  Pro  seh 335 

Wieland  und  Lessings  Laokoon.    Von  G.  Kettner 336 

Himnielgartner  bruchstücke.     Von  E.  Sievers 385 

Der  dichter  des  Jüngeren  Titurel.     Von  P.  Hamburger 404 

Erasmus  Alberus  Gespräch  von  der  schlangen  Verführung  (die  ungleichen  kinder 

Evae).    Von  E.  Matthias 419 

Ein  brief  Johann  Laui'embergs.     Von  J.  Bolte 464 

Nekrologe. 

Friedrich  Becker.     Von  K.  Weiuhold 73 

Karl  Bartsch.     Von  K.  v.  Bahder 466 

Jon  Arnason.     Von  K.  Maurer    .     • 470 


Litteratur. 

Neuere  Schülerlitteratur.     Von  G.  Kettner 75 

Die  lieder  der  Edda,    herausgegeben  und  erklärt  von  B.  Sijmous;    angez.  von 

E.  Sievers 102 

Grundzüge  der  deutschen  syntax  von  0.  Erdmann;  angez.  von  H.  Klinghardt     110 


IV  INHALT 

Seite 
Weitere  mitteilungen  zu  Chr.  Eeuters  sehrifton  von  Fr.  Zarncke ;  Christ.  Eeuter 

als  passionsdichter  von  dems. ;  angez.  von  G.  Ellinger 116 

Pai'zival  übers,  von  San  Marte;  angez.  von  G.  Boetticher 120 

Joh.  Peter  Titzs   deutsche   gedichte,    herausg.  von  L.  H.  Fischer;    angez.  von 

G.  Boetticher 121 

Schriftsprache  und  dialekte  im  deutschen  nach  Zeugnissen  alter  und  neuer  zeit, 

von  A.  Socin;  angez.  von  K.  "Weinhold 122 

YqIo  spo,  übers,  und  erläutert  von  A.  Heusler;  angez.  von  E.  Mogk       .     .     .  125 

Das  hohe  lied  vom  rittertum  von  G.  Boetticher;  angez.  von  A.  Schulz  .     .     .  232 

Das  deutsche  tagelied  von  "W.  de  Gruyter;  angez.  von  H.  Giske 242 

Eeinke  de  vos,  herausg.  von  Fr.  Prion;  angez.  von  H.  Brandes 247 

Joh.  Spangenbergü  Bellum  grammaticale  ed.  Rob.  Schneider;  angez.  von  J.  Minor  251 
Deutsche   altertumskunde   II    von  K.  MüUenhoff;    angez.   von  H.  Schweizer- 

Sidler 253 

Über  die  spräche  Ulrichs  v.  Eschenbach  von  AV.  Toischer;  angez.  von  K.  Wein- 

hold 254 

Gastmähler  und   trinkgelage  bei  den  Deutschen  von  F.  A.  Specht;    angez.  von 

K.  Weinhold 2.54 

Jahresbericht  über  die  erscheinungen  auf  dem  gebiete   der  german.  phüologie, 

IX.  Jahrg.;  angez.  von  H.  Gering 255 

Indogermanische  mythen.  11.  Achilleis  von  E.  H.  Meyer;  angez.  von  E.  Mogk  336 
Beiträge  zm-  geschichte  der  älteren  deutschen  litteratur.     IH.  Der  altdeutsche 

reimvers,  von  W.  Wilmanns,  angez.  von  Fr.  Kauffmann 346 

Beowulf  herausg.  von  M.  Heyne  und  A.  Socin;  angez.  von  E.  Sievers   .     .     .  354 

Beowulf- Studien  von  G.  Sarrazin;  angez.  von  E.  Sievers 366 

Kormaks  saga  herausg.  von  Th.  Möbius;  angez.  von  B.  Sijmons 367 

Goethes  beziehungen  zu  Zürich  von  L.  Hirzel;  angez.  von  H.  Düntzer.     .     .  372 

Zur  Strassburger  schulkomödie  von  Joh.  Crüger;  angez.  von  H.  Holstein  .  .  382 
Die  Griseldissage  in  der  litteraturgeschichte  von  Fi',  v.  Westenholz;  angez.  von 

J.  Bolte 472 

Tobiae  komedie,  Comoedia  de  Mundo  etPaupere,  udg.  af  S.  Birket- Smith;  angez. 

von  J.  Bolte 477 

Dobefonten  i  Akirkeby  kirke  af  Ludw.  Wimmer;  angez.  von  H.  Gering.  .  .  487 
Die  rmienschrift  von  Ludw.  Wimmer;  angez.  von  Finnur  Jousson  ....  492 
Badenfahrt  von  Thomas  Murner,  herausg.  von  E.  Martin;  angez.  von  E.  Mat- 
thias        498 


Miscellen. 

Stiezen.     Von  M.  Lexer 255 

Zu  Lauremberg.     Von  H.  Gering 256 

Erwiderung  und  antwoii.     Von  G.  Boetticher  und  A.  Schulz 383 

Nachrichten 128.  256.  384.  502 

Register  von  E.  Matthias 503 


TIUS  THINGS. 

Der  germanische  gott  *Tius  war  ursprünglich  der  hinimelsgott, 
gleich  dem  Zevs  und  dem  Jupiter:  der  göttlich  verehrte  hiramel  (skr. 
dymis)  als  speuder  des  lichtes  und  der  wärme. 

In  dem  nordgermanischen  mythus  von  Tyr  und  Fenrir  zeigt  sich 
der  gott  noch  in  dieser  uralten  eigenschaft;  auch  in  der  erzähl ung  von 
der  fahrt  zu  Hyniir  lässt  sich  Tyr  noch  als  himmelsgott  erkennen, 
seine  mutter,  die  brünhvit  und  algullin,  als  die  morgen  röte. 

In  Deutschland  sind  die  spuren  dieser  eigenschaft  Tius  verwischt. 
Hier  hat  sich  seine  Weiterentwicklung  zum  kriegsgott  früh  volzogen, 
die  aber  zur  Voraussetzung  eine  gottheit  hat,  welche  dem  volke  als 
Inbegriff  der  höchsten  lebenskraft  dastund,  da  in  dem  kriege  der  ein- 
zelne wie  die  gesamtheit  den  höchsten  einsatz  von  dem,  was  sie  ver- 
mochten, zu  wagen  hatten.  Nur  ein  gott  der  reichsten  lebensfülle  in 
der  natur,  wie  sie  von  dem  himmel  auf  die  menschen  sich  verbreitet, 
konte  der  kriegsgott  germanischer  vöLker  werden. 

Aus  dem,  was  die  Römer  aus  westgermanischem  lande  von  dem 
Tius  erfuhren,  zogen  sie  den  schluss,  dass  er  dem  Mars  entspreche. 
Und  als  die  Deutschen  die  namen  der  sieben  tage  der  römischen  woche 
sich  übersezten,  übertrugen  sie  den  dies  Martis  als  Tiives  dag. 

Mars -Tius  verehrten  die  Tencterer  als  ihren  höchsten  gott  (Tac. 
histor.  4,  64).  Bei  den  Hermunduren  stund  er  über  dem  Wodan - 
Mercurius  (ann.  13,  57).  Die  Völker  oder  das  volk,  von  dem  Tacitus 
seine  nachricht  über  das  opferwesen  bezog,  hatten  dagegen  den  Wodan- 
dienst über  den  des  Thunar  (Hercules)  und  des  *Tius  (Mars)  gesteh. 
Es  werden  Istnevonen  gewesen  sein.  Bei  den  Erminonen  hat  *Tius  im 
mittelpunkt  der  religion  gestanden.  Der  bundeskultus  der  swebischen 
Völker  war  ihm  gewidmet;  von  ihm  leiteten  sich  noch  später  die  Schwa- 
ben ab,  wie  die  Wessobrunner  glosse  Cynuari:  Suapa  (Diut.  2,  370) 
bezeugt,  die  uns  die  mitia  gentis,  den  rcgnator  omnium  deus  in  Ger- 
mania c.  39  erläutert. 

Bei  Sachsen  und  Angelsachsen  trug  *Tius  auch  den  Bein  men 
Saxnot  Seaxneät,  von  dem  schwort,  seinem  heiligen  sinbilde,  unter 

ZEITSCHRIFT    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.       BD.   XXI.  1 


2  WEINHOLD 

dem  ihn  die  Quaden  verehrten  (Ammian.  Marc.  17,  12).  Bei  den  Sach- 
sen hiess  er  auch  Er  (altgerm.  *Eras  ^''L^Qrjg).  Die  Eresbiu'g,  welche 
k.  Karl  772  eroberte,  war  ein  befestigtes  heiligtum  des  Sachsenvolkes, 
worin  das  idolum  oder  fanum  stund,  quod  vocahatur  Irminsfd,  die 
gewaltige  säule  des  kriegsgottes,  wie  solche  die  Sachsen  nach  dem 
entscheidenden  schlage  gegen  die  Thüringer  dem  Mars  (d.  i.  ihrem 
ki-iegsgotte)  nach  Widukinds  durch  üble  gelahrtheit  verdunkelten  bericht 
als  Siegeszeichen  errichteten. 

Den  namen  Er,  der  erreger,  aus  derselben  wurzel  gebildet  wie 
Irmiu,!  ursprünglich  nur  attribut  zu  Tius,  gaben  üim  auch  jene  dem 
Swebenbunde  früher  angehörigen  Völker,  die  sich  almählich  zum  Baiern- 
volke  vereinigten,  während  ihre  verwanten  auf  dem  Imken  Lechufer, 
die  Alemannen,  an  dem  hauptnamen  Ziu  (so  seit  der  Lautverschiebung) 
festhielten. 

So  sehen  wir  den  alten  arisch -germanischen  himmelsgott  als  prae- 
ci'puus  deoruni  von  dem  grösten  teile  der  Deutsclien  verehrt,  und  zwar 
als  kiiegsgott  verehrt. 

Aber  ein  noch  nicht  alter  inschriftenfund  belehrte  uns  über  eine 
andere  eigenschaft  Tius:  der  kriegsgott  war  auch  der  über  das  ding, 
die  versamlung  der  Staats-  und  rechtsgemeinde  mächtig  waltende.  In 
dieser  Stellung  führte  Tius  den  beinamen  Things. 

Professor  Emil  Hühner  hat  in  der  Westdeutschen  Zeitschrift  für 
geschichte  und  kunst  3,  120  zwei  Inschriften  veröffentlicht,  die  im 
nördlichen  England,  bei  Housesteads,  der  alten  römischen  Station  Borco- 
vicium  am  Hadrianswall  gefunden  wurden.  Der  eine  altar,-  mit  schwe- 
rem aufsatz ,  trägt  auf  der  ziemlich  schmalen  Vorderseite  des  haupt- 
stücks,  folgende  Inschrift: 

DEO 

MARTI 

THINOSO 

ED\iBYS 

A^AESIAGIS 

BEDEa^FI 

miile:ne 

a^NATGGER 

MCIWSTY 

IHANTIV 

YSLM 

1)  Partie,  ermnas,  ÖQ/xtvog  vgl.  Müllenhoff  in  der  ztschr.  f.  d.  a.  XXTTT,  3. 

2)  Herr  prof.  HüLiier  hatte  die  gute  mir  zwei  Photographien  des  steins  initziiteilou. 


TIÜS   THINGS  3 

Nach  lierrn  Hübners  lesung: 

Deo  Marti  Thingso  et  duabus  Alaesiagis  Bede  et  Fimmilene  et 
nuimni  Augusti^  Germani  cives  Tvihanti  votiiQi  solveriint  libentes 
merito. 

Auf  der  rechten  Seitenfläche  sieht  man  in  flacher  arbeit  auf  einem 
hohen  fussgestell  eine  bekleidete  behelmte  gestalt,  die  den  nackten 
rechten  unterarm  empor  hebt  und  die  band  ausstreckt.  Das  faltige 
gewand  ist  über  der  hüfte  gegürtet.  An  sie  schmiegt  sich  rechts  eine 
kleine  bekleidete  gestalt,  die  bis  an  den  gürtel  der  grossen  reicht.  Sie 
legt  die  rechte  band  gegen  die  linke  brüst.  Unter  dem  langen  gewande 
sieht  man  die  zwei  füsse  hervorkommen.  Der  köpf  ist  auf  der  Photo- 
graphie wenigstens  undeutlich.  Auch  lässt  sich  nicht  sicher  sagen,  ob 
der  köpf  der  grösseren  männliche  oder  weibliche  züge  trägt;  lezteres 
scheint  aber  das  wahrscheinlichere. 

Die  linke  Seitenfläche  des  altars  ist  ohne  bildliche  darstellung. 
Der   zAveite   votivaltar-    trägt   über   dem  gesims,   worein  DEO 
eingehauen  ist,  einen  aufsatz  aus  je  einem  riindstücke  mit  verwitterter, 
vielleicht   ein   rad    darstellender   meisseluug;    in    der  mitte  ein  spitzes 
giebelstück,    aus  dessen  innerer  fläche  ein  brustbild  mit  undeutlichem, 
jedenfals  kurzhaarigem  köpf  ziemlich  flach  hervortritt. 
Das  hauptstück  des  altars  hat  folgende  inschrift: 
MARTITEDVABVS 
ALAISIAGIS-ffiYAVG 

gerciwstviha^ti 
cv:nei-frisiorvm 
ter- ser- alexan) 

rianivotvm 

solyerynt 

LIBENT-- 
M 

Herr  E.  Hübner  las  das  ganze: 

Deo  Marti  et  duabus  Alaisiagis  et  niinüni  Augusti  Germani 
cives  Tvihanti  cunei  Frisiorum  Yer.  Ser.  Alexandriani  votum  solverunt 
libentes  merito. 

Aus  dieser  inschrift  ergibt  sich,  dass  der  altar  miter  dem  kaiser 
Severus  Alexander  (222  —  235)  von  Deutschen  aus  der  landschaft  Twente, 
die   zu    dem   friesischen    regiment  gehörten,   errichtet   worden    ist.     In 

1)  Moimnsen  liest  numiuibus  Augustoruin. 

2)  Auch  von  ihm  teilte  iiiir  hen'  pvof.  Hübuer  eiue  Photographie  mit. 

1* 


dieselbe  zeit  miiss  bei   der  grossen  Übereinstimmung  der  Inschrift  auch 
der  erste  altar  gesez    werden. 

Der  name  Things  ist  von  herrn  E.  Hübner  noch  auf  einem  drit- 
ten stein  bemerkt  worden,  der  dem  keltischen  gotte  Belatucadrus  und 
dem  Tingsus  von  Germanen  des  friesischen  cuneus  errichtet  wurde.  ^ 
Die  Inschrift  lautet  nach  heiTD  Hübners  lesung: 

Deo  I  Belatv  |  cadro  a  |  mvro  |  sivitvs  j  Tiugso  |  ex  cvne  |  vm 
[Fr]  is  [iorvm  Ger]  mano  |  rvm 

Sie  ist  unläugbar  entstelt.  Das  tvs  vor  Tingso  deutete  herr  Hüb- 
ner auf  Tius.  Scherer  fasste  es  so,  freilich  nur  als  unsichere  möglich- 
keit,  dass  der  nominativ  Tus  ^//2^.s«<.s  -  misverstanden  und  daraus  ein 
dativ  Tustkingso  gebildet  worden  sei.  Der  Steinmetz  hat  hier  über- 
haupt geaii^eitet,  ohne  eine  ahnuug  zu  haben  von  dem  was  er  hieb. 
Mutmasst  man  also ,  so  kann  man  lieber  gleich  das  richtige  Tivo  Thingso 
mutmassen.  Sicher  bleibt  aber  Tiugso  [Thingso)^  dativ  zu  dem  bei- 
namen  des  Tius,  den  jener  altar  vom  Hadrianswall  uns  lehrte. 

Ausser  E.  Hiibner  hat  sich  W.  Scherer  mit  diesen  Inschriften 
beschäftigt  und  darüber  am  8.  mai  1884  in  der  Berliner  akadeniie  der 
Wissenschaften  einen  vertrag  gehalten:  Mars  Thingsus  betitelt,-  wozu 
er  nach  H.  Brunners  mitteilung  am  29.  mai  dess.  j.  einen  nachti'ag  gab.^ 
Wir  werden  auf  seine  erklärungen  fortwährend  bezug  nehmen  müssen. 

Das  latinisierte  Thingsus,  deutsch  Things  ist  attiibut  zu  Mars 
d.  i.  Tms  und  bezeichnet  des  gottes  Verhältnis  zu  dem  thing.  Gramma- 
tisch ist  es  eine  adjectivische  Weiterbildung  des  Stammes  thingsa  durch 
das  secundäre  suffix-a,  durch  welches  adjectiva  und  appellativa  gebil- 
det werden,  die  irgend  eine  beziehung  zu  dem  grundworte  ausdrücken.* 
Dieses'  selbst  ist  dasselbe  neutrum  things,  das  aus  dem  longobardischen 
edictus  Rothari  (171  fgg.  thinx)  bekant,  ist  mit  der  bedeutimg  einer 
rechtshandlung.  Und  in  dieser  bestimten,  gewissermassen  beschränkten 
bedeutung  möchte  ich  aus  unsern  Inschriften  den  Tius  Things  nehmen. 
Er  wird  hier  nicht  als  der  gott  gemeint,  der  über  ilie  volksversam- 
lungen  überhaupt  waltet,  sondern  als  der  grosse  gerichtsgott. 

Allerdings  stunden  die  Zusammenkünfte  der  sämtlichen  freien 
männer  des  landes  oder  des  gaus  wie  der  ortsgemeinde,  in  denen  getagt 

1)  Bruce,  lapidarium  soptentriouale  s.  412  ur.  807  und  eplaeni.  epigr.  3.  125 
nr.  85. 

2)  Sitzungsbericlite  der  akad.  d.  wiss.  zu  Berlin.  1884.  XXV. 

3)  Brunner  in  der  Zeitschrift  der  Saviguy- Stiftung  für  rechtsgeschiclite.  V.  lid. 
Germanist,  abteil.  s.  226  fgg.     Weimar  1884. 

4)  Zimmer,  die  nominalsuffixc  «unda  s.  214  fg.,  vgl.  Scherer  a.a.O.  s.  4  (574). 


TIUS   THINGS  5 

und  gedingt  ward,  in  dem  frieden  des  Tins,  Aveil  er  der  kiiegsgott  war, 
die  Deutschen  aber  keine  öffentliche  noch  persönliche  sache  anders  als 
in  Waffen  verhandelten. i  Die  begriffe  volk  und  heer  deckten  sich  vol- 
kommen.  Noch  in  den  volksrechten  bedeutet  exercitiis  das  volk;  in 
exercito  amholare  wird  in  den  erlassen  des  langobardischen  königs 
Liutprant  von  den  reisen  der  judices  iin  lande  gebraucht.  - 

Wir  haben  es  aber  in  den  beiden  votivaltären  von  Borcoviciuiu 
nicht  mit  einer  grossen  politischen  Verhandlung  zu  tun,  sondern  sie 
sind,  nach  allem  was  wir  finden  werden ,  denkmäler  eines  rechtsstreites, 
dessen  glücklichen  ausgang  die  deutschen  bürger  aus  der  landschaft 
Tvianti  dem  schütze  des  Tius  Things  und  der  beiden  göttinnen  ver- 
dankten, zu  denen  sie  vorher  gebetet  und  denen  sie,  der  römischen 
Sitte  sich  anschmiegend,  einen  denkstein  mit  frommem  gelübde  zu 
setzen  sich  verpflichtet  hatten.  Daheim  hätten  sie  vielleicht  eine  art 
irminsül  aufgerichtet;  hier  im  fremden  lande,  als  teile  des  römischen 
heeres,  ward  die  römische  form  gewählt.  Sprache,  schriftzeichen,  bil- 
der,  form  des  steins  sind  römisch.  Auf  dem  dritten  englischen  stein, 
welcher  den  namen  Things  trägt,  ist  derselbe  sogar  mit  dem  keltischen 
kriegsgotte  Belatucadi'us  zusammen  genant,  w^as  sich  nur  aus  einer 
gemeinschaftlichen  angelegenheit  gallischer  und  fiiesischer  Soldaten  des 
römischen  lagers  erklären  kann. 

Die  votivsteine  sind  also  zunächst  dem  Tius  als  dem  grossen 
gerichtsgotte  des  Volkes  geweiht.  Wer  sind  aber  die  duae  alaisiagae 
{(daesiagae) ^  deren  eigennamen  Beda  und  FunmUa  die  eine  Inschrift 
glücklicherweise  angibt,  welche  als  genossinnen  oder  gehilfinnen  neben 
ihm  oder  unter  ihm  sich  hilfreich  bezeigt  haben? 

Das  wort  alaisiagae  oder  alaesiagae,  wie  das  einemal  römischer 
eingehauen  ist  (denn  germ.  ai  gaben  die  Eömer  durch  ce  wider,  wie 
Aestii,  Casia  silva,  Boihemum  (=  Boihmmum)  ^  Istaevones  zeigen), 
gibt  ein  rätsei  auf. 

al  ist  zunächst  abzutrennen  als  das  zur  Verstärkung  des  wort- 
begrifs  vorgestelte  adjectiv  al.  Zusammensetzungen  mit  al  erscheinen 
auf  rheinischen  römisch -germanischen  Inschriften  mehrfach.  Neben  den 
hiatronis  Gabiabus  werden  steine  den  inafroms  alagabiabus  geweiht 
(Corpus    inscription.    rhenanar.    edid.   Gu.  Brambach   n.  557.    559.    560. 

1)  7iihil  auiem  neque  publicae  neqiie  privatae  rei  nisi  annati  agunt.  Germ. 

c.  13.  —    ut  turba  placuit,   considunt  annati. Sin  placuit,   frameas  concu- 

tiunt.  honoratissimum  assensus  geniis  est  armis  laudare  c.  11. 

2)  Liutpr.  leg.  83.  ed.  Roth.  c.  386;  vgl.  auch  Waitz,  deutsche  verf.  gesch. 
I,  213  (N.  3).  362. 


625.   2050.  —  296).     Wir  finden   dort  ferner  alateiviae   (n.  197)    oder 
besser  mafres  alatervae,  wie  ein  in  Schottland  gefundener  stein  lehrte.  ^ 

Es  mag  daran  erinnert  werden,  dass  al  sowol  adjectiven  als  Sub- 
stantiven in  allen  germanischen  sprachen  verstärkend  vortritt. 

Den  hauptteil  des  wertes  zerlegte  Scherer  (s.  9  oder  579)  in  aisia- 
gae,  indem  er  vorausschickte,  dass  unter  den  möglichen  deutschen  ety- 
mologien  diese  die  verhältnismässig  wahrscheinlichste  sei.  al-aisia-gce 
könne  zur  not^  erklärt  werden  die  algeehrten,  wenn  man  aus  dem 
einmaligen  ahd.  (1.  prs.  ind.)  ereöm  (gl.  Ker.  109,  36)  auf  ein  germa- 
nisches '^aizjä,  die  ehre,  schliessen  dürfe. 

Ich  will  hierzu  anmerken,  dass  aus  den  rheinischen  inschriften 
die  neigung  erhelt,  bei  latinisieraug  germanischer  a-  und  «-stamme 
dieselben  als  ja-  und  j« -  stamme  zu  behandeln:  man  vergleiche  ^a6^a- 
hus,  akitervice. 

Aus  jenem  anzusetzenden  *ahjä  Aväre  also  durch  das  suffix-r/a 
das  adj.  *aixjaga-  abgeleitet,  (ahd.  crcif^^  das  die  bedeutung  mit  ehre 
behaftet,  im  besitz  von  ehre,  haben  kann,  aber  nicht  ehre  verleihend, 
wie  Scherer  s.  11  (581)  auslegte,  mit  rücksicht  auf  zwei  kranzhaltende 
weibliche  gestalten  eines  ganz  andern,  inschriftlosen  steins  (des  stirn- 
stücks  einer  csdicula),  dessen  beziehung  auf  die  akesiagce  doch  höchst 
unwahrscheinlich  ist. 

Wenn   wir   nun   übersetzen    „den  zwei  algeehrten",    so    kann    es 
auffallen,    dass  ein  solches  adjectivisches  attribut  in  der  einen  inschrift 
den  eigennamen  mit  sichtlich  substantivischer  Selbständigkeit  vorantritt, 
und  in  der  andern  gradezu  als  Substantiv,  ohne  die  eigennamen,  dient. 
Indessen   ist    das  in   alter  poetischer  spräche  nicht  unerhört.     In  dem 
Grottasongr,    dem  lied  von  den  zwei  gefangenen  göttinnen  Fenja  und 
Menja,  heisst  es  str.  1,  unsrer  inschrift  ganz  entsprechend: 
nü  ero  komnar  tu  konungs  hüsa 
framvisar  tvcer  Fenja  ok  Menja 
nun  sind  zu  den  königshäusern  gekommen  die  zwei  hervorragend  wei- 
sen, Fenja  und  Menja. 

Und  sti\  13  lesen  wir,  zur  andern  inschrift  stimmend,  ohne  die 
namen : 

en  vit  siäan  ä  Sripiöäu 
framvisar^  tvoir  i  folktnn  stiguni. 

1)  H.  Kern,  germaansche  woorden  in  latijnsche  opscluiften  aan  den  Beneden - 
Eijn  (Amsterd.  1872.)  s.  7. 

2)  Als  notbehelf  nahm  auch  Bruoner  die  Scherersche  deutimg,  zeitschv.  der 
Savignystift.  f.  rechtsgesch.  V,  228. 


TIUS    THINGS 


Freilich  kann  hier  framvisar  tvcer  als  apposition  zu  dem  vorausgehen- 
den Vit,  wir  zwei,  gezogen  Averden. 

Für  den  Übergang  adjectivischer  attribute  selbst  in  eigennamen 
liegen  belege  genug  vor.  Hier  sei  nur  an  Heimdallr  erinnert,  der 
heimfrohe  nach  seiner  eigentlichen  bedeutung,  wenn  Müllenhoff  recht 
hatte  (zs.  f.  d.  a.  XXX,  245). 

Aber  trotzdem  empfindet  man  bedenken  gegen  das  adjectivische 
wesen  von  alaisiagae.  Sichtlich  antwortet  das  wort  dem  DEO,  und 
man  fühlt  die  berechtigung,  ein  gleich  bedeutendes  Substantiv  hier  zu 
verlangen. 

Ich  wage  daher  eine  andere  erklärung,  die  ich  für  nichts  anderes 
als  einen  fraglichen  versuch  ausgebe,  die  mir  aber  einer  berechtigung 
nicht  zu  entbehren  scheint. 

Ich  lese  statt  ALAISIAGIS  oder  ALAESIAGIS 
ALAISAGIIS 
und  übersetze  den  grossen  gesetzsprecherinnen,  indem  ich  zu 
dem  latinisierten  dat.  plur.  einen  german.  nom.  sg.  ^aisagjo  aufstelle, 
das  femininum  zu  *aisagja,  ahd.  esegjo  esecco.  Bekant  und  belegt 
sind  ahd.  esago  (Trierer  glossen;  easagari  esagari  gl.  Mens.  Salzburg.), 
alts.  cosago,  altfiies.  äsega.  Als  ^a^^- stamm  tritt  das  zweite  glied  der 
Zusammensetzung  ahd.  in  ivärsecco  auf,  imd  auch  das  fries.  äsega  führt 
auf  ^'-sagjau  zurück. 

Über  das  gesetzsprecheramt  ist  durch  die  Untersuchungen  von 
Konrad  Maurer  imd  Karl  v.  Richthofen  vornehmlich  licht  verbreitet 
worden. 

Konr.  Maurer  hat  bewiesen ,  dass  es  eine  algemein  nordische  rechts- 
einrichtung  war,  nur  Dcänemark  ausgenommen.^  Die  deutschen  rechts- 
historiker  erkanten  dann,  dass  der  gesetzsprecher  bei  den  verschieden- 
sten deutschen  Völkern  in  sehr  früher  zeit,  wenn  auch  unter  verschie- 
denen namen,  erscheint.  ^ 

Der  csago  (gesetzsprecher  wörtlich)  ist,  um  K.  v.  Richthofens 
erklärung  zu  benutzen,  „kein  Vorsitzender  des  gerichts,  kein  urteiler, 
sondern  ein  gesetzsprecher  —  ein  lebendes  gesetzbuch,  der  überall 
befähigt  und  befugt  ist,    die  urteiler  über  die  rechtssätze  zu  belehren, 

1)  Festgabe  der  Müncliencr  juristenfacultät  zum  doctorjulnliliuu  von  Arndts 
s.  1  —  69  (1875).  SitzuDgsber.  der  bayr.  akad.  d.  wisscuscb.  phil.  bist.  cl.  1887.  II, 
s.  363  fgg. 

2)  H.  Bi-unner,  deutscbe  recMsgescMchte  I,  110  fg.  150—153.  287.  E.Schrö- 
der in  der  zeitsckr.  d.  Savignystiftung  f.  recbtsgescb.  IV,  215  fgg. 


WEINHOLD 


die  beim  aburteilen    des    einzelnen    falles   in    anwendung    zu   kommen 
haben."  ^ 

Bei  den  Alemannen  und  Baiern  finden  wir  ihn  vor  der  einfüh- 
rung  der  fränkischen  gerichtsverfassung,  die  ihn  beseitigte,  neben  dem 
Vorsitzenden  richter  als  bestelten  rechtskundigen.  In  Baiern  schläg-t  er 
{hier  judex  genant)  sogar  den  urteilspruch  vor,  wenn  der  Vorsitzende 
es  fordert. 

Für  die  abfassung  der  volksrechte  waren  nach  der  Überlieferung 
sapientes,  kgiskäores,  jucUces  tätig,  welche  das  recht,  das  sie  kanten, 
mitteilten,  worauf  hin  es  füi-  das  volk  durch  die  oberste  Staatsgewalt 
zusammengestelt  wurde. 

Die  in  den  meisten  handschriften  des  prologs  der  lex  Salica 
genanten  vier  edlen  männer  Wisogast,  Bodogast,  SaKgast  und  Widogast, 
die  vom  volk  aus  einer  grössern  zahl  ausgewählt  wurden,  um  in  drei 
grossen  dingen  {per  tres  mallos)  das  recht  zu  Aveisen,  woraus  das  sal- 
fränkische  gesetzbuch  entstund,  werden  sich  als  ehsagen  deuten  lassen. 
Mcht  minder  die  sapientes  Volemarus  und  Saxmimdus,  von  denen 
Zusätze  zur  lex  Frisionum  überliefert  sind.  Ebenso  Wlemarus,  der 
nachtrage  zur  lex  Anglorum  et  Werinorum  gegeben  hat. 

Auf  die  tätigkeit  der  ehsagen  weist  auch  der  prolog  zur  lex  Rib- 
nariorum,  Alamannorum  et  Bajuvariorum  hin,  wonach  der  Frankenkönig 
Theoderich  viros  sapientes  auswählte,  die  mit  den  alten  rechten  in  sei- 
nem Staate  vertraut  waren.  Nach  der  rechtsbelehrung,  die  sie  gaben, 
liess  er  dann  die  gesetze  schriftlich  abfassen. 

In  dem  altsächsischen  evangeliengedicht  (Heljand)  werden  eosagori 
mehrmals  angeführt,  aber  nur  als  kenner  des  göttlichen  rechts.  Der 
ausdruck  wird  aber  von  den  weltlichen  gesetzsprechern  entlehnt  sein. 
"Wenigstens  lässt  sich  in  jüngeren  ostfälischen  und  holsteinischen  rechts- 
quellen ein  dem  esago  ähnlicher  urteilsfinder  erkennen.  2 

Bei  den  Angelsachsen  entsprechen  die  witan,  sapientes,  welche 
den  Urteilsvorschlag  machen,  auf  grund  dessen  die  gerichtsgemeinde 
das  urteil  fält. -^ 

In  Friesland  war  in  jedem  gau  ein  äsega  auf  bestirnte  jähre  ge- 
wält.  Er  muste  das  in  der  landschaft  giltige  recht  wissen  und  über 
den  einzelnen  fall  die  urteiler  belehren,  samt  angäbe  der  bussen,  Aver- 
gelder  und  strafen.'^ 

1)  K.  V.  Eichthofen,  Untersuchungen  über  friesische  rechtsgeschichte  IT,  458. 
Berlin  1882. 

2)  Brunner,  deutsche  rechtsgesch.  1,  152.         3)  Brunner  ebd.  a.a.O. 
4)  V.  Richthofen,  Untersuchungen  11,  477. 


TIUS   THINGS 


In  Schweden  und  Norwegen  hiess  der  gesetzsprecher  lagmaär 
oder  Iqgmaär  (gesetzmann),  auf  Island  IqgsQguviadr  (rechtsvortrags- 
mann).  Aus  dem  umstand,  dass  die  Iqgsaga  auf  Island  schon  bei  der 
ersten  Ordnung  der  landes Verfassung  (um  930)  durch  TJlfljötr  eingeführt 
ward,  ziehen  wir  den  beweis,  dass  er  in  Norwegen  schon  vor  der  aus- 
wanderung  bestanden  hatte.  Auch  auf  die  Fa3ra3er,  die  Orkneys  und 
nach  Grönland  war  der  iQginaär  oder  IqgsqgiDiiaär  von  Norwegen  aus 
verpflanzt  worden. 

In  Schweden  reichen  die  spuren  des  lagmann  bis  in  die  heid- 
nische zeit. 

Die  lebendige  gründliche  kentnis  des  landrechts  ist  überall  die 
fordermig  an  den  nordgermanischen  gesetzsprecher.  ■  Er  muste  „ein 
lebendiges  gesetzbuch"  sein.  Sein  amt  Avar  belehrung  über  streitige 
fälle  geben,  gutachten  erstatten,  in  Schweden  der  unmittelbare  urteils- 
vortrag.  Auf  Island  war  er  ausserdem  verpflichtet,  zu  gewissen  zeiten 
des  Jahres  auf  dem  ding  vortrage  über  gesetzkunde,  die  Iqgsaga  oder 
tippsaga,  zu  halten. 

In  Norwegen  ist  der  Iqgsqgumactr  seit  dem  12.  Jahrhundert  in 
einen  königlichen  beamten  und  mehr  und  mehr  in  den  richter  über- 
gegangen. In  Deutschland  ward  die  uralte  gestalt  des  esago  durch 
die  raginburgen,  7'edjeve7i  und  die  schöffencollegien  beseitigt. 

In  der  alten  fiiesischen  westerlauwer  sage,  deren  älteste  aufzeich- 
nung  nicht  über  das  14.  Jahrhundert  hinauf  geht,i  wird  erzählt,  dass 
könig  Karl  den  zwölf  fürsprechen,  die  aus  den  sieben  friesischen  see- 
landen erwählt  worden  waren,  das  recht  der  Friesen  zu  küren  befahl. 
Als  sie  nach  sechs  tagen  bekanten,  dass  sie  es  nicht  könten,  Hess  ihnen 
der  könig  frei,  die  art  ihres  todes  zu  wählen  imd  sezte  sie  dann  in 
ein  schiff  ohne  riemen  und  tau  als  spiel  der  wilden  see.  Da  beteten 
sie  zu-  Christus,  er  wolle  der  dreizehnte  unter  ihnen  sein  wie  dereinst 
unter  seinen  Jüngern.  Und  sie  sahen  plötzlich  einen  dreizehnten  am 
Steuer  sitzen,  eine  achse  auf  der  schul ter,  und  er  steuerte  sie  durch 
wogen  und  wind  ans  land.  Da  warf  er  die  achse  auf  die  erde  und 
ein  brunnen  entsprang.  Um  den  sassen  die  zwölf,  und  der  dreizehnte 
lehrte  sie  das  landrecht  aller  Friesen.  Darauf  verschwand  er.  Der  weg, 
den  er  zum  lande  genommen,  ward  Eesiveg  (answeg,  weg  des  gottes) 
geheissen. 

Wie  schon  dieser  Ortsname  beweist,  ist  Christus  in  dieser  späten 
aufzeichnung  an  die  stelle  eines  germanischen  Ans  (fries.  es)  getreten. 

1)  K.  V.  Eichthofcn,  altfriesische  rechtsquellen  s.  439  fg.;  Untersuchungen  ziu- 
friesischen  rechtsgeschichte  11,  459  fgg. 


10  WEINHOLD 

Die  künde  des  volksrechts  wird  auf  die  Unterweisung  eines  gottes 
zurückgeführt,  die  gottheit  ist  der  quell  des  über  dem  volke  wal- 
tenden gesetzes.  Wir  wissen  aus  jenen  nordenglischen  votivsteinen, 
dass  *Tius  jener  gott  war.  Die  gesetzeskundigen  verkünden  seine  lehre 
und  hüten  das  gottgegebene  recht.     Sie  sind  Tius  diener  und  priester. 

Der  Zusammenhang  des  priestertums  mit  dem  gesetzsprecheramt 
ist  von  Jacob  Grrimm,  K.  v.  Richthofen,  Konr.  Maurer,  R.  Schröder 
und  andern  längst  erkant  und  vorgetragen  worden. 

Der  häuptling  im  isländischen  freistaate,  welcher  in  seinem  bezirk 
die  öffentlichen  Verhandlungen  und  das  gericht  leitete  und  iiber  dem 
frieden  wachte,  hatte  zugleich  den  dienst  im  tempel  des  bezirks,  sein 
hof  war  der  tempelhof.  Auf  diesem  goäorä  lag  seine  würde  und  sein 
anit.  Sein  name  goäi  aber  wird  durch  das  got.  giidja  erklärt,  womit 
"Wulfila  leqevQ  übertrug. 

Für  Norwegen  imd  Dänemark  lässt  sich  der  goäl  {gtipi)  nicht  in 
der  Verbindung  eines  ausgedehnten  weltlichen  und  religiösen  amtes 
erweisen,  sondern  nur  als  priester.  Konr.  Maurer ^  nimt  diese  norwe- 
giscli- dänischen  goden  als  untergebene  der  häupthnge  der  einzelnen 
Volksverbände,  denen  der  religiöse  dienst  übertragen  war,  und  die  darin 
auch  von  frauen,  den  gyäjiir,  ersezt  werden  konten.  In  der  islän- 
dischen erweiterung  der  godenwürde  sieht  er  etwas  erst  aus  dortigen 
Verhältnissen  entsprungenes,  obschon  er  die  alte  germanische  verbin- 
dimg  der  obrigkeitlichen,  namentlich  der  richterlichen  mid  der  priester- 
lichen Stellung  anerkent. 

In  Deutschland  ist  das  wort  goto^  gote  {fem.  gota,  gote)  möglicher- 
weise in  der  eingeschränkten  bedeutung  des  tauf-  uud  firmpaten  erhal- 
ten. Der  und  die  göte  (gött^)  weisen  durch  diese  bedeutung  auf  ein 
geistliches  Verhältnis,  als  welche  die  patenschaft  galt;  in  Schweizer 
cantonen  (namentlich  in  Bündten)  heisst  auch  der  priester,  der  das 
kind  getauft  hat,  aber  weiterhin  jeder  priester  herr  götti.  Erhalten  ist 
das  alte  wort  ausser  Oberdeutschland  in  Hessen  als  femininum:  die 
gote,  die  gott,  gött,  die  taufpatin,  sowie  die  götel,  götche,  das  weib- 
liche patenkind.3  Auch  in  Mittel-  und  Mederfranken  (Brabant  usw.) 
komt  weibliches  godd,  goede  für  die  taufpate  vor. 

1)  Zur  urgescMcMe  der  godenwürde,  in  dieser  ztschi'.  IV,  125  —  130. 

2)  Bair.  der  gött,  die  gott  (auch  die  godn,  godl)  Schmeller  bair.  wörterb.  1', 
962,  alem.  der  götti,  die  gotte  Stalder,  scliweizer.  idiot.  1,  466.  Schweizer,  idiot. 
2  (1887),  s.  .527.     Schmid,  schwäbisches  wörterb.  236. 

3)  Yilmar,  idiotikon  von  Kiu'hessen  133.  Kehrein,  Volkssprache  und  volks- 
sittc  im  hcrzogtum  Nassau  1,  169.  Weigand,  ein  "Wetterauer,  hat  in  seinem  deut- 
schen Wörterbuch  1,  714  auch  nur  das  fem.  die  gote. 


TIUS    THINGS  11 

Man  wird  versucht  gote,  göte  mit  dem  nord.  yoäi,  dem  got.  gudja 
(was  auf  '^(jotjo  führt  und  das  umlautende  göte  erklärte)  in  Verbindung 
zu  setzen.  Der  eigenname  Godjo  komt  in  dem  Weissenburger  schen- 
kungsbuch  (Tradit.  Wizenburg.  213)  vor  imd  hat  sich  in  Gröthe  erhalten. 
Anderseits  drängt  sich  freilich  auch  die  Vermutung  auf,  ahd.  goto,  gota 
seien  als  kosende  alte  kürzungen  von  gotvater,  gotmuoter  zu  nehmen, 
die  im  altdeutschen  zwar  nicht  nachweisbar  sind,  aber  durch  älter  nl. 
godmocder,  englisches  godfathei',  godmother,  godson,  goddaughter,  god- 
child  =  pate,  patonkind,  nahe  gelegt  werden.  —  Für  ein  selbständiges 
ahd.  goto  gofjo  (=  gudja,  godi)  würde  aber  ins  gewicht  fallen,  dass 
ahd.  cotinc  als  tribuniis  glossiert  (Graff  IV,  153)  vorkomt,  also  ein 
einfaches  coto  annehmen  lässt,  dem  wir  die  bedeutung  priester  und 
lichter  oder  rechtsmann  geben  dürfen.  Auch  goding ,  cotinc  komt  früh 
als  Personenname  vor  (Pol.  Irmin.  34.  Trad.  Wizinburg.)  und  dauert 
noch  fort  in  den  familiennamen  Götting,  Kotting. 

Für  die  bedeutung  priester  dient  in  den  vorhandenen  althoch- 
deutschen Sprachdenkmälern  das  wort  ewart  oder  eivario  (Graff  I,  955), 
der  gesetzhüter;  für  die  zweite  richter,  gesetz.sprecher.  dagegen  esago 
{Icgülator,  jurklicus,  curicäis  glossiert  Graff  VI,  107)  oder  esagari, 
easagari  {Icgislator,  ebd.  108). 

Die  verse  im  altsächsischen  Heljand  4466  fgg. 
wurdun  eosagou  edle  humane 
an  kwarf  werös,  the  sie  thö  wisostun 
undar  theru  menegt  maymo  taldun, 
craftag  kunihurd 
die  sich   auf  eine  priesterliche  Zusammenkunft  beziehen,   könten  ohne 
weiteres   in    einem    weltlichen   gedieht   von    einem    rate    der  weisesten 
gesetzsprecher  im  ding  gesagt  sein. 

Die  bittere  rede  zu  Christus  (Helj.  3801) 

hwat,  thit  bist  eosago  cdlun  thiodun, 
wtsis  wäres  so  ßlu 
mochte  auch  ein  heidnischer  Sachse  gegen  den  gerühmten  rechtskun- 
digen gebraucht  haben. 

Alles  angeführte  weist  darauf  hin,  dass  bei  den  Nord-  und  Süd- 
germanen der  esago  (man  gestatte  die  althochdeutsclie  wortform  an  die- 
ser stelle!)  eine  verbreitete  und  sehr  alte,  für  die  rechtskunde  und 
rechtspflege  sehr  wichtige  gestalt  ist,  deren  Zusammenhang  mit  den 
ältesten  Verhältnissen  schon  daraus  erhelt,  dass  die  neuordnung  des 
fränkisch -karolingischen  Staates  sie  beseitigte   und  dass  auch  die  Staats- 


12  WEINHOLD 

Umwälzung  in  Norwegen  durch  das  einheitskönigtum  sie  verdrängte 
oder  wenigstens  stark  veränderte. 

Nach  dieser  ausführung  über  die  bedeutung  der  germanischen 
gesetzsprecher  kehren  wir  zu  den  friesischen  votivsteinen  zurück. 

Ich  deutete  die  beiden  aJcesiagce  oder,  Avie  ich  änderte,  alcesacjics 
als  gesetzsprecherinnen,  *aisagjÖns,  die  des  grossen  gerichtsgottes  Tius 
Thiggs  gehUiinnen  sind,  gleich  wie  der  *aisagja  [esagjo  oder  esago) 
neben  dem  richter  stund,  um  den  urteilenden  männern  der  gerichts- 
gemeinde  das  giltige  recht  zu  lehren.  Durch  die  namen  Beda  und 
Fimmila  erfahren  Avir  zugleich  ihre  tätigkeit  in  besondern  gerichtsver- 
samlungen. 

Unzweifelhaft  richtig  hat  W.  Scherer  in  einem  nachtrag  vom 
29.  mai  1884,  über  den  Brunner  berichtet  hat,^  jene  namen  auf  das 
hodthing  und  das  fimmelthijig  bezogen,  die  aus  dem  friesischen  rechts- 
wesen  grade  bekant  sind. 

Das  bodthing,  das  von  dem  gebotenen  ding  zu  unterscheiden  ist, 
welches  nur  ein  hundertschafts-  oder  untergericht  war,^  ist  die  auf 
besonderes  gebot,  seit  karolingischer  zeit  kraft  landesherlicher  macht- 
volkommenheit,  zusammenberufene  algemeine  landesversamlung,  daher 
auch  placHum  generale  genant,  die  sich  noch  in  späterer  zeit  aus  dem 
gebiete  des  sächsischen  (ostfälischen)  und  friesischen  rechts  nachwei- 
sen lässt.  ^ 

Das  fiinmcUking  erklärten  J.  Grimm  und  K.  v.  Eichthofen  (Eechts- 
alterth.  838.  Altfries,  wörterb.  s.  740)  als  das  gericht,  Avelches  die  im 
bodthing  nicht  zu  ende  gebrachten  Sachen  verhandelte;  es  wäre  also 
dasselbe  wie  das  after-  oder  nachding  andrer  rechtsquellen.* 

Bede  ist  lat.  dativ  zu  Beda,  d.  i.  fries.  Beda  =  ahd.  Biota  (fränk. 
Bioda,  Förstemann  Altd.  namenbuch  I,  265)  die  gebietende,  zum  ding 
fordernde. 

Mehr  Schwierigkeit  macht  der  dativ  Fimmilene  und  der  name 
selbst. 

Fimmilene  führt  nicht  auf  einen  nominativ  Fimmilena,  sondern 
auf  Fimmila.  W.  Wackernagel  hat  bereits  in  seiner  abhandlung  über 
spräche  und  Sprachdenkmäler  der  Burgunden  (s.  43)  ausgeführt,  dass, 
wo  deutsche  namen,  schwache  masculina  sowol  als  feminina,  im  ersten 

1)  Zeitschr.  für  reclitsgesch.  V,  226  fgg. 

2)  Grimm,  RA  827.     R.  Schröder,  zeitschr.  f.  rechtsgesch.  V,  55. 

3)  V.  Eichthofen,  altfries.  Wörterbuch  5(37.  Kuhns  geschichte  der  gerichts- 
verfassung  der  mark  Brandenburg  II,  94  fgg.     R.  Schröder  a.  a.  o.  V,  45. 

4)  Grimm,  RA  837. 


TIU    THINGS  13 

halbjahrtausend  des  mittelalters  lateinisch  decliniert  werden,  die  casus 
obliqui  nicht  selten  durch  Verbindung  eines  ableitenden  an  (andre  voca- 
lisierung  ist  minder  gebräuchlich)  mit  den  endungen  der  ersten,  der 
zweiten,  der  dritten  lateinischen  declination  hergestelt  werden.  Es 
heisst  also  von  Theoda  der  genit.  Theodmiae,  von  Gemola  der  gen. 
Gemolane,  von  Mamia  Mamiani  oder  Mannanis,  ablativ  Mannano, 
von  Offa  der  dat.  Off'ano,  von  Trayuila  der  acc.  Tragidlanem.  Wacker- 
nagel entnahm  die  beispiele  gotischen,  fränkischen  und  burgundischen 
Urkunden.  An  fränkischen  eigennamen  hatte  dann  d'Arbois  de  Jubain- 
ville  in  seinem  Etüde  sur  la  declinaison  des  Twms  propres  dans  la 
langue  franque  ä  l'epoque  merovirigienne  (Paris  1870  s.  44  fgg.)  die- 
selbe Wahrnehmung  gemacht.  Es  ergibt  sich  daraus,  dass  die  schwa- 
chen feminina  (nom.-a)  die  obliquen  casus  regelmässig  in  -ane  bilden, 
z.  b.  gen.  Teadilane,  dat.  Bertanc,  acc.  Fedane,  Raganane  (s.  41). 
Fr.  Bluhme  im  zweiten  heft  seiner  gens  Langohardorum  (Bonn  1874 
s.  29)  wies  an  langobardischen  latinisierten  eigennamen  ganz  entspre- 
chende flexionen  nach. 

Wenn  wir  auf  unserm  votivstein  mchi  Fimmilane ,  sondern  i'V/w- 
milene  lesen,  so  ist  dies  eine  Schwächung  des  a,  die  sich  in  dem  dativ 
Hludenae  auf  dem  Leidener  stein  neben  dem  Hludanae  auf  dem  Bon- 
ner ^  ganz  ähnlich  findet. 

Scherer  (s.  9  fg.  seiner  abhandlung)  knüpfte  die  stamsilbe  des 
namens  Fimniila  (er  sezte  die  got.  form  *Finmvil6  an)  an  das  altnord. 
adjectiv  fimr,  geschickt,  gewant,  wobei  er  mm  als  unorganische  Ver- 
doppelung von  m  nahm.  „Dem  befehl  stünde  dergestalt  die  geschickte 
ausführung  gegenüber,  und  die  beiden  algeehrten  oder  ehre  besitzen- 
den und  daher  ehre  verleihenden  wären  zwar  nicht  walküren,  aber 
göttinnen  oder  genien  der  disciplin,  welche  den  Tius  Things  sehr  pas- 
send begleiten  würden:  ehre  wird  durch  den  zweckmässigen  befehl 
und  dessen  geschickte  ausführung  erworben." 

Ich  halte  die  Scherersche  erklärung  nicht  für  richtig,  sondern 
Fimmila  für  eine  doppelt  hypokoristische  wort-  oder  namenfonn,  ganz 
gebildet  wie  die  friesischen  namen  Temmel,  Gummel,  wie  die  kose- 
namen  Kemnmlo^  Cuffolo,  Oppila,  Hibbele  und  andre.  Es  ist  die 
durch  -l  widerholte  Verkleinerung  eines  namens,  der  in  der  art  zusam- 
mengezogen ward,  dass  der  anlautende  consonant  des  zweiten  gliedes 
nach  ausstossung  des  auslauts  im  ersten  gliede  verdoppelt  wurde.-     Es 

1)  Brambach,  corp.  inscript.  rheuan.  nr.  188.  150. 

2)  Fi-anz  Stai'ck,  die  kosenameu  der  Goniianeu  (Wien  18G8)  s.  142  fg. 


14  WEINHOLD 

liegt  also  dem  Fhumila  der  name  Fimme  zunächst  zu  gruude.  Das 
masc.  Fimme  ist  wie  das  gleiche  Femmc  (fries.  e  für  i)  zu  belegen.^ 
Diese  kürzuug  geht  durch  ein  zu  erschliessendes  '^Fedclma  =  "^Ferdma 
d.  i.  ^Fredina  auf  einen  namen,  der  im  ersten  gliede  Fredu  oder  Fridu 
{frethu,  frithu)^  im  zweiten  mod  oder  mund  hatte.  Dieselbe  herleitung 
gilt  für  den  weiblichen  namen  Fimme.  Unser  Fimmiki  ist  also  dop- 
pelt hyperkoristische  form  von  Fritlinmud,  die  friedebegehrende,  oder 
von  Frithumund,  die  friedeschützerin.  Der  lezte  name  ist  für  eine 
rechtsgöttin,  welche  durch  ihre  belehrung  Streitsachen  ziun  endlichen 
austrag  bringt,  wol  geeignet. 

Das  fimmelthing  der  Fi-iesen  hat  den  namen  dieses  göttlichen 
Wesens  in  späte  zeit  getragen.  Fimmiki  war  die  patronin  des  nach- 
things,  wie  Beda  die  des  bodthings.  Beide  sind  überraschend  alte  Zeu- 
ginnen für  die  entwickelung  der  vergöttüchten  personification  in  der 
deutschen  mythologie,  im  besondern  der  personiücation  juristischer  ein- 
richtungen.  Wir  kanten  früher  nur  in  dieser  art  die  Sfjn  aus  der 
nordgermanischen  mythologie,  die  götthche  patronin  der  rechtfertigung, 
was  sie  ursprünglich  war."-  Allenfals  kann  man  aus  jenem  kreise  der 
Asynnen  absti'akter  eigenschaft  noch  die  Vdr  herziehen,  eine  göttin 
der  treue,  des  Vertrages.^ 

Für  die  neigung  grade  der  Friesen,  das  rechtswesen  in  seinen 
einzelnen  ausbildungen  und  darin  aufti'etenden  personen  in  die  religiöse 
höhere  schiebt  zu  versetzen,  gibt  der  gott  Forsite  zeugnis,  der  auf  der 
friesischen  insel  Helgoland  noch  im  8.  9.  Jahrhundert  nach  den  lebens- 
geschichten  der  heiligen  Willebrord  und  Liudger*  verehrt  und  von  dort 
aus  den  Skandinaviern  bekant  ward  (Grimnism.  15.  Gylfaginn.  c.  32). 
Dass  er  kein  alter  nordgermanischer  gott  war,  beweist  schon  sein  unnor- 
discher name,^  der  uns  aber  die  richtige  form  forsete  oder  forsite  des 
in  den  handschriften  der  vita  Willebrordi  und  Liudgeri  von  den  schrei- 

1)  Cadovius- Müller,  memoriale  liuguae  frisicae  heraiisgeg.  von  Külvelhan 
(Leer  1875)  s.  79.     Starck  a.  a.  o.  s.  172. 

2)  Nach  der  Wortbedeutung  (vgl.  got.  suujuii  sik  unoXoytlo&ia,  gasunjuii 
Sr/.cuoöv)  zu  schliessen,  die  GraffVI,  241  sicher  richtig  auch  für  die  sunnis  der  lex 
sal.  zu  gninde  legte.  "Was  in  der  Gylfagiuning  über  Syn  gesagt  mrd,  ist  abgeleitet 
aus  der  bedeutung  des  zw.  synja,  verneinen,  läugneu. 

3)  Über  Vär  als  richtige  nameusforni  Müllenhoif  in  der  zs.  f.  d.  a.  XVI,  149  fgg. 

4)  Alcuini  vita  S.  Willebrordi  (Jaife  Bibüoth.  rer.  germ.  VI,  47),  Altfridi  vita 
Liudgeri  I,  19  (Mon.  Genn.  H,  410). 

5)  forseti  komt  im  älteren  skandinav.  gar  nicht  vor.  Nichts  weniger  als 
glücklich  war  J.  Grimms  einfall,  den  namen  von  fors  (Wasserfall)  abzuleiten  (Mythol. 
1210.     GDS  7.57). 


TIUS   THINGS  15 

born  entstelten^  friesischen  namen  (fosete  vit.  Liidgeri,  fosite  vita  Wil- 
libr.)  verbürgt.  Wenn  K.  v.  Eichthofen  Forsita  für  eine  „bezeichnimg 
des  höchsten  gottes  der  Fliesen,  für  den  vorsitzer  der  götter,  für  den 
gott,  der  den  zwölf  friesischen  asegen  gelehrt  hat,  was  friesisches  recht 
sei"  erklärte,-  so  würde,  fals  es  richtig  wäre,  Forsite  und  Tiiis  Things 
zusammenfallen.  Aber  dagegen  ist  einzuwenden,  dass  der  grosse  thing- 
gott  nicht  als  richter  unmittelbar  gedacht  worden  sein  kann,  sondern 
als  die  gewaltige  gottheit,  unter  deren  schütz  und  frieden  das  volk 
tagt.  Yon  einem  göttercollegium,  dem  ein  höchster  gott  vorsass,  wird 
unsre  älteste  religion  auch  schwerlich  gewusst  haben.  Forsita  war  eine 
von  Tius  ebenso  wie  die  Alaesagjen  abgeleitete  göttliche  gestalt,  die 
Vergöttlichung  des  Vorsitzenden  der  gerichtsgemeinde,  wie  Beda  und 
Fimmila  Vergöttlichung  der  gesetzeskimdigen  für  die  in  gewissen  din- 
gen und  gerichten  zu  entscheidenden  Sachen  sind.  Forsitesland  (das 
spätere  Heligland,  Helgoland)  war  ein  eiland,  auf  dem  der  höchste 
frieden  herschte,  den  selbst  die  Seeräuber  nicht  zu  verletzen  wagten. 
Es  erscheint  wie  das  geheiligte  vorbild  der  dingstätte,  von  der  see 
umschlossen  und  eingehegt,  wie  jene  von  den  heiligen  fäden  (vebqtid)^ 
und  unter  den  bann  der  unverletzlichkeit  und  des  Schweigens  gegeben, 
gleich  der  mahlstatt. 

Darauf,  dass  Forseti  in  der  Gylfaginuing  ein  söhn  Baldrs  und 
derNanna  lieisst,  ist  kaum  etwas  zu  geben.  Yeranlasst  kann  es  dadurch 
sein,  dass  Forseti  alle  Streitsachen  beilegt,'^  und  dass  Baldr  nach  sei- 
ner ethischen  entwicklung  hin  der  tapfre  bürge  des  fiiedens  war.  Da- 
rum verband  die  mythologische  Wissenschaft  Islands,  schwerlich  der 
lebendige  Volksglaube,  diese  beiden. 

Wider  meine  deutung  des  inschriftlichen  ALAISIAGIS  wird  wahr- 
scheinüch  sachlich  eingewant  werden,  dass  das  weibliche  geschlecht  für 
diese  vergöttlichten  gesetzsprecher  bedenken  machen  muss.  Ich  würde 
den  einwand  gelten  lassen,  wäre  der  gesetzsprecher  dasselbe  wie  der 
richter.  Da  dies  aber  nicht  der  fall  ist  und  da  wir  wissen,  welche 
heilige  und  prophetische  gaben  die  Germanen  den  frauen  zutrauten 
und  wie  sie  ihre  ratschlage  und  antworten  suchten  und  befolgten,  ja 
dass  sie  manchen,  wie  der  Veleda,  der  Albruna  und  andern,  wegen 
ihrer   hohen   Weisheit    eine    fast    göttliche    Verehrung    erwiesen    haben 

1)  K.  V.  EicMhofen ,  iintersucliungeu  zur  fries.  reclitsgesch.  II,  345  hat  hierin 
gewiss  recht. 

2)  A.  a.  0.  435. 

3)  allir  er  til  hans  konia  med  sakar  randrccäi,  ßd  fara  allir  suttir  d  brutt. 
Dazu  iu  Grimnesm.  15:  Forscte  svcefcr  allar  sakar. 


16  WITKOWSKI 

(German.  c.  8)/  so  scheint  es  durchaus  glaublich,  dass  sie  sich  auch 
die  rechtskunde  bei  göttlicher  personification  weiblichen  geschlechtes 
dachten.  Darum  meine  ich  nicht  fehl  gegangen  zu  sein,  wenn  ich  die 
friesische  Beda  und  Fimmila  als  göttliche  Vorbilder  der  esagen  auf- 
stehe. Ihrer  einwirkung  auf  die  gesetzsprecher  durch  einweihung  in 
das  geltende  landesrecht  verdankten  die  Deutschen  aus  der  Twianti, 
welche  zum  cuneus  der  Friesen  gehörten  und  nach  friesischem  rechte 
lebten,  die  günstige  entscheid ung  ihrer  Streitsachen,  die  erst  in  emem 
bodthing,  dann  in  einem  fimmelthing  verhandelt  worden  waren.  Die- 
sen beiden  göttlichen  frauen  und  dem  grossen  kriegs-  und  himmels- 
gott,  dessen  macht  überall  gebot,  wo  das  volk  zum  tagen  und  richten 
sich  versammelte,  sezten  sie  jene  beiden  steine,  die  als  wichtige  zeu- 
gen für  die  religiösen  und  rechtlichen  Verhältnisse  des  dritten  Jahrhun- 
derts unsrer  Zeitrechnung  auf  uns  gekommen  sind. 

1)  Vgl.  dazu  mein  buch:  die  deutschen  frauen  im  mittelalter  I -,  03  fgg. 

BRESLAU,    MÄRZ    1888.  K.    TVTSINHOLD. 


BEIEFE  VON  OPITZ  UND  MOSCHEEOSCH. 

Die  hier  mitgeteilte7i  hriefe  befinden  sich  auf  der  stadtbihliothek 
zu  Breslau  und  wurden  mir  durch  die  bereitu-illige  gute  des  herrn 
jyrof.  Markgraf  und  der  herren  ktistoden  Frenxel  und  Suckoiv  zu- 
gänglich gemacht.  Die  bände,  in  ivelchen  die  Originalbriefe  in  Opitzens 
und  Moscheroschs  handschrift  enthalten  sind,  führen  die  bexeichnung 
Hs.  B.  402,  Hs.  B.  2306  und  Hs.  B.  251.  Die  beiden  erstgenanten 
ivaren  bereits  früher  bekant  u?id  sind  vmi  Pahn^  und  Oesterley-  bemixt 
ivorden.     Hs.  B.  402^  enthält  die  grosse  von  Matthias  Machner ^  tind 

1)  Beiträge  zur  geschickte  der  cleiitschen  litteratur  des  XVI.  tmd  XVII.  Jahr- 
hunderts.    Breslau  1877. 

2)  Bibliographie  der  einxeldruclce  von  Martin  Opitz'  gedickten  und  sonstigen 
Schriften  (Centralblatt  für  hihliotkekswesen ,  Leipzig  1885,  s.  383  —  416). 

3)  Rehtor  Klose  verfertigte  eine  sehr  sorgfältige  abschrift  dieser  kandsckrift, 
die  sich  ehenfals  auf  der  Breslauer  stadthibliothek  befindet  (bex.  Kl.  175). 

4)  Da  vier  der  unten  folgenden  hriefe  an  Mackner  gerichtet  sind,  mögen 
einige  biographische  angaben  über  ihn  hier  platx  finden.  Geboren  xu  Poschuitx 
im  fürstentum  Jauer,    bezog  er,    nachdem   er  den  ersten  unterrickt  in  der  keimat 


BRrEFE    VON    OPITZ    tTND    MOSCHEROSCH  17 

Nikolaus  Henel  angelegte  hriefsamlung ,  Hs.  R  2306  die  von  Exechiel 
ziisammengestelten  Opitiana,  so  weit  dieselben  noch  vo7'handen  simlJ 
OänxUch  unbeachtet  war  bisher  die  dritte  hmidschrift,  R  251^,  welche 
den  ausserordentlich  umfangreichen  briefwechsel  Christoph  Colers^  mit 
einer  grossen  anzahl  hervorragender  Zeitgenossen  umfasst.  Unter 
nr.  24 — 60  sind  hier  37  briefe  Martin  Opitzens  aufbewahrt^,  von 
denen  35  an  Coler  und  zwei  an  Kaspar  Sinner  in  Lauban  gerichtet 
sind.     Die  meh7'zahl  derselben  ist  aus  der  zeit  von  1626  — 1631. 

Opitz  stand,  damals  in  den  diensten  des  burggrafen  Karl  Han- 
nibal  von  Dohna,  der  ihn  zwar  zu  zahlreichen  gesantschaftsreisen 
lind  sonstigen  geschäften  verwendete,  daneben  aber  dem  dichter,  wel- 
cher in  je?ier  zeit  sorgenloser  als  je  zuvor  lebte,  musse  zu  mannig- 
fachen poetischen  arbeiten  Hess. 

Freilich  ward  diese  ruhe  inmitte^i  eines  durch  die  härteste  reli- 
giöse vergeivaltigung  auf  tiefste  erregten  landes  von  Opitz  schwer 
genug  erkauft;  denn  bis  zum  heutigen  tage  lastet  der  vorivurf  auf 
ihm,  dass  er  die  bedrückung  seiner  glaubensgenosseji ,  tvenn  auch  nicht 
befördert,  so  doch  an  der  seile  ihres  peinigers  tatenlos  mit  angesehen 
hat.     Um  seine  Stellung   im  hause  des  verhassten  „seligmaehers"  zu 

genossen,  1618  die  Universität  Wittenberg ,  studierte  dann  in  Strassburg ,  wo  er 
mit  Venator  und  Moseherosch  innige  freitndschaft  schloss,  und  kehrte  nach  län- 
gerem, auf  enthalt  in  Tübingen,  Jena  und  Leipzig  in  die  heimat  zurück.  Den  ver- 
kehr mit  den  xahlreichen  hervorragenden  männern,  welche  er  auf  seinen  reisen 
kennen  gelernt  hatte,  pflegte  er  eifrig  durch  lehJiaften  brieficechsel.  Von  1624  — 
1630  ivar  er  sekretär  bei  der  regieriing  der  herxogtümer  Sehweidnitz  und  Jauer, 
wurde  dann  Syndikus  des  rates  xu  Bunxlau  tiiul  schliesslich  notar  der  stadt  Bres- 
lau, in  ivelchon  amte  er  am  14.  juli  1662  verschied.  Genaueres  über  Machner 
siehe  in  Epistolicum  Machneromnema  i.  e.  M.  Maclineri  Vitae  Epitome  conscripta  ä 
Johanne  Gebhardo.     Vratislaviae  (1662). 

1)  Der  graste  teil  gieng  am  10.  april  1733  beim  brande  des  pfarhofes  xu 
Peterwitx  xu  grimde  (Beiträge  zur  kritischen  historie  der  deutschen  spräche  VII. 
band.     Leipzig  1741  s.55). 

2)  Auch  diese  samlung  ist  von  Klose  vortreflich  kopiert  worden  (bez.  Kl.  1 72). 

3)  Er  war  am  1.  december  1602  xu  Bunxlau  geboren,  studierte  bis  1629  in 
Breslau  und  Strassburg,  lebte  1630^33  in  Bricg,  kam  1634  als  profes.^or  der 
eloquenz  an  das  gymnasiuni  Elisabethanum  in  Breslau,  wurde  1639  bibliothekar 
an  der  bibliothek  xu  Maria  Magdalena  und  starb  1658  als  prorektor  des  Elisa- 
bethanum. 

4)  Nr.  IV — XXXVI  und  XXXVII — XL  unserer  samlung.  Von  diesen 
briefen  sind  nr.  IV,  V,  VII — IX  und  XXVI  bereits  in  Colers  Laudatio  Martini 
Opitii  ed.  Melchior  Weise,  Lipsiae  1665  abgedruckt;  aber  ganz  unvolständig  und 
ungenau,  tveshalb  sie,  xumal  die  bezeichnete  schrift  ausserordentlich  selten  ist, 
hier  nach  der  handschrift  mitgeteilt  iverden. 

ZEITSCHRIFT    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.       BD.    XXI.  2 


lg  WITKOWSKI 

behaupten  und  für  sich  lohn  und  ehren  emxuheimsen,  gewann  er  es 
sogar  über  sich,  eine  berüchtigte  Jesuitenschrift,  das  Manuale  des  Mar- 
tin Becanus,  ins  deutsche  'xu  übertragen,  eine  tatsache,  die  zum  min- 
desten von  einer  xu  weit  gehenden  gleichgiltigkeit  in  religiösen  dingen 
zeugt.  Eme  innere  hinneigung  xum  kaflmlicismus  zeigt  Opitz  jedoch 
auch  in  dieser  zeit  nicht,  vielmehr  spricht  er  es  tviderholt  aus,  dass 
er  fest  zum  evangelische7i  glauben  halten  wolle.^  AUerdings  Jwnte  sich 
diese  standhaftigkeit ,  ivolte  er  seine  Stellung  bei  Dohna  nicht  aufgeben, 
nicht  durch  taten,  sondern  nur  symbolisch  äussern. 

Als  ein  solches  symbolisches  glaubensbekeiitnis  haben  wir  ivol  die 
Übersetzung  des  Jiolländischen  gedicktes  „Bewijs  van  de  wäre  Gods 
Dienst"  von  Hugo  Orotius  xu  betrachten^,  wenn  auch  Opitz  bei  die- 
ser arbeit  daneben  den  zweck  verfolgte,  seine  freimdschaft  mit  Grotius, 
die  er  in  Paris  gekniqjft  hatte,  noch  mehr  zu  befestigen. 

In  den  texten  monaten  des  Jahres  1630,  nach  der  rückkehr  aus 
Frankreich,  beschäftigte  sich  Opitz  mit  der  Übersetzung,  am  ll.fehjmar 
1631  übersante  er  das  erste  buch  an  den  buchdrucker  Augustin  Crvün- 
der  in  Brieg,  ivelcher  für  David  Müller,  den  Verleger  des  dichters, 
schon  zuvor  zahlreiche  werke  gedruckt  hatte. 

In  Brieg  lebte  damals  im  hause  eines  geivissen  Joachim  Stein, 
dessen  kinder  er  unterrichtete,  Christoph  Coler,  gleich  Opitz  aus  Bunx- 
lau  gebürtig.  Coler  war,  nachdem  er  seine  Studien  in  Strassburg  vol- 
lendet hatte,  in  die  heimat  zurückgekehrt,  konte  aber  hier  keine  anstel- 
limg  finden  und  befayid  sich  in  sehr  bedrängter  läge.  Da  vermittelte 
ihm  Opitz  eine  Stellung,  die  ihn  ivenigstens  auf  einige  zeit  vor  not 
schützen  konte:  der  Verleger  David  Müller  übertrug  Coler  die  anfer- 
tigung  einiger  Übersetzungen  und  die  koi'rektur  des  Opitzischen  buches 
„von  der  ivahrheit  der  christlichen  religion."  Es  entspann  sich  in 
folge  dessen  ein  lebluifter  briefivechsel ,  der  vom  februar  bis  in  den 
herbst  1631  währte.  Derselbe  ist  fast  volständig  erlmlten,  da  die 
briefe  Opitzens  sich  in  der  Breslauer  handschrift  R.  251,  die  Colers 
in  dem,  buche  Jaskis  „Magnorum  Quondam  Eruditissimorumque  Yiro- 
riini  Epistolae  ad  Martinum  Opitium,  Dantisci  1670"  vorfinden. 

Am  1.  märz  (Jaski  nr.  XXIV)  meldet  Coler,  der  druck  schreite 
langsam  vorivärts,  da  Müller  kein  papier  an  Gründer  sende.  Das 
werk  wimle  kaum  lange  vor  der  Leipxiger  messe  fertig  iverden.    Opitz 

1)  Palm  a.  a.  o.  s.  206.     Siehe  auch  unten  hrief  nr.  VIII. 

2)  Hugo  Grotius  Von  der  Warheit  der  Christlichen  Religion.  Aufs  Hollän- 
discher Sprache  hochdeutsch  gegeben.  Durch  Martin  Opitz en.  In  Verlegung  Dauid 
Müllers  1631.     4o- 


BRIEFE    VON    OPITZ    UND    MOSCHEROSCII  19 

i^t  darüber  sehr  ungehalten  (4.  märz,  Br.^  7ir.  XX)  und  verlangt,  duss 
seine  arbeit  oiach  Breslau  xurückgesant  werde,  ivenn  sie  nicht  schnell 
gedrucJd  iverden  könne.  Coler  antivortet  beruhigend  (5.  niärx,  Jaski 
nr.XXVI),  dass  schon  der  dritte  bogen  des  Grotius  vollendet  sei.  Er 
spricht  ungleich  seine  absieht  ans,  deyi  inhalt  der  dicht img ,  den  Gro- 
tius seihst  in  lateinischer  spräche  gegeben  hatte",  ins  deutsche  zu  über- 
tragen. Dieser  pilan  Colers  ist,  wie  aus  den  späteren  briefen  hervor- 
geht, auf  eine  anregung  Opitzens  zurückzuführen.  Opitz  übersendet 
dem  freunde  das  buch  und  am  21.  tnärz  (Jaski  nr.  XXVIII)  begint 
derselbe  die  Übersetzung. 

Was  veranlasste  Opitz  dazu,  den  lateinischen  text  des  Grotius, 
der  dem  sinne  nach  völlig  mit  dem  holländischen  übereinstimte ,  eben- 
fals  ins  deutsche  übertragen  zu  lassen?  Er  muste  sich  sagen,  dass 
diese  zweite  arbeit  dem  absatz  der  seinigen  nur  scJmden  konte;  aber 
trotzdem  trieb  er  mit '  dem  grösten  eifer  Coler  an  und  ruhte  nicht, 
bis  das  iverk  volle7idet  war;  denn  die  Übersetzung  geschah  auf 
ausdrücklichen  befehl  des  burggrafen  von  Dohna,  seines  be- 
schützers. 

Diese  tatsache  ergibt  sich  ?nit  unxweifelhafter  Sicherheit  aus  den 
vorliegenden  briefen.  Immer  von  7ieuem  inahnt,  fleht,  beschwört  Opitz 
den  freund,  mit  aufbietung  aller  kraft  das  iverk  zu  fördern,  da  er 
sonst  fürchten  müsse,  die  gunst  seines  herrn  gänzlich  zu  verlieren. 
Schon  am  14.  april  (Jaski  nr.  XXXI)  kann  Coler  melden,  dass  die 
Übersetzung  bald  vollendet  sein  iverde,  anfang  mai  erhält  Opitz  die 
abschrift  des  ersten  buches,  am  12.  mai  (Br.  nr.  XXVII)  erbietet  er 
sich,  selbst  das  lezte  buch  zu  übertrage^i ;  denn  sein  „Mäcen"  itabe 
7mt  stre7ige7i  icorten  das  tverk  vo7i  ihm  gefordert  und  ihn  der  lässig - 
keit  beschuldigt.  Am  14.  mai  (Jaski  7ir.  XXXV)  a7ittvortet  Coler, 
er  würde  sich  ein  geivissen  daraus  7nache7i,  durch  seine  la7igsafnkeit 
Opitz  oder  Dohna  zu  erzürnen,  und  verspricht ,  in  kürzester  zeit  die 
übrigen  bücher  zu  senden.  Aber  schon  cmi  folgeiiden  tage  (Br. 
7ir.  XXVIII)  drängt  Opitz  ivider,  dass  es  ihm  ermöglicht  tverde, 
Dohna  bis  zu7n  eyide  der  tvoche  ivenigstens  ein  gedrucktes  blatt  zeigeii 
zu  kön7ien.  Coler  versichert  darauf  (15.  mai,  Jaski  717:  XXXVI),  kei- 
nen atilass  zu  weiterer  Verzögerung  zu  geben,  damit  nicht  Ojiitz  etwas 
von  der  liebe  seines  herrn  U7id  er  selbst  die  iiofnung  auf  die  in  aus- 
sieht gestelte  belo}i7i7i7ig  Doh^ias  ei7ibüsse. 

1)  „Br."  bezeichnet  die  unten  ahgedruekten  hriefe. 

2)  De  veritate  religionis  Christianae.  Die  älteste  cmsgabe,  welche  die  hiblio- 
graphien  verzeichnen,  ist  vom  jähre  1633. 

2* 


20  WITKOWSKI 

Gründer  ühernimt  den  druck  und  fördert  denselben  so,  dass  am 
20.  mal  (Jaski  nr.  XXXVII)  bereits  das  erste  buch  gesext  und  cor- 
rigiert  ist.  Colers  bitte,  die  Übersetzung  Dohna  ividmen  zu  dürfen, 
lüird  von  diesem,  abgelehnt,  um  bei  den  kathoUketi  keinen  anstoss  zu 
erregen  (Br.nr.XXX).  Eine  ivociie  später  (27.7nai,  Br.  nr.XXXI) 
äussert  Dohna  seine  ungeduM  in  zornigen  Worten  gegen  den  dichter, 
so  dass  dieser  den  freund  anfleht,  Gründer  zai  drängen;  denn  sonst 
ivürde  die  mühe  der  Übersetzung  für  Coler  vergeblich,  die  gunst  des 
beschützers  für  Opitz  gefährdet  sein. 

Der  nächste  brief  Colers,  der  uns  vorliegt,  ist  vom,  6.  august 
(Jaski  nr.  XXXIII).  Er  enthält  die  nachricht,  dass  der  Gi-otius 
noch  immer  nicht  fertig  gedruckt  ist.  In  .seiner  antwort  (15.  aug., 
Br.  nr.  XXXII)  sagt  Opitz,  das  interesse  seines  herrn  an  dem  buche 
sei  jezt  erloschen;  imtnerhin  ivürde  es  ihm  aber  genehm  sein,  ivenn 
es  nun  bald  erschiene.  Endlich  am  28.  august  (Br.  nr.  XXXIII) 
kaiin  Opitz  melden,  dass  er  seinem  herrn  das  iverk^  übergeben  habe; 
er  hoffe,  Colers  arbeit  werde  nicht  ganz  vergeblich  sein,  aber  jezt 
ivolle  er  seinem  herrn,  der  grössere  sorgen  habe,  damH  nicht  lästig 
fallen. 

Erst  am  7.  november  (Br.  nr.  XXXVI)  erhält  Coler  auf  sein 
drängen  (Jaski  nr.  L  VIII)  durch  Opitz  ein  kleines  geschenk.  Er  ist 
durch  dasselbe  scheinbar  zufrieden  gestelt  (IL  nov.,  Jaski  nr.  LIX); 
aber  i7isgeheim  ivirft  er  Opitz  lässigkeit  und  eigennutz  vor.  (Senft- 
leben  an  Coler  20.  7iov.^,  Br.  nr.  XL III). 

Die  angefüh^'ten  tatsachen.  lassen  Opitzens  chm'dider  in  recht 
imgünstigem  lichte  erscheinen.  Die  unaufhörliche  sorge  um  Dohnas 
gunst,  die  furcht  vor  jedem  harten  wort  des  gebieters,  zeigen  den 
dichter  in  einer  läge,  die  ein  mann  von  höherer  Sinnesart  nicht  ertra- 
gen hätte.  Daneben  erfahren  wir  noch  (aus  Br.  nr.  XXIV) ,  dass 
Opitz,  ivährend  er  scheinbar  Dohna  völlig  ergeben  tvar,  be7'eits  tvider 
die  gunst  der  von  jenem  verfolgten  evangelischen  fürsten  von  Liegnitz 


1)  Der  titel  lautet:  „Die  meinung  der  hüclier  Hugonis  Grotii  Von  der  War- 
heit  der  christliehen  Religion.  Von  Uim  selbst  Aufs  dem  Holländischen  inn  La- 
tein^ Vnd  Aufs  diesem,  inn  das  Deutsche  gexogen.  Durch  CHRISTOPH  C OLE- 
RUM  In  Vorlegung  David  Müllers  16.31.     12o-     290  s. 

2)  Aus  diesetn  briefe  sind  unter  nr.  XLIII  zwei  stellen  angeführt,  welche 
über  Kolers  streit  mit  Müller,  der  in  unsren  brief en  vielfach  ertcähnt  ist,  genaueres 
mitteilen  und  ein  icertvolles  urteil  über  Opitx,  von  einem  seiner  besten  fretinde 
enthalten. 


BRIEFE   VON   OPITZ   UND    MOSCHEEOSCH  21 

nnd  Brieg  suchte,  um  für  alle  fälle  gesichert  xu  sein.  Man  findet 
hier  aufs  neue  bestätigt,  dass  Opitz  völlig  teiluahmlos  die  jJoUtischen 
und  rcligiösoh  kämpfe  der  xeit  beobachtete  und  sich  nur  von  der  rück- 
sicht  auf  seinen  eigenen  vorteil  lenken  Hess. 


Zur  erklärung  der  übrigen  briefe,  die  keine  geschlossene  gruppe 
bilden,  sind  die  nötigen  hiniveise  in  den  annierkungen  gegeben.  Näher 
zu  begründen  ist  die  aufnähme  von  nr.  XLI,  XLII  und  XLIV. 
Nr.  XLII  eröfnet  einen  7'ilckblick  in  das  jugendleben  des  dichters  und 
bringt  tvertvolle  nachrichten  über  dessen  läge  vor  der  reise  nach  Sie- 
benbürgen. Der  brief  an  Daniel  Herrmann  (nr.  XLI)  tvar  bereits 
Palm  bekanf^;  doch  verzichtete  dieser  darauf,  ihn  abzudrucken,  da  er 
die  darin  berührten  verJmltnisse  nicht  kkirxidegen  vermochte.  Auch 
ich  kann  nichts  zur  geiiaueren  erläuterung  dieses  brief  es  anführen; 
ich  habe  aber  trotzdem  nicht  gezögert,  ihn  zu  veröffentliclien,  da  es 
nicht  ausgeschlossen  erscheint,  dass  iveitere  nachforschungen  hierdurch 
angeregt  iverden  und  aufklärung  über  den  inhalt  bringen.  Der  brief 
zeigt  den  dichter  in  einer  äusserst  bedenklichen  läge.  Sein  ruf  ist 
durch  die  beschuldigufigeii  zweier  frauen,  von  denen  die  eine  bereits 
verstorben  ist,  aufs  schiverste  geschädigt,  und  es  scheint  sogar  eine 
klage  gegen  ihn  beim  rate  (in  Breslau?)  eingereicht  zu  sein.  Wel- 
cher art  das  vergehen  war,  dessen  Opitz  beschuldigt  tvurde,  lässt  sich 
nicht  klar  erkennen;  allein  der  umstand,  dass  fi'auen  die  ankläger 
sind  und  der  satz  „Quatuor  isti  anni  sunt,  cum  scelus  hoc  non  obiter 
uidi,  adeo  ut  ne  siispicio  qiiidem  de  me  haerere  possit"  machen  es 
ivahrscheinlich ,  dass  der  dichter  irge?id  eiiies  unerlaubten  geschlecht- 
lichen Verkehrs  geziehen  wurde. ' 

Unter  nr.  XLIV  ist  ein  stambuchblatt  Opitzens  tvidergegeben, 
tvelckes  aus  der  ha7idschrift  R  2306  stamt.  Es  fand  hier  seine  stelle, 
trotzdem  es  ja  eigentlich  nicht  in  diesen  rahmen  gehört. 

Von  Moscherosch  sind,  so  viel  ich  tveiss,  bisher  nur  acht  briefe 
bekant.^  Jim  so' wilkommener  iverden  daher  die  am  Schlüsse  mitgeteil- 
te?i  vier  schreiben  von  seiner  hand  sein,  zumal  tvegen  des  reichen 
biographischen  und  hibliographischen  materials,  tvelches  sie  enthalten. 

1)  Er  ericähnt  ihn  a.  a.  o.  s.  136  und  227. 

2)  Mitgeteilt  in  Moscheroschs  Geschichte  Philanders  von  Sittenwalf,  von 
Johann   Wirth  (Erlmigen  1887)  s.  54—61. 


22  WITKOWSKI 

A.    Briefe  von  Martin  Opitz. 

1.1 

Martin  Ojntz  an  Michael  Bartsch^  Liegnitz,  7.  februar  1624. 
S.  P.  CL.  Bartschi,  amice  desicleratiss",  Ab  eo  tempore  quo  a 
vobis  discessi  praesentiam  tuam  occasioiie  delati  tibi  semel  officii  sem- 
per  expectaui.  Yerum  ea  est  nunc  aiüae  huius  conditio,  vt  quid  scri- 
bere  aut  quid  non  scribere  debeam  ignorem,  neque  litteris  fidenda  sunt 
ea,  quae  malum  creare  amicis  in  hac  acerbissima  temporum  calamitate 
possint.  Spero  tarnen  meliorem  posthac  sortem  &  quae  nos  laetiori 
paullo  vultu  coniunget.  Interim  hunc  hymnum^  meum  ad  te  trans- 
mitto,  cuius  tu  exeraplaria  cuique  non  gravate  vt  reddi  eures  rogo. 
Praeterea  cum  Teubnerus*  noster,  iliiteratus  ille  quidem,  litteratis 
tamen  non  infensus,  iiliae  suae  adoptiuae  nuptias  paret,  e  re  me  fac- 
turum  esse  existimaui,  si  sollennem  hunc  diem  versibus  meis^  celebra- 
rem.  Itaque  eos  ad  te  mitto,  atque  vt  in  officina  vestra  typis  describi 
iubeas  etiam  atque  etiam  peto.  Constitutus  est  huic  festo  12.  d.  Pe- 
bruarius,  is  cum  fere  instet,  tabellarium  vt  tandiu  detineas,  donec 
exemplaria  ferro  secum  possit,  non  minus  oro.  Sexaginta  a.^  aut  prae- 
terpropter  typis  mandari  cupio.  Si  quid  argen ti  praeter  hoc  quod 
mitto  impendendum  erit,  libentissime  id  et  prima  quauis  die  reddam. 
Cur  e  typographia  nostra  prodiro  isthaec  nolim,  causas  habeo  non  con- 
temnendas.    Correctionem  versuum,  quia  in  distinctionibus,  colis,  punc- 

1)  Hs.  R  2306  nr.  4. 

2)  Er  war  rat  des  fürsten  von  Liegnitz  und  mit  Opitz  eng  befreundet.  Der 
dichter  verfasste  zu  Bartschs  hochzeit  (17.  jan.  1623)  zwei  lateinische  gedichte,  die 
durch  ihre  datierung  für  die  Chronologie  der  reise  Opitzens  nach  Siebenbürgen  wich- 
tig sind.  Das  erste  derselben  ist  unterzeichnet  „  Mart.  Opitlus  iter  Pannonicum 
moliens  raptim  scripsit  Bolesl.  Sil.  Non.  Maj.  A.  1622'^ .,  das  zweite  y,Ma7-t.  Opitius 
Lust  Cassoviae  [Kaschau],  Pridie  Cal.  Jun.  A.  1622."-  (Hiernach  ist  die  angäbe 
Palms  a.  a.  o.  s.  168  zu  berichtigen.)  Ausserdem  schrieb  Opitz  ein  glückwunsch- 
gedicht,  als  Bartsch  ein  söhn  geboren  wui'de  (21.  juni  1624).  Aus  dem  briefwechsel 
zwischen  Opitz  und  Bartsch  ist  ausser  diesem  und  dem  folgenden  briefe  nur  noch 
ein  kurzes  luieil  Bartschs  über  den  „Lobgesang  Vber  den  Frewdenreichen  Geburts- 
tag" usw.  erhalten  (Gedichte  ausg.  1625  A4b). 

3)  Martini  Opitii  Lobgesaug  Vber  den  Frewdenreichen  Gebm'tstag  Vnseres  HEr- 
ren  vnd  Heilandes  JEsu  CHi-isti  ....  Liegnitz.  Die  widmung  ist  datiert  „  Lignicü 
Prop.   Cal.  Januarias  Anni  1624.^ 

4)  FürstUch  Liegnitzischer  rat,  ein  göuner  Opitzens,  dem  dieser  auch  sein 
„Lob  des  feldlebens"  (1623)  widmete. 

5)  Dieses  gedieht  ist  verloren. 

6)  autem. 


BRIEFE   VON    OPITZ    UND    MOSCHEROSCH  23 

tis,  aclditioue  syllabarum  et  detractione  vehementer  interdum  errare 
operae  solent,  quaeso  in  te  suscipias:  si  quid  vicissim  a  nie  petes, 
libenter  hoc  t . . .  ^  militabitur.  Nihil  hie  est  quod  laedere  castas  aiires 
possit  neque  quicqiiam  officit,  quominus  debeat  prodire  in  laminis  oras: 
imo  non  pauca  apparent,  qua(e)  deflectentes  ad  praua  animos  deducere 
in  viam  possunt.  Fiducia  amoris  qua  nie  prosequeris  efficit,  vt  non 
metuam  his  rebus  meis  tibi  molestus  esse:  neque  me  opinio  fallit,  te 
etiani  maiora  mei  causa  promptissime  suscepturum.  Idem  vt  tibi  de 
nie  ex  animo  persuadeas  volo.  De  publicis  nihil  noui;  omnia  enim 
ad  bellum  spectant,  quod  plerique  contempserunt,  alii  quibus  vires 
partium  notae  sunt,  inter  quos  et  ego,  merito  timuerunt.  Sed  quid 
interest  ab  hoste  spoliari  an  a  proprio  niilite?  cum  praesertim  maior 
misericordia  ab  hoste  speranda  sit.  De  fusis  Mansfeldii  turmis^  fama 
est,  sed  fama,  quae  raro  verum  dicit.  Yale,  Yir  OL.  cum  amabilis- 
sima  coniuge  et  filiola  tua,  measque  res  vt  tuas  diligenter  cura.  Spero 
enim  vnius  diei  spatio  operas  haec  absoluere  posse.  Salutat  te  pluri- 
mum  Niisslerus  noster  qui  longuni  iter  ad  doctas  proficisci  cogitat 
Athenas,  et  spatio  paucarum  septimanarum  valedicet.  Kirchnerus  Boles- 
lauiam  iuit,  rerum  suarum  agendarum  gratia,  peste  ibi  sublata.  Pro- 
pedieni  tamen  huc  redibit. 

Yale  iterum,    frater  dulcissime.     Lignicii,    7.  d.  Febr.  A"'  1624. 
tuus  ex  animo  Martinus  Opitius. 

Dem  Edlen  Ehrenvesten  vnde  Wolbenambteii  Herren  Michael  Bart- 

schefi,    fürstlichem   Lignitschem  Rahte,    meinem   günstigen   Herren 

vnd  Vertrawtem  bruder. 

Schiveidnitx. 

In   abivesen   seiner  Herrn  Balthasar  Leuschiern  Zueeröffnen,   vnd 

die  Sachen  vnbeschivert  zuebefördern. 

Martin  Opitz  an  Michael  Bartsch.  19.  Mai  [1624].^ 

S.  P.  Amplissime  Bartschi,  frater  multo  clarissime,  Eunte  ad  vos 
Floriane  nostro,  dimittere  eum  absque  litteris  nostris  noluimus;  licet 
praeter  solemnes  salutandi  for-mulas  nihil  erat  quod  scriberemus.     Offi- 

1)  Loch,  im  papier;  vielleicht  tibi. 

2)  Mansfeld  war  gegen  endo  des  jahi'es  1623  nach  England  gegangen,  seine 
entlassenen  truppen  streiften  im  lande  iimher  und  machten  die  heerstrassen  unsicher. 

3)  Hs.  R  2306,  nr.  5. 

4)  Die  Jahreszahl  ergiebt  sich  aus  der  erwähnung  der  reise  nach  Warmbrunn. 


24  WITKOWSKI 

eium  tarnen  hoc  epistolariim  nescio  quo  modo  eos  quos  alloqnimiu- 
nobis  quasi  praesentes  referat,  et  raemoriani  eorum,  licet  alias  etiani 
memores  tui  nunquam  non  simus,  magis  magisque  resuscitat.  Nos 
bene  viuinius  pariter  et  bibimus;  suadentibus  sie  fere  diebus  aestiuis, 
quae  nos  ad  alia  fere  languentes  faciunt.  Serenissimus  noster  post 
ferias  in  thermas  sanitatis  ergo  se  conferet:  quo  et  an  me  deducet 
ignoro.  1  Tu  hac  occasione  Senatüs  vestri  titulum  Senatorumque  vt  ad 
me  perscribas  peto:  possit  enim  fieri,  vt  propediem  amplissimo  eorum 
nomini  übellum  aliquem  Poeraatum  meorum  Germanicorum ,  sie  volen- 
tibus  amicis  neque  nobis  nolentibus,  inscriberem.^  Yale,  Vir  Cl.  cü 
coniuge  tua  &  Mola,  Leuschnerumque  praestantiss"  saluta.  Lignicii  in 
aedibus  tui  Kirchneri  &  mei.    19.  d.  Mail 

Cl. 

Bartschi  celeberrimi, 

M.  Opitius. 

Nobili  Clarissimoque  Yiro  Dn"  Michaeli  Bartschio,  lllustriss"  Prin- 
cipi  Lignicensi  ä  Consiliis,  amico  coniuiictissimo.  Swidnicium. 

111.3 

Martin  Opüx  a?i  Andreas  Senftlebeti^         Liegnitx,  13.  December 

Ornatiss.  Dn.  Sanftlebi,  (1624). 

Doctissimus  Cothurnius^  noster    ex  Itinere  vestro  morbi  aliquid 

contrahere  cepit. '^     Eins   rei  caussa,   et  vt  melius  sibi  consulere  possit 

in  pagum  huc  secessit  ad  amicum,  suasu  etiam  Amplissimi  Dni  Teub- 

neri,'^  cum  quo  heri  proptereä  coliocutus  sum.     Ad  medicinam  rectius 

1)  Nos  bene  —  ignoro  ist  bei  Palm  a.  a.  o.  s.  191  anm.  mit  kleinen  ungenauig- 
keiten  angeführt. 

2)  Im  Januar  1626  widmete  Opitz  dem  rate  zu  Schweidnitz  seine  poetische 
Übertragung  der  „Klagelieder  Jeremiä." 

3)  Hs.  R  2306  nr.  2. 

4)  Andreas  Senftleben  (dies  ist  die  gewöhnüohe  Schreibung  des  namens) ,  gebo- 
ren in  Bunzlau  1602,  starb  als  advokat  der  stadt  Breslau  am  26.  juH  1643.  Ein 
anderer  brief  Opitzens  an  ihn  ist  von  Ezechiel  (Beiträge  zur  kritischen  historie  der 
deutschen  spräche,  Leipz.  1741.  VII,  76)  mitgeteilt  worden.  Die  nachschrift  ist 
ii-tümlich  als  zweiter  brief  bezeichnet  und  die  adresse  „Hain  bei  Teubner"  als  datie- 
iTong  angeführt.  Auf  der  Breslauer  stadtbibliothek  befindet  sich  die  abschrift  eines 
lateinischen  gedichtes  von  Opitz  an  A.  Senftleben  vom  1.  februai'  1625. 

5)  Cothui-nius  war  mit  Opitz  zusammen  auf  der  schule  zu  Beuthen,  verUess 
dieselbe  aber  vor  dem  dichter,  der  bei  dieser  gelegenheit  ilun  und  Nüssler  zwei 
lateinische  gedichte  widmete  (Oesterley  a.  a.  o.  nr.  17). 

6)  so! 

7)  Vgl.  s.  22,  anm.  4. 


BRIEFE    VON    OPITZ    UND    MOSCHEROSCH  25 

applicandam  vino  indiget  vctorii  defuscatoque.  Id  cum  nee  precio  nee 
precibus  Lignicii  habere  ex  voto  potuerimus,  ad  vos  proptereä  misimus. 
Tu  hoc  a  Dna  Katharina  (quam  multüm  saluto)  aut  si  cui  alteri  eellae 
cura  ineumbit  impetrabis,  non  nolente  tuo  Düü  hospite,  idque  tibi  per- 
suadebis,  et  amieum  hunc  nostrum,  et  me  beneficii  memores  fore. 
Golsdorfii  in  prandio,  quo  finito  ad  Musas  meas  Lignicium  redeo.  Vale. 
Idib  XBK  (von  anderer  hand  MDCXXIV). 
Tui  amantissimus 

M.  Opitius. 
Ornatiss.  eruditiss°que  iuueni  Dn.  Andreae  Senftleben,  aniico  suo 
singulari. 

Hain,  bey  H.  Mai'cus  Teubnem. 

IV. '^ 

Martin  Opitx  an  ChristojjJi  Coler.^  [Breslau],  28.  Juni  [1626].^ 
S.  P.  D.  Praestantissirae  Colere,  Festinare  libellorum  Monauiano- 
rum^  remissionem  non  oportuit,  et  satis  cito  ad  me  redierunt.  Pane- 
gyrieum  Carmen  tuum  expectamus,  post  quam  id  obtuleris  illi,  cui  id 
destinatum  est.*^  An  uero  ille  in  Prouinciam  haue,  aut  ad  uos  saltem, 
breui  uenturus  sit,  ignoro.  Te  Poematia  tua  in  corpus  revocare,  tibi 
Musisque  nostratibus  gratulor.  '^  Mihi  tempus  omne  iis  negotiis  perit, 
quae  aut  ab  omnibus  studiis,  aut  saltem  ab  iis  studiis  auersa  sunt, 
quibus  condimentum  humanae  vitae  gloria  et  bonos  apud  Posteritatem 
quaeritur.  Sed  tempore  tam  periculoso,  tam  doctrinae  omnis  ae  rerum 
bonarum  fastidienti^  quaeuis  conditio  uiuendi  bona  est,  dummodo 
honesta.9  ad  d.  XXYHI.  Junij. 

Tuus 

ex  animo 

Mart.  Opitius. 
Eximio  Viro  Christophoro  Colero  suo. 

1)  vctori?  vielleicht  unctiori. 

2)  Hs.  R  251   nr.  30.      Der  absatz   Mihi  —  honesta   ist    in    Colers  Laudatio 
M.  Opitii  s.  G7  abgedi-uckt.  3)  Über  Coler  siehe  die  einleitung. 

4)  Im  jähre  1626   fasste  Coler  den  plan,    seine  gedichte   zu  sammeln.     Siehe 
auch  den  folgenden  brief. 

5)  Jakob  Monavius   (1546  — 1603)   schrieb  drei  bücher  carmina  in  symbohan 
suton.     Sein  andenken  ehrte  1605  Casp.  Cunrad  durch  ^^Manes  Jac.  MonavU."" 

6)  Es  lässt  sich  nicht  ermitteln,   welches   der  zahlreichen  gelegenheitsgediclite 
Colers  hier  gemeint  ist. 

7)  Eine  gesamtausgabe  der  gedichte  Colers  ist  in  dieser  zeit  nicht  erschienen. 

8)  so! 

9)  Am  9.  juni  hatte  Opitz  an  Buchner  die  nachricht  gelangen  lassen,  dass  er 


26  WITKOWSKI 

Y.i 
Martin  Opitz  an  Christoph  Coler.  Breslau,  20.  novemher  1626. 
S.  P.  Caue  credas,  Colere  praestantissime ,  obliuisci  me  tui  posse 
iinquam.  Ynicam  a  te,  serio  loquar,  epistolam  accepi^,  cui,  quod  non 
respondi,  Status  lütae  meae  obstitit;  cum  semper  aut  in  aulis,  aut  in 
itinere,  aut  in  castris  etiam  uersatus  sini.  ^  Nunc  cuni  paullo  maius 
otium  suppetat,  prius  silentium  crebrioribus  resarciam.  De  poematis 
tiiis  catalog-us  Francofurtensis  indicauit. '^  Gratulor  patriae  nosti-ae,  ob 
doctissimam  hanc  prolem,  et  tibi  quoque  recta  uia  ad  famam  tendenti: 
Macte  hoc  animo:  nos  tibi  lampada  libenter  ti'ademus.  At  tu  saluere 
iubes  meam  Justinam,  quasi  coniugio  libertatem  hanc  unquani  addixe- 
rim.  ^  Nonne  illud  nosti;  consultum  non  esse  siluam  relinquere,  ut 
arborem  nanciscaris?  Optas  etiam  ipsi  felicem  partum,  ueluti  de  illa 
loquereris,  cuius  mentio  fit  in  Inscriptione  Hispanica 

SVM.  EGO.  IVSTINA. 

YXOR.  FVTVTA.»^  FIVNT.  ET.  HAEC. 

LIBENTER.  etc.  Hostibus  talem. 
Ita  me  amet,  quam  non  odi,  ut'  tu  continentiae  meae  et  casti- 
tati  iniuriam  facis.  Amicos  salutabo.  Iscram;'*  vero  non  noui.  Nam 
Carmen  eius  notae  non  malae  additimi  fuit  libello  meo  me  inscio.  Pa- 
triam  nostram  pestis  denuo  affligit.  ^  Itaque  parens  meus,  qui  alias 
Omnibus  modis  retinere  me  domi  suae  cupit,  uenire  ad  se  nunc  uetat. 
Sed  instat  bruma,  cuius  rigor,  ut  spero,  morbi  uires  extinguet.     Vale, 

in   die   dienste  Karl  Hanuibals  von  Dokna  getreten  sei    (Geiger,    mitteüungen  s.  33). 
Er  scheint  hier  diesen  schritt  vor  Coler  rechtfertigen  zu  wollen. 

1)  Hs.  E  251  ur.  55.     Ungenau  gedruckt  in  Colers  Laudatio  s.  64  fg. 

2)  Coler  an  Opitz  8.  august  1626  (Jaski  a.  a.  o.  s.  10  fg.). 

3)  Yom  juli  bis  zum  novemher  1626  war  Opitz  anhaltend  auf  reisen.  S.  Gei- 
ger, mitteilungen  s.  35  — 40.  4)  Siehe  s.  25,  anm.  6. 

5)  Opitz  hatte  1627  bis  28  die  absieht  sich  zu  verheiraten,  und  zwar  mit 
einem  reizenden,  reichen  mädchen  (an  Buchner  15.  juli  1628);  aber  die  Vormünder 
gaben  nicht  ihre  Zustimmung  (Geiger,  mitteilungen  s.  53).  MögUch,  dass  diese  Justina 
jenes  mädchen  ist. 

6)  Bei  Coler  „FVTVRA."  Das  wort  „Fvftvta)"  ist  in  der  Inschrift  (Corpus 
inscriptionimi  latinarum  Berl.  1869  II,  455  nr.  3367)  ergänzt,  wahrscheinlicher  ist 
„Fv(tvra).''  Opitz  fand  die  inschrift  vermutlich  unter  den  von  seinem  gönner  Abra- 
ham von  Bibrau  aus  Spanien  mitgebrachten;  vgl.  Yariai'um  lectionum  hber  cap.  V 
(ausg.  1690  I,  495).  7)  Bei  Coler  „eU' 

8)  Bei  Coler  „Isleram."  Augustinus  Iskra  verfasste  ein  widmungsgedicht  zu 
Opitzens  „Buch  von  der  deutschen  Poeterey"  (Braunes  neudi-uck  s.  7). 

9)  Schon  1623  hatte  die  pest  den  dichter  am  besuche  der  Vaterstadt  gehin- 
dert (s.  die  vorrede  zur-  vita  Promnicii  1624). 


BRIEFE   VON    OPITZ    UND    MOSCHEROSCH  27 

mi   oraatissime  Colere,    cum  Wesselio^  nostro,    ciiius  his  diebus  inter 
me,  Kirclmenim  et  Teubnerum  sane  optima  facta  fuit  mentio.     Vtiuam 
eins    studiis   possem   prodesse.     Vale    iterum.     Vratislaiiiae    ex   Museo 
meo  amio  1626,  d.  20.  IXbr. 
Tims 

omni  studio  ac  fide 

Mart.  Opitius. 

Praestantissimo  Juueni  Christophoro   Colero,    Boleslauiensi  Silesio, 
amico  dilectissimo.  Argentoratum. 

Martin  Opitx  an  Christoph  Coler.  Breslau,  13.  Februar  1627. 

S.  P.  D.  Colere  praestantissime ,  Paullo  post  reliquis  amicis  Omni- 
bus scribam,  et  latius  tibi.  Nunc  hoc  saltem  scito,  tuas  mihi  redditas 
esse  sane  gratissimas.  Sero  fo'rsan  epigrammation  meum^  ad  te  ueniet, 
cum  tua  Poemata  iam  possint  esse  edita.^  Sereniss.  Princeps  Lignicen- 
sis,  et  ita  ni  fallor  ad  te  scripsi,  omnino  praeponi  debet,  ob  muneris 
dignitatem,  cum  sit  supremus  Silesiae  Legatus  aut  Praefectus.^  Illam, 
de  qua  in  nugis  meis  tot  sunt  amatoriae  delitiae,  caue  credas  esse 
nobilissimi  apud  nos  uiri  filiam.  lamdiu,  apud  plures  est  Galatea  siue 
Süuia,*^    siue    quod    aliud    nomen    puellae    inferioris    fortunae^     dedi. 

Caeterum^    si   ad    sorores    elegantissimas    uenis,    pl ^    eas   meo 

nomine  saluta;  item  fratrem,  cuius  Carmen  in  nataiem  meum  sum- 
mopere  mihi  placuit.  Kespondebo,  ut  dixi,  omnibus  prolixius.  An 
Grutero   meas    transmiseritis /"   indica.     Yale,    cum  Excellent.  Berneg- 

1)  Vermutlicli  ein  söhn  des  Johannes  Wessel,  der  seit  1617  prediger  in  Bunz- 
lau  und  mit  Opitzens  tante  Helena  verheiratet  war.  Opitz  nent  ihn  (Gedichte  ausg. 
1625  s.  92)  „seinen  schwager." 

2)  Hs.  R  251  nr.  60. 

3)  Das  gedieht  am  Schlüsse  des  briefes. 

4)  Siehe  s.  25  anm.  6. 

5)  Coler  wolte  wahrscheinlich  dem  schlesischen  landeshauptmann ,  herzog  Georg 
Rudolf  von  Liegnitz,  seine  gedrehte  mdmen. 

6)  Mit  den  namen  Galatea  und  Syhäa  bezeichnete  Opitz  seine  Heidelberger 
geliebte  (Gedichte  ausg.  1625  s.  176  und  187).  Sylvia  scheint  später  ziemlich  tief 
gesunken  zu  sein  (Gedichte  ausg.  1625  s.  98). 

7)  fortuna  bedeutet  hier  wol  co7idicio. 

8)  UndeutHch. 

9)  Unleserlich,  \'ieUeicht  plunmum. 

10)  Gruter  hatte  Opitz  um  die  in  Siebenbürgen  gesammelten  inschriften  gebeten. 
Der  dichter  übersante  dieselben  am  20.  november  1626  (Pakn  a.  a.  o.  s.  173  fgg.), 


28  WITKOWSKI 

gero  ^    et   Yenatore  2    meo.      Yratisl.    ex   regia  XIII.  d.  Februar.  Ann. 
1627.  Tims  Opitius. 

In  Praestantiss.  Juuenis  Ch.  Choleri  Poemata  Germanica. 
Tu  nostro  sermone  quidem  noua  carmina  condis, 

Flos  iiiueniim,  quiuis  quae  uelit  esse  suas. 
At  patriae  (lusum  transactos  dixeris  annos) 

Tota  peregrinus  moenia  niiles  habet; 
Gens  Italüni,  gens  Parthenopes,  Galliisque  Tagique 

Accola  et  exti'emi  qui  terit  arua  Sai ;  ^ 
Coniurata  Ines  gratos  subuertere  campos, 

Ne  quisquam  priscas  dicere  possit  opes. 
Quid  speres,  aut  quid  metiias  etiam  amplius?  actum  est 

I  licet;  armorum  praeda  cruenta  sumus. 
Perge,  Colere,  tanien,  si  forsan  patria  vires 
Colliget  (hos  iubeat  Numen  adesse  dies) 
Clarior  ut  uirtute  tiü  reddatur  honoris, 
Sin  minus,  in  libris  uiuat  ut  illa  tuis."^ 

Martinus  Opitius. 
Praestantissimo    Juueni    Christophoro    Colero,    Boleslau.    Silesio, 
amico  singulari.     Strassburg  beym  H.  Bernegger  zu  erfragen. 

Yn.5 

Marthi  Opitx.  an  Christoph  Coler.  Breslau,  29.  Februar  1628. 

S.  P.  D.  Jure  equidem,  Colere  praestantissimo  de  silentio  meo 
conqueri  posses,  si  eo  otio  frui  hactenus  datum  mihi  fuerit,  quod  nunc 
demum  bonis  auspiciis  nactus  sum.  Sed  tempore  satis  longo  unmn 
mensem*'  Yratislauiae  uix  fui'',  nuper  admodum  huc  reuersus.  Faciam 
imposterum  ut  sedulitatem  uideas  maiorem.  De  statu  meo  Praga  nuper 
ad  literarum  iUud  columen  Berneggerum  *^,    quas  literas  recte  perlatas 

1)  Matthias  Bernegger  (1582 — 1040)  lernte  Opitz  erst  1630  persönlich  kennen, 
wie  Berneggers  brief  vom  24.  juli  1623  beweist  (Palm  a.  a.  0.  s.  148). 

2)  Opitzens  bekanter  Heidelberger  freund  und  studieugenosse. 

3)  Sai?  Savus,  fluss  inNumidien  und  (neulat.)  die  Sau,  nebenfluss  der  Donau. 

4)  Über  dieses  gedieht  schrieb  Coler  am  8.  märz  (a.  st.)  1627  (Jaski  a.  a.  0. 
s.  15):  Triste  Carmen  Tuum,  quo  Poemata  mea  indiyna  dignaris,  ferme  lachryt?ias 
mihi  expressit. 

5)  Hs.  R  251  nr.  53.     Abgedruckt  in  Colers  laudatio  s.  66  fg. 

6)  Sed  —  mensem  feht  bei  Coler. 

7)  Opitz  verweilte  im  Sommer  1627  mit  Dohna  in  Polen  und  Preussen  und 
vom  november  bis  zum  Januar  1628  in  Prag. 

8)  Opitz  an  Bernegger  Prag  15.  Januar  1628  (Tscheming,  imvorgreiffhches 
bedencken,  Lübeck  1659  bl.S"  fg.). 


BRIEFE    VON    OPITZ    UND    MOSCHEROSCH  29 

esse  confido,  et  iam  ad  Venatorem  meum  aliquid  perscripsi.  Tuas 
paiicos  ante  dies  Hermannus  bibliopola,  hie  mihi  tradidit.^  GL.  senem 
Griiteruni-  ad  plures  abiisse  triste  auditu  fuit.  Vergunt  sensira  literae 
ad  barbariem,  et  lumina  studiorum  quae  supersunt  tarn  raia  sunt,  ut 
obrui  hac  bellorum  occasione  nisu  vel  exiguo  possint.  Scire  aueo  an 
aliquid  constituerit  lür  summus  de  iis  rebus  quas  ineditas  reliquit. 
Imprimis  magna  reipublicae  literariae  iactura  periret  ea  pars  Inscrip- 
tionum,  quam  ab  annis  plurimis  ingenti  cum  labore  conquisiuerat. 
Dici  non  potest,  quantum  haec  epigrammata  antiquitatis  historiam  illu- 
strent.  Itaque  uidendum  est  etiam  atque  etiam  quomodo  reddi  possit 
luci  thesaurus  incomparabilis.  De  Kirchneri  epicediis^  iterum  aurem 
uello'^;  nihil  enim  scribam  in  eins  memoriam  nisi  carmina  uestra  prius 
accepero.  Germanica  tua  Poematia^  recrearunt  hunc  animum  non'' 
mediocriter:  iis  a. "  uniuersis  quae  editurus  es  propitios  lectores  opto. 
Quod  uero  iudicia  imperitorum  timeas  non  est:  latratus  eins  modi  facile 
pereunt,  uiuida  uero  laus  et  gloria  solidiorem  sibi  quaerit  fundum, 
quam  ut  euerti  possit.  Ego  earum  nugarum,  quas  adolescens  fere  Hei- 
delbergae  et  alibi  excogitaueram ,  pretium  nunc  quoque  hie  fero.  Omnes 
enim  aedes,  omnes  plateae  cantiunculis  meis  perstrepunt,  quae  in  com- 
pitis^  quoque  uno  alteroque   obulo  uenduntur.^     Viuus  intersum  meae 

1)  quas  literas  —  tradidit  fehlt  bei  Coler. 

2)  Griiter  war  am  20.  September  1627  gestorben. 

3)  Kirchners  tod  erfolgte  im  jnni  1627.  Opitz  schrieb  eine  biographie  Kirch- 
ners für  Henelius'  Silesia  togata  (abgedruckt  bei  Palm  a.  a.  o.  s.  186  fg.).  In  der 
antwort  auf  diesen  brief  (am  5.  September,  Jaski  a.  a.  o.  s.  27)  verspricht  Coler,  bin- 
nen kurzem  seine  und  Venators  ejncedia  Kirchneri  zu  senden. 

4)  aurem  nello,  mahne  (Vii'g.  Ecl.  G,  4).  5)  Siehe  s.  25,  anm.  6. 
6)  non  fehlt  bei  Coler.             7)  autem. 

8)  covipifum ,  kreuzweg. 

9)  Palm  a.  a.  o.  s.  162  nent  diese  mitteilung  höchst  befremdlich  und  meint, 
dsas  Opitz  niemals  algemeiu  sangbare  lieder  veröffentlicht  habe.  Er  beschuldigt  den 
dichter  sogai-,  sich  hier  einer  Unwahrheit  schuldig  gemacht  zu  haben.  Dazu  liegt 
kein  grund  vor.  Unter  den  gedichten  Opitzens  befindet  sich  so  manches,  das  für 
den  gesang  bestimt  und  volkstümlich  genug  gehalten  war,  um  schnell  algemeiu 
bekant  imd  beliebt  zu  werden.  Es  sei  um-  erinnert  an  „Newlich  als  ich  aussgegan- 
gen"  (ausg.  1624  s.  25),  „Sey  wolgemuth,  lass  ti-awren  sein"  (s.  28),  „Mit  Liebes 
Brunst  behaftet  sein"  (betitelt  „Chansonette"  s.  36),  „Jetzt  blinken  auss  des  Himmels 
Saal"  („Auff  die  Melodey:  Kehr  vmb  mein  Seel"  s.  52),  „0  du  Gott  der  süssen 
Schmertzen"  („Auff  die  Courante:  Si  e'est  pour  nion  pticelage''-  s.  56),  „Coridon 
sprach  mit  Verlangen"  (s.  84),  „Ist  jergendt  zu  erfragen"  („Vff  die  Melodey,  Aupres 
du  bard  de  Seine"  s.  89),  „Wol  dem  der  weit  von  hohen  dingen"  (mit  dem  hüb- 
schen kehrreim:  „Ein  jeder  folge  seinem  Sinne,  Ich  halts  mit  meiner  Schäffeiiuue" 
s.  91),    „Itzund  kompt  die  nacht  herbey"   (s.  92),    „Kompt  last  vns   aussspatziren " 


30  WITKOWSKI 

famae,  si  diis  placet,  et  piiellarum  animos  ac  ancillas  lepidus  sc.  siiaui- 
ludius  oblecto.  Nunc  ut  ab  his  annoriim  delitüs  remisi;  ita  tarnen 
iuuat  praeteritorum  reminisci.  Si^  porro  ad  nos  reuerti  cogitas,  tu 
conditionem  rerum  tuarum  sciueris  optime.  Inuenies  patiiam  multo 
alterius  faciei,  quam  eam  reliqueras.  Ego  consilio  et  ope  mea  tibi  non 
deero;  licet  ea  nobilium  nunc  ratio  sit,  ut  deuastatis  eorum  bonis, 
absumptisque  maximis  uitae  praesidiis  alere  praeceptores  fere  non  pos- 
sint.  Sanftlebius^  certe  noster  hactenus  diu  frustraque  lapideni  omnem 
mouit,  et  adhuc  mouet.  Suggeret  tarnen  Dens,  qui  egregiis  his  stu- 
diis  te  exornauit,  eorum  quoque  praesidia.  Engmann  ante  dies  XII. 
nuptias  celebrauimus  ^  cum  zythopolae^  filia  in  plateaSuidnicensi,  puella 
satis  lepida,  quo  fato  sacerdotes  nostri  fere  utuutur.  ^  Aderat  et  cum 
nouerca  parens  mens,  qui  post  morbum  sex  mensium,  post  exustam 
aedium  posteriorem  partem*»  et  militum  Gallorum  diuturnas  iniurias 
respirare  tandem  incipit.  Yale,  mi  optime  et  amicissime  Colere.  Vra- 
tisl.  Prid.  Cal.  Martii  Anno  CIÜIüCXXVIII. 

Tuns  Opitius. 

Christophoro  Colero  Suo  iuueni  praestantissimo. 

vni.7 

Martin  Opitz  an  Christoph  Coler.  BroMau,  17.  November  1628. 

S.  P.  D.  Praestantissimo  Colere.  Halonium  uestratem  nondum 
uidi^,   redditae  tanien"  mihi  sunt  literae  uestrae,    de  quibus,   uti  et  de 

( „auff  die  Melodey  Allons  dans  ee  boccage"  s.  92),  „Nechst  als  zugleiclie  lagen" 
(s.  93),  „Ach  Liebste  lass  vns  eilen"  („Lied  im  thon:  Ma  belle  je  rons  prie"  s.  100), 
„Koridon  der  ging  betrübet"  (Ausg.  1625  s.  176),  „Als  ich  nechst  war  ausspatzieret" 
(s.  187),  „Ich  empfinde  fast  ein  Grawen"  (s.  201),  „Tilgend  ist  der  beste  Freundt" 
(s.  204).  Diese  grosse  anzahl  von  sangbaren  und  meist  heiteren  liedern  passt  freilich 
nicht  zu  der  herkömlichen  Vorstellung  von  dem  schiümässig  steifen,  gelehii  hoch- 
mütigen Opitz.  Aber  gerade  diese  dichtungen  zeigen  uns  eine  frische  jugendliche 
kraft,  die  noch  nicht  durch  den  bann  der  regeln  gefesselt  ist,  und  beweisen  mehr 
für  Opitzens  dichterische  befähigung,  als  die  späteren  hochtrabenden  Alexandriner, 
neben  denen  lange  zeit  diese  anspruchslosen  Jugendgedichte  verachtet  wurden. 

1)  Der  übrige  teil  des  briefes  fehlt  bei  Coler.  2)  Siehe  s.  24,  anm.  4. 

3)  Schreibfehler  für  celebrauit  [es  ist  wol  eher  Entmann  in  Engmanni  zu 
bessern.  Red.]  4)  Bierwirt. 

5)  quo  fato  sacerdotes  nostri  fere  utuntur,  ein  geschick,  das  unseren  theo- 
logen  meist  zu  teil  wird. 

6)  Auch  in  dem  briefe  an  Buchner  vom  28.  fobr.  1627  (Geiger  a.  a.  o.  s.  43) 
erwähnt  Opitz  „conflagrationcm  aedium  paternaruvi  mtperani,  lentunique  ipsius 
patris  et  nescio  an  lethalem  morbum."- 

7)  Hs.  R  251  m\  57.     Sehr  imvolständig  abgedruckt  bei  Coler  Laudatio  s.  65  fg. 

8)  Halonium  —  tiidi  fehlt  bei  Coler.  9)  tarnen  fehlt  bei  Coler. 


BRIEFE   VON    OPITZ    UNB    MOSCHEROSCH  31 

carminibus  elegantissimis  gratias  ago.  Inscriptiones ,  quas  decus  illucl 
literarum  Berneggerus  petiit,  ad  Yos  misi,  iit  in  Galliam  una  cum  aliis 
ti'ansueliantnr.i  Inter  schedas  Griiteri  alterum  earundem  Inscriptioniim 
exemplar  erit-,  quod  Venator  noster  penes  se  retinebit^:  cmn  hoc  ex 
aduersariis  *  nieis  excerptuni  sit  accuratius.  Caeterura  quod  de  tranquil- 
litate  studiorum  mihi  gratularis,  non  immerito  hoc  facis,  cum  otio  hac- 
tenus  fruar  satis  abundanti.  Sed  ea.  nunc  ingruit  temporum  conditio, 
quae  coloniam  mutare  me,  aliosque  procul  dubio  iubebit.^  Glogouien- 
ses,  uix  XXX.  ciuibus  exceptis,  omnes  Pontificiorum  partibus  accesse- 
runt.  Guhrani  etiani  facilius  persuasionibus  uiolentis  locum  dederunt. 
Nunc,  ubi  couiecturam  capere  possum,  de  Ducatus  Suidnicensis  ac 
Jauorensis  corio  ludetur,  ita  ut^  ob  parentes  nostros  ac  necessitudines  non 
mediocri  in  metu  constitutus  sim.''  Ex  actionibus  crebris,  stationibus 
militiim,  armilustriis  aliisque  technis  tota  prouincia  ita  exhausta  est,  ut 
ne  millesimo  quidem  ullum  fugae  restet  praesidium.  Ego  quoque  solita 
liberalitate  mea  summani  nummorum  non  mediocrem  hactenus  absunipsi, 
et  cum  sit  unde  liic  laute  uiuere  possini,  fortasse  deerit,  ciüus  ope 
alibi  mihi  consulam.  ^  Orandus  est  Deus,  ut  constantiae  nobis  consilia 
coelitus  suggerat:  de  uirtute  sibi  agnata  et  robore  animi  gloriari  uanis- 
simum  est.  Et  plerumque  ii  qui  secundo  adhuc  tempore  paratragoediari 
audent  viresque  suas  iactare,  ubi  ad  rem  uentum  est,  desertorum  agmen 
ducunt.  Intueri  nugas  cerimoniarum  hactenus  coactus  fui:  Yt  credam 
quae  Deus  uetat,    nemo  mortalium  me  coget.^     Ilkid^*^  antiquum  sem- 

1)  Am  30.  aug.  1G28  machte  Bernegger  Grotius  auf  die  von  Opitz  in  Sieben- 
bürgen gesammelten  iuscbiiften  aufmerksam  {Qrotii  et  Berneggeri  Epistolae  Mutuae 
Argent.  1667  s.  llfg.),  am  7.  december  sante  Bernegger  die  inschriften  an  Grotius 
(a.  a.  0.  s.  21)  und  Grotius  dankte  Opitz  am  1.  febniar  1629  dui'oh  vermitlung  Ber- 
neggers  (a.  a.  o.  s.  27). 

2)  Siehe  s.  27,  anm.  10. 

3)  Bei  Coler  steht  retinuit.  4)  adversaria,  notizbuch. 

5)  Dies  bezieht  sich  auf  die  religiösen  Verfolgungen,  denen  Opitz  trotz  seiner 
Stellung  bei  Rohna  nicht  entgieng.     Vgl.  Palm  a.  a.  o.  s.  206. 

6)  Qlogovienses  —  ita  ut  fehlt  bei  Coler. 

7)  Opitzens  vater  muste,  da  er  seinen  glauben  nicht  abschwören  wolte,  Bunz- 
lau  verlassen  imd  lebte  längere  zeit  in  Sachsen  imd  anderen  gegenden  (Opitz  an  Buch- 
ner 31.  märz  1629,  Ai'chiv  f.  ütgesch.  V,  350).  Im  märz  1629  verschafte  ihm  sein 
sohu  bei  Dohna  die  erlaubnis,  sechs  monate  zum  verkauf  seines  eigentums  in  Bunz- 
lau  zu  verweilen.  Siehe  Dohnas  brief  an  den  rat  zu  Bunzlau  vom  21.  mcärz  1629 
bei  Wernicke,  chronik  von  Bunzlau,  1884,  s.  974. 

8)  Ex  actionibus  —  consulam  fehlt  bei  Coler. 

9)  Opitz  wui-de  damals  von  den  immer  gewalttätiger  auftretenden  katholiken  in 
der  Umgebung  Dohnas,  besonders  den  Jesuiten,  hart  bedrängt.  Das's  er  sich  ihnen 
beugte  und  die  hier  ausgesprochene  absieht,    seine  Stellung  aufzugeben,    nicht  aus- 


32  WITKOWSKI 

per  plaeiüt:  nunc  etiam  perplacet:  Omne  solum  forti  patria  est.  Yale 
iuuenis  doctissiine,  et  suauissimuni  sodalem  nostrum  Venatorem  ui'ge 
ut  respondeat.     Vratisl.  ex  regia  XY.  Cal.  Xbr.  Ann.  MIÜCXXVIII. 

Tuns 

M.  Opitius. 

lam  narratur  lauorenses  unnm  ex  templis  ante  triduum  fere  Pon- 
tificiis  concessisse.^ 

Ornatissimo  Jimeni  Cbristophoro  Colero  Suo,  Argentoratum. 

IX.  2 
Martin  Ojpitx.  an  Christoph  Coler.  Breslau,  1.  Januar  (Greg.)  1629. 
S.  P.  D.  Pridie  tuas  accepi,  Colere  praestantissime  cum  iam  ad 
Amplissimum  Lingelshemium  ^  et  Sebizimn^  nosti-um  perscripseram. 
Huius  pareas,  Vir  nobilissimus  obuius  heri  in  foro  mibi  factus,  con- 
sultum  tibi  ex  animo  mecum  uellet,  et  de  modo  tua  studia  iuuandi 
serio  ac  cum  cura  cogitabit.  Nunc  quidem  unde  desiderio  tuo  satis- 
fieri  possit,  nibil  nouimus.  Venatori  de  statu  hoc  gratulor.  ^  Diu 
exoptaui,  ut  eruditionem  suam  peregrinatiuncula  etiam  aliqua,  quoniam 
bis  moribus  ac  iudiciis  hodie  uiuitur,  exornaret.  Erit  tamen  et  sie  mei 
non  immemor,  et  tu  bominem  monebis  ne  et  literis  et  Grutero^  carere 
me  diutius  patiatur.  Si  Dominus  Lingelsbemius  suis  me  dignabitur, 
sane  gaudebo:  si  negotia  obstabunt,  interea  tu  de  statu  eins  ad  me 
perscribes.  Scire  item  uelim,  quid  tota  domus  eins,  quid  liberi  faciant. 
Item  quomodo  cum  ualetudine  CL.  Domini  Berneggeri  agatur;  est 
enim  inter  antesignanos  meorum  amicorum.     De  Zinkgrefio  niliil  bac- 

führte,    gereicht  seinem  Charakter  nicht  zur  ehre.     Muste  er  doch,    \äe  aus  dieser 
stelle  hervorgeht,  trotzdem  ihmvonDohna  ausdrücklich  glaubensfreiheit  gewälii'leistet 
war,    dem  katholischen  gottesdienste  beiwohnen.     Da  er  sich  darein  fügte,    will  die 
betonung  seiner  standhaftigkeit  nicht  viel  bedeuten. 
10)  Intueri  —  illud  fehlt  bei  Coler. 

1)  Jam  —  concessisse  fehlt  bei  Coler. 

2)  Hs.  R  251  nr.  59.     Abgedi-uckt  in  Colers  Laudatio  s.  64. 

3)  Lingelsheim,  dessen  söhne  Opitz  in  Heidelberg  unterrichtet  hatte,  lebte  seit 
der  Plünderung  Heidelbergs  in  Strassburg,  seiner  Vaterstadt. 

4)  Sebisius  wurde  von  Bernegger  als  „amicus  Opitii'^  an  Grotius  empfohlen 
{Or.  et  B.  Ep.  mut.  s.  40). 

5)  Venator  hatte  Opitz  am  29.  uovember  1628  (Jaski  a.  a.  o.  s.  30)  geschrie- 
ben, dass  er  bei  beginn  des  frühjahrs  mit  zwei  herren  von  Rehlingeu  nach  Frank- 
reich reisen  werde. 

6)  Panegyricus  Jano  Orutero  seriptus  ä  Balthasare  Venafore.  Genevae 
1631.  S.  131  fg.  findet  sich  ein  lateinisches  gedieht  von  Opitz,  beginnend  „HOc 
Vnum  patriae  fatorum  poena  remisit "  10  distichen. 


BRIEFE   VON   OPITZ   V^   MOSCHEROSCH  33 

tenus  aiidiiii.  Apiid  nos  lentius  circa  reformationem ;  sed  tarnen  per- 
gitiir.^  Siiidnicenses  templum  qiiod  adhiic  habebant  imicum  aiit  iani 
cesserunt,  aut  cedere  propediem  cogentur.  Itaque  uideris,  an  nobiscum 
esse  consiütum  sit.  Ego,  quid  mecnm  futui'um  sit,  incertus  sum.  Tiii 
tarnen  certe  non  obliuiscemur.  Interea  pistrini  tui  pulueres  animo  ferre 
disce  erecto  et  alacri,  et  cogita  uitam  hanc  ubiuis  loconini  molestiis, 
taedio  atque  periculis  metuque  ac  spe  inani  esse  plenissimam.  ^  Yale, 
mi  Colere,  et  sequentem  annum  felicibus  auspiciis  ac  successu  rerum 
optimo  cum  amicis  qiii  apud  uos  sunt  aggredere.  Yratisl.  ex  regia 
ipsis  Calend.  Januar,  (von  Colers  hand  „Grey.  1629"). 
T. 

Opitius. 

Praestantissimo   Viro   Domino   Christophoro   Colero   Suo.  Argento- 
ratuni. 

bei  H.  Klement  Schleicher^  abzugeben. 

Martin  Opitz  an  Christoph  Coler.  [Breskiu],  19.  Mai  [1629].  ^ 

S.  P.  D.  Grotianas  accepi'',  item  eas  quas  Lingelshemius,  et  quas 
tu  dedisti,  omnes  multo  acceptissimas.  Te  saluum  ad  lares  paternos 
uenisse,  et  incolumem,  et  mihi,  et  tibi,  et  patriae  gratulor  afflictissi- 
mae.  Tecum  colloqui  gestio,  et  iam  quidem  aduolassent ^,  nisi  negotia 
obstarent,  quae  subterfugere  nullatenus  possum.  Apologeticum  Grotii^ 
aut  mitte,  aut  si  hoc  commodo  tuo  fieri  poterit,  affer  ipse.  Hospes 
mihi  eris  acceptissimus.  Ytinam  prodesse  commodis  tuis  hie  amor  erga 
te  meus  possit.  De  Goldasto^  laetor,  et  ipsum  notitia  sua  dignum  me 
crede.  Vale,  iuuenis  eruditissime.  XIV  Cal.  Junias. 
Tuus 

totus  M.  Opitius. 

Eruditissimo  Yiro  Domino  Christophoro  Colero  Suo. 

Boleslauiam. 

1)  Es  verstellt  sich  von  selbst,  das  die  katholische  gegenreformatiou  gomeiut  ist. 

2)  Apud  nos  —  plenisswuim  fehlt  bei  Coler. 

3)  Bekanter  buchdrucker,  der  unter  anderm  1631  Opitzens  lateinische  gedichte 
dnickte.  4)  Hs.  E  251  nr.  50. 

5)  Diese  Jahreszahl  ist  zu  ergänzen,  da  Coler  1629  aus  Strassbui'g  nach  Bimz- 
lau  zui'ückkehrte. 

6)  Der  brief,    den  Grotius   am   1.  februar  1629  Bemegger  ziu'  gelegentlichen 
besorgung  an  Opitz  sante  (G-V.  et  B.  Ep.  Mut.  Argent.  1667.  s.  27). 

7)  Schreibfehler  statt  aduolassem. 

8)  Apologeticus  corum,  qui  Hollandiae   Westfrisiaeqiie  ....  praefuerunt  . . . 
Paris  1622. 

9)  Melchior  Goldast,  genant  von  Haimisfeld  (1578  — 1635),  berühmter  polyhistor. 

ZEITSCHRIFT   F.    DEUTSCHE   PHILOLOGIE.     BD.    XXI.  3 


34  WITKOWSKl 

Martin  Opitz  an  Daniel  von  Cxepko.^  Breslau,  1.  Juni  [1629].^ 
S.  P.  D.  CL.  Vir,  Obstrictissimum  me  tibi  reddidisti  et  literis  tuis, 
et  carmine  panegyrico,  utiisque  eruditissimis.  Landes  qiias  mihi  tii- 
buis  immereiiti,  iure  tibi  reddo;  quem  ad  decus  literarum,  et  edita  uü'- 
tutis  templa  pleno  gradu  contendere,  diu  est  cum  audiui.  I,  quo  te 
ingenium  tu  um  et  auidus  scieutiarum  auimus  ducit;  uon  deerit  etiam 
in  iiac  seculi  malignitate  dignum  operae  pretium.  A  me  amorem,  et 
quicquid  in  limic^  hominem  cadit  expecta.  Ita  eniui  doctrina  tua,  ita 
beneuolentia,  qua  me  prosequeris,  meretur.  Quod  si  scribendi  officium 
etiam  requiris,  faciam  ne  quid  negligentiae  imposterum  penes  me  hae- 
reat.  Hactenus  negotiola  Patroni  domestici  obstiterunt,  quo  minus  ad 
amicissimam  tuam  epistolam  responderem.  Nunc  etiam  propero,  plena 
manu  paria  deinceps  facturus.  Yale,  iuuenis  doctissime.  Yratislauiae, 
Cal.  Juniis  Tuus 

Martinus  Opitius. 
Eruditissimo  Juueni  Domino  Danieli  Cepconi,  amico  suo  singulari. 

Suidnicium. 

XII.  5 

Martin  Opitz  an  Christoph  Coler.  Breslau,   7.  Juni  [1629].^ 

S.  P.  D.  Eruditissime  Colere,  De  patriae  statu  quid  possumus 
nisi  priuatim  queri?  luterim  alloquia  etiam  literarum  dolori  quantum 
possunt  medentur.  Mallem  tuam  praesentiam.  Tu  uideris,  si  hoc  com- 
modo  tuo  potest  fieri.  Gratissimus  certe  hospes  eris.  Grotii  Apologe- 
ticus^  maguopere  mihi  placet,  ob  libertatem  imprimis;  raram  hoc  seculo 

Opitz  rühmte  ihn  schon  im  „Aristarchus"  (1617)  als  „vir  in  comrnodum  ac  gloriam 
Germaniae  natus." 

1)  Hs.  E  251  nr.  44. 

2)  Über  Czepko  vgl.  den  treflichen  aufsatz  Pabns  a.  a.  o.  s.  261  —  302.  Seine 
beziehiuigen  zu  Opitz  werden  wol  dui'ch  Coler,  mit  dem  Czepko  in  Strasshiu'g  zusam- 
men studierte,  angeknüpft  worden  sein.  Ausser  dem  vorliegenden  briete  ist  von  dem 
briefwechsel  zwischen  Opitz  und  Czepko  nichts  bekant;  doch  wird  der  leztere  wider- 
holt in  briefen  Opitzens  und  Colers  erwähnt.  (Siehe  Jaski  a.  a.  o.  s.  71  und  weiter 
unten  brief  XVI  bis  XIX  und  XL.) 

3)  Nach  der  rückkehr  von  der  Universität  verweüte  Czepko  nur  noch  eimnal, 
1629,  in  Schweidnitz,  wohin  dieser  brief  gerichtet  ist. 

4)  so!  wol  so  \'iel  wie  talem. 

5)  Hs.  E  251  nr.  51. 

6)  Der  brief  ist  in  dasselbe  jähr  wie  nr.  XI  zu  setzen,  da  sich  sein  inhalt 
unmittelbar  an  jenen  anschliesst. 

7)  Siehe  s.  33,  anm.  8. 


BRIEFE   VON   OPITZ   UND   MOSCHEROSCH  35 

iiirtutem.  Vale,  amice  charissime  et  Optimum  sodalem  meum  Dominum 
Cnappium^  saluta,  utque  mearum  rerum  memoriam  non  seponat  mono. 
Ille  mihi  tecimi  semper  in  animo.  Yale  iterum  a.  V  ii.  d.  Juni.  Yra- 
tisl.  ex  regia. 

Tuus 

totus  M.  Opitius. 

Eruditissimo  Viro  Christophoro  Colero  Suo. 

xin.2 

Martin  Opitz  an  Christoph  Coler.  [Breslau],  28.  Od.  (Lex.?)  [1629].^ 
S.  P.  D.  Praestantissime  Colere,  Amplissimus  Lingelshemius  noster 
his  diebus  literas  ad  me  dedit,  quibus  erant  inclusae  istae,  quas  fidu- 
cia  amicitiae  nostrae  aperui.  CLi  Berneggeri  historiam^  iuuare  non 
possum:  rare  enim  aliquid  notai'e  soleo  ad  oram  librorum  meorum, 
quamuis  confidam  plura  ad  Augustos  Scriptores  me  scire  non  protiita. 
Cum  Muckio^  nimium  amicitiae  mihi  non  intercedit;  et  rectius  hoc 
facere  potest  Nüsslerus,  quem  tui  caussa  statim  monebo.  Gelhornium 
quem  tu  dicas  nescio,  quod  si  ille  Pridericus  est,  Consiliarius  Camerae 
Silesiacae,  scito  me  eo  uti  admodum  amico.  Itaque  inquire:  nulli  certe 
in  te  iuuando  operae  parcam.  Kirchnerianos  de  meis  libris  adhuc  tri- 
cas  nectere,  et  mendacii  me  arguere  doleo. '^  Ipsi  iiiderint,  mihi  pro- 
fecto  non  deerit  occasio  de  uindicta  cogitandi.  Theseum  nostrum 
saluta,  qui  pro  ueteri  amicitia  et  consanguinitatis  etiam  arctae  uinculo 
hoc  aget,  quod  suarum  est  partium.  Eo  candore,  ea  honestate  praedi- 
tus  simi,  ut  mentiil  uel  müle  librorum  caussa  nolim.  Intra  quatii- 
duum  Glacium  petam,  ante  duos  nienses  non  reuersurus.  Interea  tuas, 
sicubi  scribes,  Dauidio'  Müllero  transmittes,  qui  et  meas  tibi.  Vale, 
Vir  eruditissime.     XXVm.  d.  VIII  br. 

Tuus 

ex  animo  M.  Opitius. 

1)  Sonst  nirgends  envähnt. 

2)  Hs.  R  251  nr.  52. 

3)  Coler  hielt  sich  1629  in  Buuzlau  auf.  Ausserdem  ist  die  reise  nach  Glatz 
auch  in  Opitzens  brief  an  Buchner  vom  31.  dec.  1629  erwähnt  (Geiger  a.a.O.  s.  58: 
„nunc  eqims  ad  fores  est  qui  me  Olacium  vehat").  Vergleicht  man  damit  die 
unten  folgende  stelle:  „Intra  quatriduum  —  reuersurus",  so  erscheint  es  fast 
sicher,  dass  unser  brief  am  28.  decbr.  1629  geschrieben  ist. 

4)  Vielleicht  Berneggers  ausgäbe  des  Justinus  in  Historias  Troß  Pomjieji, 
die  1631  in  Strassbui'g  erschien. 

5)  Über  Muckius  ist  mir  nichts  näheres  bekant. 

6)  Seite  man  vielleicht  von  Opitzens  Übersetzung  des  Becauus  in  protestan- 
tischen kreisen  etwas  erfahren  und  ihn  deshalb  der  lüge  geziehen  haben  ?  —  Opitzens 
fi'euud  Kaspar  Kirchner  war  bereits  1627  gestorben. 

3* 


36  WiTKOWSKf 

Eruditissimo  Viro  Christophoro  Colero  Suo. 

Buntzlau. 
XIV.  1 
Martin  Opitz  cm  Caspar  Sinner.^  27.  Februar  1630. 

S.  P.  D.  lucundissime  Amicorum,  Tu  nihil  nisi  festiuitas  es,  adeo 
omnes  iios  Socraticis  sermonibus  pridie  exhilarasti.  ^  Et  nie  aeger- 
rime  hoc  discidium  nostrum  ferre  noueris.  Sed  iunget  nos  riirsum 
idem,  qui  nos  segregat  Dens  immortalis.  Optimos  amicorum  Schwein- 
beckium  et  Strackium'*  peramanter  sahito,  et  hospitam  beueuolentissi- 
niam  imprimis,  quam  quod  ex  incuria  et  obliuione  ante  discessum  non 
salutauerim ,  fateor  nie  uehementer  errasse.  Plurimum  certe  illi  debeo. 
Tu  me,  qua  facimdia  polles,  excusa,  et  longiores  Dresda  expecta.  Nunc 
propero.  Vale,  Propr.  Cal.  Mart.  CIÜIOCXXX. 
Tuus  ex  animo 

M.  Opitius. 
lucundissimo  Amicorum  Domino  Caspari  Sinnero  Suo. 

XY.^ 
Martin  Opitz  an  Caspar  Sinner.  Frankfurt  a.  M.,  29.  Marx  1630.^ 
S.  P.  D.  Desideratissime  frater,  Recte  huc,  quamvis  ob  grassatio- 
nes  militum  non  absque  periculo,  perueni,  et  iani  aliquot  dies  hie  moror, 
ob  nundinas,  quaruiii  occasione  omnia  bibliopolia  perscrutari  possuni. 
NuDc  cisiarios  quaero,  quibuscum  Argentoratum  inde  Lutetiam  ire 
liceat.  Vbi  uti  crebras  a  me  habebis,  ita  tuas  auide  expecto.  De 
rebus  circa  amicos,  quos  nosti,  quid  accidat,  quid  tecum  fiat,  quae  mei 
mentio  sit,  quis  Status  patriae,  quis  religionis,"  quis  Patroni  mei,  si 
me  certiorem  reddideris,  magnopere  me  tibi  deuincies.  Scito  me  nemi- 
nem sodalium  aeque  desiderare  atque  iucundissimos  tuos  fidissimosque 
sermones,  et  tu  quoque  aliqua  caussa  eris,  de  reditu  paullo  citius  cogi- 
tandi.      Interea    millies    milliesque    vale,    et   Dominum   Lachmann  um  ^ 

1)  Hs.  E  251  nr.  48. 

2)  Siehe  die  anm.  zu  nr.  XLII. 

3)  Opitz  hatte,  wie  er  au  Buchuer  bereits  am  31.  decbr.  1629  (Geiger  a.a.O. 
s.  58)  geschriebeu ,  gegeu  eude  februar  Breslau  verlasseu,  hatte  sich  «am  tage  zuvor 
iü  Laubau  bei  Sinner  aufgehalten  und  befand  sieh  bei  abfassung  dieses  briefes  auf 
dem  wege  nach  Dresden,  wo  er  einige  zeit  zu  verweilen  gedachte,  um  dann  über 
rrankfurt  a.  M.  und  Strassburg  nach  Paris  zu  reisen. 

4)  Schweinbeck  und  Strack  sind  mir  hier  erwähnt. 

5)  Hs.  R  251  nr.  38. 

6)  Siehe  nr.  XTV",  anm.  3. 

7)  Unbekant. 


BRIEFE   VON   OPITZ   UND   MOSCHEROSCH  37 

pliirimum  saluta;  Dominam  item  Magdalenam  nostram.     Francofurti  ad 
Moenum,  29.  d.  Martü  1630. 

Opitius. 
Si  meus  famidus  apiid  iios  adhiic  haeret  scribere  eiini.  ^ 
Domino  Casparo  Sinnero  Siio. 

XVI.  2 
Ma7'ti?i  Opitz  an  Christoph  Coler.  Breslau,  20.  November  1630. 

S.  P.  D.  Eruditissime  Colere,  Egregia  me  aduentitia^  tu  acCepco^ 
noster  ornatissimus  excepistis,  elegantibus  illis  carminibiis  iiestris,  quo- 
rum  beneficio  Musae  magis  magisque  servabimtur.  Ego  quae  reraittam 
hiiius  commatis,  non  habeo,  et  ea  uitae  meae,  adde  et  propositi  ratio 
est,  ut  ad  pangendos  uersus,  inprimis  Germanicos,  aegre  dehinc  redi- 
turus  sim.  Est  enim  etiam  in  his  rebus  certus  modus,  ac  furoris  meta. 
Tibi  prospera  omnia  eamque  tranquillitatem  exopto,  quae  curis  te  mino- 
ribus  eximat.  Ad  uos,  donec  Patronus  meus  hinc  abeat,  uenii'e,  nequeo, 
id  quod  admodum  tarnen  uelim.  Et  dabitur  aliqua  itineris  tam  minuti 
occasio.  Interea  literarum  officio  fungamiu',  si  libet.  Desidiam  certe 
accusari  in  me  non  patiar.  Cum  Mullero^  de  impedimentis  tuis  locu- 
tus  sum.  Yale,  ac  Cepconem  saluta.  Yratislauiae ,  a.  d.  XX.  m  IXbr. 
CIOIOCXXX. 

Tui  amantissimus 

Mart.  Opitius. 
Ornatissimo  Viro  Christophoro  Colero,  amico  singiüari. 

Bregam. 
XYII.« 
Martin  Opitz  an  Christoph  Coler.  Breslati,  20.  Dezember  1630. 

S.  D.  Praestantissime  Colere,  Praeter  has  quae  iam  mihi  redditae 
sunt,  nonnisi  unas  a  te  accepi,  ex  quo  domum  reuersus  sum,  ad  quas 
statim  respondi.  ^     Alias  cum  non  iiiderim,  tu  scies  cui  illas  tradideris. 

1)  sc.  volo. 

2)  Hs.  R  251  nr.  45. 

3)  Opitz  wird  etwa  ende  Oktober  nach  Breslau  zurückgekehrt  sein,  da  er  am 
27.  seijtember  von  Leipzig  aus  an  Buchner  schlich  (Geiger  im  Aruh.  f.  htgesch. 
Y,  356). 

4)  Siehe  s.  34  anm.  2. 

5)  Opitzens  und  Colers  Verleger  David  Müller  in  Breslau. 

6)  Hs.  E  251  nr.  54.  Antwort  auf  Colers  brief  vom  13.  november  1628  (Jaski 
a.  a.  0.  s.  68  fgg.). 

7)  Der  vorhergehende  brief. 


38  WITKOWSKI,    BRLEl^E   VON   OPITZ   UND   MOSCHEROSCH 

De  Odis  gmtias  habeo  singiilares  prorsus  tais,  icl  est,  optimis.  Mül- 
lerus^  Glogoiiiae  haeret,  Ms  demum  diebus  reuersurus.  Tu  recte  facies, 
si  ipse  ad  eiini  de  siipeilectüe  tua  perscribes,  cum  illum  impense  tibi 
faiiere  sciam.  Jussit  me  tibi  offerre  mensam  lüctiimque  et  habitationem 
siiarmn  aediiim,  ea  conditione,  ut  liberis  illius  quotidie  aliqiüd  tempo- 
ris  impendas,  donec  melius  consuli  tibi  deinceps  forte  possit.  Neque 
hoc  abiret,  ut  puto,  sine  aliquo  salariolo.  Tu  uideris;  ego  enim  et 
couditionom  nunc  tuam  ignoro,  et  propterea  nihil  suaserim,  ne  si  res 
eos  non  sortiatur  exitus  quos  utrinque  uelitis,  poenitentiae  culpam  ipse 
luam.  Omnibus  tarnen  modis  solicitus  semper  ero,  quei  ornari  ex 
merito  ac  prouehi  possis.  Mone  quid  sentias.  Czepkium  saluere  iubeo, 
et  tecum  ualere.     Yratisl.  a.  d.  XX.  m.  Xbr.  CIOIOCXXX. 

Tiü 

amantissimus 

M.  Opitius. 

[Am  rande] :  Eruditissime  Colere,  Consanguineus  mens  Caspar 
Cunradus-  I.  V.  C.  mihique  coniunctissimus  a.  d.  XI.  Januai'.  Sophiam 
Firliam  Gorlicii  ducet,  puellam  praestantissimam.  Ei  cum  Epithala- 
mium  debeam,  te  quoque  de  Epigrammate  in  hanc  rem  rogo.  Idem 
et  CL.  Cepconem  nosti'um  liuc  inuitabis.  Sufficient  pauca,  damit  mei- 
nes vud  der  kerren  aiiff'  einen  Bogen  kommen.  Es  solte  aber  in 
8  tagen  allbereit  hier  sein.  Ytrum  latine  aliquid  moliamini,  utrum 
Germanice  perinde  est:  cantilenae  tamen  germanicae  ambos  decent. 

Praestantissimo  Viro  Christophoro  Colero  Suo. 

Bregam. 
beim  H.  Joachim  Stein  abxiiegeben. 

1)  Siehe  s.  37,  anm.  5.  Über  Müllers  Verhältnis  zu  Coler  vgl.  die  ein- 
leitung. 

2)  Der  Breslauer  Gönner  Opitzens  gleichen  namens  kann  hier  nicht  gemeint 
sein,  da  derselbe  doctor'  der  medicin  war,  und  am  22.  januar  1630  in  dritter  ehe 
Barlmra  Rumbaum  geheiratet  hatte  (Oesterley  a.  a.  o.  nr.  93). 

(Sghluss  folgt.) 


39 


DAS  SOOENAJ^TE  HAMBUEGEE  PEEISAUSSCHEEIBEN. 

J.  Minors  beitrag  „Zur  Hambui'gischen  preisausschreibimg"  (in  die- 
ser ztschr.  XX,  s.  55  fgg.)  beweist,  dass  das  abschliessende  wort  über 
jene  dramatische  concurrenz,  in  welcher  Leisewitzens  „Julius  von  Ta- 
rent"  den  „Zwillingen"  von  Klinger  unterlag,  noch  immer  nicht 
gesprochen  ist.  So  weit  ersichtlich,  stüzt  sich  die  Untersuchung  Minors 
auf  quellen  zweiter  band,  die  sich  sämtlich  als  getrübt  erweisen.  Aus 
der  originalquelle  lässt  sich  der  wahre  Sachverhalt  m  vollem  umfange 
ohne  mühe  construieren. 

Das  „Hamburgische  theater",  I.  band,  1776,  gibt  in  seiner  ein- 
leitmig  sowol  den  Wortlaut  des  ausschreibens  als  die  officielle  verkiüi- 
dung  des  resultates.  Obgleich  bereits  Henneberger  in  seinem  „Jahrbuch 
für  deutsche  litteraturgeschichte "  (1855,  s.  111  fgg.)  das  wesentlichste 
hiervon  zum  abdruck  bringt,  sei  zur  endgültigen  auf  Märung  der  immer 
noch  verwirten  angelegenheit  der  abdruck  hier  teilweise  widerholt. 

Das  sogenante  Preisausschreiben  fülirt  die  einfache,  aber  sehr 
bezeichnende  Überschrift:  „Ankündigung."  Die  in  betracht  kommen- 
den stellen  dieser  ankündigung  lauten: 

„Wir  erbieten  uns  .  .,  für  jedes  originalstück,  von  drei  oder 
fünf  akten,  es  sei  trauer-  oder  lustspiel,  dem  Verfasser  20  alte 
loiüsd'or,  jedoch  unter  folgenden  bedingungen  zu  bezahlen  . . ." 
Es  wird  nun  nur  verlangt,  dass  es  „in  ansehung  seines  sitlichen 
inhalts  auf  der  bühne  gebraucht  werden  dürfe,"  sowie  dass  es  nicht 
zu  grossen  aufwand  an  kleidern,  dekorationen  und  personen  erfordere.  — 
Trauerspiele  seien  in  prosa  Keber  gesehen  als  in  versen.  —  Allerdings 
solle  nicht  jedes  eingesante  stück  etwa  ein  anrecht  auf  die  hundert 
thaler  haben: 

„wir  wünschen,  durch  diesen  weg  mehr  gute  originalstücke  auf 
unser  theater  zu  bringen.  Und  daher  lässt  sich  freilich  schon 
schliessen,  dass,  wenn  wir  uns  auch  dramaturgische  kriti- 
ken  anmassen  dürften,  wir  dennoch  unter  den  jetzigen 
umständen  nicht  so  gar  strenge  sein  würden."^  „Xoch  bit- 
ten wir-,  die  öffentliche  bekantmachung  dieses  anerbietens  keiner 
andern  absieht  zuzuschreiben,  als  damit  es  dadurch  solche 
gelehrte  erfahren  mögen,  die  wir  nicht  die  ehre  haben  zu 
kennen,  um  es  ihnen  privatim  zu  tun. 

1)  Die  Worte  „wenn  —  würden"  sind  im  original  fett  gedruckt. 


40  WOLFF 

Solte  einer  oder  der  andre  lierr  Verfasser  ims  unter  andern 
bedingungen  seine  arbeiten  überlassen  wollen;  so  wird  aus  dem 
vorigen  schon  erhellen,  wie  geneigt  wir  sind,  dramatische  talente 
zu  verehren,  und  die  für  uns  angewendete  mühe  nach  unsem  kräf- 
ten  zu  erkennen. 

Hamburg,  den  28.  februar  1775. 

Sophie  Charlotte  Ackermann. 
Friedrich  Ludwig  Schröder." 

Die  Überleitung  zur  verküudung  des  resultates  bildet  der  nachstehende 

beachtenswerte  absatz: 

„Preisstücke  also!  —  was  sind  das?  Meisterstücke  etwa, 
die  mit  allen  bisherigen  um  den  preis  streiten  sollen?  —  Nicht 
doch!  Preisstücke  sind  in  unserer  bedeutimg,  um  allen  aus- 
legungen  vorzubeugen,  gute  und  brauchbare  originale,  und 
gute  und  brauchbare  Verdeutschungen.  Die  kritik  also  muss  sich 
hauptsächlich  über  ihre  brauchbarkeit  erstrecken,  und  darimi 
mehr  praktisch  sein." 

Zu  der  bezeichnung  „brauchbar"  ist  am  ende  der  seite  folgende  anmer- 

kung  gemacht: 

„Gerade  ein  meisterstück  oder  werk  des  genies  kann  zu- 
weilen nicht  brauchbar  sein." 

Sodann  geht  es  an  die  aufzälilung  der  im  selben  bände  veröffentlichten 

„preisstücke."     Es  heisst  da: 
„Dieser  band  enthält: 

1)  Die  Zwillinge,  ein  trauerspiel  von  herrn  Klinger.  — 
Sonderbar  wars,  dass  kurze  zeit  auf  einander  drei  trauerspiele  ein- 
gesant  wurden,  die  alle  drei  den  brudermord  zum  gegenstände 
hatten.  Das  erste:  Die  unglücklichen  b rüder,  war  zu  leer  an 
handlung,  nicht  überdacht  und  reif  genug,  obschon  einige  scenen 
vorteilhaft  und  erwartung  erregend  angelegt,  die  aber  unbefriedigt 
blieb.  Das  zweite  hiess  Julius  von  Tarent,  handlungsvoll,  schön 
dialogiert,  voll  nerve  und  geist;  alles  entdeckt  den  kenner  der  lei- 
denschaft,  den  denkenden  köpf,  den  Sprecher  des  menschlichen  her- 
zens,  \md  kurz  —  den  dichter  von  talenten;  es  war  des  preises 
entschieden  wert,  bis  ihm  das  dritte:  Die  Zwillinge,  denselben 
dadurch  abgewonnen,  dass  es  die  mächtig  gewaltige  triebfeder  der 
unentschieden  gebliebenen  erstgeburt  voraus  hatte.  „Wer  beweist 
mir,  dass  nicht  ich  der  erstgeborene  von  uns  z^vilLingen  war?" 
Das  entflamt  den  wilden  hintennach  gesezten  Gruelfo,  und  darüber 
fallen  sie  beide." 


HAilBUBGER   PREISAUSSCHREIBEN  41 

Es  folgen  der  reihe  nach  bemerkimgen  zu  den  übrigen  im  I.  bände 
enthaltenen  stücken;  dies  waren:  „Die  reiche  fi'au",  „Die  nebenbuhl  er", 
„Was  sein  soll,  scliickt  sich  wol"  —  von  denen  das  erstere  ein  ori- 
ginal-lustspiel  von  Karl  Gotthelf  Lessing,  die  beiden  andern  Über- 
setzungen Avaren  —  und  zwar  wird  das  leztgenante  als  vor  erlass  des 
Preisangebotes  eingereicht  bezeichnet. 

Die  einleitung  des  I.  bandes  schliesst  mit  folgendem  frommen 
wünsch: 

„Wir  hängen  nur  noch  den  wünsch  und  die  bitte  an  Deutschlands 
dichter  an,    dies  werk  zu  unterstützen.     Ihr  eifer,    und  unser  dank 
imd  aufmunterung,  können  uns  in  den  stand  setzen,  das  eigentlich 
auslcändische  zu  entbehren,   und  den  fi-ommen  gedanken  vom  natio- 
nal-theater  zur  Wirklichkeit  zu  bringen." 
Der  im  folgenden  jähre  ausgegebene  11.  band  des  „Hamburgischen 
theaters"  wird  mit  der  widerholten  Versicherung  eingeführt:  „Wir  geben 
darin    alles,    was  wir    haben."      Das  waren   noch   einmal   vier   stücke, 
zunächst  „Henriette"  vonGrossmaun,  welches  die  vorrede  —  im  gegen- 
satz  zu  der  sich  dadurch  als  irtiim  charakterisierenden  angäbe  Meyers 
(„Schröder"  I,  275),    dass  „die  reiche  fi'au"    das   erste  überhaupt  ein- 
gereichte stück  gewesen  sei  —  als  erstes  eingesantes  preisiustspiel ,  und 
„Gianetta   Montaldi"    von    Schink,    welches    sie   als    erstes    eingesantes 
preistrauerspiel  bezeichnet,  —  beide  nunmehr  in  Umarbeitungen;  sodann 
zwei   Preisübersetzungen    „Jeanette"    imd    „Geschwind,    eh    es   jemand 
erfährt." 

In  der  diesen  beiden  bänden  angefügten  repertoire -Übersicht  wer- 
den noch  folgende  5  preisübersetzungen  genant:  „Die  notlügen",  „Das 
mädchen  im  Eichtale",  „Amalia  Schönwald",  „Die  stutzerüst"  und 
„Athelstan."  Die  repertoire -Übersicht  des  IH.  bandes  berichtet  die  auf- 
führung  von  zwei  ferneren  preisübersetzungen:  „Handlung  und  tausch" 
lind  „Wie  man  eine  band  umkehrt."  Neue  originale  enthielt  dieser 
band  gar  nicht,  sondern  nur  vier  Übertragungen,  nämlich  ausser  den 
schon  erwähnten  preisübersetzungen  „Das  mädchen  im  Eichthale"  und 
„Wie  man  eine  band  mnkehrt"  noch  „Hamlet"  und  „Der  argwöhnische 
ehemann."  Schröder  bemerkt  dazu  in  der  einleitung:  „Zwei  originale 
und  zwei  umgearbeitete  stücke  anderer  nationen  dem  publikum  jähr- 
lich zu  geben,  schien  mir  äusserst  wahrscheinlich,  und  doch  hat  mich 
der  erfolg  gelehrt,  dass  ich  viel  zu  viel  versprochen,  obgleich  die 
anzahl  der  eingesanten  stücke  beträchtlich  ist." 

Die  erste  aufführung  der  original -preisstücke  geschah  in  der  zeit 
vom  19.  September  1775  („Henriette")  bis  23.  februar  1776  („Die  zwil- 


42  WOLFF 

linge");  „Die  reiche  fraii"  war  am  13.  Oktober,  „Gianetta  Montaldi'' 
am  24.  iiovember  1775  aufs  repertoii'e  geeezt.  Die  erste  aiifführimg 
mancher  preisübersetzungen  zog  sich  bis  in  das  theaterjahr  von  ostern 
1777  bis  78  liin.  —  Den  „Julius  von  Tarent"  bezeichnet  die  reper- 
toire- Übersicht,  ohne  die  benennung  preistrauerspiel  zu  gebrauchen,  als 
am  20.  februar  1777  zuerst  dargestelt. 

Soweit  der  tatbestand,  aus  dem  sich  alle  erforderlichen  Schlüsse 
unmittelbar  ergeben. 

Zunächst  erweist  sich  die  grimdlage  der  meisten  forschüngen  über 
unser  thema  als  ein  offenbares  misverständnis :  denn  nach  dem  Wort- 
laut der  „ ankündigung"  kann  von  einem  Preisausschreiben  im 
gewöhnlichen  heutigen  sinne  des  wertes  nicht  die  rede  sein;  viel- 
mehr handelte  es  sich  um  nichts  anderes  als  um  ein  anerbieten  Schrö- 
ders, „brauchbare"  bühnenwerke,  die  ihm  zur  aufführung  eingereicht 
würden,  von  jezt  an  nicht  mehr  —  wie  es  algemein  sitte  war  —  ohne 
bezahlung  zu  lassen,  sondern  mit  einem  angemessenen,  festen  preise  zu 
honorieren.  Nicht  also  die  ausschreibung  einer  preisconcurrenz  nach 
art  der  1757  von  Nicolai  erlassenen  ist  in  Schröders  „ankündigung" 
zu  sehen,  sondern  das  erste  wirklich  betätigte  freiwillige,  öffentliche 
erbieten  eines  theaterdirektors  zur  honorarzahlung  an  den  autor. 

"Wenn  trotzdem  in  der  Urteilsverkündung  behauptet  wird,  „Die 
Zwillinge"  hätten  dem  „Julius  von  Tarent"  den  preis  „abgewonnen"  — 
was  doch  offenbar  auf  eine  concurrenz  liindeutet  und  worin  ich  in 
Übereinstimmung  mit  Henneberger  (a.  a.  o.  s.  114)  die  wurzel  des  ver- 
breiteten irtums  sehe  — ,  so  ist  es  naheliegend,  die  erklärung  in  dem 
umstände  zu  suchen,  dass  die  aufführung  dreier  stücke  mit  demselben 
thema  innerhalb  desselben  Jahres  nicht  gut  möglich  war.  Obgleich  also 
jedes  eingelaufene  stück  nur  auf  seine  absolute  brauchbarkeit  ohne 
rücksicht  auf  die  andern  eingesanten  dramen  geprüft  werden  softe, 
muste  ein  relatives  abwägen,  also  ein  concurrieren,  von  dreien  der 
eingelaufenen  trauerspiele  infolge  der  zufälligen  Übereinstimmung  des 
themas  eintreten;  und  zwar  wurde  hierbei,  entsprechend  dem  Wortlaut 
und  —  zweck  des  ausschreibens ,  in  erster  linie  auf  die  „brauchbar- 
keit" für  theatralische  auffülirung  gesehen  imd  bei  verkündung  des 
resultates  ausdrücklich  hervorgehoben,  dass  die  mehr  oder  minder 
grosse  brauchbarkeit  eines  Stückes  nicht  dem  grade  seines  wertes 
entspreche. 

Es  ist,  als  ob  Schröder  die  misverständnisse,  denen  sein  löbliches 
vorgehen  ausgesezt  war,  und  die  daraus  entspringenden  anklagen  vor- 
ausgesehen  hätte!      Bereits   in    der    „ankündigung"    verwahrt   er   sich 


HAMBURGER   PREISAUSSCHREIBEN  43 

gegen  jede  „andere  absieht"  als  die  der  anknüpfung  von  beziehun- 
gen  mit  ihm  bisher  unbekanten  autoren;  und  vor  verkündimg  des 
resiütates  erklärt  er  nachdrücklich,  „um  allen  auslegungen  vor- 
zubeugen", dass  es  ihm  nur  um  erwerb  von  zur  auffülirung  „brauch- 
baren" stücken  zu  tim  sei.  Solle  nicht  vielleicht  gar  die  mehi-erwähnte 
reserve:  „Gerade  ein  meisterstück  oder  werk  des  genies  kann  zuweilen 
nicht  brauchbar  sein"  in  direktem  hinblick  auf  „Julius  von  Tarent" 
und  um  allen  anklagen  wegen  Zurücksetzung  dieses  treflichen  trauer- 
spiels  von  vorn  herein  die  spitze  abzubrechen,  geschrieben  sein?  Wenig- 
stens bei  dem  biographen  Leise witzens,  bei  Kutschera,  dem  übrigens  — 
wie  im  gegensatz  zu  Minor  bemerkt  sei  —  der  richtige  Sachverhalt 
bekant  ist  (s.  s.  70),  hat  Schröder  mit  diesem  vorbehält  erfolg  erzielt: 
„Yon  ihrem  Standpunkte",  gibt  er  (s.  73)  zu,  „stelten  die  preisrichter 
die  „Zwillinge"  vielleicht  mit  recht  voran;  denn  sie  gingen  von  dem 
wünsche  des  theatereffektes  aus,  und  dieser  war  wol  für  das  publikum 
von  den  „Zwillingen"  in  grösserem  masse  zu  erwarten,  als  vom  „Ju- 
lius." Ich  möchte  darum  auch  gar  nicht  mit  Henneberger  die  zurück- 
setzende kiitik  des  „Julius  von  Tarent"  hauptsächlich  Bode  zur  Last 
legen;  denn  wenn  er  auch,  wie  Schröder  ausdrücklich  anerkent,  der 
veranlasser  der  rühmenswerten  „ankündigung"  und  also  wohl  auch  ein 
beirat  Schröders  in  der  auswahl  der  eingelaufenen  stücke  war,  so  ist 
doch  nur,  um  Meyers  ausdruck  (a.  a.  o.)  zu  gebrauchen,  von  einer 
„mitprüfung  seiner  kritischen  freunde",  nicht  aber  von  einer  Unter- 
ordnung Schröders  unter  das  urteil  eines  regelrechten  Preisgerich- 
tes zu  sprechen;  überdies  ist  dem  bühnenpraktikus  Schröder  —  ohne 
eine  schmälerung  seiner  Verdienste  sei  es  gesagt!  —  sehr  wol  eine 
bevorzugung  des  „brauchbaren"  vor  dem  „genialeren"  zuzutrauen. 
Jedenfals  muss  die  anklage  wegen  Zurücksetzung  des  „Julius  von 
Tarent"  auf  ein  minimum  reducirt  werden,  seitdem  uns  einmal  fest- 
steht, dass  Leisewitz  ens  werk  nicht  in  regelrechter  preisconcurrenz, 
sondern  in  einer  zufällig  notwendig  gewordenen  ab  wägung  der  mehr 
oder  minder  grossen  bühnenbrauchbarkeit  den  „Zwillingen"  Klin- 
gers unterlag.  Überdies  hat  Schröder  nicht  nur,  wie  oben  erwähnt, 
später  sehr  bald  Leisewitzens  trauerspiel  zur  aufführung  gebracht  — 
er  muste  eben  doch  wenigstens  ein  jähr  zwischen  der  aufführung 
zweier  tragödien  mit  gleichem  stoff  verstreichen  lassen  —  und  hat 
sich  nicht  nur  selbst  zu  der  rolle  des  fürsten  darin  nach  Meyers 
bericht  (I,  295)  „lange  vorbereitet  und  seinen  gang  sorgfältig  geübt", 
sondern  er  ist  auch  bereits  1776  in  persönliche  freundschaft  zu  dem 
dichter  getreten  (s.  Meyer  I,  287),  —  beweis  genug,  dass  er  den  wert 


44  WOLFF 

des  genialen  Jünglings  und  seines  nieisterwerkes  zu  würdigen  nicht 
ermangelte. 

Ebenso  wenig  wie  von  einer  eigentlichen  preiski'önung  Klingers 
kann  von  einer  zuerkennung  des  accessit  an  Schink  die  rede  sein. 
Die  beti'effende  von  Minor  aus  „Tiedges  Leben  und  poetischem  nach- 
lass"  (herausgegeben  von  Falkenstein,  I,  281)  aufgenommene  behaup- 
timg  stamt  aus  einem  briefe  Tiedges,  der  von  der  falschen  Voraus- 
setzung einer  „von  dem  Hamburger  theater  eröfneten  preisbe Werbung" 
ausgeht.  Tiedge  weiss  offenbar,  dass  ausser  Klingers  „Zwillingen", 
wie  erwähnt,  Schinks  „Gianetta  Montaldi"  des  preises,  d.  h.  des  hono- 
rars,  wüi-dig  befunden  ist.  Dies  zu  seiner  falschen  Voraussetzung  einer 
ausgeschriebenen  concurrenz,  ergibt  folgerichtig  seine  grundlose  behaup- 
tung,  dass  Leisewitz  auch  mit  Schink  „in  den  wetlauf  geti'eten"  sei. 
Schinks  stück  gehörte  nicht  zu  den  brudermord-tragödien,  wurde  also 
—  um  es  zum  überfluss  nochmals  zu  betonen  —  in  keinerlei  ver- 
gleichung  mit  „Julius  von  Tarent"  gesezt.  Die  von  Tiedge  widergege- 
bene äusserung  Schinks,  „dass  es  leichter  sei,  ein  preisaccessit  in 
Hamburg  zu  gewinnen,  als  einen  „Julius  von  Tarent"  zu  schreiben", 
widerspricht  diesem  Sachverhalt  durchaus  nicht;  im  gegenteil,  da  durch 
Schröders  bekantmachung  in  der  vorrede  zum  H.  bände  seines  „Ham- 
burgischen theaters"  feststeht,  dass  der  „Gianetta"  der  preis,  d.  h. 
widerum  das  „angekündigte"  honorar,  zuerkant  wurde,  so  erhärtet 
gerade  auch  Schinks  äusserung  die  tatsache,  dass  es  sich  um  keine 
eigentliche  concurrenz ,  sondern  um  einen  blossen  access  zur  honorierung 
gehandelt  hat.  Auch  wählte  Schink  vielleicht  die  bescheidene  bezeich- 
nung  „accessit",  weil  er  sein  stück  vor  der  drucklegung  noch  umar- 
beitete. Gleichviel,  das  honorar  (der  „preis"  oder  das  „accessit"), 
welches  Schink  erhielt,  bedeutete  keinerlei  Zurücksetzung  des  allerdings 
zunächst  leer  ausgehenden  Leisewitz,  dessen  „Julius"  eben  nui*  mit 
den  beiden  andern  brudermordstücken  auf  seine  bühnenbrauclibarkeit 
hin    „  concurrierte." 

Was  schliesslich  „Galora  von  Yenedig"  beti'ift,  die  Minor  nach 
Hagen  („GescMchte  des  theaters  in  Preussen",  s.  304)  heranzieht,  so 
stehen  wir  anscheinend  vor  einem  unlösbaren  Widerspruch:  Li  der  offi- 
ciellen  preisverkündung  betont  Schröder  ausdrücklich  als  „sonderbar", 
dass  drei  trauerspiele ,  welche  den  brudermord  behandeln,  nämlich 
„Die  Zwillinge",  „Julius  von  Tarent"  und  „Die  unglücklichen  brüder", 
eingereicht  seien.  Wären  vier  bearbeitungen  dieses  selben  Stoffes  ein- 
gelaufen, so  hätte  Schröder  dies  ftictum  als  noch  „sonderbarer"  her- 
vorheben  müssen.      Dem   gegenüber   behauptet   Hagens   gewähi-smann, 


HAMBüR&ER  PREISAUSSCHREIBE^r  45 

der  „Danziger  theaterrecensent "  Gomperz,  positiv:  „Dieses  trauerspiel 
weteiferte  mit  Julius  von  Tarent  und  mit  den  Zwillingen  um  den  preis 
bei  der  Hambm-ger  direction  des  theaters."  Es  bleiben  nur  zwei  mög- 
liclikeiten:  entweder  gibt  Gomperz  eine  positive  Unwahrheit  oder  — 
„Galora  von  Venedig"  ist  mit  dem  verschollenen  dritten  bradermord- 
stück  „Die  unglücklichen  brüder"  identisch.  —  "Würde  nun  ein  zwei- 
fei an  der  behauptung  eines  sonst  unbekanten  „theaterrecensenten" 
vielleicht  berechtigung  haben,  so  darf  doch  ein  mann  wie  Gomperz 
eine  gewisse  autorität  für  sich  in  ansprach  nehmen.  Er  ist  der  Ver- 
fasser jener  „Briefe  über  die  deutsche  litteratur  und  spräche",  welche 
eine  der  besten  gegenschriften  zu  Friedrichs  des  Grossen  erörterungen 
„De  la  litterature  allemande"  bilden.  Die  von  Hagen  angezogene 
äusserung  findet  sich  in  Gomperz'  „Kritischen  bemerkungen  über  das 
theater,  entworfen  bei  anwesenheit  der  Schuchischen  geselschaft  in  Dan- 
zig"  (Danzig  1781).  Der  Verfasser  zeigt  sich  wolunterrichtet,  seine 
erwähnung  des  Hamburger  Preisausschreibens  bildet  den  ersten  satz 
der  besprechung  von  T.  B.  Bergers  „Galora"  (s.  117  fgg.),  ja,  er  ver- 
sucht im  laufe  der  kritik  die  Zurückweisung  seitens  der  Hamburger 
theaterdirection  zu  rechtfertigen,  und  da  heisst  es  denn  sogleich: 
„Wahrscheinlich  haben  die  häufigen  lücken  in  der  handlung  es  vom 
ziel  entfernt"  —  ganz  wie  das  Hamburger  urteil  über  „Die  imglück- 
lichen  brüder"  lautet:  „zu  leer  an  handlung."  Allerdings  finden  im 
gegensatz  hierzu  Hagen  und  Minor,  ohne  ihre  behauptung  zu  begrün- 
den, die  „Galora"  eher  zu  überladen  an  handlung.  Gomperz  erklärt 
sich  näher:  „Man  erwäge  nui'  z.  b.,  me  unwahrscheinüch  es  ist,  dass 
ein  prinz,  der  so  glühend  liebt,  dass  er  fähig  ist,  seinen  brüder  der 
räche  aufzuopfern,  es  mit  gleichgiltigkeit  ansehen  konte,  wenn  man 
ihm  seine  geliebte  entreisst.  Der  handlimg  fehlt  einheit.  Die  heldin 
des  Stückes,  die  hauptsächlich  interessieren  solte,  liegt  im  l.akt  2.  aufz. 
in  Ohnmacht,  ohne  dass  die  mutter  und  Casori  sich  darum  bekümmern. 
Im  3.  akt  stirbt  sie  schon.  Darauf  folgt  im  4.  akt  die  ermordung 
des  kardinals.  Diese  begebenheit  ist  zwar  eine  folge  der  haupthand- 
lung,  aber  nicht  darin  verkettet.  Auf  Avunderbare  weise  treffen  alle 
personen  im  kloster  zusammen.  Alles  geht  hier  mit  Zauberkraft  zu; 
und  ohne  den  deus  ex  machina  kann  man  sich  die  ereignisse  nicht 
denken  ...  Den  etwaigen  beifall,  den  es  erhält,  hat  es  eimgen  tra- 
gischen Zügen  und  dem  nomiengesange  zu  verdanken."  —  Ich  muss 
mich  mit  meinem  urteil   durchaus  auf  die  seite  von  Gomperz  stellen.  ^ 

1)  Auch,  die  „Königsbergisch.en  gelehrten  und  politischen  Zeitungen"  vom  jähre 
1780,   16.  bis  20.  stück,   enthalten  ein  nach  dieser  richtung  hin  vernichtendes  uiieil 


46  WOLFP 

Namentlich  ist  in  der  tat  die  haupthandlung  mit  dem  3.  akte  abge- 
schlossen, und  die  erwartung  grosser  taten  erweckt  eigentlich  nur  der 
1.  akt,  in  welchem  sich  allerdings  die  motive  geradezu  überstürzen. 
Passt  dies  nicht  widerum  zum  Hamburger  richterspruch  über  „Die 
unglücklichen  brüder":  ..  „obschon  einige  scenen  vorteilhaft  mid  erwar- 
tung erregend  angelegt,  die  aber  unbefriedigt  blieb"?  Überdies  wird 
die  erste  fassung  der  „Galora"  naturgemäss  noch  ärmer  an  handlung 
gewesen  sein  als  die  im  druck  allein  vorliegende  spätere  Umarbeitung.  — 
Ferner  wirft  Hagen  ein,  es  „würde  dieser  name  nicht  passen."  Und 
doch  werden  in  der  „Galora"  gegen  schluss  die  brüder  widerholentüch 
„unglückKch"  genant;  Garsias  sagt  zu  sich  selbst  (lY,  9):  „Dein  brü- 
der lauert  wie  ein  raubvogel  auf  dein  blut!  —  Aber  nein,  er  mag 
leben,  mag  er  doch  leben!  Ich  allein  will  unglücklich  sein!" 
Ebenso  (Y,  5):  „Der  unglückliche  kent  keine  furcht.  Ich  mag  nicht 
leben!"  Und  in  der  folgenden  scene:  „Enden  sie  mein  imaussprech- 
liches  elend,  sonst  macht  mich  das  un glück  wahnsinnig." —  Wichtiger 
als  diese  anklänge  ist  die  erwägung,  dass  „Galora"  mit  dem  3.  akte 
verschwindet,  um  dem  kämpfe  der  brüder  allein  das  feld  zu  überlas- 
sen; hebe  und  tod  der  Galora  bietet  somit  nur  die  Vorbereitung  zu  der 
endkatastrophe,  dem  tode  der  brüder,  dar.  Dass  dieser  aber  als  haupt- 
motiv  gedacht  war,  beweisen  die  Schlussworte:  „Jedes  blatt  in  der 
geschichte  ist  mit  einem  brudermord  gestempelt."  Danach  scheint  mir 
der  name  „Die  unglücklichen  brüder"  zum  mindesten  ebenso  berech- 
tigt wie  „Galora  von  Yenedig",  um  so  mehr,  wenn  in  der  ursprüng- 
lichen fassung  der  anfang  gleich  leer  an  handlung  war  wie  der  schluss; 
mit  einer  Verstärkung  der  ersten  imi  Galora  gruppierten  akte  war  dann 
der  neue  titel  von  selbst  gegeben.  Dass  auch  äusserer  grund  zur  ände- 
rung  desselben  vorhanden  war,  liegt  auf  der  hand:  niemand  sendet 
gern  ein  werk  mit  dem  kenzeichen  einer  erlittenen  niederlage  in  die 
weit,  am  wenigsten,  wenn  er  —  wie  es  dui'ch  Umarbeitung  gesche- 
hen —  das  abweisende  uiieil  als  berechtigt  anerkent. 

Steht  uns  somit  die  Identität  der  ersten  fassung  von  T.  B.  Ber- 
gers „Galora  von  Yenedig"  mit  dem  dritten  Hamburger  brudermord - 
stück  „Die  unglücklichen  brüder"  fest,  so  dürften  schhesslich  einige 
notizen  über  den  Verfasser  dieser  ti-agödie  angebracht  sein.     Nach  Meu- 

über  die  „Galora."  Nach  einer  freundliclien  mitteilung  des  herrn  Stadtbibliothekars 
A.  Wittich  in  Königsberg,  der  diese  mehr  als  30  spalten  füllende  recension  dui'ch- 
gesehen,  wird  dui'ch  eingehende  Zergliederung  des  di'amas  nachgOAviesen ,  dass  weder 
eine  wirkliche  hauptfigur  darin  vorhanden,  noch  die  einheit  der  handlung  —  als 
„eine  kette  verknüpfter  vorfalle"  — •  irgend  gewahrt  worden  ist. 


HAMSITRGER  PREISAtrsSCHRElBEN  47 

sels  „Gelehrtem  Teutschland"  von  1796  ist  Traugott  Benjamin  Berger 
zu  Wehlstädtchen  bei  Pirna  in  Sachsen  1754  geboren,  war  also  zwei 
jähre  jünger  als  seine  concurrenten  Klinger  und  Leisewitz;  er  wird  als 
obersteuersecretär  in  Dresden,  vorher  hoftneister  zu  Frankenberg  im 
erzgebii'ge,  aufgeführt.  Erschienen  sind  von  ihm:  ausgäbe  des  Achilles 
Tatius  1776;  „Achills  zürnender  schatten",  ein  tragisches  Singspiel 
in  5  aufzügen,  1777;  „Liederchen  und  gedichte"  1777;  „Die  beschleu- 
nigte hochzeit",  komische  oper,  1777;  „Der  landtag",  lustspiel,  1777; 
„Lykon  und  Ayle",  eine  scene  aus  der  alten  weit,  1778;  „Galora 
von  Yenedig"  1778,  neue  (dem  anschein  nach  titel-)  aufläge  1790; 
ausserdem  passionskantaten  sowie  gedichte  in  den  Leipziger  und  Göt- 
tinger musenalmanachen  (teils  mit,  teils  ohne  namen). 

Alles  in  allem  bleibt  es  bei  dem  im  „Haniburgischen  theater" 
verkündeten  resiütate  des  von  Schröder  veröffentlichten  aner biete ns 
zur  honorierung  von  brauchbaren  theaterstücken: 

Des  angebotenen  preises  von  20  louisd'or  wurden  wert  befunden 
zwei  original-trauerspiele,  nämlich  Klingers  „Zwillinge"  und 
Schinks  „Gianetta  Montaldi",  ferner  zwei  original-lustspiele, 
ncömlich  „Die  reiche  frau"  von  Karl  Gotthelf  Lessing  und  „Hen- 
riette" von  Grossmann  (eine  reihenfolge  der  „preisstücke"  ist  nicht 
festgestelt,  da  jedes  nur  auf  seinen  eigenen  wert,  keines  im  hinbhck 
auf  die  andern  „preisstücke"  geprüft  wurde);  an  Übersetzungen 
schliesslich  wurden  elf  oder  zwölf  meist  aus  dem  englischen  stam- 
mende mit  dem  für  sie  angesezten  honorar  von  6  louisd'or  bedacht. 
Ausserdem  wiu'den  —  wie  nachdi'ücklich  hervorgehoben  sei  —  Leise- 
witzens  „Julius  von  Tarent"  als  des  festgesezten  „preises  ent- 
schieden wert"  bezeichnet  und  nur  deshalb  nicht  sofort  zur  auffüh- 
rung  erworben,  weil  zufällig  zwei  andere  eingelaufene  stücke  dasselbe 
thema  behandelten,  und  zwar  das  eine,  „Die  zwilünge",  in  einer  für 
die  bühnenaufführung  „brauchbarer"  erscheinenden  form.  Als  das  dritte 
eingesante  brudermordstück  ist  die  erste  fassung  von  T.  B.  Bergers 
„Galora  von  Yenedig"  zu  beti'achten. 

Das  ist  die  geschichte  des  sogenanten  Hamburger  Preisaus- 
schreibens. 

BEELIN.  EUGEN   WOLFF. 


48 


DIE  FRAUEN  IN  AVOLEEAMS  PAEZIVAL. 

Die  sitlichen  lebensanschauimgen  einer  zeit  spiegeln  sich  am  klar- 
sten in  dem  Verhältnis  des  mannes  zur  frau.  Wenn  dieser  satz  schon 
im  algemeinen  eine  wichtige  Wahrheit  ausdrückt,  so  ist  er  gewiss  unbe- 
streitbar für  eine  zeit,  in  welcher  der  frauendienst  aufblühte,  nachdem 
die  frau  aus  dem  halbdunkel  ihrer  kemenate  in  den  hellen  glänz  der 
ritterhchen  geselschaft  eingetreten  war.  In  "Wolframs  Parzival  tritt  uns 
diese  geselschaft  in  dem  glänzendsten  lichte  entgegen.  Seine  ft-auen- 
gestalten  müssen  also  auch  das  deutlichste  bild  dieses  lebens  geben 
und  uns  mehr  als  aUe  abstractionen  und  andeutungen  einen  blick  in 
die  sitlichen  anschauungen  des  mittelalters  geAvähi-en. 

Da  taucht  freilich  sofort  die  noch  ungelöste  frage  auf,  wie  weit 
wir  die  darstellungen  des  dichters  auf  die  Wirklichkeit  übertragen  dür- 
fen, wie  weit  sich  die  sitlichen  zustände  seines  Vaterlandes  mit  seinem 
der  fremde  entlehnten  stoffö  decken.  Im  algemeinen  möchte  man  ge- 
neigt sein,  ohne  weiteres  alles,  was  er  aus  dem  fi-anzösischen  gedichte 
aufnahm,  auch  auf  deutsche  kulturzustände  anzuwenden,  imd  etwa  die 
ansieht  zu  vertreten,  dass  er  Schilderungen,  welche  den  Verhältnissen 
und  anschauungen  seiner  geselschaft  nicht  entsprachen,  abgeändert 
haben  würde.  Aber  eine  genauere  Untersuchung  hat  uns  gelehrt,  dass 
dies  nicht  richtig  ist,  dass  Wolfi'am  (und  so  wird  es  bei  den  andern 
auch  gewesen  sein)  seiner  quelle  nicht  frei  genug  gegenüber  stand,  um 
ganze  episoden  anders  darzustellen  und  einzelnes  in  den  sitlichen  an- 
schauungen wesentlich  umzugestalten.  Er  weiss  selbst  sein  entschie- 
denes misfallen  nur  beiläufig  mid  andeutungsweise  dem  leser  fühlbar 
zu  machen.  Dies  ergab  sich  bei  genauerer  betrachtung  der  Antikonie, 
wie  ich  es  ztschr.  f.  d.  a.  30,  357  fg.  dargestelt  habe. 

Die  entscheidung  dieser  wichtigen  sache,  soweit  hier  überhaupt 
von  einer  entscheid img  die  rede  sein  kami,  rückt  dann  aber  zugleich 
die  frage  wider  in  den  Vordergrund,  wie  weit  man  denn  in  den  dar- 
steUungen  unsrer  mittelalterlichen  dichter  die  Wirklichkeit  sehen  kann. 
Wenn  sie  ihrer  nächsten  quelle  so  unselbständig  gegenüberstanden, 
dass  sie  nicht  einmal  ihre  sitlichen  anschauungen  einzutragen  wagten, 
wird  man  dann  noch  davon  reden  können,  dass  sie  uns  ein  getreues 
bild  ihrer  zeit  geben?  Ich  glaube  auch  diese  fi-age  im  ganzen  und 
grossen  verneinen  zu  müssen;  das  ist  das  ergebnis  der  nachfolgenden 
untersuchmig.  Dadurch,  dass  die  dichter  allen  behandelten  Stoffen  im 
algemeinen  das  colorit  ihrer  zeit  aufprägten,   wird  man  zu  leicht  ver- 


KINZEL,    DIE    FRAUEN    IM    PARZIVAL  49 

leitet,  iu  ihren  darstellmigen  durchweg  ein  getreues  abbild  ihrer  gesel- 
schaft  und  ihres  lebens  zu  sehen. 

Als  die  grossen  ereignisse  des  12.  Jahrhunderts  das  rittertum  zu 
herlicher  blute  entfalteten,  als  grosse  völkerzüge  und  heldentaten  das 
Volk  zu  ungeahnter  begeisterung  entflamten,  da  durfte  man  erwarten, 
dass  das  lied  der  dichter  wie  einst  in  der  zeit  der  Völkerwanderung 
sich  der  ereignisse  der  gegenwart  bemächtigen  würde,  dass  das  selbst- 
crlebte  wie  das  selbstempfiindene  dichterisch  ausgestaltet  werden  und 
die  epik  dadurch  zu  einer  wahrhaften  blute  sich  entfalten  würde.  Aber 
diese  hofnung  erwies  sich  als  trügerisch.  Den  dichtem  fehlte  die  rechte 
reife,  sie  konten  die  gegenwart  nicht  genug  objecti vieren,  sie  suchten 
ihr  Spiegelbild  in  der  Vergangenheit,  sie  saagen  aufs  neue  von  Hagen 
und  Günther  oder  sie  holten  aus  der  fremde  märchenhafte  geschichten 
einer  andern  weit,  welche  ihnen  die  statten  ihrer  eignen  kämpfe  dun- 
kel in  die  erinnerung  riefen,  oder  versezten  gar  die  heidenschlachten 
in  die  spanische  mark;  statt  an  Gotfrid  und  Friedrich  Eotbart  erfreuten 
sie  sich  an  ßoland  und  Alexander,  an  Iwein  und  Artus.  Unser  volk 
hatte  eben  noch  eine  kinderphantasie,  welche  zeit  und  räum  ohne 
beschwer  überflog  und,  weil  die  gegenwart  ihi*  nicht  genug  freiheit 
bot,  in  den  märchenhaften  zeiten  der  Vergangenheit  schwelgte.  Sie 
wurden  zwar  zur  gegenwart  gemacht:  Eoland,  Alexander,  Iwein  und 
Artus  waren  ritter,  aber  da  sie  doch  auch  einer  vergangenen  zeit 
angehörten,  konte  man  ihnen  ungestraft  und  ohne  ge-\vissensbisse  alles 
andichten,  was  man  für  ideal,  für  wünschenswert  und  schön  hielt. 
Gewisse  formen  des  höfischen  lebens  musten  sie  natürlich  annehmen, 
und  zwar  möglichst  zugespizt,  sonst  aber  konten  sie  in  sitlicher  bezie- 
hung  fast  unbeschränkt  walten. 

Dies  scheint  mir  die  einzig  mögliche  Voraussetzung  für  ein  rich- 
tiges Verständnis  der  frauengestalten  Wolfr-ams.  Die  folgenden  darstel- 
lungen  sollen  dies  beweisen,  und  es  wird  sich  zeigen,  wie  Wolframs 
schlichter  mid  nüchterner  sinn  sich  oft  gegen  die  von  ihm  erzählten 
utopischen  Verhältnisse  stiäubt,  ebenso  wie  dies  bei  der  Schilderung 
Antikonies  sichtbar  wurde.  Ton  diesem  gesichtspunkte  aus  lösen  sich 
auch  die  grossen  Widersprüche,  welche  die  sitliche  lebensanschaumig 
im  Parzival  zeigt.  Auf  der  einen  seite  welche  unglaubliche  Schamlosig- 
keit in  geschlechtlichen  dingen  (in  einer  dichtung,  die  in  damengesel- 
schaft  vorgelesen  wurde !)  welche  gewissen losigkeit  in  auffassung  der  ehe 
imd  keuschheit,  und  daneben  welcher  ernst  z.  b.  im  verhalten  des  Orilus 
gegen  Jeschute !  Weder  die  schier  feenhafte  pracht  des  äusseren  lebens 
(Wolfram  sagt  öfter,    dass  bei  ihm  so   etwas  mcht  vorkäme)    noch   die 

ZEITSCHRIFT    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.       BD.    XXI.  4 


50  KINZEL 

ausschweifende  art  des  frauendienstes  wird  der  Wirklichkeit  entsprochen 
haben.  Sondern  die  geselschaft  ergözte  sich  eben  an  zauberhaften  bil- 
dern  aus  dem  märchenlande. 

Die  wirkliche  anffassung  Wolframs  entnehmen  wir  mehr  algemei- 
nen bemerkungen,  welche  er  sicher  seiner  quelle  nicht  entlehnte.  Hier- 
her gehören  u.  a.  die  auf  tlie  fimien  bezüglichen  worte  in  der  einleitimg 
und  am  schluss  des  Parzival,  in  denen  er  gewissermassen  sein  gedieht 
dem  weiblichen  geschlechte  zueignet,  und  manche  andren  gelegentlichen 
äusserungen,  die  uns  zeigen,  dass  der  dichter  sich  stets  dessen  bewusst 
war,  dass  ein  wesentlicher  teil  seiner  aufgäbe  darin  bestehe,  dem 
geschmacke  der  frauen  gerecht  zu  Averden  und  auf  ihn  bei  der  darstel- 
lung  seiner  weibhchen  figuren  rücksicht  zu  nehmen.  So  sagt  er  am 
Schlüsse  des  VI.  buches:  „eine  sinnige  getreue  frau  (337,  1)  wird  aner- 
kennen, dass  ich  von  frauen  besser  zu  reden  wisse  als  ehedem,  da  ich 
meinen  sang  an  eine  richtete."  Er  hebt  an  dieser  stelle  von  seinen 
fivauengestalten  hervor  Belakane  {misseivenden  äne,  valseheite  lax)^  Her- 
zeloyde  (durch  den  träum  zum  seufzen  gebracht) ,  Ginover  (mit  ihrer 
trauer  um  Ithers  tod),  Jeschute  {diu  kiusche,  diu  so  schamUchen  reit) 
und  die  gezauste  Cunneware,  die  lezten  beiden  mit  ihrer  widerher- 
gestelten  ehre  {ir  schain  hat  prts  genoHien).  Sein  frauenideal  entwickelt 
er  mit  wenigen  zügen  im  eingang:  diejenige  frau,  welche  auf  seinen 
rat  achten  will,  wird  merken,  wohin  sie  «>  j:»r/s  U7id  /r  ere  kercn  sol, 
wem  sie  ihre  tüchtigkeit  opfern,  ihre  liebe  schenken  soll,  damit  es  ihr 
nachher  nicht  leid  zu  tun  braucht,  ihre  Zurückhaltung  und  stäte  gesin- 
nung  weggeworfen  zu  haben  (3,  2).  Er  wünscht  an  edlen  frauen  zu 
finden  reiüiu  mäxe  und  schäm,  welche  über  allen  sitten  das  schloss 
ist;  mehr  ist  nicht  von  nöten.  Vor  dem  gegenbilde  der  valscheit  warnt 
er  (2,  26  —  3,  10).  Schönheit  bringt  rühm,  doch  ist  er  nur  echt,  wenn 
jener  das  mnere  entspricht.  Aber  auf  ixhte  ivipheit  komt  es  mehr  an, 
als  auf  Schönheit;  ist  diese  vorhanden,  so  achtet  man  nicht  auf  eine 
schöne  aussenseite  {herxen  dach)  3,  11  —  3,  24. 

Dass  Wolfram  unter  schäm  das  sitliche  verhalten  versteht,  wel- 
fhes  auf  (U;r  Unterscheidung  von  gut  imd  böse  beruht,  habe  ich  schon 
ztschr.  f  d.  a.  30,  354  dargetan.  Parzival  hatte  schäm  über  allen  sei- 
nen Sitten,  darum  vermied  er  das  unrecht;  schäm  ehrt  imd  ist  der 
seele  kröne  319,  7  —  11.  Die  rechte  zucht  geht  aus  der  schäm  her- 
vor; er  nent  die  zucht  daher  das  schloss  über  der  minnesitte,  und  dies 
liält  ilin  (348,  8  zurück,  melir  von  dem  verhalten  der  liebenden  zu 
sagen.  Zucht  und  schäm  sind  also  im  besten  sinne  identisch;  so  ist 
zu  verstehen  710,  15  dö  tjrach  ir  jämer  durch  die  schein. 


k 


DIE    FRAUEN   IM    PARZFVAL  51 

Auch  iii  dem  ernsten  schlusswort  wünscht  der  dichter  sich  die 
Zustimmung  guter  frauen,  wo  er  sagt,  dass  der  seine  mühe  nicht  ver- 
loren hat,  welcher  neben  der  anerkemiung  der  weit  erreicht,  dass  gott 
um  des  leibes  schuld  die  seele  nicht  verstösst  827,  19  —  30. 

Mannigfach  sind   die  verstreuten   anspielungen,   welche    im    Par- 
zival  auf  des  dichters  fi-auenideal  gemacht  werden.     So   leitet  er  sein 
ni.  buch  mit  dem  bedauern  ein,  dass  so  verschiedenartige  wesen  den- 
selben namen  weib  tragen:   valsche  und  valsches  l<Erc;   zu  einem  rech- 
ten weibe  gehört  die  stäte  gesinnung:  116,  13 
wipheit,  diu  ordenliclier  site, 
dem  vert  und  fuor  ie  triwe  mite. 
Und  mit  dieser  gesinnung  soll  stets  Idusclie  verbunden  sein: 
54,  24  der  frouiven  h&rxe  nie  vergaz 

im  enfüere  ein  tcerdiu  volge  mite: 
an  rehter  Husche  tvijpltch  site. 
115,  2  sirelkem  ivibe  volget  kiusche  mite, 
der  lobes  kemphe  ivil  ich  sin. 
Ja  sogar  ein  ritter  wird  mit  beziehung  auf  diese  weibliche  eigenschaft 
gelobt  26,  15:    er  ivas  noch  kiuscher  denne  ein  ivip.     Was  darunter 
im  einzelnen  zu  verstehen,  habe  ich  in  dieser  ztschr.  18,  448  fg.   aus- 
einandergesezt. 

Wolfram  ist  sich  volkommen  klar  bewusst,  dass  die  frauen,  welche 
er  schildert,  diesem  seinem  ideale  nicht  immer  entsprechen,  dass  über- 
haupt die  geselschafts- Sphäre,  in  welche  seine  gedichte  einführen,  nicht 
seiner  Umgebung,  seinen  Verhältnissen  entspricht.  Man  ist  stets  schnell 
mit  der  behauptung  ziu'  band,  dass  die  sogenanten  höfischen  dichter 
uns  die  „ritterüche"  geselschaft  schildern;  man  vergisst,  dass  aus  die- 
sem umfangreichen  stände  das  eigentliche  object  der  darstellung  nur 
die  adlichen,  die  hochfürstlichen  kreise  sind,  in  die  unser  dichter  gewiss 
als  armer  ritter  und  lehnsmann  nicht  alzu  tief  eindrang.  Diesen  konte 
man  schon  wimderbare  Sachen  andichten  und  muste  es,  Avolte  man  der 
aventiure  ti-eu  bleiben,  auf  deren  Wahrheit  man  doch  so  viel  gab.  So 
erkläre  ich  mir  die  in  sitücher  beziehung  oft  mehr  als  bedenklichen 
Situationen,  ganz  abgesehen  von  den  geschlechtlichen  freiheiten,  welche 
die  frau  unbeanstandet  und  öffenthch  ihrem  ritter  für  seinen  minne- 
dienst gewährte.  Ich  mll  die  bekantesten  hier  vorführen  167:  Jung- 
frauen (dienende,  vielleicht  unfreier  oder  ritterb ürtiger  abkunit;  s.  unten 
Bene)  bedienen  den  badenden  Parzival.  Sie  sind  xühte  site  gelicli, 
hinsehe   unde   halt,    d.  h.   zurückhaltend    und    doch   ihr   werk    zu    tun 

beflissen.     Sie  waschen  ihm  seine  Verletzungen;    Parzival  schämt  sich, 

4* 


52  KINZEL 

besonders  als  er  aufstehen  und  das  laken  umnehmen  soll.  Sie  gehen 
hinaus,  obschon  sie  gern  gesehen  hätten,  „ob  ihm  dort  unten  etwas 
geschehen  wäre";  lüipheü  vert  mit  triw&n,  d.  h.  dem  weibe  ist  stätig- 
keit  der  gesinnung  angeboren,  eines  freundes  last  schmerzt  sie  ebenfals 
(167,  28).  —  Die  stelle  enthält  ja  gewiss  eine  Zweideutigkeit  in  den 
werten  dort  nnde;  ohne  weiteres  aber  eine  obscönität  anzunehmen,  wie 
Bartsch  tut,  verbieten  die  beiden  folgenden  verse:  die  frauen  hätten  am 
liebsten  auch  seinen  Unterkörper  auf  wunden  untersucht  (auch  hierin 
balt)^  doch  verbot  dies  die  schamhaftigkeit  {lausche  s.  diese  Zeitschrift 
18,  451). 

Ähnliche  Situation  243,  20  —  244,  30:  Auf  der  gralburg  kommen 
vier  Jungfrauen,  um  zu  sehen,  ob  man  den  beiden  besorge  und  ob  er 
bequem  liege.  Wolfram  beruft  sich  auf  die  aventiure,  dass  vier 
knappen  sie  begleiteten.  Parzival  springt  eiligst  unter  die  decke;  er 
schämt  sich  doch  also!  Die  mädchen  aber  ergötzen  sich  an  seiner 
weissen  färbe,  seinem  roten  bartlosen  munde.  Sie  bringen  erfrisch un- 
gen,  eine  kniet  vor  Parzival  nieder,  er  bittet  sie,  sich  zu  setzen;  sie 
lehnen  dies  ab  als  für  den  dienst  unpassend.  Nachdem  er  sich  gelabt 
und  galant  unterhalten,  entfernen  sie  sich.  —  Dass  Jungfrauen  die  bei- 
den bedienten,  wenn  sie  im  bade  sassen  oder  im  bette  lagen,  ist  zwar 
sehr  unterhaltend  zu  losen,  entsprach  aber  schwerlich  der  Wirklichkeit. 

Ergänzt  wird  dies  bild  in  gewisser  weise  durch  201,  21  —  202,  18. 
Parzival  lässt  sein  weih  in  der  brautnacht  magei.  Dies  veranlasst  Wolf- 
ram zu  der  algemeinen  beti'achtung,  welche  wir  ihm  wol  zuschreiben 
dürfen,  dass  viele  frauen  damit  nicht  einverstanden  gewesen  wären.  Ihr 
anständiges  benehmen  ist  durchsezt  von  ihrem  sinn,  der  ihnen  quäl 
macht,  aber  sie  wollen  es  nicht  zeigen  (201,  24—  26).  Vor  ft-emden  sind 
sie  zurückhaltend;  aber  die  lust  ihres  herzens  hat  ihre  (sonst  lauschen) 
gebärden  doch  beeinflusst:  ihrem  geliebten  bereiten  sie  heimliche  pein 
mit  ihrer  Zartheit  (201,  27  —  202,  1).  —  Ich  habe  die  stelle  in  dieser 
Zeitschrift  (18,  455  —  457)  genau  erörtert  und  meine  auffassung  dar- 
gelegt. Versezt  man  sich  in  die  Situation,  dass  der  dichter  selbst  diese 
stelle  in  höfischer  geselschaft  vorlas,  so  wird  man  den  ganzen  reiz  ver- 
stehen, den  es  ihm  gewährte,  so  die  geheimsten  gedanken  der  z'uhö- 
rerinnen  ans  licht  zu  ziehen.  Das  stimt  sicherlich  besser  mit  der  Wirk- 
lichkeit ,^  als  die  rücksichtslose  Offenheit,  mit  welcher  in  der  aventim-e 
oft  der  minnegenuss  behandelt  wird. 

Will  man  aber  völlig  klar  des  dichters  meinung  erkennen,  so 
blicke  man  auf  das  gegenbild  5l6,  13  —  217,  6.  Da  schildert  Wolfram 
die  innerüchen  gefahren,    welche  den  frauen  in  der  ritterlichen  hohen 


DIE    FRAUEN    IM    PÄRZIVAL  53 

geselschaft  Avie  an  Artus  hof  drohen,  so:  Jede  muste  natürlich  ihren 
geliebten  haben,  sonst  dachte  sie,  ihr  rnhm  wäre  verloren.  Ich,  sagt 
der  dichter,  brächte  mein  weib  nicht  in  eine  so  gemischte  ge- 
selschaft (gonenge)]  da  machte  ihr  vielleicht  einer  einen  an  trag:  er 
wäre  von  liebe  zu  ihr  entbrant,  sie  allein  könne  seine  not  wenden,  er 
wolle  ihr  sein  lebtag  dienen.  Da  wolte  ich  vorher  mit  ihr  von  dan- 
nen!  —  Das  ist  charakteristisch  dafür,  wie  der  dichter  der  in  seinen 
gedichten  geschilderten  phantasie-  (märchen-)  weit  gegenüberstand. 

Zwei  weiten  haben  wir  also  bei  der  betrachtimg  unsrer  höfischen 
dichter  zu  nnterscheiden.  Beide  gehen  natürlich  in  einander  über; 
denn  es  wäre  ja  unglaublich,  wenn  nicht  die  Wirklichkeit  in  die  mär- 
chenweit hineinragte,  sie  durchsezte  und  lungestaltete.  Schwierig  ist 
es  aber  in  den  meisten  fällen,  sie  kritisch  von  einander  zu  sondern, 
weil  der  dichter  selbst  der  aventiure  meist  naiv  gegenüber  stand.  Daher 
sehen  wir  einerseits  die  keuschheit  ohne  andeutung  des  misfallens  aufs 
gröblichste  verlezt,  und  andrerseits  die  jungfräuliche  liebe  und  treue 
aufs  höchste  gepriesen;  die  heüigkeit  der  ehe  in  der  Orilus-geschichte 
krass  vertreten  und  den  offenbaren  ehebruch  bei  Gahmuret  und  Feire- 
fiz  anstandslos  gebilligt.  Grade  die  lezte  geschichte  ist  bezeichnend  für 
die  naivität  unsres  dichters.  Der  elsterfarbene  hold,  mit  Repanse  de 
schoye  vermählt,  erfährt,  dass  Secundille  gestorben  (822,  20),  und  als 
Anfortas  dies  hört,  freut  er  sich,  dass  seine  Schwester  nun  eine  strtt 
herrin  über  so  grosse  länder  ist  (823,  8). 

Ein  gleiches  gemisch  von  harmlosigkeit  und  raffinement  zeigt  die 
darstellung  der  endlichen  Vereinigung  Gawans  mit  Orgeluse  640,  13  fg. 
In  der  abendgeselschaft  auf  dem  wimderschlosse  fragt  die  alte  Arnive 
den  beiden,  ob  seine  geliebte  ihm  heute  minnelolm  gewähren  wolle 
daz  se  üver  tvil  mit  decke  pflegen 
noch  hmte  gesellecliche! 
Er  bittet  sie,  Orgeluse  danach  zu  fragen,  und  diese  bejaht  es.     Arnive, 
Bene  und  Orgeluse  geleiten  nun  Gawan  in  ein  gemach,  wo  zwei  bet- 
ten stehn.     Arnive    empfielilt   den   ritter    der   herzogin   mit   deutlichen 
werten    (642,  14  —  26)    und   geht   mit   Bene    ab.      Wolfram    hält    es 
nicht  für  anständig    {man  jach  dem  unfitoge,    ez  ist  den  höf sehen 
leit,   er  unsceliget  sich)   zu  erzählen,  was  sie  da  taten,  redet  aber  den- 
noch sehr  deutlich  weiter  bis  zum  obscoenen  (644,  1). 

In  dieser  beziehung  ist  nach  mehr  als  einer  hinsieht  die  gestalt 
d6r  Bene  interessant.  Die  stelle  des  10.  buches  ist  zunächst  die  ein- 
zige im  Parzival,  aus  welcher  uns  die  wunderbaren  socialen  Verhält- 
nisse jener   zeit   deutlich   entgegentreten,    nach    denen    ein   ritter    den 


54  KINZEL 

höchsten  und  den  niedrigsten  ständen  entstammen  konte.  Plippalinot, 
der  schifmann  {der  verje  564,  4;  des  schiffcs  hcrre  543,  30),  also  der 
besitzer  oder  pächter  einer  fähre,  die  er  selbst  bedient  (596,  11),  war 
der  söhn  eines  ritters  (er  was  geborn  von  rtters  art  544,  17)  und  auch 
als  solcher  erzogen  (544,  18).  Er  hat  waffen  im  hause,  doch  streitet 
er  selten  (nie?  561,  1).  Sein  lehen  erlaubte  ihm,  die  rosse  der  auf 
seinem  plan  besiegten  ritter  zu  behalten;  daneben  hatte  er  das  jagd- 
recht. Gawan  nent  ihn  hcrr,  und  er  ebenso  jenen,  aber  er  betrachtet 
sich  nicht  als  ihm  gleichstehend.  Gawan  weist  ihn  mit  seiner  forde- 
rung  ziemlich  kurz  ab  (545,  13  fg.).  Als  Gawan  nachher  bei  ihm  ein- 
gekehrt seine  tochter  zur  tischgenossin  fordert,  da  sagt  er,  es  zieme 
sich  nicht  für  sie,  mit  „herren"  zu  essen;  sie  würde  ihm  sonst  zu 
stolz  (550,  19).  Dennoch  nent  sie  der  dichter  „frau"  Bene.  Errötend 
leistet  sie  dem  holden  geselschaft,  bleibt  auch  allein  bei  ihm,  als  ihm 
das  bett  bereitet  ist:  het  er  iht  hin  zir  gegert,  ich  wcen  si  hetes  i7i 
geivert  (552,  27.  28).  Es  geschah  diesmal  nicht,  obwol  ihr  vater  nichts 
dagegen  gehabt  hätte.  Fast  unglaublich  klingen  die  werte,  welche  er 
spricht,  als  er  sie  am  andern  morgen  in  Gawan s  geselschaft  weinend 
findet:  „Weine  nicht,  Avas  im  scherze  hier  geschehen  ist,  ist  manchmal 
zuerst  recht  ärgerüch,  wird  aber  nachher  vergessen"  (555,  30).  Bene 
war  nämlich  ganz  fi'üh  wieder  an  Gawans  bett  geeilt,  als  er  noch 
sclilief  Erwacht  dankt  er  ihr,  dass  sie  sich  um  seinetwillen  den  schlaf 
abgebrochen;  er  habe  dies  nicht  „verdient."  Sie  erwidert:  „Euern 
dienst  kann  ich  nicht  verlangen,  ich  wünsche  nur  huld  von  euch;  ihr 
könt  über  mich  gebieten;  denn  all  die  meinen  würden  euch  gern  zum 
herrn  haben  für  das  was  ihr  ihnen  erwiesen  habt"  (554,  22).  Als  Bene 
ihn  später  wider  empfängt,  küsst  sie  ihm  Steigbügel  und  fass,  uimt 
das  pferd  beim  zäume  und  entwapnet  ihn  (621,  15).  Doch  wird  frou 
Bene  mit  den  edel-frauen  am  hofe  wol  empfangen  (630,  28),  ist  auch 
im  14.  buche  als  botin  Itonjes  durchaus  der  höfischen  geselschaft  gleich- 
gestelt.  Sie  wagt  es,  den  könig  Gramoflanz  aufs  gröbste  zu  schelten 
(693,  21),  und  der  entgegnet  ihr  sehr  höflich:  frouwe,  zürne  niht, 
daz  der  kamph  von  mir  gesckiht  (694,  3). 

Die  einfache  darlegung  dieser  gegensätze  bringt  es  uns  zur  über-  ■ 
Zeugung,    dass  diese  Schilderung  wirkliche  und  märchenhafte  züge  mit 
einander  mischt.     Der  dichter  hilft   aber  auch  hier  mit  einer  kleinen 
andeutung  nach:  554,  4 

hl  'mir  ich  selten  schoutve 

daz  mir  äbents  oder  friio 

solch  äventiure  sltche  zuo. 


DIE    FRAUEN   IM    PARZIVAL  55 

Ich  fasse  dieselbe  nicht  bloss  als  eine  persönliche,  sondern  ich  sehe 
darin  den  wenn  auch  mehr  oder  weniger  unbewussten  Zwiespalt,  den 
eine  dichternatur  wie  Wolfi-am  empfinden  muste. 

Ich  führe  nun  im  folgenden  die  frauenbilder  in  der  reihenfolge 
vor,  wie  sie  im  Parzival  gezeichnet  sind.  An  die  spitze  stelle  ich 
AmphHse,  die  königin  von  Frankreich,  deren  züge  wir  uns  zusammen- 
lesen müssen.  Es  ist  neben  Sigune  die  einzige  gestalt,  welche  uns  so 
andeutungsweise  bei  verschiedenen  gelegenheiten  vorgeführt  wird.  Ob 
diese  composition  schon  in  der  französischen  vorläge  vorhanden  war, 
ist  ZAveifelhaft.  Mehrere  andeutungen  sprechen  dafür,  dass  wir  unserm 
dichter  die  anläge  und  ausführung  zuweisen  müssen.  Merkwürdig  ist, 
dass  in  eclit  künstlerischer  weise  ganz  dunkle  züge  erst  almählich  zur 
völligen  klärung  gebracht  werden.  Um  dies  zu  zeigen,  müssen  wir  der 
darstellung  selbst  folgen. 

Amphlise.  I.  buch.  12,  3  — 14.  Bei  dem  bericht  über  Gah- 
murets  ausrüstung  wird  erzählt,  dass  ihm  eine  geliebte  (sin  friiindin) 
durch  liebe  kraft  und  durch  tviplich  geselleschaft  Wertsachen  im  preise 
von  1000  mark  geschickt  habe.  Es  war  dies  der  vorteil  (geiviti)  von 
dem  dienste,  den  er  ihr  gewidmet.  Das  Verhältnis  selbst,  der  name 
der  geliebten  bleiben  im  dunkeln.  Die  Überleitung  zu  dieser  bemer- 
kung  erfolgt  auffallend  12,  3  mit  den  werten:  als  uns  diu  äventiure 
saget.  Und  mit  dem  folgenden  soll  das  gesagte  wol  durch  die  werte 
12,  14  verbunden  werden:  doch  ivart  im  selten  liwrnbers  baox.  Heisst 
das:  doch  konte  ihm  das  nicht  den  schmerz  des  abschieds  nehmen? 
Bartsch  bezieht  es  auf  den  Kebeskummer,  und  dafür  könte  76,  24  spre- 
chen, wo  Amphlise  denselben  ausdruck  braucht.  Es  ist  aber  nirgends 
darauf  hingedeutet,  dass  das  Verhältnis  dem  Gahmuret  solchen  verur- 
sacht. Wer  die  geliebte  war,  ermitteln  wir  nur  durch  combination  mit 
69,  28 fg.,  einer  stelle,  welche  noch  weit  mehr  als  die  eben  behandelte 
aus  dem  zusammenhange  heraustritt. 

Herzeloide  vermisst  bei  der  tjost  den  neu  angekommenen  könig 
von  Zazamanc:  „wohin  ist  er  gekommen,  von  dem  ich  ausserordent- 
liches gehört  habe?"  (69,  24  —  28).  —  Unmittelbar  danach  heisst  es: 
damals  war  der  könig  von  Franki'eich  gestorben  {7iu  was  ouch  rois 
de  Franxe  tot).,  dessen  gemahlin  ihn  (soll  sich  auf  Galunuret  beziehen) 
oft  durch  ihre  liebe  in  grosse  not  brachte.  Sie  hatte  nach  ihm  dahin 
(?  soll  heissen  Zazamanc  oder  Anschouwe?)  geschickt,  ob  er  schon 
wider  aus  der  heidenschaft  zurückgekehrt  wäre  (69,  29  —  70,  6).  — 
Daran  schliessen  sich  ziemlich  unverständliche  werte  70,  7  — 12:  man- 
cher külme  besitzlose  ritter  tat  dort  (wo?)  tüchtige  taten,  ohne  so  hohen 


56  KINZEL 

gewinn  wie  leib  und  leben  der  königin  zu  erstreben.  —  Dann  geht 
die  erzählung  von  Galimuret  weiter:  mi  ivas  och  Gahmuretes  lip  in 
Imrnasche. 

Die  an  Ordnung  der  zeilen  rührt  von  Lachmann  her.  Alle  hand- 
schriften  haben  nach  seinen  angaben  folgende  reihenfolge:  Die  königin 
vermisst  Gahmuret  und  spricht  die  obön  citierten  worte  (69,  24  —  28). 
Mancher  kühne  arme  mann  tat  dort  tüchtige  taten,  ohne  so  hohen 
geAvinn  wie  leben  und  leib  der  königin  zu  erstreben  (70,  7  — 12). 
Unterdes  [yiit  .  .  oucli)  hatte  sich  Gahmuret  ^ewafnet:  hämisch,  hehn, 
Schild  werden  beschrieben  (70,  13  —  71,  6).  Obgleich  nun  die  beschrei- 
bung  nachher  fortgesezt  wird  (des  wappem-ocks  usw.),  finden  sich  hier 
die  acht  verse  (69,  29 — 70,  6)  eingeschoben,  welche  die  anspielung 
auf  Amphlise  enthalten.  Offenbar  können  dieselben  in  diesem  zusam- 
menhange nicht  gedichtet  sein.  Lachmann  hat  ihnen  eine  bessere,  die 
relativ  beste  stelle  angewiesen,  aber  passend  sind  sie  an  diesem  orte 
auch  nicht,  obgleich  sich  doch  leicht  im  hinblick  auf  die  bemühungen 
beider  königinnen,  Herzeloidens  und  Ampflisens,  imi  Gahmuret,  eine 
verständliche  anspielung  auf  die  leztere  hätte  anbringen  lassen.  Wir 
haben  es  also  hier  sicher  mit  einem  späteren  einschub  zu  tun,  den 
der  dichter  selbst  (?)  in  seinem  originale  hinzufügtet  Man  könte 
darauf  um  so  eher  sclüiessen,  als  Wolfram  auch  an  dieser  zweiten 
stelle  den  namen  der  frau  verschweigt,  wenn  das  nicht  auch  sonst  des 
dichters  art  wäre.  Jedenfals  wolte  er  seine  leser  auf  eine  geschichte 
aufmerksam  machen,  die  er  erst  76,  1  fg.  erzählt: 

Die  königin  Ampflise  von  Frankreich  sendet  Gahmuret  einen  brief 
und  einen  ring,  den  sie  von  ihm  besass,  und  bietet  ilim  ilire  liebe 
und  ihr  land.  Der  .brief  ist  ebenso  sonderbar  für  eine  königin  wie  für 
eine  frau:  „du  solst  mein  ritter  vor  Kanvoleiz  (wo  das  turnier  statfand) 
sein.  Die  königin  mag  das  wissen;  es  wird  mir  nichts  schaden;  denn 
ich  bin  schöner  und  reicher,  kann  auch  liebevoller  liebe  geben  und 
empfangen.  Drum  minne  mich."  Ihre  gesanten  suchen  Herzeleides 
einfluss  mit  aller  macht  zu  vereiteln  (87,  7). 

Worauf  die  ansprüche  beruhen,  welche  die  königin  von  Frank- 
reich hier  äussert,  wissen  wir  noch  immer  nicht.  Wir  eifahren  sie 
erst  94,  21  fg.  Herzeloide  verlangt,  dass  Gahmiu-et  sie  heirate,  obwol 
er  ihr  sagt,  dass  er  ein  weib  habe  (94,  5)  und  dass  er  auch  ohnedies 
aus  einem  andern  gründe  auf  sie  verzichten  müsse.  Und  als  sie  nun 
auf  die  königin  von  Frankreich  anspielt,   da  nent  er  diese  seine  wahre 

1)  Darauf  bringt  uns  auch  der  gleiche  anfaug  nu  was  ouch,  den  ich  oben 
durch  gesperten  druck  hervorgehoben  habe. 


DIE    FRAUEN    IM    PAKZIVAL  57 

fraii,  deren  rat,  erzieliiing  und  Unterstützung  (beziehung  auf  12,  7)  ihn 
bisher  begleitet  habe.  Er  hatte  also  seine  Jugend  an  demselben  hofe 
zugebracht,  wo  sie  aufgewachsen  war  (94,  27)  und  ihr  dort  seine 
dienste  gewidmet.  Als  Gahmuret  nun  diu'ch  rechtliche  entscheidung 
Herzeleides  eigentum  geworden,  entlässt  er  die  boten  mit  den  Worten: 
„da  mich  Amptlise  zum  ritter  gemacht  hat,  so  muss  ich  auch  ritterlich 
handeln  und  mich  hier  dem  ritterlichen  urteil  unterwerfen.  Doch  bleibt 
ihr  mein  dienst,  ich  bleibe  ihr  ritter,  und  wenn  mir  alle  krönen  bereit 
wären,  nach  ihr  habe  ich  mein  höchstes  leid"  (98,  6). 

Noch  zweimal  spielt  "Wolfram  auf  dies  Verhältnis  an,  und  beide- 
mal zieht  er  es  an  den  haaren  herbei.  Die  bemerkung  325,  27  ist 
wider  ganz  immotiviert:  Parzivals  mutter  erwarb  Gahmuret  vor  Kanvo- 
leiz.  Ampflise  ihn  auch  höfisches  benehmen  lehrte.  Und  in  Antiko- 
nies  geschichte  weist  die  ungestüm  umwoi'bene  Gawan  mit  den  werten 
zurück  406,  2  —  5:  „ich  biete  es  (minne)  euch,  dass  es  Ampflise  Gah- 
mui'eten  nie  besser  bot."  „Ohne  beiliegen"  sezt  sie  hinzu;  und  Lach- 
mann hat  dies  durch  ein  Semikolon  vom  vorigen  getrent,  wol  um  anzu- 
deuten, dass  man  aus  diesem  zusatz  nicht  auf  ein  alzu  intimes  Ver- 
hältnis zwischen  Amptlise  und  Gahmuret  schliessen  dürfe.  Nach  dem 
dargelegten  wird  man  aber  auch  diese  anspielung  nicht  grade  beson- 
ders klar  und  passend  nennen  können. 

Die  figur  der  Ampflise  ist  einzig  in  ihrer  art  im  Parzival.  Wolf- 
ram führt  sie  uns  nicht  persönlich  vor  und  hat  deshalb  auch  keine 
mühe  darauf  verwant  sie  zu  individualisieren.  Anders  bei  den  übrigen 
frauengestalten.  Die  Charaktere  der  Belakane,  Jeschute,  Sigune  und 
Kondwiramur  hat  uns  mit  der  absieht,  die  kunst  der  Charakteristik  im 
Parzival  hervorzuheben,  K.  "W.  Osterwald  in  einem  programm  von 
Merseburg  1863  geschildert.  Wir  beabsichtigen  daher  hier  nicht,  das 
gleiche  zu  versuchen,  ob  wol  seine  idealisierende  darstellung  zu  man- 
chem Widerspruch  herausfordert^,  sondern  geben  nur  das,  was  unsrem 
zwecke  dient,  die  sitliche  auffassung  und  die  Übereinstimmung  mit  der 
Wirklichkeit  zu  beurteilen. 

Belacäne.  I.  buch.  Gahmui'et  komt  als  jüngerer  besitzloser 
mann  auf  seiner  ritterfahrt  nach  Zazamanc,  wo  die  schwarze  jungfräu- 
liche königin  eben  von  zwei  beeren  belagert  wird,  weil  Isenhart  in 
ihrem  dienste  das  leben  verloren  hatte  (16,  7).  Der  burggraf  nimt  den 
recken  auf,    der  ihm  sinen  dienst  umhe  (juot  anbietet  und  meldet  ihn 

1)  Sie  findet  diircli  das  folgende  stilschweigend  ihre  correctui'. 


58  KINZEL 

der  königin.     Diese  wünscht  ihn  zu  sprechen,   ist  aber  unsicher,   wie 

sie  ihn  empfangen  soll:   ob  sie  ihn  zu  sich  entbiete  oder  ob  sie  selbst 

zu  ihm  eile,  ob  sie  ihn  küssen  dürfe  usw.     Der  graf  verspricht  ihn  zu 

bringen. 

do  si  gesach  den  Anschevin: 

der  was  sd  minnecliche  gevar, 

daz  er  entslöz  ir  herze  gar, 

ez  ivcere  ir  liep  oder  leit: 

daz  besloz  da  vor  ir  ivipheit  (23,  28). 
Also  das  herz  gieng  ihr  auf,  ob  sie  wolte  oder  nicht,  das  bisher  ihr 
weiblicher  (zurückhaltender)  sinn  verschlossen  gehalten  hatte.  Diesen 
weiblichen  sinn  hebt  der  dichter  24,  8  noch  einmal  hervor,  er  stelt 
ihn  in  einen  gewissen  gegensatz  zur  ritterlichen,  statlichen  erscheinung^; 
und  Belakane  selbst  gibt  ihrer  alzuzarten  empfindung  schuld,  dass  ihr 
geliebter  zu  gründe  gieng  2.  Als  sie  dem  Gahmuret  die  lu'sache  ihrer 
bedrängnis  mitgeteilt  und  mit  den  werten  geschlossen  hatte:  „«'c/i  ejuvart 
nie  wip  decheines  man  (28,  9),  da  schien  es  dem  beiden,  dass,  obgleich 
sie  eine  lieidin  war,  weiblicherer  sinn  nie  in  das  herz  eines  weibes 
kam.  Ihre  kiusche  und  ihre  tränen  waren  ersatz  der  taufe.  Ihr 
schmerz  Avar  ihre  wonne  (28,  18).  Als  sie  nun  seufzend  weiter  berich- 
tet, bhckt  sie  unter  tränen  oft  schämende  gastlichen  auf  Gahmm'et-^, 
und  es  entsteht  zwischen  ihnen  eine  vil  getriuUchiu  ger  (29,  7  ein  auf- 
richtiges verlangen,  nicht  nur  momentan  erregt!).  Sie  wäre  nun  am 
liebsten  noch  länger  mit  ihm  zusammen  gewesen;  denn  sie  fühlte  sich 
schon  ganz  eins  mit  ihm:  doch  ivas  ir  Itp  sin  selbes  Itp;  oiich  hete  er 
ir  de7i  muot  gegeben,  sin  leben  ivas  der  frouiven  leben. 

Am  abend  komt  sie  selbst  und  dient  ihm  kniend  zu  tische  (33,  9). 
Als  er  am  andern  tage  aus  dem  gefecht  zurückkehrt,  reitet  sie  ihm 
entgegen  und  entwapnet  ihn  (44,  9.  18).  Alle  verlassen  das  zimmer, 
die  jungft-auen  schliessen  die  tür,  sie  ergibt  sich  dem  geliebten  44,  27. 
Dann  führt  sie  ihn  an  der  band  heraus  und  verkündet,  dass  Gahmuret 

1)  si  hctc  ivipUchcn  sin.  und  ivas  abr  anders  riterlich.  Vgl.  104,  20  ex,  ist 
selten  icibe  mer  gescliehen  in  sldfe  kumber  dem  yelich.  da  vor  was  si  ritter- 
lich usw. 

2)  26,  26  mtn  wibheit  ivas  unbeivart,  deix  im  nach  fröuden  niht  ergienc. 
Sie  achtete  nicM  auf  wahre  weibliche  gesinnuug,  d.  h.  also  wol:  sie  war  alzu  spröde. 
Oder  lag  das  unweibliche  ihi-er  handlung  darin,  dass  sie  verlangt  hatte,  er  solte 
seinen  hämisch  weggeben  und  ungerüstet  in  den  kämpf  ziehen  {er  gap  durch  mich 
sin  harnas  enivec  27,  15)?  Es  scheint  so,  als  wenn  sie  dies  zum  massstab  seiner 
liebe  gemacht  hatte  27,  13. 

3)  Vgl.  Haupt  zu  Eree  9714. 


DIE   FRAUE^f  IM   PAEZIVAL  59 

ir  lip  und  laut  Untertan  sei  (45,  26).  -—  Wie  selbstverständlich  wird 
dieser  ausgang  kurz  und  schlicht  dargestelt.  Als  Gahmuret  sie  bald 
schnöde  verlässt,  klagt  sie  bitterlich  und  ist  bereit,  um  seinetwillen 
sich  taufen  zu  lassen  (57,  1). 

Herzeloide.  11.  buch.  Der  fahrende  Gahmuret  komt  vor  Kan- 
voleiz,  wo  die  königin  von  Waleis,  die  jungfräuliche  witwe  dem  sieger 
im  turnier  ihre  beiden  länder  und  sich  selbst  als  preis  verheissen  hat. 
Er  wirft  im  poinder  alles  vor  sich  nieder.  Am  abend  sucht  Herzeloide 
den  Sieger  im  zelte  auf,  zeichnet  ihn  durch  einen  kuss  aus  (82,  30); 
denn  er  gefält  ihr.  Seine  minne  bezwingt  sie,  und  als  er  sich  in  ihre 
nähe  sezt,  zieht  sie  ihn  dicht  an  ihre  seite.  Gahmuret  sizt  verdriess- 
lich  da  in  gedanken  an  die  verlassene  Belakane  und  die  minnegehrende 
Ampflise  (85,  11)  und  lässt  sich  erst  daran  erinnern,  was  ihm  für  ein 
Siegespreis  winkt.  Die  königin  bittet  ihn  daher,  er  solle  ihr  ihr  recht 
gewähren  und  die  erfüllung  ihrer  wünsche  {reht  unde  gnade).  Doch 
wenn  diese  gewährung  ihm  seinen  rühm  schmälere,  so  wolle  sie  von 
hinnen  gehn  (86,  29  —  87,  6).  Da  springt  der  kaplan  der  kiuschen 
und  weisen  Ampflise  auf  und  macht  seine  ansprüche  geltend.  Herze- 
loide weist  nochmals  auf  ihr  recht  hin  bei  der  ehre  aller  frauen:  „bleibt 
hier,  bis  ich  mein  recht  nehme,  sonst  lasst  ihr  mich  in  schäm,  d.  h. 
sonst  bin  ich  blamiert  (88,  27  —  30). 

Am  folgenden  tage  erhebt  sie  aufs  neue  ihre  ansprüche.  Gahmu- 
ret macht  sie  darauf  aufmerksam,  dass  er  eine  frau  habe,  die  er  mehr 
liebe  als  sein  leben;  mid  auch  wenn  er  diese  nicht  besässe,  hätte  er 
noch  etwas,  was  ihn  von  Herzeloide  trente  (94,  4 — 10).  Diese  in  der 
tat  wenig  höfliche  abfertigung  hält  die  königin  von  Waleis  nicht  ab, 
von  dem  beiden  zu  verlangen,  dass  er  die  heidin  verlasse  und  sie 
nach  christhchem  gesetz  eheliche.  Sie  hofft,  dass  ihr  auch  die  Franzö- 
sin nicht  zum  schaden  gereiche  (94,  11  —  20).  Gahmuret  aber  nent 
diese  nun  seine  tväriu  frouwe;  ihr  rat  und  ihre  gute  erziehung  haben 
ihn  hierher  begleitet  usw.  (s.  oben).  Er  bittet  sie  ausserdem,  ihn  in 
frieden  zu  lassen,  er  sei  traurig  über  den  tod  seines  bruders.  Das 
alles  ist  in  den  wind  gesprochen.  Die  königin  wirft  ihm  ganz  unver- 
mittelt die  frage  entgegen,  womit  er  sich  verteidigen  wolle  (95,  12). 
Das  soll  doch  wol  heissen:  diese  motive  sind  für  mich  nicht  massge- 
bend; ich  habe  rechtsansprüche,  was  habt  ihr  gegen  diese  vorzubrin- 
gen? Gahmuret  geht  darauf  ein:  der  angesagte  turney  sei  gar  nicht 
ordnungsmässig  zu  stände  gekommen.  Sie  entgegnet,  er  sei  schon  durch 
die  vesperie  vorher  erledigt  gewesen.     Er  weicht  aus:  er  habe  nur  ilire 


(50  KINZEL 

Stadt  verteidigt  mit  andern,  die  ebenso  tapfer  gekämpft  hätten  wie  er; 
ihm  komme  deshalb  nicht  mehr  zu  als  jenen,  und  sie  habe  kein  anrecht 
an  ihn.  Ein  richter  entscheidet  endlich,  dass  der  sieger  der  königin 
gehöre.  Dies  nimt  sie  sofort  in  ansprach  und  verspricht,  ihn  wider 
fröhlich  zu  machen  (96,  7).  Da  nun  der  mai  gekommen  und  Gahmu- 
ret  von  feenart  Avar,  so  regt  sich  in  ihm  die  liebe,  er  gibt  nach;  nach- 
dem sie  in  die  einzige  bedingung  gewilligt  hat,  dass  er  alle  monat  auf 
ein  turnier  reiten  dürfe:  er  empfienc  diu  lant  und  och  die  maget 
(97,  12). 

"Wir  sehen  in  dieser  doppelgeschichte  Ampflise-Herzeloide  das 
treue  bild  ritterlicher  romantik  vor  unsern  äugen  entrolt.  Niemand 
kann  glauben,  dass  das,  was  Wolfram  hier  vorführt,  ein  abbild  der 
wirkKchkeit  sei,  dass  die  anschauungen ,  welche  uns  hier  entgegentre- 
ten, die  wirklichen  lebensanschauungen  jener  zeit  gewesen  seien.  Man 
belustigte  sich  in  naivem  sinn  an  solchen  idealistischen  Vorstellungen, 
ähnlich  wie  unsere  phantasie  sich  an  den  märchen  erfreut.  Ich  sage 
absichtlich  ähnlich,  weil  ich  mir  wol  bewust  bin,  dass  unsre  anschauung 
sehr  viel  weiter  von  jenem  schlaraffenlande  entfernt  ist,  als  die  kind- 
liche des  mittelalters.  Schon  dass  eine  Jungfrau- königin  band  und 
land  dem  sieger  im  turney  schenkt,  ist  nur  ausgeburt  ritterlicher  phan- 
tasie, welcher  durch  sieg  im  kampfspiel  das  höchste  erreichbar  scheint. 
Dass  die  verwitwete  königin  von  Fi-ankreich'  dem  besitzlosen  jimgeren 
spross  eines  edlen  geschlechts  thron  und  band  bietet,  weil  er  ihr  einst 
seine  jugendlichen  dieuste  gewidmet,  ist  noch  immer  kühn  genug. 
Nun  aber  diese  „edle"  Herzeloide!  Alle  sitlichen  schranken  tiitt  sie 
nieder,  alle  rücksicht  auf  die  herzensstimmung  Gahmurets,  alle  Zurück- 
weisung fühlt  sie  nicht:  er  muss  ihr  werden,  und  er  gibt  sich  end- 
lich. Damit  man  nicht  aber  doch  vielleicht  selbst  in  Wolframs  gesel- 
schaft  daran  anstoss  nähme,  fügt  der  feinsinnige  dichter  wie  beiläufig 
die  motivierung  ein:  sin  art  von  der  feien  muose  minnen  oder  minne 
(jern  (96,  20).  Das  heisst:  wundert  euch  nicht  alzusehr,  wir  sind  im 
märchenlande ! 

Einer  alzu  hohen  verherlichung  der  Herzeloide  hat  sich  Wolfram 
auch  enthalten.  Erst  später  lobt  er  ir  site,  ir  Tausche  (103,  4),  ihre 
liebe  (103,  11)  und  da  gestaltet  sich  dann  ihr  bild  freundlicher,  ja 
man  könte  aus  ihrem  späteren  verhalten  vielleicht  eine  erklärung  für 
das  eben  dargestelte  minne  werben  entnehmen,  wenn  man  dem  dichter 
so  weite  absiebten  und  feine  anläge  der  Charaktere  zutrauen  dürfte. 
Schön  ist  ihre  klage  um  den  gefallenen  gemahl  (109,  19)  und  die  freude 
über  die  geburt  des  sohnes.     Wolfi-am  preist  sie,    dass  sie  sich  alles 


i\ 


DIE    FRAUEN    BI    PARZIVAL  61 

reichtums  entäiissert  durch  triwe.  Er  kenne  niemand  der  jimc  der 
erde  richtuom  Hexe  durch  des  hirtiels  ruom.  Schön  ist  die  scliilderung 
der  mütterlichen  Sorgfalt,  die  alles  aus  dem  wege  räumen  will,  auch 
mit  törichten  mittein,  was  dem  söhne  schaden  könte.  Wolfram  keji- 
zeichnet  sie  hier  als  eine  einfältige  frau,  und  dieser  zug  tiitt  immer 
mehr  hervor:  er  spizt  sich  zu  in  den  einfältigen  lehren,  die  sie  dem 
jungen  Parzival  auf  seinen  lebensweg  mitgibt.  Man  ist  zunächst  ge- 
neigt, diese  einfalt  für  hinterlist  anzusehen,  als  hätte  die  mutter  den 
Parzival  dadurch  ebenso  wie  durch  die  torenkleidung  aus  der  weit 
zurückschrecken  wollen.  Aber  dies  wird  unmöglich  bei  betrachtung 
des  Schlusses  ihrer  rede,  in  der  sie  ihm  die  untat  des  Lähelin  mitteilt 
(128,  3  fg.).  Das  muss  ernst  gemeint -sein;  auch  beteuert  Wolfram 
142,  10  diu  f/ab  den  rät  ouch  äne  missetät.  —  Herzeloide  stirbt  beim 
abschied  des  sohnes.  Der  dichter  nent  den  tod  getriulich,  sofern  er 
aus  ihrer  treuen  gesinnung  hervorgieng,  sie  selbst  wwrx,el  der  güete, 
slnm  der  diemüete,  die  dadurch  selig  wurde,  dass  sie  als  mutter  die- 
sen sinn  beweisen  konte. 

Jeschüte.  III.  buch.  Parzival,  der  unerfahrene  knappe  raubt 
I  dem  Wortlaute  der  mütterlichen  Vorschrift  folgend  der  schlafenden  ge- 
mahlin  des  Orilus  ring  und  kuss  und  drückt  sie  an  sich.  Da  sie 
kiusche,  7.iiht  qelirt,  so  schämt  sie  sich,  klagt  und  widersteht  (131,  3). 
Während  er  in  ihrem  zelte  ist,  wagt  sie  natürlich  nicht  aufzustehn; 
sie  hält  ihn  für  von  sinnen.  Der  heimkehrende  Orilus  durch  die  spu- 
ren an  den  zerrissenen  zeltschnüren  und  durch  die  trauer  seiner  gemah- 
lin  argwöhnisch  geworden,  klagt  sie  des  treubruchs  an.  Jeschüte 
beteuert  weinend  ilire  Unschuld;  vergeblich  (133,  11).  Da  sie  dabei 
der  Schönheit  Parzivals  gedenkt,  wird  jener  noch  in  seiner  eifersucht 
bestärkt  (vgl.  271,  4  da  se  ahr  von  dtner  schoene  sprdth,  ich  lüänd  da 
wcere  ein  friuntschaft  bt)^  und  er  verstösst  sie  nach  einer  langen  rede 
(134 — 135),  deren  Zusammenhang  mit  der  sache  etwas  lose  ist^.  Auch 
das  angebet  ihrer  gerichtlichen  reinigung  weist  er  zurück.  Demütig 
erkent  sie  seine  macht  und  seine  treue  an  und  wünscht  sich  den  tod 
(136,  11).  Ir  kiusche  und  ir  tv/pheit  sin  haxxen  Itden  muosten  (137,  8). 
Aber  es  quält  sie  nicht  ilir  eigen  leid,  sondern  nur  das  ungemach 
ihres  mannes;  den  dichter  aber  drückt  ihr  leid  (137,  30).  —  Die  sühne 

1)  „Du  liast  zwar  deinen  königstitel  niit  meinem  herzogsnamen  vertausclit, 
idafür  aber  auch  einen  tapfern  mann  bekommen,  der  alle  waffentaten  füi'  deine  treue 
;zu  deinem  i-uhme  tat."  So  in  drei  absätzen  dreimal  mit  gleichem  schluss:  1.34,  1 — 22 
(20  —  22!).     134,  23  —  135,  6  (5  —  6!).     135,  7  —  24  (^12!). 


ö2  KINZEL 

folgt,  als  Parzival  ihr  aufs  neue  begegnet  (256,  11  fg.).  In  elendester 
Meidung,  halb  bloss,  auf  bastgezäunitem  dürrem  pferde  reitet  sie  gedul- 
dig ihrem  manne  nach.  Der  dichter  ist  von  ihrer  tugend  erfült:  doch 
nmme  ich  sölhen  bloze^i  Up  für  etsUch  tvol  gekleidet  tvtp  (257,  29). 
Sie  erkent  ihn  wol,  wünscht  ihm  aber,  dass  gott  ihm  mehr  freude  und 
ehre  geben  möchte,  als  er  an  ihr  verdient;  denn  ohne  ihn  hätte  sie 
ere  äne  strit  (258,  14).  Er  ahnt  nicht,  wen  er  vor  sich  hat;  sie  erwi- 
dert nichts,  sondern  deckt  sich  ihre  blosse.  Er  bietet  ihr  sein  kursit, 
sie  aber  bittet  ihn  sich  zu  entfernen,  da  sie  zwar  nicht  ihren,  aber 
seinen  tod  fürchtet  (259,  14).  Mit  recht  rühmt  sie  der  dichter  aber- 
mals 260,  8 

wtjplicher  khische  lobes  kränz 

truoc  si  mit  armüete: 

si  pflac  der  waren  güete 

so  da%  der  valsch  an  ir  versivant. 

Nun  reitet  er  für  ihi-e  ehre  in  den  kämpf,  und  widerstreitender  gefühle 
voll  sieht  sie  zu:  sie  gönte  keinem  der  kämpfer  schaden  (262,  29). 
Der  dichter  ist  selbst  von  dem  ernst  und  der  Schönheit  der  Situation 
ergriffen:  tritt  noch  einmal  für  des  Orilus  recht  und  Parzivals  Unschuld 
ein  und  bittet  gott  zu  verhindern,  dass  es  einem  ans  sterben  gehe 
(264,  30).  In  der  tat  gehört  diese  geschichte  zu  dem  besten,  was  der 
Parzival  aufzuweisen  hat.  Der  jugendhche  tor,  der  unwissend  und 
absichtslos  ein  weih  beschimpft,  der  ehemann,  ders  so  ernst  mit  der 
ehelichen  treue  nimt,  und  tües  demütige  weib.  Aus  dieser  geschichte 
spricht  ein  sitücher  ernst,  der  ein  rechtes  gegenbild  zu  der  oft  geschil- 
derten leichtfertigkeit  ist.  Und  wie  Wolfram  dazu  stand,  zeigt  uns 
sein  häufiges  eintreten  mit  seiner  eigenen  Persönlichkeit.  — •  Als  Orilus 
besiegt  am  boden  liegt,  will  er  sein  leben  nicht  unter  der  bedingung 
hinnehmen,  sich  mit  seinem  weibe  zu  versöhnen;  sie  habe  ihn  zu  sehr 
betrogen  (266,  10.  267,  6).  Mit  angst  hört  Jeschüte  diese  werte 
(268,  6);  doch  als  Parzival  den  gegner  zwingt,  seine  bedingung  anzu- 
nehmen, da  springt  sie  vom  pferde  und  küsst  seinen  blutüberströmten 
mund  (268,  24).  Nun  erst  folgt  nach  Parzivals  reinigungseid  die  voUe 
aussöhnmig. 

Sigune.  Die  Jugendgeschichte  und  den  liebesfrühhng  dieses  mäd- 
chens  hat  Wolfram  nachher  im  Titurel  ausgeführt.  Hier  führt  er  uns 
dreimal  an  für  den  ent wicklungsgang  des  Parzival  wichtigen  stellen  das 
rührende  bild  dieser  jungfi'äulichen  liebe  vor,  welche  im  schmerz  über 
das  begangene  unrecht  sich  selbst  verzehrt  und  zu  Ungeheuerlichkeiten 


DIE    FRAUEN   IM    PARZIVAL  63 

sich  versteigt.  Zweimal  findet  Parzival  sie  mit  dem  toten  geliebten  im 
arme  (138,  11);  in  reue  darüber,  dass  sie  ihm  nicht  minne  gewährte 
(141,  21),  genauer  dass  sie  ihre  liebe  an  ein  so  törichtes  verlangen 
knüpfte,  mint  sie  jezt  den  toten.  Das  mitleid  des  törichten  knaben  ist 
ihr  woltuend,  und  sie  widmet  ihm  ihre  ganze  teilnähme,  als  sie  in 
ihm  ihren  vetter  erkent.  Da  er  ihr  leid  rächen  will,  weist  sie  ilmi 
den  falschen  weg,  um  nicht  durch  seinen  tod  den  schaden  grösser  zu 
zu  machen  (142,  1).  Dasselbe  büd,  man  möchte  sagen  ein  profanes 
Gegenstück  der  mater  dolorosa  (Pieta)  widerholt  sich  249,  11  fg.  Der 
dichter  rühmt  ihre  treue,  gegen  die  alle  irdische  treue  ein  nichts  ist; 
er  stelt  sie  den  trauen  gegenüber,  die  man  bi  tvanke  siht  (253,  16), 
weü  sie  leicht  vergessen.  Sigüne  (jerte  ergetzens  niht,  drum  will  sie 
auch  den  toten  geliebten  nicht  begraben  lassen. 

Nachdem  wir  in  zwei  büchern  Gawans  abenteuern  gefolgt  sind, 
taucht  im  IX.  Parzival  wider  auf,  und  zwar  vor  Sigunens  klause,  die 
durch  ir  gottes  7ninne  ir  magetuom  und  ir  freiide  gap,  und  zwar 
durch  alte  triuwe  (435,  18).  Ihr  geliebter  begraben,  ihr  leben  ein 
gebet  auf  seinem  sarge,  ihr  roter  mund  bleich,  alle  weltliche  freude 
tot.  —  Diese  Situation  veranlasst  Wolfram  zu  einigen  algemeinen  bemer- 
kungen  436,  1  —  25,  welche  der  Interpretation  Schwierigkeiten  machen. 
Yersuchen  wir  den  simi  festzustellen:  Um  der  minne  willen,  welche 
erstarb  an  ihm,  darin  dass  Schianatulander  sie  (Sigunen  oder  die  minne) 
nicht  erwarb,  minnete  sie  seinen  toten  leib.  [Aber  auch]  wenn^  sie 
sein  weib  geworden  wäre,  so  hätte  [bei  ihr]  Lunete  mit  so  eiliger  bitte, 
wie  sie  solche  ihrer  herrin  vorlegte,  gezögert.  Man  kann  noch  oft 
sehen,  dass  Lunete  mit  ihrem  rat  schlecht  ankörnt.  Wenn  ein  weib 
um  ihrer  liebe  willen  oder  kraft  ihrer  gesittung  {dy/ch  ir  zühte  kraft) 
den  gedanken  an  andre  liebe  verwirft  (wenn  ichs  recht  beurteile)  bei 
lebzeiten  ihres  mannes,  so  hat  er  an  ihr  das  höchste  was  er  wünschen 
kann.  Kein  zögern  (unterlassen)  steht  ihr  so  wol  an;  das  will  ich 
beweisen,  wenns  nötig  ist.  Nach  dem  tode  ihres  mannes  tue  sie  wie 
sie  will:  behält  sie  auch  dann  noch  ilire  ehre  (d.h.  also:  bleibt  sie  ihm 
auch  dann  noch  ti"eu),  so  kann  sie  keinen  andern  so  glänzenden  kränz 
tragen,  wenn  sie  aus  freude  zum  tanz  geht  ^.    Doch  warum  stelle  ich  hier 

1)  Dies  soll  also  wol  Geissen:  sie  war  ja  noch  nicM  sein  weib;  also  passt 
Limetens  beispiel  hier  nicht,  welches  sich  um  widervermühlung  dreht.  Nur  diese 
kann  hier  im  algemeinen  gemeint  sein,  nicht  der  rat,  den  mörder  des  gatteu  zu 
heiraten. 

2)  Wolfram  meint:  dieser  elireukranz  ist  schöner  als  der  schönste  freuden- 
kranz,  den  man  heim  tanze  trägt. 


64  KINZEL 

freude  mit  der  not  zusammen,  welche  Sigunen  ihre  treue  gebot  —  so 
lenkt  Wolfram  nach  dieser  abschweifung,  die  wir  doch  wol  ihm  selbst 
verdanken  und  die  uns  den  ernst  seiner  persönlichen  lebensauffassung 
zeigt,  mit  kühnem  Sprunge  zum  faden  zurück.  Es  folgt  das  gespräch 
mit  diesem  urbild  der  treue.  Als  sie  erfährt,  was  Parzival  gelitten, 
seit  er  erkannte,  dass  er  den  gral  verscherzt  habe,  da  schwindet  ihr 
zorn  (441,  18)  und  sie  rät  ihm,  der  spur  der  gralsbotin  zu  folgen. 

Kundwiramur.  IV.  buch.  Auf  der  fahrt  von  Gurnemanz  ti'äg-t 
das  ross  den  in  höfischer  sitte  unterwiesenen  Parzival  nach  der  belager- 
ten feste  Pelrapeire,  wo  ihn  die  bedrängte  königin  mit  gruss  und  kuss 
empfängt.  Die  not  treibt  sie  nachts  an  sein  bett.  "Wolfram  beugt  vor 
192,  1:  dax  kom  als  ick  iu  sagen  ivil;  ex,  prach  niht  iviplichiu  xil: 
mit  stcete  lausche  truoc  diu  magt  (vgl.  diese  ztschr.  18  s.  455);  sie  kam 
nicht  um  der  minne  willen,  sondern  suchte  hilfe  und  rat.  Die  nun 
folgenden  verse  sind  humoristisch  gemeint  192,  14 — 17:  die  frau  hatte 
ein  kämpf kleid  an,  nämlich  ein  seidnes  hemd;  denn  nichts  kann  einen 
mann  mehr  zum  kämpf  herausfordern,  als  wenn  ein  weib  so  zu  ihm 
komt.  —  Doch  auch  dies  scheint  dem  dichter  etwas  zu  schrofi",  di'um 
fügt  er  hinzu,  dass  sie  auch  einen  mantel  angehabt  und  dass  der  kum- 
mer  sie  zu  einem  solchen  schritt  bewogen  habe.  Das  bedenkliche  der 
Situation,  die  Wolfi'am  gewiss  genau  so  aus  dem  französischen  über- 
nahm, war  dem  dichter  doch  empfindüch;  dies  tritt  uns  aus  seiner  dar- 
stellung  deutlich  entgegen,  und  der  eindruck  wird  durch  das  folgende 
noch  verstärkt.  Die  erzählung  fährt  fort  193,  1:  sie  kniete  an  seinem 
bette  nieder;  und  dann  193,  15:  ihr  Jammer  war  so  gross,  dass  ihre 
tränen  auf  ihn  niederfielen  usw.  In  den  dazwischen  liegenden  13  ver- 
sen  nimt  Wolfi'am  noch  einmal  gelegenheit  zu  versichern,  dass  keiner 
von  beiden  an  hliigen  dachte;  sie  war  ohne  freude,  aus  schäm;  und 
er  verstand  davon  noch  nichts  [leider  des  enJcan  er  niht  193,  9);  es 
geschah  wol,  aber  äne  kutist,  ohne  Verständnis,  ohne  dass  sie  versöh- 
nungti'agende  glieder  zu  einander  brachten.  Nachdem  er  nun  so  vor- 
gebaut hat,  kann  er  endlich  das  unglaubliche  berichten,  dass  Kondwi- 
ramur  selbst  ihm  anbietet,  sie  wolle  sich  neben  ihn  legen,  wenn  er 
verspreche  nicht  mit  ihr  zu  ringen.  So  geschiehts,  und  dann  klagt  sie 
ihm  nach  einigen  umständen  ihre  not.  Er  verspricht  mit  dürren  Wor- 
ten hülfe,  und  sie  scheidet  (196,  7). 

Nach  dem  siege  zur  königin  geführt  wird  er  sofort  von  ihr  um- 
armt. Sie  drückt  ihn  an  sich  und  sagt:  ich  werde  keines  andern 
mannes  weib  als  den  ich  umfangen  halte  (199,  26).     So  sehen  wir  also 


DIE   FRAUEN    DI   PAHZIVAL  65 

auch  hier,  wie  bei  Herzeloide  und  Ampflise,  das  natürliche  Verhältnis 
verkelu't,  nämlich  dass  das  weib  um  den  mann  wirbt.  Die  bürger 
nehmen  ihn  zum  herrn,  Kondwiramur  zum  ämts,  weil  er  so  hohen 
rühm  erworben  hat  200,  7.  Nun  folgt  201,  19  das  beilager.  Über 
die  auslegung  der  algemeinon  bemerkungen  habe  ich  in  dieser  ztschr. 
18,  255  —  257  gehandelt.  Parzival  berührt  sein  weib  anfangs  nicht, 
und  sie  ists  zufrieden;  sie  glaubte,  sie  wäre  sein  weib  (201,22;  202,23). 

Parzival  verlässt  die  geliebte  frau  bald  und  sieht  sie  erst  nach 
langer  zeit  mit  ihren  beiden  söhnen  wider  (buch  XVI,  800,  15).  Wolf- 
ram geht  auffallend  kurz  über  das  widersehn  hinweg.  Kein  wort  der 
reue  oder  des  Vorwurfs  wird  uns  berichtet;  es  war  als  muste  es 
so  sein.  — 

Die  folgenden  frauengestalten,  welche  in  beziehung  zu  Gawan 
treten,  unterscheiden  sich  in  mehrfacher  hinsieht  von  den  vorigen, 
besonders  ist  ihre  Charakteristik  ungleich  mannigfaltiger,  ihr  Charakter 
im  algemeinen  weniger  edel  und  rem.  Doch  bieten  auch  sie  für  unsre 
beobachtungen  gutes  material.  Über  Antikonie  (buch  VIII)  habe  ich 
schon  ztschr.  f.  d.  a.  30,  357  fg.  gehandelt.  Ihre  gestalt  hat  mich  zuerst 
zur  weiteren  erforschung  der  frauencharaktere  veranlasst,  weil  es  sich 
zeigte,  wie  der  dichter  hier  vergeblich  rang,  der  aventiure  hen*  zu 
werden  und  seine  lebensanschauungen  mit  denen  seiner  quelle  in  ein- 
klang  zu  bringen.  Es  gibt  kein  andres  beispiel  im  Parzival,  an  dem 
man  dies  so  deutlich  nachweisen  könte,  aber  andeutungen  treten  uns 
auch  im  folgenden  entgegen. 

Obie  und  Obilot.  Buch  VII.  Der  zögling  des  fiu'sten  Lyppaut, 
der  junge  könig  Meljanz  von  Liz,  bittet  die  tochter  desselben  Obie  um 
minne  nach  seinem  dienste  (345,  27).  Sie  weist  ihn  heftig  und  über- 
mütig ab.  Das  urteil  über  ihr  benehmen  bleibt  zunächst  dem  leser 
ganz  überlassen.  Erst  sehr  viel  später  386,  17  (er  nent  es  tumbiu 
Jdsheit)  deutet  der  dichter  sein  eigenes  an  (vgl.  ztschr.  f  d.  a.  30,  359). 
In  ihrer  antwort  sagt  Obie:  wäre  er  fünf  jähre  älter  und  hätte  rühm 
im  turnier  erworben  und  käme  dann  mit  neuem  antrage  zu  ihr,  und 
sie  gewährte  seine  bitte,  so  wäre  es  immer  noch  zu  früh  (346,  16). 
Seine  zornige  erwiderimg  zeigt  wenig  edlen  sinn:  er  hofte  davon  vor- 
teil zu  haben,  dass  ihr  vater  sein  vasall  war.  Sie  aber  hat  dagegen 
ungebeugten  stolz:  wer  euer  vasall  ist,  der  mag  euch  dienen;  ich  aber 
will  von  niemand  lehen  haben,  ich  halte  mich  für  frei  und  jeglicher 
kröne  hoch  genug.  Meljanz  glaubt,  dass  Lyppaut  ihr  das  eingegeben 
habe  und  geht  mit  gewalt  gegen  ihn  vor. 

ZEITSCHRIFT    F.    DEUTSCHE   PHILOLOGIR.       BD.   XXI.  5 


66  "  KINZEL 

Zu  diesem  kämpfe  komt  zufällig  Gawan.  Als  er  vor  der  bürg 
lagert,  stellen  die  fi-auen  ihre  vermutimgen  an,  wer  er  wol  sei.  Die 
schnell  fertige  Obie  erklärt  ihn  für  einen  kaufmann,  während  die  kind- 
liche Obilot  an  seinem  minniglichen  äussern  den  ritter  zu  erkennen 
glaubt,  dessen  dienst  sie  gern  durch  ihre  liebe  lohnen  würde  (352,  26). 
Sie  tadelt  auch  fi-eimütig  Obiens  hochfahrendes  benehmen  gegen  Mel- 
janz.  Diese  aber  wird  durch  den  Widerspruch  noch  mehr  verhärtet 
und  erklärt  den  ritter  der  Schwester  für  einen  Wechsler  (353,  30).  Als 
nun  im  ersten  kämpfe,  dem  Gawan  ruhig  zusieht,  Meljanz  ruhmwür- 
dige taten  volbringt,  vergleicht  Obie  spottend  ihrer  beider  ritter,  und 
Obilot  muss  sich  mit  der  hofnung  trösten  (358,  14).  Damit  nicht  genug 
will  sie  Gawan  ihren  hass  beweisen  und  schickt  einen  knappen,  den 
ritter  anzufeilschen ;  ja  sie  bittet  den  burggrafen,  ihm  gewalt  anzutun, 
der  kaufniann  wolle  sie  betrügen  (361,  14).  Und  als  sie  sieht,  dass 
dieser  sehr  höflich  mit  ihm  verkehrt,  schickt  sie  ein  spiel weib  zu  ihrem 
vater  mit  der  bitte,  dem  manne  seine  schätze  wegzunehmen  und  damit 
seine  Söldner  zu  bezahlen  i;  denn  er  wäre  ein  falschmünzer  (362,  30). 
Diu'ch  dieses  listige  motiv  hoft  sie  den  vater,  der  in  not  war  (363,  4), 
wie  er  seine  leute  bezahlen  solte,  zur  gewalttat  zu  bewegen. 

365,  1  fg.  erklärt  der  dichter,  dass  die  minne  Obies  sinne  so  ver- 
kehrt hatte.  Wahre  herzensliebe  nimt  das  herz  so  gefangen,  dass  sie 
mannes  wie  weibes  hohen  sinn  schwächen  kann.  So  hatte  der  zorn 
des  Meljanz  ihr  solches  leid  zugefügt,  dass  sie,  die  sonst  so  zurückhal- 
tend war,  sich  zum  zorn  hinreissen  Hess,  den  der  unschuldige  Gawan 
entgalt  (vgl.  cüese  ztschr.  18,  451).  Wolfram  schildert  ihren  seelen- 
zustand  sehr  gut:  wenn  sie  Meljanz  sah,  war  er  ihr  ein  dorn  im  äuge 
(weil  er  sie  daran  erinnerte,  wie  sie  sich  gegen  ihn  benommen);  und 
doch  sah  ihr  herz  in  ihm  den  ausgezeichnetsten,  und  es  wurde  ihr  klar, 
dass  sie  ilm  liebte  vor  al  der  werlt,  wenn  er  ihr  sclunerzen  machte. 
Durch  die  üebe  geschieht  noch  viel  zoni,  drum  macht  Obien  kei- 
nen Vorwurf".  So  schliesst  Wolfram  seine  betrachtung,  und  wir  wer- 
den schwerüch  irre  gehen,  wenn  wir  diese  ganz  auf  seine  rechnung 
schreiben. 

Der  fürst  erkent  bald  seinen  irtum  Gawan  betreffend  und  bittet 
diesen  um  hilfe.  Doch  vergeblich.  Er  kann  sie  nicht  gewähren,  weil 
er  den   ihm   angesagten  kämpf,    zu  welchem  er  gerade  unterwegs  ist, 

1)  .362,  26  —  30:  bitte  ilm  um  seines  ritterlichen  sinnes  willen,  da  er  viele 
Söldner  hat,  die  um  ross,  süber  und  kleidung  dienen,  davon  die  erste  hezahlung  zu 
nehmen.  Dies  (was  der  mann  da  hat)  bringt  wol  sieben  auf  den  platz  (genügt  zur 
ausstattung  und  bezahlung  von  sieben  Söldnern).     Falsch  bei  Bartsch. 


DIE   FRAUEN    IM    PARZIVAL  67 

nicht  versäumen  darf.  Da  findet  Lyppaiit  bei  der  rückkehr  sein  töch- 
terlein  Obilot  mit  ihrer  freundin  ringe  schnellend  auf  dem  wege  zu 
ihrem  erwählten,  ihn  zu  biten  die?istes  nach  lönes  siten.  Sie  tritt  in 
die  kemenate  des  ritters,  Gawan  springt  auf,  sie  setzen  sich,  und  er 
dankt  ihr,  dass  sie  ihn  vorher  gegen  ihi-e  Schwester  in  schütz  genom- 
men. Er  sprach:  geleit  ie  ritter  not  durch  ein  sus  ivenec  frouivelin, 
da  solt  ich  durch  iuch  inne  sin.  Sie  antwortet  ganz  naiv  {an  alle 
väre):  gott  kann  das  schon  fügen.  Herr,  ihr  seid  der  erste,  mit  dem 
ich  so  vertraut  rede.  Schadet  das  dem  nicht,  was  ich  durch  erziehung 
gelernt  habe  und  was  mir  das  natürliche  Zartgefühl  gebietet,  so  soll 
mich  das  sehr  freuen.  Denn  meine  erzieherin  hat  mir  gesagt,  an  der 
rede  könte  man  den  sinn  erkennen.  Hen-,  meine  bitte  geht  euch  wie 
mich  an,  dazu  drängt  mich  meine  wirkliche  not;  die  wiU  ich  euch 
nennen,  wenn  ihr  erlaubt.  Hauet  ihr  mich  deshalb  für  weniger  wert, 
so  bedenket  doch,  dass  ich  damit  die  ziemende  Zurückhaltung  nicht 
aufgebe,  da  ich  in  euch  mich  selber  bat;  denn  ihr  seid  eins  mit  mir 
(369,  17  —  21).  Lasst  ihr-  mich  ohne  gewälu'ung  beschämt  von  hinnen 
gehn,  so  muss  sich  euer  rühm  vor  eurer  wolgezogenheit  verantworten, 
da  ich  jungft'au  zu  euch  meine  Zuflucht  nahm,  erfüUung  meiner  bitte 
erwartend.  Wenn  es  euch  gefält,  gebe  ich  euch  dafür  von  herzen 
meine  minne.  Seid  ihr  ein  mann,  so  werdet  ihr  mir  wol  dienen;  ich 
bin  es  wert.  Lasst  es  euch  nicht  verdriessen,  dass  mein  vater  bei 
freunden  und  verwanten  hilfe  sucht  (?),  ihr  dient  mir  und  ihm.  Als 
Grawan  sich  nun  bereit  zeigt  für  sie  zu  kämpfen,  erklärt  sie  ihm  in 
überschwänglichen ,  dem  höfischen  wörterbuche  entlehnten  werten  ihre 
liebe  und  verheisst  ihm  glück,  das  diese  ihm  im  kämpfe  bringen 
werde  (371,  16).  Ihre  band  ruht  in  der  seinigen,  und  sie  nimt  nun 
abschied,  um  ihm  ein  kleinod  zu  bereiten.  Unterwegs  beraten  beide 
mädchen,  was  sie  dem  ritter  schicken  sollen.  Die  freundin  will  ihre 
puppen  opfern,  wenn  sie  etwa  schöner  sind  als  Obilots.  So  trift  sie 
der  vater;  sie  verkündet  ihm,  dass  Grawan  zugesagt  hat  (372,  30)  und 
will  ihm  heimlich  ihren  kummer  klagen.  Drum  hebt  er  sie  zu  sich 
aufs  pferd,  während  auf  ihre  frage,  was  aus  der  gespielin  werde,  ein 
ritter  diese  zu  sich  nimt.  Ihre  not  besteht  darin,  dass  sie  kein  klei- 
nod für  den  beiden  hat,  von  dem  sie  sagt:  nie  magede  wart  so  liep 
ein  ma7i  (373,  26).  Ein  neues  kostbares  kleid  wird  ihr  von  der  mut- 
ter  bereitet,  die  ebenso  stolz  ist  auf  das  glück  ihrer  tochter,  als  der 
vater  froh  über  die  hülfe.  Ein  ärmel  dieses  kleides  wird  Gawan  über- 
sant.  Ganz  ernsthaft  wii'd  nun  erzählt,  wie  glücklich  dies  zeichen  den 
ritter  machte  (375,  30).     Als  Gawan  nun  nachher  den  Meljanz  geworfen, 

5* 


68  KINZEL 

schickt  er  ihr  am  ende  des  kampfes  den  durchlöcherten  ärmel  zurück. 
Stolz  legt  sie  ihn  an,  und  so  oft  sie  vor  Obie  tritt,  höhnt  sie  die 
Schwester  mit  den  werten:  „icer  hat  mir  da  getan"  (390,  30)? 

Als  die  Versöhnung  nun  zu  stände  komt,  will  Meljanz  auf  seinem 
zorn  gegen  Obie  beharren.  Die  eitern  weinen,  doch  Obilot  war  sehr 
froh  (395,  16),  vermutlich  wol  weil  sie  selbst  die  aussöhnung  bei- 
der vermitteln  wolte.  Denn  als  Meljanz  ihr  als  gefangner  zugesprochen 
wird,  da  spottet  sie  abermals  in  fi-öhlichem  Übermut,  dass  er  einem 
kaufmanne  Sicherheit  gelobt  habe;  dann  befiehlt  sie  ihm,  diese  sicher- 
lieit  nun  Obien  zu  geloben.  Und  es  gelingt  ihr,  die  geliebten  zu  ver- 
söhnen. Neue  liebe  treibt  Obien  vor  allen  leuten  den  geliebten  mit 
tränen  zu  küssen.  Als  Gawan  nun  abschied  nimt,  weint  Obilot  und 
bittet  ihn  (in  kindhcher  Unschuld),  sie  mitzunehmen  (397,  16).  Ihre 
mutter  konte  sie  kaum  von  ihm  losmachen. 

Orgeluse.  X.  —  XIV.  buch.  Gawan  findet  vor  Logroys  Orge- 
luse,  die  schönste  frau  nach  Koudwiramur,  und  gesteht  ihr  seine  liebe. 
Schnöde  abweisend  antwortet  sie:  „Gut,  ich  weiss  schon  (509,  10). 
Lobt  mich  nicht  zu  sehr,  ihr  könt  nur  schände  davon  haben.  Ich  wiU 
nicht,  dass  jeder  beliebige  über  mich  urteüe.  Wenn  mich  jeder  lobte, 
der  kluge  und  der  unerfahrene,  der  gute  und  der  schlechte,  das  wäre 
nichts  wert.  Ich  will,  dass  nur  die  weisen  mein  lob  bewahren.  Ich 
kenne  euch  nicht,  und  es  ist  zeit,  dass  ihr  euch  entfernt.  Ich  will 
euch  mein  ui'teil  nicht  vorenthalten:  ihr  seid  bei  meinem  herzen,  aber 
weit  draussen,  nicht  drinnen.  Wenn  ihr  meine  müine  begehrt,  womit 
habt  ihr  sie  verdient?  Mancher  wirft  seine  blicke  heftiger  als  er  sie 
mit  einer  Schleuder  werfen  könte,  wenn  er  durchaus  sehen  möchte, 
was  sein  herz  verwundet.  Sucht  anderswo  minne,  und  wemi  ihr  sie 
auf  mich  richtet,  so  werdet  ihr  davon  keinen  lohn  haben;  ihr  werdet 
hier  nur  schände  finden  (510,  14)."  Mit  solchen  und  ähnlichen  werten 
reizt  sie  den  ritter  nur  noch  mehr,  ihr  zu  dienen.  Ohne  zögern  löst 
er  die  von  Orgeluse  ihm  gestelten  aufgaben.  Auch  in  ihren  handlan- 
gen zeigt  sich  iln-e  sprödigkeit.  Denn  als  er  ihi'  sein  ross  zu  halten 
gibt,  will  sie  es  nicht  da  anfassen,  wo  seine  band  geruht  hat. 

Worin  das  erste  abenteuer  seine  spitze  hat,  sehe  ich  nicht:  Ga- 
wan holt  auf  Orgelusens  wünsch  ihr  ross  aus  einem  baumgarten  (512, 
26  —  514,  26);  die  leute  warnen  ihn  dabei  überall  vor  der  frau  (vgl. 
513,  13.  514,  19).  —  Ebenso  wenig  verstehe  ich  ganz  515,  1  — 10: 
Als  Gawan  zurückkehrt,  hat  Orgeluse  ihr  gebende  vom  kinn  aufs  haupt 
geschoben  (also  den  mimd  frei  gemacht).  Kampftüchtige  glieder  trägt 
ein  weib,    die  man  so  findet   (nämlich  wol  den  muud  bereit  zum  küs- 


DIE   FRAUEN   IM    PAEZIVAL  69 

sen  und  zum  schelten):  die  wäre  sehr  leicht  über  ein  spiel  froh  (zu 
einer  kurzweil  geneigt?).  "Was  sie  sonst  noch  für  kleider  trägt?  "Wenn 
ich  mich  auch  entschlösse  darnach  zu  sehen,  ihr  blick  erlässt  mir 
das  {?).  Yermutungen  sind  wolfeil,  hellen  aber  das  dunkel  der  werte 
nicht  völlig  auf. 

Mit  auffallenden  werten  begrüsst  sie  ihn  nun,  schilt  ihn  gans 
usw.  (515,  13),  ja  sie  ruft  ihm  die  werte  zu:  „got  müexe  iucli  vellen 
(statt  des  gewöhnlichen  grusses  halten!  516,  2).  Gawan  bietet  ihr  ohne 
dies  zu  beachten  seine-  dienste.  —  Soweit  hat  es  Wolfram  über  sich 
gebracht,  ohne  eine  eigene  bemerkung  zu  übertragen.  Jezt  warnt  er 
wenigstens,  sie  voreilig  zu  verurteilen,  ehe  man  weiss,  wie  es  um  ihr 
herz  stünde  (516,  3).  —  Gawan  bricht  unterwegs  ein  kraut  für  wun- 
den; sie  höhnt  ihn,  als  wolle  er  mit  salben  handeln.  Als  er  ihr  erklärt, 
er  habe  es  für  einen  wunden  ritter  bestirnt,  entgegnet  sie  schnippisch: 
sie  werde  es  vielleicht  noch  von  ihm  lernen  (517,  10).  Als  ihm  sein 
pferd  gestohlen  wird  und  er  zu  fuss  gehen  muss,  höhnt  sie,  dass  er 
aus  einem  ritter  ein  knappe  geworden  (523,  9).  Er  beteuert  aufs  neue 
seine  dienstwilligkeit,  macht  ihr  dabei  aber  doch  vorwürfe  (524,  2). 
So  widerholen  sich  abweisung,  höhn  und  spott  noch  öfter  (530,  8. 
531,  12).  Er  hört  nicht,  was  sie  spricht;  wenn  er  sie  ansah,  fesselte 
sie  ihn  aufs  neue  (531,  19  —  30). 

So  erzählt  "Wolfram  ganz  schlicht  nach  seiner  quelle;  er  kann 
sich  nicht  einmal  entschüessen,  die  frau  zu  tadeln  (516,  3  fg.).  Aber 
hier  zeigt  er  doch,  dass  solche  minne  nicht  die  seine  sei.  Zwei 
abschnitte  von  je  30  versen  schiebt  er  ein,  um  die  wahre  liebe  zu 
preisen,  532  —  533:  mancher  gelehrte  sagt,  Amor,  Cupido  und  Venus 
riefen  mit  ihrem  geschoss  und  feuer  die  Hebe  hervor.  Aber  solche 
liebe  gefält  mir  nicht.  Sondern  das  ist  wahre  minne,  welche  aus  herz- 
licher stäter  gesinnung  hervorgeht,  sei  sie  nun  mit  freude  oder  schmerz 
verbunden,  ja  in  der  wahren  triuwe  selbst  besteht  die  liebe.  Ich  habe 
es  weder  mit  Cupido  imd  Amors  pfeil,  noch  mit  der  Yenus  feuer 
zu  tim.  sol  ich  der  icdren  minne  jehn, 

diu  niuoz  durch  triive  mir  geschehn. 
"Wüste  mein  verstand  ein  mittel  gegen  die  minne,   so  weite  ich  Gawan 
helfen.     Aber  wenn  Um  wirklich  die  minne  zwingt,   welche  auch  die 
stärkste  wehr  niedertritt,  so  ist  er  ja  ohne  schände.    "Wenn  ihn  jedoch, 
den  starken  tapfern  mann,    ein  weib^  überwände,    das   solte  mir  leid 

1)  Wolfram  scheidet  so,  wenn  ich.  recht  verstehe,  die  wahre,  echte  herzens- 
neigung  von  der  bloss  sinlichen  hebe.  Solte  nur  diese,  welche  er  mit  den  antiken 
namen  bezeichnet,  durch  Orgeluse  um  fesseln,  so  wüi'de  der  dichter  dies  bedauern. 


70  KINZEL 

tun.  Nun  lass  dich  einmal  näher  betrachten,  liebesgewalt !  Du  scheinst 
die  freude  ganz  und  gar  untergraben  zu  wollen  und  nur  schmerz  zu 
bereiten!  Geschähe  das  anderswo  als  im  tiefsten  herzen,  so  Hesse  ich 
mir  das  gefallen  (533,  8).  Um  bloss  ungehörigkeiten  zu  verüben,  dazu 
ist  die  minne  zu  alt;  man  kann  doch  nicht  annehmen,  dass  das  jezt 
eine  neue  sitte  der  minne  ist,  sonst  würde  sie  ihren  rühm  bald  ein- 
büssen.  Man  soll  sie  darüber  besser  unterweisen  (533,  20).  Ich  preise 
mit  allen  weisen  die  reine  liebe.  Wenn  der  geliebte  dem  geliebten 
ungetrübte  lautere  gesinnung  entgegenbringt,  so  dass  es  keinen  von 
beiden  verdriesst,  dass  die  minne  mit  liebe  ohne  wanken  ihr  herz 
besizt,  so  ist  dies  die  höchste  liebe. 

Niemand  wird  zweifeln,  dass  wir  es  hier  wider  mit  einem  von 
den  treuherzigen,  edlen  herzensergüssen  unsres  dichters  zu  tun  haben, 
welche  sich  meist  durch  besonders  schwerfälKgen  ausdruck  auszeich- 
nen. Er  wül  sagen:  es  scheint  so,  als  wenn  den  beiden  hier  eine 
ganz  törichte,  nur  äusserlich  sinliche  liebe  zu  einem  weibe  ergriffen 
hätte,  die  sie  gar  nicht  erwidert;  in  diesem  falle  würde  ich  mein  mis- 
fallen  darüber  ausdrücken  müssen.  Denn  ich  kann  solche  liebe  nicht 
billigen.     Doch  der  weitere  verlauf  soll  es  lehren. 

Als  ein  ritter  ihnen  entgegenreitet,  wünscht  sie  ihrem  begleiter, 
entschieden  die  grenzen  der  zucht  überschreitend,  derselbe  möchte  Gra- 
wan  so  zu  falle  bringen,  dass  ihm  das  wegen  seiner  zerrissenen  hosen 
um  der  zusehenden  trauen  wülen  sehr  leid  wäre  (535,  24).  Dann  steigt 
sie  in  ein  schiff  und  lässt  ihn  zurück.  Doch  gestattet  sie  ihm,  sie 
wider  zu  sehen,  wenn  er  siegreich  gewesen;  sie  glaubt  aber,  dass  dies 
lange  dauern  werde  (536,  8). 

Gawan  besteht  nun  die  abenteuer  im  wunderschloss  und  sieht  in 
der  Säule  Orgeluse  mit  einem  ritter  reiten.  Er  eilt  hinzu  und  wirft 
ihn.  Die  nun  folgende  rede  der  Orgeluse  macht  scliwierigkeiten  598, 
16  —  599,  13.  Es  ist  wol  das  stärkste  beispiel  von  Ironie,  das  die  mhd. 
poesie  aufzuweisen  hat:  „ihr  seid  so  fröhlich,  dass  ihr  dort  im  wun- 
derschlosse  und  eben  hier  den  sieg  erfochten;  ich  will  euch  die  freude 
darüber  nicht  sclunälern,  dass  das  wunderbett  so  schwächlich  sich  erwie- 
sen. Euer  Schild  ist  ja  zerbrochen  und  zu  weiterem  kämpfe  seid  ihr 
zu  sehr  verwundet,  ein  neuer  schmerz  zu  meinem  ehrentitel  gans  von 
vorhin.  Rühmt  euch  nur  eures  durchlöcherten  schüdes,  neues  unge- 
mach  könt  ilir  doch  nicht  auf  euch  nehmen.  Lasst  euch  den  finger 
ziehen,  den  ihr  euch  verstaucht  habt  und  kehrt  zu  den  trauen  zurück; 
für  mich  könt  ihr  doch  nicht  mehr  in  den  kämpf  ziehen."  Doch  als 
Gawan  noch  immer   treu  bleibt,    da   scheint   sich   ein    umschwimg   in 


DIE   FRAUEN   IM   PÄKZIVAL  71 

dieser  leidenschaftlichen  und  scheinbar  so  hartherzigen  frau  vorzuberei- 
ten. Sie  erlaubt  ihm,  zu  neuem  streit  mit  ihr  zu  ziehen  (599,  21). 
Die  lezte  aufgäbe,  welche  sie  ihm  stelt,  ist,  ein  reis  zu  pflücken;  dann 
dürfe  er  ihre  minne  fordern  (600,  24).  Endlich  wird  der  zweck  all 
dieser  prüfungen  angedeutet,  601,  26  den  heiet  de?-  mir  freude  nam, 
ausgesprochen  wird  er  erst  606,  6:  er  soll  sie  an  dem  rächen,  der  ihr 
den  geliebten  erschlug.  Ihre  rede  wird  milder,  als  sie  ihm  mit  einem 
heil  wünsch  den  weg  weist  (602,  2),  ja  sie  weint,  als  das  pferd  im  was- 
ser  strauchelt  (602,  18). 

Wolfram  ist  nicht  einverstanden  mit  dem  abenteuer:  wie  sehr 
auch  Orgeluse  strahlte,  ich  hätte  ihre  minne  nicht  so  erobert;  ich  weiss 
wol,  was  sich  für  mich  ziemt  (604,  6). 

Gawan  nimt  nun  den  kränz  und  verabredet  mit  dem  schuldigen 
Gramoflanz  einen  kämpf  über  16  tage.  Bei  seiner  rückkehr  zu  Orge- 
luse löst  sich  endlich  das  rätsei  ihres  betragens.  Sie  springt  vom  ross 
und  fält  ihm  zu  füssen.  Sie  gesteht:  solche  bedrängnis,  wie  er  durch 
sie  erlitten,  vereine  sich  schlecht  mit  ihrer  würde.  Sie  mache  ilun 
solches  herzeleid,  wie  ein  treues  weib  nur  um  des  geliebten  leben 
haben  solte  (611,  30).  Er  zweifelt  an  ihrer  auMchtigkeit,  hält  ihre 
Worte  für-  neuen  spott  und  macht  ihr  dabei  die  verdienten  vorwürfe, 
dass  schildesamt  für  solchen  spott  zu  hoch  sein  solte,  sie  solte  keinem 
ritter  fürder  solche  Unehre  bieten;  er  kündigt  ihr  fast  den  dienst 
(612,  21).  In  längerer  rede  (612,  23  —  614,  17)  erwidert  sie  unter 
tränen:  „wenn  ich  euch  meine  not  darlege,  so  haltet  ihr  es  meinem 
schmerz  zu  gute;  was  ich  unrechtes  getan  habe,  werdet  ihr  mir  um 
eurer  höfischen  gesinnung  verzeihen;  denn  ich  kann  nicht  mehr-  freude 
verlieren,  als  ich  an  Cidegast  verloren  habe.  Was  ich  euch  zu  leide 
tat,  tat  ich  nur  um  zu  prüfen,  ob  ihr  meiner  liebe  wert.  Nun  habe 
ich  euch  für  gold  erkant,  das  durch  das  feuer  geläutert  ist."  Als  er 
jezt  minnelohn  fordert,  vertröstet  sie  ihn;  sie  will  erst  seine  wunden 
auf  dem  wunderschlosse  pflegen.  Da  hebt  er  sie  aufs  pferd,  drückt  sie 
an  sich  (615,  17)  imd  hört  ihre  klagen  mit  an,  die  dazu  dienen  sollen, 
ihr  hartherziges  betragen  zu  entschuldigen  (616,  29).  Amfortas  empfieng 
in  ihrem  dienste  die  furchtbare  wunde;  sie  bot  ihm  also  ihre  minne 
umsonst.  Parzival,  der  ihre  ritter  niederstach,  hat  sie  ebenfals  minne 
geboten;  doch  er  hatte  sie  verschmähte  Sie  fragt  den  geliebten,  ob 
sie  unrecht  daran  getan,  aber  dieser  findet  es  durchaus  berechtigt! 

1)  Als  sie  wider  mit  ilun  zusammenkomt ,  schämt  sie  sich  deshalb  (696,  9) 
und  will  nicht  mit  ihm  essen  (697,  16). 


72  KINZEL,    DIE    FRAUEN   IM    PAEZIVAL 

Als  sie  nun  Gawan  ihre  minne  gewährt  hat,  wird  ihr  zorn  über 
Cidegasts  tod  sanfter  (723,  10).  Sie  lässt  sich  bereit  finden,  sich  mit 
Gramoflanz  zu  versöhnen  und  ihn  zur  sühne  zu  küssen;  doch  muste 
sie  in  gedanken  an  Cidegast  dabei  weinen. 

do  tivanc  si  ivi'plichiu  not 
nach  im  dennoch  ir  riuwe. 
weit  ir,  des  jeht  für  triuive.     (729,  24.) 
Diese  hypothetische  Zustimmung  zu  diesem  Charakter  ist  für  Wolf- 
rams darstellung  charakteristisch.     Vgl.  ztsclir.  f.  d.  a.  30,  363. 

Itonje,  buch  XIV,  zeigt  uns  die  minne  in  ihrer  versöhnenden 
kraft.  Um  Orgelusens  willen  ist  Gawan  mit  Gramoflanz  in  streit  ge- 
kommen, der  am  festgesezten  tage  vor  vielen  zeugen,  auch  vor  Artus' 
und  den  seinen  ausgefochten  werden  soU.  Gramoflanz  aber  liebt  Gawaus 
Schwester  Itonje,  freilich  ohne  sie  je  gesehen  zu  haben  (712,  22),  und 
Bene  hat  ihm  auch  der  geliebten  liebeszeichen  überbracht.  Nun  hört 
Itonje  von  dem  bevorstehenden  kämpfe  (710,  11);  da  bricht  ihr  kum- 
mer  die  grenzen  des  anstandes,  so  dass  Wolfram  sogar  sein  misfallen 
äussert,  obgleich  er  doch  nichts  unziemliches  erzählt  (710,  16).  Sie 
klagt  Artus  ihr  leid,  dass  der  bruder  ihr  den  geliebten  erschlagen 
woUe,  und  bittet  ihn  als  oheim,  den  streit  zu  scheiden.  Dieser  hält 
dafür,  dass  den  zorn  des  sti'eitbaren  königs  nur  ilire  liebe  lindern  könne 
(712,  17);  als  aber  ein  liebesbrief  desselben  ihm  die  stärke  seiner  nei- 
gung  beweist  (714,  28),  beschliesst  er  doch  zu  vermitteln  und  ladet 
den  könig  mit  seinem  geleit  in  sein  zeit.  Beakurs,  Itonjes  bruder  holt 
ihn  ein,  Artus  führt  ihn  ins  zeit  und  lässt  ihn  seine  geliebte  erraten 
(724,  15):  die  ähnlichkeit  mit  Beakurs  leitet  ihn.  Artus  vermitlung 
fält  auf  guten  boden  und  führt  die  Versöhnung  mit  seinem  gegner  her- 
bei, als  auch  Orgeluse  verzeiht,  welche  durch  Gawans  liebe  milder 
gestimt  ist.     Mehrere  hochzeiten  besiegeln  den  frieden. 

Die  übrigen  fi-auen,  welche  im  Parzival  noch  auftauchen,  wie 
Ginover,  Arnive,  Kunneware,  Cundrie  u.  a.  haben  eine  besondere  aus- 
gestaltung  nicht  erhalten.  Die  hauptpersonen  aber  sind  mit  einer  gewis- 
sen planmässigkeit  über  das  werk  verteilt.  Auf  Gahmuret,  Parzival 
und  Gawan  kommen  je  drei  frauenbilder :  Belakane,  Herzeloide,  Ampf- 
lise  —  Jeschute,  Sigune,  Kondwiramur  —  Obie  (Obilot),  Antikonie, 
Orgeluse.  In  jeder  gruppe  kann  man  gewisse  ähnliche  züge  unter- 
scheiden: in  der  ersten  die  naiv  begehrende  liebe  mit  realistischer  fär- 
bung,  in  der  zweiten  die  ernste,  keusche,  treue  eheliche  liebe,  in  der 
dritten    die   intrigante   liebe,    wie   sie    der   minnedienst   hervorrief  mit 


WEIXHOLD,    FRIEDRICH    BECKER 


73 


pikantem  nebengeschmack.  Dass  diese  anläge  und  gestaltung  nicht  ganz 
zufällig  ist,  scheint  mir  klar.  Von  Wolfram  rührt  sie  nicht  her,  wie 
viel  er  auch  zur  ausmalung  beigetragen  haben  mag.  Denn  ich  habe 
gezeigt,  dass  sich  seine  auffassung  oft  im  gegensatz  zu  der  darstellung 
seiner  quelle  befand. 

FEIEDENAU,    OCT.    1887.  KAEL    KINZEL. 


mSCELLEN  UND  LITTEEATUE. 

Friedrich  Becker. 

Am  12.  nov.  1887  starb  zu  Basel  nach,  jahrelangen  märüich  getragenen  leiden 
dr.  Friedrich.  Becker,  jubilierter  professor  der  dortigen  gewerbeschule,  der  durch, 
einige  sch<ätzbare  arbeiten  sich  den  deutschen  Sprachforschern  angereiht  hat.  Er  war 
das  fünfte  kind  des  berühmten  deutschen  gi'ammatikers  Karl  Ferdinand  Becker  und 
demselben  am  15.  december  1815  von  seiner  gattin  Amalie  geb.  Schnünke  zu  Offen- 
bacli  a.  M.  geboren.  Er  wuchs  unter  der  obhut  des  bedeutenden  vaters  und  der  hei- 
tern tatkräftigen  mutter  auf.  Mit  fünfzehn  jähren  aber  ward  er  zu  seinem  als  arzt 
in  Berlin  lebenden  älteren  bruder  Ferdinand  geschickt,  um  die  gute  schule  des 
Joachimsthalschen  gymnasiums  zu  gemessen,  bestand  das  abitui'ientenexamen  auf 
demselben  imd  liess  sich  dann  au  der  dortigen  Universität  als  student  der  medizin 
einschi'eiben.  Aber  schon  1834  starb  der  bruder,  als  Friedi-ich  eben  das  erste  Seme- 
ster hinter  sich  hatte,  und  dieser  gieng  deshalb  nach  Bonn,  später  nach  Giessen, 
um  vorzüglich  natui-wissenschaften  zu  studieren.  Nach  abschluss  dieser  studien 
kehrte  er  nach  Offenbach  zurück  und  trat  als  lehrer  in  das  väterliche  bekante  erzie- 
hungsinstitut ,  das  wesentlich  von  jungen  Engländern  und  Frankfurtern  besucht  ward 
und  eine  fi'eie  humane  erziehung  und  bildung  jüngeren  und  älteren  Schülern  gab. 
Hier  unterrichtete  er  mit  seinem  vater,  mit  dem  schwager  Helmsdörfer,  mit  Hagge 
und  Bartebnann  durch  eine  reihe  von  jahi'en,  bis  er  1845  ein  lehi-amt  an  der  real- 
schule  in  Offenbaeh  übernahm.  Zwei  jahi-e  später  verehelichte  er  sich  mit  Emma 
Weis,  tochter  des  fürstl.  Isenbui-gschen  kammen-ates  "Weis,  die  ihm  nach  seinen 
eignen  worten  erst  als  üebüche  braut,  dann  als  treue  gattin  dreissig  jähre  das  gröste 
glück  und  der  höchste  segen  gewesen  ist. 

1852  folgte  Becker  einem  rufe  zum  lehi-er  der  musterschule  in  Frankfuii  a.  M. ; 
1853  aber  vertauschte  er  diese  stehe  mit  der  eines  lehrers  der  deutschen  spräche 
und  der  chemie  an  der  neu  gegrtlndeten  gewerbeschule  in  Basel.  In  diesem  amte 
hat  er  ungemein  segensreich  gewirkt;  hunderte  über  die  ganze  Schweiz  verstreute 
Schüler  verdankten  ihm  zucht  und  geistige  bildung.  „Er  kante",  wie  einer  derselben 
in  der  Sehweizer  grenzpost  dem  eben  verstorbenen  nachrief,  „das  geheimnis  des 
anregenden  Unterrichtes  wie  selten  einer  und  wüste  uns  dabei  immer  das  für  die 
Jugend  so  festigende  gefühl  wach  zu  halten,  dass  \ni-  es  mit  einem  ganzen  Charakter 
und  einem  zuverlässigen  manne  zu  tun  hatten."  Becker  lebte  sich  in  Basel  gut  ein 
und  suchte  mit  land  und  leuten  vertraut  zu  werden.  Die  Basler  niundart  machte 
er  zum  gegenständ  liebevoller  forschung  und  ward  so  auch  zu  J.  P.  Hebel  geführt, 
dem  dichter  des  nahen  Markgräflerlandes.     Regelmässig  nahm  er  an  den  in  Hausen 


74  K.    WEINHOLD 

gefeierten  Hebelfesten  teil  und  sammelte  viel  auf  den  treflichen  dichter  und  volks- 
schi'ifts teile r  bezügliches.  Zum  hundertsten  gebm-tstage  desselben  1860  gab  er  ein 
schönes  buch  heraus: 

J.  P.  Hebel.     Festgabe    zu    seinem    hundertsten    geburtstage.      Briefe 

Hebels  an  freund  und  freundin;   dichterische  grüsse  an  sein  andenken;   über  die 

Basler   mundart    (von    K.  R.  Hagenbach);    Basler  Helgen.      Herausgegeben    von 

Friedlich  Becker.     Basel,  Bahnmaiers  buchhandlung.  1860.     350  s.  und  7  büder. 

Man  merkt  dem  buche  an,  dass  Becker  sich  mit  Hebel  verwant  fühlte,    und  durch 

seine  eigne  natui*  für  das  Verständnis  des  schalkhaften  humors  imd  des  tiefen  gemü- 

tes  sowie  des  köstlichen  naturgefühls  des  treflichen  Alemarmen  völlig  geschaffen  war. 

Das  Basler   wöi-terbuch    auszuai'beiten ,    war   ihm   leider   nicht   vergönt.     Als 

schwere  krankheit  ihm  die  aussieht  dazu  nahm,  hat  er  seine  samlungen  der  leitimg 

des  Schweizerischen  idiotikons  überwiesen. 

Ausser  den  dialektischen  forschimgen  zog  die  geschichte  der  deutschen 
familiennamen  unsem  Becker  ganz  besonders  an.  Er  sammelte  aus  den  ui'kunden 
der  verschiedenen  deutschen  länder  sowie  aus  dem  leben  der  späteren  imd  jüngsten 
zeit  reichen  stoff,  und  zog  verständig  und  kundig  die  ergebnisse  daraus.  Die  in  dem 
Programm  der  gewerbeschule  Basel  1863/64  (Basel  1864)  gedruckte  abhandlung 

Die  deutschen  geschlechtsnamen,  ihre  entstehung  und  bildung 
(27  s.  4.) 
gehöii  zu  dem  besten  was  über  den  gegenständ  geschrieben  ist.  Ei"  behandelt  darin 
die  fragen :  "Wann  bei  uns  die  geschlechtsnamen  aufgekommen  sind  ?  Auf  welche  weise 
sie  entstanden  sind?  und  was  den  gebrauch  der  geschlechtsnamen  hervorgerufen  hat? 
in  lebendiger,  geistreicher  weise  imd  mit  entschiedener  beherschung  des  Stoffes.  Die 
abhandlung  ist  das  heitere  gegenbüd  zu  Yümars  deutschem  namenbüchlein. 

Eine  weitere  frucht  dieser  forschungen  brachte  die  wissenschaftliche  beüage 
zum  bericht  der  gewerbeschule  zu  Basel  1872/73  unter  der  aufschrift  Die  deut- 
schen satznamen.  (29  s.  4.)  Becker  behandelte  hier  jene  namen,  die  „gleich- 
gültig ob  eigcnname  oder  gemeinname,  personen-  oder  sachname,  concretum  oder 
abstractum,  aus  einem  volständigen  oder  einem  elliptischen  satze,  einem  uiieilssatz, 
befehlssatz  oder  Wunschsatz  zu  einem  flectierten  Substantiv  erhärtet  sind."  Nach 
einer  Übersicht  über  das  vorkommen  derselben  bei  andern  Völkern,  wendet  er  sich 
zu  den  deutschen  satznamen,  die  als  eigennamen verhältnismässig  spät  auftreten:  das 
älteste  beispiel,  das  er  fand,  ist  Fridelant  aus  dem  jähre  1170,  name  eines  landmanns 
zu  Woringen  bei  Köln.  Er  weist  dann  die  Verwendung  der  satznamen  nicht  bloss 
füi'  personen  nach,  beriikrt  die  entstehungsgründe ,  untersucht  die  grammatische  bil- 
dung, auch  die  ableitungen  daraus  und  endet  mit  dem  absterben  derselben,  das  mit 
der  ganzen  Veränderung  des  deutschen  geisteslebens  genau  zusanmienhängt. 

Diese  an  imifang  nicht  bedeutenden,  aber  sorgsam  dui'chdachten ,  mit  leben 
und  humor  durchgefühlten ,  auf  ausgebreitete  queUenschau  gegründeten  arbeiten  geben 
Becker  das  recht  auf  einen  platz  unter  den  Germanisten,  und  seine  gestnnung,  fügen 
•wir  hinzu,  eine  stelle  in  der  reihe  guter  deutscher  männer.  Obschon  er  sich  in 
Basel  vöUig  eingelebt  hatte,  hieng  er  treu  an  Deutschland.  Durch  viele  jähre  war 
er  Vorstandsmitglied  des  deutschen  hilfsvereins  für  bedürftige  landsleute.  Der 
entwickelung  der  deutschen  pohtik  folgte  er  mit  lebendigster  teilnähme,  und  als 
der  krieg  zwischen  Deutschland  und  Fi'ankreich  1870  ausbrach  und  alle  deutschen 
Stämme  einträchtig  das  Schwert  zum  schütz  des  Vaterlandes  zogen,  schickte  Becker 
seinen  ältesten  zweiundzwanzigjähiigen  söhn  mit  ins  feld.     Der  jüngHng  erwarb  sich 


FKIEDHICH    BECKER 


75 


bei  Gravelotte  das  eiserne  ki-euz,  focht  tapfer  vor  Orleans  und  fiel  am  28.  Januar 
1871,  ani  tage  der  unterzeiclinung  des  waffenstüstands ,  bei  der  Verteidigung  von  Blois. 

Becker  selbst  und  seine  älteste  tocbter  Auguste  waren  in  dem  hilfsverein  füi- 
die  deutschen  kiieger  tätig,  namentlich  während  der  belagenmg  des  nahen  Belfoi-t. 
Im  September  1873  verlebte  ich  einen  schönen  tag  in  dem  Beckerschen  hause  in  B^sel. 
Er  wai-  ki-äftig  und  voll  leben,  die  gattin  liebreich  und  mild,  der  stüle  schmerz  über 
des  Sohnes  tod  warf  einen  leichten  schatten  über  sie.  Die  beiden  älteren  töchter 
blühten  in  jugendschöne.  "Wie  bald  solte  das  anders  werden!  Zwei  jähre  später  lag 
die  schöne  Auguste  unter  dem  rasen,  von  rascher  ki-ankheit  hingestreckt;  nach  wenig 
monden  war  ihr  die  mutter  gefolgt.     Das  hat  Beckers  kraft  gebrochen. 

Als  die  Basler  gewerbeschule  am  22.  juni  1878  das  fünfundzwanzigjähiige  fest 
ihres  bestehens  feierte,  begieng  Becker  gleichzeitig  das  Jubiläum  als  lehrer  seit 
beginn  der  anstalt.  Die  Universität  Basel  verlieh  ihm  rmter  algemeiner  Zustimmung 
damals  den  ehi-enbrief  als  doctor  der  philosophie.  Er  ti-at  in  den  ruhestand  wegen 
krankheit.  Schwere  jähre  mit  vielen  leiden  sind  mm  über  ihn  gekommen.  Ein  hcht- 
bhck  war  noch  eine  im  anfang  der  Pensionierung  imternommene  reise  nach  Kiel, 
wohin  die  zweite  tochter  Sophie  sich  an  einen  vetter,  den  professor  der  theologie 
dl-.  Fiiedrich  Nitzsch  verheiratet  hatte.  Becker  sah  dort  seinen  enkel.  Aber  kränker 
kekrte  er  nach  zwölfwöchentücher  abwesenheit  nach  Basel  heim.  Neun  jähre  litt  er; 
aber  seine  geistige  fi-ische  blieb  ihm,  auch  seine  heiterkeit,  und  mit  den  seinen  stund 
er  in  ununterbrochenem  regem  verkehr-.  Die  andern  freiüch  sahen  und  hörten  nichts 
von  ihm;  die  meisten  glaubten,  er  sei  längst  tot. 

Im  Sommer  1887  war  endlich  die  kraft  des  starken  leibes  erschöpft,  er  verfiel 
zusehends,  und  am  12.  nov.  früh  1  uhi-  erlöste  der  tod  den  dulder  aus  den  banden 
des  irdischen  daseins. 

Seine  kinder,  seine  fi-eunde,  seine  schüler  werden  Fi-iedi-ich  Becker  nicht 
vergessen. 

BRESLAU,    WEIHNACHTEN   1887.  KARL   WEINHOLD. 


NEUERE  SCHILLER-LITTERATUR.1 

I.    Biograpliisclies. 
1)  Richard  Weltrich,    Friedrich  Schiller.     Geschichte  seines  lebens  imd  Cha- 
rakteristik   seiner   werke.     Unter   kritischem   nachweis    der   biogi-aphischen    quellen. 
Erste  heferung,  mit  dem  bildnis  der  Danneckerschen  Schillerbüste. —  Stuttgart,  Cotta- 
sche  buchhandlung.  1885.    XII,  384  s.     gr.  8.     4  m. 

1)  "Widerholt  hatte  professor  Zacher  den  -minsch  ausgesprochen,  dass  ich  die  Schiller  -  littera- 
tiir  der  lezten  jähre  in  seiner  Zeitschrift  einer  zusammenhängenden  besprechung ,  welche  namentlich 
den  Inhalt  der  einzelnen  Schriften  klar  erkennen  Hesse,  unterziehen  möchte.  Der  ihm 
noch  kurz  vor  seinem  tode  gegebenen  zusage  glaubte  ich  mich  nicht  entziehen  zu  dürfen,  obwol  ich 
durch  andere  arbeiten  in  ansprach  genommen  war  und  die  Schwierigkeit  eines  solchen  auf  mehrere  jähre 
zurückgreifenden  —  ich  glaubte  etwa  mit  dem  jähre  1885,  wo  Weltrichs  biographie  einen  markstein 
bildet ,  einsetzen  zu  müssen  —  berichtes  erkante.  Auf  volständigkeit  kann  und  wiU  meine  skizze  keinen 
ansprach  machen,  von  einem  ersten  versuch  wird  man  sie  auch  billigerweise  nicht  erwarten  oder  ver- 
langen. Ich  hoffe  bei  der  fortsetzung,  welche  ja  ruhiger  die  einzelnen  erscheinungen  verfolgen  kann, 
nach  dieser  wie  nach  anderen  selten  den  wünschen  der  leser  besser  entsprechen  zu  können.  Vor  allem 
gedenke  ich  dann  auch  die  wichtigeren  aufsätze  aus  Zeitschriften,  von  denen  ich  diesmal  leider  absehen 
muste,  zur  besprechung  mit  heranzuziehen.  G-.  K. 


76  G.    KETTNER 

^Mein  buch  ist  als  ein  ganzes  gedacM;  die  Verteilung  des  Stoffes  kann  sich 
erst,  wenn  das  ganze  vorliegt,  volständig  rechtfertigen;  manches,  dessen  aufnähme 
vielleicht  auf  den  ersten  anblick  befremdet,  wird  als  teil  des  gesamtplanes  nach  und 
nach  erst  sich  erklären."  Diese  werte  der  vorrede  und  zugleich  auch  die  rücksicht 
auf  die  zahli'eichen  und  sehr  eingehenden  besprechungen ,  welche  das  buch  bei  sei- 
nem erscheinen  gefunden  hat,  veranlassen  mich  hier  nur  kui'z  die  eigentümlichen 
Vorzüge  und  mängel  dieser  neuesten  Schiller -biographie  zu  charakterisieren. 

So  sehr  auch  die  meinungen  über  dieselbe  auseinandergiengen,  so  reichüch 
auch  der  Verfasser  lob  und  tadel  geerntet  hat  —  vorzugsweise  wol  lezteren,  da  er 
durch  sein  leidenschaftliches  auftreten  „in  eigner  Sache"  gegen  Hepp  selbst  die  erwar- 
tungen  möglichst  hoch  gespant  und  der  kritik  den  strengsten  massstab  in  die  band 
gedrückt  hatte  — ,  das  eine  wird  jeder  unbefangene  anerkennen  müssen,  dass  hier 
seit  Hoffmeister  zum  ersten  male  wider  eine  biographie  des  dichters  unternommen 
ist,  die  allen  wissenschaftlichen  ansprüchen  zu  genügen  vermag.  —  Ich  will 
gewiss  die  Vorzüge  des  trefhchen  buches  von  PaUeske  nicht  verkennen  imd  bedaure 
aufs  lebhafteste ,  dass  Weltrich  in  der  vorrede  so  absprechend  über  dasselbe  geui'teilt 
hat,  bedaure  es,  dass  er  ihm  „rhetorik  und  declamation"  vorwirft,  zii  der  er  selbst 
doch  nur  zu  sehr  neigt,  aber  das  lässt  sich  nicht  leugnen,  an  die  gründlichkeit  in 
der  heranziehung  und  benutzung  der  quellen,  durch  welche  die  neue  biographie  sich 
auszeichnet,  reicht  die  ältere  nicht  heran.  Ja  oft  verführt  die  strenge  gewissenhaf- 
tigkeit  den  Verfasser  zu  übertriebener  Sorgfalt;  indem  er  von  seinem  verfahren  uns 
überall  rechenschaft  abzulegen  bemüht  ist,  erlässt  er  uns  nicht  die  mitteilung  des 
ganzen  detaüs,  arbeitet  er  einzelne  abschnitte  zu  selbständigen  kleinen  Studien  aus. 
Auch  in  der  Würdigung  der  werke  Schillers  überragt  Weltrich  alle  jene  Vorgänger. 
Seine  kritik  umfasst  mit  gleicher  schärfe  und  gleicher  hebe  die  schulreden  wie  die 
medicinischen  abhandlungen  und  die  Jugendgedichte,  sie  bricht  ab  in  einer  muster- 
gütigen  ästhetisch -kritischen  betrachtung  der  räuber;  überall  komt  bei  der  beurtei- 
lung  der  ütterarhistorische  Standpunkt  zu  seinem  vollen  rechte.  Etwas  zu  weit  aus- 
gesponnen ist  freihch  auch  hier  manches,  was  brauchte  z.  b.  in  einer  biographie  die 
Schubartsche  erzählimg,  welche  die  quelle  der  Eäuber  büdet,  in  extenso  abgedruckt 
zu  werden?  war  es  nötig,  einzelne  Jugendgedichte  so  eingehend  zu  besprechen,  dass 
z.  b.  der  elegie  auf  "Weckherlin  allein  zwei  selten  eingeräumt  wurden? 

Dies  führt  uns  auf  den  haupts-orwurf,  den  man  dem  werke  gemacht  hat  und 
gegen  den  ihn  auch  der  geleitsbrief  Vischers  (Allgem.  ztg.  1885  s.  3609  fgg.)  verge- 
bens zu  schützen  gesucht  hat:  die  composition  des  werkes  weist  erhebliche  mängel 
auf.  Nicht  bloss,  dass  die  anordnung  nicht  übersichtüch  genug  ist,  dass  der  Verfas- 
ser sich  zu  oft  in  einzelheiten  vertieft  und  die  biographie  fast  zu  einem  reperto- 
rium  für  alle  Schillerfragen  ausweitet,  er  unterbricht  sogar  den  Zusammenhang  dm'ch 
betrachtungen,  die  gelegentlich  zu  excursen  anwachsen.  In  s.  37  —  58  z.  b.  gibt  die 
frage  nach  dem  Zusammenhang  des  dichters  mit  seiner  heimat  dem  Verfasser  die 
veranlassung  zu  einer  Charakteristik  der  Scliwaben,  welche  uns  bis  in  die  zelten  der 
vöLkei-wanderung,  ja  bis  auf  Tacitus  zurückfühi't ! 

Die  darsteUung  des  Verfassers  strebt  meist  mit  glück  nach  sinlicher  anschau- 
lichkeit,  energischem,  packendem  ausdi'uck.  Das  vorbild  Fr.  Vischers  scheint  nicht 
ohne  einfluss  auf  dieselbe  gewesen  zu  sein,  namentlich  in  der  besprechung  der  Räu- 
ber mahnt  manches  an  heblingswendimgen  des  alten  meisters.  Freilich  ist  sein  Vor- 
bild nicht  ungefährlich,  und  den  abweg  ins  rhetorische,  ja  phrasenhafte  hat  der  Ver- 
fasser nicht  immer  vermieden.     Er  wirft,  wie  schon  erwähnt,  PaUeske  das  deklama- 


NEUERE    SCHILLER  -  LITTERATUR  77 

torische  vor  und  doch  —    wie  deklamiert  er  selbst  z.  b.  s.  281  über  die  begegnung 
Schillers  mit  Goethe! 

Indessen,  so  manches  man  auch  an  dem  buch  anders  wünschte,  niemand 
wird  sich  dem  bedeutenden  eindruck  des  ganzen  entziehen,  jeder  wird  fühlen,  dass 
hier  unserer  Schiller-litteratur  ein  werk  geschenkt  ist,  dem  kein  anderes  an  die 
Seite  gestelt  werden  kann.  Mag  der  Verfasser  diu'ch  die  hervorgehobenen  mängel 
auch  die  Wirkung  seines  werkes  auf  weitere  kreise,  die  er  offenbar  beabsichtigte, 
beeinträchtigt  haben:  für  das  Studium  des  dichters  hat  er  ein  fundament  zu  legen 
begonnen,  das  für  lange  zeit  dauern  wird.  „Man  hat,  \m\  mit  Vischers  worten 
zu  scliliessen,  bei  dem  Verfasser  das  gefühl,  wol  geborgen  zu  sein.  Es  hat  zur 
grundlage  den  eindruck  der  grossen  gewissenhaftigkeit,  der  ehrUchkeit,  die  sich 
kaum  genug  tun  kann;  da  nm-  gerade  von  ilir  der  \'iel  verweilende  gang  herrährt, 
so  verzeiht  man  ilm  gem.  Man  darf  vertrauen,  dass  er  das  feld,  das  vor  ihm  hegt, 
mit  festem  schritte  abschreiten  wird.  Er  wird  in  der  kirnst  der  Ökonomie  fortschrei- 
ten. Es  geschieht  grösseren,  ja  den  grösten  leicht,  dass  sie  in  ein  erstes  werk  zu 
viel  hineingeben,  es  überfruchten;  strengerer  haushält  lernt  sich." 

2)  C.  Hepp,  Schillers  leben  und  dichten.  Mit  2  faksimiles,  sowie  50  abbil- 
dungen  in  kupferstich,  photogr.  lichtdruck  und  holzschnitt.  Leipzig,  bibliographisches 
institiit.     1885,     Vm,  602  s.     8. 

Die  biographie  ist  gleich  bei  ihrem  erscheinen  durch  den  leidenschaftlichen 
angriff  Weltrichs,  welcher  den  Verfasser,  der  als  procurist  des  bibliographischen 
Instituts  seiu  manuscript  in  bänden  gehabt  hatte,  des  plagiats  an  demselben  bezich- 
tete,  unliebsam  bekant  geworden.  Dass  diese  anklage  Weltrichs  stark  übertrieben 
war  und  die  entlehnungen  in  Wahrheit  auf  ziemlich  unbedeutende  einzelheiten  zusam- 
menschrampfen ,  ist  heute  wol  algemein  zugegeben. 

Hepps  buch  ist  für  einen  weiteren  leserkreis  berechnet.  Der  äussere  gang  von 
Schillers  leben  mrd  daiin  eingehender  als  in  den  früheren  Schillerbiographien  geschil- 
dert. Die  erzählung  ist  im  ganzen  anschaulich  und  übersichtlich;  leider  aber  steht 
die  darsteUung  oft  imter  dem  niveau,  an  das  man  auf  diesem  gebiet  der  litteratur 
gewöhnt  ist.  der  satzbau,  der  ausdruck  sind  mitunter  mit  solcher  nachlässigkeit 
behandelt,  dass  man  nicht  recht  weiss,  kann  der  Verfasser  nicht  besser  schreiben 
oder  Hess  ihm  die  eile ,  in  der  sein  buch  —  nach  den  von  Weltlich  gegebenen  andeu— 
tungen  zu  schliessen  —  entstand,  keine  zeit,  auf  die  form  zu  achten.  Die  wunder- 
lichsten tri\'ialitäten  kommen  zum  Vorschein,  wenn  der  Verfasser  den  gang  der  hand- 
lung  mit  parabasen  unterbricht,  wenn  er  z.  b.  bei  Schillers  emennung  zum  hofrat 
oder  bei  der  Verlobung  desselben  gegen  titelsucht  und  adliche  arroganz  jener  zeiten  zu 
felde  zieht;  die  gemeinplätze  und  Schlagwörter,  die  dann  vorgebracht  werden,  erin- 
nern lebhaft  an  den  seligen  Johannes  Scherr,  nur  dass  die  drastische  spräche  des 
lezteren  hier  in  das  allergewötuilichste  zeitimgsdeutsch  übersezt  ist. 

Das  schlünste  aber  in  dem  buche  sind  die  —  glücklicherweise  kiu'zen  — 
besprechungen  der  einzelnen  werke.  Mit  einer  fast  verblüffenden  naivetät  werden 
hier  uiieile  ausgesprochen,  die,  wie  man  zu  sagen  pflegt,  „einen  empfindhchcu  män- 
gel an  algemeiner  büdung  verraten."  SoU  mau  lachen  oder  äi'gerlich  werden,  wenn 
man  in  einer  Würdigung  der  braut  von  Messina  (s.  555)  liest:  „Merkwürdig  ist,  dass 
in  der  zeit  seiner  höchsten  blute  bei  dem  heitern  volk  der  Griechen,  welches  sich 
das  ganze  leben  zum  feste  zu  gestalten  stets  bemüht  war,  ein  so  trostloses 
pfaffenmärchen  (!!)    wie    die    Oedipussage   noch  geltung  genug  haben  konte, 


78  G.    KETTNER 

um  dem  tragischen  dichter  einen  brauchbaren  Vorwurf  zu  bieten.  Dagegen  das  ernste 
gebii'gsvoDc  der  Schweiz  . . .  wie  ^ael  grösser  denkt  es  von  der  menschenki-aft ,  indem 
es  . . .  die  sage  vom  Teil  erfindet  zum  beweis  dass  gott  der  auf  bewahrung 
des  rechts,  auf  die  erringung  der  freiheit  gewanten  tatkraft  den  sieg  verleiht." 

Oder  s.  542:  „Über  den  gebrauch  des  chors  erklärte  sich  Schiller  selbst  im 
Vorworte;  einen  bedenklichen  stoss  erleiden  freilich  die  dortigen  aus- 
fühningen  durch  den  zweifei,  welchen  der  chor  Manuels  an  der  eignen 
daseinsberechtigung  (in  diesem  drama)  in  den  versen  äussert:  „Sage  was  wer- 
den wir  jezt  beginnen  usw.  Die  herreu  fangen  alsdann  eine  Unterhaltung 
an,  die  sich  als  blosse  ausfüllung  erweist  und,  so  grossartig  sie  ist,  wenigstens  in 
ihrem  ersten  teüe,  doch  unter  diesem  eingange  zu  leiden  hat." 

Hier  hört  die  naivetät  doch  auf,  noch  naiv  zu  sein. 

Die  porträts  sind,  soweit  sie  im  Lichtdruck  hergestelt  siud,  gut,  nur  mitunter 
etwas  zu  weich,  widergegeben-,  die  holzschnitt-poiti'äts  scheinen  nach  bekanten  cliches 
gemacht,  die  landschaften  sind  zwar  malerisch  aufgefasst,  aber  sehr  flüchtig  und 
verschwommen  behandelt. 

3)  Frauz  Anders,  Schillers  flucht  aus  der  heimat.  Berlin  1887.  H.  Gärtner 
(H.  Heyfelder).  —  37  s.     4.     (Progr.  des  Leibniz  -  gymnasiums.) 

Der  Verfasser  mll  die  sitliche  berechtigung  der  flucht  Schillers  prüfen.  Zu 
diesem  zwecke  hält  er  es  für  nötig,  „die  acten  dieses  processes  mit  möglichster  ge- 
nauigkeit  durchzugehn."  Von  der  entlassung  Schillers  aus  der  Karlsschule  an  bis 
zu  dem  scheitern  seiner  lezten  versuche  der  Versöhnung  mit  dem  herzog  werden  aUe 
wesentlichen  punkte  seines  lebens  behandelt,  die  -gichtigeren  briefe  und  erlasse,  mit- 
teüungen  Streichers,  Chiistophinens  usw.  in  extenso  abgedruckt.  —  Nachdem  der 
Verfasser  sodann  die  urteUe  derer,  welche  dem  dichter  nahestanden,  über  jene  tat 
angeführt,  wägt  er  selbst  recht  und  unrecht  in  derselben  ab.  „Es  ergab  sich  ein 
konfUkt  der  pflichten,  der  pflicht  der  treue  gegen  den  ihm  von  gott  gegebenen  beruf 
und  der  des  gehorsams  gegen  die  obrigkeit."  Er  findet,  dass  „in  diesem  process 
zwischen  fürst  und  dichter  der  innere  tragische  konflikt  zweier  aneinander  grenzen- 
den Perioden  zum  austrag  kam",  wobei  „herzog  Karl  die  dem  Untergang  geweihte 
alte,  SchiUer  die  sieghafte  neue  Weltanschauung  vertrat",  und  so  „trägt  er  kein 
bedenken,  auf  Schiller  das  wort  anzuwenden:  Ihr  solt  gott  mehr  gehorchen,  als  den 
menschen."  „Auch  an  Schiller  war  des  geistes  nxf  ergangen:  geh  hin,  du  solst  auf 
erden  für-  mich  zeugen !  Kraft  dieses  rechtes ,  das  er  als  Vertreter  der  höheren  wahi-- 
heit  gegenüber  einem  sich  zu  grabe  neigenden  Zeitalter  besass,  hatte  er  auch  die 
pflicht,  sich  selbst,  das  gefäss  jener  Wahrheit,  vor  dem  Untergänge  zu  bewahren, 
ausserhalb  seiner  heimat,  die  ihn  mit  geistigem  tode  bedrohte,  ein  asyl  der  freüieit 
zu  suchen."  —  "Wenn  man  dies  liest,  so  hat  man  unwükürüch  den  eindruck,  als  ob 
man  eine  scene  aus  Laubes  Karlsschülern  deklamieren  hörte.  Man  vgl.  akt  IV  sc.  3 
und  5,  wo  in  den  gesprächen  zwischen  dem  herzog  und  Schiller  resp.  Franziska 
schon  ganz  ähnliches  zu  finden  ist. 

"Wei-tvoller  ist  der  historische  teü.  der  schiift.  Die  ereignisse  werden  klar  und 
übersichtlich  geschildert.  Leider  hat  der  Verfasser  die  neuere  Htteratur  nicht  genü- 
gend berücksichtigt.  Besonders  auffallend  ist,  dass  er  Weltrichs  Schiller  -  biographie, 
welche  doch  in  dem  schon  1885  erschienenen  ersten  halbbande  die  ersten  von  ihm 
berichteten  Vorgänge  ebenfals  behandelt,  gänzlich  ignoriert;  er  hätte  z.  b.  den  von 
üun  s.  7  —  8  abgednickten   brief   an  Petersen  dort  s.  347    in   einem   viel   genaueren 


NEUERE    SCHILLER  -  LITTERATUR  79 

abdruck  gefunden.  Auch,  die  sehr  eingehende  Untersuchung  der  Graubündner  ange- 
legenheit  von  Ferdinand  Vetter  (in  SchnoiTS  archiv  Xu,  1884,  s.  404—448)  kent 
er  nicht;  vor  allem  für  die  Chronologie,  dann  für  die  beurteilung  Am  Steins  usw. 
war  sie  von  Wichtigkeit. 

4)  E.  Keller,  Schillers  besuch  in  Schwaben  1793  —  94  und  das  gedieht:  „Die 
Ideale.''  —  Festschrift  der  badischea  gymnasiea,  gewidmet  der  Universität  Heidelberg 
zur  feier  ikres  500jährigen  Jubiläums.  Karlsruhe,  G.  Braunsche  hofbuchdruckerei. 
1886.     4.  —    S.  61—96. 

Kap.  I  „die  jahi-e  des  kummers"  schildert  das  Verhältnis  Schillers  zu  seinem 
eltemhause  während  der  Mannheimer  zeit,  kap.  11  „Lotte"  die  anknüpfuug  mit  Rein- 
wald, die  sich  zwischen  Lotte  und  den  eitern  ergebenden  beziehungen,  den  besuch 
der  mutter  mit  Nanette  in  Jena.  Kap.  III  erzählt  ausfükrlicher  Schillers  reise  nach 
Schwaben  in  den  drei  abschnitten:  1.  Heilbronn.  2.  Lud-«ägsbui'g.  3.  Stuttgaii. 
Kap.  rV  sucht  die  empfindungen  des  gedichts  „die  ideale"  auf  die  wehmütigen  Stim- 
mungen zm-ückzuführen,  welche  gerade  damals  bei  der  rückkehr  an  die  statten  und 
in  die  ki'eise,  aus  denen  er  einst  i'eich  an  hofnungeu  in  die  weit  liinausgetreten,  sich 
des  dichters  bemächtigen  musten. 

Der  historische  teil  der  arbeit  zieht  die  vorhandene  litteratur  im  vollen  umfang 
heran.  Zu  der  gewissenhaftigkeit  in  der  samlung  und  sichtung  des  reichen  Stoffes 
geselt  sich  die  klai'heit  und  UebevoUe  wämie  der  darsteUung,  der  Verfasser  ver- 
steht es  in  Schillers  gemütsieben  einzudringen  und  uns  jene  glückliche  episode  aus 
des  dichters  leben  zu  lebendiger  anschauung  zu  bringen.  Als  besoaders  gelungen 
möchte  ich.  die  Schilderung  vom  tode  des  Herzogs  Karl  und  der  Wirkung  desselben 
auf  Schiller  hervorheben.  Eine  stelle  daraus  erlaube  ich  mii-  zum  schluss  hier  mit- 
zuteilen, da  sie  sonst  in  dem  schwer  zugänglichen  sammelbande  ■vaelleicht  der  auf- 
merksamkeit  vieler  entgeht  (s.  80): 

„Als  SchiUer  zehn  jähre  später  die  braut  von  Messina  schrieb,  da  haben  ihm, 
vielleicht  unbewusst,  aber  unter  dem  erschütternden  eindruck  des  kui'z  zuvor  ein- 
getretenen todes  seiner  mutter,  welcher  das  gedächtnis  an  die  in  der  heimat  verleb- 
ten tage  erneuerte,  bei  der  Schilderung  der  exequien  des  alten  fürsten  (11,  5)  die 
officieUen  hofberichte  über  die  ausstellung  und  beisetzung  des  herzogs  vor  äugen 
geschwebt.  Diese  hofberichte  . .  .  schüdera  die  aussteUung  der  leiche  folgendermassen : 
„Das  paradebett  stand  drei  stufen  hoch  unter  einem  baldachin  . . .  Bei  dem  haupt 
erblickte  man  den  mit  brillanten  besezten  herzogshut  und  um  die  Seiten 
des  Sarges  den  brillantreichen  kommandostab  und  -degen."  ...  Die  [von 
Don  Cesai"  erwähnten]  fackeln  begegnen  uns  bei  den  feierhchkeiten  in  Ludwigsburg, 
wo  die  dienerschaft  „kreuzfackeln"  hielt.  Über  die  beisetzimg  selbst  heisst  es:  „Als 
der  leichenkondukt  iu  der  kü'che  ankam,  nahm  die  trauermusik  den  anfang,  der 
sarg  wui-de  darauf  unter  das  aufgeführte  castrum  doloris,  welches  mit  Wachskerzen 
beleuchtet  war,  aufgestelt,  wo  sodann  solcher  während  des  gottesdienstes 
durch  eine  maschine  unvermerkt  in  die  unter  der  kapelle  befindliche 
gruft  eingesenkt  wurde."  Was  hat  Schülers  künstlerhand  aus  dieser  ti'ocknen 
beschi'eibung  gemacht ! " 

So  recht  aus  dem  herzen  ist  mir  die  hieran  geknüpfte  bemerkung  des  Verfas- 
sers gesprochen:  „Ti'otz  Lettens  aussprach:  „Schiller  fühlte  die  gewalt  der  gegen- 
wart  auch  heftig"  (nämUch  wie  Goethe) ,  hält  sich  die  deutsche  kathederphxase  immer 
noch  an  ihr  ebenso  altes  als  falsches  verdikt  über  Schiller,    welches  Scherer  neuer- 


80  G-    KETTNER 

dings  so   formuliert:    „Das   eigne   erlebnis  scheint  nicht  auf  seine  poesie  zu 
wii'ken.     Er  arbeitet  daran  sich  selbst  zu  vergessen  über  den  dingen."'"- 

II.    Algemeines  über  seine  werke,  Beziehungen,  einflüsse  nsw. 

5)  Grcorg  Hesse,  Zum  Goethe -Schillerschen  briefwechsel.  —  Progr.  des  Neu- 
städter realgymuasiums  zu  Dresden  1886.     (Progr.  ni-.  510.)     37  s.    4. 

Die  arbeit  zerfält  in  zwei  teile.  Im  ersten  werden  äusserungen  über  Schillers 
persönhches  befinden,  scherzhafte  oder  spöttische  bezeichnungen  einzelner  personen 
aus  dem  engeren  bekantenkreise  zusammengestelt,  wichtigere  correcturen,  welche 
Eckermanns  mitteüungen  durch  den  briefwechsel  erfahren,  besonders  solche,  welche 
einflüsse  Goethes  auf  Schillers  dichtung  betreffen,  angeführt.  —  Der  zweite  teü 
(s.  9  fgg.)  "will  „auf  gTund  des  briefwechsels  aUe  urteile  und  äusserungen  über  das 
theater  zusammenfassen."  Der  Verfasser  verfährt  dabei  ckronologisch ,  die  notizen 
des  briefwechsels  werden  aus  anderen  queUen  —  die  aber  meist  gar  nicht  oder  nur 
ungenau  angegeben  sind  —  erläutert  mid  ergänzt;  so  gewint  die  arbeit  einen  vor- 
wiegend biographischen  Charakter. 

Der  Verfasser  hat  sich  in  anerkennenswerter  weise  bemüht,  die  notizen  des 
briefwechsels  lebendig  zu  machen  und  dem  leser  ein  anschaiiliches  bild  der  theatra- 
lischen bemühungen  Schülers  und  Goethes  zu  geben.  "Wäi'e  es  aber  nicht  viel  zweck- 
mässiger gewesen,  anstatt  die  das  theater  betreffenden  bemerkungen  des  briefwech- 
sels jähr  für  jahi-  auszuziehen  und  zu  commentieren ,  sie  in  einen  systematischen 
Zusammenhang  zu  bringen,  etwa  in  der  weise,  wie  man  dies  schon  öfter  bei  Les- 
sings  dramatiu'gie  versucht  hat?  "Wer  den  Goethe  -  SchiUerschen  briefwechsel  mit 
Düntzers  „Übersichten  und  erläuterungen "  in  der  band  durchsieht,  wii'd  kaum  dio 
arbeit  Hesses  sehr  vermissen.  Dagegen  wäre  es,  meiner  meinung  nach,  recht  wün- 
schenswert, eine  solche  „ dramaturgie  Schülers  und  Goethes",  wie  ich  sie  oben  andeu- 
tete, zum  bequemen  überblick  zu  besitzen.  Die  theoretischen  erörterungen  des  brief- 
wechsels würden  dann  neben  den  ki'itiken  einzelner  werke  und  dem  concreten  wirken 
für  das  theater  erst  völlig  zu  ihrem  rechte  kommen. 

6)  Richard  Borges,  Über  Schillers  einfluss  auf  Goethes  dichtmig.  —  Leij)- 
ziger  inaugui'fil  -  dissertation ,  1886.     24  s.  4. 

In  kap.  I  bespricht  der  Verfasser  nach  einem  kurzen  vergleich  der  wesentlichen 
eigentümlichkeiten  Schülers  und  Goethes  ihr  Verhältnis  zui-  philosophie  und  zum 
Griechentum,  ,,weil  gerade  hierbei  die  merkwürdige  mischung  von  Übereinstimmung 
und  gegensatz  hell  in  die  äugen  springt",  ferner  die  „armäherung  ihrer  lebensbah- 
nen",  die  Vereinsamung  und  misstimmung  Goethes  nach  der  itahenischen  reise  und 
entwickelt  endlich  aus  einer  kui'zen  schüdening  der  damahgen  Stellung  beider  dich- 
ter, dass  Schiller  bei  dem  freimdschaftsbunde  dui-chaus  nicht  etwa  der  wesentlich 
nur  empfangende  gewesen  sei.  —  Kap.  11  erzählt  die  anknüpfung  des  Verhältnisses, 
die  einwirkungen  SchiUers  auf  Goethes  Stimmung  überhaupt  und  so  auf  seine  pro- 
duitivität,  Schülers  teünahme  an  der  Acliiüeis,  dem  Faust,  dem  Wilhelm  Meister 
und  den  bühnenbearbeitungen  älterer  stücke.  Kap.  m  fasst  den  „hohen  anteü"  ins 
augo,  welchen  „Schiller  an  der  Überführung  Goethes  von  anschauung  imd  betrach- 
tung  zu  beschaulichkeit  und  contemplation  hat."  Nachdem  der  Verfasser  die  gemein- 
samen kunsttheoretischen  erörterungen  beider  dichter  erwähnt  hat,  findet  er  Goethe 
„auf  Schülers  pfaden"  in  dem  hervortreten  eines  bewussten  künstlerischen  Schaffens, 


NEÜEßE   SCMlLLEß-LI'TTERATtfB  81 

in  dem  ausbilden  einer  streng  idealen  stilrichtuug  und  in  dem  hinneigen  zur  ideen- 
dichtung. 

Anzuerkennen  ist  die  belesenheit  des  Verfassers  und  sein  streben ,  das  Verhältnis 
beider  dichter  tiefer  zu  erfassen.  Freilich  hat  er  sich  bei  der  Untersuchung  desselben 
nicht  streng  genug  an  die  quellen  gehalten,  sondern  viel  zu  sehr  auf  die  oft  recht 
subjektiven  auffassungen  bekanter  litterarhistoiiker  gebaut.  Er  hat  sich  dadurch  lei- 
der auch  verleiten  lassen,  den  einÜuss  Schillers  nur  in  grossen  zügen  zu  zeichnen 
und,  auch  wo  er  auf  einzelne  werke  rücksicht  nimt,  doch  sich  mit  algemeinen 
andeutungen  zu  begnügen.  "Während  der  Verfasser  jezt,  wo  er  auf  24  selten  das 
ganze  verhültuis  beider  dichter  übeiiliegt ,  nichts  wesentlich  neues  biingt,  würde  er 
einen  ganz  anderen  ertrag  gewonnen  haben,  wenn  er  die  Untersuchung  auf  einen 
abschnitt  beschränkt  und  sie  dann  mit  heranziehung  aller  quellen  gründlich  und  über- 
zeugend gefülu-t  hätte.  Dann  würde  er  auch  sicher  die  selbständige  künstlerische 
cntwicklung  Goethes  nicht  so  volständig  verkant  haben! 

7)  Kloetzer,  Schiller  in  seinen  beziehungen  zui"  musik.  —  Progr.  des  gj^mna- 
siums  zu  Zittau.  1885.     (Progr.  nr.  497.)     24  s.    4. 

In  kap.  I  „Eiufluss  der  musik  auf  Schiller"  hebt  der  Verfasser  hervor, 
wie  Schiller,  obgleich  er  keine  musikalischen  kentnisse  besass,  doch  zeitlebens  eine 
tiefe  empfänglichkeit  für  die  musik  zeigte;  besonders  stelt  er  die  Zeugnisse  zusam- 
men, aus  denen  sich  ergibt,  wie  woltätig  auf  den  dichter  bei  seinem  schaffen  die 
musik  wirkte.  —  Kap.  II  soll  „Schillers  tätigkeit  für  die  musik"  schildern, 
beschränkt  sich  aber  nicht  auf  dieses  thema,  welches  auch  wenig  ausbeute  gewähii 
hätte,  sondern  zieht  manches  damit  in  Zusammenhang  stehende  zur  erörterung  heran. 
Zunächst  wird  Schillers  Verhältnis  zur  oper  ins  äuge  gefasst.  Der  einfluss,  welchen 
die  oper  in  Ludwigsburg,  die  sorgfältige  pflege  der  musik  auf  der  Karlsschule  auf 
die  entwicklung  des  dichters  übten,  wird  mit  recht  betont,  seine  Sem ele  kurz  bespro- 
chen, dabei  aber  leider  nui-  der  gang  der  handlung  skizziert,  statt  dass  die  musika- 
Hschen  elemente  analysiert  würden.  Dann  behandelt  der  Verfasser  Schillers  Stellung 
zu  den  operudarstellungen  der  Mannheimer  bühne,  seine  in  Weimar  gefassten  plane 
zu  opern texten,  seine  idee  einer  entwicklung  der  oper  zu  einem  idealen  drama,  seine 
bourteilung  Haydns  und  Glucks  und  seine  leitung  der  proben  von  des  lezteren  Iphi- 
genie  in  Tauris.  Der  nächste  abschnitt  „drama"  erwähnt  die  musikalischen  ein- 
lageu  in  den  meisten  dramen,  die  composition  derselben  durch  Körner  u.  a.,  spe- 
cieU  die  musikalische  ausstattung  von  Wallensteins  lager  durch  eingangshed ,  tanz- 
scene  und  schlussHed.  Der  lezte  abschnitt  „gedichte"  berührt  Schillers  ui-teüe  und 
wünsche  mit  bezug  auf  die  compositionen  des  liedes  an  die  freude,  der  glocke,  des 
tauehers  und  der  geselschaftsUeder.  Endlich  kap.  lEI  stelt  „Schillers  äusserungen 
über  die  musik  als  kirnst"  zusammen. 

„Die  arbeit,  der  nur-  einzelne  notizen  als  stoif  vorlagen,  will  auf  volstäudig- 
keit  keinen  ansprach  erheben.  Manche  gebiete,  wie  die  musik  im  musenalmanach, 
beziehungen  zu  verschiedenen  komponisten  und  künstlern,  konten  nicht  berührt  wer- 
den, teils  weil  ihr  q,ls  programm  gewisse  schranken  gezogen,  teils  auch  manche 
quellen  nicht  zugänglich  waren."  Dieser  epilog  des  Verfassers  legt  der  kritik  rück- 
sichten  auf.  Dankenswert  ist  der  vorliegende  versuch,  eine  sonst  wenig  beachtete 
Seite  in  Schillers  künstlerischer  entwicklung  einmal  im  Zusammenhang  zu  verfolgen; 
dass  er  sich  ohne  grosse  mühe  gründlicher  und  ergebnisreicher  wider  aufnehmen 
Hesse,    liegi  auf  der  band.     Schon  der   briefwechsel  mit  Körner,    aus  dem   der  ver- 

ZEITSCHRIFT    F.    DEUTSCHE    PUrLOLOGIE.       BD.    XXI.  6 


82  G.    KETTNER 

fasser  hauptsächlich  schöpft,  hätte  viel  mehr  ausgonüzt  werden  können.  —  Nicht 
bloss  von  Naumann,  sondern  auch  von  Zumsteeg  und  Weber  wuj'de  Schiller  zu 
einem  operntext  aufgefordert.  —  Doch  auf  eine  vermehnmg  der  einzelnen  notizen 
über  die  beziehungen  Schillers  zur  musik  komt  im  gründe  wenig  an;  vor  allem 
müsten  die  musikalischen  elemente  in  seinen  dramen  nachgewiesen  werden. 
Der  Verfasser  beschränkt  sich  eigentlich  nur  auf  die  paar  eingelegten  lieder;  er  hätte 
viel  mehr  auf  die  oft  ganz  musikalische  composition  achten  sollen,  auf  die  opern- 
haften  Ouvertüren  und  finale  (das  opernhafte  liegt  nicht  bloss  im  seenarischen), 
auf  den  oft  ganz  nach  art  eines  duetts  componierten  dialog  (besonders  in 
der  Jungfrau  und  im  Teil),  auf  die  melodramatischen  scenen,  besonders  die 
wesentlich  als  monodram  gedachten  monologc  der  späteren  dramen  usw.  Auch 
der  einfluss  Glucks  lässt  sich  z.  b.  in  der  braut  von  Messiua  bis  in  einzelheiteu 
nachweisen  *. 

8)  Otto  Schanzenbach ,  Französische  einflüsse  bei  Schiller.  Programm  des 
Eberhard- Ludwigs -gymnasiums  in  Stuttgart.    1885.     (Progr.  nr.  538).     52  s.    4. 

Mit  recht  hebt  der  Verfasser  in  der  einleitimg  hervor,  dass  unseren  grossen 
dichtem,  abgesehen  von  der  antike  „keine  fremde  spräche  und  litteratur  so  nahe- 
getreten ist  wie  die  französische;  alle  haben  vortreflich  französisch  verstanden,  wie 
man  es  bei  der  gegenwärtigen  generation  von  dichtem  imd  Schriftstellern  nicht  mehr 
triff;  mit  recht  betont  er,  dass  speciell  „Schiller  von  den  jünghngsjahren  an  bis 
zulezt  in  den  engsten  beziehungen  ziu'  französischen  spräche  und  litteratui"  des  17. 
imd  18.  Jahrhunderts  gestanden." 

Zunächst  wird  darauf  hingewiesen,  wie  die  einrichtungen  der  Karlsschule 
wesentlich  französischen  chai'akter  trugen  und  einen  wie  breiten  räum  im  Unterricht 
die  französische  spräche  einnahm.  „So  ist  das  französische  für  Schiller  zeitlebens 
die  einzige  fremde  spräche  geblieben,  die  er  bis  zu  einem  gewissen  grade  besass,  so 
dass  er  französische  bücher  mit  lust  und  leichtigkeit  las  und  sich  auch  mündlich  in 
dieser  spräche  ziemlich  fertig  ausdrücken  konte." 

Besprochen  wird  dann  der  einfluss  Rousseaus,  wie  er  in  den  Räubern, 
Fiesko,  Cabale  und  Hebe  (hier  specieU  auch  derjemge  der  Nouvelle  Heloise)  hervor- 
tritt; beim  Fiesko  werden  ferner  die  französischen  historischen  quellen  berücksich- 
tigt. • —  Anderseits  wird  durchaus  zutreffend  die  ablehnende  haltung  gewürdigt, 
welche  Schiller  damals  gegen  die  französische  dichtung  einnimt. 

Einen  einfluss  der  lezteren  constatiert  der  Verfasser  erst  vom  Don  Carlos  an. 
Neben  der  benutzung  der  novelle  des  St.  Real  nimt  er  mit  Heller-  eine  solche  des 
Andronic  von  Campistron  an;  in  der  spräche  des  Don  Carlos  findet  er  ferner  „weit 
mehr  als  in  anderen  dramen"  gaUizismen. 

In  den  politischen  ideen  des  Don  Garlos  verrät  sich  der  einfluss  von  Mou- 
tesquieus  Esprit  des  lois.  Von  tiefgreifender  bedeutung  für  SclüUers  darstelluug 
wird  dann  seit  der  Dresdener  zeit  das  vorbild  Diderots.  ,,Von  Diderot  hat  Schü- 
ler erzählen  gelernt"   (s.  21).      Daneben  gewinnen  die    liaisons   dangercuses 

1)  Ich  hoffe  diese  andeutungeil  demnächst  in  dieser  Zeitschrift  weiter  ausfüliren  zu  köimon. 

2)  Vgl.  dagegen  die  ausführliche  kritik  der  Hellerschen  hypothese  in  dem  unten  s.  93  besproche- 
nen buche  von  Löwenherg. 


NEUERE   SCHILLER  -  LITTERATUR  83 

des  Laclos^  Voltaires  Charles  XII  und  die  Contemporaines  des  Retif  de 
la  Bretoune  sein  Interesse. 

Bei  seinen  historischen  Studien  sehen  wir  ihn  wider  hauptsächlich  von  fran- 
zösischen werken  umgeben.  Erwähnt  werden  besonders  Millot,  Barthelemy, 
Ani[uetil,  Vertot  und  die  samlung  der  Memoires. 

Damals  nahm  SchiUer  auch  au  den  politischen  Verhältnissen  in  Frankreich  leb- 
liafteu  anteil.  Die  revolution  brachte  ihm  das  bürgerdiplom  und  regte  in  ihm  den 
plan  einer  Verteidigungsschrift  für  Ludwig  XVI  an. 

Bald  wante  er  sich  wider  aesthetischen  Studien  und  der  dichtkunst  zu.  Der 
Standpunkt,  den  er  jezt  der  französischen  htteratur,  speciell  dem  drama  gegenüber 
gewonnen  hat,  wird  genauer  geschildert,  seine  urteUe  über  französische  Schriftsteller 
zusammengestelt,  die  benutzung  von  Brumoys  theätre  greo  erwähnt  uud  endlich 
seine  Übersetzung  von  Racine s  Phedre  und  der  zwei  lustspiele  des  Picard  charak- 
terisiert, dabei  wider  eine  reihe  von  gallizismeu  aufgezählt. 

Den  abschluss  büdet  die  besprechung  seiner  Zusammenkunft  mit  der  Stael. 
Anknüpfend  an  Schillers  äussening:  „Frau  v.  Stael  hat  mich  aufs  neue  in  meiner 
(It'utschheit  bestärkt,  so  lebhaft  sie  mir  auch  die  vielen  Vorzüge  ikrer  nation  vor  der 
unsrigen  fühlbar  machte"-  sieht  Sohanzenbach  in  dieser  begegnung  „etwas  ergreifen- 
des, man  möchte  sagen  pro^ädentielles  (!).  Es  ist,  als  hätte  Schiller  noch  einmal 
vor  einem  glänzenden  geiste  in  lebendigster  disputation  eine  prüfung  (!!)  ablegen  sol- 
len von  seinem  lernen  und  lehren,  streben  und  schaffen." 

Der  Verfasser  entrolt  uns  ein  reiches  und  lebendiges  bild  von  Schillers  bezie- 
liungen  zu  französischem  wesen.  Er  hat  es  verstanden,  den  mannigfachen  stoif 
übersichtlich  zu  behandeln,  indem  er  neben  der  chronologischen  folge  auch  den  inne- 
ren Zusammenhang  klar  hervortreten  lässt  und  überall  die  hauptpunkte  scharf  her- 
vorhebt. Wii'd  hierdurch  schon  die  lektüre  seiner  Untersuchung  zu  einer  fesselnden, 
SU  noch  mehr  durch  die  neuheit  des  resultates.  AVenn  auch  wenige  der  von  ihm 
augeführten  tatsachen  an  sich  neu  sind  —  das  dtirch  die  Vereinigung  derselben 
gewonnene  gesamtbüd  wirkt  geradezu  überraschend.  Möchte  es  dem  Verfasser  gefal- 
len, dasselbe  bald  noch  weiter  auszufühi-en;  für-  einen  punkt,  die  frage,  wodurch 
die  nationalversamlmig  bewogen  wurde,  dem  sieiir  Gille  das  bürgerdiplom  zu  ertei- 
len, verspricht  er  selbst  eine  genauere  Untersuchung.  Dann  würden  auch  wol  fol- 
gende mängel  der  arbeit  beseitigt  werden: 

1)  Auf  die  einschlägigen  arbeiten  anderer  wird  nicht  die  gebührende  rücksicht 
genommen.  So  hätte  doch  z.  b.  s.  10  fg.  Johannes  Schmidt,  Schiller  und  Rousseau, 
KerLLn  1876  (in  Virchows  und  Holtzendorffs  samlung,  serie  XI,  heft  25G).  zu  s.  46 
.M.  Maafs,  Racines  Phedre  in  den  beiden  Übersetzungen  von  SchiUer  und  Viehoff 
(inHerrigs  archiv,  bd.  XXXIV,  1863,  s.  299  — 326)  erwähnung  verdient;  s.  29  beider 
angäbe,  dass  die  quelle  zum  gang  nach  dem  eisenhammer  in  den  Contempo- 
raines zu  suchen  sei,  wäre  doch  ein  hinweis  auf  Götzinger  am  platze  gewesen. 
Besonders  vermisst  man  diese  berücksichtigung  der  vorhandenen  Htteratur  s.  27. 
Schanzenbach  folgt  hier  Hettners  annähme  (litteraturgesch.  des  18.  jahi'h.  III,  3,  2' 

1)  Der  Verfasser  hätte  noch  auf  das  distichon  im  Xenien  -  manuscript  hinweisen  können  (Goedeke, 
histor. -krit.  ausg.  XI,  s.  155  nr.  18),  -welches  wol  irtümlich  Goethe  zugeschrieben  wird: 
Die  gefährlichen  Verbindungen. 
Warnung  reitzet  uns  oft ,  ich  seh'  es ,  denn  jegliche  Schöne 
Liest  und  wünscht  insgeheim  sich  der  Verbindung  Gefahr. 

6* 


84  G.   KETTNEK 

s.  143),  dass  Schiller  die  abhandlung  über  die  gesetzgebung  des  Lykurgus  und  Solon 
aus  Barthelcmy^  Voi/ar/e  du  jeiine.  Anacharsis  en  Orece  übersezt  habe,  wie  dies 
u.  a.  die  form  Salamine  beweise.  Er  scheint  nicht  zu  wissen,  dass  in  der  Hem- 
pelscheu  ausgäbe  XV,  77  (wol  von  ßoxberger)  dagegen  bemerkt  wird,  „wie  Hett- 
uer  die  beliauptung  aufstellen  konte,  der  aufsatz  sei  nicht  von  Nast,  sondern  aus 
Baiiheleniy  entlehnt,  ist  unerfindlich";  andernfals  würde  er  sich  schwerlich  mit  der 
anführung  eines  von  Schiller  erweiterten  citates  aus  Barthelemy  begnügt  haben. 

2)  Die  citierweise  des  Verfassers  ist  oft  recht  ungenau.  So  heisst  es  z.  b.  bei 
einem  wichtigen  citat  s.  35:  „schrieb  er  einmal"  —  gemeint  ist  der  brief  an  Körner 
vom  13.  mai  1801  {IV,  217).  Welche  schiefen  auffassungen  durch  solch  nachläs- 
siges eitleren  entstehen,  sieht  man  s.  33:  „In  der  aesthetik  war  ihm  Batteux  (Les 
beaux-arts  reduits  a  un  meme  principe)  bisher  führer  gewesen  (an  Körner,  jan. 
93)."  In  dem  hier  allein  in  betracht  kommenden  brief  vom  11.  Januar  (HI,  1)  wird 
aber  Batteux  nur  mitten  zwischen  8  anderen  autoren  und  „5  oder  6  schlechten 
compendien"  als  bereits  in  Schillers  besitz  befindlich  erwähnt,  von  einem  einfluss 
desselben  steht  keine  silbe  da! 

3)  In  der  annähme  von  gallizismen  hätte  der  Verfasser  voi'sichtiger  sein 
sollen,  vollends  zu  der  algemeinen  behauptiing,  bei  SchiUer  „fänden  sie  sich  weit 
häufiger  als  bei  irgend  einem  unserer  klassiker"  fehlt  jede  grundlage!  quis  enim. 
scrutatus  est?  möchte  icb  mit  Tacitus  fragen.  —  Der  dativ  des  persönlichen  Objekts 
in  dem  von  lassen  abhängigen  Infinitivsätze,  den  der  Verfasser  s.  45  Schiller  als  feh- 
ler vorwirft,  ist  besonders  bei  wissen  u.  ähnl.  bei  den  Schriftstellern  des  vorigen 
Jahrhunderts  ganz  üblich;  ich  nenne  z.  b.  Lessing.  In  der  Miüna  von  Barnhelm^ 
sagt  das  fräulein  III,  12:  „Wenn  er  mir  diesen  stolz  zu  stark  merken  lässt  — ." 
Überhaupt  empfehle  ich  dem  Verfasser  dies  „erste  deutsche  lustspiel",  welches  sich 
so  scharf  gegen  französisches  wesen  überhaupt  und  französisches  parlieren  im  beson- 
deren wendet,  einmal  nach  vermeintlichen  gallizismen  zu  durchstöbern!  Würde 
für  ihn  nicht  AVerners  „Es  lernt  sich  wol."  (III,  7)  ganz  fi-anzösischen  klang 
haben?  —  Doch  zurück  zu  Schüler!  Warum  „der  junge  mann  wird  seinen  weg 
machen"  ein  galüzismus  sein  soU,  sehe  ich  nicht  ein,  Lexer  weist  im  DWB.  VI, 
1368  sowol  diese,  als  eine  menge  ähnlicher  Verbindungen  nach.  „Bei  ihr  macht  er 
den  empfindsamen"  ist  nicht  eine  falsche  nachahmung  von  faire  =  spielen,  sondern 
gut  deutsch,  Lexer  führt  DWB.  VI,  13G6  ein  beispiel  aus  Fischart  und  eine  menge 
aus  Goethe,  J.  Paul  u.  a.  an!  Derselbe  zeigt  auch  s.  1367,  dass  SchiUer  im  Para- 
siten, wo  es  darauf  ankomt,  eine  nuance  zwischen  den  redliehen  mann  spielen 
und  den  spitxbuben  machen  mit  feinem  Sprachgefühle  einführt;  daraus  mag  man 
ermessen,  was  es  mit  dem  urteil  des  Verfassers  auf  sich  hat,  „solche  stellen  bewie- 
sen die  energielosigkeit  [des  deutschen  Sprachgefühls  des  Übersetzers!" 
Berechtigt  scheint  auf  den  ersten  anblick  der  tadel  folgender  Übersetzung  zu  sein : 
(Parasit  I,  2)     Voilä  La  Roche!  —  Lui-metne 

Kommt  da  nicht  La  Roche?  —  Er  selbst. 
wenn   man    auch    schwerlich  mit  dem  Verfasser  dafür  wird  sagen  wollen:    Ja,  er; 
sondern  einfach  Ja  oder  er  ists.     Indessen   wie  übersezt  A.  W.  Schlegel  doch   den 
anfang  des  Hamlet?      Franc.  Bernardo? 
Bern.  He. 
Schlegel:    Bernardo?  —  Er  selbst. 

1)  Andere  beispiele  fiihi-t  Lexer  aii  in  Grimms  würterb.  VI,  232,  2;  sie  gehen  zurück  bis  auf 
Schuppius. 


NEUERE    SCHILLER  -  LITTERATUR  85 

■während  er  vorher:   Bern.   Who's  there?  —  Nay,   answer  me:   stand,   and  unfold 
yourself,    obgleich  es   auf  dea  gegensatz  ankam,    einfach  widergegeben  hatte  mit: 
Wei-  da?  —  Nein  mir  antuortet:  steht  und  geht  euch  kund.     Ja,  zu  den  versen: 
Bern.:    Whatl  is  Horatio  there? 
Hör.:    A  piece  of  him. 
bemerkt  DeHus:    ,,Ein  stück  von  ihm"    scherzhaft   für    ,,Er  .selbst.'-'      Und    diese 
scherzhafte  bedeutung  hat  im  gründe   auch   das   Er  selbst,    stUschweigend  wird  der 
gegensatz  vorausgesezt  i(7id  kein  anderer;    an  einen   gallizismus  ist  auch  nicht  ent- 
fernt zu  denken. 

4)  An  druckfehlern  ist  die  arbeit  nicht  arm.  S.  17  ist  zweimal  in  reinen 
freien  Jamben  gesezt,  wo  es  reim  freien  heissen  muss.  Der  brief  an  Körner 
s.  38  ist  vom  12.  febr.  88,  nicht  89,  in  demselben  ist  ferner  Er  führte  mir  statt 
Ich  zu  lesen.  Den  satz  s.  44  mitte:  ,, Beweisen  solche  stellen  überhaupt  dafiii',  wie 
tief  Schiller  manchmal  im  französischen  diinsteckte ,  für  die  energielosigkeit  des  deut- 
schen Sprachgefühls  des  Übersetzers  usw."  verstehe  ich  nicht,  wahrscheinlich  liegt 
ein  Schreibfehler  vor.  Ebenso  ist  s.  50  „über  die  „rotonde"  (statt  „rotunde")  im 
büd  von  Sais  lesen  wir  uns  leicht  hinüber"  wol  hoffentlich  nur  ein  druckfehler; 
es  wäre  doch  sonst  gar  zu  ärgerlich,  wenn  der  Verfasser  da,  wo  er  Schiller  fehler 
gegen  die  deutsche  spräche  vorrückt,  selbst  nicht  „frei  von  schuld  und  fehle" 
sich  zeigte. 

9)  A.  Ruhe,  Schülers  einfluss  auf  die  eutwickelung  des  deutschen  national- 
gefühls.  —  Programm  des  gymnasiums  zu  Meppen.  1887.     (Progr.  ur.  296.)    34  s.   4. 

S.  1  — 10  schildert  der  Verfasser,  -wie  gegenüber  den  revolutionären  Strömun- 
gen der  zeit,  dem  verfall  des  politischen,  socialen  und  sitlichen  lebens  sich  der  kos- 
mopolitische humanismus  bei  den  trägern  der  deutschen  litteratur  entwickelte,  s.  11 
— 16,  wie  auch  Schiller  zunächst  ganz  unter  dem  banne  desselben  steht.  Im  fol- 
genden wird  dann  ausgeführt,  dass  Schüler  almählich  infolge  seiner  hinwendung  zur 
geschichte  und  unter  dem  eindruck  der  zeitei'eignisse  auch  in  seiner  dichtung  den 
extremen  Standpunkt  des  Weltbürgers  verliess,  wenn  auch  eine  nationale  tendenz 
ihm  fernlag,  er  vielmehr  nur  indirekt  durch  „die  stül  wirkende  macht  schöner  gei- 
stes-  und  Charakterbildung  die  menschen  für  den  kämpf  der  freiheit  gegen  wilkür 
imd  gewalt  zu  rüsten"  meinte. 

Die  arbeit  bricht,  wie  man  sieht,  gerade  da  ab,  wo  sie  üirem  eigentlichen 
thema  näher  zu  treten  im  begiiff  ist.  Betrachtet  man  sie  demnach  nur  als  eine  ein- 
leitung,  so  wird  man  anerkennen  müssen,  dass  sie  den  leser  in  klarer  und  ausrei- 
chender weise  über  Schülers  nationalen  Standpunkt  orientiert,  und  man  wü'd  mit  dem 
Verfasser  nicht  deshalb  rechten,  dass  er  mehrere  äusserungen  SchiUers  nicht  benick- 
sichtigt  imd  dass  er  bei  denjenigen,  welche  er  anführt,  nicht  immer  streng  genug 
zeit  und  lun  stände  ins  äuge  fasst. 

10)  Robert  Boxberg:er,  Das  ahnungsvolle  in  Schülerschen  frauencharakteren. 
Posen,  L.  Merzbach.  1886.     (Deutsche  vortrage.     Viertes  heft.)     30  s.  8.     0,50  m. 

Das  muster  eines  Vortrags  de  omnibus  in  Universum  et  quibusdam  aliis!  — 
Die  einleitung  komt  von  einer  bemerkung  über  die  zeitgenös.sischen  kritiken  der  werke 
Schülers  auf  Eörners  äusserung  (IV,  140),  Thekla  spreche  in  den  Piccolomini  im 
ton  einer  Kassandr a.     Dann  werden  folgende  punkte  behandelt:    1)  Die  darstellung 


86  G-    KETTNER 

des  „ götterverächters "  Ajas  Oileus  in  dem  ,, siegesfest"  und  seine  angebliche  repro- 
duktion*  im  Talbot  der  Jungfrau  von  Orleans,  die  sterbescene  des  leztereu  wird  aus- 
führlich widergegeben.  2)  Die  grundstimmung  in  dem  zuerst  genanten  gedichte. 
3)  Die  Schiller  vorliegende  tradition  über  Kassandra.  4)  Boxbergers  eigener  entwurf 
einer  tragödie  Kassandra.  5)  Das  visionäre  im  Charakter  Wallensteins.  6)  Das  visio- 
näre in  dem  Charakter  der  Kassandra  in  Aeschylos  Agamemnon.  7)  Die  grundstim- 
mung des  gedichtes  Kassandra.  8)  Ein  vergleich  der  Situation  Theklas  mit  derjenigen 
der  Kassandra,  der  sich  schliessüch  in  lauter  citate  aus  dem  WaUenstein  verliert. 
9)  Biblische  einflüsse  auf  die  Jungfrau  von  Orleans.  10)  Das  prophetische  in  der- 
selben. 

Man  erkent  wol  dunkel  einen  faden,  der  alle  diese  punkte  verknüpft,  indessen 
bei  der  unerhört  nachlässigen  darstellung  des  Verfassers  ist  es  oft  fast  unmöglich, 
denselben  zu  verfolgen.  Das  fortwährende  abschweifen  von  dem  begonnenen  gedan- 
ken,  die  wirre  anhäufung  oft  ganz  zweckloser  und  trivialer  notizen  ist  auf  die  dauer 
kaum  erträglich.  "Was  der  Verfasser  in  dieser  beziehung  seinen  lesem  zumutet, 
mag  man  aus  folgender  stelle  ersehen  (s.  25):  „Hervorheben  möchte  ich,  dass  es 
[in  der  Jungfrau  von  Orleans]  nicht  bloss  die  sagen  des  klassischen  altertums 
sind,  die  Schiller  zu  seiner  Schöpfung  angeregt  haben,  sondern  ebenso  die  erha- 
bene und  schwungvolle  spräche  der  bibel.  Ja  die  im  tui'me  gefangen  sitzende 
Jungfrau  beruft  sich  ausdrücklich  auf  das  vorbild  Simsons,  der,  geblendet  und 
gefesselt,  nach  langen  jähren  wider  die  göttliche  kraft  in  sich  fühlt  und  sich  mit 
seinen  feinden  unter  den  trümmern  des  von  ihm  eingestürzten  gebäudes  begräbt." 
Nach  dem  citat  „Du  halfst  dem  Simson  usw^"  heisst  es  dann  weiter:  ,,Simson  ist 
richter  in  Israel,  er  ist  ein  nasiräer,  ein  gottgeweihter,  der  als  solcher  kein 
scheermesser  an  sein  haupt  kommen  lassen  darf  usw.  ...  Die  zeit  der  richter 
ist  überhaupt  die  heldenzeit  des  israelitischen  volks,  und  es  wäre  eine 
dankbare  aufgäbe,  die  drei  mythischen  heldenjünglinge  der  drei  grossen  kulturvölker 
...  in  parallele  zu  stellen.  Aiich  eine  richterin  und  prophetin,  Deborah, 
her  sehte  damals  über  Israel,  die  mit  Barak  auszog  in  den  kämpf  gegen  Jabin, 
diesen  in  die  flucht  schlug"  usw.  —  Man  wii'd  mir  zugeben,  dass  der  hier  sich 
verratende  mangel  an  zucht  der  gedanken  fast  peinlich  würkt.  Daneben 
wimmelt  die  ai'beit  auch  von  Unklarheiten  und  geschmacldosigkeiten  im  einzelnen. 
Als  Stilblüte  führe  ich  an  (s.  14):  „In  der  nächsten  nacht  erleuchtet  Sinons  fackel 
auch  ihnen  [den  Trojanern]  die  nacht  des  geistes  und  schreibt  mit  flamraenschrift 
Laokoons  namen  als  den  eines  märtyrers  für  sein  Vaterland  in  das  buch  der 
geschichte. " 

Boxberger  gilt  mit  recht  als  einer  unserer  besten  Schillerkenner,  seine  durch 
eine  seltene  belesenheit  unterstüzte,  unermüdliche  tätigkeit  in  erschliessung  neuer 
quellen  für  die  kentnis  und  das  Verständnis  Schillers  verdient  volle  anerkennimg.  Um 
so  mehr  ist  es  zu  bedauern,  dass  er  ein  so  formloses  elaborat  veröffentlichen  konte. 

III.    Gesamtausgaben. 

11)  Schillers  werke,  herausgegeben  von  R.  Boxherger.  Stuttgart  und  Leip- 
zig 0.  j.     "W".  Spemann.     Jeder  band  2,50  m. 

1)  Boxberger  sagt  wörtlich,  ScMlor  habe  denselben  „zunächst  im  siegesfest  in  eigner  person 
auftreten  lassen  und  in  der  Jungfrau  von  Orleans  als  Talbot  reproduciert",  -während  doch  das  gedieht 
dem  jähre  1803  angehört,  das  drama  1801  vollendet  wurde. 


NF-ÜEKE    SCHILLER  -  LITTERATUR  87 

Bd.  III.     Räuber,  Fiesko  in  beiden  bearbeitungen. 

Bd.  IV.  Kabale  und  liebe ,  Don  Karlos ,  mit  dem  ersten  druck  und  der  bühnen- 
bearbeitxing  des  D.  K. 

Bd.  Vn.  Übersetzungen  und  bearbeitungen  fremder  lustspiele  und  bühnenbearbei- 
tuugen  fremder  stücke. 

Bd.  Vin.  Körners  vormittag.  Oberen.  Malteser.  Narbonne.  Scliiff.  "Warbeck. 
Agrippina.  Braut  in  Ti'auer.  Eosamunde.  Lustspiel  im  geschmack  von  Goethes 
bürgergeneral.  Polizei.  Themistokles.  Gräfin  von  Flandern.  Flibustiers.  Her- 
zogin von  ZeUe.     ELfride.     Demetrius. 

Bd.  X,  1.    Universalgeschichte.     Abfall  der  Niderlande. 

2.    Historische  memoires.     Kleine  historische  Schriften. 

Bd.  XI.     Dreissigjähriger  krieg. 

Bd.  XII,  1.    Kleinere  philosophische  Schriften. 

2.    Philosophischer  nachlass.     Angewante  ästhetik.     Medizin.     Juvenilia. 
(==  Deutsche   nationallitteratur,    historisch  -  kritische    ausgäbe    von   Josef   Kürschner, 
bd.  120.  121.  124.  125.  127  —  129.) 

Diese  ausgäbe  ist  ohne  zweifei  für  weitere  kreise  die  brauchbarste  aller  bisher 
erschienenen.  Zwar  bedingte  der  plan  der  samlimg  ein  absehen  von  den  verschiede- 
nen lesarten  und  eine  anbequemung  an  die  heutige  Orthographie;  aber  wenn  der  text 
auch  nicht  streng  wissenschaftlich,  wie  in  der  grossen  historisch  -  kritischen  ausgäbe 
von  Goedeke,  widerhergestelt  ist,  so  ist  er  doch  mit  grosser  Sorgfalt  bearbeitet. 
Ausserdem  aber  bietet  die  ausgäbe  alle  zum  Verständnis  nötigen  hilfsmittel  in  bequem- 
ster weise.  In  den  einleitungen  wird  der  leser  kui'z  aber  doch  genau  über  die  ent- 
stehung  der  einzelnen  werke  orientiert,  in  den  anmerkungen  werden  die  wesentlich- 
sten parallelen,  queUennach weise  und  erklärungen  gegeben.  Zwar  decken  sich  diese 
anmerkungen  zum  grossen  teile  mit  den  in  den  späteren  bänden  der  Hempelschen 
ausgäbe  (welche  ja  wol  auch  von  demselben  herausgeber  besorgt  sind)  enthaltenen, 
doch  sind  die  erforderlichen  hinweise  auf  die  inzwischen  erschienene  Ktteratur  soi'g- 
fäl'tig  nachgetragen.  Unter  den  Vorzügen,  welche  diese  ausgäbe  vor  der  bisher  so 
empfehlenswerten  Hempelschen  besizt,  möchte  ich  noch  besonders  auf  folgende  auf- 
merksam machen.  In  bd.  HI  ist  der  bei  Hempel  von  W.  v.  Maltzahn  seltsam  genug 
nur  bruchstückAveise  mitgeteilte,  zuerst  1880  von  dem  buchhändler  A.  Cohn  volstän- 
dig  pubücierte,  unterdrückte  bogen  der  Eäuber  zum  ersten  male  in  eine  Schiller- 
ausgabe aufgenommen  (auch  Goedeke  konte  niu-  die  Hempelschen  bruchstücke  geben); 
ebenda  ist  die  theaterbeai'beitung  der  Räuber  —  leider  mit  einigen  wilküi'lichkeiten 
in  der  interpunktion,  die  doch  für  die  art,  wie  Schiller  sich  die  declamation  dachte, 
sehr  bezeichnend  ist^  —  und  des  Fiesko  abgedruckt.  In  bd.  IV  werden  zum  Don 
Carlos  nicht  bloss,  wie  bei  Hempel  der  erste  plan  des  Stückes,  sondern  auch  der 
erste  druck  aus  der  Thaha,  die  bühnenbearbeitung  und  die  novelle  des  St.  Real  in 
der  in  Eisenach  erschienenen  Übersetzung  (auf  die  Schiller  selbst  verwies)  hinzuge- 
fügt. In  bd.  Xn,  2  ist  der  urtext  der  briefe  über  die  ästhetische  erziehung  nach 
der  von  Michelsen  in  Rodenbergs  Deutscher  rundschau  erfolgten  Veröffentlichung 
aufgenommen.  Dagegen  muste  die  in  denselben  band  gehörende  lateinische  disserta- 
tion  natürhch  ausgeschlossen  bleiben. 

1)  Es  ist  z.  b.  in  dieser  hinsieht  ein  unterschied,  ob  act  FV,  sc.  17  die  theaterausgabe  (s.  132) 
Moor  sagen  lässt  0  ich  blöder!  blöder!  blöder  tlior!  oder  ob  B.  (s.  202,  2)  die  ausnifimgszeichen  in  kom- 
mata  verwandelt  (dass  er  nicht  et^'a  principicll  die  Lnteqmnktion  modernisiert  hat,  zeigt  ein  blick 
in  das  stück). 


G.    KETTNER 


IV.    Gedichte. 


12)  Heinrich  Vielioff,  Schillers  gedichte  erläutert  und  auf  ihre  veranlassun- 
gen, fjuellen  und  Vorbilder  zurückgeführt  nebst  variantensamlung.  Sechste  umgear- 
beitete aufläge.  Bd.  I.  Gedichte  der  ersten  und  zweiten  periode.  XXVIII,  290  s.  — 
B.  II.  Gedichte  der  dritten  periode;  erste  abteilung:  das  jähr  der  ideendichtung  und 
das  epigrammenjahr  1795  und  1796.  214  s.  —  Bd.  III.  Gedichte  der  dritten  periode; 
zweite  abteilung.  Vom  balladenjahr  bis  zu  Schillers  tode.  1797  — 1805.  252  s.  — 
Stuttgart,  Verlag  von  C.  Conradi.    1887.     7  m. 

Nur  der  anfang  der  neuen  ausgäbe  ist  von  Viehoff  (f  5.  aug.  1886)  besorgt, 
die  neubearbeitung  hat  der  hauptsache  nach  sein  Schwiegersohn  V.  Kiy  durchgeführt. 
Viel  mühe  hat  sie  ihm  schwerlich  gemacht.  Die  sechste  aufläge  ist  im  wesentlichen 
ein  abdruck  der  fünften,  nur  ist  wider  wie  in  der  dritten  die  chronologische  anord- 
nimg  befolgt  und  eine  reihe  von  Schiller  verworfener  gedichte  mit  abgedruckt.  Auf 
die  neixere  litteratur  ist  fast  nirgends  rücksicht  genommen.  Zu  dem  gedichte  „der 
eroberer"  werden  daher  mu'  einige  recht  obeiilächliche ,  schiefe,  zum  teil  phrasen- 
hafte bemerkungen  gemacht,  die  sehr  gründliche  Interpretation  und  beurteilimg  des 
gedichtes  von  Chr.  Jeep  (in  den  N.  jahrbb.  f.  phil.  u.  pädag.  11.  abt.  1869,  s.  421  — 
436)  existiert  für  den  Verfasser  nicht.  Ja  selbst  die  einwände,  welche  G.  Hauff  in 
seinen  Schillerstudicn  (Stuttgart  1880)  gegen  einzelne  deutungen  Viehoffs  erhoben 
hat,  sind,  soweit  ich  es  kontrollieren  konte,  von  dem  herausgeber  einfach  ignoriert 
(vgl.  z.  b.  Hauff  s.  222  mit  Viehoff  HI,  1.33).  —  So  ist  der  commentar  erheblich  hin- 
ter den  anforderimgen ,  die  man  jezt  an  einen  solchen  stellen  muss,  zurückgeblieben. 

13)  C.  H.  Manchot,  Martin  Crugot,  der  ältere  dichter  der  imüberwiadlicheu 
flotte  Schillers.  Mit  einem  bildnisse.  Bremen,  vorlag  von  C.  W.  Eoussel.  1886.  — 
61  s.   8.     1  m. 

Im  zweiten  heft  der  Eh.  Thalia  von  1786  veröffentlicht  Scliiller  eine  Über- 
setzung von  Merciers  „precis  historique  zu  seinem  portrait  de  Philippe  H"  (Amster- 
dam 1785).  Zu  der  Vernichtung  der  armada  ist  hier  unter  dem  text  bemerkt:  „Diese 
merkwürdige  begebenheit  hat  ein  dichter  jener  zeit  in  folgender  ode  besungen: 
Die  unüberwindliche  flotte.  Sie  kömmt  —  sie  kömmt  usw."  In  die  samlung 
seiner  gedichte  von  1803  nahm  er  das  gedieht  auf  mit  dem  zusatz  „  nach  einem 
älteren  dichter."  Goedeke  nahm  jene  Übersetzung  des  precis  in  Schillers  werke  bd.  IV 
auf,  beim  vergleich  derselben  mit  dem  urtext  fand  er  schon  bei  Mercier  mit  der 
anknüpfung  „voici  de  quelle  maniere  un  poete  a  peint  cet  evenement"  den  wesent- 
lichen Inhalt  in  prosa,  aber  mit  charakteristischen  Wendungen  des  Schillerschen 
gedichts  angegeben.     Goedeke  glaubte,  un  poete  sei  Mercier  selbst. 

Manchot  weist  demgegenüber  nach,  dass  die  darstellung  Merciers  auf  der 
Schilderung  eines  1756  zuerst  erschienenen,  dann  in  vielen  auflagen  verbreiteten 
erbauungsbuches  der  christ  in  der  einsamkeit  von  Martin  Crugot  (geb.  1725 
in  Bremen,  gest.  1790  als  hofprediger  des  fürsten  von  Carolath)  beruhe.  Unter  den 
ü-anzösischen  Übersetzungen  des  buches  (eine  derselben  nihrt  von  EHsabeth,  der 
gemahhn  Friedrichs  des  grossen  her)  bildete  diejenige  von  Gabriel  Soigneux  1770  die 
vermitlung. 

Weiter  macht  Manchot  wahrscheinlich,  dass  die  Übersetzung  des  precis  in  der 
Thalia  nicht  von  Schiller  herrühi-t,  sondern  von  dem  Verfasser  der  Übersetzung  des 
ganzen  portrait  de  Ph.  II,  welche  1788  in  Leipzig  und  Liegnitz  erschien. 


NEUERE    SCHILLER  -  LITTERATUR 


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Sehr  schwierig  gestaltet  sich  nun  die  frage  nach  Schillers  quelle.  —  Manchot 
nimt  an,  dass  Schiller  eine  ihm  von  dem  Übersetzer  des  precis  mit  eingesante  versi- 
Jikation  des  Crugotschen  textes  überarbeitete  imd  aus  Mercier  erweiterte;  ja  er  ver- 
sucht durch  beseitigung  der  strophischen  Unregelmässigkeit  und  einiger  sprachlichen 
und  sachlichen  anstösse  des  jetzigen  gedichts  jene  ältere  form  zu  reconstruieren. 
,,l)ie  ältere  dichtung  legt  allen  nachdruck  auf  die  göttliche  rettung;  Schillers  pathos 
hebt  die  anstrengung  der  menschen  gegen  könige  imd  tyrannen,  fast  im  widersprach 
zum  ausgang  des  gedichtes,  hervor.  Einfacher  in  der  anordnung,  dramatischer  im 
fortschritt,  kräftiger  im  abschluss,  ist  die  ältere  dichtung  frei  von  manchen  über- 
schwänglichkeiten,  die  in  Schillers  bearbeitung  gekommen  sind  ....  Schillers  dama- 
liger gesinnung  entsprach  es,  allem  religiösen,  dem  protestantischen  wie  dem  römi- 
schen, den  geist  und  das  genie  der  menschen  entgegenzusetzen:  der  ältere  dichter 
der  unüberwindlichen  flotte  sah  das  ereignis  mit  religiösem  danke  für  die  behütung 
des  Protestantismus,  der  ihm  im  gegensatz  zur  römischen  propaganda  der  höchste 
schütz  aller  freiheit  war,  betrachtete  er  doch  [in  der  politischen  flugschrift  „der 
krieg  in  Deutschland"  1757]  unter  demselben  gesichtspunkt  den  krieg  Friediichs  11. 
mit  einem  prophetischen  blick  auf  alles  grosse,  das  aus  den  taten  des  grossen  königs 
hervorgehen  solte."  —  So  ansprechend  diese  Vermutungen  sind,  so  verhehlt  sich  der 
Verfasser  selbst  nicht  die  Unsicherheit  derselben. 

Im  anschhiss  an  diese  untersuchimg  gibt  Manchot  eine  eingehende,  liebevolle 
Würdigung  Crugots;  wir  lernen  in  demselben  einen  edlen  Vertreter  des  älteren  ratio- 
nalismus  kennen,  dessen  Schriften  ebenso  durch  die  kraft  der  empfindung,  wie  durch 
eine  in  seiner  zeit  seltene  phantasievolle  lebendigkeit  der  darstellung  ausgezeichnet 
sind.  —  Beiläufig  wird  s.  28  auf  seinen  einfluss  auf  Lessing  und  Geliert  hingedeutet. 

Hervorheben  möchte 'ich  noch,  dass  nach  Manchot  bei  ihm  zuerst  das  wort 
Selbstsucht  sich  findet. 

14)  Emil  Orosse,  Das  ideal  und  das  leben  von  Schüler.  Zum  schulgebrauch 
erklärt.  Mit  einem  anhange.  Berlin,  Weidmannsche  buchhandhmg.  1886.  —  88  s.  8. 
1,60  m. 

Die  Schrift  enthält  einen  abdruck  des  gedichts  mit  den  später  ausgefallenen 
Strophen  und  den  wichtigsten  Varianten  (nach  Goedeke),  die  beiden  über  dasselbe 
zwischen  Schüler  und  "\V.  v.  Humboldt  gewechselten  briefe,  eine  ausführliche  (von 
s.  16  —  36  reichende)  einführung  in  die  zu  gründe  liegende  idee,  eine  kui'ze  prosaische 
angäbe  des  Inhaltes  der  einzelnen  Strophen,  endlich  parallelen  und  erklärungen  zu 
einzelnen  versen.  Der  anhang  bringt  die  abhandlung  von  Lehrs  über  die  Hören, 
Plato  Phaedr.  c.  25  —  31  nach  der  Übersetzung  desselben  gelehrten,  und  endlich 
Winckelmanns  hymnus  auf  den  Apoll  von  Belvedere. 

Man  sieht  eine  fülle  von  stoff  ist  hier  zui"  erklärung  des  gedichtes  zusammen- 
getragen. Fehlen  könte  zunächst  ohne  schaden  der  anhang,  vor  allem  jener  aufsatz 
von  Lehrs,  denn  er  steht  doch  zu  dem  gedichte  in  gar  zu  lockerer  beziehung,  und 
wenn  ihn  jemand  einmal  in  die  besprcchung  desselben  hineinziehen  wolte ,  so  sind  doch 
wahrhaftig  die  „populären  aufsätze"  jedem  leicht  zur  band.  —  Auch  sonst  aber  führt 
den  Verfasser  der  wünsch,  den  gedanken  dui'ch  parallelen  zu  illustrieren,  oft  zu 
weit:  einzelne  selten  sind  fast  ein  mosaik  aus  citaten!  Und  wie  zwecklos  sind 
manche  derselben!  Man  vgl.  z.  b.  s.  22  — 24;  wie  verkehrt  sind  hier  die  „Sehnsucht" 
und    der    „  Pilgrim "   oder  gar  die  werte   WaUensteins    zu  Max   herangezogen !     Ich 


90  G.    KETTNKR 

fürchte,  dass  durch  diese  zu  üppige  fülle  von  parallelen  der  gedanke  des  gedichts 
nur  überwuchert  wird. 

Indessen  diese  mängel  sind  schhesslich  doch  nur  die  mängel  des  reichtums, 
und  der  lehrer,  für  den  das  buch  wol  zunächst  nui'  bestirnt  ist,  mag  sich  aus  dem 
dargebotenen  auslesen,  -was  ihn  gut  dünkt.  Und  man  muss  es  dem  Verfasser  nach- 
rühmen, dass,  wenn  man  auch  mitunter  eine  strengere  beschränkung  auf  das  wesent- 
liche wünschte ,  es  ihm  gerade  dadurch,  dass  er  den  begriff  der  ästhetischen  betrach- 
tung  in  den  manuigfachsten  anwendungen  zeigt,  auf  das  glückhchste  gelungen  ist, 
denselben  den  schülern  verständlich  zu  machen.  Vortreflich  dient  zu  diesem  zwecke 
auch  der  vergleich  der  ästhetischen  erhebung  mit  der  religiösen  und  ethischen. 

Die  Vorstellung  des  rein  -  ästhetisclien  zustandes,  welche  das  in  immer  neuen 
Variationen  behandelte  thema  des  gedichtes  bildet,  muss  dem  schüler  zunächst  fremd 
sein,  sein  eigenes  Verhältnis  zur  kunst  ist  noch  ein  wesentlich  stofliches,  die  ethische 
Wirkung  überwiegt  entschieden.  Ich  weiss  nicht,  ob  es  gut  getan  ist,  ihn,  bevor  er 
selbst  auch  nur  das  bedürfnis,  geschweige  denn  die  fähigkeit  eines  rein 
ästhetischen  genusses  hat,  schon  über  die  ästhetische  empfindung  — 
wie  Schiller  wolte  —  ästhetisch  empfinden  zu  lassen!  Freilich  —  dazu  komt 
es  auch  nicht!  Der  Verfasser  wird  sich  wol  selbst  nicht  darüber  täuschen,  dass 
er  mit  seinem  ausführlichen  commentar,  mit  allen  jenen  mit  anerkennungswertem 
geschick  versuchten  anknüpfimgen  an  analoge  vorstelkmgen  aus  der  erfahi-ung  des 
Schülers  doch  nur  das  erreicht,  dass  lezterer  den  Inhalt  des  gedichtes  logisch  ver- 
steht —  und  ich  fürchte,  es  wird  dies  gedieht  zum  grossen  teü  dem  schüler  „eine 
in  verse  gebrachte  metaphysik  des  schönen"  bleiben.  Gerade  die  analyse  des  gedichts, 
welche  der  Verfasser  s.  37^ — 42  gibt,  kann  nur  dazu  dienen,  diese  befürchtung  zu 
verstärken.  Sie  entwickelt  klar  und  verständig  den'gedankengang,  von  dem 
gedieht  als  einem  lyrischen  kunst  werk  ist  weder  hier  noch  sonstwo  in  der  gan- 
zen Schrift  die  rede. 

So  scheint  mir  Grosses  versuch,  das  gedieht  der  schule  zugänglich  zu  machen, 
obwol  —  oder  auch  weil  —  ich  üin  relativ  für  den  besten  aller  bisher 
gemachten  halte,  das  misliche  der  lektüre  derselben  auf  diesem  Standpunkt  nur 
fühlbarer  zu  machen.  Künstlich  muss  dem  schüler  erst  die  empfindungsweit  des- 
selben erweckt  werden,  künstlich  wird  das  Verständnis  desselben  bleiben,  den 
wesentlichen  schritt  von  logischem  verstäudnis  zu  ästhetischem  genuss  wird  nur  in 
seltenen  ausnahmen  ein  schüler  volziehen. 

Von  einzelheiten  möchte  ich  nur  einen  s.  24  vorkommenden  Lrtum  hervor- 
heben, weü  man  ihn  auch  in  anderen  einzel  -  Interpretationen  von  Schillers  gedichten 
gelegentlich  autrift.  Der  Verfasser  sagt:  „Es  ist  sehr  bezeichnend,  dass  „die 
teilimg  der  erde"  und  „das  mädchen  aus  der  fremde"  vor  „das  ideal  imd  das  leben*' 
von  Schiller  in  der  gedichtsamlung  gesezt  sind."  Er  glaubt  also  offenbar,  dass 
die  anordnung  der  Körner  sehen  vulgata  von  SchiUer  herrühre!  Vielleicht  hat 
er  sich  durch  eine  erklärung  des  „mädchens  aus  der  fi'emde"  von  A.  Otto  (in  den 
Jahrb.  f.  phil.  u.  paed.  1885.  11.  abt.  s.  185  fgg.)  verleiten  lassen,  der  auch  in  der 
Zusammenstellung  gerade  dieser  gedichte  einen  fingerzeig  dafür,  wie  Schiller  sie 
aufgefasst  wdssen  wolte,  zu  finden  meinte. 

15)  Helene  Lange,  Schillers  philosophische  gedichte.  Sechs  vortrage,  gehal- 
ten in  Berlin  im  winter  1885  —  86.  —  Berlin,  L.  Oehmigkes  vorlag  (R.  AppeHus). 
1887.     188  s.  kl.  8.     1,60  m. 


NEUERE    SCHILLER  -  LITTERATCR 


91 


Die  voi-triige  behandeln:  I.  (s.  1  —  35)  den  ersten  algemeinen  teil  der  künstler. 
n.  (s.  36  — 67)  den  zweiten  cultnrhistorisclien.  HE.  (s.  68  — 96)  die  führer  des  lebens 
(s.  79),  den  genius  (s.  81),  den  tanz  (s.  90).  IV.  (s.  97  —  125)  die  wüi'de  der  frauen, 
das  verschleiei-te  bild  zu  Sais  (s.  108),  den  Spaziergang  (s.  117).  V.  (s.  127  —  157) 
die  ideale  (s.  136),  den  pilgrim  (s.  147),  die  Sehnsucht  (s.  153).  VI.  (s.  158  —  188) 
das  ideal  und  das  leben. 

Mit  ausnähme  der  künstler  -wird  den  in  einem  abschnitt  zusammengefassten 
gedichten  eine  zusammenhängende  Schilderung  der  sie  beherschenden  philosophischen 
anschauungen  Schillers  voraufgeschickt;  dann  wird  der  gedankengang  der  gedichte 
angegeben  und  erläutert.  Eine  scharfe  und  genaue  analyse  darf  man  hier  allerdings 
nicht  suchen:  der  Verfasserin  kam  es  vielmehr  darauf  an,  die  hauptgedanken  zu 
entwickeln  und  ihrem  publikum  lebendig  zu  machen.  Im  ganzen  ist  ihr  dies  nicht 
übel  gelungen:  sie  versteht  es,  das  Interesse  für  die  in  betracht  kommenden  fragen 
zu  erwecken,  die  abstrakten  gedanken  an  die  erfahrung  anzuknüpfen,  in  beziehung 
zu  dem  gemütsieben  zu  setzen,  in  phantasievoller  und  doch  klarer  darstellung  aus- 
zn  führen-  Freihch  wh'd  dabei  manches  etwas  wilküi'Iich  aus-  und  um  gedichtet: 
nicht  ohne  lächeln  wird  man  z.  b.  die  psychologische  skizze  lesen,  welche  die  ver- 
fasserm  von  dem  jüngüng  zu  Sais  entworfen  hat  —  so  hübsch  sie  ist,  die  eigentliche 
pointe  des  gedichtes  wird  doch  darin  abgestumpft! 

Um  Schillers  philosophische  dichtuugen  dem  Verständnis  weiterer  kreise  nahe 
zu  bringen,  ist  das  buch  treüich  geeignet;  aber  auch,  wer  sonst  an  eine  tiefer  ein- 
dringende Interpretation  gewöhnt  ist,  wird  nicht  ohne  Interesse  sehen,  wie  eine  fein- 
sinnige dame  hier  jene  dichtungen  in  echt  weiblicher  weise  aufgefasst  hat. 

16)  Friedrich  Widder,  Schiller  als  erzählender  dichter.  —  Progr.  des  grossh. 
gymnasiums  in  Lahr.   1885.     24  s.   4. 

Der  Verfasser  sieht  von  den  dramatischen  erzählungen  imd  den  „von  Schiller 
selbst  zui"  lyrischen  gattung  gerechneten  gedichten^,  wie  Kassandra  ab;  er  berück- 
sichtigt nm-  den  taucher,  handschuh,  ring  des  Polyki-ates,  litter  Toggenburg,  ki-a- 
niche  desibykus,  gang  nach  dem  cisenhamraer,  kämpf  mit  dem  di'achen,  bili-gschaft, 
Hero  xmd  Leander,  graf  von  Habsbui-g. 

Aus  dem  hinblick  auf  die  entstehungszeit  dieser  gedichte  ergeben  sich  ihm  als 
gesichtspunkte  seiner  betrachtung  der  vergleich  derselben  mit  den  Goethischen  bal- 
laden  und  die  erwägung  des  Zusammenhangs,  in  welchem  der  erzählende  dichter 
mit  dem  philosophischen  und  dramatischen  stehe. 

Zunächst  aber  werden  die  queUen  der  genanten  gedichte  angegeben  imd  auf 
übereinstinmiungen  auch  im  einzelnen  hingewiesen.  Dieser  abschnitt  ist  hier,  ganz 
abgesehen  davon,  dass  er  nur  bekantes  widerholt ^  imi  so  weniger  am  platze,  als 
der  Verfasser  später  nochmals  die  gedichte  mit  den  quellen  mit  bezug  auf  die  com- 
position  vergleicht.  —  Dann  wii"d  der  „  Ideengehalt '^  der  bailaden  des  breiteren  aus- 
einandergesezt,    und  nun  endlich  —   auf  s.  16   —    begint  die  arbeit  des  Verfassers 

1)  Datei  hat  der  Verfasser  aus  einer  jranz  richtigen  bemerkung  Dilntzers  11 ,  306  folgendes  gemacht: 
quelle  des  ganges  nach  dem  eisenhammer  ist  „das  werk  des  französischen  novellisten  Eetif  de  la  Bre- 
tonue :  Coeur  humain  devoile,  wo  in  der  9.  novelle  der  samlung  ,,les  contemporains" 
unsere  geschichte  eingeschoben  ist."  Dass  er  contemporains  für  contemporaines  schreibt,  mag  noch 
hingehen,  denn  der  fehler  ündet  sich  oft;  das  ganze  aber  ist  ungefähr  dasselbe,  wie  wenn  ich  sagen 
weite:  ,,"Wir  lesen  in  Goethes  roman  "Wilhelm  meister,  wo  es  in  der  briefsamlung  ,, "Wer- 
thers leiden"  folgendermassen  heisst  .  .  ." 


92  G.    KETTNEB 

einen  etwas  selbständigeren  charatter  anzunehmen,  indem  er  es  unternimt,  die  kiinst- 
mittel  des  dichters  zu  betrachten.  Nicht  als  ob  seine  beobachtungen  ;auf  diesem 
gebiete  gerade  neu  wären  —  sie  finden  sich  alle  schon  in  den  bekanten  kommen- 
tai'en  von  Viehoff,  Grube,  Düntzer,  Götzinger  —  aber  der  Verfasser  hat  sie  geschickt 
in  Zusammenhang  gebracht.  Bei  dieser  gelegenheit  werden  nun,  wie  schon  angedeu- 
tet, die  balladen  nochmals  mit  ihren  quellen  verglichen,  um  den  vorzug  der  einheit- 
lichen composition  deutlich  zu  machen. 

V.    Dramen. 

Von  erklärenden  einzelausgaben  der  dramen  führe  ich  zunächst  die  bei  Fer- 
dinand Schöningh  in  Paderborn  in  kl.  8  erschienenen  kurz  an: 

17)  "Wallenstein,  mit  ausführlichen  erläuterungen  für  den  schulgebrauch  und 
das  privatstudium  von  A.  Funke.   1885.  —  334  s.     1,80  m. 

18)  Maria  Stuart  [titel  wie  oben]  von  Heinrich  Heskamp.  1884.  —  192  s. 
1,35  m. 

19)  Jungfrau  von  Orleans  ...  von  A.  Funke.  1886.  —  172  s.     1,20  m. 

20)  Wilhelm  Teil  ...  von  A.  Funke.  1880.  —  164s.  Zweite  verbesserte 
aufläge.  1883.  —  162  s.  —  Dritte  verbesserte  aufläge,  mit  einem  kärtchen.  1886. — 
170  s.     1,20  m. 

21)  Die  braut  von  Messina  ....  von  Heinrich  Heskamp.  1887.  170  s. 
1,20  m. 

Die  einrichtung  dieser  im  wesentlichen  nach  derselben  Schablone  gearbeiteten 
ausgaben  ist  folgende:  1)  Der  text  mit  sachlichen  und  sprachlichen  fussnoten. 
2)  Fragen  über  die  einzelnen  scenen.  3)  Fragen  über  das  ganze  drama.  4)  Senten- 
zen. 5)  Aufsatzthemata.  6)  Litteraturangabe.  Bei  der  Maria  Stuart  folgt  noch  als 
selbständiger  abschnitt  „Maria  Stuait  im  lichte  der  geschichte ",  bei  den  andern 
dramen  ist  diese  frage  bei  der  erklärung  der  einzelnen  scenen  und  in  den  noten  mit 
behandelt. 

Der  Standpunkt  der  comraentare  ist  ein  ganz  elementarer.  Die  erklärenden 
noten  sind  meist  zweckmässig,  wo  sich  dagegen  die  Verfasser  auf  das  ästhetische 
gebiet  verirren,  werden  sie  gewöhnlich  geschmacklos.  Unfreiwillig  komisch  wirkt 
nicht  selten  die  frageform;  von  katechetischer  anleitung  liier  etwas  zu  finden  darf 
man  nicht  hoffen,  höchstens  können  die  fragen  gelegentlich,  wie  Dickens  circumlo- 
ciition  ofßce  zeigen ,  „wie  mans  nicht  machen  soll ! ''  Als  erheiternde  probe  diene : 
Tell^  s.  146  nr.  3  „Als  was  will  der  dichter  Teils  tat  nicht  erscheinen  lassen?"; 
ebda  nr.  4:  „Welche  probe  soll  dieselbe  vielmehr  auszuhalten  vermö- 
gen?" Antwort:  „Die  tat  soll  vielmehr  die  probe  des  besonnenen  urteils 
aushalten!"  Erinnert  dies  nicht  an  gewisse  „  instruldionsstundon  -  bluten "  aus  den 
, fliegenden  blättern?  Zu  den  liedern  der  eingangsscene  ist  unter  „form  der  lieder" 
bemerkt:  „das  hirtenlied  zeichnet  sich  durch  einfachhait,  das  jägerlied  dui'ch 
erhabenheit,  das  fischerlied  durch  gefühl  (!!!)  aus."  Und  trotz  dieser  geschmack- 
losigkeiten,  dieser  Verstösse  gegen  die  elementarsten  regeln  der  logik  scheint  diese 
ausgäbe,  nach  den  auflagen  zu  schüessen,  rasch  sich  weithin  verbreitet  zu  haben! 
Hoffen  wir,  dass  sie  sich  nicht  in  gymnasiallehrerkreise  verirt! 

In  der  von  Heinricli  Keck  bei  F.  A.  Perthes  in  Gotha  in  gr.  8  herausgege- 
benen samlung  „Klassische  deutsche  dichtungen  mit  kurzen  erkläi'ungen  für  schule 
und  haus"  sind  bis  jezt  von  Schillerschen  dramen  erschienen: 


NEUERE   SCHILLER -LlTTERATUfi  93 

22)  Wallensteins  tod.    Von  Georg  Kern.  1887.  —  VI,  171  s. 

23)  Wilhelm  Teil.     Von  0.  Kallseii.    1884  —  141  s.     1,20  m. 

Die  einleitung  zum  ersten  drama  orientiert  zunächst  kurz  über  die  wichtig- 
sten historischen  darstellungen  Walleusteins,  bespricht  dann  Schülers  abweichungen 
von  der  geschichtlichen  Überlieferung,  Inhalt  und  bau  des  stückes  (nach  Freytag), 
gibt  eine  kurze  Charakteristik  der  personen  desselben  (welche  unbeschadet  der  kürze 
doch  etwas  mehr  in  die  tiefe  eindringen  könte)  und  einen  überblick  über  die  behand- 
lung  des  metrums. 

Kallsens  einleitung  enthält  die  entstchungsgeschichte  des  Teil  und  eine  anspre- 
chende würdigimg  des  dramas  nach  seiner  ästhetischen  und  nationalen  bedeutung. 

Der  text  ist  in  beiden  ausgaben  mit  kui'zen  noten  versehen,  welche  histo- 
rische und  geographische  anspielungen  und  einzelne  Schwierigkeiten  im  ausdruck 
erläutern.  Während  Kallsen  sich  fast  durchweg  auf  das  wirklich  der  erkläning 
bedürftige  beschränkt,  hat  Kern  nicht  selten  recht  überflüssig  poetische  Wendungen 
für-  das  Verständnis  der  schüler  prosaisch  verwässern  zu  müssen  geglaubte 

24)  Hermanu  Uiibescheid ,  Beiträge  zur  behandlung  der  dramatischen  lek- 
türe.   —     Programm  der  Annen  -  realschule   zu  Dresden.     I.    1884,    42  s.     11.    1886, 

,44  s.    4. 

Beide  abhandlungen  erschienen  auch  zusammengedruckt  als  selbständige  schrift, 
Dresden  1886.     Warnatz  und  Lehmann. 

Die  arbeit  behandelt  ausschliesslich  die  Schillerscheu  dramen  (nur  anhangs- 
weise werden  am  schluss  noch  ganz  kurz  Iphigenie,  Egmont  und  Nathan  berührt); 
der  Verfasser  hat  sich  die  mühe  gemacht,  sie  alle  nach  dem  bekanten  von  Freytag 
in  der  technik  des  dramas  aufgestelten  scheraa  zu  disponieren;  abhandlung  I  führt 
diese  schematisierung  bis  zum  höhepunkte  des  dramas,  11  wendet  sie  auf  die  sin- 
kende handlung  an,  der  ersteren  hat  er  eine  kurze  erörterung  „der  idee,  Voraus- 
setzung und  des  algemeinen  Charakters,  d.  i.  des  grundtons  des  dramas '^,  vorauf- 
geschickt, der  zweiten  eine  aufzähluug  einiger  hauptgesetze  der  Hamburgischen 
dramaturgie  und  der  formen  des  tragischen  nach  Vischer;  zum  schluss  erhalten  wü- 
die  ebenfals  aus  Freytag  bekanten  dramaturgischen  tafeln,  auf  denen  der  „zeitliche 
verlauf  dui'ch  die  abscissen,  die  handlung  durch  die  ordiuaten  dargestelt  ist." 

Der  Verfasser  hat  seine  arbeit  mit  vielem  fleiss  und  hübsch  sauber  und  accu- 
rat  ausgefühii,  aber  —  gibt  es  wirklich  leser  der  dramen,  die  Freytags  buch  ken- 
nen, denen  man  das  exempel  erst  in  dieser  weise  vorrechnen  müste?  Von  der  „wol 
aufzuwerfenden  frage",  ob  denn  jenes  architektonische  Schema  Freytags  genüge,  um 
die  composition  der  dramen  zu  verstehen,  sehe  ich  dabei  ganz  ab. 

2.5)  Jacob  Lö'weuberg',  Über  Otways  und  Schillers  Don  Carlos.  Heidel- 
berger inaug.  -  dissertation.  —  Verlag  von  Carl  Bui'ow  (G.  Weiss).  Heidelberg  1886. 
126  s.  8.     1,60  m. 

Der  Verfasser  schickt  der  Untersuchung  eine  sehr  übersichtliche  analyse  der 
novelle  des  abbe  St.  Real  voraus,  durch  welche  die  vergleichung  des  Schillerschen 
Don  Carlos  mit  dieser  quelle  wesentlich  erleichtert  wird.     Es   folgt  s.  21 — 44  eine 

1)  Auf  die  bei  Gräser  in  Wien,  Sie^Msmund  &  Volke ning  in  Leipzig  erscheinenden  Schul- 
ausgaben mag  es  genügen  hier  nur  hinzuweisen. 


94  6-    KETTNER 

Inhaltsangabe  des  Otwaysclien  dramas  und,  bis  s.  66,  eine  erörterung  der  benutzung 
St.  Reals  in  demselben.  Der  hauptabscbnitt  s.  67  — 108  behandelt  eingehend  und  klar 
die  frage,  wie  weit  Schiller  von  St.  Eeal  abhängig  sei  und  ob  er  daneben  noch,  wie 
Heller  behauptet  hatte,  den  Andronic  des  Campistron  l^enuzt  habe.  Gerade  auf  der 
gründlichen  Untersuchung  der  lezteren  frage  beruht  der  hauptwert  der  vorliegenden 
Schrift.  Es  gelingt  dem  Verfasser  in  allen  einzelnen  punkten,  an  denen  nach  Heller 
Schiller  Campistrons  umdichtung  der  novelle  des  St.  Eeal  gefolgt  sein  solte,  die  völ- 
lige Unabhängigkeit  desselben  zu  erweisen.  In  der  tat  steht  Hellers  annähme  auf  so 
schwachen  füssen,  er  traut  dem  dichter  dabei  eine  so  kleinliche  entlehnung  von  ein- 
zelheiten  zu,  denkt  sich  die  arbeit  desselben  so  äusserlich,  dass  man  sich  wundern 
muss,  wie  er  die  Zustimmung  von  Gervinus  und  Koberstein  finden  konte.  Wer  wird 
nicht  —  um  hier  nur  einiges  hervorzuheben  —  das  urteil  des  Verfassers  unterschrei- 
ben (s.  82) :  „Wenn  Campistron  aus  den  zwei  gesanten  der  novelle  den  einen  geschaf- 
fen und  ihn  neben  den  freund  gestelt,  solte  dann  nicht  Schiller  gleich  die  beiden 
gesanten  mit  dem  freunde  in  eins  haben  verschmelzen  können,  ohne  erst  jenes  arm- 
seligen Vorganges  zu  bedürfen?"  Oder  wer  möchte  den  bekanten  Aviderspnich,  dass 
Don  Carlos  v.  1268  noch  nichts  von  der  band  der  königin  gelesen  hat  und  den  brief 
der  Eboli  für  den  ihrigen  hält,  während  er  sich  v.  3621  einen  brief,  den  die  königin 
an  ihn  nach  Alcala  geschrieben ,  von  Posa  zurückerbittet  —  wer  möchte  diesen  wider- 
sprach mit  Heller  dadurch  erklären  wollen,  dass  Schüler  unvorsichtig  aus  dem  An- 
dronic den  vers  entlehnte  je  ne  säur  als  reconnctUre  la  main?  Der  hin  weis  s.  72 
auf  einen  ebenso  schroffen  widersprach  im  Wallenstein,  die  erklärung  desselben  aus 
der  verschiedenen  conception  des  Verhältnisses  zwischen  Don  Carlos  und  der  königin 
in  den  verschiedenen  phasen  dos  dramas  und  die  beiuieilung  solcher  Widersprüche 
in  dichtwerken  überhaupt  ist  durchaus  zutreffend.  Schlagend  ist  auch  s.  103  der 
nachweis,  zu  welchem  wunderlichen  misverständnis  von  v.  1146  „geben  sie  mir  zu 
zerstören"  (wozu  dann  ebenso  wimderlich  in  v.  1188  „wo  Herzog  Albas  henker  nur 
verheeren"-  ein  „handgreiflicher  Widerspruch"  gefunden  wird)  Heller  dui'ch  seine 
annähme,  Schiller  habe  hier  eine  „tirade  Campistrons  anbringen"  wollen,  geführt 
ist;  freilich  ist  auch  die  deutung  des  Verfassers  nicht  ganz  richtig. 

Der  Schlussabschnitt  s.  109  fgg.  enthält  einen  vergleich  zwischen  dem  Otway- 
schen  und  dem  Sclüllerschon  Don  Carlos,  wobei  zui"  Widerlegung  jener  Hellerschen 
hypothese  s.  116  ironisch  einzelne  Übereinstimmungen  beider  unter  einander,  die 
zugleich  abweichungen  von  St.  Real  sind,  \md  endlich  noch  ähnliche  Wendungen, 
die  sie  mit  Campistron  teilen,  hervorgehoben  werden.  Der  Verfasser  übersieht  dabei, 
dass  —  wie  ich  aus  einer  notiz  Boxb ergers  in  den  „Signalen  a.  d.  Utt.  weit"  1884, 
174  entnehme  — ■  eine  anlehnung  Schillers  an  Otway  allerdings  von  Thornton  in  sei- 
ner ausgäbe  des  Otway,  London  1879,  behauptet  ist.  Boxberger  bemerkt  dazu: 
„Thornton  muss  die  beiden  stücke  nicht  wirklich  verglichen  haben;  ich  habe  das 
enghsche  stück  gelesen,  aber  keine  ähnlichkeit  finden  können."  Boxberger  spricht 
sich  hier  auch  gegen  die  Hellersche  annähme  einer  benutzung  Campistrons  aus. 

26)  K.  Tomaschek,  Schillers  Wallensteiu.  Zweite  imveränderte  aufläge. 
Wien,  K.  Gerolds  Sohn.  1886.  —  38  s.  8.     0,80  m. 

Die  erste  aufläge  erschien  1858.  —  Der  Verfasser  gibt  einen  überbhck  über 
die  entstehimg  der  tragödie  und  bespricht  dann  hauptsächlich  den  Charakter  des  bei- 
den, wobei  er  \"iel  zu  einseitig  die  schuld  desselben  betont. 


NEUKRE   SCHILLER  -  LITTEEATXTR 


95 


27)  J.  ü.  Eoeuuefahrt,  Scliillers  dramatisches  gedicM  Wallenstein,  aus  sei- 
nem Inhalt  erklärt.  Zweite  aufläge.  —  Leipzig,  Dyksche  buchhandlimg.  1886.  VI, 
143  s.  8.     2,80  m. 

Die  neue  aufläge  weist  keine  wesentlichen  äuderungen  der  ersten  (1855;  112  s.) 
aui'.  Einige  Zusätze  sind  mir  aufgefallen.  Sie  hätten  rahig  fortbleiben  können.  Z.  b. 
zu  s.  ü8  der  alten  aufläge,  wo  die  bedeutung  von  Maxens  verlust  für  Wallenstein  ge- 
schildert ist,  sezt  der  Verfasser  s.  87  der  neuen  hinzu:  „Und  doch  ists  damit  noch 
nicht  genug.  Denn  Wallenstein  muss  bekennen  „so  hab  ich  diesem  würdig  braven 
mann,  dem  Buttler,  stilles  unrecht  abzubitten"  ....  Da  konte  nicht  die  rede  sein 
von  Schicksalsfügung  und  walten,  das  war  Wallensteins  eigenstes,  rein  persönliches 
verfahren,  und  zwar  war  es  ein  verfahren  eines  Jo\'iskindes  unwürdig,  ein  verfahren, 
dessen  eüi  deutscher  fürst,  der  nach  einer  königskrone  die  hand  ausstreckte,  sich 
schämen  muste  und  dafür  abbitte  zu  leisten  sich  gedi-ungen  fühlte.  Diese  Selbst- 
erniedrigung war  wol  noch  bittrer  als  die  absage  der  Pappenheimer"  usw. 

Die  schi-ift  berührt  uns  heute  trotz  mancher  feinsinniger  und  geistreicher  bemer- 
kuugen  im  ganzen  entschieden  fremdartig.  Sie  repräsentiert  noch  eine  nun  überwun- 
dene richtung  der  ästhetischen  botrachtung,  welche  nui'  den  „ideen"  eines  Werkes 
nachgieng. 

28)  Franz  Haim,  die  schicksalsidee  in  Schillers  Wallen  stein.  Eine  ästhe- 
tische abliandlung.  —  XXIV.  Programm  des  k.  k.  staatsgymnasiums  zu  Klagenfurt. 
1884.     15  s.     gr.  8. 

„In  dem  prologe  zur  trilogie,  der  als  eine  erklärende  Zueignung  aufzufassen 
ist,  sagt  uns  Schiller  ausdrücklich,  dass  die  grössere  hälfte  der  schuld  Wallensteins 
den  unglückseligen  gestirnen  zuzuwälzen  sei.  Aus  der  durch  diese  schicksalsmacht 
herbeigeführten  schiild  Wallensteins,  nämlich  der  des  Verrates,  des  abfalles  vom  kai- 
ser,  folgt  der  durch  neues  walten  der  ananke  herbeigeführte  Untergang  des  beiden, 
denn  wer  des  ewigen  rechtes  heilige  Satzung  nicht  ehi-t,  den  trift  rascher  schicksals- 
schlag."  Demgemäss  unternimt  es  der  Verfasser  in  abschnitt  I.  „der  schicksalsglaube 
als  wirkende  tragische  macht"  nachzuweisen,  dass  „der  glaube  an  die  steme,  d.  i. 
an  das  Schicksal"  Wallenstein  nicht  bloss  „verblendet,  ihn  zum  zauderer  macht,  den 
plan  des  abfalles  reift  und  den  entscheidenden  entschluss  zu  stände  bringt,  sondern 
auch  den  „tragisch  verhängnisvollen  plan  geboren  hat";  leztere  behauptung  soll 
durch  die  werte  der  herzogin  W.  T.  III,  3  „seit  dem  unglückstag  zu  Eegensbui-g" 
usw.  bewiesen  werden.  Abschn.  II  schildert  „das  Schicksal  als  stürzende  macht", 
abschn.  III  behandelt  die  „ästhetische  zulässigkeit  der  schicksalsidee  und  gründe  für 
die  etnführung  derselben  in  Schillers  werk."  Hat  der  Verfasser  vorher  aus  dem  Wal- 
lenstein eine  reine  schicksalstragödie  zu  machen  gesucht,  so  sucht  er  hier  dieselbe 
vom  moralischen  und  vom  ästhetischen  Standpunkt  zu  rechtfertigen,  einmal,  weil 
das  Schicksal  hier  eine  gerechte  sitliche  vergelterin  sei ,  sodann ,  weil  „  das  dasein 
einer  unendlichen,  alles  beherschenden  schicksalsmacht,  poetisch  fingiert,  die  Vorstel- 
lung des  erhabenen  hervorruft." 

In  einem  zweiten  teil  der  arbeit  verspricht  der  Verfasser  auch  die  entgegen- 
gesezten  auffassungen  anderer  Interpreten  näher  zu  erörtern;  vorläufig  berücksichtigt 
er  keinen  gegen  seine  ansieht  erhobeneu  oder  zu  erhebenden  einwand.  Ich  halte  es 
füi'  überflüssig,  bekantes  dagegen  zu  widerholen. 


96  &•   KETTNTiR 

29)  Karl  Koch,  Bemerkungen  zu  Schülers  dramen.  I.  "Wallenstein.  Pro- 
gramm des  gymnasiums  zu  Münstereifel.     Bonn  1884.     (Progr.  nr.  411).     20  s.    4. 

Die  erste  hälfte  der  arbeit  bespricht  die  schuldfrage,  ohne  neues  zu  bringen; 
die  zweite  sucht  die  von  Fielitz  über  die  dramatische  bedeutung  der  liebesscenen 
zwischen  Max  und  Thekla  aufgestelte  ansieht  zu  widerlegen  und  gelangt  wider  zu 
der  alten  auffassung  derselben  als  einer  episode  resp.  eines  gegenbildes  der  haupt- 
handlung. 

30)  G.  F.  Eysell,  Schülers  Jungfrau  von  Orleans,  neu  erklärt.  Hanno- 
ver, Verlag  von  C.  Meyer  (G.  Prior).  1886.  —  364  s.  8.     3  m. 

In  der  vorrede  hat  der  Verfasser  selbst  seinem  werke  folgende  worte  mit  auf 
den  weg  gegeben:  „Als  eine  neue  erklärung  vou  Schillers  Jungfrau  kündigen  sich 
die  nachstehenden  blätter  an.  Dass  die  erklärung  sowol  im  ganzen  wie  im  einzel- 
nen eine  neue,  kann  kein  sachkundiger  bestreiten.  Jede  bisher  er  kante,  aber 
nicht  gelöste  Schwierigkeit  ist  gehoben,  unzählige  annoch  unerkante 
Schwierigkeiten  sind  aufgedeckt  und  beseitigt.  Die  frage  wird  mithin 
niu'  die  sein,  ob  das  neue  durchweg  echt  und  richtig  ist.  Die  beweise  dafür 
glaube  ich  bis  zu  demonstrativer  gewissheit  aus  der  dichtung  selbst  geführt 
zu  haben  und  wünsche  von  ganzem  herzen,  dass  eine  unparteüsch-vorurteüsfreie 
ki'itik  mir  alseitig  recht  gebe.  Ich  wünsche  das  nicht  sowol  um  meinetwiUen,  als 
vielmehr  zu  ehren  uüseres  grösten  dramatikers  und  vor  allem  zum  rühme  des 
deutschen  volks."  Diesem  tone  des  vorwoiies  entspricht  es  dui'chaus,  dass  wir 
auf  dem  titelblatt  lesen  „Alle  rechte  vorbehalten.^ 

Das  buch  gibt  im  wesentlichen  eine  unendlich  breite  nacherzählung  und  weit- 
schweifige erklärung  des  dramas,  scene  für  scene.  Der  Verfasser  hat  dabei  oft  nüt 
einer,  ich  möchte  sagen  scholastischen  Spitzfindigkeit  die  seltsamsten  Schwierig- 
keiten entdeckt  und  mit  einem  in  seiner  art  bewundernswerten  Scharfsinn  zu  lösen 
gesucht.  Als  curiosa  fühi'e  ich  folgende  beispiele  an:  (s.  190)  „Der  geist,  von  dem 
Johanna  v.  404  redet,  xmd  dessen  stimme  (v.  405),  vne  sie  des  gewiss  ist,  ihr  nicht 
schweigen  wird,  ist  der  geist  gottes  oder  der  vergöttlichten  Maria,  mithin  gott 
selbst  oder  die  göttliche  Maria;  die  stimme  des  geistes,  welche  sie  ausser  sich 
hört,  ist  gottes  oder  Marions  Offenbarungsstimme. "     Dazu  die  anmerkung: 


„Der  geist  ist: 

1.  Der  geist  der  göttlichen  Offenbarung, 
d.  h. 

2.  der  geist  des  sich  offenbarenden  got- 
tes, mithin,  da  gott  geist  ist, 

3.  gott,  der  sich  selbst  (prol.  4)  oder  durch 
die  vergöttlichte  Maria  (1, 10)  offenbart. 
Göttlich  nent  sich  M.  v.  660."  usw. 


„Die  stimme  ist: 
1.  Die  stimme  der  göttlichen  oifenbai'ung. 


2.  Die  stimme  des  sich  offenbarenden  gott- 
geistes,  mithin 

3.  Die  Offenbarungsstimme  gottes  selbst 
oder  an  seiner  statt  der  vergöttlichten, 
ziu-  königin  des  himmels  erhöhten  Ma- 
ria. V.  435  „Mich  treibt  die  götter- 
stimme  (götter  =  gottheit)."  usw. 

So  hat  sich  auch  der  Verfasser  für  die  ganze  dramatische  entwicklung  der  Johanna 
eine  art  dogmatischen  Systems  ausgeklügelt.  Aber  auch  wo  er  uns  nicht  in  diese 
mystischen  tiefen  führt,  bietet  er  des  wunderlichen  genug.  Man  vergleiche  die 
unglaubliche  pedanterie,  mit  der  s.  253  fg.  der  beweis  angetreten  wird,  dass  Johanna 
den  Lionel  nicht  anzusehen  brauchte,  dass  daher  „das  sehen  ins  äuge  und  angesicht 


NEUERE    SCHILLER -LITTERATUR  97 

ihre  eigenste,  freiste  tat"  sei.  —  Deujeuigen,  welche  bisher  über  die  identität  des 
schwarzen  ritters  und  Talbots  noch  nicht  völlig  klar  wai-en,  wird  der  folgende  schla- 
gende beweis  dafür  wilkommen  sein  (s.  231):  .,Wie  der  ritter  im  äusseren  als  das 
sprechende  seitenstück  zu  Talbot  dasteht,  so  zeigt  er  sich  auch  in  seinem  inneren 
als  dessen  volkommenstes  ebenbild.  In  allem,  was  er  sagt  und  tut,  dräckt  sich 
Talbots  Charakter  aus.  Was  dieser  gedroht  (11,  3):  „Ich  denke  sie  nicht  so 
sanft  zu  umarmen",  das  volbringt  der  ritter,  wetoi  auch  unter  veränderten 
umständen  in  anderer  weise,  als  Talbot  gedacht.  Nicht  sanft  begegnet  er  ihr  an  leib 
und  seele.  Zwar  haut  er  sie  nicht  mit  dem  Schwerte  nieder,  wie  Talbot  sich  n,  8 
vorgenommen,  denn  er  ist  geist,  Avie  wir  wissen,  und  geister  brauchen  keine  Schwer- 
ter; aber  als  Johanna,  durch  seine  tücken  gereizt,  das  schwort  gegen  ihn  erhebt, 
lähmt  er  sie  durch  berühren  mit  der  hand  ....  Schon  durch  sein  blosses  erschei- 
nen erhizt  er  sie  ....  zu  einem  verhängnisvollen  Verstoss  gegen  pflicht  und  vertrag 
....  Fürwahr  nicht  sanft  hat  er  sie  umarmt!  Kann  es  einen  augenfäl- 
ligeren, einen  zwingenderen  beweis  geben,  dass  der  schwarze  ritter  Talbots 
geist  ist?  AUeswas  dem  dichter  die  eigenart  seiner  dichtimg  erlaubte,  hat  er  getan, 
um  gerade  über  diesen  punkt  keine  Unklarheit  zu  lassen."  (!!) 

Bedenkt  man  ferner,  dass  der  Verfasser  die  tri-vialsten  einzelheiten  breit  und 
zum  teil  schief  erklärt  (zu  Lionels  werten  „Ha!  Was  ist  das?"  wird  z.  b.  s.  270 
bemerkt:  „die  frage  ist  eine  rhetorische,  welche  Lionel  unwilkürlich  an  sich  selber  stelt 
=  was  soll  ich  davon  denken?  d.  h.  ich  weiss  nicht,  was  ich  davon  denken  soll."), 
so  wird  man  begreifen,  wie  der  commentar  zu  einem  so  unverhältnismässigen  umfang 
aufschwellen  konte  und  wie  dessen  lektüre  zu  einer  tortm*  wird. 

Der  Verfasser  hat  offenbar  mit  warmer  begeistening  seine  arbeit  unternommen 
und  mit  liebevolstem  fleisse  ausgeführt;  das  kann  uns  aber  nicht  abhalten,  sie  als 
eine  vöUig  verfehlte  zu  bezeichnen  und  die  mühe,  die  er  darauf  verwaut  hat, 
zu  bedauern. 

31)  Wittich,  Über  Sophokles  konig  Oedipus  und  SchiUers  Braut  von  Mes- 
sina.    Programm  des  städtischen  realgymnasiums  zu  Cassel.   1887.  —  24  s.  4. 

Die  arbeit  ist  für  schüler  berechnet,  sie  geht  weder  tiefer  auf  den  stoff  ein 
noch  bietet  sie  ii'gend  etwas  neues. 

32)  Franz  Kern,  Deutsche  dramen  als  schullektüre.  Vorlesung  in  der  Ber- 
liner gymnasiallehrer - geselschaft  gehalten.  —  Berlin,  Nicolaische  Verlagsbuchhand- 
lung (R.  Stricker).    1886.     39  s.  8.     0,80  m. 

Der  Verfasser  wendet  sich  mit  recht  gegen  die  noch  immer  hie  und  da  vor- 
kommende, für  lehrer  wie  schüler  gleich  bequeme  Unsitte  des  deklamatorischen  lesens 
ganzer  dramen ,  er  will  den  hauptnachdruek  gelegt  wissen  auf  „  die  genaue  betrach- 
tung  von  Charakteren  und  Situationen,  die  deutliche  erkentnis  der  motive  der  han- 
delnden." Das  „mangelhafte  in  der  motivierung,  das  psyclüsch  unmögliche"  soll  bei 
allem  schuldigen  respekt  gegen  den  dichter  nicht  übergangen  werden.  —  Dies  leztere 
führt  ihn  u.a.  auf  eine  küi'zere  betrachtuug  der  Jungfrau  von  Orleans  (s.  9)  und 
eine  eingehendere  des  Teil  (s.  14 — 23).  Der  Verfasser  findet  in  dem  bogenschuss 
desselben  —  ebenso  wie  in  der  heilung  des  Orest  —  einen  nicht  aufgelösten 
und  nicht  aufzulösenden  rest  des  märchenhaften  re.sp.  mythischen  Stoffes. 
Nachdem  er  die  Situation  geschildert  hat  bis  zu  den  werten  Stauffachers 

ZEITSCHRIFT   F.    DEUTSCHE   PHILOLOGIE.      BD.    XXI.  i 


98  G.    KETTNER 

Was  Teil?     Ihr  woltet  —  nimmermehr  —  ihr  zittert 
Die  hand  erbeht  euch,  eure  kiiiee  waukeu  — 

fährt  er  fort:  „Jeder  empfindet  ('?!),  dass  hier  alles  andere  eher  geschehen  könne, 
als  was  nun  im  drama,  dem  ideahsierten  bilde  des  lehens,  wirklich  geschieht.  Teil, 
dem  es  kurz  vorher  noch  vor  den  äugen  schwimt,  der  mit  zuckenden  bänden  und 
rollenden  äugen  dagestanden  hat,  schiesst  wirklich.  Als  handlung  einer  dramatischen 
person,  als  handlung  des  Schülerschen  Teil,  der  so  warm  und  herzlich  für  die  sei- 
nen empfindet,  halte  ich  sein  tun  für  völlig  unverständlich,  für  psycho- 
logisch ganz  und  gar  unmöglich."  Eine  „unwiderstehliche  nötigung  könte  nur 
in  Gesslers  werten  gefunden  werden:  Du  schiessest  oder  stirbst  mit  deinem  kuaben. 
Aber  selbst  wenn  Teil  diese  ganz  unglaubliche  (?)  drohimg  —  nach  dem  edikt  war 
der  ungehorsame  nur  mit  seinem  leib  und  gut  dem  könige  verfallen  —  für  eine 
ernstgemeinte  hielt  (?),  so  war  zur  not  ein  abgeben  des  Schusses  mit  voller  Sicher- 
heit den  apfel  nicht  zu  treffen  moti\iei-t,  aber  wahrlich  nicht  das  zielen  auf  densel- 
ben mit  der  sehr  nahen  möglichkeit,  den  pfeü  ins  gehirn  des  knaben  zu  senden." 
Man  kann,  meine  ich,  auf  diese  ausführungen  Kerns  dasselbe  erwidern,  was  Vischer 
über  die  beurteilung  Eomeos  durch  Gervinus  sagt:  Kern  hat  ganz  recht,  aber  wenn 
Teil  so  besonnen  handelte,  wie  er  ihm  vorschreiben  möchte,  wenn  er  im  momente 
der  tat  alle  eventualitäten  so  erwöge,  so  wäre  er  nicht  mehr  Teil.  Ein  märchenheld 
ist  er  deswegen  ebenso  wenig,  wie  Gessler  ein  „blindwütiger  märeheutyrann"  ist. 

Diu'ch  die  schrift  Kerns  veranlasst  hat  dies  Otto  Schröder  in  einer  sorgfäl= 
tigen  psychologischen  entwicklung  beider  Charaktere  gezeigi  („Das  märchenhafte 
in  Schillers  "Wilhelm  Teil"  in  der  Berliner  zeitschi-.  für  das  gymnasialwesen ,  bd.  XL, 
1886,  s.  398  —  403). 

Ebenso  wie  hier  regt  das  Kernsche  buch  überall  zu  einer  erneuten  schärferen 
prüfung  so  mancher  traditionell  gewordenen  auffassungen  au.  Eückhaltlos  schliesse 
ich  mich  seinen  bedenken  gegen  die  behaudlung  der  Lessingschen  dramen  in  der 
schule  an.  Vielleicht  interessiert  es  den  Verfasser,  dass  das  urteü,  welches  er  über 
den  Charakter  der  Minna  von  Barnhelm  fält:  „Für  die  Schauspielerin  mag  Minna  eine 
dankbare  rolle  sein,  denn  sie  geberdet  sich  als  solche",  schon  von  den  Zeitgenossen 
geteilt  wurde.  Als  Caroline  Elachsland  ihrem  verlobten  es  offen  ausgesprochen  hatte, 
wie  kalt  sie  dies  drama  gelassen  habe,  antwortete  Herder:  „Seine  Minna  —  ja  die 
opfere  ich  Ihnen ,  das  habe  ich  Ihnen  gleich  gesagt ,  ganz  auf  ....  Was  kann  ich 
dafür,  dass  Lessing  von  den  weibern  so  schwache,  tändelnde  und  komö- 
dienmässige  begriffe  hat?"^ 

33)  Schillers  Demetrius,  erläutert  von  Heinrich  Düntzci'.  (Erläuterungen 
zu  den  deutschen  klassikern,  dritte  abteüung:  Erläuterungen  zu  Schillers  werken, 
bd.  28).     Leipzig,  Ed.  Wartigs  vorlag  (E.  Hoppe).    1886.  —    124  s.    16. 

In  der  aus  den  kommentaren  zu  den  dramen  bekanten  weise  erzählt  der  Ver- 
fasser im  ersten  teile  die  cntstehung  des  dramas,  im  zweiten  gibt  er  eine  entwick- 
hmg  der  handlung  und  zwar  1.  der  scenen  in  Sambor.  2.  des  bekanten  fragments. 
3.  der  entwürfe  zur  fortsetzung.  —  Auf  das  einzelne  einzugehen,  ist  hier  nicht 
möghch. 

1)  Vgl.  J.  G.  V.  Herders  lebeusbild.  Sein  clironologisch  geordneter  briefwechsel  herausgegeben 
von  seinem  söhne.    Erlangen  1846.    HI ,  1 ,  136. 


NEUERE    SCHILLER  -  LITTERATUR  99 

VI.    Prosaisches. 

34)  Über  naive  und  sentimentalischo  diclitung.  Mit  oinleihing  und 
annierkuugen  von  Josef  E^g-er  und  Karl  Riemer.  (Graesers  Schulausgaben  klassi- 
scher werke,  herausgegeben  A'on  J.  Neubauer,  bd.  IX.)  Wien,  K.  Graeser.  1885. 
X\TI,  142  s.  8.     1  m. 

In  den  „Instructionen  für  den  Unterricht  an  den  gyninasien  in  Österreich" 
(2.  abdruck,  Wien,  A.  Pichler.  1885)  wird  s.  154  für  die  VTEI  (oberste)  klasse 
angeordnet:  „Was  die  reiche  anschauung  an  dichtungsgattungen ,  darstellungsformen, 
stileigentümUchkeiten  bisher  geboten  hat,  wird  als  grundlage  zur  lektüre  von  Les- 
sings  Laokoon  und  Schillers  aufsatz  Über  naive  und  sentimentalische  dichtung  benuzt. 
Es  soll  dadurch  eine  Zusammenfassung  und  ein  theoretischer  abschluss  gegeben  wer- 
den." Ich  habe  mich  bisher  noch  nicht  überzeugen  können,  dass  wirklich  schüler 
im  stände  seien ,  den  gedankengang  der  Schillerschen  schiift  klar  und  scharf  zu  erfas- 
sen —  eine  ungefähre  kentnis  der  hauptresultate  können  sie  sich  aneignen,  aber  hat 
diese  für  ihre  geistige  ausbildung  besonderen  wert?  Ich  werde  in  meiner  auffassung 
wesentlich  bestärkt,  wenn  ich  sehe,  wie  ungenügend  die  bisherigen  erklärungen  der 
Schrift  sind,  mit  welcher  uugenauigkeit  der  Inhalt  aufgefasst  ist,  wie  flüchtig  an  den 
nicht  abzuleugnenden  Unklarheiten^  derselben  vorübergegangen  wird,  wie  die  offenbar- 
sten ii-tümer  Schillers  nicht  bemerkt  werden.  Um  von  der  klaren,  aber  dem  zwecke 
eines  Vortrags  entsprechend  sehr  kurzen  skizze  Kuno  Fischers  (SchiUer  als  phi- 
losoph,  Leipzig  1868,  s.  115  —  153)  und  der  eiUgen  Inhaltsangabe  bei  Überweg 
(Schiller  als  historiker  und  phüosoph,  Leipzig,  Reissner  1884,  s.  250  —  261)  abzu- 
sehen: wie  oberflächlich  ist  doch  selbst  die  ausführlichere  analyse  in  dem  sonst  so 
wertvollen  buche  von  K.  Tomaschek  (Schiller  in  seinem  Verhältnis  zur  Wissen- 
schaft. Wien,  Gerolds  söhn,  1862,  s.  318— 356),  wie  bleiben  auch  hier  die  Schwie- 
rigkeiten zum  grossen  teil  unbeachtet,  wie  oft  wird  der  gedanke  des  dichters  geradezu 
falsch  aufgefasst!  Und  nun  die  Schulausgaben!  In  der  vorliegenden  wird  in  der 
einleitung  gehandelt  über  1.  Schülers  philosophische  Studien  und  Schriften.  2.  Kaut 
und  seme  drei  kritiken.  3.  Schiller  und  Kant.  4.  Entstehung  der  abhandlung.  Dann 
folgt  bis  s.  78  der  text  und  s.  79  — 142  amnerkungeu ,  welche  ^nur  das  material  bie- 
ten wollen,  um  den  selbstdenkenden  schüler  auf  grundlage  und  ideen  der  schiift 
SchiUers  hiuzuleiten,  ihn  zur  Vertiefung  (?)  anzuregen  und  ihn  in  den  geist  des  Zeit- 
alters (!!)  einzuführen."  In  Wahrheit  bringen  sie  wesentlich  nur  parallelstelleu  aus 
andern  Schülerschen  Schriften,  aus  Gai've,  Herder  usw.,  sowie  litterarlüstorische 
notizen  über  die  in  der  abhandlung  citierten  dichter  und  dichtungsgattungen.  Auf 
den  gedankengang  Anrd  fast  nirgends  eingegangen.  Die  erklärung  desselben  bliebe 
also  völlig  der  klasse  überlassen.  Bei  der  sch-^ierigkeit  des  Inhalts  müste  diese 
erklärung  aber  —  wenn  anders  ein  wirkliches  Verständnis  erzielt  werden  soU  — 
eine  ganz  unverhältnismässige  zeit  in  ansprach  nehmen!  Einzelne  abschnitte  aus 
der  Schrift  für  die  lektion  auszusondern  ist  bei  dem  geschlossenen  Zusammenhang 
kaum  tunhch;  am  besten  eignete  sich  noch  dazu  der  erste  aufsatz  „Über  das  naive" 
mit  der  berühmten  besprechung  von  Glaulcos  und  Dioniedes  waffentausch  bei  Homer 
und  dem  daran  geknüpften  vergleich  zwischen  der  naiven  darstelluug  des  Homer 
und  der  sentimentalen  Ariosts.  Leider  ist  Schillers  auffassung  jener  Homerscene 
durchaus  schief,  und  es  ist  ein  besonders  drastisches  beispiel  für  die  flüchtigkeit  der 

1)  Auf  einzelne  grandii-tümer  Schillers  ist  inzwischen  hingewiesen  In  W.  Scherers  posthumer 
poetik  (Berlin  1888)  s.  181  — 183. 

7* 


100  G.    KETTNER 

bisherigen  analysen  der  schrift,  dass  keine  einzige  dies  bemerkt  bat,  sondern  dass 
erst  Moriz  Haupt  darauf  aufmerksam  machen  muste.  Es  ist  nicht  minder  charak- 
teristisch für  die  obei-flächlichkeit ,  mit  der  die  obige  ausgäbe  gearbeitet  ist,  dass  sie 
diese  wichtige  bemerkung  Haupts  nicht  kent,  obwol  dieselbe  doch  schon  1879  in 
dem  bekanten  buche  von  Christian  Beiger  publiciert  ist. 

35)  Über  naive  und  sentimentalische  dichtung.  Mit  einleitung  und 
anmerkungen  von  Karl  Tunilirz.  (Hoelders  Classiker- ausgaben  für  den  schul- 
gebrauch.)    Wien,  A.  Hoelder,  1886.  —  X,  100  s.    8.     0,64  m. 

Diese  ausgäbe  ist  ebenfals  durch  jene  östeiTeichische  regulative  ins  leben  geru- 
fen. Sie  gibt  weniger  parallelst eUen ,  als  die  vorige,  dafür  aber  etwas  zahlreichere 
kui"ze  erklärungen  einzelner  stellen  unter  dem  texte  —  offenbar  traut  der  heraus- 
geber  dem  ^ selbstdenkenden  schüler"  nicht  ganz  so  viel  zu,  wie  seine  voi'gänger, 
obwol  er  anderseits  s.  Vn  anm.  Kant  nach  der  Eeclamschen  ausgäbe  eitleren  wUl, 
weü  diese  „für  die  schüler  am  leichtesten  zugänglich  ist."  Der  preussische  gymna- 
siaUehrer  wird  mit  neid  auf  seinen  östen-eichischen  coUegen  blicken,  der  seinen 
Schülern  ohne  weiteres  die  lektüre  Kants  zumuten  kann!  Bei  uns  pflegt  ja  erst 
der  Student,  und  auch  der  nur  in  ernster,  schwerer  arbeit,  sich  in  Kant  hiueinzu- 
lesen.  Aber  freilich,  an  solch  eine  lektüre  denkt  offenbar  der  herausgeber  nicht  von 
ferne  —  einige  aus  dem  Zusammenhang  gerissene  stellen  soll  der  schüler  nachschla- 
gen, dann  blättert  er  vielleicht  etwas  in  dem  krausen  zeug  herum  und  wird  —  ich 
weiss  nicht  wozu  —  angeregt. 

Die  einleitung  enthält  nach  einer  kurzen  litterarhistorischen  Orientierung  eine 
übersichtliche,  aber  ganz  ausser  liehe  angäbe  des  gedankenganges  der  SchiUerschen 
abhandlung. 

.36)  Autou  Frauk,  Über  Schillers  begriff  des  sitlich- schonen.  Eine  leitung 
zur  förderung  der  lektüre  des  dichters  an  unseren  gymnasieu.  Wien  und  Leipzig, 
0.  j.  [1885?],  A.  Pichler.  —  22  s.     gr.  8.     0,50  m. 

Um  die  schüler  für  die  durch  die  regulative  von  1884  in  Österreich  gebotene 
lektüre  der  philosophisclien  IjTik  und  der  abhandlung  über  naive  und  sentimenta- 
Usche  dichtung  vorzubereiten,  hat  der  Verfasser  es  unternommen,  die  diesen  werken 
zu  gründe  liegenden  anschaungen  inr  Zusammenhang  zu  entwickeln  und  dem  Ver- 
ständnis der  schüler  nahe  zu  bringen.  Die  kleine  arbeit  ruht  auf  einem  sehr  sorg- 
fältigen Studium  der  einschlägigen  Utteratui',  die  darsteUung  verfährt  völlig  voraus- 
setzungslos und  ist  klar  und  leicht  verständlich.  Zu  einer  fruchtbaren  lektüre  der 
genanten  abhandlung  wii'd  sie  sicherlich  mehr  beitragen,  als  die  oben  besprochenen 
ausgaben;  freilich  zu  einem  wirkUchen  verständms  derselben  auch  im  einzelnen  reicht 
sie  nicht  aus. 

37)  (J.  Howe ,  Über  den  vermetntUcheu  Wechsel  in  Schillers  ansieht  vom  Ver- 
hältnis des  ästhetischen  zum  sitUchen.  —  Programm  des  real  -  progj'mnasiums  zu 
Dirschau.   1886.     (Progr.  nr.  47.)     31  s.    4. 

Zusammenfassende  skizzen  der  SchiUerschen  ästhetik,  abhandlungen  über  sein 
Verhältnis  zu  Kant  gehören  seit  jähren  ebenso  zu  den  regelmässig  widerkehrenden 
erscheinungen  in  unserer  programm-litteratur,  wie  die  aufsätze  über  das  Schicksal 
in  der  braut  von  Messina  und  im  AVallenstein.  —  In  mehr  oder  wemger  geschickter 
weise  pflegen  darin  die  in  den  bekanten  werken  von  K.  Fischer,  Drobisch,  Tomaschek, 


NEUERE    SCHILLER  -  LITTERATÜR  101 

Twesten,  Überweg,  Maurer  enthaltenen  gedanken  überarbeitet  zu  werden,  etwas 
neues  wird  schlechterdings  nicht  vorgebracht. 

Auch  die  vorliegende  schritt  gehört  zu  dieser  kategorie.  Sie  hat  den  vorzug, 
gewant  und  klar  geschrieben  zu  sein,  wenn  auch  eine  etwas  schärfere  auffassung  der 
gedanken  Schillers,  z.  b.  bei  der  ^vichtigen  frage  s.  16  ii.  zu  wünschen  gewesen 
wäre.  —  Seine  quellen  hat  der  Verfasser  nicht  angegeben,  nur  gelegentlich  auf 
K.  Fischer  hingewiesen. 

Wenn  doch  die  arbeiten  über  Schillers  ästhetik,  anstatt  immer  wider  die  alten 
algemeinheiten  vorzubringen,  endlich  einmal  sich  der  eindringenden  durch- 
forschung  der  einzelnen  Schriften  zuwenden  wolten!  Wie  ausserordent- 
lich ist  die  klare  erkentnis  der  Platonischen  philosophie  durch  die  selbstverleugnende, 
streng  und  gewissenhaft  den  gedankengang  his  in  alle  cinzelheiten  hinein  verfolgende 
analyse  der  hauptdialoge  durch  Bonitz  gefördert  worden!  Es  wäre  meines  erach- 
tens  dringend  zu  wünschen,  dass  auch  für  Schiller  diese  aufgäbe  in  angriff 
genommen  würde.  Die  analysen  von  Fischer,  Tomaschek  und  Überweg  beschrän- 
ken sich  viel  zu  sehr  auf  eine  summarische  angäbe  des  inhalts.  Welchen  ertrag 
eine  solche  arbeit  gewähi-en  könne,  zeigt  die  einzige,  die  bis  jezt  erschienen  ist, 
Th.  Michaelis  abhandlung  über  Schillers  Kallias  (Berlin,  Weidmannsche  buchhand- 
lung  1882;  14  s.  4).  Gerade  für  die  Verfasser  von  programmabhandlungen  eröfnet 
sich  hier  ein  fruchtbares  arbeitsfeld. 

38)  Paul  Klaucke,  Erläuterungen  ausgewählter  werke  Goethes,  für  die  ober- 
sten klassen  höherer  lehranstalten  sowie  zum  Selbstunterricht.  Zweites  heft:  Egmont. 
Berlm,  W.  Weber.   1887.  —  232  s.  8.     3  m. 

S.  131  — 163  wü-d  Schillers  recension  des  Egmont  sehr  breit  besprochen. 
Nachdem  der  Verfasser  den  gedankengang  derselben  skizziert  hat,  verwendet  er  fast 
dreissig  selten  dazu  eine  art  gegenrecension  zu  schreiben!  Punkt  für  punkt  wird 
Goethe  gegen  alle  diese  vor  hundert  jähren  gegen  ihn  gerichteten  angiiffe  in  schütz 
genommen,  kaum  dass  der  Verfasser  ganz  am  schluss  einen  kurzen  anlauf  nimt,  die 
recension  aus  den  Verhältnissen  zu  erklären ;  sie  im  Zusammenhang  mit  Schillers 
ganzer  dramatischer  entwicklung  zu  verstehen,  dazu  hat  er  nirgends  auch  nui*  den 
versuch  gemacht!  Zur  Charakteristik  der  kecken  Oberflächlichkeit  dos  Verfassers 
führe  ich  s.  140  an,  wo  er  Egmont  ein  „ernstes  pflichtbewustsein "  vindiciert,  „das 
ihn  in  keinem  augenblicke  verlässt,  weder  in  den  stunden  ausgelassener  freude,  noch 
in  den  ernstesten  zeiten"  und  s.  146,  wo  er  den  für  die  auffassung  dramatischer 
Charaktere  geradezu  klassischen  grundsatz  aufstelt:  „Das  niederländische  volk  in  der 
ersten  scene  beurteilt  den  beiden  richtiger  als  Schiller  ....  Ja  selbst  ein  menschen- 
kenner  wie  Macchiavell  urteilt  trotz  des  leichtsins  nicht  ungünstiger  über  Egmont. 
Wie  selten  wir  nun,  die  wir  die  Verhältnisse  nicht  so  klar  durch- 
schauen als  jene,  dennoch  klüger  sein  wollen?"  —  Die  darstellung  ist  oft 
imglaubhch  schwerfällig,  namentlich  der  satzbau  oft  labyrinthisch  verschlungen:  auf 
s.  139  z.  b.  begegnet  uns  ein  satzimgeheuer  von  netto  38  zeilen  länge.  ^ 

SCHULPFORTE,    NOVEMBER    1887.  GUSTAV   KETTNER. 

1)  Über  A.  Hettler,  Schillers  dramen ,  eine  bibliographie  vgl.  bd.  XVin,  s.  498  —  502. 


102  SIEVEES 

Die  lieder  der  Edda  herausgegeben  und  erklärt  von  B.  Sijmous.  I.  band: 
Text.  Erste  hälfte.  Götterlieder.  Halle  a.  S. ,  verlag  der  bucbhandlung  des  Wai- 
senhaus 1888.     [Germanistische  haudbibliothek  VII,  1.]    XVI,  222  s.  8.     .5  m. 

Der  plan  der  gross  angelegten  Eddaausgabe,  deren  ersten  halbband  ich  hier 
ziu"  anzeige  bringe,  ist  den  lesern  dieser  Zeitschrift  nach  den  aufschlüssen  nicht 
mehr  unbekant,  welche  der  jetzige  herausgeber  der  Zeitschrift  (dem  zugleich  die 
bearbeitung  eines  wichtigen  teiles  der  neuen  ausgäbe  zufallen  wird)  auf  der  Des- 
sauer phüologenversamlung  vom  jähre  1884  gegeben  hat  (s.  diese  zeitschr.  XVII, 
117  fgg.).  Ich  darf  mich  also  darauf  beschränken,  hier  in  kürze  hervorziiheben ,  dass 
ein  erster  band  in  zwei  abteilungen  die  texte,  ein  zweiter  einen  kritischen  und  exe- 
getischen commentar  aus  der  feder  von  Sijmons  bringen  wird;  als  dritter  band  wird 
sich  daran  ein  ausführliches  Wörterbuch  von  Gering  anschUessen,  dessen  teilneh- 
mende Sorgfalt  auch  bereits  dem  vorliegenden,  in  jeder  lünsicht  vortreflich  ausgestat- 
teten halbbaude  nützlich  geworden  ist,  welcher  die  göttorlieder  (einschliesslich  Grrjugaldr 
und  EJQlsvinnsmdl)  und  die  fragmcnte  mythologischer  lieder  in  der  Snorra-Edda 
bringt. 

In  zwei  punkten  unterscheidet  sich  die  neue  ausgäbe  vornehmlich  von  ihren 
Vorgängern:  in  bezug  auf  die  beigaben  und  die  textgestalt.  Was  den  ersteren  punkt 
anbetrift,  so  folgt  dem  texte  zunächst  in  knapper  form  der  kritische  apparat  im 
engeren  sinne;  daran  scliüessen  sich  in  einer  besondem  abteilung  in  kleinem,  aber 
scharfem  und  übereichtlichem  druck  die  prosaparallelen  der  Jüngern  Edda  und  ande- 
rer quellen,  die  für  das  Verständnis  des  liedertextes  von  bedeutung  sind.  Man  hat 
diesergestalt  das  ganze  material  der  „eddischen"  überUeferiing  in  berjuemster  weise 
vereinigt;  und  sicher  werden  die  meisten  benutzer  des  werkes  mit  dem  ref.  sich  dem 
herausgeber  für  diese  beigäbe  zu  ganz  besonderem  danke  verpflichtet  fühlen. 

Sodann  aber  erscheint  der  ganze  text  hier  in  wesentlich  neuer  gestalt.  Dem 
vorgange  von  MüUenhoff-Hoffory  und  Mogk  folgend  gibt  uns  Sijmons  den  text  der 
lieder  in  metrisch  geregelter  form  imd  in  der  Orthographie  der  ältesten 
handschriften.  Dass  auch  sonst  der  text  durch  die  band  des  herausgebers  manche 
Verbesserung  erfahren  hat,  braucht  ref.  wol  kaum  hervorzuheben:  ein  näheres  ein- 
gehen auf  diese  wird  aber  erst  möglich  sein,  wenn  der  verheissene  commentarband 
vorliegt,  der  die  begründung  und  rechtfertigung  der  texthersteUung  im  einzelnen  lie- 
fern soll.  Einstweilen  möge  es  daher  gestattet  sein,  nur  zu  den  beiden  gedachten, 
mehr  äusserlichen  punkten,  die  übrigens  in  innigster  Wechselbeziehung  stehen,  einige 
bemerkungen  zu  machen ,  um  so  mehr  als  der  herausgeber  selbst  s.  VI  des  Vorwor- 
tes zu  einer  discussion  gerade  in  dieser  richtung  einladet. 

Über  die  bedingungslose  umschiüft  alter  liedertexte  in  die  sprachformen  der 
ältesten  isländischen  handschriften  hat  ref.  schon  in  Paul  imd  Braunes  beitragen  XU, 
482  —  485  einige  specioUe  bedenken  vorgetragen;  er  suchte  zu  zeigen,  dass  das 
System  der  altisländischen  handschriften,  in  unbetonten  silben  nur  e,  o,  nicht  i,  u 
zu  setzen,  der  spräche  der  älteren  periode  nicht  gemäss  sei,  welcher  die  lieder  ent- 
stammen. Der  betreffende  aufsatz  erschien  freilich  zu  spät,  als  dass  er  von  Sijmons 
noch  hätte  berücksichtigt  werden  können,  und  für  den  zweiten  halbbaud  verbietet 
sich  auch  jetzt  eine  principielle  änderung  des  im  ersten  halbband  eingeschlagenen 
Verfahrens  von  selbst.  Trotzdem  ist  es  ^^eUeicht  gerechtfertigt,  hier  nochmals  auf 
die  transcriptionsfrage  zurückzukommen,  weil  es  manchem  scheinen  möchte,  als  sei 
ein  hinausgehn  über  die  älteste  liandschriftlich  erreichbare  oi-thographieform  über- 
haupt imzulässig;    me   denn  z.  b.   Braune,    beitr.  XIII,  209  neuerdings  bemerkt  hat. 


ÜBER  SIJMONS,  LIEDER  DER  EDDA  103 

ein  versuch,  die  Eddalieder  „ strengphonetisch. "  in  die  spräche  des  10.  Jahrhunderts 
zui'ückzuschreibcn ,  dürfte  doch  nur  als  lehrreiche  Übung,  nicht  aber  für  ausgaben 
der  Edda  billigung  beanspruchen. 

Darin  bin  ich  freilich  mit  Braune  durchaus  einverstanden,  dass  dieses  endziel 
nicht  erreichbar  ist,  wenn  man  den  „streng-phonetischen"  Charakter  der  Umschrift 
betont.  Aber  danim  handelt  es  sich  doch  weniger,  als  einerseits  um  die  wähl  eines 
bestimten  orthographischen  Systems,  andererseits  um  die  wähl  grammatisch 
correcter  formen.  Beide  fragen  stehen  vielfach  im  Zusammenhang.  Und  da  muss 
man  sich  doch  zunächst  fragen,  ob  es  einen  zweck  bat,  alle  orthographischen  eigen- 
heiten  einer  bestimten  isländischen  schreibschule  mitzumachen,  wenn  man  sich  z.  b. 
entschliesst,  in  Übereinstimmung  mit  dieser  schreibschule  von  den  beiden  zeichen  j5 
und  ä  oder  co  und  q  das  eine  als  übeiHüssig  fallen  zu  lassen.  Wir  weichen  doch 
von  dieser  schreibschule  in  zahlreichen  punkten  ab.  So  wenig  wir  uns  durch  sie 
bestimmen  lassen,  il/oder  N  für  mm  oder  nn  zu  schi'eiben,  oder  uns  durch  sie  hin- 
dern lassen,  v  und  ti,  j  und  i  oder  c,  k,  q  nach  modernem  gebrauch  zweckmässig  zu 
regeln,  so  wenig  brauchen  wir  uns  durch  dieselbe  das  hässliche  e  statt  des  sonst 
allerorts  üblichen  ce  resp.  <e  aufnötigen  zu  lassen,  weil  wir  etwa  der  schreil)forni  q 
für  den  in  den  europäischen  alphabeten  sonst  nicht  durch  ein  besonderes  zeichen  ver- 
tretenen offenen  o-laut  vor  der  schwerfälligeren  form  m  den  vorzug  geben.'  Wie 
man  aber  au.ch  in  solchen  fällen  wählen  mag,  sachlich  ist  die  wähl  ziemlich  gleich- 
gültig: für  die  grammatische  richtigkeit,  für  die  ausspräche  verschlägt  es  nichts,  ob 
man  c  oder  k,  co  oder  q,  ce,  oder  e  sckreibt  und  druckt.  Anders  aber  liegt  die 
Sache  bezüglich  der  unbetonten  i,  u  resp.  e,  o.  Ich  glaube  a.  a.  o.  wahrscheinlich 
gemacht  zu  haben,  dass  im  elften  Jahrhundert  entweder  überall  noch  ein  reines  i, 
also  doch  auch  wahrscheinlich  noch  ein  reines  z«,  gesprochen  wurde,  oder  dass  ein 
Wechsel  zwischen  i  und  e,  u  und  o  nach  bestimten  gesetzen  statfand.  Wenn  nun 
das  isländische  Orthographiesystem  um  1200  die  i,  u  verwirft  und  e,  o  diu-chführt, 
so  kann  man  wol  zugeben,  dass  damals  bereits  eine  Verschiebung  der  alten  aus- 
spräche statgehabt  oder  wenigstens  begonnen  habe.  Was  aber  berechtigt  uns,  dies 
für  ältere  und  zum  teil  sicher  nicht  isländische  texte  in  anwendung  zu  bringen? 
Man  wird  dieser  frage  die  antwort  entgegenhalten:  das  natürliche  bestreben,  die 
texte  in  einer  wirklich  direkt  überlieferten  sprachform  zu  geben,  die  zeitlich  der 
abfassimg  der  licder  so  nahe  stehe  wie  möglich.  Gegen  diesen  grund  hätte  auch  ich 
nicht  viel  einzuwenden,  wenn  es  nur  möglich  wäre  mit  üim  durchziüvommen.  Aber 
die  metrik  verlangt  an  unzähligen  stellen  die  einführung  „vorhistorischer  formen", 
d.  h.  die  einsetzung  sicher  zu  erschliessender  älterer  sprachformen,  die  handschrift- 
lich nirgends  mehr  überliefert  sind:  so  vor  allen  dingen  die  auflösung  von  contrac- 
tionen,  die  in  der  zeit,  aus  der  auch  die  ältesten  handschriften  stammen,  bereits 
ausnahmslos  volzogen  sind.  Weicht  man  aber  in  diesem  punkte  einmal  von  der 
isländischen  Überlieferung  ab,  so  ist  nicht  einzusehen,  warum  man  in  der  frage  der 
i,  u  und  e,  0,  die  freüich  metrisch  nui'  in  den  seltensten  fällen  controlierbar  ist 
(Beitr.  XII,  483),  nicht  auch  der  älteren  form  ihr  recht  belassen  darf.  Verlangt  man 
aber  die  consequenten  e,  o,  so  darf  man  meiner  meinung  nach  auch  die  contrac- 
tionen  der  Überlieferung  nicht  auflösen,  wie  dies  doch  tatsächlich  die  herausgeber 
tun.  Schreibt  man  e,  o,  so  muss  man  ferner  auch  die  vocaldelinungon  wie  in  ülfr, 
folk  u.  dgl.  aufnehmen,  denn  c,  o  neljen  idfr,  folk  ist  ein  entschiedener  anachro- 
nismus. 

1)  Dass  Sijmoiis  diese   c'-marotto  niclit  mitmacht,  bedarf  wul  kaum  der  hervorhebuug. 


104  SIEVERS 

Dies  ist  der  einzige  weseutlichere  puukt,  in  welchem  mir  das  von  Sijmons 
gewählte  orthographische  System  nicht  gerechtfertigt  erscheint.  Alle  übrigen  form- 
fragen sind  einzelfragen  von  geringerer  hedeutung.  Anmerken  möchte  ich  ein  paar 
versehen,  die  mit  imtergelaufen  sind.  Im  aufang  sind  noch  einige  kleine  inconse- 
quenzen  stehen  geblieben,  so  man  für  mowVsp.  16,  3,  megenlirj  Vsp.  26,  4,  spaklig 
30,  2,  hätUg  33,  2,  undrsamligar  61,1  lux -leg,  -legar.  Zu  berichtigen  sind  ferner 
qsbrü  Giimn.  29,  5,  Ösmundar  ebd.  49,  2,  nslipar  Skirn.  34,  3,  Os^ftv-^e  Hym.  7,  2, 
qsmegcn  ebd.  32,  2.  Fragm.  6,  1,  3,  Osgarp  f  rymskv.  17,  3,  qsniegir  Vegt.  7,  3, 
qsmaga  Fjtjlsv.  33,  4  zu  as-,  da  die  langsilbigen  «-stamme  in  der  composition  kei- 
nen ««- Umlaut  haben  (vgl.  Burg,  die  alt.  nord.  runeninschr.  58  fg.  und  Heinzcl,  anz. 
f.  d.  alt.  XII,  48  fgg.);  ebenso  lies  dstrdp  Hym.  4,  4.  31,  2  statt  qstrdp,  und  vd- 
skapapr  Hym.  10,  1  statt  vqskapapr;  \imgekehrt  Hqrs  (oder  Hqars)  Vsp.  21,  3, 
Hqbrök  Grimn.  44,  5,  fqtt  ebd.  52,  1  statt  IZars,  Hdbrok,  fdtt.  Unberechtigt  erscheint 
es  mir  auch,  die  adverbia  gqrla  Hav.  31,  3.  132,  1.  Harb.  7.  Lok.  21,  4  und  gqrva 
Hav.  101,  1.  Ilarb.  18.  Lok.  30,  1.  52,  3  neben  dem  adj.  gqrr  regelmässig  mit 
umlaut  als  gorla  und  gorva  anzusetzen;  für  gqrla  vgl.  speciell  die  von  Gislason, 
Njäla  II,  176  fgg.  augeführten  reime,  für  gqrva  adalhendingar  wie  fqr :  gqrra  Ottarr 
svarti  Hkr.  220,  1.  Fms.  IV,  39.  OH.  16.  Flat.H,  15;  rögqrs  :  gqrva  Arnörr  Hkr. 
515,1.  Fms.  V,  118.  VI,  21.  Fagrsk.  95.  OH.  234.  Fiat.  HI,  262  (Gislason,  Om 
heli-im  s.  41),  mqrstrillr  :  gqrva  I'örarinn  stuttfeldi-  Hkr.  686,  3.  Mork.  188.  Umge- 
kehrt ist  Hav.  50,  1  hrqrnar  in  hrornar  zu  ändern,  da  dies  wort,  eine  ableitung 
von  hrjosa,  r-umlaut  verlangt;  vgl.  auch  Schreibungen  wieJircornar  St.  Hom.  49, 18, 
ohrornopö  Eluc.  s.  44  (=  72,  8  Gisl.),  hreyrnudu  Stjorn  348,  34,  und  das  subst. 
hrer^  für  welches  die  Varianten  hreyr  und  hrer  vorkommen  (Egilsson  392''.  Vig- 
füsson  290'').  Öprerir  Hav.  106,  3  und  pjödreyrir  160,  1  sind  wol  nur-  durch 
versehen  in  der  form  unterschieden;  am  besten  wäre  wol  beide  male  -rorir  gesezt 
worden,  vgl.  Müllenhoff,  ztschr.  f.  d.  alt.  XXIII,  157. 

Auch  in  beziehung  auf  quantitätsansetzung  weiche  ich  gelegentlich  von 
Sijmons  ab.  So  halte  ich  formen  wie  minn,  mitmar,  mitt  für  altertümUcher  als 
7ninn,  minnar,  mitt  und  sehe  in  den  lezteren,  wo  sie  bei  den  skalden  reimend  auf- 
treten, nur  das  produkt  einer  etymologisierenden  anlehnung  an  die  formen  mit  laut- 
gesetzlich erhaltenem  i\  ich  würde  also  gerade  in  alten  texten  minn  usw.  nur  da 
setzen,  wo  es  der  reim  direkt  erfordert,  in  der  Edda  mithin  überhaupt  nicht.  — 
Zweifelhaft  ist  mir  ferner  Byleipts  Vsp.  51,  4.  Hyndl.  42,  4.  Mir  scheint  allein 
Bugges  deutung  dieses  namens  (Norr.  fornkv.  9)  annehmbar  zu  sein ;  grundform  wäre 
danach  *bnli-haifstar,  und  dies  hätte  nach  den  von  mirBeitr.  XH,  486  fgg.  bespro- 
chenen analogien,  zunächst  *byljeifstr,  demnächst  *byleifstr  usw.  ergeben  müssen.^  — 
Vsp.  62,  3  schreibt  Sijmons  Eröpts  sigioptir,  wol  mit  bezug  auf  Miülenhoff,  Alter- 
tumsk.  V,  1,  155  (anders  Mogk,  Beitr.  VII,  328  fg.);  dann  hätte  aber  auch  sigtöptir 
angesezt  werden  müssen,  denn  oifenbar  ist  eine  hending  beabsichtigt;  vgl.  auch  die 
adalheuding  Hropts  :  toptir  bei  J'ördr  Kolbeinsson  Hkr.  214.  Fms.  H,  324.  Fiat.  I, 
488.     Leider  ist  die   quantität  des  o  in   topt   nicht  mit  Sicherheit  direkt  zu  bestim- 

1)  Länge  der  ersten  silbe  fordert  auch  noch  der  vers  tu  Byleists  Yngl.  45,  3  Wisen.  Zu  den 
a.  a.  o.  bosprochenon  w-örteni  trage  ich  noch  nach  nüßialdra  St.  Hom.  19,  4  (vgl.  Larsson,  Studier 
s.  63fg.  Svar  p5J  prof.  Wisons  „Textlcrit.  Anmärkningar "  s.  51.  Wisen,  Arkiv  4,  222.  Nagra  ord  om 
den  Stockh.  Homiliebokon ,  I^und  1888 ,  s.  30) ,  die  eigennaiuen  Ncfjulfr,  Hle^jvlfr,  ferner  h-ynjalfs  Yngl. 
44,  3  Wisen.  Ein  j  wird  weiter  zu  ergänzen  sein  in  fijr  vin(j)cijjar  riSri  Bragi  Hkr.  7,  dyn(j)cyjar  vit 
Freyja  Korm.  str.  59,  8. 


ÜBER    SIJJIONS,    LIEDER    DER   EDDA  305 

men,  da  streng  beweisende  reime  fehlen.  Für  länge  könte  sprechen  der  vers  opt 
d  öpalstöptum  Sigvatr  Hkr.  521,  3^  Fms.  V,  208.  Fiat.  11 ,  394,  der  eigentlich 
skothending  haben  solte,  für  kürze  wider  der  reim  f opt :  opt  Skäldhelga  rimur  VI,  8 
(vgl.  Gislason,  Aarb.  1866,  258).  —  Harb.  z.  86  ist  Svdrangs  zu  setzen  {Svarangs 
synet-  ist  ein  sehr  unbeliebter  versausgang),  vgl.  den  viersilbler  Svdrangr  Skrati 
(Skratti,  Skat/)  in  den  Nafna{)ulur  SE.  I,  550.  II,  470.  553.  615.  —  Alv.  24,  3. 
32,  3  ist  mir  Idgastaf  aus  metrischen  gVündcn  wahrscheinlicher  als  lagastaf.  — 
Lokas.  17  und  in  der  ülierschrift  von  16.  18  lies  Ipunn  statt  Ipunn,  da  der  name 
doch  sicher  zu  ip  gehört;  vgl.  auch  den  viersilbler  Jqrp  ok  Ipimn  SE.  I,  556,  2.  — 
Skirn.  39,  1  würde  ich  ebenso  eyrindc  (resp.  örindc)  geschrieben  haben  wie  Sijmons 
es  fiymskv.  9,  1.     10,  1  tut. 

In  grammatischer  beziehung  möchte  ich  namentlich  zwei  punkte  hervor- 
heben, in  denen  ich  Sijmons  nicht  folgen  kann.  Zunächst  in  der  ansetzung  der  for- 
men esotnk  Skirn.  2,  1.  Lokas.  35,  1  und  vqsonik  Skirn.  13,  3.  Obwol  ich  selbst 
früher  die  notwendigkeit  einer  lesung  gqfunik  statt  des  bis  dahin  angesezten  gäfumk 
betont  habe  (Beitr.  VI,  333,  anm.  2,  vgl.  auch  AVisen,  Carm.  norr.  s.  117),  so  glaube 
ich  doch  nicht,  dass  man  auf  diese  form  hin  die  regel  umstürzen  darf,  dass  diese 
formen  vom  pluralstamm  gebildet  werden,  z.  b.  bupumk  für  baupmer.  Dann  aber 
ist  nur  eromk^  vqromk  möglich,  mit  grammatischem  Wechsel,  und  vqromk,  gqfomk 
können  dann  nur  entweder  als  kürzungen  der  normalformen,  oder  als  gelegentliclie 
anbildungen  an  singularische  formen  betrachtet  werden.^ 

Der  zweite  punkt  betritt  die  behandlung  der  composita  mit  fapir  und  -fqpr, 
über  welche  neuerdings  Gislason,  Njäla  II,  246  fgg.  gehandelt  hat.  Ihm  schliesst 
sich  Sijmons  in  der  Verwerfung  von  formen  wie  Valfqpr  usw.  an.  Er  schreibt  also 
gegen  die  Überlieferung  in  fornyr{)islagstrophen 

a)  viltu  at  ek  ValfaJ)er  —  Vsp.  1,  3 
val{)e  Herfa])er  —  Vsp.  30,  1 

b)  af  vet)e  ValfQ{)or  —  Vsp.  27,  4.     29,  4 

c)  at  HerjafQ{)or  —  Vsp.  43,  2^ 
bi|)jom  HerjafQf)or  —  Hyndl.  2,  1" 

d)  Sigfa^er,  Hniko{)r  —  Grimn.  48,  1 
Alfajjer,  Valfa{)er  —  Grimn.  48,  2 

und  ähnlich  in  ljöJ)ahattstrophen  Vaf|)r.  2,  l^  4,3".  53,1.  Grimn.  19,  2.  2.5,  P. 
26,  P.     Ist  dies  verfahren  berechtigt? 

Zugegeben,  dass  in  der  Überlieferung  dieser  composita  ein  gewisses  schwanken 
herscht,  so  ist  dies  doch  nur  erklärlich,  wenn  die  formen  auf  -fqpr  einmal  da  waren, 
und  dass  diese  so  ausserordentlich  häufig,'  ja  man  kann  wol  sagen,  überwiegend 
bezeugten  formeu  ihren  Ursprung  bloss  einem  handschriftlichen  Verderbnis  verdanken 
selten,  kann  ich  nicht  glauben.  Gerade  ihrer  sprachlichen  auffälligkeit  halber  müste 
man  sie  als  altertümlichkeiten  betrachten,  die  gelegentlich  als  unregelmässig  durch 
den  gewöhnlichen  typus  von  compositis  ersezt  worden  sind.  Die  richtigkeit  der 
Überlieferung  lässt  sich  aber,  wie  ich  glaube,  durch  metrische  gründe  endgiltig 
erweisen. 

Die  beiden  ersten  der  aufgezählten  verse,  viltu  at  ek  Valfaper  und  vaipe 
Herfaper,  gehören  zum  typus  A  mit  nebenton  in  der  Schlusssenkung  -i  x  |  -^^  -5- . 
zu  ihnen   geselt   sich   noch   der   viersilbler  frdripr   alfqpr  SE  II,  472".     Diese  form 

[1)  Ich  halte  die  Streitfrage ,  in  der  ich  auf  der  seite  von  Sijmons  und  Finnur  .Jonsson  stehe 
(Kv2eI)abrot  Braga  s.  8)  noch  für  discutabel.  H.  G.] 


106  SIEVERS 

des  viersilblers  ist  in  der  Edda  im  ersten  halbvers  sehr  oft  bezeugt:^  Vsp.  (12,  1. - 
3.  4).  19,  4.  20,  2.  21,  1.  23,  1  usw.  23,  4.  24,  2.  3.  25,  3.  26,  4.  30,  2. 
32,  4.  33,  2.  (39,  4).  41,  3.  4.  44,  1  usw.  45,  4.  5.  (46,  3).  48,  2.  Hym. 
35,  3  (?).  fiymskv.  (1,  1).  11,  4.  14,  3.  18,  1.  20,  3.  26,  4.  27,  3.  28,  4. 
Vegt.  (13,  1).  Rigsm.  42,  3.  46,  1.  47,  4.  Hyiidl.  4,  4.  5,  1.  3.  4.  6,  3.  7,  2. 
10,  2.  4.  12,  1.  13,  4.  14,  3.  4.  (15,  1).  16,  5  usw.  (lOmal).  17,  4.  18,  2. 
(4).  5.  20,  1.  (21,  1.  23,  1).  24,  1.  (27,  2.  3).  33,  2.  (34,  1).  36,  2.  (38,  3). 
41,  2.  Volkv.  (2,  3).  6,  1.  14,  5.  (15,  3.  4).  21,  2.  4.  23,  4.  (26,  1.  29,  4). 
30,  3.  31,  1.  4.  (,36,  3.  39,  1).  41,  3  (?).  Helg.  HJQrv.  (1,  1.  3,  1.  4,  3.  10,  1). 
H.  Hund.I,  4,  2.  (8,  2.  3.  14,  2.  3).  34,  3.  (42,  1).  3.  49,  (3).  4.  51,  1.  2.  4. 
(55,  3).  II,  8,  1.  5.  6.  (13,  1).  16,  3.  (17,  1.  23,  1).  37,  3.  39,  1.  40,  1. 
(41,  1.     44,  1).  4.  6.     Grip.  (5,  3.     19,  3).     21,  4.     (35,  1).     42,  3.     43,  1.     Eeg. 

13,  4.  (17,  1).  Fäfn.  35,  4.  (40,  1).  2.  Sigrdr.  (2,  4).  Brot.  (1,  1.  2,  1.  3,  1. 
5, 1.  6, 1.  3.  7,  2).  3.  (8, 1.  9, 1.  3.  10, 1  [=  Gu{)r.  I,  23, 1.  25, 1].  3.  12,  4.  14,  1. 
16,  1.     18,  1).     Gu|)r.I,  (1,  1.     2,  3  [=.5,  1.     11,  1].    4,  1.    6,  1.    12,  1  [=17,  1]. 

14,  1.  18,  1).  2.  3.  (21,  3.  22,  2..  23,  3).  24,  2.  Sig.  sk.  (1,1.  3,  2.  6,  3. 
7,  2.  8,  3.  4.  10,  2.  11,  4.  13,  1.  14,  5).  15,  3.  (16,  1.  21,  1.  23,  1.  24,  1. 
25,  3.  27,  4.  28,  2.  30,  1.  31,  1.  33,  1.  34,  1.  42,  1.  53,  1.  54,  1.  60,4. 
61,1).  66,3.  69,4.  Helr.  2,  3.  (4,1).  10,3.  (13,1).  14,1.  Gu{)r.  11,  2, 
(1).  2.  (3,  4.  4,  2).  3.  5,  3.  (7,  1.  8,  1.  10,  3).  14,  6.  (15,  4.  16,  1.  18,  1. 
22,  1).  2.  (26,1.  29,4.  30,1.  32,3.  33,1.5.  38,3).  Gut)r.  ni,  (2,  1.  3). 
3,  1.  (3.  5,  1.  6,  1).  10,  1.  (4).  Oddr.  (2,  1.  4,  3.  4,  4.  6,  3.  10,  1).  15,  2. 
HvQt  (7,  1).  8,  2.  (10,  3.  15,  3.  19,  1.  20,  1).  22,  3,  zusammen  gegen  250mal 
(einschliesslich  der  verse ,  die  auf  einen  componierten  eigennamen  aiisgehn ;  diese  sind 
in  der  liste  durch  einklammerung  der  betreffenden  zahlen  angedeutet  worden).  In 
der  zweiten  vershäfte  wird  dagegen  diese  versform  gemieden:  sie  begegnet  einigemale 
in  der  V0limdarkvi{)a :  bor  in  vas  Hlqpvc  (oder  schon  Hlqpvi?)  15,  3,  es  hqnum's 
Up  svcrp  17,  2,  kqld  ernmk  rqp  pin  31,  3;  sonst  findet  sie  sich  noch  veldr  pvi 
Grimildr  Grip.  51,  4,  und  in  dem  wegen  der  Stellung  der  alliteration  anstössigen  vers 
nnt  pik  aldr  vipr  Gudr.  11,  31,  3,  endlich  in  der  langzeile  rikt  gol  Oddrün,  rammt 
Qöl  Oddnm  Oddr.  6,  3.  Niemals  aber,  weder  im  ersten  noch  im  zweiten  halbvers, 
findet  sich  in  dem  eddischen  fornyr{iislag  eine  auflösung  der  neben- 
tonsilbe  ausser  in  den  angeführten  drei  versen  Vsp.  1,  3.  30,  1.  SE  II,  472", 
wenn  man  ihnen  -faper,  -fqpor  statt  des  überlieferten  -fqpr  usw.  gibt;  denn  hita 
hi-assara.  bifa  brcipara  frymskv.  25,  2.  3  gehören  nicht  hierher.  Die  wenigen, 
noch  dazu  zweifelliaften  fälle  der  uafnajiulur  (vgl.  Beitr.  VI,  284),  deren  dichter  sich 
ja  in  einer  Übeln  Zwangslage  befand,  kommen  dagegen  ebenfals  nicht  in  betracht. 
Nur  an  einer  einzigen  stelle,  bei  dem  verse  valarijjt  vel  fäp  Sigkv.  sk.  66,  3  wäre 
es  noch  möglich,  durch  einsetzung  einer  uncontrahierten  form  für  fdp  ein  beispiel 
für  auflösung  in  der  lieder-Edda  zu  gewinnen. 

Der  dritte  vers,  af  vepe  Valfnprs  Vsp.  27,  4.  29,  4,  ist  ein  C  mit  nebenton 
in  der  Schlusssenkung,  x  v^  x  |  -=•  ^j  die  sonstigen  eddischen  belege  für  diese  form 
sind,  wider  fast  nur  im  ersten  halbvers: 

knqttu  vaner  vigsk^j  —  Vsp.  24,  4 
slitr  nac  ni{)fnlr  —  Vsp.  50,  4 
1)  Ich  sehe  bei  dieser  aufzähluiig  von  ilor  hervorhebung  gleichzeitig  erscheinencler  anderer  metri- 
scher eigentümlichkcitoii ,    wie  auilösung  der  hebungen,    nebenton  auch    in    erster    Senkung,    selbstver- 
ständlich ab.—  [Die  hcMenlieder  eitlere  ich  nach  HiUlebrand ,  doch  sind  nicht  die  kurzzeilen,  sondern  die 
langzeilen  gezählt.! 


ÜBER  SIJMONS,  LIEDER  DER  EDDA  107 

tro{)a  haier  helveg  —  Vsp.  52,  4 

enn  su{)r  Slagfi{)r  —  Volkv.  5,  2 

nü.  berr  B(j{)vildr  —  V0lkv.  19,  1 

es  {)at  satt  BQ^y^-üdr  —  Volkv.  40,  1 

ok  chifr  drott  qU  —  H.  Hii.n,  49,  5 

mon  horskr  Gimnarr  —  Grip.  50,  1 

es  [hön]  sat  sorgfull  —  Gudr.  I,  1,  2 

|)ä  hne  Gu|)iam  —  GuSr.  I,  15,  1 

{)ä  gret  Gu{)rüii  —  Gudr.  I,  16,  1 

e{)a  hjfjrtr  h^beiun  —  Guar.  11,  2,  3 

e{)a  goU  glöjjrautt  —  Guctr.  IT,  2,  4 

ok  gora  goU  fagrt  —  Giutr.  H,  27,  2 
und  im  zweiten  lialbvers: 

enu  ek  Guuuars  —  Sigkv.  sk.  7,  2**. 
Auflösung  der  nebeutonsilbe,  wie  in  dem  angenommenen  Valfopor,  ist 
abermals  nirgends  belegt.  Sie  herzustellen  bietet  sich,  von  den  -faßer  abge- 
sehen, wider  nur  einmal  eine  möglichkeit,  in  dem  citierten  vers  Vsp.  24,  4,  indem 
man  für  vigskq  eine  uncontrahierte  form  einsezte;  vUjskq  selber  aber  beruht  bekant- 
licli  auf  conjectur. 

Vers  4  und  5  der  liste,  at  Hcrjafqpor  Vsp.  43,  2**  und  hipjom  Herjafqpor 
Hyndl.  2, 1%  wären  verse  des  typus  B  mit  auflösung  der  zweiten  hebung,  X-^  1  x^x. 
Unter  allen  B-versen  der  ganzen  Edda  finden  sich  für  diese  form  nur  die  beiden 
belege  vas  moporfaper  Hyndl. '\Q^  2"  imd  frei  Jqrmunreke  ebenda  25,  2**  überliefert; 
für  cnn  kann  qprum  hefir  Fafa.  36,  4  ist  wie  sonst  hefr  zu  lesen,  und  hrerr  mon 
heiptar  Hepe  Vegt.  10,  3  ist  erst  durch  correctur  hergestelt  (s.  Sijmons  zur  stelle). 
Die  HjTidluljoJ)  aber,  in  welcher  jene  beiden  wü-klichen  belege  stehen,  sind  auch 
sonst  metrisch  ziemlich  verwahrlost,  imd  so  ward  man  getrost  auch  die  versform 
■X  j.  I  X  6  X  für  die  Edda  im  algemeinen  leugnen  düifen  (über  i  Isarnvipe 
Vsp.  40  s.  unten).  Jene  zwei  Herjafqpor  wären  also  einzig  (und  sind  jedenfals 
so  gut  wie  einzig)  in  ihrer  art.  Zu  ihnen  kämen  aus  der  übrigen  litteratur  noch 
ok  aldafqpur  und  ok  Herjafqpur  SE  11,  472. 

Dann  bleiben  noch  vers  6  und  7  der  liste:  Sigfaper  Hnikopr  (wozu  sich 
Sigfqpr  prasarr  SE  II,  472  stelt)  und  Älfaper  Valfaper  (mit  der  parallele  vcifqpr 
valfqpr  SE.  1.  c).  Diese  wären  A  mit  auflösung  eines  nebentones  in  erster  senkimg 
resp.  in  beiden  Senkungen,  also  -^  wx  |  ^x  resp.  j.^x  \  j-^x.  So  häufig  die 
form  J-  ^  \  ^x  resp.  j-  ^  |  ^  ^  in  der  Edda  ist  (ich  darf  mir  wol  die  auf- 
zählung  der  beispiele  versagen),  begegnet  doch  die  form-i<^x  |wX  nie- 
mals in  einem  sicheren  boispiel;  die  angenommenen  -faper  stehen  wider  ganz  für 
sich  allein;  in  dem  verse  Älfaper  Valfaper  würde  sich  diese  sonst  unerhörte  form 
auch  noch  mit  der  ebenfals  in  der  Edda  unerhörten  auflösung  eines  nebentones  in 
lezter  Senkung  des  typus  A  verbinden. 

Diesen  7  beispielen  für  metrisch  anstössiges  -faper  stehen  in  der  Edda  nur 
zwei  belege  gegenüber,  wo  zweisilbige  form  durch  das  metrum  gerechtfertigt  ist 
resp.  gefordert  wü'd:  mqgr  Sigfqpor  Vsp.  54,  1^  und  at  Alfnpor  H.  Hu.  I,  39,  2 
Au  beiden  stellen  hat  die  handschriftliche  überliefenuig  die  metrisch  coiTecte  zwei- 
silbige form  bewahrt,  ebenso  wie  in  den  oben  besprochenen  versen  die  metrisch 
richtige  einsilbige  form.  Man  wird  also,  wo  nicht  das  metrum  direkt  einspiaich 
erhebt,  handschriftliches  -fqpr  überall  beizubehalten  haben,    also  auch  in  den  lj6J)a- 


108  SIEVERS 

hattstrophen  obeu  s.  105.  Die  drei  belege  aus  Vaf{)r.:  mundak  Herjafqpr  2,  1'', 
hvars  skalt  Aldafqpr  4,  3'',  mon  Aldafqpr  53,  l**  wären  wider  B  mit  auüösung  der 
zweiten  hebung,  mithin  an  sich  auffällig;  Grimn.  19,  2  ist  hropogr  Herjafqpr  natür- 
lich metrisch  ebenso  gut  als  -faper  (am  ausgaug  der  laogzeile) ;  Grimn.  25,  1''.  26,  1'' 
aber  kommen  metrisch  überhaupt  nicht  in  betracht,  da  hier  das  wort  Herjafqpr s  ein 
mit  recht  von  Sijmons  ausgeschiedenes  glossem  ist. 

Ähnlich  ist  auch  bei  iarn,  jarn  die  Überlieferung  ohne  hinlänglichen  grund 
verlassen.  So  Vsp.  40,  1'',  wo  dui'ch  die  Icsung  i  Isarnvipe  wider  das  vei-pönte  B 
mit  auflösung  der  Schlusshebung  geschaffen  wird,  und  Hyndl.  38,  4*'  ok  Isarnsaxa, 
wo  die  conjectur  ein  ebenso  anstössiges  A  mit  auftakt  im  zweiten  halbvers  ergibt. 
Ebensowenig  ist  mit  isarn  dui'chzukommen  Gu{>r.  11 ,  39,  1^  es  harn  dreyma, 
H.  Hu.  I,  28,  2  ok  isarna  glymr^  Hyndl.  22,  2*  isarnskjqldr  pörir.  Nicht  falsch, 
aber  auch  nicht  nötig,  wäre  isarti  Sigkv.  sk.  23,  2°'  kynhirt  harn,  68,  2'  egghvast 
harn  und  H.  Hj.  13,  3''  harnborgir  im  ljöj)ahättr  (Harb.  104  lasse  ich  aus  dem 
spiele,  es  spricht  höchstens  gegen  harn);  g'efordert  wird  die  form  harn  nur  Grimn. 
37,  4  cesir  harn  kol,  wo  sie  auch  überliefert  ist,  und  wahi'scheinlich  Ham{).  25,  4* 
eggjar  ne  harn.  Also  unter  10  belegstellen  ergibt  die  form  isarn  fünfmal  einen 
metrischen  anstoss,  nur  zweimal  ist  sie  nötig!  Gegen  die  einsetzimg  von  iarn,  wel- 
ches die  skalden  auch  noch  späterhin  gebrauchen  (Beitr.  X,  527),  spricht  doch  auch 
nur  die  abneigung,  eine  algemein  als  „jünger''  betrachtete  form  in  einem  „alten" 
texte  zu  dulden.  Aber  wer  kann  denn  das  absolute  alter  dieser  form  mit  Sicherheit 
so  weit  bestimmen,  dass  ihre  existenz  auch  für  die  ältesten  Eddalieder  geleugnet 
werden  müste?  In  der  ersten  hälfte  des  10.  Jahrhunderts  (938)  kent  Egill  Skalla- 
grimsson  bereits  die  einsilbige  iovin  jarn  (Beitr.  VIII,  61),  und  wenn  sein  vater  Skal- 
lagrimr  (s.  ebenda)  noch,  harn  gebraucht,  so  darf  man  daraus  schwerlich  den  schluss 
ziehen,  dass  in  der  einen  generation  der  sprung  von  harn  bis  zu  jarn  volzogen 
worden  sei,  sondern  man  wird  annehmen  dürfen,  dass  auch  Skallagrimr  die  form 
harn  nur  noch  als  antiquität  gebraucht  hat.  Für  die  Eddalieder  ist  deshalb  meines 
bedünkens  'iarn  und  eventuell  jarn  ganz  unanstössig. 

Von  weiteren  einzelheiten  mögen  noch  folgende  angemerkt  sein.  Sijmons  sezt 
durchgehends  en  „aber";  für  die  ältere  spräche  aber  dürfte  allein  e^in  anzunehmen 
sein:  metrisch  wird  es  sehr  oft  als  länge  erfordert,  und  sehr  gewöhnlich  reimt  es 
mit  sichern  «»-Wörtern.  —  Vsp.  41,  3*'  ist  die  conjectiu"  Vigfüssons  of  sumra  epter 
(die  auch  Müllonhoff,  altertumsk.  V,  1,  128  aufgenommen  hat)  statt  des  überlieferten 
of  sumor  epfer  metrisch  sehr  hart:  entweder  A  mit  auftakt  (wofür  die  VgluspQ  im 
zweiten  halbvers  kein  beispiel  kent)  oder  C  mit  eUsion  von  hebung  zu  hebung, 
die  schwerlich  oft  vorkommen  dürfte  (dass  sie  gar  nicht  belegt  sei,  kann  ich  nicht 
positiv  behaupten,  aber  ich  halte  ihr  vorkommen  für  mindestens  sehr  fraglich).  Ich 
würde  aber  nicht  wagen,  solche  metrische  Seltenheiten  erst  auf  dem  wege  der  con- 
jectur herzustellen.  Überdies  liegt  an  unserer  stelle  gar  keine  nötigung  vor,  die 
Überlieferung  zu  verlassen.  Vigfüssons  behauptung,  die  synkopierenden  formen 
stanrt,  sumra,  sumrmn  bewiesen  für  ursprünglich  männliches  geschlecht,  ist  natür- 
lich aus  der  luft  gegriffen  (s.  z.  b.  AVimmer,  forun.  forml.  §37);  das  einzige  zeugnis 
für  männliches  geschlecht  bleibt  die  in  der  M;Uskrü|)sfri\'|)i  angezogene  zeile  Arnors 
sumar  hvern  frekum  erni  SE  2,  100,  und  da  erhebt  sich  die  frage,  ob  der  gebrauch 
des  masc.  a.  a.  o.  nicht  mit  recht  zu  den  barbarismi  gestelt  worden  ist.  —  Vsp.  45,  4. 
Grimn.  36,  2  würde  ich  die  form  skeggjqld  aufgenommen  haben,  vgl.  Beitr.  XII,  487. — 
Hym.  33,  4  schreibt  Sijmons  pvh  äpr  of  hetk  nach  einem  verschlag  Bugges,    den 


ÜBRR    SIJMON'S,    LIRDER    DER    EDDA  109 

dieser  selbst  als  sehr  gewagt  bezeichnet  hat  (Forulcv.  111).  Der  anstoss,  deu  man 
an  dieser  stelle  genommen  hat,  geht  aber  wol  niu'  von  einer  iiiümlichen  deutung 
derselben  aus.  Man  hat  ziemlich  algemeiu  of  heitt  durch  „zu  heiss"  erkläit;  das 
ist  aber  immöglich,  denn  dann  müste  man  of  heitt  als  compositum  schreiben,  und 
damit  bekäme  der  zweite  halbvers,  pü'st  qlpr  of  heitt,  fehlerhafte  doppelalüteration; 
lieitt  ist  also,  wie  Vigfüsson ,  Corp.  poet.  bor.  I,  224  richtig  gesehen  hat,  part.  praet. 
von  heita  „brauen"  und  of  die  bekante  verbalpartikel ,  ganz  wie  Hyni.  3,  4  panns  Qllo?n 
yP>-  ql  of  heitak.  „Nun  kann  ich  nie  wider  (vergnüghch)  sagen:  jezt,  hier,  bist  du 
fertig":  das  ist  der  Inhalt  der  komisch  gefärbten  klage  des  riesen,  dessen  Stimmung 
Vigfüsson  sehr  treffend  durch  „whimpering"  charakterisiert.  —  Für  trymskv.  12,  1 
ftidsape  trage  ich  zu  dem  Probon  s.  35  gegebenen  noch  nach  die  ags.  form  fndst : 
blc'est  Phon.  15.  —  Lokas.  12,  4  halte  ich  die  nach  Gnindtvig  aufgenommene  forni 
gremat[tu]  für  bedenklich;  für  die  alte  spräche  dürfte  wol  nur  grenijatftii]  zu  recht- 
fertigen sein  (vgl.  Noreen,  Altisl.  gr.  §  453,  3).  —  Hav.  109,  3  ist  wol  die  ältere 
form  sviki'enn  resp.  sykvenn  vorzuziehen.  —  Ob  man  für  Harb.  80  wol  an  fisa  ne 
fnjosa  denken  darf,  nach  ags.  fneosan,  fnora?  —  Vaf|)r.  3,  3.  6,  3  wüi'de  ich  nicht 
viljak  statt  vilk  eingesezt  haben;  6,  3  wird  dadurch  der  vers  entschieden  überladen; 
zur  altersfrage  vgl.  Beitr.  ^^,  323,  anm.  Ebenso  würde  ich  hper7i  Vaf|)r.  14,  3  und 
sonst  im  texte  belassen  haben;  für  Lokasenna  37,  4  ist  die  form  auch  in  der  Edda 
gesichert,  und  die  annähme  eines  wechseis  verschiedener  formen  desselben  wortes 
scheint  mir  unbedenklich,  selbst  innerhalb  desselben  gedichtes  (vgl.  das  oben  s.  108 
'  über  isarn  :  'iarn  :jarn  gesagte).  — 

Über  die  metrische  Constitution  des  textes  hätte  ich  nach  dem  im  vor- 
ausgehenden erörterten  kaum  noch  ein  wort  zu  sagen,  soweit  die  lieder  im  fornyr- 
J)islag  in  betracht  kommen:  ich  kann  niu"  meine  herzliche  freiide  darüber  ausdrücken, 
dass  meine  metrischen  Untersuchungen  und  ihre  resultate  in  so  weitgehendem  masse 
den  beifaU  eines  so  ausgezeichneten  kenners  der  Edda  gefunden  haben,  wie  Sijmons 
es  ist.  Auf  diesem  gebiete  dürfte  denn  auch  jezt  bereits  eine  Verständigung  über 
zweifelhaftere  eiuzelfragen  leichter  mögUch  sein.  Viel  sch\\ieriger  wird  aber  die  ent- 
scheidung,  wenn  man  sich  dem  gebiet  des  ljü{)ahüttr  zuwendet,  dieses  proteusai-tigen 
metrums,  für  das  die  aufstellung  einer  regel  überhaupt  kaum  mögUch  erscheint,  so 
weit  sie  mehr  sein  will  als  der  ausdruck  eines  rhythmischen  gefühles,  das  sich  der 
einzelne  leser  almählich  auerwerbeu  kann  imd  muss,  imd  dessen  objective  gi'undlagen 
eine  statistische  abwägung  der  vorkommenden  versformen  zu  liefeni  hat.  Gemäss 
dieser  grösseren  Unsicherheit  in  der  beurteilung  ist  denn  auch  Sijmons  bei  der  text- 
hersteUung  anders  verfahren  als  bei  den  liederu  in  foruyr{)islag :  zu  tilgendes  ist  im 
texte  belassen,  aber  in  eckige  klammern  geschlossen.  Dies  verfahren  erhöht  zwar 
die  typographische  Schönheit  des  werkes  nicht  gerade,  aber  es  stört  doch  auch  nicht 
ernstlich  und  dürfte  sich  als  sehr  praktisch  bewähren.  Ja  es  möchte  mancher  viel- 
leicht wünschen,  dass  dasselbe  System  durch  die  ganze  ausgäbe  durchgeführt  worden 
wäre,  damit  man  alles  wesentliche  der  handschriftlichen  Überlieferung  sofort  mit 
einem  blicke  übersehen  könte.  Im  algemeinen  treffe  ich  übrigens  mit  Sijmons  aus- 
scheidungen  und  versabteilungen  auch  im  lj6{)ahättr  zusanune^.  Hie  und  da  möchte 
ich  wol  vor  der  hand  anders  lesen,  aber  ich  muss  darauf  verzichten,  eine  Hste  sol- 
cher stellen  anzulügen,  da  ich  keine  gesamtstatistik  über  den  eddischen  lj6{)ahatti- 
besitze  und  also  nur  instinctive  Vermutungen  zu  geben  vermöchte,  denen  ohne  das 
entscheidende  Zahlenmaterial  keine  beweiskraft  innewohnen  kann. 

HALLE    A.  S. ,    24.  MAI    1888.  E.    SIEVERS. 


110  KLINCtHARDT 

0.  Erdmaini,  Grundzüge  der  deutschen  syntax  nach  ihrer  geschicht- 
lichen entwicklung.     Stuttgart,  J.  G.  Cotta,  188G.     X  und  197  s.     3,50  m. 

Ein  germanist,  der  es  sich  zum  ziele  sezte,  eine  volständige  Mbliothek  aller 
seit  dem  denkwürdigen  jähre  1819  veröiTentlichten  tüchtigen  werke  seiner  Wissen- 
schaft anzulegen,  würde  sich  im  laufe  der  zeit  einen  recht  statlichen  büchersaal 
einrichten  müssen.  "Wolte  sich  aber  ein  anderer  fachgenosse  hierbei  auf  deutsche 
Syntax  beschränken,  so  dürfte  es  für  ihn  völlig  ausreichen,  wenn  er  nur  die  eine 
Seite  seines  Schreibtisches  zur  aufnähme  seiner  samlung  frei  machen  wolte. 

Das  ist  em  misverhältnis ! 

Zuzugeben  ist  ja  natürlich,  dass  nach  der  ersten  begründung  unserer  Wissen- 
schaft die  gesamte  tätigkeit  aller  germanisteu  sich  vorwiegend  darauf  concentrieren 
muste,  die  noch  vorhandenen  handschriftlichen  schätze  in  zuverlässigen  ausgaben  dem 
algemeinen  gebrauche  zu  erschliessen.  Und  weiterhin  liegt  es  auf  der  band,  dass 
zur  herstellung  solcher  ein  griindliches  Studium  der  algemeinen  sowie  der  besonderen 
laut-  und  formenverhältnisse  des  älteren  deutsch  unumgänglich  notwendig  war;  auch 
ist  die  Wechselwirkung  begreiflich,  dass  umgekehrt  eine  zeit  lang  jede  neue  kritische 
ausgäbe  im  dienste  der  laut-  und  formenlehre  bzw.  der  metrik  ausgenuzt  wurde. 

Aber  andererseits  dünkt  mich,  dass  wir  denn  doch  heute  schon  längst  über 
die  zeit  hinaus  sind,  wo  solche  eiuseitigkeit  geboten  oder  entschuldbar  war.  Kiitisch 
unanfechtbare  ausgaben  liegen  vor  in  reicher  fülle,  lautwerte,  wortbüdungen  und 
Wortbeugungen  stehen  für  die  wichtigsten  dialekte  wissenschaftlich  fest,  in  reichhal- 
tigen Wörterbüchern  hat  mau  den  Wortschatz  der  älteren  periodeu  unserer  litteratur 
aufgespeichert  —  es  besteht  also  schlechterdings  kein  äusseres  hindernis  für  uns, 
nun  endlich  das  Studium  der  wichtigsten  seite  der  spräche,  nämlich  ihrer  wort- 
nnd  Satzfügung  nachdrücklich  in  angriff  zu  nehmen.  Gleichwol  aber  denkt  man 
hieran  noch  so  wenig,  dass  es  bis  zur  stunde  eine  gewöhnliche  erschein ung  ist, 
männer,  deren  namen  besten  klang  in  der  Wissenschaft  besitzen,  bald  über  den  einen, 
bald  über  den  anderen  germanischen  sprachzweig  werke  veröffentlichen  zu  sehn,  die 
mit  dem  stolzen  namen  „grammatik"  prangen,  ohne  in  Wahrheit  mehr  zu  bieten  als 
laute  und  werte.  "Was  würde  man  von  einem  „classischen"  phüologen  sagen,  wenn 
er  es  sich  einfallen  liesse,  bei  der  abfassung  einer  umfänglichen  lateinischen  oder 
griechischen  grammatik  die  bezügliche  sjTitax  —  einfach  zu  ignorieren! 

Und  mit  den  akademischen  Vorlesungen  steht  es  nicht  anders:  während  mei- 
ner noch  nicht  zwei  Jahrzehnte  zurückliegenden  Studienzeit  besuchte  ich  drei  deut- 
sche Universitäten,  an  allen  dreien  wurde  „deutsche  grammatik"  gelesen,  allein  kei- 
nem meiner  verehrten  lehrer  kam  es  in  den  sinn,  uns  mehr  zu  bieten  als  laut-  und 
flexionslehre.  Ob  sich  seitdem  bezüglich  der  behandlung  des  deutschen  an  den  imi- 
versitäten  die  dinge  geändert  haben,  kann  ich  nicht  mit  Sicherheit  beurteilen,  aber 
Symptome  eines  wandels  treten  weder  im  uuiversitätskalender  noch  in  der  fachlitte- 
ratur  hervor.  Die  bestimmungen  der  neuen  Prüfungsordnung  (1887)  für  candidaten 
des  höheren  lehramts,  deren  forderungen  doch  zweifellos  mit  den  leistungen  des 
iiniversitätsmiterrichts  in  engster  Wechselbeziehung  stehen,  lassen  vielmehr  auf  das 
gegenteü,  d.  h.  auf  foutbestand  der  alten  Verhältnisse  schliessen.  Dort  heisst  es  näm- 
lich §  12,  5,  dass  aspiranten  für  die  fakultas  der  obei'en  klassen  „kentnis  der  ele- 
mente  der  gotischen,  alt-  \uid  mittelhochdeutschen  grammatik  (!)  in  dem  masse  nach- 
zuweisen haben,  dass  ihnen  das  Verständnis  der  nhd.  laut-,  formen-  und  wort- 
büdimgslehre  ermöglicht  wird."  Mit  den  lezten  werten  ist  sichtlich  der  begriff 
„gi'ammatik"  gleichfals  im  rudimentären  sinne  von  laut-,  flexions-  und  wortbildungs- 


ÜBER    ERDMANX,    DEUTSCHE    SYNTAX  111 

lehre  gefasst  —  pars  pro  toto!  Und  vergleiche  ich  mm  weiterhin  die  hier  hei  der 
Staatsprüfung  auf  dem  gebiete  der  deutscheu  grammatik  au  deu  examiuanden  gerich- 
teten forderungen  mit  denjenigen,  welche  der  lehrplau  hiesiger  anstalt  an  einen  aspi- 
rauten  für  quiuta  im  lateinischen  stelt,  so  ergibt  sich,  dass  die  lezteren  nicht  ganz 
uuweseutlich  über  jene  hinausgehn.  Es  genügen  in  diesem  falle  nämlich  nicht  bloss 
die  „demente  der  laut-,  formen-  und  wortbildungslehre",  sondern  er  soll  auch 
bereits  mit  „einigen  syntaktischen  hauptsaohen  (konjunctiv  nach  iU,  ne,  cum,  ablat. 
instrum.,  tempor.  usw.)"  vertraut  sein.  In  quinta  selbst  wird  dieses  pensum  dann 
gewaltig  erweitert,  denn  nicht  nur  erfährt  die  elementare  formenlehre  vielfache  ergän- 
zimg,  sondern  es  tritt  auch  noch  die  einübimg  „wichtiger  syntaktischer  erscheinun- 
geu  (accus,  c.  inf. ,  abl.  abs. ,  accus,  der  ausdehuung,  esse  c.  dat.  „haben",  konstruk- 
tion  der  städtenamen  usw.)"  hinzu.  Ja,  wann  hat  man  denn  vernommen,  dass  von 
einem  examiuanden  für  deutsch  in  oberklassen  ein  so  unerhörtes  syntaktisches  wissen 
auf  got. ,  ahd.  oder  mhd.  gebiete  verlangt  worden  wäre,  wie  es  hier  für  den  quin- 
taner  im  latein  festgesezt  ist?  oder  kann  man  überhaupt  niu'  mit  Sicherheit  erwarten, 
dsss  ein  junger  germanist  von  der  existenz  z.  b.  der  dativi  absoluti  im  got.  tuid 
ahd.  ii'gend  etwas  wisse,  und  ob  sie  nur  in  der  übersetzimgslitteratur,  oder  auch  in 
idiomatischem  deutsch  bzw.  in  anderen  germanischen  dialekten  vorkommen  ?  Von  der 
fähigkeit,  sextauersätze  leichtester  art  wie  „wir-  zeigten  den  männeru  den  weg",  „die 
knaben  trugen  vielen  staub  mit  den  bänden  (!) "  u.  a.  leidlich  fliessend  in  das  ahd. 
oder  got.  zu  übertragen,  will  ich  gar  nicht  reden. 

Unter  solchen  imiständen  solte  man  meinen,  dass  das  erscheinen  von  Erd- 
manns grundzügen  der  deutschen  syntax  mit  algemeinster  anerkennung  und  dankbar- 
keit  hätte  begrüsst  werden  müssen.  Ist  es  doch  das  allererste  hilfsmittel,  welches 
dem  studierenden  oder  auf  anderen  gebieten  selbtsforscheuden  germauisten  in  die 
bände  gegeben  wird,  um  sich  von  der  nur  im  satze,  nicht  im  einzellaut  resp.  im 
paradigma  vor  sich  gehenden  historischen  entwicklung  unserer  spräche  ein  einiger- 
niasseu  klares  bild  machen  zu  können.  Freilich  war  schon  in  den  jähren  1874/76 
eine  Otfrid  -  syntax  von  Erdmauu  erschienen,  1884  Hess  Paul  die  zweite  ausgäbe 
seiner  mittelhochd.  grammatik  erscheinen,  in  welcher  die  syntax  nicht  nach  belieb- 
tem muster  vergessen  war,  sondern  die  reichliche  hälfte  des  raumes  zugeteilt  erhal- 
ten hatte,  und  auch  Bernhardt  gab  in  seinei'  kleineu  gotischen  grammatik  vom 
jähre  1885  der  syntax  neben  der  laut-  und  flexionslehre  eine  gleichberechtigte  Stel- 
lung. Allein  abgesehen  davon,  dass  Paul  zwar  fortgesezt  bezug  nimt  auf  die  Wei- 
terentwicklung des  mhd.  ins  nhd.,  aber  hierbei  doch  nie  mit  seiner  erörterung  den 
bodeu  des  mhd.  verlässt,  scheint  es  weiterhin  auch  auf  der  band  zu  liegen,  dass 
aus  einem  successiven  Studium  einzelner  arbeiten  über  got.,  ahd.,  mhd.  imd  nhd. 
syntax  von  der  band  verschiedener  Verfasser  luimöglich  eine  organische  Vorstellung 
vom  werden  und  wachsen  der  deutschen  wort-  und  satzfügung  hervorgehen  kann. 
Erdmanns  grundzüge  bilden  daher  in  der  tat  die  erste  und  grundlegende  arbeit  für 
das  geschichtliclie  Studium  der  deutscheu  syntax. 

Eine  freundliche  aufnähme  aber  haben  dieselben  nicht  allerseits  gefunden:  die 
allein  mir  vorliegenden  recensiouen  von  Paul  (Lit.  centr. -bl.  1886,  sp.  1729  —  31) 
und  ßehaghel  (Lit.  bl.  1887,  nr.  5)  tragen  vielmehr  geradezu  den  Charakter  des 
abfälligen  mid  verwerfenden.  Da  ich  uun  meinerseits  Erdmaiuis  grundzüge  deu 
engereu  fachgenossen  —  ob  deren  zahl  ein  dutzeud  erreicht  oder  übersteigt?  —  als 
vielfältig  anregend,  allen  anderen  germauisten  als  überaus  belehrend  nicht  warm 
genug  empfehlen  zu  können  glaube,    so  habe  ich  wol  die  pflicht,   zuvor  mit  einigen 


112  KXINGHARDT 

kurzen  worton  meine  Stellung  gegenüber  den  von   so  hervorragenden  und  corapeten- 
ten  facliniiinnern   erhobenen  einwänden  zu  bezeichnen. 

Paul  wirft  dem  Verfasser  vor,  dass  er  seinen  stoff  unangemessen  disponiert 
habe,  und  in  der  tat  scheint  mir  die  von  Paul  selbst  für  die  syntax  seiner  mhd.  gram- 
matik  in  anwendimg  gebrachte  ungleich  übersichtUcher  und  wirksamer.  Aber  der 
Verfasser  hat  die  namen  Miklosich  und  Scher  er  für  sich,  und  so  darf  die  frage 
doch  wol  noch  als  offen  gelten.  Es  ist  ferner  auch  richtig,  dass  der  Verfasser  nach 
den  angaben  seiner  vorrede  in  dem  noch  ausstehenden  zweiten  teile  das  von  ihm 
gewählte  einteilungspiincip  zum  teil  wider  verlassen  wird,  und  sicher  kann  mau 
ein  solches  vorgehen  theoretisch  scharf  bemängeln;  allein  Paul  hat  selbst  in  der 
vorrede  zur  2.  aufläge  seiner  mhd.  grammatik  sehr  treffend  auf  die  Schwierigkeiten 
hingewiesen,  welche  der  strengen  durchführuug  eines  nach  logischen  principien 
gegliederten  Systems  entgegenstehen.  Paul  ei'hebt  weiterhin  bei  einer  kritischen 
durchprüfung  der  ersten  10  selten  des  vorliegenden  buches  einwand  gegen  die  dort 
gegebenen  definitionen  des  verbums  imd  des  substantivums :  meines  erachtens  muss 
man  aber  die  stich  werte  ^i  Vorgang "  und  „  gegenständ "  durchaus  gelten  lassen ,  fals 
anders  das  pimcium  saliens  des  Unterschieds  klar  hervortreten  soll;  durch  die  pedan- 
tische berücksichtigung  aller  selten  eines  begriffes  bei  einer  definition  wird  dieselbe 
meist  zum  schaden  der  anschauUchkeit  uud  leichten  fasslichkeit  überlastet.  Übrigens 
kann  mau  sich  wol  auf  ziemhch  einfache  weise  davon  überzeugen,,  dass  auch  diu'ch 
ein  verbum  wie  „sitzen"  wirklich  ein  „Vorgang"  bezeichnet  wird.  „Machen"  drückt 
sicherlich  einen  Vorgang  aus;  wenn  ich  nun  aber  auf  meine  frage  „was  machst  du 
denn  da?"  die  antwort  erhalte:  „nu  gott,  ich  sitze  eben  da",  so  drückt  der  ange- 
redete sicherlich  damit  die  meinung  aus,  dass  auch  das  einfache  dasitzen  ein 
„macheu",  mithin  ein  „Vorgang"  sei.  Die  einbeziehung  des  etymologischen  gesichts- 
punktes  in  die  definition  von  §8  bei  Erdmaun  ist  natürhch  nicht  zu  biUigen.  — 
Wenn  Behaghel  den  titel  des  vorliegenden  buches  nicht  angemessen  findet,  weil  er 
auch  mud.  imd  and.  syntax  erwarten  lasse,  so  kann  ich  ihm  nicht  ganz  recht  geben. 
Grundz.  d.  deutschen  syntax  usw.  ist  doch  recht  wol  im  sinne  von  „Grundz.  der 
jetzigen  gemeindeutscheu  syntax  mit  ihren  geschichtlichen  Vorstufen"  zu  verstehn; 
wem  fält  es  aber  ein,  von  der  spräche  Schillers  und  Goethes  als  „gemeindeutsch" 
zu  reden!  Die  spräche  des  deiitsehen  reichs  ist  die  deutsche,  und  nicht  die  hoch- 
deutsche. Schliesslich  wäre  aber  auch  ein  falscher  titel  weder  ein  seltener  noch  ein 
erheblicher  fehler.  Aus  einer  logischen  analyse  des  begriffes  „syntax"  leitet  Be- 
haghel ferner  die  forderung  ab,  dass  Erdmann  noch  verschiedene  andere  dinge,  wie 
satztakte,  musikalische  und  dynamische  tonbewegung  in  der  rede  usw.  hätte  behan- 
deln sollen.  Dem  Verfasser  der  „Deutschen  Sprache"  mit  ihrer  so  überaus  reizvollen 
mannigfaltigkeit  anregender  erörtei'ungen  mag  ja  ein  solcher  gesichtspunkt  besonders 
nahe  liegen.  Ein  anderer  darf  aber  wol  auch  so  sagen:  Erdmann  hatte  zweifellos  ein 
recht,  uns  eben  dies  zu  bieten,  was  er  uns  gegeben  hat,  und  nicht  mehr  als  dies, 
und  wer  dann  seinen  titel  tadelt,  der  mag  einen  besseren  vorschlagen!  Mir  scheint 
fast,  als  würde  es  schwer  sein,  dieser  forderung  zu  entsprechen;  denn  z.  b.  „Streif- 
züge durch  die  deutsche  syntax"  (vgl.  Einenkels  kürzlich  erschienenes  buch  „Streif- 
züge durch  die  me.  syntax")  würde  dem  vorliegenden  werke  noch  viel  weniger  gerecht 
werden.  —  Es  hat  sodann  Paul  auf  s.  1  — 10  im  ganzen  4  mhd.  citate  ausfindig 
gemacht,    wo    Erdmanu    ein    misverständnis    widerfahren    ist    bzw.    sein    soll\    und 

1)  Zu  Trist.  1603  (vgl.  Iwein  3282,  4010,  5073  von  Behaghel  gegen  Erdinann  citiert)  kann 
ich  Erdmanns  auffassung  nur  teilen. 


ÜBER    ERDJUNN,    DEUTSCHE    SYNTAX  113 

Behaghel  fügt  dieser  liste  noch  ein  ia  demselben  abschnitte  sich  findendes  ahd. 
citat  hinzu.  Beide  kritiker  leiten  aus  diesen  „flüchtigkeiten"  recht  scharfe  voi-würfe 
gegen  Erdmann  ab.  Indess  muss  ich  sagen:  wenn  beispielsweise  allein  s.  6  voUe  56 
ahd.  und  mhd.  stellenangaben  enthält,  und  doch  eine  zweifellos  unnachsichtige  kritik 
auf  s.  1  — 10  nicht  mehr  als  5  misverständnisse  aufzutreiben  vermag,  so  scheint  mir 
damit  der  beweis  für  eine  überaus  solide  arbeit  des  Verfassers  nach  dieser  richtung 
hin  geliefert,  und  dass  Behaghel  aus  s.  11  —  75  nur  noch  2  weitere  falsch  verwante 
citate  beibringt,  kann  diesen  eindruck  nur  erhöhen.  Bedenklicher  ist  es,  dass  ebender- 
selbe im  text  auf  den  ersten  75  selten  gegen  20  Unrichtigkeiten  und  versehen  nachzu- 
weisen im  stände  ist;  allein  auch  hier  möchte  ich  doch  darauf  aufmerksam  machen, 
dass  diese  20  aussteUungen  sich  immerhin  nui'  auf  einen  ganz  winzigen  Prozentsatz 
des  in  75  selten  vereinigten  materials  beziehn.  Um  das  rechte  mass  für  solche 
dinge  zu  geben,  will  ich  mir  folgenden  vergleich  erlauben.  Behaghel  bemängelt  den 
Erdmannschen  satz  „Kühn  ist  die  auslassuug:  meister  rührt  sich  und  geselle''^  (s- 17) 
mit  den  werten  „wenige  selten  später  gibt  Erdmann  selber  zahlreiche  beispiele  für 
das  fehlen  des  artikels  in  der  mehrgliedrigen  formel"  ganz  entschieden  zu  unrecht. 
Er  meint  offenbar  die  s.  23  gegebenen  beispiele:  „tag  und  nacht;  ross  und  reiter  sah 
ich  niemals  wieder;  planet  und  saudkorn  haben  ihi'en  gemessenen  platz  usw."  Allein 
diese  Wendungen  sind  gar  nicht  in  vergleich  zu  stellen,  denn  nicht  eine  bringt  das  zweite 
artikellose  Substantiv  hinter  dem  verbum  des  ersten  —  und  darin  besteht  eben  die 
kühnheit  jener  stelle  aus  der  Glocke!  Paul  aber  scheint  mir  zweifellos  im  unrechte 
zu  sein,  wenn  er  a.  a.  o.  sp.  1730  zu  Parz.  321,  2  behauptet:  „natürlich  sind  ach  und 
uu-i  die  durch  unde  verbundenen  Wörter."  Meines  erachtens  verbindet  dort  umle 
überhaupt  nicht  einzelne  Wörter,  sondern  die  beiden  ausrufe:  „ach  ich  arnian!" 
und  ,.owl,  da^  er  min  herx,e  ie  sus  versneit!"  Indess  wenn  auch  meine  auffassimg, 
dass  hier  je  1  „irtum"  der  herren  ki-itiker  vorliegt,  die  Zustimmung  aller  fachgeuos- 
seu  erhalten  solte,  so  würde  doch  darum  niemand  den  wert  und  die  gründlichkeit 
ihrer  besprechungen  für  merklich  gemindert  ansehen.  Dem  gegenüber  aber  meine  ich : 
die  von  Behaghel  zusammeugestelten  20  irtümer  haben  procentuahter  für  die  75  sel- 
ten bei  Erdmanu  keine  grössere  bedeutung,  als  je  1  irtum  in  den  betreffenden  abschnit- 
ten dei-  erwähnten  kritiken.  Übrigens  handelt  es  sich  bei  der  mehrzahl  derselben 
um  formenfragen,  und  somit  nur  um  syntaktische  nebendinge,  in  keinem  falle  wü'd 
behauptet,  dass  Erdmann  eine  wichtige  grammatische  erscheinung  im  widersprach 
mit  den  tatsacheu  dargestelt  habe. 

Es  beruht  vielmehr  der  grösste  vorzug  der  vorhegeudeu  „grundzüge"  gerade 
auf  dem  umstände,  dass  dieselben  uns  in  übersichtlicher  anordnuug  ein  ausserordent- 
lich 'reiches  und  durchaus  verlässiges  material  bieten  auf  einem  gebiete ,  welches  bis- 
her eine  zusammenhängende  behandlung  noch  nicht  erfahren  hatte,  aber  allerdings 
allerdringlichst  eine  solche  erheischte.  Der  Verfasser  besass  in  seiner,  bereits  durch 
die  Otfridsyntax  ^bezeugten  umfassenden  kentnis  der  wichtigsten  denkmale  imserer 
ahd.  litteratui'  die  unerlässUchste  Vorbedingung  zu  einem  werke  dieser  art,  imd  für 
got. ,  mhd. ,  nhd.  unterstüzten  ihn  mancherlei  arbeiten  anderer.  Der  gang  seiner  dar- 
stellung  aber  ist  der  folgende.  An  erster  stelle  und  einleitungs weise  wird  über  den 
„gebrauch  der  Wortklassen"  gehandelt:  das  verbum  ohne  subjektswort,  insbesondere 
fehlen  des  „es"  vor  dem  unpersönlichen;  das  substautiv,  fehlen  und  function  der 
beiden  artikel ;  gebrauch  der  beiden  deklinationsformen  des  adjektivs  u.  a.  m.  Hierauf 
folgen  die  „formationeu  des  verbums ",  unter  welcher  Überschrift  der  Verfasser  die 
genera,    tempora    und    modi    des    verbums    sowie    die    Stellung    derselben    im    satze 

ZEITSCHRIFT   F.   DEUTSCHE  PHILOLOGIE.      BD.  XXI.  " 


114  KLINGHABDT 

bespricht.  Es  fallen  unter  dieses  kapitel  also  die  uni  Schreibung  des  passivs  sowie 
die  neubildimg  „  hochzuverehrend ",  femer  der  wert  und  gebrauch  der  tempora, 
auch  in  der  conjunctivreihe ,  die  zusammengesezten  Zeitformen,  die  hülfsverba  haben 
und  sein;  weiterhin  handelt  es  sich  vor  allem  um  den  gebrauch  des  Indikativ  und 
conjunctiv  in  haupt-  wie  in  nebensätzen;  die  reichhaltigkeit  und  Wichtigkeit  endlich 
des  lezten  abschnittes  ist  schon  genügend  dui"ch  die  Überschrift  derselben  „Stellung 
des  verbums  im  satze"  gekenzeichnet.  In  einem  bevorstehenden  zweiten  bände  ver- 
spricht uns  der  Verfasser  eine  darstellung  der  „formationen  des  nomens  (auch  des 
infinitivs)^  sowie  eine  systematische  zusammenfassiing  dessen,  was  in  den  beiden 
hauptteilen  verstreut  über  „arten  und  mittel  der  Satzverbindung"  vorgekommen  ist. 

Aus  dem  hier  angegebenen  geht  hervor,  dass  auch  schon  der  vorliegende  band 
eme  reiche  fundgrube  des  wissens  für  denjenigen  germanisten  ist,  der  nach  3  —  4- 
jährigem  Studium  etwas  mehr  gelernt  zu  haben  wünscht  als  laut-  und  formenlehre. 
Da  indessen  iinsere  bestehenden  iinterrichtsverhältnisse  den  freiT^illigen  antiieb  zum 
lernen  bedenklich  zu  unterbinden  scheinen,  so  wäre  es  sehr  erwünscht,  wenn  die 
germanistischen  professoren  ihre  zuliörer  recht  energisch  auf  das  vorliegende  syntak- 
tische werk  aufmerksam  machten:  es  ist  kein  grund  vorhanden,  wanim  sie  nicht 
verlangen  solten,  dass  leztere  die  wichtigsten  der  darin  mitgeteilten  tatsachen  sich 
zmn  festen  eigentum  machen.  Aber  auch  allen  lehrern-  des  deutschen,  die  noch 
fühlung  mit  der  Wissenschaft  behalten  haben,  empfehle  ich  die  lektüre  derErdmann- 
schen  grundzüge  auf  das  angelegentlichste. 

Indessen  ist  gerade  für  die  bezeichneten  kreise  zweierlei,  was  ich  in  den 
grundzügen  nicht  billigen  kann,  hervorzuheben:  nämlich  erstens,  dass  der  Verfasser 
seine  nhd.  queUenreihe  mit  Schiller  und  Goethe  abschhesst,  als  ob  seitdem  die 
entwicklung  unserer  spräche  stehen  geblieben  wäre,  während  doch  niemand  verken- 
nen solte ,  dass  die  redeweise  der  genanten  koiyphäen  heute  bereits  in  vielen  punkten 
veraltet  ist,  und  das  eigentliche  jüngste  nhd.  nui'  im  gegenwärtigen  schriftsteUer- 
geschlecht  lebt.  Zweitens  verrät  der  Verfasser  die  vorzugsweise  düettanteu,  indess 
auch  manchem  gründlichen  Sprachforscher  eigentümliche  neiguug  füi'  ältere,  im 
schwinden  begriffene  sprachformen,  die  er  gern  mit  dem  gewicht  seines  Urteils  erhal- 
ten möchte  (vgl.  die  ss.  129,  139,  173  —  178,  181).  Diese  auffassung  ist  jedoch 
dui'chaus  zu  bekämpfen:  Verminderung  des  bestandes  an  flexionen  und  constructions- 
formen  ist  immer  ein  zeichen  fortschreitender  kultur  gewesen*,  jede  beseitigung 
einer  solchen  form  bedeutet  einen  schritt  weiter  auf  der  bahn  der  vergeistigung  einer 
spräche.  Das  engUsche  ist  dem  griechischen  in  formaler  hinsieht  ganz  unvergleich- 
lich überlegen,  ebenso  verhältnismässig  das  neueste  nhd.  dem  ältesten  ahd. 

Auch  vor  einer  sentimentalen  auffassung  der  spräche  ist  zu  warnen,  wie  wir 
sie  §142,  2  finden:  ^,ich  soll  mit  inf.  grundbedeutung :  ich  bin  schuldig,  habe  die 
Verpflichtung  etwas  zu  tun;  da  der  deutsche  gewöhnt  war,  seine  Schuldig- 
keit zu  erfüllen,  so  ergab  sich  futurische  bedeutung."  Die  historische 
Sprachforschung  wird  mit  jedem  tage  vorsichtiger,  aus^ einzelnen  sprachlichen  erschei- 
nungen  rückschlüsse  auf  einzelnheiten  im  kulturlebon  und  der  moral  eines  volkes 
zu  ziehen! 

[1)  Diesen  satz  zum  dogma  zu  eiheboii  diu-fte  doch  bedenklich  sein.  Weit  mehr  als  spontane 
kulturentwicklung  hat  durchsetzung  der  spräche  mit  tremden  elementon  schnellen  verfall  der  tonnen  her- 
beigeführt ,  wie  als  bekanteste  beispiele  das  englische  und  neupersische  lehi-en.  Vgl.  schon  J.  Grimm, 
gramm.  P,  s.  XXXU.  H.  G.] 


ÜBKR   ERDMANN,    DEUTSCHE   SYNTAX 


115 


Und  hiermit  werde  icli  awf  das  geführt,  was  mich  verhindert,  das  vorliegende 
buch  bei  allem  seinem  werte  für  das  praktische  bedürfnis  der  gegenwart  als  eine 
brauchbare  grundlage  für  die  in  der  zukunft  zu  erwartende  historische  erforschung  der 
deutschen  syntax  zu  betrachten.  Der  Verfasser  hat  offenbar  weder  sinn  noch  bedürf- 
nis für  vergleichende  studien,  und  vergeblich  sucht  man  bei  ihm  eine  audeutung, 
dass  er  sich  des  eiuflusses  der  analogie  auch  in  allen  syntaktischen  dingen  volbewusst 
ist,  zwei  miingel,  welche  schon  Paul  und  Behaghel  mit  recht  hervorgehoben 
haben.  Zum  allerwenigsten  die  deutschen  dialekte  hätte  er  heranziehen  und  bei- 
spielsweise in  §  127,  5  zu  „weil  aus  mhd.  die  wile  (da^)"  nicht  einfach  bemerken 
sollen:  „früher  temporal,  jezt  causal",  denn  es  muss  den  germauisten  anderer  gegeu- 
den  interessieren,  dass  „weil"  in  der  gesprochenen  rede  Mitteldeutsclüands  noch 
weithin  sich  die  alte  temporale  function  neben  der  neueren  causalen  erhalten  hat 
(oft  noch  mit  artikel:  „der  weile").  Erheblich  instructiver  noch  Wcäre  eine  berück- 
sichtigung  der  gesprochenen  volksrede  zu  §  145,  3  gewesen.  AVie  fremd  klingt  uns: 
„Moses  ward  zittern"  (Luther),  „des  ward  ich  %u  mir  seiher  jehen"  (Hans  Sachs)! 
Nun  erinnere  mau  aber  den  Thüringer  (Sachsen)  an  die  altagsrede  semer  heimat, 
wo  es  noch  heute  —  aber  ausschliesslich  unter  anwendung  des  praesens  historicum  — 
ganz  algemein  in  der  altagsrede  heisst:  „wird  der  [pron.  dem.]  doch  nu  anfangen  zu 
zittern,  als  ob  usw.!"  oder  „da  werd'  ich  mir-  doch  nu  sagen  usw.!",  wenn  eine 
plötzliche  Wendung  in  einer  erzählung  markiert  werden  soll  u.  a.  m.  Aber  natürlich  auch 
die  vergleichung  der  nächstverwanten  sprachzweige  ist  dringend  erwünscht, 
wenn  man  licht  über  gewisse  sprach erscheinungen  zu  gewinnen  sucht.  So  wii'd  man 
im  vorliegenden  falle  (Umschreibung  einer  bevorstehenden  handlung  mit  „werden") 
der  fraglichen  bedeutungsentwicklung  u.  a.  auch  von  der  etymologischen  seite  beizu- 
kommen suchen  und  an  das  wurzelverwante  lat.  certo  denken,  um  von  diesem  wider 
auf  das  sinverwante  englische  to  turn  (franz.  tourner)  geführt  zu  werden,  welches 
seinerseits  in  die  eine  bedeutung  von  deutsch  „werden"  eingelenkt  ist:  he  turned 
merchant  =  er  wurde  kaufmann.  Auch  Erdmann  verrät  ja  öfter  die  neigung, 
über  die  Verzeichnung  der  tatsachen  hinaus  zu  einer  erklärung  derselben  vorzudrin- 
gen, wiewol  er  ihr  im  vorliegenden  werke  sehr  viel  seltener  nachgibt  als  in  seiner 
Otfridsyntax;  aber  er  arbeitet  dabei  nicht  mit  der  beobachtung,  sondern  mit  der 
reflexion,  nicht  inductiv  sondern  deductiv,  und  anstatt  sich  umzuschauen,  ob  er 
niclit  in  ein  oder  mehreren  germanischen  bzw.  indogermanischen  sprachzweigen  das 
gegenbild  einer  rätselhaften  deutschen  Spracherscheinung  entdecken  könne,  die  sich 
dort  vielleicht  urkundlich  bis  zu  ihren  ersten  Ursprüngen  zurückverfolgen  lässt,  sucht 
er  dieselbe  vermittelst  logischen  durchdenkens  der  in  rede  stehenden  funktionen 
aprioristisch  zu  erschliessen.  So  wünscht  er,  sich  die  relative  function  des  demon- 
strativstammes  im  deutschen  zu  erklären.  Man  solte  nim  meinen,  das  allernächste 
wäre,  vor  allem  das  verhalten  der  andern  germanischen  dialekte  auf  diese  frage 
hin  durchzumustern.  Allein  er  denkt  gar  nicht  daran,  auch  nur  das  gebiet  des 
Otfridschen  Sprachgebrauchs  tax  verlassen;  hier  aber  arbeitet  er  um  so  eifriger  mit 
dem  hilfsmittel  wissenschaftlicher  combination.  Die  auf  diesem  wege  von  ihm  gewon- 
nene lösuug,  die  er  schon  1874  fand  (Otfridsyntax  §81fgg.)  und  die  er  1886  in  den 
grundzügen  noch  festhält,  verknüpft  auf  eine  recht  künstliche  art,  die  indess  äusser- 
lich  zu  stimmen  scheint,  folgende  5  momente:  1)  auslassuug  des  relativums,  2)  anzie- 
hung  des  verbums  durch  das  an  die  spitze  gestelte  demonstrativum ,  3)  vorantritt 
des  verbums  im  nachsatze,  4)  Übernahme  der  relativen  fimction  durch  das  demon- 
strativum, 5)  zurückdrängung  des  verbums  an  das  ende  des  nebensatzes.     Nur  wenn 

8* 


116  ELLINGER 

1)  herschender  Sprachgebrauch  war,  konte  nach  Erdmann  unter  hinzutritt  von  2)  und  3) 
die  erscheiuung  4)  eintreten,  welcher  demnächst  5)  folgte.  Aber  z.  b.  im  ags.  liegt 
1)  nicht  vor,  imd  doch  ist  4)  hier  überall  fester  Sprachgebrauch,  der  dem  eintritt 
von  1)  um  Jahrhunderte  vorhergeht;  auch  5)  ist  längst  üblich,  ehe  wir  1)  verzeich- 
nen können,  ja  leztere  erscheinimg  tritt  gerade  da  auf,  wo  5),  wie  man  sagt,  unter 
französischem  einfluss  ausser  gebrauch  komt.  Die  einfache  vergleichung  des  eng- 
lischen widerspricht  also  Erdmanns  hypothese,  und  auch  das  anord.  fügt  sich 
ihr  nicht. 

Erdmann  tut  unrecht,  Sprachgeschichte  treiben  zu  wollen,  ohne  das  gebiet  des 
Schrift-  und  hochdeutschen  zu  verlassen. 

Aber  ich  widerhole,  im  vorliegenden  werke  lässt  er  sich  verhältnismässig  nur 
recht  selten  auf  sprachgeschichtliche  erörteningen  ein,  fast  durchweg  beschränkt  er 
sich  auf  die  zuverlässige  Verzeichnung  von  tatsachen.  Diese  haben  wir  alle  veran- 
lassung mit  befriedigung  entgegenzunehmen,  wir  werden  gut  tun,  dieselbe  recht  aus- 
zunützen, und  gleichzeitig  scheinen  uns  die  vorliegenden  grundzüge  eine  art  gewähl- 
zu  bieten,  dass  auch  der  tag  nicht  fem  ist,  wo  ein  anderes  werk  die  grundlinien  für 
eine  wahrhaft  sprachgeschichtliche  behandlung  der  deutschen  syntax  feststellen  wird. 

REICHENBACH   I.    SCHL. ,    OKT.    1887.  H.    KLrS'GHARDT. 


Fr.  Zarncke,  weitere  mitteilungen  zu  Christian  Reuters  Schriften. 
Derselbe,  Christian  Reuter  als  passionsdichter. 

Separatabdrücke  aus  den  berichten  der  königl.  sächs.  geselschaft  der  Wissen- 
schaften.    Leipzig  1887. 

Die  beiden  soeben  genanten,  mir  von  dem  Verfasser  unmittelbar  nach  ihrem 
erscheinen  gütigst  übersanten  Schriften,  trafen  leider  erst  bei  mir  ein,  als  das  manu- 
skript  meiner  abhandlung  in  bd.  XX,  s.  290  f  gg.  dieser  Zeitschrift  sich  bereits  in  den 
bänden  der  redaktion  befand,  so  dass  ich  sie  für  diesen  aufsatz  nicht  mehr  benutzen 
konte.  Es  sei  mir  gestattet,  an  dieser  stelle  kui'z  über  den  Inhalt  der  beiden,  die 
forschungen  über  Reuter  wesentlich  fördernden ,  Schriften  bericht  zu  erstatten ;  da  die- 
selben nicht  leicht  zugänglich  sind,  wird  eine  genaue  widergabe  des  inhalts  ohnehin 
den  fachgenossen  wilkommen  sein. 

Was  die  figuren  in  Reuters  ersten  lustspielen  uns  so  anziehend  macht  und 
was  diese  ersten  komödien  so  hoch  über  die  gleichzeitige  litteratur  erhebt,  das  ist 
die  frische  und  lebenswahi-e  darstellung  und  diese  entspringt  vor  allen  dingen  aus 
dem  bestreben  des  dichters,  einzelne  bei  seinem  publikum  algemein  bekante  persön- 
lichkeiten möglichst  getreu,  jedoch  natürlich  mit  karrikaturmässiger  häufung  der 
bezeichnenden  züge,  abzuschildern.  Der  pasquillant  hat  den  dichter  in  vortrefUcher 
weise  unterstüzt.  Unter  diesen  umständen  ist  es  natürlich  in  hohem  grade  wichtig, 
die  personeu  festzustellen,  welche  Reuters  gestalten  zum  vorbild  gedient  haben.  Bei 
den  hauptfiguren  der  beiden  ersten  lustspiele  war  dies  aus  den  von  Zamcke  benuzten 
akten  mit  leichtigkeit  festzustellen;  ebenso  ergab  sich  leicht  aus  den  akten  das  Vor- 
bild für  die  gestalt  des  fleck  -  Schreibers  Injurius  ini  grafen  Ehrenfried.  Zarncke  ist 
es  nun  aber  auch  in  der  oben  angeführten  ersten  publikation  s.  262  —  265  gelungen, 
das  Vorbild  einer  anderen  gestalt  des  soeben  genanten  lustspiels  zu  ermitteln.  Es  ist 
dies  „der  lustige  Weinschenke  Johannes",  von  welchem  Zarncke  schon  in  seiner 
ersten  schrift  über  Christian  Reuter  mit  recht  angenommen  hatte,  dass  er  eine  aus 
dem  leben  gegriffene,    damals  in  Leipzig    stadtbekante   persönlichkeit   gewesen   sein 


ÜBER    ZARNClvE,    CHR.    REUTER  117 

müsse.  Zarncke  führt  a.  a.  o.  den  beweis,  dass  dieser  figur  der  wii-t  Johaiines  Dietz 
iu  Leipzig  zum  vorbild  gedient  habe  und  man  muss  seiner  beweisführung  durch- 
aus zustimmen.  —  Auch  füi"  die  gestalten  des  Schelmuffsky  hat  Zamcke  a.  a.  o. 
s.  253  — 262  eiue  ähnliche  wichtige  entdeckung  gemacht.  Er  hat  nämlich  festgestelt, 
dass  der  „herr  bruder  Graf  Schelmuffskys ,  der  sich  zu  dem  lezteren,  als  dieser 
eben  seine  reise  angetreten,  geselt  imd  eine  grosse  strecke  der  fahrt  mit  Schelmuffsky 
gemeinsam  zurücklegt,  bis  er  „imter  der  linie"  in  folge  der  hitze  elendiglich  zu  gründe 
geht,  ebenfals  das  porträt  einer  iu  Leipzig  damals  algemein  bekanten  persönlichkeit  ist. 
Mit  ausserordentlichem  fleiss  hat  Zarncke  die  Zeugnisse  für  diese  tatsache  zusammen- 
gebracht. Die  Persönlichkeit,  welche  Reuter  die  anregung  zu  jener  gestalt  gab,  war 
ein  reicher  bürgerssohu,  uamens  Johann  Christian  Graff,  der  söhn  eines  vermögenden 
kaufmanns,  des  Johann  Graff.  Nach  allem,  was  wir  von  dem  jungen  Johann  Chri- 
stian hören,  scheint  er  einen  recht  dissoluten  lebenswandel  geführt  zu  haben,  der 
ihn  in  späteren  jähren,  als  er  selbständig  geworden  war,  in  beständige  geldverlegen- 
heiten  gestürzt  hat.  Aus  seiner  Jugend  wird  uns  von  einer  grösseren  reise  berichtet, 
die  er  unternommen.  Die  zeit  seiner  rückkehr  fält,  wie  es  scheint,  in  den  Zeitpunkt, 
in  welchem  auch  Eustachius  Müller,  das  vorbild  des  Schelmuffsky,  von  seiner  reise 
wider  nach  Leipzig  zurtickkehrte.  Es  liegt  daher  nahe,  anzunehmen,  dass  sie 
gememschaftlich  die  reise  gemacht  haben  und  nicht  unmöglich  wäre  es,  dass  der 
etwa  acht  jähre  ältere  Eustachius  Müller  dem  zwanzigjährigen  Graff  als  reisebeglei- 
ter  mitgegeben  wäre.  Auch  über  die  realen  unterlagen  der  übrigen  züge,  durch 
welche  sich  der  „bruder  Graf  im  Schelmuffsky  auszeichnet,  werden  von  Zamcke, 
s.  260  fgg.  ansprechende  Vermutungen  vorgetragen.  —  Den  leztcn  gegenständ  der 
ersten  abhandlung  bildet  die  prtifung  eines  1702  erschienenen  romanes:  Der  Allezeit 
Lustige  Studente,  Oder  Printzens  Feredonis  Academischer  Lebens  Lauff.  Dieser 
roman ,  der  seinen  stoff  ebenfals  dem  Leipziger  leben  entnimt ,  trägt  nämlich  dasselbe 
Pseudonym  wie  Reuters  früliere  stücke  (Ehrliche  Frau  iind  die  beiden  nachspiele), 
nämlich  Hilarius  und  in  dem  kataloge  der  Dresdener  bibhothek,  in  welchem  das 
unicum  verzeichnet  ist,  war  Hilarius  mit  Christian  Reuter  erklärt.  Indessen  geht 
der  katalog  nicht  auf  friihere  zeiten  zurück;  der  beamte,  der  ihn  angefeiügt,  hatte 
den  nameu  offenbar  aus  Wellers  „Index  Pseudonymorum "  entlehnt;  in  den  früheren 
katalogen  findet  er  sich  nicht.  Zarncke  prüft  s.  265  —  277  den  roman  auf  seine  autor- 
schaft  und  gelangt  zu  dem  resultat,  dass  derselbe  von  Reuter  nicht  herriihren  kann, 
ein  ergebnis,  dem  man  nach  den  von  Zarncke  mitgeteilten  proben  nur  durchaus  bei- 
pflichten kann. 

Die  zweite  publikation  Zarnckes  ist  geeignet,  uns  Reuters  dichtung  während 
seines  Berliner  aufenthaltes  in  einem  etwas  besseren  Lichte  zu  zeigen.  Sie  bespricht 
ausführlich  eine  bisher  vmbekante  dichtung  von  Christian  Reuter,  den  text  zu  einer 
passion,  der  den  titel  führt  „Christian  Reuters  Passions  -  Gedanken.  Die  Historie  von 
dem  bittern  Leiden  vnd  Sterben  unsers  Herrn  und  Heylandes  Jesu  Chi-isti."  (Mne 
ausführliche  beschreibung  des  titelblattes  bei  Zarncke  a.  a.  o.  s.  306.)  Componiert 
war  der  text  von  Johann  Theile;  die  musik  scheint  verloren  gegangen  zu  sein;  das 
einzige  exemplar  des  textes  liefindet  sich  auf  der  bibliothek  des  grauen  klosters. 

Zarncke  hat  sich  nicht  damit  begnügt,  Reuters  dichtung  zu  analysieren,  son- 
dern er  behandelt  ausführlich  die  entwicklung  der  passions-dichtungen,  um  auf  diese 
weise  den  richtigen  Standpunkt  für  die  wnirdigung  des  Reuterschen  textes  zu  gewin- 
nen. Wü-  können  darauf  verzichten,  Zamckes  ausführliche  darstellung  im  einzelnen 
zu  verfolgen.     Die  passionstexte,    zunächst  aus  verhältnismässig  einfachen  anfangen 


118  ELLINGER 

hervorgegangen,  waren,  wie  bekant,  um  die  wende  des  siebzehnten  und  achtzehnten 
Jahrhunderts  von  der  oper  durchweg  beeinflusst  und  mit  allerhand  opemhaften  ele- 
menten  recht  ungeschickt  ausgepuzt  worden.  Die  passionstexte  von  Hunold  xmd 
Postel  mit  ihren  langen  cantaten,  ihrer  völligen  zui'ückdrängung  des  kirchenhedes  und 
des  evangeUentextes,  ihrer  ausmalung  effektvoller  und  dramatisch  -wirksamer  momente 
—  sind  die  klassischen  denkmale  dieser  verirrung.  Bisher  war  man  nun  algemein 
der  meinung,  dass  als  das  erste  zeichen  der  reaktion  gegen  diese  lichtung  der  von 
Brockes  verfasste  passionstext  zu  bezeichnen  sei.  Indessen  dieser  rühm  gebührt 
nicht  Brockes,  sondern  eben  Christian  Reuter. 

Reuter  hat  sich  natürlich  noch  nicht  zu  dem  reinen  evangelientext  zmiick- 
gewant;  aber  er  beschränkt  sich  doch  darauf,  eine  ziemlich  genau  an  den  Wortlaut 
des  textes  sich  anlehnende  paraphrasieiimg  desselben  zu  geben.  Sein  glückliches 
talent,  sich  in  den  mannigfachen  verszeilen  sehr  frei  und  ungezwiuigen,  fast  wie  im 
conversationstone ,  zu  bewegen,  wie  wir  es  namentlich  aus  der  oper  kennen,  kam  ihm 
hier  auf  das  vortreflichste  zu  statten.  Auch  das  kirchenlied  ist  wider  an  seine  ihm 
gebührende  stelle  gesezt  und  alle  störenden  zusätze,  alle  opernhaften  demente  sind 
fem  gehalten.  Man  sieht,  wir  haben  es  mit  einem  energischen  protest  gegen  die 
Hamburger  ausschreituugen  zu  tun.  Derselbe  mann,  der  früher  selbst  einen  text  für 
die  Hamburger  oper  verfasst,  tritt  ihr  jezt,  wo  sie  eine  schädliche  Wirkung  auszu- 
üben begint,  mit  entschiedeuheit  entgegen. 

Zarncke  hat  Reuters  text  eine  vortrefliche  analyse  zu  teil  werden  lassen.  Sein 
urteil  über  den  dichterischen  wert  der  leistung  Reuters  ist  ein  durchaus  günstiges. 
Nach  einer  lektüre  des  textes  kann  ich  diesem  urteil  im  grossen  uad  ganzen  bei- 
pflichten. "Wie  bereits  oben  angedeutet,  war  Reuter  wegen  der  leichtigkeit  seines 
Versbaues  zur  lösung  einer  aufgäbe,  wie  sie  hier  vorlag,  besonders  geeignet.  Ich 
lasse,  damit  der  leser  ein  bild  von  der  beschaffenheit  des  textes  gewinne,  eine  stelle 
folgen,  die  von  Zarncke  nicht  angeführt  ist. 

Jesus.     In  dieser  Nacht  so  werdet  ihr 

Euch  alle  ärgern  sehr  an  mir. 
Petrus.  Wenn  auch  gleich  alle  sich 

An  dir  argern,  so  will  ich 

Mich  au  dii*  zu  keiner  Zeit 

Aergem  auch  im  grosten  Leid. 
Jesus.     "Warhch,  ich  sage  dir: 

In  dieser  Nacht,  eh  dass  der  Hahn  wird  krehen. 

So  werd  ich  mich  von  dir  drey  mahl  verlaugnet  sehen. 
Petrus.  Und  wenn  ich  diese  Stunde  wüste, 

Daß  ich  mit  dir  sterben  muste, 

Wil  ich  dich,  als  meinen  Herrn 

Nicht  verlaugnen,  dass  sey  fern. 
Wie  es  scheint  ist  Brockes  von   Chr.  Reuters  dichtung  beeinflusst  worden^; 
der  gegensatz,   in  welchen  Reuter  zu  der  Hambiu'ger  passionsdichterei  trat,  hinderte 

1)  Die  von  Zarncke  angefülirten  stellen  bei  den  einsetznngsworten  des  abendmahls : 
Brockes.     Das  ist  mein  Leib,  komt,  nelimet ,  esset, 
Damit  Uir  meiner  nicht  vergesset. 
Reuter.     Nehmt,  das  ist  mein  Leib,  und  esset, 
Dass  ihr  meiner  nicht  vergesset. 
scheinen  mir  den  Zusammenhang  zwischen  Brockes  und  Reuter  mindestens  mit  der  gleichen  Sicherheit 
zu  beweisen ,  wie  die  von  Zarncke  s.  352  für-  die  beeinflussung  Reuters  durch  Hunold  beigebrachte  stelle. 


ÜBER  ZARNCKE,  CHR.  REUTER  119 

ihn  indessen  nicht,    auch  Hunolds   dichtung  an  einer  stelle  zu  benutzen,    wenn  wir 
hier  nicht  eine  unbewusste  reminiscenz  anzunehmen  haben. 

Es  sei  mir  gestattet,  an  dieser  stelle  noch  ein  paar  nachtrage  zu  meiner 
abhandlung  über  Christian  ßeuter  zu  geben.  1.  Ich  habe  bd.  XX,  s.  311  behauptet, 
dass  auch  in  den  beiden  harlekinsspielen  der  einfluss  des  volksdramas  sich  beobachten 
lasse  und  zum  beweis  auf  eine  scene  des  Puppenspiels :  „  Almanda  die  woltätige  fee" 
hingewiesen  (Tu,  4),  wo  sich  eine  ganz  ähnliche  Situation  findet,  wie  in  dem  hoch- 
zeitsschmaus.  Das  Puppenspiel  selbst  ist  jung;  diese  scene  ist  aber  wol  aus  älteren 
spielen  herübei'genommen,  da  sie  mit  dem  ganzen  stück  in  gar  keinem  ersichtlichen 
Zusammenhang  steht.  In  den  Schauspielen  der  englischen  komödianten  findet  sich 
eine  ähnliche  scene  nicht;  wol  aber  in  älteren  englischen  stücken,  z.  b.  in  dem 
pseudoshakespearschen  Locrine.  In  demselben  will  schuster  Strumbo  Margarete,  die 
tochter  des  Oliver  nicht  heiraten;  es  komt  infolge  dessen  zu  einer  grossen  prügelei, 
an  welcher  auch  Margarete  sich  beteiligt  und  es  hagelt  schlage  und  Schimpfwörter. 
(Locrine,  III, *3  in:  Supplement  to  the  odition  of  Shakespeare's  plays  published  in 
1778,  bd.  n,  s.  229  fg.).  Man  sieht,  es  ist  dieselbe  Situation,  wie  im  Puppenspiel 
und  im  hochzeitsschmaus ,  sogar  im  einzelnen  finden  sich  ähnlichkeiten ,  man  vgl. 
Harlekins  hochzeitsschmaus,  entree  III  (IV)  s.  8. 
Ursel.     Meinstu  mich  Affen -Maul. 

Langnäsichter  Kinunschnabel, 
Harlequin.    Ja,  ja,  dich  du  Karren-Gaul, 
Madame  von  der  Gabel. 
Locrine,  a.  a.  o.  s.  229. 

Strumbo.     Who  speak  you  to?  me? 

Margery.     Äy,  fir,  to  you,  John  Lack-honesty ,  Little-wit. 
Schon  vorher  hat  Margeiy  dem  Strumbo  ähnliche  ehrentitel  gegeben:     You, 
master  swacebox,    lobcock,    cockscomb;    you  slop  saicce,    lickßfigeis.     Das  erinnert 
an  die  werte  des  Klaus  im  hochzeitsschmaus  entree  V,  s.  9 :  D\x  Vogel  von  der  Gal- 
gens-Art,  du  Narr,  du  Possenreisser. 

2.  Durch  Reinhold  Köhlers  stets  bereite  liebenswürdigkeit  erhielt  ich  das  auf 
der  Weimarer  bibliothek  befindliche  exemplar  des  grafen  Ehrenfried  hierher.  Eine 
vergleichung  hat  nun  ergeben,  dass  Stranitzky  die  bd.  XX  dieser  ztschr.  s.  314  fg. 
excerpierte  scene  fast  überall  wörtlich  Reuters  komödie  nachgesckrieben  hat.  Die 
geringen  Veränderungen,  die  Stranitzky  vorgenommen  hat,  ergeben  sich  daraus,  dass 
bei  ihm  sich  zwei  mägde  unterhalten,  während  bei  Reuter  ein  bedienter  und  Leo- 
nore,  die  geliebte  des  grafen,  die  sprechenden  personen  sind.  Die  hieraus  resultie- 
renden kleinen  Veränderungen  der  erzählung  sind  bd.  XX  s.  316,  anm.  1  bereits  ange- 
deutet. Für  den  bei  Stranitzky  unmittelbar  vorhergehenden  teil  des  gesprächs  (in 
Werners  ausg.  der  OUa  Potrida,  s.  154  — 156)  findet  sich  eine  anregung  in  Reuters 
komödie  nicht. 

BERLIN,    25.    OKTOBER   1887.  GEORG   ELLINGKR. 


120  BOETTICHER,    ÜBER    PARZIVAL,    ÜBERS.    VON    SAN   SURTE 

Parzival.     Rittergedicht  von  Wolfram  von  Eschenbach.     Aus  dem   mhd. 

zum  ersten  male  übersezt  von  Sau  Marte  (dr.  hon.  phil.  Albert  Schulz). 

8.  verb.  aufl.     Halle  a.  S.     Niemeyer  1887.     1.  bd.  XCII  u.  328  s.     2.  bd.  XXVI 

u.  482  s.     10  m. 

Es  gibt  wol  keinen  ausserhalb  der  engeren  germanistischen  fachwissenschaft 
stehenden  forscher,  dem  diese  Wissenschaft  zu  so  grossem  danke  verpflichtet  wäre 
wie  San  Marte,  dem  unermüdlichen  und  geistvollen  Interpreten  "Wolframs.  Überall 
wird  daher  auch  aufrichtige  freude  darüber  herschen,  dass  es  ihm  vergönt  ist,  noch 
in  seinem  hohen  alter,  fast  50  jähre  nach  der  ersten  aufläge,  seine  Parzivalübertra- 
gung  zum  dritten  male  in  vervolkomneter  gestalt  auszugeben.  Sie  erscheint  zu  gün- 
stiger zeit,  denn  einerseits  ist  heute  das  Interesse  für  die  höfischen  epen,  besonders 
aber  für  den  Parzival,  entschieden  algemeiner  geworden  und,  was  die  hauptsache 
ist,  auch  vertieft.  Und  anderseits  ist  die  künstlich  geschaffene  und  grossgezogene 
Vorliebe  für  die  Simrockschen  Übersetzungen,  wie  es  scheint,  endlich  überwunden 
oder  doch  wenigstens  im  abnehmen  begriffen.  Die  schwächen  der  San  Marteschen 
überti'agung  sind  natürlich,  trotz  besserungen  im  einzelnen,  im  ganzen  imd  grossen 
dieselben  geblieben,  aber  mit  Simrock  verglichen,  erscheinen  doch  der  Vorzüge  ganz 
erheblich  mehr  als  der  schwächen;  das  muss  zui'  hebung  und  befestigung  des  guten 
geschmacks  oft  und  nachdrücklich  gesagt  werden.  Kritik  im  einzelnen  zu  üben 
erscheint  um  so  unnötiger,  als  der  f;harakter  des  ganzen  unverändert  geblieben  ist. 
Die  leichte,  gcfälUge  spräche,  der  geschickte  iiud  zwanglose  reim  wird  jeden,  der 
die  Übertragung  zur  band  nimt,  erfreuen  und  für  manche  uugenauigkeit,  auch  für 
manche  unnötige  oder  störende  moderuisicriuig  entschädigen.  Ein  hilfsmittel  der 
Interpretation  für  den  germanisten  zu  sein,  darauf  macht  das  werk  keinen  anspruch, 
aber  auch  hierin  kann  ich  Smirock  keinen  vorzug  zugestehen,  denn  bei  wirklich 
schwierigen  stellen  habe  ich  noch  nie  aufklärung  bei  ihm  gefunden,  wol  aber  viel 
unverständliches  und  verwirrendes,  auch  wo  das  original  keine  Schwierigkeiten  hat. 

Ebenso  wie  der  Charakter  der  Übertragung,  so  ist  auch  die  in  der  einleitung 
dargelegte  auffassung  des  Verfassers  von  dem  ganzen  gedieht  dieselbe  geblieben, 
nämlich  die  mystisch  -  allegorische  deutung,  die  mit  dem  namen  San  Maries  seit 
50  Jahren  verknüpft  ist.  Es  wäre  unbillig,  zu  erwarten,  dass  der  Verfasser  diese 
ihm  liebgewordene,  mit  begeisterung  ein  ganzes  menschenalter  hindurch  vertretene 
und  geistvoll  begründete,  ja  von  bei  Aveitem  den  meisten  freunden  AYolframs  ange- 
nommene auffassung  jezt  in  seinem  hohen  alter  noch  modificieren  oder  auch  nur  auf 
ihre  Stichhaltigkeit  hin  noch  einmal  durchprüfen  solte.  Das  gebäude,  das  er  mit 
geist  und  Scharfsinn  aufgeführt  hat,  steht  ihm  fest,  und  bis  ins  einzelnste  hinein  ist 
es  von  dem  kitt  tiefgewurzelter  Überzeugung  gehalten.  Es  ist  also  sehr'  begreiflich, 
dass  der  Verfasser  meine  widerholt  ausgesprochene  und  begründete,  von  der  seinigen 
sehr  abweichende  auffassung  nicht  berücksichtigt  hat;  und  wenn  auch,  wie  ich 
zuversichtlich  hoffe,  der  Pai'zival  in  zukunft  aus  der  speculativ- theologischen  Sphäre 
wider  in  die  rein  ritterliche  gerückt  wird,  in  die  er  gehört,  und  der  religiöse  gehalt 
als  etwas  dem  dichter  von  seiner  quelle  gegebenes,  von  ihm  selbst  aber  als  acci- 
dens  behandeltes,  oft  wenig  durchgebildetes,  oft  auch  nicht  verstandenes  erkant 
werden  wird,  so  wird  San  Martes  construction  doch  noch  ihren  wert  behalten,  denn 
sie  gestaltet  die  nur  dunkeln  spuren  des  "Wolframschen  gedichts  zu  einem  plane, 
der  in  seinen  grundzügen  das  treffen  wird,  was  zwar  nicht  "Wolfram,  wahrschemlich 
aber  Kyot,  sein  gewährsmann,  gewolt  hat. 

BERLIN,    NOVEMBER    1887.  G.    BOETTICHER. 


BOETTICHER,    l'BER    TITZ ,    GEDICHTE,    HERAUSG.    VON    FISCHER  121 

Johann  Pete  r  Titzs  deutsche  gedichte,  gesammelt  und  herausgegeben 
von  L.  H.  Fischer.  Halle  a.  S.,  verlag  der  buchhandlung  des  Waisenhauses. 
LXXVni  u.  304  s.    8.     6  m. 

Das  vorliegende,  der  geselschaft  für  deutsche  philologie  in  Berhn  zu  ihrem 
11.  Stiftungsfeste  gewidmete  buch  ist  eine  frucht  der  mehrjährigen  eingehenden 
beschäftigung  des  Verfassers  mit  dem  Königsberger  dichterkreise.  Nachdem  er  bereits 
in  nr.  44  —  47  der  Braunischen  neudrucke  „Gedichte  des  Königsberger  dichterkreises 
aus  Heinrich  Alberts  Arien  und  musikalischer  kürbshütte '^  herausgegeben  hatte, 
verfolgte  er  die  spur  des  von  den  Königsbergern  vielgenanten  imd  hochgeschäz- 
ten,  heute  aber  fast  ganz  vergessenen  Johann  Peter  Titz,  welcher  als  professor 
der  schönen  Wissenschaften  mehr  als  49  jähre  am  Danziger  gymnasium  gelebt  und 
gewirkt  hat.  Als  solcher  hat  er  sich  namhafte  Verdienste  um  die  Verbreitung,  befe- 
stigung  und  den  ausbau  der  poetik  Opitzens  erworben  und  dieselbe  zugleich  auch  durch 
eigne  praktische  Verwertung  zu  ehren  gebracht.  Er  stand  mit  allen  hervorragenderen 
dichtem  der  zweiten  hülfte  des  17.  Jahrhunderts  in  litterarischein  und  meist  auch 
persönlichem  verkehr;  seine  gedichte  stehen  den  besten  der  zeit  nicht  nach,  wenn 
sie  auch  die  Innigkeit  jnancher  lieder  Simon  Dachs  nicht  erreichen.  Titz  war  ein 
anregender,  vielseitig  gebildeter  und  tätiger  geist,  ein  nicht  unbedeutendes  talent, 
an  poetischem  empfinden  reicher  als  Opitz,  doch  immer  noch  haftend  in  der  rein 
verstandesmässigen  behandlung  der  stoffe. 

Von  seinem  lebens-  nud  bildungsgange  gibt  der  herausgeber  ausführlichen 
bericht  (s.  XV  —  LXXVIII),  nachdem  er  in  einer  Vorbemerkung  (XI  —  XIV)  die 
„Danziger  dichterschule",  wie  sie  sich  seit  Opitzens  aufenthalt  in  Danzig  entwickelt 
hatte,  charakteiisiert  hat.  1619  in  Liegnitz  geboren  und  bald  verwaist  besuchte  er 
kurze  zeit  das  Elisabeth  -  gymnasium  in  Breslau  und  siedelte  dann  nach  Danzig  über, 
wo  er  bald  mit  Opitz  in  persönlichen  verkelu*  trat,  durch  ihn  auch  mit  dem  Königs- 
berger kreise  bekant  wurde,  und  so  als  persönlicher  schüler  Opitzens  von  vornherein 
ansehen  genoss  und  als  solcher  auch  seine  enthusiastische  bewunderuug  des  meisters 
in  den  zeitüblichen  Übertreibungen  in  vielen  gedichten  ausgesprochen  hat.  Nach 
Opitzens  tode  erschienen  1642  „zwei  bücher  von  der  kunst,  hochdeutsche  Averse  zu 
machen",  ein  werk,  welches  hoch  geschäzt  wurde.  Nachdem  er  voriibergehend  in 
Eostock  imd  Königsberg  gewesen  war,  wurde  er  1648  au  der  Marien  schule  und  1651 
als  professor  humanitatis  au  dem  weitberühmten  Danziger  gymnasium  angestelt.  Zu 
seiner  weiteren  ausbildung  gieng  er  im  folgenden  jahi-e  nach  HoUand;  zurückgekehrt 
erhielt  er  1653  auch  noch,  die  professiu'  der  beredsamkeit  und  1656  die  der  dicht- 
kunst.  1653  heiratete  er  und  blieb  nun  bis  an  sein  lebensende  in  seinem  Danziger 
Wirkungskreise.  Familienglück  hat  er  nicht  viel  genossen;  er  verlor  5  söhne  imd 
zwei  trauen  und  starb,  nur  von  seiner  dritten  frau  überlebt,  1687,  nachdem  er  das 
lezte  jähr  seines  lebens  in  dem  unglücklichen  zustande  fast  völliger  gedächtnislosig- 
keit  zugebracht  hatte. 

Titzens  schriftstellerische  tätigkeit  war  sehr  umfangreich.  Auf  11  Seiten  gibt 
der  herausgeber  ein  Verzeichnis  der  von  Titz  selbst  veranstalteten  samluugen  seiner 
lateinischen  gedichte  und  wissenschaftlichen  arbeiten;  von  einzeldrucken  sind  nur 
die  hauptsächlichsten  aufgenommen.  Die  deutschen  gedichte  hat  der  herausgeber 
geordnet  in  1.  epische  gedichte.  2.  samlungen  lyrischer  gedichte.  3.  hochzeits- 
gedichte.  4.  leichengedichte.  5.  vermischte  gelegenheitsgedichte.  6.  Übersetzungen 
aus  dem  lateinischen.  Unter  den  epischen  gedichten  ist  die  „Lucretia"  hervorzu- 
heben, in  welcher  er  nach  des  herausgebers  lichtigem  urteil  „nicht  geringe  fähigkeit 


122  WEINHOLD 

zeigt,  seelische  Vorgänge  anschaulich  und  überzeugend  darzustellen.''  In  den  übrigen 
gedichten  zeigt  sich  dui'chweg  hoher  ernst  und  tiefe  sitlich  -  religiöse  lebensauffas- 
sung.  Sie  halten  sich  von  der  gesuchten  Schlüpfrigkeit  der  sogenanten  zweiten  schle- 
sischen  schule  gänzlich  fern  und  bringen  doch  fröhlichen  sinn,  scherz  und  humor 
ansprechend  zui"  geltung.  S.  271  —  296  folgen  anmerkungen ,  in  welchen  der  heraus- 
geber  den  kritischen  bericht  über  seine  samlung  liefert.  Die  meisten  handschiiften 
befinden  sich  auf  der  Danziger  stadtbibliothek,  eine  anzahl  aber  auch  in  Breslau. 
Orthographie  und  Interpunktion  der  originale  sind  beibehalten,  leztere  nur  da  geän- 
dert und  angemerkt,  wo  sinentsteUende  fehler  vorlagen;  alle  abkürzungen  sind  auf- 
gelöst und  die  verszählung  ist  durchgefükrt. 

Fischers  ausgäbe  ist  für  jeden,  der  sich  näher  mit  dem  17.  jahrhimdert  beschäf- 
tigt, von  Wichtigkeit,  sie  dient  in  der  tat  dazu,  „unsere  kentnis  von  der  durch 
Opitzens  einfluss  heraufgeführten  entwicklung  der  poesie  in  Deutschland  zu  vervol- 
ständigen.'*  Ausstattung  und  driick  des  buches  sind  ganz  vorzüglich  imd  umsomehr 
anzuerkennen,  als  der  preis  im  Verhältnis  sehr  gering  ist. 

BERLIN,   DECEMBER    1887.  G.    BOETTICHER. 


Schriftsprache  und  dialekte  im  deutschen  nach  Zeugnissen  alter  und 
neuer  zeit.  Beiträge  zur  geschichte  der  deutschen  spräche  von 
Adolf  Sociii.     Heilbronn,  Geh!-.  Henninger.  1888.     XH,  544  s.    8.    10  m. 

Der  zweck  des  vorhegenden  muf anglichen  buches  ist  nach  des  Verfassers  eige- 
nen werten  „  die  Zeugnisse  zu  vereinigen  specieU  über  das  Verhältnis  von  Schrift- 
sprache und  dialekten  in  den  verschiedenen  perioden  der  deutschen  spräche." 

Tür  den  althochdeutschen  Zeitraum  zog  der  Verfasser  wegen  der  spärlichen 
direkten  Zeugnisse  eine  zusammenhängende  darsteUung  vor,  in  welche  die  Zeugnisse 
verwoben  und  in  der  zur  erläuterung  gelegenthch  auch  selten  der  inneren  geschichte 
der  deutschen  spräche  berücksichtigt  sind. 

AVir  erhalten  hier  eine  art  sprach-  und  litteraturgeschichte  bis  in  das  zwölfte 
Jahrhundert.  Zuerst  eine  übei'sicht  über  die  sprachlichen  Verhältnisse  vor  begrün- 
dung  des  abendländischen  kaiserreichs  (d.  h.  bis  Karl  d.  Gr.),  dann  über  die  althoch- 
deutschen dialekte  und  über  die  anfange  der  ahd.  litteratur,  wobei  sich  die  Scherer- 
sche  hyi)othese  bemerkbar  macht,  ferner  über  die  entwicklung  der  spräche  von  Karl 
bis  zum  ausgange  der  fränkischen  dynastie.  Die  einleitung  MüUenhoffs  zu  den  denk- 
mälern  hat  als  leitfaden  gedient. 

Mii'  scheint,  dass  der  herr  Verfasser  manches  aus  den  geschichtlichen  zustän- 
den besser  hätte  erläutern  können.  Der  von  den  Merwingern  gegründete,  von  Karl 
d.  Gr.  weiter  ausgebildete  und  gemehrte  staat  hiess  eben  der  fränkische  imd  alle 
seine  angehörigen  deutscher  und  romanischer  zimge  hiessen  Franci.  Es  blieb  staats- 
gesetz,  dass  der  könig  ein  Franke  sein  muste,  und  die  sächsischen  könige,  die  den 
KarUngern  folgten,  wurden  durch  die  königswahl  Franken.  Das  lateinische  war  durch  ( 
die  merwingische  politik  Staatssprache  geworden;  was  von  staatswegen  geschrieben 
ward,  muste  gleich  allem  kirchlichen  lateinisch  abgefasst  werden.  Daher  sind  die 
deutschen  Übersetzungen  einzelner  gesetzabschnitte  und  Urkunden  nichts  als  privat- 
arbeiten. Die  mündUchen  Verhandlungen  wurden  freiUch  deutsch  geführt;  die  eide 
in  der  landessprache  geschworen  (die  Strassburger  eide),  deutsch  die  prozesse 
geführt. 


tBER    SOCIN,    SCHEIPTSPE.    U.    DIALL.  123 

Dass  deutsche  namen  über  gaaz  Gallien  verbreitet  waren,  beweist  für  die 
ausdehnung  der  deutschen  spräche  gar  nichts.  GaUische  und  romanische  freie  und 
hörige  leute  trugen  sehr  gern  die  namen  des  harschenden  volkes,  in  umbildimgen 
natürlich  ihres  eignen  lautstandes. 

Das  karliugische  hofdeutsch  wird  von  herrn  Socin  nach  Müllenholf  als  rhein- 
fi'änkisch  (genauer  Wornisisch)  bezeichnet,  weil  der  hof  von  770  —  790  in  Worms 
seinen  hauptaufenthalt  gehabt  habe  (Scherer  in  den  denkm.  528).  Das  ist  nicht  richtig. 
Nur  sieben  reichstage  sind  in  jenen  zwanzig  jähren  in  Worms  gehalten  worden 
(Waitz  d.  verf.  gesch.  3'-,  577  anm.  2).  Und  daraufhin  will  man  behaupten,  dass 
das  Wormsische  fränkisch  die  reichs-  oder  hofsprache  werden  muste?  Die  Karolin- 
ger waren  aus  dem  deutschen  MoseUande ;  moselfränkisch  wird  daher  umsoraehr  bis 
gegen  ende  des  geschlechts  ihi'e  haus-  und  hofsprache  gewesen  sein,  als  ihr  aufent- 
halt  ein  durchaus  wechselnder  war.  Die  namensformen  bei  Einhart,  Neithart,  die 
spräche  der  Strassbui'ger  eide,  das  Ludwigshed  sprechen  auch  dafür. 

Die  mundart  der  Isidorübersetzung  ist  am  besten  als  die  Mainzer  zu  bezeich- 
nen; herr  Socin  nent  sie  sehr  unbestimt  mittel-  oder  rheinfränkisch.  Scherer  sah  in 
ihr  (in  seinem  aufsatz  über  die  deutsche  Spracheinheit)  das  bindegüed  zwischen 
hoch-  und  niederdeutsch,  indem  sich  ihr  „der  fränkische  bischof,  der  alemannische 
mönch,  der  bairische  graf  möglichst  annäherten,  wenn  sie  mit  einander  sprachen. 
Diese  phantasiereiche  behauptung  bleibt  freilich  hinter  einer  andern  desselben  gelehr- 
ten (Zeitschr.  f.  österr.  gymnas.  1868  s.  848)  weit  zurück,  wonach  „man"  im  9.  jakr- 
himdert  ein  sächsisches  gedieht  auch  noch  in  Baiern  verstanden  hätte,  und  minde- 
stens im  stände  gewesen  wäre,  beim  vorlesen  leicht  die  sächsischen  laute  in  die  eines 
andern  dialekts  zu  übertragen. 

Es  Hesse  sich  über  manchen  punkt  rechten,  worin  sich  herr  Socin  ohne  wei- 
teres Scherer  anschliesst.  Wenn  z.  b.  die  abschreiber  ihre  eigne  mundart  in  den 
text  einmischen,  so  beruht  das  doch  nicht  auf  ihrer  meinung,  ein  gemisch  aus  nie- 
der- oder  mitteldeutsch  und  oberdeutsch  sei  die  höhere  Schriftsprache,  sondern  auf 
der  natürlichen  einwii'kung  des  mutterdialekts  auf  die  schreibende  band. 

Wenig  glücklich  ist  die  benennung  des  mitteldeutschen  im  11.  12.  jahi'hundert 
als  neufränkisch.  Der  Pilatus,  der  bei  dieser  gelegenheit  (s.  59  fg.)  erwähnt  wird, 
gehört  nach  Hessen,  wie  ich  (in  dieser  ztschr.  VIII,  271  fg.)  bemesen  habe  gele- 
gentlich der  textausgabe  des  schönen  bnichstücks. 

Die  zeit  bis  in  das  12.  Jahrhundert  betrachtet  der  Verfasser  nur  als  vorhof. 
Die  eigentliche  aufgäbe  begint  für  ihn  mit  der  mhd.  zeit.  Im  1.  buche  des  ersten 
teils  (ein  zweites  folgt  nicht)  führt  er  in  fünf  kapiteln  das  Verhältnis  von  Schrift- 
sprache und  dialekt  während  dieser  periode  aiis.  In  der  Streitfrage  über  die  mhd. 
Schriftsprache  steht  er  auf  dem  von  mir  geteilten  Standpunkte,  dass  es  eine  über 
den  dialekten  stehende  dichtersprache  im  13.  Jahrhundert  gegeben  hat,  welcher  die 
einzelnen  nach  kuust  und  geschmack  zustrebten. 

Das  3.  kapitel  behandelt  „  das  Wiederaufleben  der  Schriftdialekte  ^  im  14.  Jahr- 
hundert, wobei  die  einzelnen  Utterarisch  wichtigen  mundarten  gekenzeichnet  werden. 
Die  wichtige  vokalische  Verschiebung,  die  zuerst  im  bairischen  dialekt  auftritt  und 
sich  von  da  weiter  verbreitend  unsenu  vokalismus  neue  züge  aufdrückte,  erklärt 
heiT  Socin  nach  Staubs  Vorgang  (Fi'ommann,  mundarten  YII,  199)  aus  zweigipfUgom 
accent,  ungleicher  tonhöhe  und  differenzierung,  und  dieses  wider  aus  singender  aus- 
spräche, die  doch  grade  dem  bajuvarischen  wenig  eigen  ist. 


124  WEINHOLD,    ÜBER    SOCIN,    SCHRIFTSPR.    U.    DIALL. 

Bei  der  aiisführung  über  die  mitteldeutschen  Vereinfachungen  der  diphthonge 
hätte  der  Verfasser  meine  mhd.  gramtn.  2.  ausg.  §§  134.  142  benutzen  können. 

Dass  in  Brandenburg  von  anfang  an  das  md.  als  geschäftssprache  geherscht 
habe,  wird  aus  Denkm.  XXIX  schwerlich  richtig  gefolgert.  Falsch  ist  (s.  143),  dass 
Eicke  von  Repgow  das  obersächsische  als  rechtsprache  bevorzugte.  Eicke  hat  den 
Sachsenspiegel  nd.  geschi'ieben.  Aber  die  Verbreitung  dieses  rechtsbuches  in  dem 
ostdeutschen  kolonisationsgebiete  führte  früh  zu  üliertragungen  in  das  nid.,  und  als 
die  Magdeburger  schöffen  von  den  städten  in  Ostmitteldeutschland  um  weistümer 
angegangen  wurden,  gaben  sie  dieselben  aus  praktischen  rücksichten  im  md.  dialekt, 
ebenso  wie  Brun  von  Schönebeck  und  andre  md.  zu  dichten  versuchten,  um  ihren 
werken  grössere  Verbreitung  zu  schaffen. 

Für  das  schlesisciie  erlaube  ich  mir  herrn  Socin  auf  meine  schrift  „Die  Ver- 
breitung und  die  herkunft  der  Deutschen  in  Schlesien"  (Stuttgart  1887)  aufmerksam 
zu  machen. 

Im  4.  b.  kapitel  wird  das  aufkommen  und  wachsen  der  kaiserlichen  kanzlei- 
sprache  und  ihr  kämpf  mit  den  dialekten  auf  grund  der  Müllenhoffschen  ausführun- 
gen  und  nüt  berücksichtigung  neuerer  arbeiten  geschildert.  Für  Alemanuien  hat  herr 
Socin  eigene  forschungen  verwertet. 

Im  2.  teil,  der  in  drei  bücher  zerfält,  fühii  der  Verfasser  die  zeit  von  Luther 
bis  J.  Grimm  vor.  Anlage  und  ausführung  streben  hier  nach  einer  zusammenhan- 
genden samlung  der  Zeugnisse  aus  den  Schriften  jenes  Zeitraums. 

Für  das  16.  Jahrhundert  wäre  eine  eindiingendere  darstellung  des  Verhältnisses 
der  kanzleisprache  zu  der  theologischen  und  weltlichen  litteratursprache  zu  wünschen. 
Das  capitcl  „über  die  deutsche  reichssprache  im  16.  Jahrhundert"  kann  hierfür  nicht 
genügen.  Das  bedürfnis  nach  einer  einheitlichen  Schriftsprache  ist  in  jener  zeit  sehr 
stark  empfunden  worden.  Aber  während  des  ganzen  Jahrhunderts  streiten  verschie- 
dene Strömungen  gegen  einander.  So  fühlbar  auch  das  grosse  gewicht  der  Luther- 
sprache überall  ist,  so  dringt  sie  doch  nicht  zum  algemeinen  siege  durch,  war  doch 
die  spräche  Luthers  selbst  während  seines  ganzen  lebens  in  fortwährender  entwick- 
lung  und  Umgestaltung. 

Für  den  sprachlichen  kämpf  in  der  Schweiz  hat  herr  Socin  im  3.  kapitel  dan- 
kenswertes gebracht.  Grade  dafür  bietet  auch  Fr.  Kluges  büchlcin  „Von  Luther  bis 
Lessing"  (Strassburg  1888)  schätzbare  abschnitte. 

Alzudürftig  wird  der  kämpf  des  Niederdeutschen  gegen  die  „Luthersprache" 
abgefertigt.     Weitmehr  bietet  Kluge  in  seinem  kapitel  Niederdeutsch  und  Hochdeutsch. 

Die  grammatiker  des  16.  Jahrhunderts  sind  sorgfältig  ausgezogen.  Für  das 
17.  Jahrhundert  vermisse  ich  die  scharfe  betonung  jenes  patriotischen  zuges,  der 
durch  die  litteratur  des  viel  verkauten  Jahrhunderts  hindurchgeht,  und  auf  den  u.  a. 
K.  Burdach  in  seiner  dissertation  über  die  einigung  der  nhd.  Schriftsprache  sehr 
bestimt  hingewiesen  hat. 

In  der  darstellung  des  18.  Jahrhunderts  treten  die  obersächsische  oberherlich- 
keit  und  die  Stellung  der  Schweizer  zur  Schriftsprache  am  besten  hervor.  Was  über 
die  sprachliche  bcdoutung  unsrer  grossen  dichter  gesagt  wird,  kann  unmöglich  genü- 
gen. Am  besten  ist  uocii  Wieland  bedaclit.  Grade  an  ihnen  liess  sich  zeigen,  welch 
bedeutende  macht  die  angeborne  mundart  auf  die  spräche  auch  der  grösten  Schrift- 
steller hatte.  Lessing  hat  stets  einen  Oberlausitzer  gerucli  behalten,  Schiller  den 
schwäbischen,  Goethe  den  Frankfuiier,  in  den  sich  dann  etwas  thüringisches  ein- 
mischte. 


MOGK,  ÜBER  VQLÜSPA,  ÜBERS.  VON  HEUSLER  125 

Unter  deu  mundartlichen  diciitern  ist  Hebel  am  meisten  berücksichtigt.  Das 
Verhältnis  des  streng  mundai-tlichen  zum  hochdeutschen  bei  diesem  treflichen  manne 
hat  der  Verfasser  wol  beachtet. 

Don  dritten  teil,  über  Schriftsprache  und  dialekt  des  19.  Jahrhunderts,  gibt 
herr  Socin  als  anhang.  Die  abschnitte  Jacob  Grimm,  die  grammatischen  theorien 
über  Schriftsprache  und  inundart,  über  dialektforschung  seit  Schmeller,  und  über  den 
kämpf  der  mundartlichen  littcratur,  namentlich  in  der  Schweiz  und  in  Niedersachsen 
bringen  manches  anziehende.  Andres  wird  vormisst.  Mit  nutzen  hätte  der  herr  Ver- 
fasser das  anregende,  lebendige  buch  Kud.  Hildebrands  „Vom  deutschen  Sprachunter- 
richt in  der  schule  und  von  deutscher  erziehung  und  bildimg  überhaupt"  (3.  aufl. 
Leipzig  1887)  brauchen  können.  Versteckter  liegen  die  abhandlungen  von  K.  J.  Schröer 
„Der  deutsche  Sprachunterricht  und  die  mimdarten"  (Wien  1870)  und  von  Strackerjan 
„Das  plattdeutsche  als  hilfsmittel  für  deu  Unterricht"  (Oldenburg  1866). 

Die  aufgäbe,  die  sich  herr  Socin  gestelt  hat,  war  sehr  gross,  und  au  bemü- 
hung  um  die  lösung  hat  er  es  nicht  fehlen  lassen.  Aber  es  fragt  sich,  ob  er  nicht 
gut  getan  hätte,  sein  buch  noch  länger  zu  pflegen,  oder  wenn  er  schon  jezt  mit  der 
ai'beit  hervortreten  wolte,  die  grenzen  enger  zu  ziehen. 

BRESLAU.  KARL    WEINHOLD. 


VqIo  sp^.  Die  Weissagung  der  seherin.  Aus  dem  altnordischen  übersezt 
und  erläutert  von  Andreas  Heusler.  Berlin  1887.  Georg  Reimer.  59  s.  8. 
1,50  m. 

Als  Hoffory  die  heldeulieder  der  Grimmschen  Übersetzung  der  Edda  zu 
J.  Giimms  hundertjährigem  geburtstag  einfach  abdrucken  Hess,  war  das  ein  verdienst- 
liches xinteiTiehmen ,  das  in  deu  weitesten  kreisen  anklang  finden  muste.  Wenn  aber 
vier  jahi'e  nach  ihrem  erscheinen  ein  teil  von  Müllenhoffs  durchaus  gelehrter  arbeit 
populär  gemacht  werden  soll,  so  ist  das  weder  im  geiste  des  geistigen  Urhebers  die- 
ser Schrift,  uoch  wird  ihr  i)Oi)ulärmacher  dem  einen  freundschaftsdienst  erwiesen 
haben,  dem  sie  gewidmet  ist.  Das  schriftehen  enthält  in  treflichster  ausstattuug  eine 
einleitung,  die  die  reichliche  hälfte  einnimt,  daneben  einen  abdruck  der  Müllen- 
hoffschen  VQluspä  nebst  Übersetzung  und  anmerkungen,  die  fast  durchweg  MüUenhoff 
entnommen  sind.  Was  der  abdruck  des  Urtextes  bedeuten  soll,  ist  nicht  recht  ver- 
ständlich. Wer  die  Vcjluspa  im  urtoxte  liest,  der  wird  gewiss  nicht  zu  herrn  Heus- 
ler seine  Zuflucht  nehmen,  und  aufängern  im  altnordischen  wird  die  alte  form 
nicht  recht  verständlich  sein.  Wir  haben  hier  weiter  nichts  wie  das  alte  experiment 
des  lehrers,  der  seinen  schülern  einmal  zeigen  will,  wie  griechische  oder  hebräische 
buchstaben  aussehen.  Mit  der  gestalt  des  gedichts  wäll  ich  gar  nicht  rechten;  ich 
für  meine  person  stehe  wie  Heusler  fast  durchweg  auf  Müllenhoffschem  boden.  Nur 
meine  ich,  dass  wir  alle  irren  können  und  wenn  je  einer,  so  ist  MüUeuhoft'  von  die- 
ser Wahrheit  voll  und  ganz  überzeugt  gewesen.  Die  Mülleuhoft"sche  Voluspä  ist 
schön  und  grossartig;  was  er  zur  stütze  seiner  ausmerzungeu  gebracht  hat,  ist  meist 
klar  und  überzeugend,  allein  dass  in  Wirklichkeit  die  Vgluspa  einst  in  dieser  gestalt 
bestanden  habe,  lässt  sich  nie  und  nimmer  strikte  beweisen,  ganz  abgesehen  davon, 
dass  MüUenhoff  auch  bei  diesem  gedichte  imter  der  idee  des  Zahlensystems  gestan- 
den hat.  Heusler  hat  die  Müllenhoft'sche ,  aber  nicht  die  altisländische  Voluspä  popu- 
lär gemacht.     Und  doch  enthält  auch  die  alte  isländische  züge,  die  das  grosse  publi- 


126 


kam  anspreclieu  würden;  ich  erinnere  nur  an  die  Schöpfung  der  menschen,  an  den 
weltbauni,  an  die  nornen. 

Die  einleitung  gibt  im  ganzen  die  Müllenhoffschen  und  Hoffoiyscheu  gedauken 
über  das  alte  lied  richtig  wider.  Alles  andere  erscheint  als  apokiypha,  mit  denen 
tabula  rasa  zu  machen  ist.  Nur  scheint  es  zugleich  als  ob  die  apokrypha  ausgemerzt 
wären,  ohne  dass  sie  Heusler  kent.  So  soll  z.  b.  Bang  die  Voluspü  zuerst  einer 
weitgehenden  kritik  unterworfen  haben  (s.  7);  N.  Petersens,  Weinholds,  Dietrichs 
u.  a.  arbeiten  scheinen  unbekant  zu  sein.  Was  über  die  geschichte  des  woiies 
„Edda"  gesagt  ist,  ist  unklar  und  zum  teil  falsch;  ich  verweise  auf  K.  Maurer, 
Altnord.  s.  215  und  vor  allem  auf  das  Corp.  poet.  bor.  I  s.  XXVI  fgg.  0|)in  als  Val- 
fQ{)r  soll  „vater  der  \Yalstatt"  sein  (s.  21).  Dem  Verfasser  ist  kein  vorwui-f  zu 
machen,  wenn  er  SchuUerus  abhandlung  über  den  YaUiQllmythos  noch  nicht  gelesen 
oder  gekant  hat,  dagegen  hätte  ihn  ein  blick  in  Schades  oder  Kluges  wuiierbuch 
überzeugen  können,  dass  Valf(j{)r  einfach  „ totenvater "  ist,  und  wenn  er  sich  in 
den  elementen  der  mythologie  umgesehen  hätte,  so  würden  ihn  diese  belehii  haben, 
wie  fast  bei  allen  indogermanischen  stammen  der  windgott  zum  totengotte  wird  nach 
der  einfachen  volkstümlichen  auffassuug,  dass  die  seelen  der  abgeschiedenen  als  luft- 
geister  im  winde  daherfahren.  Dann  würde  er  auch  ein  ganz  anderes  und  vor 
allem  klareres  bild  von  der  weltesche  erhalten  haben,  dem  äthergewohoten ,  luftigen 
bäume,  von  dem  die  tautropfen  auf  die  erde  herabfallen,  und  die  anmerkung  zu 
V.  13  (s.  42)  würde  dem  laien  verständlich  werden.  Man  scheint  wirklich  mit  aller 
gewalt  sich  dem  ebenso  einfachen  wie  verständlichen  bilde,  das  in  der  kenniug  askr 
Yggdrasils  liegt,  verschliessen  zu  wollen,  wie  auch  SchuUerus  beitr.  XU,  226  gezeigt 
hat.  0{)ins  achtbeiniges  ross  Sleipnir  wird  doch  schwerhch  jemand  anders  als  die 
wölke  zu  deuten  vermögen,  wie  die  fast  unzähligen  sagen  vom  wütenden  heere  oder 
von  der  wilden  jagd  zur  genüge  erhärten,  die  aus  dem  gleichen  vorstellungskreise 
entsprungen  sind.  Auf  ihr  reitet  der  windgott.  Und  wenn  sie  in  den  lüften,  eben 
in  dem  äthergewohnten  weltenbaume  ruhig  steht,  dann  hat  sie  der  windgott  hier 
angebunden  oder  lässt  sie  daselbst  weiden.  In  ihr  allein  kann  auch  nur  die  Vorstel- 
lung von  Valli^ll  ihre  wurzel  haben  und  wer  dieselbe  mit  gewalt  auf  die  erde  ver- 
sezt,  verbaut  sicli  das  tor  zu  einem  ebenso  einfachen  wie  volkstümlichen  mythos.  — 
Verständnis  der  mythologie  ist  bei  jeder  ausleguug  der  Vgluspä  unbedingtes  erforder- 
nis,  zumal  wenn  man  sie  populär  machen  will.  Und  nur  wenn  man  sich  solches 
angeeignet  hat,  wird  mau  MüUenhoffs  oft  schwer  verständliche  woite  begreifen. 
Leider  hat  auch  Heusler  die  vorläge,  der  er  seine  arbeit  entnommen,  nicht  immer 
verstanden.  Wer  z.  b.  sagt:  „Die  unergründhche  tiefe  der  see  und  ihr  murmelndes 
spülen  wider  die  ufer  lassen  an  die  alumfassende  und  heimlich  raunende  Weisheit 
des  alten  lierschers  glauben"  (s.  25),  der  hat  nicht  einmal  MüUenhoffs  warnung 
beachtet,  dass  Mimir  kein  meer-  und  wassergott  ist  (DAJv.  V,  105)  und  zeigt,  dass 
er  keine  spiu"  von  der  weissagenden  und  weisheitlehrenden  kraft  des  wassers  hat,  die 
wir  bei  allen  germanischen  stammen  finden,  wie  schon  die  alten  Cimborn  nach  dem 
belichte  des  Plutarch  aus  heiligen  quellen  weissagten. 

Die  Übersetzung  hält  sich  sachlich  streng  an  die  MüUenhoifsche;  formell  weicht 
sie  öfter  ab,  ich  weiss  nicht,  ob  zu  ilirem  vorteil.  Den  wenigen  sachhcheu  abwei- 
chungen  ist  nicht  immer  beizustimmen.  Vsp.  2^  übersezt  MüUenhoff  heima  richtig 
mit  „heime",  Heusler  mit  „erdheime",  was  er  auch  in  der  einleitung  vertritt  (s.  21). 
Der  weltenbaum  umfasst  aber  die  ganze  weit,  auch  den  luftraum,  den  himmel,  nicht 
nur  die  erde.  —  Das  von  Heusler  eingeschobene  „und"  (den  herlichen  Seh.  v.  2)  macht 


: 


ÜBER  VQLUSPA,  ÜBERS.  VON  HEUSLER  127 

die  Visa  imklaier,  da  v.  4  nur  apposition  zu  v.  3  ist  und  nicht  diesem  verse  bei- 
geordnet werden  darf.  —  Die  schwierige  stelle  8':  ritte  gmida  übersezt  Heusler 
„sie  bante  mit  ihren  stäbeu."  Es  scheint  ihm  der  eingang  der  Vsp.  nach  der  Mül- 
lenhoffschen  auffassuug  vorgeschwebt  zu  haben.  Allein  1.  vitta  heisst  nie  bannen; 
2.  der  acc.  kann  nicht  instrumentale  bedeutuug  haben;  und  3.  überall  wo  vglvur 
auftreten,  haben  sie  nur  einen  stab,  nirgends  stäbe."  Die  klarste  beschreibuug  der 
nordischen  volventätigkeit  haben  wir  bekantlich  in  der  l*orfinnssaga  Karlsefnis  (vgl. 
Maurer,  bekehrung  I,  445  fgg.).  Hier  bedarf  die  v^lva  Thorbjovg,  bevor  sie  ihren 
eigentlichen  zauber  beginnen  konte  {fremja  seipinn\  gewisser  formelliafter  lieder,  der 
varplokkur,  der  schutzgeisterlockung,  und  diese  wurden  im  vorliegenden  falle  von 
anderen  gesungen.  Nachdem  sich  diese  naturgeistcr  herabgelassen,  begann  erst  die 
Wirksamkeit  der  vglva,  der  seipr:  sie  sah  die  zukunft  deutlich  vor  äugen.  Wemi 
wir  diese  klare  darstellung  im  äuge  behalten,  wird  uns  der  sinn  von  Ysp.  8,  3 — ^4 
verständlich  werden ; 

seip  lirars  Imnne,  seip  kugle ikenn 
bezieht  sich  auf  den  eigentlichen  zauber,  das  ritte  yanda  auf  den  vorhergehenden 
akt,  das  herabsingen  der  scliutz-  oder  hilfsgeister.  Diese  geister  aber  scheinen  den 
namen  gandir  gehabt  zu  haben,  wie  z.  b.  gandreipir  nichts  anderes  sein  kann,  als 
das  reiten  dieser  geister  (vgl.  Fas.  11,  131:  ekki  skorti  gandreipir  i  eyjiinni  um  nott- 
ino)^  was  noch  in  Norwegen  als  gandferd  (Aasen  s.  207)  bekant  ist,  oder  gandrisa 
der  gesang,  der  diese  geister  herabruft;  und  dazu  stimt,  wenn  mau  noch  heute  in 
Sondmore  sagt:  Da  ra  reint  'ta  Gand'  o  (Aasen  a.a.O.,  wo  sich  noch  andere  Wör- 
ter finden,  die  diese  deutimg  stützen).  Nun  verstehen  wir  auch  das  spd  ganda 
(16-),  denn  jene  gandir  brachten  eben  der  vQlva  die  kraft,  die  zukunft  vorauszu- 
sehen (vgl.  die  oben  angefühi-te  stelle).  —  Was  klingt  wol  besser,  das  MüUenhoff- 
sche  „berater"  für  regin  oder  das  Heuslersche  „ ratmächte "  ? —  V.  11^"*  ist  umich- 
tig  der  conj.  plusq.  durch  den  conj.  imperf.  wadergegeben ,  wodurch  die  Strophe  gera- 
dezu unverständlich  wii'd.  —  12Mst  Thor  von  zorn  gebläht  {Prungenn)\  —  13': 
„ewig  heiter"  (H)  imd  „  äthergewohnt "  ist  gerade  bei  der  weltesche  ein  bedeutender 
unterschied,  denn  lezteres  ist  sie,  ersteres  nicht.  —  Ebenso  unrichtig  ist  Heuslers 
Übersetzung  von  yggjungr  äsa  „der  schreckliche  asengott",  wo  MüUenhoff  ganz  rich- 
tig übersezt:  „der  schrecker  unter  den  äsen."  —  Ob  18^  blopgom  gegen  Müllenhoffs 
blaiipgom  das  richtige  trift,  lässt  sich  schwer  entscheiden:  ersteres,  das  wir  Bugge 
verdanken,  ist  allen  nordischen  dialekten  unbekant,  lezteres  ist  zu  herabsetzend  und 
passt  nicht  fürBaldr.  —  19"  Hqpr  nam  skjöta  kann  nimmermehr  heissen  „H.  nahm 
und  schoss",  da  nema  bekantlich  im  nordischen  als  hülfsverb  verwendet  wird.  — 
24^  kann  es  höchstens  heissen:  „Ich  sah  dort  waten  in  reissenden  strömen",  da 
durch  falschen  sinn  in  die  stelle  bringen  kann.  —  25^  ^  Isarnvipe  heisst  „im 
eisenwalde",  nicht  „vom  e."  —  30^  hat  MüUenhoff  systrunyar  treffend  mit  „schwe- 
sterkinder"  widergegebeu,  da  die  stelle  auf  das  enge  Verhältnis  zwischen  dem  neften 
und  dem  mutterbruder  anspielt,  das  aufs  tiefste  bei  allen  germanischen  stammen  in 
das  familienleben  eingreift;  geschwisterkinder,  wie  Heusler  übersezt,  raubt  der  stelle 
den  rechtlichen  hintergrund  und  das  richtige  Verständnis.  —  31  -  den  alten  Schreib- 
fehler des  cod.  reg.  galla  für  das  richtige  yamla  (cod.  H)  solte  man  nun  endlich 
aus  dem  spiele  lassen.  —  32"^  et  aldna  tre  ist  „der  alte  bäum",  weil  er  schon  seit 
undenklichen  zeiten  steht,  aber  nicht  „der  gealterte",  da  bekantlich  die  weltesche 
durch  das  begiessen  der  norne  immer  jung  bleibt.  —  33^  esero  d  pinye  „die  äsen 
kommen  zu  häuf."     Die   Übersetzung  raubt   wider  der  stelle   den   rechten  sinn:    wie 


128  NACHRICHTEN 

kann  man  hieraus  schliossen,  dass  im  urtexte  von  dem  lezteu  grossen  {)ing  der  äsen 
die  rede  ist?  —  Doch  ich  habe  nicht  lust,  die  abweichungen  von  der  Müllenhoff- 
schen  Übersetzung  weiter  anzuführeu,  die  fast  durchweg  mangel  des  Verständnisses 
der  V(jluspä  zeigen.  Müllenhoff  hat  sich  jedes  woii  reiflich  überlegt;  hätte  sich 
Heusler  stets  an  seine  worto  gehalten,  wie  er  es  ja  meist  tut,  so  hätte  das  schrift- 
chen immer  noch  einen  relativen  weii,  worin  ein  solcher  aber  in  der  vorliegenden 
gestalt  bestehen  soll,  ist  nicht  recht  ersichtlich. 

LEIPZIG.  E.    MOGK. 


NACHEICHTEN. 


Die  von  dem  deutschen  reiche  zurückerworbene  Pariser  miunesingerhandschrift 
ist  der  Heidelberger  universitäts - bibliothek  überwiesen  worden.  (Vgl.  K.  J.  Trübuer 
im  centralbl.  f.  bibl.  V,  225  fg.) 

Mit  Unterstützung  des  Klopstockvereius  zu  Quedünburg  wird  im  verlage  der 
Göschenschen  buchhandlung  zu  Stuttgart  eine  kritisch  -  historische  ausgäbe  der  öden 
Klopstocks  erscheinen,  herausgegeben  von  dr.  F.  Muncker  in  München  und  pro  f. 
dr.  Jaro  Pawel  in  Wien.  Anmeldungen  von  subscribeuten,  denen  das  werk  zu 
einem  ermässigten  preise  (8  mark)  geliefert  wird,  nehmen  dr.  Ad.  Düniug  in  Qued- 
linburg und  dr.  F.  Muncker  in  München  entgegen. 

Ein  autodidakt,  der  goldschmied  Päll  forkelsson  in  Reykjavik,  hat  (nu 
Selbstverläge)  die  herausgäbe  eines  grösseren  isländisch  -  französischen  Wörterbuches 
begonnen.  Das  buch  wird,  nach  den  vorliegenden  proben  zu  lU'teilen,  strengeren 
philologischen  anforderungen  nicht  genügen,  gleichwol  aber,  da  es  die  moderne 
Sprache  in  viel  grösserem  masse  als  die  vorhandenen  lexica  berücksichtigt,  nicht 
ohne  praktischen  nutzen  sein.  Es  ist  auf  100  bogen  veranschlagt  und  soU  in  liefe- 
rungen von  8  bogen  erscheinen;  der  preis  jeder  lieferung  beträgt  4  francs. 


In  Tübingen  ist  das  Ordinariat  für  deutsche  spräche  und  litteratur  dem  bibUo- 
thekar  dr.  Herm.  Fischer  (Stutgart)  übertragen  worden.  —  Prof.  0.  Behaghel 
(Basel)  geht  als  nachfolger  W.  Braunes  nach  Giessen. 

Für  germanische  philologie  habilitierten  sich:  in  Halle  dr.  Otto  Bremer,  iu 
München  dr.  Wolfgang  Golther. 


Am  20.  mai  1888  starb  zu  Kopenhagen  Christian  Knud  Frederik  Mol- 
bech  (geb.  20.  juli  1821),  bis  zur  widergewinnung  der  herzogtümer  professor  der 
dänischen  spräche  und  litteratur'  an  dm-  Universität  Kiel,  auch  als  Übersetzer  des 
Dante  und  dramatischer  dichter  rühmlich  bekant. 

Am  30.  mai  1888  starb  zu  Kopenhagen  der  ausserordentliche  docent  der  islän- 
dischen litteratui-  und  geschichte  Gisli  Brynjülfsson,  60  jähre  alt. 


Halle  a.  S. ,  Buchdjuckerei  des  Waisenhauses. 


DAS  LIEDEEBUCH  DEE  AMTA  YOIST  KÖLN. 

Während  für  das  geistliche  Volkslied  des  16.  — 17.  Jahrhunderts 
die  gednickten  quellen  dank  den  arbeiten  von  Hoffmann  von  Fallers- 
kbcn,  Ph.  Wackernagel,  Bätimker  u.  a.  so  üetnlich  erforscht  x/n  sein 
scheinen,  liegt  noch  manche  ausbeute  in  handschriftlicher  Überlieferung 
unbeachtet  auf  den  ö/fentlichefi  bibliotheken.  Dazu  gehört  auch  ein 
kleiner  wertvoller  band,  der  sich  seit  dem  jähre  1863  als  Mscr.  Germ. 
Oct.  280  iin  besitze  der  IdJniglichen  bibliothek  zu  Berlin  befindet,  und 
den  ich  kurzweg  ah  das  Liederbuch  der  Ä?ina  von  Köln  bezeich- 
nen will.  Er  enthält  auf  177  blättern  kleinsten  formales  (9,6:  7,2  on.) 
82  von  verschiedenen  händen  geschriebene  geistliche  lieder;  15  davon 
sind  bekante  lateinische  texte,  die  übrigen  in  niederrheinischem  dialekte 
abgefasst,  bei  24  7iummern  sind  die  sing  weisen  hinzugefügt.  Die 
bUitter  129a — 134  b  siiul  der  schrift  nach  der  älteste  bestandteil  der 
samlung  und  bihleten  offenbar  im  15.  Jahrhundert  noch  den  anfang 
eines  besondern  büchleins.  Hier  siiul  auch  die  einzelnen  Strophen 
regelmässig  abgesezt,  währeiul  .sonst  die  strophenan fange  r/nr  durch 
ein  mit  roter  färbe  geschriebenes  Versus,  die  der  lieder  durch  Carmen 
bezeichnet  werdoi.  Die  übrigen  Matter  der  augen.scheinlich  vielgebrauch- 
ten samlung  zeigen  meist  eine  etwas  jüngere  hand,  da\  wischen  aber 
mehrere  ursprünglich  leergelassene  seiten,  die  erst  nachträglich  zum 
teil  (bl.lb  —  2  a;  27  b  —  29  b)  mit  ei)  ler  flüchtigen  kursivschrift  beschrie  - 
ben  sind.  Wir  werden  später  sehen,  dass  diese  jüngsten  eintragungen 
wol  erst  nach  1524  gemacht  worden  si)id.  Eine  genauere  chro)tolo- 
gische  bestimmung  würde  man  erhalten,  wenn  es  gelänge,  etwas  nähe- 
res über  die  einstige  besitzeri?i  z,u  ermitteln.  Auf  bl.  la  findet  sich 
nämlicli  die  notix:  „Dit  bocli  liuert  toe  aiina  vau  coUen.  der  et 
fyiit,  eer  et  verloeren  w[ertj,  der  sterft  ovc  wall,  eer  hey  krauck  wert." 
Ebenso  auf  bl.  137b  neben  einigen  federproben:  „Dit  lieirt  to  Anua 
van  kollen.  der  et  fynt,  der  geff."  Ich  vermalte  rmch  dem  inhalte 
der  lieder  in  dieser  Anna  von  Köln,  deren  handschrift  jünger  u>ul 
ungeübter  als  die  früheren  partien  der  texte  ist,  eine  begine  oder 
norme,  die  zu  anfang  des  16.  jahrhuiulerts  im  Niederrheinischen  lebte. 

ZKITSCHRIFT    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.     BD.    XXI.  9 


130  BOLTE 

Unter  den  'mir  bekanten  samlungen  gleicher  art  stehen  örtlich 
und  xeitlicli  der  vorliegenden  nahe  zivei  niederländische  Imndschriften 
des  15.  Jahrhunderts ,  Mscr.  Germ.  Oct.  190  und  185  der  löniglichrn 
hibliothek  zu  Berlin,  von  tvelchen  Hoff  mann  von  Fallerslehen  in  der 
Bibliotheca  Hof&nanni  Fallerslebensis,  Leipzig  1846,  s.  7 — 20  nr.XIII 
und  XIV  eine  genaue  beschreibung  und  1854  in  den  Horae  Belgicae 
bd.lO  eine  ausirahl  von  123  liedern  veröffentlicht  hat.  2IG0185  ent- 
Mlt  92  niederländische  geistliche  lieder,  MG 0190  neben  einigen  latei- 
nischen texten  105  7iiederländische ,  davon  19  mit  den  melodien;  die 
lezteren  sind  kürzlich  von  W.  Bäumker  in  der  Vierteljahrsschrift  für 
musikwissenschaft  4,  153 — 257.  287  f gg.  nebst  47  liedern  einer  gleich- 
zeitigen  Wiener  handschrift  nmstei'haft  herausgegeben   ivorden. 

Die  Berliner  bibliothek  besizt  ausserdem  noch  eine  kleine7-e  sam- 
lung  von  niederdeutschen  und  lateinischen  kirchenliedern ,  tvelche  für 
den  katholischen  gottesdienst  bestirnt  war  und  im  jähre  1563  aufge- 
zeichnet  ist:  Mscr.  Germ.  Quart  1008.  I)a  sie  bisher  noch  nicht  be- 
schrieben lüorden  ist,  tcill  ich  kurz  ihren  inhalt  angeben.  Sie  besteht 
aus  20  quartblättern.,  welche  ursprünglich  einen  teil  einer  grösseren 
handschrift  bildeten;  de? in  sie  sind  mit  den  zahlen  clxx — cxcij  foliiert. 
Auf  bl.  22b  steht:  „Dat  nafolgede  singet  man  to  ^^lses  Leuen  Heren 
Lichams  dage  vnd  vort  in  der  processien  vmmer  bleck  Anno  1563." 
Die  mit  tnelodien  versehenen  nummern  mache  icli  in  der  folgendoi 
inhaltsübersicht  durch  ein  f  kentlich. 

1.  Bl.  la.     f  Kyrie  eleison. 

Vgl.  Bäumker,  Bas  katholische  deutsche  kirchenlied  2,  346. 

2.  Bl.  1  b.     t  Mittit  ad  virginem. 

Mone,  Latein,  hgmnen  des  mittelalters  2,  31.   Wacker- 
nagel, Das  deutsche  kirchenlied  1,  nr.  182. 

3.  Bl.4b.     -j-  Laus  tibi,  Christe,  qui  pateris. 

Wackernagel  1,  nr.  345. 

4.  Bl.  5  a.     f   0  wg  armen  sunders.     (Canticum  ad  melodiam:    0  du 

armer  Judas). 

6  Str.,    dazu    eine   str.:    „Och   du    ar?ner   Judas"   = 

Böhnw,  Altdeutsches  liederbuch  nr.  539.  Bäumkerl,\466. 

5.  Bl.  7  a.     •\  Dixit  dominus  domino  meo. 

Psalm  110. 

6.  Bl.lOb.     Idt  tvold  vns  god  genedich  sgn.     (Dens  misereatur  nostri 

io  diule.) 

5  str.  —  Luthers  bearbeitung  des  67.  jjsabns.    Wacker- 

nagel  3  nr.  7. 


LIEDERBUCH   DER   ANXA   VON   KÖLN  131 

7.  Bl.  11  b.     f  Abel  de  offerde  (jodt. 

Wackernagel  2  nr.  1267.  Die  melodie  bei  Bämnker  1, 
733  nr.  409  I  mit  dem.  text:   „0  salutaris  hostia.'' 

8.  Bl.  12  a.     f  Piier  nobis  nascitur,  rector  angelorum. 

6  str.  —  Mone  1,  64.  Wackeruayel  1  nr.  327  —  331. 
Die  melodie  =  Bäumker  1,  351. 

9.  Bl.  13  b.     f  Puer  natiis  in  Bethlehem. 

4  str.  —  Wackernagel  1  nr.  312.  Die  nielodie  ist  von 
den  bei  Bäumker  1,  315  fg.  mitgeteilten  verschieden. 

10.  Bl.  15  b.     In  dulci  iubilo. 

3  str.  lateinisch -deutsch.  —  Wackernagel  2  nr.640~^ 
647.     Fischer  1,  410—412. 

11.  Bl.  16a.     Magnum  nomen  domini. 

Wackernagel  1  nr.  348.  Bäumker  1,  299  und  Vier- 
teljschr.  f.  musikwiss.  4,  194. 

12.  Bl.  16a.     Omnis  mundus  iocundetur. 

Wackernagel  1  nr.  358. 

13.  14.  Bl.Wb.    f  Dies  est  leticie  in  ortu  regali. 

6  str.  lateinisch,  dazu  hinter  jeder  die  nd.  Übersetzung: 
„De  dach  de  is  so  fröivdenrich."  —  Wackernagel  1, 
nr.  332.  2,  nr.  689 — 695.  Die  melodie  iveicht  in 
der  2.  hälfte  ab  von  Bäumker  1,  286. 

15.  Bl.  19  b.     Gelauet  systu,  Jesu  Orist. 

7  str.  —  Nach  Luthers  dichtung.  Wackernagel  3  nr.  9. 
Vgl.  Ä.  F.    W.  Fischer,  Kirchenlieder -lexikon  1,  209. 

16.  Bl.  20b.     Christ  lach  in  dodes  banden. 

7  str. —  Ebenfals  nachButher.  Wackernagel  3  nr.l5. 
Vgl.  Ä.  F.  W.  Fischer  1,   75  fg. 

17.  Bl.  22a.     Köninginne  der  Hemmelen. 

NacJt,  dem  lateinischen  „Regina  coeli  laetare.''  Wacker- 
nagel 1,  nr.  301.     2,  nr.  971 — 975. 

18.  Bl.  22a.     Jesus  Christus  vnse  salicheyt. 

1  str.  —  Nach  dem  Hus  zugeschriebenen  latein.  Hede: 
Jesus  Christus  nostra  salus.  Wackernagel  1  nr.  367  — 
369.     Fischer  1,  386. 

19.  Bl.  23a.     Got  de  sey  gelauet. 

1  str.  —  Nach  Luther.  Wackernagel  2 ,  nr.  989. 
3,  nr.  11.     Fischer  1,  234. 

20.  Bl.  23a.      Vth  dem  100.  psalm.    Eyn  gebet. 

9* 


132  BOLTE 

Aus  wenig  späterer  zeit  stamt  die  1588  angelegte  samlung  der 
nomie  Catherina  Tirs  zu  Niesing  im  Münsterschen^  welche  B.  Höl- 
scher  1854  in  seinen  Niederdeutschen  geistlichen  liedern  und  Sprüchen 
aus  dem  Münsterlande  herausgegeben  hat. 

Mit  all  diesen  ha?idschriften  zeigt  das  liederbuch  der  Anna  von 
Köln  jnannig fache  berührungen,  und  auf  sie  habe  ich  daher  in  dem 
inhaltsverzeichnis ,  das  ich  mm  folgen  lasse,  vor  allem  hingeiviesen. 
Deutlicher  als  dies  werden  billige  proben  den  clmrakter  der  lieder,  unter 
denen  sich  verschiedene  aus  iceltliche?i  dichtunge?i  hervorgegangene  befin- 
den, erkennen  lassen.  Auch  für  den  einfluss  Luthers  auf  das  katho- 
li.sche  kirchenlied  erhalten  wir  liier  wie  in  dem  Berliner  MOQ  1008 
vom  jähre  1563  neue  belege. 

1.  Bl.  Ib:  Nu  bgdde  ivir  den  liikjen  geist 

om  den  rechten  gehuen  alre  meist. 

3  str.  —    Unten  nr.  V. 

2.  Bl.  3a:    Yck  droecli  schoen  bloemen  g?/   u/gner  innull 

end  oeren  roeck  en  rock  ick  nyet. 
Die  fortsetxung  fehlt. 

3.  Bl.  6a:  In  diilci  iubilo 

cantate  domino. 

4  str.  lateinisch.  —    Unten  nr.  IIA. 

4.  Bl.  7a:  f  In  dulci  iubilo 

sgnget  ind  iveset  vro. 

5  str.  — ■    Unten  nr.  IIB. 

5.  Bl.  9b:  f  Piier  natus  in  Betlüeem, 

vnde  gaudet  Jhernsalem. 
12  str.  lateinisch.  —    Wackernagel ,  Das  deutsche  kirchenlied  1 
nr.  312.    Bäumker,   Das  katholische  deutsche  kirchenlied  in  seinen 
singweisoi  1,  322  nr.  60  gibt  eine  mehrfach  abweichmule  melo- 
dir.     Berliner  MGQ  10(^8  nr.  9   (oben  .s.  131). 

6.  Bl.  Hb:   Puer  nobis  nascitur, 

rector  angelonim. 
11  .'<tr.  lateinisch.    —     Wackernagel  1  nr.  327  —  331.      Mone, 
Lateinische  hgm)ten  des  mittelalters  1,  64.     Berliiier  3IGQ  1008, 
7ir.  8  (oben  s.  131). 

7.  Bl.l2b:  Noe,  noe, 

triplicando  noe, 

6  str.  latei)usc]).  —    Unteu   nr.  1. 


LIEDERBUCH  DER  ANNA  VON  KÖLN  133 

8.  Bl.  13a:  f  Dyes  est  leticie, 

nam  processit  bodie. 
6  str.   lateinisch.    —     llone  1,  65.      Wackernagel  1,    nr.  341. 
Die  melodie  lautet  gleich  mit  der  uiiterstimme   in  dem   Trierer 
Bosanimi  von  1482  bei  BäumJcer  1,  294. 

9.  Bl.  14a:  f  Iure  plaudaut  omnia, 

celica,  terrestria. 
1  str.  lateinisch.    —      Text   hei   Wackernagel  1,   nr.  361.      Die 
xiveistimmige  melodie  stimt  7mt  der  von  Bäiuiikerl,  610  nr.  310 
gegebenen  v.j.  1605  überein,  nur  dass  sie  im  vierteiligen  takte  geht. 

10.  Bl.  15a:  f  Omnis  mundus  iocundetur, 

nato  saluatori. 
1  str.  lateinisch.  —     Text  bei  Wackernagel  1,  nr.  358.     Ber- 
liner MGQ  1008  nr.  12  (oben  s.  131).     Die  melodie  =  Bäumker 
1,  306  nr.  49,  aber  in  dreiteiligem  takte. 

11.  Bl.  16a:  f  Dies  est  leticie 

in  ortu  regali. 

8  str.  lateinisch.  —  Mone  1,  62.    Wackernagel  1,  nr.  332.    Ber- 
liner 3IGQ  1008,  nr.l3.    Die  melodie  äh)ilich  bei  Bäumker  1,  286. 

12.  Bl.  18  a:  Magnum  nomen  domini 

Emaniiel,  quod  annunciatum  est 

per  Grabriel  [!]. 
Lateinisch.  —    Wackcrnagcl  1,  nr.  348.     Berliner  MGQ  1008, 
nr.  11.     Melodie  bei  Bäumker  1,  299.     Vierteljahrsschr.  f.  miisik- 
iciss.  4,  194. 

13.  Bl.  18b:   0ns  ist  geboren  eyn  kyndelgn 

noch  cläre  dan  de  sonne. 
5  str.  Sub  nota:  Puer  nobis  nascitiu'. —  Wackernagel  2 ,  nr.  1110. 
Hölsclier  s.  9.     Horae  Belgicae  10,  40  nr.  15. 

14.  Bl.  19a:  Jesu  snesse  lieff'  al  egnich  eyn, 

zvs  Maria  geboren. 

9  str.     Sub  nota:  Puer  nobis  nascitiu'.  —    Unten  nr.  III. 

15.  Bl.  20b:  Den  heirden  vp  den  velden 

den  dede  der  enget  kont. 
5  str.  —    >S'^^-.  1  ist  aus  einer  strophe  des  „Dies  est  laetitiae" 
{Wackernagel  1,  nr.332,  4:  „Angelus  pastoribiis")  hervorgegangen. 

16.  Bl.  21a:  Eyn  kyndelyn  so  louelich 

is  ons  geboeren  hude. 
5 str.  Sub  nota:  Dies  est  leticie. —   Wackernagel  2  nr.697  hat 
nur  2  strophoi. 


134 


17.  Bl.22a:  It  wart  geborn  in  eynre  nacht, 

0  virgo  Maria, 

eyn  cleynes  kynt  van  groisser  macht, 
0  benivolencia,  o  virgo  Maria. 
20  Str. 

18.  Bl.  24b:   Txo  den  etvigen  leuen  irere 

ich  gern,  al  ivirt  it  lanch. 

8  str. 

19.  Bl.  26b:  It  is  eyn  dach  der  vroelichet, 

tvant  got  inynsch  geboren  is. 
4  str.  Sub  nota:  Dies  est  leticie,  nam  proc.  —  Äbiveichend 
vo)t  den  liedern  bei  Hölscher  s.  14 ,  Horae  Belgicae  10,  50  und  52 
nr.  21  —  22,  Wackernagel  5  nr.  1458  und  Bäiimker  1,  289. 
L.  Ph.  C.  van  de?i  Bergh,  Nieutve  'Werken  van  de  Maatschappij 
der  NedcrlaiidscJieLetterk'unde  5,  2,  107  u.  112  (1841).  W.  Bäum- 
ker.,   Vierteljahrsschrift  für  musikwissenschaft  4,  184  (1888). 

20.  Bl.27h:  Jhesns  nam  dat  korffgen  in  syn  hant, 

ecce  mimdi  gaiidia. 
ß  .str. —   Gehört  zu  dem  Hede  „Herr  Jesus,  utven  brunen  cojj" 
Horae  Belgicae  10,  195  nr.  98  str.  8;  vgl.  ebenda  nr.  13. 

21.  Bl.  2Sb:  Edell  siel  vercaren, 

nu  kirt  viv  tveder  tot  niy. 

22.  Bl.SOa:  f  Heir  boiten  in  myns  vaders  rych, 

da  na  mich  sere  verlanget. 
6  Str. 

23.  Bl.  31a:   Wie  schoen  so  ist  heir  bouen 

alle  in  dal  henielrich. 

9  Str. 

24.  Bl.  32b:  Hed  ich  die  vlogelen  vaii   Seraphim, 

ich  voulde  so  hoge  vlegen. 
13  str.  —    Unten  nr.  IX. 

25.  Bl.35a:  All  onder  myns  lieffgens  kyngen 

dar  steit  eyn  lockelgyn. 
8  Str. 

26.  Bl.  36a:  Jesus  ^ryn  is  vpgedaen, 

my  vt. 
6  Str.  —    Unten  nr.  XVI B.  ^ 

27.  Bl.37a:  Ich  hoirt  dat  kloickelgen  luden, 

zer  kriehen  steit  myn  syn. 
6  str.  —    Unten  nr.  XV. 


LIEDERBUCH  DER  ANNA  VON  KÖLN  135 

28.  Bl.  38  a:  Nu  ivil  ich  vroeKch  heuen  an 

i?id  syngen  na  den  besten  dat  ich  kau. 

25  str.  —    Unten  nr.  XIV. 

29.  Bl.  42b:    Jesus  bat  ejpi  selekyn, 

dat  it  syn  vruritgen  ivere. 
9  str.  —  Nacli  einem  tveltlichen  liebesliede. 

30.  Bl.  44a:    0  Jesu,  ich  haen  eyn  schrinekyn, 

dat  ivil  ich  mir  dir  ojpsleissen. 

4  Str. 

31.  Bl.  45  a:    It  bat  eyn  mynnende  sele  ir  He  ff' 

so  lange  durch  syn  genade. 

17  str.  —  Parodie  eines  liebesliedes. 

32.  Bl.  47b:    Och  hogelouede  mynne 

in  dynre  hoichster  art. 
14  Str. 

33.  Bl.  49b:    IcJt  sien  den  morgens  sterren 

ons  heren  clair  anschyn. 
11  str.    —      U?ndichtung   eines   tveltlichcn  tageUedes    (Uhland, 
Deutsche  Volkslieder  nr.  76  A — C.     Böhme,    Altdeutsches  lieder- 
buch  7ir.  109 — HO) ,    auch  bei  Hölscher  s.  102  luncl  Horae  Bel- 
gicae  10,  175  nr.  86.  —    Vgl.  auch  unten  nr.  76. 

34.  Bl.  50b:    Myt  vrouden  ivillen  tvir  syngen 

ind  louen  de  triniteit. 
7  str.  —    Horae  Belgicae  10,  214  nr.  108. 

35.  Bl.  52b:    Oeyn  besser  vr enden  vp  erden  niet  en  is, 

dan  der  van  hertxen  zo  vreden  is. 

5  str.  —   Wackernagel  3,  nr.  1029  (aus  detn  Bonner  gesang- 
buche 1569  mit  14  str.). 

36.  Bl.  53b:   Hed  ich  die  vlogelen  eyns  aren  grijs, 

ich  suld  so  hoge  vleigen. 
11  str.  —    Unten  nr.  X. 

37.  Bl.  55b:    Txo  Jherusalem  dair  woent  myn  lieff, 

dar  na  steit  myn  begeren. 
13.  str.  —  Behandelt  den  einxug  Christi  in  Jerusalem. 

38.  Bl.  57a:   Ich  danke  dir,  her  Jesu  Christ, 

der  noit  in  dynre  groisser  truwen. 

18  str.  —  Passionslied. 

39.  Bl.  60a:   Hyff  op  dyn  criiytx,,  myn  alre  lieff'ste  bruyt, 

volge  myr  na  ind  ganck  dyns  selff's  ws. 

26  str.  —     Hölscher  s.  93.     Horae  Belgicae  10,   165   nr.  81. 


136 


Germania  15,  366  fy.      Jahrb.   f.   nd.   Sprachforschung   7,  3—6. 
Vgl.  auch   Wackernagel  2,  nr.  847. 

40.  Bl.  64b:    Ver  sich  in  lyden  hin  verhlyden, 

van  recht  so  mach  he  wesen  vro. 

5  str. 

41.  Bl.  65b:    Myr  geleiffden  eyn  jongelinck 

mgnnecUch  gar  irol  gestalt. 
10  Str. 

42.  Bl.  68h:    Naturgen,  du  moes  orloff  han, 

dat  myrcken  ich  an  den  tx^yden. 
10  str.  —  Horae  Belgicae  10,  151  nr.  70. 

43.  Bl.  70a:    Solais  teil  ich  hanteren 

incl  altxo  is  vrolich  syn. 

6  str. 

44.  Bl.  71b:    Wer  kennen  ivilt  syn  ewich  goet, 

der  sterff  syns  eygen  ivillen. 
10  str. 

45.  Bl.  73a:   Wail  vp,  ich  moes  ran  hynnen, 

myns  blyuens  en  is  neit  hie. 
12  str.  —    Unten  nr.  VI. 

46.  Bl.  73b:    It  is  vur  eynen  rastauen, 

uer  kynder,  nu  galt  an. 
8  str. 

47.  Bl.  80a:    Ich  haus  eyn  vastauens  leuen  erkoeren, 

dat  kein  die  ervroii/iven. 

7  str. 

48.  Bl.  82a:   f  Laist  ons  syngen  ind  vroeUch  syn 

in  gen  rosen. 
6  str.  —    Unten  nr.  XVI A. 

49.  Bl.  83b:    [W]ie  sitzen  wifr  hie  so  stille  vnd  sirygen? 

'wissen  wir  geyn  ander  vreudt  xo  hedryben? 

8  str.  —  Die  ersten  7  str.  kehren  hochdeutsch  im  Frankfurter 
liederbuch  1582  nr.  161  irider.      Unten  nr.  XVII. 

50.  Bl.  87a:    [EJrvreuwe  dich  lieff  ind  krysten  gemeyn 

ind  laist  ons  froelich  syngeti. 

3  str.  —    Unten  nr.  IV. 

51.  Bl.  92 a:    f   Gelassen  had  eyn  sustergen 

ind  sy  ginck  in  ir  kemergyn. 

4  Str. 


LIEDERBUCH    DER   ANNA    VON    KÖLN 


137 


52.  Bl.  93a:     Myn  hertzgen  is  van  sorgen  vry, 

ich  ivil  hy  gode  blyuen. 
10  Str.  —  Hölscher  s.  89. 

53.  Bl.  95b:     Ich  stonde  in  eynem  synne, 

al  WS  der  iverelt  %o  gaen. 
13  Str. 

54.  Bl.  97a:     Ich  stmit  in  hoegen  dancken, 

ich  dacht  in  eivicheit. 
8  Str. 

55.  Bl.  98  b:     [D]ie  voegelgyn  des  hemels 

die  vreuwen  sich  der  txyt. 
7  str.  —    Unten  nr.  VIII. 

56.  Bl.  100a:    Grois  rouwe  der  tvilt  niych  hrencken, 

den  ich  in  mynen  hertxen  draen. 
7  str.  —    Unten  nr.  VII. 

57.  Bl.  108a:    f  Ich  wcys  eyn  maget  schone, 

sy  dreyt  den  hoechsten  prijs. 

5  str.    —      Text   bei  Wackernagel  2,    1152.      Hölscher  s.  25. 
Andere  melodie  bei  Böhme  nr.  603  und  Bäumker  2,  84  nr.  12. 

58.  Bl.  109  b:    f  Gegroit  so  syt,  myns  hertxen  gerti, 

ttiyn  troist,  myn  vroude  vnd  al  my?i  eir. 

6  str.  —    Unten  nr.  XL 

59.  Bl.llla:    Gracias  agimiis  tibi 

propter  magnam  tuam  gloriam. 
Siillen  irir  dan  neit  vroelich  syn? 
4  str.  —    Unten  nr.  uill. 

60.  Bl.  113  a:    [IJt  stondt  eyn  mynnende  sele 

al  mir  des  hemels  throne. 
13  Str. 

61.  Bl.  116  a:    f  Ich  grois  dich  gerne, 

nieris  sterne. 
Übersetxung  der   lateinischen   sequenx:    „Ave  praeclara    maris 
Stella"    bei   Wackernagel  1,    nr.  235.      Die   7nelodie   ist   die   von 
Bäumker  2,   76  nr.  8  mitgeteilte,    tvährend  von   den  dort  ange- 
führten Verdeutschungen  keine  mit  der  vorliegenden  übereinstimt. 

62.  Bl.l24b:    f  Te  cell  reginam, 

te  genitricem  dei  laudamus. 
Überschrift:  „De  domina  nostra  Carmen."     Lateinisch,  durch- 
weg mit  noten.      Weicht  ab  von  Monc  2 ,  231. 


138  BOLTE 

63.  Bl.  129a:    Adde  myn  vroiide,  addee  solaec, 

myn  hlitscap  laet  io  bi  v  stae?i. 
25  str.  —  Horae  Belgicae  10,  167  7ir.  82. 

64.  Bl.  131  b :    Ic  ivil  my  seluen  troesien 

end  maken  enen  moet. 
10  str.  —    Höhüher  s.  76.     Horae  Belgicae  10,  135  und  137 
7ir.  62 — 63.     Nach  einem  ireltlichen  Hede  mit  gleichem  anfmig. 

65.  Bl.  133a:    Cristus,  du  bist  dach  end  licht, 

voer  dy  en  is  verborgen  niet. 
7  str.   —     Horae  Belgicae  10,  229  nr.  113.      Wachernagel  2, 
7ir.  564.      Bäuml-er  2 ,   246   nr.  246.       Nach    dem    lateinischen 
„Christe,    qiii  lux  es  et  dies"    (Mone  1,  nr.  70.     Wackernagel  1, 
nr.  121). 

66.  Bl.  134  a:     Ten  is  geen  ruot  in  deser  tyt^ 

verdriet  dat  duet  my  syngen. 

2  str.     Der  srhluss  ist   mit  dem  folgenden  blatte  verloren  ge- 
gangen. —  Hol  scher  s.  SO. 

67.  Bl.  138a:    f  [M]ater  sancta,  dulcis  Airna, 

sis  nostra  aduocata. 

3  str.  lateinisch. 

68.  Bl.  139a:    Des  hogen  hemels  troen 

getxeiret  is  so  schoen. 
16  Str. 

69.  Bl.  141a:    Sancte  Agneite  und  ich, 

gaude,  gaude; 

ivir  hauen  xo  samcn  eyn  suesse  lieff, 
gaude  cum  caritate,  gaude  cum  suauitate. 
19  Str. 

70.  Bl.  150a:   f  [0]  dulcissime  Jesu, 

qui  de  celo  descendisti. 
Lateinisch,  durchweg  7nit  noten. 

71.  Bll54a:    f  [K]yrie  summe  deus, 

potencie  liberator. 
Lateinisch,  durchiveg  7nit  7iote7i^ 

72.  B\  157b:    f  [SJtetit  Jhesus  coram  Pylato  preside 

inclinato  capite. 
Lateinisch.     Schluss  fehlt.    A7igeführt  wird  der  anfang  diese.^ 
hymnus   in   einer   lebensbeschreibung   des  TJi07nas  von  Ke7n2)en: 
vgl.  Hölscher  s.  35. 


LIEDEKBUCir    DER    ANNA    VON    KÖLN 


139 


73.  Bl.  159a:    f  [N]u  hoirt,  nu  hoirt  all  ivonder, 

ivie  dorn  die  doren  synt. 
13  Str. 

74.  Bl.  161  a :    f   Och  edel  mynfsjch  van  hoger  art, 

teilt  vch  van  sonden  keren. 
8  Str. 

75.  Bl.  163h:    [D]er  hilge  geist  kait  ons  verlieht 

van  bynnen  vier  .so  wie  [164 aj  in  swaeren  sivnden 
5  str.  leicht. 

76.  Bl.  165a:    [IJch  sach  den  auentx  sterre 

ons  heren  claren  anschyn. 
13  str.  —    Vgl.  oben  nr.  33,    wo  aber  die  folgenden  stropheti 
ganz  abtveichen.  ^ 

77.  Bl.  167a:    f  [MJaria  suesse  meichdekyn 

bouen  alle  wyff  volkomen. 
20  Str.  —    Unten  nr.  XIII. 

78.  Bl.  169b:    f  [G]ot  gruess  vch,  rose  van  Jhericho, 

tu  es  plena  gratia. 
12  Str. 

79.  Bl.  170b:    f  [N]u  laist  ons  vroelich  syngen 

eyn  lügen  xo  eren  van  ir  Marien. 
4  Str. 

80.  Bl.  172b:   f  [MJit  vrouden  quam  der  enget  van  der  hogen  zymien, 

he  sprach:    Got  griisse  vch  werde  maget,    yr  syt  so 
8  str.  reyne  van  bynen. 

81.  Bl.l74b:    [EJdel  mynsch,  vernemet  snel, 

ecce  mundi  gaudium. 
tvie  der  enget  Gabriel. 
virgo  Maria,  du  bis  plena  gracia. 
3  Str. 

82.  Bl.  175a:    f  [A]udi,  tellus,  audi, 

magni  maris  nymbus. 
Burchweg  mit  noten.  —  Der  text  auch  bei  Daniel,  Thesaurus 
hymnologicus  1,  350  (1841);  ein  älterer,  mehrfach  abweichender 
bei  Mone  1,  403  =  Wackernagel  1,  nr.  215. 


] 40  BOLTE 

I.     Lateinisches  weilmaelitslied. 

[12  b]     1.    Npe,  noei, 

triplicando  noe, 
iterando  noe, 
a  noe  psallite. 

2.  Noua  vobis  gaudia  refero: 
natus  est  rex  virginis  vtero, 
in  puero 

mira  considero; 
numquam  de  cetero 
fiant  hec:  psallite. 

3.  Nunc  hominnm  genus  redimitur 
et  demonum  in  atro  clauditur, 
custoditur; 

rex  mundi  nascitur, 
pax  vobis  oritur: 
redempti,  psallite. 

4.  Peccatores  numquam  pereunt, 
partores  ad  Betlileem  transeunt, 
hunc  adeunt, 

miraque  prodeunt, 
gaudentes  redeunt: 
ergo  vos  psallite. 

5.  0  gens  felix  iugo  liberata, 
regem  i[s]tum  placa  mente  grata, 
simulata 

vocis  non  sunt  fata, 
sed  vere  firmata: 
redempti,  psallite. 

6.  No,  noe, 
triplicando  [noe, 
iterando  noe, 

a  noe  psallite.] 

1)  Der  französische  weiluiaclitsruf  Noe  =:  Noel  (vgl.  Littre  und  La  Ciirne  de 
Sainte  -  Palaye  s.  v.  No'dl)  weist  darauf,  dass  das  lied  in  der  nähe  der  französischen 
grenze,  ^'icIleicht  auch  in  Frankreich  selber  entstanden  ist.  Zweifelhaft  ist  mii-,  ob 
auch  in  dem  niederländischen  weihnachtsMcde  Horae  Belgicae  10,  39  der  reü-ain 
„Susa  ninna  susa  noe,  Jesus  minue  s2)rack  Marien  toe'-  hierher  gehört. 


LIEDERBUCH    DER    ANNA    VON    KÖLN 


141 


II.    In  (lulci  iul)iloi. 


A.    Lateinisch. 
[6aJ    1.   In  diüci  iubilo 
cantate  doroino; 
uostri  cordis  gaudiuni 
in  presepio 
et  fulget  vt  lux  solis 
in  matris  gremio. 
Ergo  merito, 
ergo  merito 
inbilizat  cor  omne 
nientis  tripudio. 

2.  0  Jesu  parvule, 
langueo  post  te; 
letuni  fac  cor  nieuni, 
tu  puer  optime, 

et  tuum  fer  auxiliuni, 
tu  puer  inclite. 
Trahe  me  post  te, 
trabe  me  post  te 
ad  regnum  patris  tui, 
tu  princeps  giorie. 

3.  Ybi  sunt  gaudia 
plena  gloria? 
Ybi  canunt  angeli 
cU  noua  cantica, 

nam    sunat    vox    [61)|    le- 

ticie 
in  reffis  curia. 


B.    Lateinisch  -  deutsch. 
[7  a]  1.  In  dulci  iubilo 

synget  ind  weset  vro; 

al  ons  Jicrtxe}i  vroiiden 

ligget  in  presepio, 

dat  luchte  [7  b]  als  die  sonne 

matris  in  gremio. 

Ergo  merito, 

ergo  merito 

des  soellen  alle  hertxen 

siveuen  in  gaudio. 
[8  b]  2.  0  Jesu  parvule, 

na  dir  is  mir  so  tvee; 

iroist  all  myn  [9  a]  gemuede, 

tu  puer  optime, 

it  txeynipt  waeldgnregueden, 

tu  puer  inclite. 

Trahe  me  post  te, 

trahe  me  post  te 

al  in  dyns  vaders  7'iche, 

tu  princeps  giorie. 
3.  Vbi  sunt  gaudia? 

nyrgeni  anders  dan  dair, 

dair  die  engelen  syngen 

dl  noua  cantica, 

dair    lioirt    men    snaren"^ 
dingen 

in  reffis  curia. 


1)  Vou  den  bei  Wackemagel  2,  nv.  G40  — 647,  Dreves,  Kirchenmiisikal.  Jahr- 
buch 3,  38  (1888),  (auch  Hölscher  s.  VI  und  BerUuer  MGQ  1008  nr.  10,  oben  s.  131) 
zusammengestelten  fassungen  des  albekanten  weüinachtsliedes  unterscheidet  sich  die 
hiei-  abgedruckte  recension  B  durch  zwei  neue  Strophen  (4  und  5),  von  denen  die 
lezte  auf  einem  kleinen  nachträglich  eingeklebten  blätchen  steht.  Strophe  4  komt  in 
einer  niederländischen  fassung  bei  Hoffraann  vou  Fallerslebeu ,  In  dulci  iubilo  1861 
s.  50  und  niederdeutsch  bei  Wackernagel  3,  nr.  1074  vor.  Vgl.  A.  Fischer,  Kirchen- 
Heder-lexikon  1,  410  —  412.  Die  volständig  lateinische  fassung  A,  welche  doch  wol 
als  die  ursi)rünghche  angesehen  werden  muss,  war  bisher  unbekant.  Der  gestalt  B 
ist  die  zweistimmige  melodie  beigegeben,  welche  Bäumker  1,  310  schon  aus  dem 
1482  geschriebenen  Tiierer  Rosariuni  mitgeteilt  hat. 

2)  anaren,  saiten.     Auch  unten  nr.  VI,  str.  2,  3. 


142 


\ 


Eya  qualia, 
eya  qualia 
letam  menteni  faciat 
Christi  presencia. 
4.  Maria  uostra  spes, 
da,  virgo  uobüis, 
ne  nos  repellat  fragiles 
tua  progeiiies; 
nostra  dele  peccamina, 
laudanda  species  ^ 
Vitam  uobis  des, 
vitani  nobis  des, 
et  nostra  sit  hereditas 

eterna  requies. 


Eya  quaKa, 
eya  qualia 

dmr  synt  so  suesse  wysen 
Christi  presencia. 
4.   Maria  nostra  spes, 

nu  fjont  0)18,  jonffrmi  des, 
dat  wir  selich  werden 
als  oer  progenies; 
vorgyfft  ons  onse  sundcii 
meir  dan  %o  septies. 
Yitam  nobis  des, 
vitani  nobis  des, 
ind  dat  ivir  selich  [9  b]  wer- 
den, 
eterna  requies. 

[10  a]  5.  Nos  cum  talibus, 

wir  sidlen  syngen  alsus 
7nyt  yn^ieticlicheji  hertxen: 
Sanctus,  sanctus,  sanctus, 
dar    wir    neit    en    lyden 

smertzen, 
das  help  ons  Jesus. 
Eya  flebimus, 
eya  flebimus, 
yn  dynes  vades  riche 
benedicamus.     Finis. 


in.    Weiliiiaclitslied. 

Sub  nota:  Puer  uobis  nascitur. 
[19  a]    1.    Jliesu  suesse  lieff  al  eynich  eyn, 
WS  Maria  geboren, 
du  bis  myns  hertzen  ti'oist  alleyn 
WS  dusenden  ws  verkoren. 

2.  Syt  wülekommen  suesse  Jhesukyn, 
in  snoeden  doeken  gewonden, 
gelacht  myt  [19  b]  int  cribbekyn, 
da  dat  oss  ind  esel  an  stonden. 

3.  Jhesu  du  coerst  eyn  w\Titersche  nacht 
ind  ouch  eyn  arm  nioder, 

1)  1.  «epties. 


LIEDERBUCH  DER  ANNA  VON  KÖLN  143 

ich  en  hoerde  nochtans  geyn  gewach 
van  eyiiichen  honten  voeder. 

4.  In  heniel  en  was  arnioit  noch  verdreit 
dat  brait  bloede  in  der  erden, 

die  lüde  en  wosten  de  durbarheit  neit, 
eir  sy  Jhesus  wolde  anwerden, 

5.  Die  eng-elen  sungen  eynen  nuwen  sanck: 
Glorie  sy  goed  in  den  throne; 

die  melodien  gaff  so  suessen  clanck, 
die  heirdekens  songen  myt  schoen. 

6.  0ns  is  geboren  eyn  cleyne  kyndekyn, 
[20  aj  al  der  engelen  eyn  here. 

AI  die  werelt  is  ouch  myt  s\ti, 
he  mynnot  ons  lutterhch  [sere]. 

7.  Nu  lait  ons  gaen  in  Betlileem, 
dat  kyndekyn  visiteren, 

wir  hauen  gehoirt  der  engelen  sanck, 
wir  willen  myt  iubelieren. 

8.  0  Jhesu,  du  bis  myns  hertzen  geryff, 
myiu'e  der  suuer  megden, 

nu  bleyfft  gesunt  al  ander  üeff, 
ich  en  kau  oere  neit  geplegen. 

9.  Maria,  leue  moder  myn, 

ich  en  kan  van  vch  neit  gescheiden, 
ich  en  haue  gekust  dyn  kyudelyn 
en  neme  oirloeff  van  vch  beiden. 
10.    VaUaxuxu  uallaxuxa  iiaUaiiijnno, 
laet  ons  gan  dat  kyndelyn  rest 
Benedicmnus  clomino. 

IV.    Dil  l)ist  ineiii.^ 

[87  a]    1.    [EJrvrenwe  dich  lieff  ind  krysten  gemeyn 
ind  laist  ons  froelich  syngen, 
ich  in  han  geyn  ti'oist  dan  got  aUeyn 
ind  laist  ons  froehch  syngen: 

1)  Der  von  späterer  haad  nachlässig  und  offenbar  aus  mangelhafter  eiinnerung 
niedergeschriebene  text  enthält  viele  versehen:  str.  1,  2  lautete  ursprünghch  sicher 
anders  als  1,4  (vielleicht  springen,  wie  bei  Luther).  Hinter  2,  7  ist  2,  1 — 4 
fehlerhaft  noch  einmal  mit  geringen  abweichungeu  ^\dderholt    (2,  1  omvangen.     2,  2 


^ 


144 


Du  bys  myn  ind  ich  bya  clyn,^ 
ind  wa  du  bys,  da  sal  ich  syii, 
der  dimel  en  mach  ons  neit  scheyden. 
2.    Der  dimel  der  [87  b]  mych  omlegen  hait, 
der  om  byn  ich  geuallen, 
myn  senden  de  quelen  mych  nacht  ind  dach, 
dar  in  byn  ich  geboren. 
Du  bys  myn  ind  ich  byn  dyn, 
ind  da  du  bys,  da  sal  [ich  syn, 
der  duuel  en  mach  ons  neit  scheyden]. 
[83  aj    3.    Du  bys  des  waren  leuenafftigen  son. 


du  sytze  zo  den  alre  hoichsten  troyn 

zo  voist  Schemel  des  heren  voissen. 

[Du  bys  myn  ind  ich  byn  dyn, 

ind  wa  du  bys,  da  sal  ich  syn, 

der  duuel  en  mach  ons  neit  scheyden]. 

Y.    Pflngstlied.^ 

[Ib]    1.    Nu  bydde  wir  den  hilgen  geist 

oni  den  rechten  gelouen  ali'e  meist, 

der  om  —  geboren.  2,  4  dar  om).  —  Uuverkeubar  ist  der  Zusammenhang  mit 
Luthers  1524  gednicktem  dankliede:  „Nu  freut  euch,  lieben  chiüsteu  gm  ein"  (vgl. 
Fischer,  Kirchenüederlexikou  2,  106 — 108);  nicht  nm-  der  strophenbau  ist  derselbe, 
sondern  es  finden  sich  auch  1,  1 — 4  imd  2,  1  —  4  fast  wörtlich  bei  Luther  wider, 
und  die  widerkehrendeu  Schlusszeilen  stimmen  mit  Luthers  str.  7,  5  —  7  überein: 
„Denn  ich  bin  dein  und  du  bist  mein.  Und  wo  ich  bleib,  da  soltu  sein.  Uns  sol  der 
feiüd  nicht  scheiden."  Es  entsteht  daher  die  frage,  ob  Luthers  dichtung  durch  münd- 
liche Überlieferung  zu  der  vorliegenden  form  umgestaltet  wurde  oder  ob  uns  in  der 
niederrheinischen  aufzeichuimg  ein  älteres,  auch  von  Luther  benuztes  original  erhal- 
ten ist.  Aber  die  leztere  annähme  köute  man,  da  der  schiiftcharakter  eher  der  zeit 
nach  als  vor  1520  angehört,  nur  auf  grund  anderweitiger  Zeugnisse  verteidigen.  Da 
solche  aber  fehlen  und  da  das  folgende  pfingstlied  (V)  offenbar  aus  dem  Lutherschen 
texte  geflossen  ist,  so  haben  wü"  auch  hier  eine  immerhin  bemerkenswerte  einwirkung 
eines  Lutherischen  liedes  anzunehmen.  Diese  ansieht  teilt  auch  "W".  Bäumker,  der 
gründliche  kenner  des  geistlichen  liedes,  welchem  ich  die  texte  der  Anna  von  Köln 
vorlegte. 

1)  Über  diese  schon  in  der  weltlichen  lyrik  des  12.  jahrhimdei-ts  (MSF  3,  1) 
erscheinende  formel  werde  ich  nächstens  ausführlicher  handeln. 

2)  Wie  in  nr.  IV  ist  der  text  von  jüngerer  hand  imd  offenbar  aus  dem  gedächt- 
nis,  nicht  nach  einer  gedruckten  oder  handschriftlichen  vorläge  geschiüeben;  str.  2, 
3  —  5  steht  hinter  3,  2  und  ist  erst  nachträglieh  vom  Schreiber  an  den  rechten  platz 
vermesen.  AVie  nr.  IV  zeigt  auch  dies  hed  auffallende  ähnUchkeit  mit  einer  Luther- 


LIEDERBUCH  DER  ANNA  VON  KÖLN  145 

vnd  dat  oiis  got  belioede  an  onser  enden, 
wanne  wir  van  hynnen  varen  wss  deser  eilenden, 
Kyrieleys. 
2.    Du  hoichste  troister  in  al  onser  noit, 

hiLÖ'  ons,  dat  wir  neit  enfruchten  schände  noch  doit, 
[2  a]    vnd  dat  wir  by  eme  blyuen  dem  truwen  heilant, 
de  ons  bracht  hait  zo  den  rechten  vaderlant. 
Kyrieleys. 
[Ib]    3.    Du  wer[2a]dige  lycht,  schenckt  ons  dyue  gontz, 
leir  ons  Jesuni  Christum,  den  leuen  born, 
vnd  dat  wir  malkanderen  leuen 
vnder  eyn  freden  vnd  vp  eynen  synne  blyuen. 
KjTieleys. 

TL.    Wanderlied.  ^ 

[73a]    1.    Wail  vp,  ich  moes  van  hynnen, 

myns  blyuens  [73b]  en  is  neit  hie: 
tzo  der  doget  wil  ich  mych  wenen, 
doit  der  koempt  ons  scheir. 
2.    In  hemelrich  hoirt  men  syngen 
der  suesser  engelen  sanck, 

sehen  diclitung,    vou  der  bisher  nur  die  erste  Strophe  als  das  werk  einer  früheren 
zeit   nachgewiesen  ist,    während  die   übrigen    drei  als   zusätze    des   reformators  gel- 
ten, dem  1524  im  drucke  erschienenen  lobgesang:  „Nu  bitten  wir  den  heiligen  geist." 
Merkwüi'dig  aber  sind  die  einzelneu  verse  zusammengewürfelt: 
Str.  2,  1.  2  =  Luther  4,  1.  2 
,    2,  3.  4  =        ,       2,  3.  4 
,    3,  1.  2  =        ,       2,  1.  2,  vgl.  3,  2. 
„    3,  .3.  4  =        „       3,  3.  4. 
Man  wird  hier  widerum  eine  Umgestaltung  der  Lutherschen  dichtung  anzunehmen  haben, 
welche   sich  übrigens  auch  in  westfälischem  dialekt,   sonst  aber  unverändert  in  der 
1588  angelegten  hedersamlimg  der  nonne  Catheriua  Tirs  zu  Münster  (Kölscher  a.  a.  o. 
s.  47)  findet,  während  Michael  Vehe  Luthers  zusätze  in  seinem  gesangbüchlein  (1537 
nr.  36)   durch  drei  neue  Strophen  zu  verdrängen  suchte.     Vgl.  Goedeke,   Dichtungen 
von  M.  Luthei-  s.  40  fg.     Schon  vor  1520  fühii  Luther  den  alten  text  in  einem  ser- 
mon  (Werke,  Weimarer  ausgäbe  4,  602)   au:    „Cur  quam   maxlme  jjetimus  veram 
fidem  in  ista  oratione:  Nu  bitten  wir  den  heihgen  geist." 

1)  Eine  geisthche  parodie  des  Wanderliedes :  „Wol  auff,  gut  gsell,  von  hinnen" 
bei  Böhme  nr.  260  a  —  b.  Der  weltliche  text  steht  auch  in  dem  niederrheinischen 
liederbuch  von  1574  (Berliner  mscr.  germ.  quaii.  612)  nr.  56,  in  Peter  Fabricius' 
hederbuch  (Kopenhagener  hs.,  vgl.  Niederdeutsches  Jahrbuch  13,  60)  nr.  95  nachJ.  Mei- 
land,  (1569  nr.  4)  und  im  Frankfurter  hederbuch  1582  nr.  54.  Die  melodie  bei  Böhme 
erfordert  achtzeihge  Strophen. 

ZEITSCHRIFT    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.       BD.    XXI.  1" 


146 


die  snaren  ind  herpen  klyngeu 
in  blytschaff  solider  verganck. 

3.  Nu  en  mach  ich  neit  nie  syngen 
niyt  froeliclien  hertzen  myn, 
mych  moes  noch  anders  gelyngen, 
sal  ich  verblydet  syn. 

4.  Trureii  hait  mych  beuangen 
ind  deit  mynen  hertzen  pyn, 
na  gode  is  myn  verlangen, 

[74  a]    gern  sulde  ich  by  enie  syn. 

5.  Dat  rait  van  euenturen 
loefft  in  der  werelt  ser, 

de  vroude  en  mach  neit  duren, 
dat  gehick  geyt  vp  ind  neder. 

6.  Ich  seyn  den  genen  onder, 
den  ich  zo  haus  bouen  sach, 
verhauen  ist  he  myt  vi'ouden, 
der  kortlich  onderlach. 

7.  Noch  snelre  dan  dat  weder 
so  is  die  vi'oude  gewant, 
noch  lichter  dan  ejn  veder 
so  wirt  die  truwe  bebaut. 

8.  Och  wat  haut  sy  verloeren 
in  vrouden  ewenclich, 

de  nu  haut  [74b]  vs  verkoren 
vp  erden  oer  hemelrich. 

9.  Van  lyden  so  gaent  sy  zo  lyden 
van  ti-uren  zo  ruwen  grois; 
woelden  sy  die  sunden  niyden, 
is  en  dede  oen  geyn  noit. 

10.  Gar  hoege  waren  sy  gevlogen, 
die  nu  synt  ser  gedailt; 

de  werelt  halt  sy  bedrogen, 
mit  der  doit  synt  sy  betzalt. 

11.  War  Olli  synt  ons  gedachten 
in  ydelheit  gekeirt! 
Willen  wir  de  werelt  achten, 
wir  werden  myt  oer  deirt. 


LIEDERBUCH   DER   ANNA   TON   KÖLN  147 

12.    Laist  ous  den  wecli  ouerdencken, 
[75  a]  den  wir  mossen  wandelen  all, 

sou  en  sal  ons  ouch  neit  krencken 
ge}Ti  leyt  noch  ongeval. 

Yil.    Busslied. 

[lOUa]    1.    Grois  rouwe  der  wilt  mych  krencken, 
den  ich  in  mynen  hertzen  draen, 
zo  gode  wil  ich  mych  sencken, 
ich  wil  die  werelt  versmaen, 
zo  gode  [100  b]  wil  ich  mych  keren, 
he  is  myn  got  myn  here, 
myn  sunden  synt  die  synt  sweire, 
syn  geuade  die  is  vil  meiTe. 

2.  Dauid  in  den  seiter 
^                 beschrynet  ons  also, 

de  in  den  rechten  leuent, 

de  wirt  des  hemel  vro, 

dar  zo  sal  he  beschauwen 

dat  angesicht  so  clair, 

des  sich  die  eugelen  vroiiwent, 

dat  schryfft  he  ons  vurwair. 

3.  0  Maria  [101a]  rose, 

du  bluwes  sonder  doern; 

och  woultz  du  vur  bidden 

vur  dynes  kyndes  zorn, 

dat  he  myr  woulde  genedich  syn 

al  doer  de  bede  dyn; 

des  bid  ich  dich,  Maria, 

vm  dyn  vil  leues  kynt. 

4.  Moecht  ich  die  hoelde  erweruen 
des  Ueffeten  heren  myn, 

ich  woelde  vry  eigentlichen 

syn  truwer  dener  syn; 

ich  woelde  die  boerden  dra  [101b]  gen 

genslichen  sonder  verdreis, 

zo  versperen  [!J  wolde  ich  gaen 

als  zo  metten  z}  t. 

10* 


91 


148  BOLTE 

5.  Naturgen^,  du  mois  steriien, 
ind  weir  it  dir  ommer  leit, 

du  wolt  mich  anders  bedouuen 
mynre  ewiger  selicheit. 
Naturgen  zo  verwennen, 
ja  in  gehoirsamclieit  staen, 
dair  zo  wil  mich  twyngen, 
myns  eygen  willen  ws  zo  gaen. 

6.  Nu  [102  a]  wil  ich  ommer  twyngen 
dat  ionge  hertze  myn, 

dat  mois  sich  laissen  wynden 

recht  wie  eyn  wyndelyn, 

dat  mois  sich  laissen  wynden 

recht  wie  eyn  wyndelyn, 

dat  is  zo  allen  zyden 

dem  geist  onderdenych  mois-  sjn. 

7.  Dyt  leit  han  ich  gesongen  • 
dem  hoichsten  konynck  zo  eren, 

dat  he  sich  wil  erbermen 
ouer  al  geloeuige  seien, 
de  in  eyne  ganssen  geloeuen 
van  hynn  synt  ge[102b]uareu, 
dat  he  sy  myt  eme  wil  brengen 
al  in  der  engelen  schair. 

VIII.     Chiisteiifreude. 

[98  b]    1.    [D]ie  voegelgyn  des  hemels 
die  vreuwen  sich  der  tzyt, 
ich  wil  mich  myt  Jhesu  vrouwen, 
dair  alle  myn  troist  an  leit. 
0  Jhesu,  myn  sunden  synt  myr  leit. 
2.    Ich  wil  mich  dynre  vrouwen 
vur  alle  der  werelt  gemeyn, 
ich  in  ach[t]  vp  [99  a]  nemans  drouwen, 
wair  du  myn  vrunt  wolt  syn. 
0  Jhesu,  ich  han  dich  in  mynen  symien. 

1)  Vgl.   oben    s.  136  nr.  42,    wo    der    sündige    wille    ebenso    angeredet  wii-d: 
„Naturgen,  du  moes  orloff  haen." 

2)  Darüber  ist  gescbiiebeu:  „möge." 


LIEDERBUCH   DER   ANNA   VON   KÖLN  149 

3.  Die  werelt  halt  mich  duck  bedroegen 
myt  oere  valscher  lyst, 

na  oer  in  wil  ich  niet  me  vraegen, 

it  sy  oiich  wat  myrt  kost. 

0  Jhesu,  na  dir  steit  myn  gelust. 

4.  Nu  truyr,  die  triu'en  willen, 
myn  truren  vert  da  heyn; 
die  werelt  han  ich  gelaissen 
ind  al  [99  b]  om  Jhesus  wil, 

0  Jhesu,  na  dii-  steit  myr  myn  syn. 

5.  ISTu  yn  lais  niycli  doch  neit  intgelden, 
dat  ich  lange  bleuen  byn; 

myn  sunden  wil  ich  melden, 
wan  ich  by  den  preister  byn. 
0  Jhesu,  so  verlucht  du  all  myn  synne. 

6.  Dat  ich  sy  so  ws  moes  geissen 
myt  eynen  ganssen  wil, 

neit  meir  dar  in  zo  vleissen, 

it  sy  in  ernsten  off  ouch  in  spyl. 

0  Jhesu,  ich  geue  mych  in  dynen  wil. 

7.  Wend  ind  keir  du  al  myn.  synne 
na  den  leiffsten  wiUen  dyn, 

dat  ich  niet  in  moes  begynnen, 

dat  weder  dich  mach  syn. 

0  Jhesu,  so  saltu  der  leiffste  syn. 

IX.    Empfang  der  braut  Christi  im  liimmel.^ 

[32  b]    1.    Hed  ich  die  vlogelen  van  Seraphim, 
ich  voulde  so  hoge  vlegen 
her  bouen  in  dat  Paradys 
zo  Jhesum  mjmen  suessen  lieuen. 

[33a]    2.    So  voulde  ich  sagen:  Got  vader  myn, 
nu  gyff  mir  gulde  crone, 
dat  ich  so  lange  gedenet  han; 
wanne  woultu  myr  Ionen? 

1)  Str.  1  ersclieint  auch  als  schluss  des  weihnachtsliedes  „Uns  ist  geboren  ein 
kindelein"  bei  Wackernagel  2,  ni-.  1110.  Das  folgende  lied  (Xj  stimt  in  den  ersten 
beiden  Strophen  mit  dem  vorliegenden  überein,  hat  aber  einen  anderen  verlauf.  Im 
algemeinen  vgl.  Hoffmann,  Niederländische  Volkslieder^  nr.  201 :  „Die  himmelsbraut." 


150 


3.  Walt  woultu  myt  der  cronen  myn, 
wat  woultu  myt  der  cronen? 

du  machs  wail  eyn  clair  spegel  syn, 
dair  ich  in  cleir  myn  ougen. 

4.  Dat  ich  dir  eyn  clair  spegel  byn, 
des  mach  ich  niych  verblyden; 

nu  gyff  myr  noch  eyn  dubbel  [33  b]  crone 
ind  setz  mych  by  dyne  syde. 

5.  Nu  bys  blyde,  myn  lieue  bruyt, 
ich  sal  dir  geuen  die  crone; 

ich  haen  so  vijl  ionfferen  schoen 
heir  bouen  in  myme  trone. 

6.  Sy  synt  getzeirt  ind  wael  gedaen, 
sy  komen  ws  verren  landen, 

sy  hant  ouergulden  cleider  an 
ind  palmen  in  eren  henden. 

7.  Als  sy  vur  die  portzen  quamen, 
da  vraichden  sy  onsen  heren, 

ind  ofl'  ir  loen  weir  [34  a]  dusent  valt, 
sy  hedden  dair  om  gestreden. 

8.  Gaet  vort,  ir  heren  van  Seraphym, 
gaet  vort,  ir  engelen  alle, 
vertzeirt  mir  ouch  dese  tzarte  bruyt 
dat  sy  myr  wael  beualle. 

9.  Sy  leyden  sy  in  der  ionfferen  choir, 
sy  wolden  sy  dair  vertzeiren, 

do  quam  de  hilge  dryueldicheit 
ind  woulde  sy  confirmeren. 

10.  Maria  brecht  eyn  hemdekyn, 

dat  war  [34  b]  van  syden  cleyne: 
Nu  doen  dit  an,  myn  suesse  bruyt, 
van  Sunden  bistu  reyue. 

11.  Her  Jhesus  brecht  eyn  mentelgyn  dar, 
eyn  mentelgyn  van  gokle: 

Nu  doen  dit  an,  myn  lieue  bruyt, 
want  dit  is  myn  truwe. 

12.  Der  hilge  geist  brecht  eir  eyn  crone, 
so  wonderlich  geslagen. 


LIEDERBUCH    DER   ANNA    VON    KÖLN  151 

dat  alle  de  heren  van  Seraphym 
al  siüches  iiye  in  gesagen. 
13.    Johannes  brecht  ir  eyn  rockelyn, 
[35  a]  eyn  rockelyn  van  mynnen, 

sy  gynck  vur  eren  heren  brudegum  staen 
recht  als  eyn  konynckynne. 

X.     Sehnsucht  nach  dem  liimniel.^ 

[53b]    1.    Hed  ich  die  vlogelen  eyns  aren  grijs, 
ich  siüd  so  hoge  vleigen 
dar  [54  a]  bouen  int  dat  paradijs 
Tzo  myme  suessen  lieuen. 

2.  Dan  sulde  ich  sagen:  Yader  myn, 
wanneir  sulde  ir  mych  halen 
wss  desem  eilenden  ertrych  vp^ 
in  vren  hoesten  salen? 

3.  Wair  is  die  dochter  van  Syon? 
Ich  wil  sy  vroelich  machen, 
ich  wil  ir  eyn  boetschaff  doen 
van  also  hoegen  Sachen. 

4.  Der  hoechste  in  der  mynneu 
dat  is  Jhesus  Marien  son, 
got  laess  den  ons  gewynnen 
hie  bouen  in  den  throene. 

5.  Dat  hemelrich  int  ertrich 
[54b]  neman  en  coenst  gebrachen, 

dat  sal  eyn  suiier  maget  reyne 
in  eren  licham  sluyssen. 

6.  Die  donckernisse  is  ons  verclairt, 
dat  licht  is  ons  gebleiien, 

eyn  maget  halt  eyn  kynt  gebeirt, 
dat  mach  wail  wonder  wesen. 

7.  Dat  kynt  was  teder  int  kranck, 
eyn  maget  meist  it  voeden; 

it  is  recht,  dat  wir  eme  wysseu  danck 
van  synre  groissen  oitmoeden. 

Ij  Vgl.  nr.  IX.  2)  vp  ertiycli  hs. 


152 


8.  Her  Jhesus  Kerst,  wat  halt  ir  gemynt, 
wir  siüden  iicli  gern  [55  a]  vragen, 
dat  ir  hie  siis  licht  ind  weynt? 

Ir  syt  so  ionck  van  dagen. 

9.  Dat  ons  wilen  was  ongereit, 
dat  moegen  wir  nu  gebrachen; 
dat  Adam  in  den  apel  beiss, 
dat  [dede]  den  heniel  sluyssen. 

10.  Maria  moder  van  hemelrich, 
conynck  in  den  throene, 

bid  vur  ons  allen  ynnenclich 
Marien  eren  soene. 

11.  Dat  wir  dar  bouen  moessen, 
dair  de  engelen  vroelich  syngen, 
vch  ind  vr  kynt  gruessen, 

dat  wil  ons  got  gehengen.     Amen. 

XI.     Gebet  an  Jesus,  Maria  und  Mcliael. 

[109b]    1.    Gegroit  so  syt  myns  [110a]  hertzen  gern, 
myn  troist,  myn  vronde  vnd  al  myn  eir, 
myn  meister,  myn  konynck  int  myn  here, 
gyfft  ons  dyn  ansieht  zo  schouwen. 

2.  Gegroit  [110  b]  so  syt  eyn  konynckynne, 
eyn  keyseryn,  ein  hertzegyn 

ind  al  der  werelt  eyn  troisteryn, 
eyn  vraiiwe  vur  allen  vrauwen. 

3.  Maria  is  der  name  dyn, 
behoede  ons  vur  der  hellen  pyn, 
doit  ons,  vrau,  vr  genade  schyn, 
verweifft  ons  ewich  leuen. 

4.  Du  roese  roit,  du  adelair, 

du  morgen  stern,  du  sonnen  clair, 
verleynt  ons  niennynch  gueder  yair 
myn  gruten  dir  zo  geuen. 

5.  Byt,  jonffer  fyn,  vren  leuen  zou, 

dat  [lila]  he  myr  geiff  van  sonden  swoen^ 

1)  swone,  sühne. 


1Fj3 

LIEDERBUCH    DER    ANNA    VON    KÖLN 

vp  dat  ich  ewick  mit  em  woen, 
wanneir  myn  sele  moit  scheiden. 
6.    Heir  Mychael  der  groisse  here 
moes  ons  bewaren  vnimer  meir, 
dat  ons  niimmer  viant  en  deii'S 
Ind  moes  myn  sele  geleiden. 

XII.     Geistlicher  früliliiig. 

[lila]    1.    Gracias  agimus  tibi 

jjropter  magnam  tuam  gloriam. 

Süllen  wir  dan  neit  vroelich  syn? 

Der  homel  der  is  onser, 

ind  weir  [Ulb]  der  hemel  onsser  neit, 

so  enweren  wir  alsiis  vroelich  neit. 

Der  hemel  der  is  onser. 

Och  meyerayn^,  dn  bis  eyn  vil  gnet  kruet 

bouen  allen  krnden  schoene, 

also  is  Maria  die  edel  konynckynne 

alle  in  des  hemels  trone. 

[HJec  sunt  conuiuia, 

que  tibi  pkice^it  ex  patris  sapientia. 

2.    Gracias  agimus  tibi 

[propter  magnam  tuam  ghnam.] 
fS]iülen  wir  dan  [neit  vroelich  syn?]  etc. 
[H]ec  sunt  conuiuia, 
[que  tibi  placent  ex  patris  sapientia.] 
T  springen  geylle  bloemgen  vp  der  beiden. 
Och  richer  [112a]  got,  laes  ons  van  dir  neit  scheiden! 
0  Maria  goit,  du  bis  der  sunder  troist; 
wil  ons  genade  erweruen, 
verloese  vns  van  aller  boeser  macht, 
Dat  wir  in  simden  nummer  steruen. 
3.    Gracias  [agimus  tibi 

propter  magnam  tuam  gloriam.] 

Süllen  [wir  dan  neit  vroelich  syn?]  etc. 

[Hec  sunt  convivia  etc.] 

T  spryngen  blae  fielen  in  den  daelle, 

dat  is  die  edel  oitmoedicheit, 

1)  deren,  schaden.     Vgl.  obea  s.  146,  str.  11,  4.         2)  meycmyn,  majoran. 


154  BOLTE 

sy  roecht  viir  gode  so  wale. 
0  Mcaria  reyn,  dair  doirch  hais  du  alleyn 
fll2b]  genade  an  gode  geuoiiden. 
0  Maria,  moder  der  bermliertzicheit, 
troist  ons  in  onser  lesten  stonden. 
4.    Oracias  agimus  [tibi 

propter  magnaiu  tiiam  gloriam.] 
Süllen  wir  dan  [neit  vroelich  syn?]  etc. 
Hec  sunt  [conuiuia]  etc. 
T  spryngen  rode  rosen  vp  den  bergen, 
dat  synt  Christus  wonden  diep,  die  ons  genade 

erweruen. 

0  Jhesu  Christe,  der  eyn  velt  blome  bys, 
an  dan  cruytz  bis  du  gestoruen; 

du  hais  ons  verloist  mit  dyme  edelen  bloit, 
lais  ons  na  dir  verlangen. 

XIII.    Marieiikrauz.  ^ 

[167  a]    1.    [Mjaria  suosse  nieichdekyn 
bouen  alle  wyff  volkomen, 

1  :  ich  wil  dir  machen  eyn  krenselyn 
van  vonffder  hande  blomen  :  | 

2.  Rosen  ind  lilien  wijs, 
fiolen  ind  melsuessen^, 
acheleyen  bloemegen, 

dar  myt  wil  ich  dich  groissen. 

3.  Got  gruss  dich  edel  rosen  roit, 
Maria  vol  genaden; 

1)  AVie  in  dem  von  H.  Brandes  im  Niederdeutschen  Jahrbuch  10,  54  mit- 
geteilten gedichte  „Der  (juden  farivcn  knuts"'  die  färben  der  Uhe,  rose,  aglei  und 
der  zeitlose  (narcisse)  mit  den  eigenschaften  der  trauen  in  Verbindung  gebracht  wer- 
den, so  erscheinen  hier  fünf  blumen:  rose,  lüie,  veilchen,  melsuesse  und  aglei  als 
abbilder  der  himmelskönigin.  Über  ähnhche  farbendeutungen  vgl.  Uhland,  Schriften 
3,  436  fg.  531  fg.  Das  winden  des  kranzes  ist  gleichfals  ein  häufiges  motiv,  vgl. 
das  gedieht  „Der  fugenden  kränz"  in  Pauls  und  Braimos  Beiträgen  zur  geschichte 
der  deutschen  spräche  5,  548  und  Bartsch,  Beiträge  zur  (juellenkunde  der  altdeut- 
schen ütteratur  s.  246. 

2)  Melsuesse,  wol  identisch  mit  der  maede  suesse  in  str.  11,  1,  vermag  ich 
sonst  als  blumennamen  nicht  nachzuweisen.  Gemeint  ist  die  marienblome  (=  sun- 
nenwervel,  heliotropium,  solsequium),  von  der  es  in  der  nd.  Passio  Christi 
(Mnd.  wb.  3,  34)  heisst:  „De  heth  darumme  nt,.,  dat  se  der  sunneii  navol(jct." 


I 


LIEDERBUCH    DER    ANNA    VON    KÖLN  155 

[167b]  en.hed  gedayn  djns  kyndes  doit, 
wir  weren  al  verloren. 

4.  Gelich  dat  is  der  rosen  verwe 
bouen  allen  blomen  schonen, 

soe  bys  du  in  der  engelen  schone  ^ 
in  der  hemels  throne. 

5.  Got  gruess  dich  edel  lilien  wijs, 
moder  ind  maget  alleyne, 
gelich  der  lilien  onbesmyt 
bleues  du  van  senden  reyne. 

6.  Hilp  myr,  gotz  moder  eyn  reyne  mait, 
alre  blomen  eyn  wunne, 

dat  ich  myt  der  hiüpen  dyn 

tzer  ewiger  vrouden  moess  konien. 

7.  Got  gruess  dich,  edel  holen  kruit 
van  [168  a]  allen  suessen  roeken, 
dat  de  oitmoedicheit  beduit, 
gnaden  ich  an  dir  soecke. 

8.  Gnade,  gnade,  eyn  reyne  wiiff, 
gnade  ich  an  dir  gesynne, 

du  bis  der  sunder  leit  verdriiff, 
vrouwe,  edel  konyngyne. 

9.  Got  gruess  dich,  ackeleyen  var, 
getzeret  myt  blaen  bladen, 

wilch  sunder  dat  dins  nemet  war, 
den  steys  du  vrouwe  zo  staden. 

10.  Alle  myn  sunden  synt  myr  leit, 
dair  om  bid  ich  genaden: 

0  moder  der  gbarmhertzicheit, 
en  troist  mich  neit  zo  spaden. 

11.  Got  gruess  dich,  maede  suesse  fyn, 
alre  blomen  [168  b]  wonne, 

die  van  naturen  eren  keijre^ 
al  neiget  na  der  sonne. 

12.  So  warwart  sich  de  sonne  keirt, 
soe  weirt  de  blome  geboiget: 

1)  Vielleicht  ist  scliaire  zu  lesen. 

2)  kere,  Wendung. 


156 


du  bis  ouch  van  der  seiner  art, 
vrouwe  wol  alre  doeget. 

13.  Dat  volgen  halt  ons  viil  guytz  gebracht, 
dat  du  des  volgen  woldes, 

dat  du  ouermytz^  gotz  kraflFt 
gotz  moder  wesen  soldes. 

14.  Doe  du  sprechs  tzon  engel  fyn, 
de  dar  dese  boitschaif  voirte: 
Siet  eyn  dirne  des  heren  ich  byn, 
mir  geschei  na  dynen  worden. 

15.  Doe  volgedes  du  der  sonne  gar 
al  na  der  [169  a]  blomen  geliche, 
dar  halt  ons  gemacht  al  offenbair 
den  wecli  ze  hemmelrichen. 

16.  Nu  is  volmacht  dit  krenselyn 
van  vonfferhande  blomen, 
noch  mos  it  bes  getzieret  syn, 
sal  it  syn  volkomen. 

17.  Wer  nu  wilt  myt  synen  gelonnen'^  gans 
wilt  vertzieren  ind  verwen, 

der  setze  degelich  an  desen  krans 
V.  yncliche  Aue  Maria. 

18.  Soe  hoeff  ich,  dat  he  onuertzait 
vurwair  mos  des  gellen, 

al  dat  de  werde  reyne  malt 
syns  nummer  en  sal  vertziien. 

19.  Gy  sal  eme  vur  dit  krense[169b]lyn 
in  synen  dode  erwe[r]uen 

eyn  wall  getzeiret  krenselyn, 
dat  nummer  en  sal  verdorren. ^ 

20.  Ind  sprechen:  Com,  vil  süsse  vrunt, 
nym  hie  van  myr  zo  Ionen 

van  mynen  kynde  tzo  dir  gesant 
der  ewiger  vrouden  kröne. 

1)  overmiddes,  vermittelst. 

2)  Etwa  yclouen? 
3j  Etwa  verderven? 


LIEDERBUCH  DER  ANNA  VON  KÖLN  157 

XIV.     Sankt  Gertrud.  1 

[38  a|    1.    Nu  wil  ich  vroelich  heuen  an 
na  den  besten  dat  ich  kan 
van  eynie  stoltzen  ritter. 

2.  All  in  eyme  cloister,  dat  dair  stonde, 
[38  b]  dair  na  was  eme  syn  hertz  gewont 

na  eynre  schoenre  vi-auwen. 

3.  Eyn  abdijss  so  was  sy  dair, 
sent  Gertrud  reyne  ionffrau  clair, 
dat  vynden  wir  noch  beschreuen. 

4.  Der  ritter  was  van  mode  gar  stoltz, 
he  verbrecht  syn  syluer  ind  golt 
all  om  sent  Grertrud  mynnen. 

5.  Sent  Gertrud  mynden  den  rytter  sere, 
all  om  die  mynne  ons  leuen  heren, 
op  dat  he  in  woude  [39a]  behalden. 

6.  Der  rytter  was  van  moide  ongestalt 
ind  reit  in  eynen  bisteren  wailt, 

all  om  syn  leit  zo  beschreien. 

7.  Der  duuel  quam  zo  erae  gegaen, 
he  sprach:  Du  ritter  waü  gedaen, 
wat  is  dyns  hertzen  lyden? 

8.  Der  ritter  sprach  ws  vollen  moide: 
Ich  haen  verloren  gelt  ind  goit, 
dat  deit  mych  hertzlich  truren. 

1)  Diese  legende  ward  schon  in  der  zweiten  liälfte  des  14.  Jahrhunderts  von 
Willem  van  Hildegaerdsberghe  in  einem  gedichte  von  448  Zeilen  dargestelt  (abgedruckt 
bei  Clignett,  Bydragen  tot  de  oude  nederlandsche  letterkunde  1819,  s.  381 — 411, 
widererzählt  bei  J.  W.  Wolf,  Niederländische  sagen  1843  nr.  359).  Eine  spätere  ndl. 
behandlung  in  35  Strophen  findet  man  in  den  Horae  Belgicae  10,  93  nr.  39  =  Wil- 
lems, Oude  vlaemsche  Uederen  1848  s.  310,  einen  undeutlichen  nachklang  noch  in 
einem  neueren  aus  Bonn  stammenden  voLksliede  bei  Simrock,  Die  deutschen  Volks- 
lieder 1851  s.  148  nr.  74,  Ztschr.  f.  deutsche  mythol.  3,  58  imd  in  einer  erzählung 
bei  Pauli,  Schimpf  und  ernst  m-.  522.  —  Über  St.  Gertrud  vgl.  noch  J.  Zacher  in  Ersch 
und  Gnibers  algemeiner  encyclopädie  I,  62,  105 — 108  (1856),  Zingerle,  Sitzungsberichte 
der  Wiener  akad.  40,  219  (1862)  und  Böckel,  Volkslieder  aus  Hessen  1885 
s.  XXXV.  Die  von  Wolf  angeführte  abhandlung  des  barons  v.  Reiffenberg  in  Nou- 
velles  archives  historiques  des  Pays-Bas,  Bruxelles  1827  (1.  1829  V)  habe  ich  nicht 
einsehen  können. 


158  BOLTE 

9.    Der  duuel  sprach:  Haff  goideii  moit, 
ich  wil  dir  [39  b]  geuen  goitz  geuoich, 
all  Olli  dyu  genoichde  zo  driiien. 

10.  Der  ritter  stoltz  wart  gar  gemoit 
ind  hoffdeu  zo  hauen  goitz  geuoich, 
all  om  syn  genoichden  zo  driiien. 

11.  Der  duuel  sprach:  Du  ritter  goit, 

du  Salt  myr  schriuen  myt  dyme  bloit, 
dat  du  godes  verloeues. 

12.  Der  ritter  was  van  hertzen  vro 
ind  schreiff  myt  syme  eygen  bloit, 

[40  a]  dat  lie  goitz  verloenden. 

[40  b]    18.    Sy  satten  den  dach  seuen  iaii-, 

dat  he  zom  gronen  walde  solde  gaen 
ind  solde  dair  reden  geuen. 

[41a]    14.    Do  die  tzyt  ten  enden  quam, 

dat  he  den  duuel  heym  solde  varen, 
do  was  syn  hertz  bedroeuet. 

15.  Sent  Gertrud  sach  syn  droeffheit  an 
ind  sprach:  Du  ritter  gar  verzaget, 
wat  is  dyns  hertzen  lyden? 

16.  Der  ritter  sprach  ws  voUen  moide: 
Gott  gesene  uch,  edel  ionffi-au  goit, 
ich  in  geseyn  uch  numermeren. 

[41  bj  17.    Sent  Gertrud  sprach:  Nu  drynck  van  myr, 
in  des  crucis  krafft  beueil  ich  dich 
ind  in  sent  Johannis  geleide. 

18.  He  satte  die  schall  viu"  synen  mont 
ind  dranck  sy  ws  all  vp  den  gront 
all  in  sent  Gertrud  mynnen. 

19.  Der  ritter  reit  all  durch  den  sant, 
dar  he  den  leidigen  duuel  want 
so  grymmelichen  geberen: 

20.  Nu  halt,  du  ritter,  dar  [42  a]  is  der  breiff, 

den  du  myt  dyns  seines  bloide  gegeschreiffs  [!j; 
nu  schaff  dich  balde  van  hynnen. 


I 


LIEBERBUCH    DER    ANNA    VON    KÖLN  159 

21.  De  dir  dat  leste  werff  dr^Ticken  gaff, 
de  heuet  benomen  myr  myii  crafft, 
mir  ind  niynen  gesellen. 

22.  Der  ritter  vp  synen  sadel  schrit, 
sent  Gerti-nd  erchter  eine  gereit, 
ein  was  so  wale  ge-[42b]noit. 

23.  Der  ritter  bedecht  zer  stont, 

ind  eme  rouden  syn  simden  ws  syns  hertzen 

gront, 
ind  he  ginck  in  eyn  cloister. 

24.  Dat  kloister  dat  was  wael  bekant, 
der  preytger  orden  was  it  genant, 

dair  enden  der  ritter  sju  lenen.     Amen. 

XV.     Liebeslied,  geistlich  TerUiidert. 

[37  a]    1.    Ich  hoii't  dat  kloickelgen  luden, 

zer  krichen  steit  myn  syn; 

dat  doen  ich  alle  dar  onime, 

want  Jhesus  wont  dair  yn. 
[37  b]    2.    Jhesus  halt  bruyn  ougelg}Ti\ 

dbenympt  myn  alle  myn  synne; 

ich  wil  it  Mari[en]  clagen, 

dat  ich  berouuet  byn. 

3.  Clages  du  it  mynre  moder, 
wat  sal  ich  dar  zo  doen? 
Dat  wil  ich  seiner  Avrechen, 
dat  dir  dyn  hertz  zo  breche. 

4.  Ind  brichs  du  myr  myn  hertzen, 
wat  vynstu  dan  dair  yn? 

Wale  eyne  verwende-  sele, 
ind  dair  woent  Jhesus  yn. 

5.  Were  ich  eyn  cleynes  [38  a]  voegelgyn, 
die  vedergen  woulde  ich  haen 

ind  vlegen  m  dat  hemelrichen, 
Jliesum  Wdulde  ich  vangen. 

1)  Str.  2  —  4  erscheinen  aueli  dem   osterliede    ,,Des  morgens  vroe  hi  iiden'' 
in  den  Horae  Belgicae  10,  196  nr.  99  (str.  G  —  8)  augehängt. 

2)  rericent,  üppig? 


160 


Hetz  du  Jhesum  geuangen, 
wat  woiilstu  myt  eme  doen? 
Ich  sloit  yn  in  m}Ti  hertzen 
ind  dede  it  vaste  tzo. 


XYI.     Zwei  geistliche  parodleii  eines  triiililiedes. 


A. 


[82  a]    1. 


Laist  ODS  syngen  iiid 
vroelich  syii, 

in  gen  rosen^, 

mit  Jhesus  ind  den  vrunden  syn; 

wer  weis,  wie  lange  wir  hie  sullen 
syn? 

in  gen  rosen. 

2.  Jhesus  wyn  is  vp  gedaen 
[82  b]  in  gen  rosen 

dar  sullen  wir  all  gar  henen  gaen, 
so  mögen  wir  hertzen  vroude  ontfaen 
in  gen  rosen. 

3.  He   sal    ons    schencken    den 

cypren  wyn: 
wir  moissen  alle  droncken  syn 
al  van  der  suessen  mynne  syn. 

4.  Jhesus  is  eyn  vönckelgen, 
[83  a]  syn  glessgen  helt  eyn  droen- 

chelgen, 
syn  leffelgen  eyn  moent  fo eigen. 

5.  Setzt  dat  glessgen  vur  den  mont 
ind  drynckt  ws  all  vp  den  gront-, 
dair  vyndt  ir  den  hilgen  geist  ter 

stont. 


B. 


[36  a]  Jhesus  wyn  is  vp  gedaen^, 

my   vt^ 

dar  sullen  wir  all  gar  \Tinen  [36  b] 

gaen, 
la  la  sol  fa  my 
fa  sol  fa. 

2.  So  dryncken  wir  den  cypren 

wyn, 
Jhesus  sal  der  schencker  syn. 

3.  Jhesus  is  eyen  vonckelgyn, 
dat  glesgen  helt  eyn  drunckelgen. 


4.  Setzt  dat  glesgen  vur  den  mont, 
drynckt  it  ws  by[t]  vp  den  gront. 


1)  Der  nicht  ganz  verstäudliclie  kehrreim  eriunert  an  den  refrain  „Rooxen  aan 
mijn  hoedje"  bei  Hoffraann  von  Fallersieben,  Niederländ.  Volkslieder-  ni'.  138  u.  139, 
oder  au  den  ähnlichen  „Rot  röslein  auf  der  beiden "  bei  L.  Lechner,  Neue  teutsche 
lieder  1579  nr.  22:  „Wil  uns  das  nieidlin  nimmer." 

2)  Str.  5,  1  —  2  und  6,  1  —  2  kehren  mehrfach  in  den  tiiukliedern  bei  Böhme, 
Altdeutsches  Liederbuch  nr,  821  —  323  wider.  Eine  ähnliche,  minder  krasse  Umfor- 
mung eines  tiinkliedes  steht  Horae  Belgicae  10,  197  ur.  100:  .,Het  is  goet  in  Jesus 
taverne  te  gaen."     Zwei  andere  fassungen  desselben   bei  L.  Ph.  C.  van  den  Bergh, 


LIEDEUBUCH   DER   ANNA   VON   KÖLN  161 

6.  Laist  dat  gelessgen  vmme  gaen,  1        5.  Laist  dat  gelesgen  vmme  gaen, 


so  moegen  wir  vroelicli  heym  wartz 

gaen 
ind  alle  zyt  in  vreiide  staent. 


so  mögen  wir  Diyt  vrouden  heym 
gaen. 
6.  Jliesus  sal  ons  leitzman  syn, 
des  suUen  wir  eme  al  gar  danck- 
ber  syn. 


XVII.    Trinklied.  ^ 

1.  [sab  W]ie  sitzen  wir  hie  so  stille  vnd  swygen? 
Wissen  wir  geyn  ander  vreudt  zo  bedryben? 
Begunt  ons  dat  wyngen  ins  houft  zo  stiegen? 
Wir  w^oilden  wail  besser  kuraxt^  krygen. 
Frysch  vnd  froelich  in  goeder  maneren, 

wer  sold  vns  dat  mögen  verkeren, 
wann  es  geschiecht  auss  guten  grondt, 
wie  wir  es  bekennen  myt  onseren  mundt? 

2.  Es  stath  einen  wail  au,  [84  aj  es  sy  frauw  oder  man, 
der  de  tzyt  wail  denen  kan, 

vermach  man  sich  dan  auff  deser  ban; 

des  gelychen  doit  euch,  is  myn  yerman: 

myt  den  frolichen  wesset  frolich, 

myt  den  schimlichen^  ist  es  vnmalich^; 

myt  den  gecken  habt  gedult; 

sy  wissen  neit  besser,  sy  (vnd)  haben  geyn  schult. 

3.  Wir  kunnen  w^ail  rauwen  by  frunden  off  magen: 
der  lichtlich  geleufft,  is  baldt  [84b]  bedrogen. 
Da  wilt  vch  nu  bass  ynnen  befragen; 

ist  es  neit  wair,  so  sy  is  gelogen. 
Freisch  vnd  froelich,  from  vnd  eirlich, 
ist  es  ouch  anders,  so  ist  es  beswerlich. 
Acht  neit,  was  der  klefier  benyet, 
wanne  is  myt  got  vnd  myt  eren  geschnyt 

Nieuwe  Werken  van  de  Maatschappij  der  Nederlandsclie  Letterk.  5,  2,  114  a  (mit 
melodie)  und  HC  (1841)  und  bei  ^Y.  Bäimiker,  Yierteljahrsschrift  für  musikwissen- 
schaft  4,  2-24  (1888). 

1)  Eine   spätere   hochdeutsche  aufzeicbnuug  dieses  Uedcs  steht  im  Frankfurter 
Uederhüchlein  1582  nr.  161  (herausg.  von  J.  Bergmann  1845). 

2)  Corazi  ün  Ff.  Ib.  =  courage.  3)  trawrigen  im  Ff.  Ib. 

4)  uumüglich  im  Ff.  Ib. 

IL 

ZEITSCURIFT    F.    DKUTSCUE    I'llILOLOOlE.       BU.    XXI. 


1Ö2  BOLTE,   LIEDERBUCH   DER   ANNA   VON   KÖLN 

4.  A^nd  hauen  wir  nicht  eynen  wiilicbgen  wirdt? 
ehr  thut  al,  was  ons  hertz  begert. 

[85  a]  Dar  zo  thut  he  de  freuden  vermeren 

vjid  acht  dar  neit  vp,  was  myr  vertzeren. 
Freisch  vnd  frolisch  sonder  traw[r]en 
wem  is  geruwet,  dar  mach  is  besawren. 
Laist  ons  nu  syn  van  hertzen  fro 
vnd  dryncken  eyn  ander  fruntlich  zo. 

5.  Wie  guyt  vnd  gnuchhch  ist  is  zo  wonen, 
das  gebroder  by  eynander  komeu, 

wir  hauen  euch  anders  neit  vernomen 

by  desen  liefflichen  vnd  [85b]  wail  froraen. 

Freisch  vnd  froelich,  from  vnd  eirlich, 

ist  es  anders,  so  yst  es  besweirlich. 

Acht  neit,  was  eyn  eyder  doit, 

wann  es  myt  got  vnd  der  eren  zo  geith. 

6.  Geyn  besser  freudt  in  deser  werelt, 
dan  der  syn  liertz  zo  freden  stelt, 
verworet  neit  ser  vp  goit  vnd  vp  gelt 
vnd  laist  es  neit  lauöen  zo  weit  ins  feit. 
Frisch  vnd  frölich  sonder  traw[r]en; 

[88  a]  wem  yss  gerawet,  der  mach  es  besawren. 
Laist  ons  nu  syn  van  hertzen  fro 
vnd  sprechen  den  andern  fruntlich  zo. 

7.  Da  myt  wir  nu  dyss  leitgen  thunt  sleissen, 
1 

es  yst  baldt  komen  in  eyner  stonden, 

das  froelich  zo  syn  nycht  wirt  langen; 

Altzyt  froIich  ist  onmuchlich, 

altzyt  trawren  vnd  kan  neit  dawren, 

laist  ons  van  hertzen  froelich  syn 

vnd  dryncken  myt  freuden  den  koelen  wyn. 

8.  Freisch  froilich  in  eren^ 
byn  ich  altzyt  begeren. 

1)  liier  fehlt  eiuc  zeile.     Im  Frankfurter  liederbüchleiu  lautet  sie:    „loh  hoff 
der  freud  noch  besser  zu  geniessen." 

2)  Str.  8  weicht  im  Ff.  Ib.  ganz  ab : 

^Diss  sind  drey  ding,  die  gott  gefallen,  wenn  sieh  brüder  freundlich  liebeu, 

die  last  uns  haltne  über  allen,  man  und  weib  auch  nit  betrüben, 

die  sind  uns  auch  fast  nutz  und  gut,  die  nachliaurn  sein  einander  hold, 

Saloman  das  beschreiben  thut,  -welches  ist  viel  besser  denn  silber  und  gold.'* 


WITKOWSKI,    BRIEFE   VON   OPITZ   UXD   MOSCHEROSCH  163 

[88  b]  Stundt  eynen  eydeii  für  syneii  lioufft  geschreiien, 
wat  he  syn  lieffdag  liedt  betrieben, 
he  wurdt  sich  freilich  wail  bedencken, 
ehr  he  eynen  andern  syn  en  wurdt  krencken; 
wuldt  he  es  neit  onder  wegen  laen, 
wer  weiss,  was  syn  kynder  thun. 

BERLIN.  JOHANNES    BOLTE. 


BEIEFE  VON  OPITZ  UND  MOSCHEEOSCH. 

(Scliluss.) 

XVIII.  1 

Martin  Opitz  an  Christoph  Colcr.  Breslau ,   24.  Jannar  1631. 

S.  P.  D.  Ornatissime  ac  doctissime  Colere, 
Nuper  tuas-,  liodie  et  Anacreonticum  Carmen  tiuiiu  accepi,  sane  ele- 
gans  et  pro  genio  numerorum.  De  Dudithio^  ac  Wackero'*  sermonem 
habui  cum  Praestantissimo  Cepcone,  et  quaedam  perscripsi  ad  Amplis- 
simum  Nüsslerum  menm.  Egregios  tamen  conatus  tuos  interuertere 
noUm.  Tu  pro  prudeutia  tua  ignes  suppositos  cineri  doloso-""  satis 
caueris.  Posses  non  parum  etiam  exornare  libellos  istos  testimoniis 
eruditorum  hominum  quae  passim  extant;  ut  quae  de  AVackero  Wou- 
werins''',  de  Dudithio  adhuc  iuuene  P.  Manutius'^  aliique  scribunt.    Sed 

1)  Hs.  E  251  nr.  26. 

2)  Wol  der  brief  Colers,  den  Czepko  überLracht  hatte  (Jaski  a.  a.  o.  s.  72). 

3)  Andreas  Dudithius  (1533  — 1589),  bischof  von  Fünfkirchen,  wurde  später 
Lutheraner.  Coler  wünschte  wahrscheinlich  deshalb  näheres  über  ihn  zu  erfahren, 
weil  D.  das  leben  des  berühmten  kardinals  Reginald  Pool  aus  dem  Italienischen  des 
Beccatelü  ins  lateinische  übersezt  hat.     Siehe  brief  nr.  XXXIV. 

4)  Es  lässt  sich  nicht  feststellen,  welcher  der  zahlreichen  gelehrten  dieses 
namens  hier  gemeint  ist. 

5)  Dieselbe  phrase  (aus  Hör.  carm.  II,  1,  7  fg.)  findet  sich  auch  in  brief 
nr.  XXXII. 

ß)  Johannes  "SVower  (1574  — 1012)  erwähnt  "Wacker  in  seinen  briefen  {Episto- 
lanim  centuriae  iluae  Hamb.  1G19). 

7)  Paulus  Manutius  (1512  — 1574),  söhn  des  Aldus  M.,  gleich  diesem  berühmt 
als  herausgeber  griechischer  und  römischer  schriftsteiler  und  als  buchdrucker. 

11* 


164  WITKOWSKI 

coraui  plura,  et  quidem  propediem.     Yale,  aiiiice  optime.     Vratislaiiiae. 
a.  d.  XXIV.  Januar.  CIOIOCXXXI. 
Tili  amantissimus 

Mart.  Opitius. 
Eruditissimo  Viro,  Christoph oro  Culero  Suo. 

Bregam. 

XIX.  1 

Martin  Opitx.  an  Christoph  Coler.  Breslau,  11.  Februar  1631. 

S.  P.  D.  Clarissime  Vir,  Primuni  Grotii  de  Veritate  Religionis 
Christianae  libruni  ad  Gründerum  nunc  transmisi-;  idem  statim  factu- 
rus et  cum  reliquis.  Fidem  ille  suam  Mülloro,  ut  audio,  dedit,  se 
absque  mora  openi  hie  suam  impensurum.  Est  alias  strenuus  promissor, 
sed  non  raro  fallit.  Itaque  moneri  homiuem  ualde  uelim.  A  te  im- 
jDense  rogo,  ut  et  bono  publico,  et  operis  dignitati,  et  amicitiae  nostrae 
tantum  concedas,  ut  accurata  perlectione  tua  opus  hoc  prodeat  quam 
correctissinie.  Neminem  noui  qui  haec  aut  te  melius  intelligat,  aut 
amet  tenerius.  Quid  quod  nee  tempus  deesse  tibi  puto,  singulis  diebus 
unam  alteramquc  pagellam  perlegendi.  Mihi  uel  similis  labor,  uel 
quodcunque  aliud  negotium  tui  caussa  molestum  nunquam  erit.  Sed 
et  amicissimum  Cothurnium  "^  habes,  et  decus  Musarum  Cepconem,  qui 
libenter,  uti  confido,  aliquam  oneris  partem  in  se  recipiunt.  Yale  ami- 
corum  clarissime,  et  de  niente  typographi,  an  satisfacere  promissis 
sedulitate  sua  uelit,  perscribe.  Vratisl.  a.  d.  11.  Febr.  1631. 
Tuns  M.  Opitius. 

Clarissime  Yiro  Domino  Christoplioro  Colero  Suo. 
Briegk  J)cim  H.  Joachim  Stein. 

XX.  ^ 

Martin   Opit;',   an  Cliristoph  Coler.  [Breslau] ,  4.  Marx  1631. 

S.  P.  D.  CL.  Colere,  Nescio  quid  fuerit  cur  tu,  Amplissimus 
Nusslerus  et  Cothurnius^  ad  meas  tamdiu  sileatis*';  si  frigidam  aliquis 
sufFudit,    facite    ut   ne    sontieum    Carmen    diutius    ignorem.     Corte   nee 

1)  Hs.  R  251  nr.  43. 

2)  Über  Gründer  uud  dcu  druck  der  selirift  „You  der  walu'beit  der  christ- 
lichen religiou"  siehe  die  einleitung. 

.3)  Siehe  s.  24  anm.  5. 

4)  Hs.  E  251  nr.  42. 

5)  Die  lezteu  buchstaheu  undeutlicli. 

6)  Colers  brief  vom  1.  märz  (Jaski  a.  a.  o.  s.  SO)  war  also  noch  ni(Jit  in  Opitzens 
hände  gelangt. 


BRIEFE    VON    OPITZ    UND    MOSCHEKOSCH  165 

publice,  nee  priuatim,  nee  in  aniore  quo  vos  prosecutus  sura  semper 
aut  mutatus  sum  quicquam,  aut  quamdiu  uiuam  mutabor.  Quod  si 
Grotiani  libelli  aliquid  uobis  iniiciunt,  de  quo  dubitetis,  per  me  licet.^ 
Si  non  edi  apud  uos  possunt,  aut  tardius  saltem  edi,  sane  huc  redeant; 
id  quod  tu  haud  gravate  Gründero  indicabis.  Quod  si  editio  propera- 
bitur  te  parario  et  auspice,  munditiem  illis  spondeo  et  correctissimam 
lectionem.  Secundo  libro,  de  Plutarcho  scripseram  Cliaroiie,  id  quod 
tu  pro  amore  tuo  erga  me  in  Cherone  pcrmutabis.^  Yale,  Yir  Erudi- 
tissime  et  GL.  Cepconem  saluta.  a.  d.  IV.  Martii  CIDIOCXXXI. 
Tuus 

fide  optima  M.  Opitius. 

Gl.  Yiro  Domino  Gliristophoro  Golero,  amico  singulari. 

Bregam. 
XXL  3 
Martin  Opitx,  an  Christoph  Coler.  [Breslau] ,  8.  Miirx.  [1631]. 

S.  D.     De  silentio  tuo  frustra,    ut  uideo,    questus  sum,    quod  tu, 

Gl.  Golere,  et  accurata  carmimim  meorum  correctione,   tuorumque  sane 

elegantissimorum  dono  bona  fide  pensasti.     Gratias  utrinque  tibi  liabeo 

singulares,    atque  libellis  meis   eandem   donec  absoluantur  curam  adhi- 

beas,    ac   Gründerum  urgere  non    desinas    per  te   communia  Musarum 

Sacra  precor.     Infiniti  labores  in  aula  mei  non  pcrmittunt,  ut  eas  sche- 

das  perlegam,    quae  iam  typograplio  mittuntur.     Et  nunc  operis  dimi- 

dium  ad  uos  pervenit  iiisi  quod  Praefationem  ad  S.  P.  Q.  urbis  liuius* 

extradere    constituerim.      Müllerus    libellum    ad    te   misit,    bonae    sane 

notae.^     Euni  si  Germanice  per  otium  reddes,    magnopere  virum  hunc 

tibi  deuincies,    et  de  gratitudine  non  dubitandum   est.     Haec  vero  tu 

per  lusum  et  iocum  potes,  nee  operis  moles  adeo  grandis  esse  videtur. 

De  meis  hoc  moneo,  si  quid  fugiente  manu  erraui,  ut  pro  porspicacis- 

simo  iudicio  tuo,   illud  emendes.     Vale,    amice  clarissime  et  onus  tan- 

tum  tibi  imponi  ignosce.  a.  d.  VIII.  Martii. 

Tuus  totus  M.  Opitius. 

Gl.  Viro  Ghristophoro  Golero  Suo. 

Bregam. 

1)  sc.  miäare. 

2)  In  dem  ersten  druck  (s.  37j  ist  Gharonc  stehen  geblieben: 

Es  schriebe  Herodot  diss  nicht  vom  Aristo, 
Noch  einem  andern  auch  der  mann  von  Charone. 

3)  Hs.  R  251  nr.  36.     Antwort  auf  Colers  biief  vom  5.  märz  (Jaski  s.  86  fgg.). 

4)  Das  buch  ist  „den  herren  hauptmanne  vnd  rhatmaunen  der  Stadt  Bresslaw'' 
gewidmet. 

5)  Grotius,    de  veritate  relicjionis    Christianae,    wie    aus   Colers    brief   vom 
21.  märz  (Jaski  s.  90)  hervorgeht. 


IGÜ  WITKOWSKI 

XXII.  1 
Martin  Opit-:  an  Christoph  Colcr.  Breslau,  22.  Marx  1631. 

S.  P.  D.  CL.  Colere.  Grunderus  de  Charta  quod  qneratur  non 
habet. 2  Ytinam  über  coeptus  nondum  esset,  fortassis  uiani  reperire 
aliam  possemiis,  ne  bihs  toties  ob  iniquissimam  hanc  moram  mihi  con- 
citaretur.  Yersionem  duariim  septimanarum  spatio  te  absolutiirum ,  sane 
gaudeo:  et  gratum  se  meus^,  ubi  ipsa  exhibebitiir,  ostendet  procul 
dubio.  ^  Ac  cum  Müllero  uel  hodie  loquar,  ut  de  loco  cogitet,  ubi 
quam  citissime  typis  describi  possit.  Primus  über  maius  tibi  negotium 
faciet,  quam  reliqua  operis  pars  fere  tota.  Et  quamuis  pro  egrcgia 
eruditione  tua  ipse  sufficias  labori,  tamen  in  consilium  adhibebis  recte 
Amplissimum  Nüsslerum,  meum  et  Musarum  insigne  decus.  Iterum 
iterumque  te  moneo,  ut  lentum  illum  liorainem^  quo  poteris  modo 
instiges.  Tibi  tot  indies  horis  institutionem  doraesticam  constare,  doleo*^: 
ad  meliora  enim  Titan  hoc  pectas  tuuin  formauit.  Sed  parendum  est 
neccssitati  temporis,  quae  non  reipublicae  modo,  uerum  priuati  etiam 
cuiusque  statum  ac  fortunas  inuoluit.  A^ale,  charissime  Amicorum. 
Yratisl.  ex  regia,  a.  d.  XXII.  Martij.  CIOIOCXXXI. 
Tuus 

Opitius. 

Gl.  Viro  Domino  Christophoro  Colero  Suo. 
Briegk  heim  H.  Joachim  Stein. 

XXIU.  7 

Martin  Opitx  an  Cliristoph  Colcr.  Breslau,  25.  Marx  [1631]. 

S.  P.  D.     Amicissime  Colere,    Müllerus   in   ea   sententia   firmiter 
haeret,  se  libellorum  duorum  inscriptionem  nescio  quibus  imputaturura, 

1)  Hs.  R  251  nr.  28.     Antwort  auf  Colors  brief  vom  21.  märz   (Jaski  a.  a.  o. 
s.  90). 

2)  Coler  hatte   den  papiermangel  als   gmud   des  langsamen  fortscbreiteos  des 
druckcs  genant. 

3)  So   bezeichnet   Oiiitz   in    briefen    aus    dieser    zeit    häufig  seinen  bescbützer 
Dohna. 

4)  Schon  Colers  brief  zeigt,   dass  Opitz  ihm  die  Übersetzung  augetragen  hatte, 
um  einem  wünsche  Dobnas  zu  genügen. 

5)  Gründer. 

6)  Coler  hatte  geschrieben,  er  müsse  täglich  vier  stunden  unterrichten. 

7)  Hs.  R.  251  ur.  40.     Antwort  auf  Colers  brief  vom  22.  märz   (.Jaski  a.  a.  o. 
s.  94  fg.). 


BRIEFE   VON    OPITZ    UND    MOSCHEROSCII  167 

et  hiiius  rei  gratia  iiersionem  eoruni  a  te  petiisse.  ^  Tu  uideris,  et  si 
dedicationis  gratia  tibi  peribit,  aliud  laboris  tui  redhostiinentuni  posces. 
De  Grotiano  libello  multum  te  amo  2,  et  bis  diebus  aliquid  eius  auide 
praestolor.  Meum  opus  adeo  lente  procedere  doleo.-^  ßründerus  de 
Müllero  propter  cliartam,  hie  de  illius  segnitie,  ego  de  utroque  queror. 
Nemo  te  beneuolentior  est,  qui  et  lentorem  homini  excutere  conaris, 
et  quod  magis  est,  obstetrici  manu  foetum  meum  sine  luxatione  ner- 
uoruni  alleuas  et  producis  in  dulce  lumen  Solls.  Gratias  tibi  mecum 
deberet  quicquid  Musarum  est.  Si  quid  ad  Lingelshemium  et  Berneg- 
gerum uis,  fac  ut  tuao  intra  quadriduum  omnino  compareant.  Ibit 
enim  correpto  itinere  Argentoratum  studiosus  quidam  iuuenis,  cuius 
opora  recte  et  ordine  utemur.'*^  Yale  optime  amicorum.  a.  d.  XXY.  Mar- 
tii  sub  seram  noctem. 
T. 

Opitius. 
Gl.  Yiro  Christophoro  Colero  Suo  celeriter  reddantur. 

XXI Y.  5 

Martin  Opitz  an  Christoph  Colcr.  Breslau,  5.  April  [1631]. 

S.  P.  D.  Gratao  mihi  hesternae  tuae*^'  Y.  C.  non  minus,  quam 
amici  nuper  sermones  mecum  tui:  quales  miscere  nos  saepius  postea 
sinet  haec  mea  conditio,  Celsissimo  Principi  uestro  devota.^  Interea 
scriptionibus  etiani  crebrius  inter  nos  agamus:  quo  et  Musis  nostris 
gaudium  inde,  et  temporum  acerbitati  solatium  quaeramus.  Caeterum 
de  Lignicensi  itinere  certi  constituere  nihil  adhuc  possum:  erit  tamen 
breui  locus  alloquendi  G.  Colerum^,  pectus  candissimum.     Illic   tui  ea 

1)  Am  5.  niärz  hatte  Coler  geschrieben,  er  bestände  darauf,  dass  seine  Über- 
setzung des  „Christlichen  Seneka"  dem  Albert  Sebisius  gewidmet  würde  und  am 
21.  märz  meldete  er,  er  würde  sein  buch  widmen,  wem  er  wolle,  während  MüUer 
ihm  geld  dafür  böte,  dass  er  darauf  verzichtete. 

2)  Colers  Übersetzung. 

S)  Coler  hatte  geschrieben,  der  druck  schreite  mit  der  langsamkeit  einer 
Schildkröte  fort. 

4)  Coler  hatte  Opitz  gebeten,  briefe  an  Lingelsheim  undBcrnegger  zu  besorgen. 

5)  Hs.  E  251  nr.  32. 

G)  Der  brief  Colers  fehlt. 

7)  Opitz  suchte  also  um  diese  zeit  schon  wider  mit  den  fürsten  von  Brieg 
und  Liegnitz  anzuknüpfen ,  trotzdem  er  noch  in  den  diensten  von  deren  gegner  Dohna 
stand.  Diesem  zwecke  wird  auch  der  hier  erwähnte  kurze  aufenthalt  in  Brieg  und 
die  reise  nach  Liegnitz  gedient  haben. 

8)  Georg  Köhler  von  Mohrenfeld ,  Fürstlich  Liegnitzischer  rat.  Zu  seiner  hoch- 
zeit  (13.  april  1638)  verfasste  Opitz  ein  deutsches  gedieht  (Oesterley  a.  a.  0.  ur.  162j. 


1G8  M'ITKOWSKI 

mentio  fict,  quam  prodosse  proposito  tuo  posse  sensero.  Gerte  iiirum 
Optimum  tui  amantem  esse  noui;  tuisque  commodis  bene  uelle,  nou 
dubito.  De  me  eundem  tibi  auimum,  eandem  uoluntatem  polliceor. 
Hesychio  tuo,  ita  te  uolente,  utar;  si  carere  hoc  libro  patienter  potes, 
alium  forte  iiiueniam,  quo  uicissim  te  donem,  tibi  longe  acceptiorem. 
Et  tu  quidom  libertati  huic  mcae  ignosces.  Vale,  amice  iucundissime. 
Vratisl.  ad  d.  Y.  April. 
T.  T. 

M.  Opitius. 

CL.  Viro  Domino  Cliristophoro  Colero  Suo. 

Bregam. 
XXV.  1 
Martin  OpHx  an  Ch7'istoph  Colcr.  Breslau,  12.  April  1631. 

S.  P.  D.  Amicissime  Colere,  Flures  effluxerunt  dies,  ex  quo 
utrinque  silemus.  Interea  tui  obliti  tarnen  non  fuimus,  et  ut  de  ami- 
citia  nostra  gaudeo,  ita  statum  etiam  tibi  meliorem  tota  mente  exopto. 
Neque  uotis  nostris  aut  secundus  Xuminis  diuini  fauor,  aut  amicorum 
patrocinium  deerit.  Et  nisi  fallor,  aliquis  se  iam  radius  melioris  Phoebi 
ostentat.  De  libris  nostiis  puto  te  non  remisisse,  ac  si  quid  a  te  iam 
perscriptum  est  ac  in  nostrum  sermonem  conuersum,  ut  ad  nos  statim 
transmittas,  et  quando  ad  umbilicum  opus  integrum  deduci  a  te  poterit 
indices,  iterum  iterumque  te  precor.  -  Xam  si  Gründerus  sie  pergit, 
aut  potius  si  sie  cessat,  constitutum  mihi  est,  tuis  libris  alibi  de  typo- 
grapho,  cuius  opera  citius  absoluantur,  dispicere.  Berneggeri  literis, 
quas  pridie  accepi%  haec  inerant.  Colerum  nostrum  ubi  ubi  est, 
saluta.  Ego  te  ualere  iubeo,  amicorum  optime.  Ipse  forte  per  has 
ferias  te  uidebo;  imo  omnino  sie  cogito:  nisi  magnae  me  caussae  domi 
detinebunt.  Yratisl.  a.  d.  XII.  April.  CIÜIüCXXXI. 
Tuus 

Mart.  Opitius. 

Was  H.  Griuidcr  an  meinem  Wercke  noch  verfertigt  hat,  wolle 
er  mir  alsshaJdt  'ühersenden  lassen,  damit  ich  es  neheiist  dem  ander 
durchsehen,  undt  die  errata  hinten  ansetxen  könne.  Ich  schicke  diss- 
mal  xiiegleich  die  Vorrede;  undt  hoffe  er  ivirdt  nun  lenger  nicht  säu- 
men.    Es  geht  in  die  neaiultc  Woche,  dass  er  die  Sachen  bey  sich  hatt. 

1)  Hs.  R  251  nr.  33. 

2)  Man  sieht,  wie  viel  Opitz  daran  lag,  Dohuas  wünsch,  nach  einer  Über- 
setzung der  Grotiusschen  schrift  möglichst  schnell  durch  Coler  zu  befriedigen. 

3)  Bernegger  an  Opitz  13.  märz  1631  (Heumann,  Poecile  Sive  Epistolae  Mis- 
ceUaneae.     Tom.  IL     Halae  1726.   s.  401). 


BRIEFE   VON    OPITZ    UND    MOSCHEROSCH  169 

Undt  der  mir   beicusste   Vorsatz  des  Buches  kalben   (jehet  iniff  dieser 
hiider.\iehung  gantx  xurück.     Wann   es  doch  möglich  wäre,    dasz  ich 
es  heute  über  acht  tage  auf  den  heiligen  Abendt^  haben  köndteJ 
Clarissirao  Yiro  Domiao  Christophoro  Colero  Suo. 
Briegk  beim  IL  Joachim  Stein. 

XXVI.  3 

Martin  Opitz  an  Christoph  Coler.  [Breslau],  9.  Mai  1631. 

S.  P.  D.  Praestantissime  Colere,  Gratias  tibi  habeo  de  prinio  libro 
Grotiano.^  Reliquos  iit  et  ipsos  statim  transmittas  iterum  iterumqiie 
precor,  ac,  si  hoc  pateris,  moneo.  Recüit  enim  Yienna  meus-\  qui 
moram  omnem  mihi  imputabit,  si  diutiiis  negotium  hoc  literarium  pro- 
telabitur.  Legam,  qnantum  per  has  aulae  nostrae  molestias  licuerit, 
tuam  nersionem;  quanqnam  arbitro  me  iiix  egeas.  Ybique  uidendum, 
quid  equidem  sensus  ac  mens  auctoris,  sed  tamen^' et  quid  linguae 
nostrae  genius  requirat.  Xec  anxie  omnibus  inhaerendum.  Id  quod 
Grotium  uelle  ex  litcris  eins  perspicio,  quibus  quas  heri  prolixas  accepi, 
haec  inerant.^  Librorum  nostroi'um  pro  ueritate  Peligionis  Christianae, 
quae''  a  scriptore  est,  non  meretur  tantiim  interpretem  ^ :  de  ipso  argu- 
mento  idem  dicere  sine  impietate  non  possim.  Sed  tarnen  hie  quoque 
memineris  suadeo  liberum  te  esse,  nee  ita  alligatum  praeeuntibus  uer- 
bis,  ut  non  liceat  res  easdem  melius  tibi  dicere.  Haec  et  alia  uir 
magnus  ualdc  amice.  Eins  siluam  ad  Thuani  filium^  ab  amanuensi 
eins  descriptam  si  uis,  iudica:  nactus  enim  sum  et  ipsara.     Yale,  ami- 

1)  Ostern  fiel  1(331  auf  den  20.  apvil  (nach  gregorianischem  kalender). 

2)  Xur  in  dieser  nachschrift  und  in  den  briefen  an  fürst  Lud^^-ig  von  Anhalt 
und  Friedrich  von  Schilling  (Eä'ause,  Ertzschrein.  Leipzig  1855  s.  123  — 137)  bedient 
sicli  Opitz  im  briefwechsel  der  deutschen  spräche. 

3)  Hs.  R  251  nr.  58.  Gedruckt  in  Colers  Laudatio  s.  68.  Antwort  auf  Colers 
brief  vom  29.  april  (Jaski  a.  a.  o.  s.  98  fg.). 

4)  Coler  hatte  versprochen,  bis  anfang  mai  die  beiden  ersten  l)ücher  zu  senden. 

5)  Siehe  s.  166,  anm.  3. 

6)  Das  folgende  ist  wörtlich  aus  Grotius'  brief  an  Opitz  vom  1.  märz  1631 
entlehnt  {Orotii  Epistolae,  Amstel.  1687  nr.  272;  Jaski  a.  a.  o.  s.  76  fgg.). 

7)  Schreibfehler  statt  quod. 

8)  Grotius  hielt  Opitz  für  den  Übersetzer  und  dieser  benuzte  die  gelegenheit, 
Coler  eine  Schmeichelei  zu  sagen. 

9)  Hugonis  Orotii  Silva  Ad  Franciscvm  Aiigustvm  Thvanvm.  Jac.  Argvsti 
F.  Excudebatur  Lutetiae  Parisiorum  1634.     16".     17  s. 


170  WITKOWSKI 

coruin  optimc.     E  Museo  sub  meridiem  fere  noctis,    et  oculis  iiix  con- 
niuentibiis.  a.  d.  IX.  Mail.  ClOIüCXXXI. 
Tuns 

M.  Opitius. 

Praestantissimo  Yiro  Domino  Christophoro  Colero  Suo. 

XXVII.  1 

3Iartm  Opitx  an  Christoph  Coler.  Breslau,  12.  Mai  1631. 

S.  P.  D.  Praestantissime  Colere,  Piito  te  eas,  quas  pridie  ad  te 
dedi  accepisse.  Heri  Maecenas  mens  iierbis  seriis  libellum  a  me  po- 
poscit,  ac  negligentiam  quasi  meam  accusare  uisus  est.  Quod  si  ali- 
quid opcris  adhuc  uertendum  tibi,  ultimum  librum  libenter  interpreta- 
bor:  nollem  enim  laborem  ullum  subterfugere,  cuius  opera  Patroni  mei 
amorem  integrum  mihi  seruare  possum.  Titulum-  ut  uolebas  subieci. 
Hoc  monendus  ^,  ut  illam  partem,  quam  nondum  descripsisti ,  aut  in 
quarta,  aut  folii  integri  forma  describas,  et  characterujn  genere  exstan- 
tiori.  Typographorum  enim  inscitiam  nosti,  qui  tamen  errores  suos 
haud  raro  in  nos  reiiciunt.  Quae  literis  diuersis  exprimi  debent,  et 
margini  addita  sunt,  iis  recte  lineam  subiunges,  hoc  modo,  ne  et  sie 
ab  operis  peccetur.  Sed  per  pagellas  numeris  distingues,  aut  fini  cuius- 
que  uerbum  illud  addes,  quod  sequenti  primum  est.  Ego  tot  negotiis 
obruor,  ut  uix  respirare  possim.  Alias  ipse  manum  hie  ultro  admo- 
uerem.  Post  praefationem  tnam  aut  Carmen  aliquod  aut  epistolam 
addam  ipse,  nisi  tu  forte  dissentis.'^  Hoc  te  iteruni  peto,  ut  paullo  accu- 
ratius  textus  describatur.  Quod  si  iam  omnia  absoluisti,  non  est  quod 
denuo  molestiam  tibi  crees.  Id  mihi  crede,  aliquod  gratiae  Patroni 
erga  me  mei  in  celeritate  rei  momentum  prorsus  situm  esse.  Yale  ami- 
corum  optinie.     Yratisl.  a.  d.  XH.  Maii  CIüIOCXXXI. 

Tuns 

Opitius. 

[Am  ra)idc] :  Dem  Hochirohjehornen  Herrn,  Herrn  Carl  Änni- 
balen  Burggraffen  xur  Dohna,  Herrn  auf  Wartenberg,  Prälin  nndt 
Goschitx,  Böm.  Kais.  Maj.  gehaimhen  Rhate,  Cämmerer,  Schlesischen 
Cammcr  Präsidenten,    Vollmächtigen  Landvogte  des  3Larggraffthumhs 

1)  Hs.  R  251  nr.  35. 

2)  Coler  hatte  in  seioem  bricfe  vom  29.  april  \m\  angäbe  der  titel  Dolinas 
gebeten,  um  diesem  die  Übersetzung  des  Grotius  zu  widmen.  Dohna  lehnte  die 
annähme  der  widmung  ab.     Siehe  Jaski  a.  a.  o.  s.  110  und  s.  172,  anm.  2. 

3)  In  dem  drucke  findet  sich  weder  ein  gedieht  noch  ein  brief  von  Opitz. 


BRIEFE    VOX    OPITZ    UND    MOSCHEROSCH  171 

Oherlaiisitx ,   tmdt  Ohristen ,   meinem  (jnädigen  Herrn.     Hochivolgebor- 
ncr  Burggra/f,   Gnädiger  Herr,  etc. 

Eriidirissimo  Yiro  Domino  Christophoro  Colero  Suo. 

Briegk. 
XXVIII.  1 

Martin   Opitx  an  Christoph  Coler.  Breslau,  15.  Mai  [1631]. 

S.  P.  D.  Amicissime  Colere.  Omnino  dubito  an  absente  te  libri 
Grotiani  ex  merito  typis  describi  possint.  ^  Socordiam  tjpographorum 
et  ignorantiara  nouisti.  Itaque  Müllerns  Gründero  haec  mandare  decre- 
nit,  nisi  illc  abnuit.  Gerte  et  solutionem  festinatam  et  chartae  quan- 
tum  satis  est  promisit.  Ac  interea  dum  prima  eduntiir,  tu  posteriores 
libros  pensiculatius  desoribere  potes,  ac  cum  libcrtate  majori.  Red 
maturatione  editionis  omnino  opus  est,  nisi  aliquid  de  amore  Maecena- 
tis  niei  decedere  mihi  uolo.  Id  quod  cum  ego  fugio,  tum  tu  ut  fugere 
illud  possim  mecum  curabis.  Magnopere  mitigarem  heri  mei  animiim, 
si  uel  sub  exitum  soptimanae  huius  folium  impressum  ostendere  ipsi 
queam.  Iterum  iterumque  peto,  et,  si  hoc  pateris,  adhortor,  ut  spes 
meas,  quantum  in  te  est,  promoueas.  De  epistola  aliqua  mea  aut  epi- 
grammate  post  praefationem  tuam,  ut  heri  ad  te  perscripsi  promitto, 
nisi  tu  forte  aliter  uis.  Yale  amicorum  optime,  et  hoc  age.  Yratisl. 
ad  XV.  Maii. 

Tiuis 

Opitius. 

Lacunas  libri  piimi  ita  uti  censui  et  tu  uoluisti  expleui.  Sed  et 
aliquot  uerba  mutaui,  te,  ut  spero,  non  inuito.  De  reliquis  tu  uideris, 
cui  pro'^  iudicii  et  otii,  quo  non  raro  destituor,  abunde  est.  Iterum  Vale. 

Clarissimo  Viro  Domino  Christophoro  Colero  Suo. 

B?'iegk  heg  H.  Joachim  Stein. 

XXIX.* 

Martin   Opitx  an  Christoph  Coler.  [Breslau],  16.  Mai  [1631]. 

S.  P.  D.  CL.  Yir,  Eam  partem  operis  Grotii,  quam  ad  me  mi- 
sisti,  hie  recipies.  Ex  uero  tibi  affirmo  per  cumulos  negotiorum  legere 
haec  integrum  non  fuisse  nunc  mihi.     Habes  amplissimum  Nüsslerura, 

1)  Hs.  E  251  nr.  27. 

2)  Opitz  hatte  anfangs  nicht  die  absieht,  Colers  Grotius  in  Brieg  bei  Gründer 
drucken  zu  lassen,  da  er  mit  dessen  unpünktlichkeit  schlechte  erfahrungen  gemacht 
hatte;  aber  schliesslich  entschied  er  sich  aus  den  hier  angeführten  gründen  doch  dafür. 

3)  Hier  fehlt  ein  wort,  etwa  tempore. 

4)  Hs.  R  251  nr.  29. 


172  WITKOWSKI 

qui  te  non  destituet.     Pliira  tibi  illique   et  Grünclero   vel   cras  perscri- 
bani.     Vale  a.  d.  XVI.  Maii. 
T. 

totiis  Opitius. 

Clarissimo  Viro  Domino  Christophoro  Colero  Suo. 

Brieyk  hei  IL  Joachim  Stein. 

XXX.  1 

Martin  Opitx  an  Christoph  Coler.  [Breslau],  20.  Mai  [1631]. 
S.  P.  D.  Eruditissime  Colere,  Prima  folia  ad  Gründerum  remisi: 
placet  character.  Tu  si  nitidius  quaedaai  descripseris ,  accuratius  omnia 
edentur:  qiii  honor  tuo  nomini  cedet.  Sed  et  emendationi  uacabis, 
qiiaiitiim  poteris.  Hoc  te  per  amicitiam  nosti*am  oro,  ut  et  ipse  uer- 
bis  dclenificis  typographo  instes  et  sedula  opera  hoc  agas,  ne  ille  queri 
possit,  per  te  moram  sibi  iniici,  quominus  res  procedat.  Si  intra  duo- 
decim  dies  über  huc  non  peruenit,  iram  heri  mei  omnino  metuo,  qui 
culpara  omnem  in  me  transfert.  Ille  Illustrissimus  meus  cdi  opus  hoc 
cupit  sine  iilla  praefotione,  ne  aliqua  in  ipsum  inuidia  redundet,  ob 
lioc  hominum  gcnus,  qui  id  quod  ab  haeretico,  ut  aiunt,  scriptum  est 
nul'i  hominum  concedunt  ut  legatur.-  Tibi  tamen  gratia  ea  reddetur, 
quam  dignam  pro  tam  sedula  uersione  tua  meritus  es:  neque  non  indo- 
natus  abibis,  me  uide.  Grotiana^  aliaque  proxime  transmittam:  nunc 
ualde  festino.  Vale,  optime  amicorum,  et  spes  meas,  imo  gratiam  apud 
herum  meum,  quantum  potcs  promoue.  a.  d.  XX.  Maii. 
T. 

Opitius. 
CL.  V.  Duo.  Christophoro  Colero  Suo. 

Bricfjh  bei  H.  Joachim  Stein. 

XXXI.  4 

Martin  Opit\  an   Christoph  Coler.  Breslau,  27.  Mai  [1631]. 

S.  P.  D.  Praestantissime  Colere,  Yeris  uerbis  apud  te  queror, 
Patronum  mcum  pro   caeteris  beneuolentiae  suae  signis  allocutum  me 

1)  Hs.  R  251  nr.  31.  Antwort  auf  Colers  brief  vom  15.  mai  (Jaski  a.  a.  o. 
s.  107  fgg.). 

2)  Coler  antwortete  darauf  (Jaski  a  a.  o.  s.  110),  er  begriffe  nicht,  weshalb 
Dohna  die  widmung  ablehne,  da  das  buch  doch  so  genicässigt  geschrieben  sei,  dass 
Grotius  selbst  es  einem  katholiken,  dem  königl.  advokaten  Bignon,  gewidmet  habe. 

3)  Die  Silva  ad  Tlmanum  filium.     S.  s.  169,  anm.  9. 

4)  Hs.  R  251  nr.  34.  Autwort  auf  Colers  brief  vom  20.  mai  (Jaski  a.  a.  o. 
s.  109  fgg.). 


BRIEFE   VON"   OPITZ   UND   MOSCHEROSCH  173 

liodie  nou  fuisse;  falsas  esse  spes  suas  de  libello,  quem  ante  tres  ipsos 
menses  promiserim,  contici  ista  imius  alteriusque  septimanae  spatio  pro- 
misisse;  et  quae  alia  ipsiim  cor  meiim  mihi  exciisserunt.  Itaque  per 
te  amicitiam  meam  rog'o,  iit  Griindero  instes;  alias  uertendi  ciira  licet 
tibi  uon  perierit,  milii  tamen  de  gratia  mei^  iialde  metiio,  ne  illa  tan- 
tilli  negotii  caussa  detrimentum  patiatur.  Heroes  enim  eiiismodi  caii- 
tius  nos  uersari  secum  omnino  nolunt.  De  Praefatione  ad  Grotium  tu 
uidebis-:  neque  enim  iniiito  hoc  fiet  Patrone  meo.  Mei  tamen  men- 
tionem  inibi  fieri  nolim;  ob  causas  quas  domi''  noui,  nisi  forte  aliquid 
adiicere  uelis  de  uersione  mea  nuper  edita.  Tuo  iudicio  libeuter  stabo. 
Memoria  de  Burggrauio  Illustrissirao  facienda  est  nulla:  cum  maior 
libertas  longe  sit  Gallica,  quam  ea  quae  Laicis  conceditur  a  Germaniae 
Clericis.  Syluam  Grotii^  huc  adieci,  quam  tu  lectam  ad  me  remittes. 
Caeterum  ut  cras  perscribas  an  ocius  liber  odatur,  ualde  peto,  alias 
quid  consilii  accipere  debeam  fere  ignoro.  Vale,  Vir  Eruditissiuie. 
Vratisl.  a.  d.  XXVII.  Maii. 
Tuns 

Opitius. 
Eruditissimo  Viro  Domino  Christophoro  Colero  Suo. 
BHeyk  bei/  H.  Joachim  Stein. 

XXXII.  ^ 

Martin  Opitz  an  Ckristojjh  Coler.  Breslau,  15.  August  1631. 

S.  P.  D.  GL.  Colere,  Grati  fuissent  hero  meo  libelli  Grotiani^, 
si  eo  tempore  comparuissent,  quo  ardore  illorum  incaluerat.  Et  hie 
magnatum  mos  est  inprimis,  ut  uehemcnter  uelint,  quicquid  uolunt. 
Nunc  tamen  nee  sie  quidem  omnis  placendi  spes  amissa  esset,  si 
opusculum  statim  compareret.  Sed,  ut  uideo,  ludibrium  tvpographo 
adhuc  debemus.  Carmen  ad  Kostoccium'  legi,  sane  elegans  et  erudi- 
tuni.     Maecenati  meo  ut  eiusdem  argumenti  aliquid  pang-as,    opus  non 

1)  Siehe  s.  166,  anni.  3. 

2}  Coler  wolle  vor  seine  Übersetzung  eine  anrede  au  Grotius  stellen.  Dieselbe 
nnterbüeb  jedoch. 

3)  Das  wort  ist  nicht  mit  Sicherheit  lesbar. 

4)  Siehe  s.  169,  anm.  9. 

5)  Hs  R  251  ur.  46.  Autwoit  auf  Colers  brief  vom  6.  august  (Jaski  a.  a.  o. 
s.  100  fgg.).  Coler  schlug  vor,  üohna  ein,  auf  einem  besonderen  bogen  gedrucktes 
lobgedicht  zu  überreichen  und  saute  als  muster  sein  gedieht  auf  George  Eossstock. 

6)  Colers  Übersetzung. 

7)  LOBSPRVCH  Au  Den  . . .  Herreu  George  Rossstocken  Rüm.  Kays.  May 

Wolverdienten  Obristen  AVachmeister.     Gestellet  durch  Christoph.  Colerum. 


174  WITKOWSKI 

est:  nam  et  ille  oppressus  negotiorum  mole  raro  aliqiiid  legit,  et  iiiui- 
diam  creari  tibi  nollem,  cum  praesertim  incedendum  tibi  esset  per 
ignes  suppositos  cineri  sat  doloso.  ^  Ego  tuam  caussara ,  si  Grotiana 
statim  aderunt  ipse  agam;  et  fortassis  nondum  haee  mora  omnem  gra- 
tiae  spem  consumpsit.  Caeterum  ut  fortunam  tuam  uirili  animo  feras, 
temporis  te  iubet  conditio,  cuius  malum  nemo  non  iam  sentit.  Erit 
adhuc  fortasso  aliquis,  qui  dotes  ingenii  tui  suo  pretio  aestimabit,  et 
sordidioribus  te  curis  eximet.  Interea  solatium  a  literis  petemus,  quae 
ultra  eos  nos  extollunt,  qui  rerum  tamen  summam  gerere  uidentur. 
Vale,  optime  amicorum  et  breui  plura  expecta.  ad  d.  XV,  Augusti. 
Yratisl. 

Tuus 

Opitius. 
CL.  Viro  Domino  Christophoro  Colero  Suo. 

Briegk  beim  H.  Joachim  Stein  ahxuegeheu. 

XXXIII.  2 
Mariin  Opitx  an-  Christoph  Coler.         Breslau ,  28.  Aiajust  [1631J. 
S.  P.  D.      Praestantissinie    Colere,    Libellos    Grotianos    hero    meo 
tradidi,    et    spero    laborem    tuum    non    prorsus    irritum    fore.     Nunc    ei 
maioribus   curis   intento  molestus   esse   nolui.     At  tu  pauxillum  morae 
patienti    animo    sufteres;    ego    enim    memoriam    tui    ubi    occasio    fuerit 
omnino  refricabo.     Ode  Müllero  per  te  missa  placet.     A  me  uero  nihil 
nunc   est   quod   expectes,    qui    ingratis    negotiis    immersus    cogitare    de 
libris  uix  possum.     Tibi  si  nondum  melior  aura  aspirat,    at  tranquilli- 
tas  uitae  non  deest.     Et  sie  aequiori  animo  fortunam  laetiorem  operiri 
possumus.     Yale  optime  amicorum.  a.  d.  XXVIII.  Aug.    Vratislauiae. 
Tuus 

ex  animo 

Mart.  Opitius. 
V.  C.  Christophoro  Colero  suo. 

XXXIY.-' 

Martin  Opitx  an  Cliristoph  Coler.         Breslau,  13.  Octofjer  [1631]. 
S.  P.  D.     CL.  Colere,  Si  expectationi  tuae  successus  apud  Maece- 
nateni  meum   non   respondebit,    extra  culpam  me  habebis  spero.     Xam 

1)  Siehe  s.  1G3,  aum.  5.  2)  Hs.  R  251  nr.  24. 

3)  Hs.  R  251  ur.  37.  Antwort  auf  Colers  brief  vom  11.  Oktober  (Jaski  a.  a.  o. 
s.  167  fg.,  wo  der  brief  irtümUch  ins  jähr  1637  gesezt  ist).  Coler  wÜDSchte  Sicher- 
heit darüber,  ob  er  von  üohna  irgend  welchen  lohn  für  seine  Grotiusübersetzung  zu 
erwarten  habe. 


BRIEFE   VON    OPITZ   UXD   MOSCHEROSCH  175 

quae  eins  mens  sit,  et  quam  aiiide  aliquid  cupere  soleat,  idem  ob 
moram  paullo  post  neglecturus,  cum  ipse  sciui,  tum  non  semel  indi- 
caui.  Haud  tarnen  egregius  labor  tuus  perierit  faxo;  et  propediem  ali- 
quid forte  ad  te  perueniet,  unde  tibi,  si  non  de  mercede  industriae, 
tarnen  de  animo  meo  constare  possit.i  Gerte  quaeram  omnem  occasio- 
uem  herum  moneudi.  Cum  Müllcro  quid  agendum  sit,  ignoro^:  obse- 
quar  tamen  consilio  tuo  et  uoluntati,  ac  hominem,  ubi  commodum  erit, 
alloquar.  Interim  et  tu  illi  tuis  instare  non  desines;  nam  hi  mores 
similibus  conueniendi  sunt.  Poli  uitam^  unde  nanciscar,  ignoro,  scis- 
citabor  tamen  ex  Cunrado.^  Venatoris  Panegyricum  in  Graterum  ^ 
petere  a  Nüsslero  potes.  Quod  si  penes  ipsum  amplius  non  est,  meum 
tibi  exemplar  mittam.  Yale,  amicorum  optiine.  Vratisl.  ad  d.  XIII. 
Octobr. 

Tuus 

omni  fide  studioque 

M.  Opitius. 
Cl.  Yiro  Christophoro  Colero  Suo. 

Briegk  hei  H.  Joachim  Stein. 

XXXV.« 

Martin   Opitx,  an  Christoph  Coler.  17.  Marx   (Oct.)   [1631].^ 

S.  P.  D.  CL.  Colere,  Ad  binas  tuas  una  opera  eaque  breui,  cum 
tabellarius  festinet.  Müllerus  liberum  tibi  relinquit,  quos  libros  eligas. 
Nunc  tamen  neque  Polybius,  neque  Histor.  August.  Scriptores,  aut 
Xenophon  ad  manum  sunt.  Jube  igitur,  quid  uelis.  A  Lingelshemio 
et  Berneggero  nihil  hactenus  literarum  habeo,  illi  diebus  suj)erioribus 
scripsi.     Cunradus  hodie,    uti  opinor,  uobiscum  est,   quem  de  Poli  uita 

1)  Dohua  Hess  sich  später  noch  zu  eiuem  kleineu  geschenk  au  Coler  herbei. 
Vgl.  nr.  XXXVI. 

2)  Müller  weigerte  sich,  Coler  für  seine  Übersetzung  zu  bezaiilen.  Er  scheint 
schliesslich  Coler  mit  einigen  bücheru  abgelohnt  zu  haben.     Vgl.  den  folgenden  brief. 

3)  Eeginald  Pool  (1500  — 1558)  war  cardinal  und  erzbischof  von  Canterbury. 
Sein  leben,  besclnieben  von  BeccateUi,  ist  abgedruckt  in  Ephtolanoii  Hcginaldi Poli 
Pars  I.     Brixiae  1744  s.  1  —  65.     Siehe  s.  163  anm.  3. 

4)  Caspar  Cunrad  (siehe  s.  38  anm.  2)  oder  dessen  söhn  Christian,  der  eben- 
fals  mit  Opitz  befreundet  war  und  von  ihm  am  26.  april  102!»  zum  dichter  gekrönt 
wurde. 

5)  Siehe  s.  32,  anm.  6. 

6)  Hs.  E  251  ur.  56.  Antwort  auf  Colers  brief  vom  11.  Oktober  und  einen 
verlorenen. 

7)  Das  datum  „17.  märz"  ist  jedeufals  ein  Schreibfehler  Opitzens,  es  muss 
17.  Oktober  heissen. 


176  WITKOWSKI 

alloqiieris.     Reuersuni  ipse  huius   ergo   alloquar.     Vale,    optime  amieo- 
nim.  ad.  d.  XVII.  Marti. 
Tims 

totiis 

M.  Opitiiis. 
CL.  Y.  Christopboro  Colero  Suo. 

XXXVI.  1 
Martin  Opitz  an  Christojjh  Coler.         Breslau,   7.  November  [1631]. 
S.  P.  D.     Praestantissime  Colere,    Si  res  aut  mei  arbitrii  fiiisset, 
aiit  meriti  tui,   et  celerius  doiiiim  a  meo-,  et  largius  habuisses.     Nunc 
negotia  partim  herilia,    partim   caussae  aliae  industriam  meam  siifflami- 
iiariint.     Tu  tarnen  et   sie  animi  gratitudinem  ut  agnoscas,    et  munus 
licet  exiguum,    quod  Maecenatem  meum  bodie  poposci,    aequi  bonique 
consulas,    etiam  atque  etiam   rogo.^     Quae  inter  te  et  Müllerum  inter- 
cedunt,  iis  adbiberi  nolim;   tute  enim   quid  cum  ipso  acturus  sis,   ipse 
rectius  uideris.^     Illius   tamen  morositas,    et  imperitia  in  iudicando  de 
literis  mihi  non  placet.     Vale,    optime  amicorum,    et  ubi  has  acceperis, 
band  grauate  responsum  buc  transmitte,  ut  sciam  an  redditae  tibi  fue- 
riut.     Vale,  Vratisl.  ad.  d.  VII.  m.  IXbr. 
Tuus 

ex  auimo 

M.  Opitius. 
Ad  Amplissimi  Nüssleri  literas  cras  respondebo.     Interim  iterum 
iterumque  saluere  illinu  iubeo. 

Cl.  Viro  Domino  Christopboro  Colero,  amico  singulari. 
Brieyk  bei  H.  Joachim  Stein  abzugeben. 

XXXVIL5 

Martin  Opitz  an  Christoph  Coler.         [Breslau] ,  4.  Februar  1632. 
S.  P.  D.     Praestantissime    Amicorum.      Dici   non   potest,    quibus 
molestiis  obrutus  hactenus,   quibus  peregrinatiunculis  fuerim",  qnae  res 

1)  Hs.  E  251  iir.  47. 

2)  Siehe  s.  166,  anm.  3. 

3)  Am  11.  november  (Jaski  a.  a.  o.  s.  168  fg.)   dankt  Coler  für  das  gesclieuk, 
welches  ihn,  wie  es  scheint,  völlig  befriedigt  hat. 

4)  In  seiner  aut  wort  verspricht  Coler,  au  Müller  eiueu  besänftigenden  brief  zu 
schreiben. 

5)  Hs.  R  251  ur.  25. 

6)  Opitz  war  kurz  zuvor  in  Polen  gewesen.     (Jaski  a.a.O.  s.  118:  Buchner  an 
Opitz  27.  fehl'.  1032). 


BRIEFE   VON   OPITZ   UKI)   MOSCIIEROSCH  177 

si  me  scribendi  officio  aliqiiandiu  exemit,  amorem  tibi  tarnen  meiim 
integrum  seruauit,  de  quo  nunquam  remittam.  Caeterum  te  cum  Mül- 
lero  adeo  comraitti  nolim;  Yos  tarnen  uideritis.  Mihi,  ne  quid  com- 
mendatione  dohinc  mea  aegritudinis  tibi  concilietur,  cautio  erit.  Male 
ipsum  de  te  stndiisque  tuis  locutum^,  uix  crediderim;  et  ut  famae  tuae 
honorique  parcat,  ipsi  monitor  ac  auctor  ero.  Tu  hoc  Stadium  literarum 
feliciter,  quod  facis,  decurre.  Vale.  ad  d.  IV.  Februarii  CIÜIüCXXXII. 
Tuus  ex  animo 

Mart.  Opitius. 
Praestantissimo  Amicorum  Domino  Christophoro  Colero. 

XXXVI1L2 

Martin  Opitx  cm  Cristoph  Colcr.  Breslau,  5.  Octoher  [1632].^ 

S.  P.  D.  Multum  tibi  debeo,  Colere  praestantissime,  qui  de  tuenda 
existimatione  mea  adeo  solicitus  es."^  Potuisset  enim  illius  syllabae  cor- 
reptio,  id  quod  ex  incuria  et  festinatione  scriptionis  factum  est,  a 
maleuolis  eo  trahi,  quasi  uel  has  miuutias,  nedum  alia,  ignorem.  At 
tu  Omnibus  iis  in  rebus,  quas  perfici  per  me  posse  senties,  uteris  nie 
plus  quam  uolente.  De  hello  non  liquet;  adeo  duhia,  adeo  intricata 
nunc  sunt  omnia;  et  certe  utrinque  multa  mihi  displicent.  Illinc  metus, 
hiuc  simultas  confusio,  et  nescio  quae  uirium  coniuncta  cum  honore 
uaniloquo  diffidentia.  Deo  tamen  curae  erimus,  cui  te  ex  animo,  Y.  CL. 
commendo.  ad  d.  Y.  m.  Ylllbr.    Yratisl. 

Tuus  M.  0. 

CL.  Y.     Christophoro  Colero  Suo.  Bregam. 

XXXIX.  5 

Martin  Opitx  an  Christoph  Coler.  7.  Juli.^ 

S.  P.  D.  Praestantissime  Colere,  Tuas  accepi,  recteque  te  cum 
Cepcone  nostro  uiuere,    libens  audiui.      Nüsslerum    praostolor;    is  ubi 

1)  Am  29.  februar  schreibt  Coler  (Jaski  a.a.O.  s.  120  fg.),  Müller  habe  ihn  iu 
einem  briefe  an  Cothurnius  „malignum  hominem''  genant. 

2)  Hs.  R  251  nr.  41. 

3)  Der  brief  ist  die  antwort  auf  Colers  brief  vom  1.  Oktober  1632  (Jaski  a.  a.  o. 
s.  128  fg.). 

4)  Coler  hatte  in  Opitzens  gedieht  auf  den  baron  von  Burghaus  (Oestorley 
a.  a.  0.  nr.  115)  den  unrichtig  gebauten  hexameter 

Interitus  creber,  <£•  mors  importuna  bonorum 
verbesseii  in  Interitus  creber,  morsque  etc. 

5)  Hs.  R  251  nr.  49. 

G)  Das  jähr  ist  bei  diesem  und  dem  folgenden  briefe  aus  den  mitgeteilten  tat- 
sachen  nicht  festzustellen. 

ZKITSCIIRH'T    B\    DEUTSCHE   PHILOLOGIE.       BD.   XXI.  1"-' 


178  -«aTKOwsKi 

uenerit,  faciam  ut  te  sibi  comitem  itineris  sui  assciscat.  Mliil  tarnen 
literarum  ab  eo  uidi,  ex  quo  tu  abiisti.  Tui  somper  memor  ero.  Yale, 
Non.  Quiuctil. 

Tuus 

M.  Opitius. 
Ornatissimo  Juueni  Domino  Chistophoro  Colero  Suo. 

Lissam. 
XL.1 
Mariin   Opitz  an  Christoph  Coler.  14.  Juli. 

S.  D.  Praestantissmie  Colere,  Panegyricos  Berneggeri^  heic  acci- 
pies,  tno  desiderio  dignos,  uel  ob  egregiani  libertatem.  Alter  ille  a 
Gustauo  Gustaui  magni  F.  non  prostat,  quod  sciam:  puto  tarnen  inter 
schedas  meas  latere.  Eum  uel  cras  inde  extraham,  atque  comparere 
tibi  statim  iubebo.  Nunc  properandum  mihi  ualde  fuit.  De  publicis 
patriae  amantes,  quales  et  nos  sumus,  uiderint.  Deus  immortalis  impri- 
mis,  cui  te  ex  animo  commendo.  ad.  d.  XIV.  Jul. 
Tuus 

prisca  fide 

M.  Opitius. 

XLI.3 

Martin  Opitz  an  Da^iiel Hermann.^       Halle  14/24.  Dex.  1623  (1633?)  ^ 

Eeverende  Yir,    Yalde    me  lieri   in  hanc  nrbem    cum   nenissem, 

consternatum  reddiderunt  diuersae  amicorum,   quibus  duo  laesae  famae 

meae    uulnera^   non   ita    diu    in   urbe    uestra   indicantur.      Et  hac  de 

caussa   ita  ad  Ampliss.     Senatum  nostrum  perscripsi,    ut  iuiurias  mihi 

1)  Es.  R  251  nr.  39. 

2)  Es  siud  die  beiden  im  jähre  1633  erschienenen  lobreden  Berneggers  gemeint: 

Gustavi  Magni Laudatio  ftmcbris  In  Uniuersitate  Argentoratensi  recitata  ä 

Maithia  Berneggcro,  Die  X.  Decemb.  1632  {Argentorati  1633)  und  Panegyricus 
Cliristianissimo  Oalliarum  Et  Navarrae  Regi  Liidovico  XIII.  Ob  siisceptam  ab 
Ipso  Maioribusque  Germaniae  cur  am,  Jiissu  Proeerum  Reipub.  Argentoratensis  . . . 
dictns  ä  Matthia  Berneggero.     Die  29.  Oetobr.  {Argentorati  1633). 

3)  Es.  E  402  nr.  260.     Über  den  Inhalt  des  briefes  siehe  die  eiuleitung. 

4)  Daniel  Eermann  war  1629  hilfsprediger  an  der  Elisabethkirche  in  Breslau. 

5)  Der  brief  trägt  die  Jahreszahl  1623,  Palm  sezt  ihn  einmal  (a.  a.  o.  s.  136) 
ins  jähr  1634,  weiter  unten  (s.  227)  in  das  jähr  1633.  Die  lezte  datierung  ist  jeden- 
fals  die  richtige.  Ende  1623  befand  sich  Opitz  in  Liegnitz  (die  widmung  des  lob- 
gesanges  auf  den  freudenreichen  geburtstag  Jesu  Christ  ist  datiert  „Lignicii  Propr. 
Cal.  Jamiarias  Anni  M.  DG.  XXIV).,  dagegen  muss  er  mitte  dezember  1633  durch 
Ealle  gekommen  sein,  da  er  am  27.  november  noch  in  Frankfurt  a.  M.  war  und  am 
2.  Januar  1634  von  Xölln  an  der  Spree  an  David  von  Schweintz  über  seinen  aufent- 
halt  am  hofe  zu  Köthen  berichtete. 

6)  Im  original  steht  uelnera. 


BRIEFE   VON   OPITZ   UND   MOSCHEROSCH  179 

factas  facile  perspecturus  sit.  Equicleni  qvii  famam  vitae  nimquam  post- 
habui,  in  euni  moerorem  coniectus  sum,  ut  quid  scribam  aut  quid  uon 
scribam  iiix  cogitem:  sed  cum  innocentiam  meam  pariter  et  iustissimi 
Senatus  aequitatem  perpeudo,  erigere  me  rursum  iiicipio  et  solari. 
Mortuam  quidem  ad  iudiceni  vocare  nunc  non  possum:  spero  tarnen, 
ubi  mihi  domuni  redire  quam  primum  contigerit,  me  sole  ipso  clario- 
rem  redditurum,  quam  citra  omnem  culpam  meam  ignominia  hac  afiec- 
tus  sim.  De  uiua  aliter  statucndum,  et  scelestae  illi  confessio  innocen- 
tiae  meae  uol  uerbis  uel  minis  uel  fidiculis  extorquenda  est.  Quatuor 
isti  anni  sunt,  cum  scclus  hoc  non  obiter  nidi,  adeo  ut  no  suspicio 
quidem  de  me  haerere  possit  ulla.  Hoc  et  Theologo  tibi  et  uiro 
aequissimo,  et  amico  summo  affirmare  possum,  me  Deum  mihi  aetcr- 
num  iratum  optare,  factum  hoc  si  ullatenus  meum  est.  Homo  sum, 
et  iuuenis  \  neque  immunis  peccatorum ,  quibus  mortales  subiecti  sumus : 
ab  hac  tamen  labe  ita  absum,  ut  iuramento  quäle  excogitari  potest 
maximo  id  testari  ex  animo  audeam.  Itaque  cum  iure  lianc  maculam 
nominis  detester,  id  non  parum  me  angit,  de  inaudito,  ac  Reipub.  tan- 
quam  caussa  absenti,  adeo  creditum  fuisse,  in  saciis  etiam  rationibus 
illatus  sim.  Facta  equidem  infecta  fieri  nequeunt:  magno  tamen  id 
mihi  solacio  ducam,  sicubi  uenerandum  uestrum  CoUegium  fide  mihi 
adhibita  delendum  ex  laterculo  illo  statuerit  hoc  nomen,  quod  sceleris 
huius  omnino  purum  est.  Caetera  Senatus  Ampl'""^  pro  iustitiae  suae 
amore  haud  dubio  praestabit,  ut  poeuas  det  illa  famae  meae  improbis- 
sima  hirudo,  et  ego  ex  suspicione  publica  ac  rumoribus  eximar.  Hoc 
uotum  meum  est,  hae  preces  unicae;  neque  enim,  qui  literis  ac  secta- 
tione  studiorum  bene  apud  notos  ignotosque  audio,  unquam  committam, 
ut  priuatim  ob  mores  ac  uitam  male.  Tu  pro  beneuolentia  erga  me 
tua  ac  auctoritate  defendas,  neuerandoque  seni  Parenti  tuo,  caeterisque 
ordinis  nestri  optimis  meique  amantissimis  uiris,  causam  meam  probes, 
per  te  Deum  immortalem  precor,  qui  ut  eum  uobis  aninium,  quem 
semper  habuistis,  largiatur,  quo  sedulis  monitionibus  nutantes  fulciatis, 
et  ad  constantiam  ac  spem  meliorem  erigatis,  unice  uoueo.  Mihi  curis 
ob  patriam  immori  dies  noctesque  de  tuenda  quibuscunque  modis  über- 
täte cogitare,  metropolin  nostram  apud  nonnuUos  male  traductam  excu- 
sare,  adeoque  bonum  me  fidumque  ciuem  praestare  pretium  laboris 
mei    est   gratiosissimum.  ^     Yale    ornamentum   Theologorum    et   Patriae 

1)  Es  entspricht  dem  sinae  des  lateinischen  wertes,  wenn  Opitz  sich  noch  mit 
36  Jahren  einen  „iuvenis"  nent. 

2)  Der  dichter  stand  damals  wider  im  dienste  der  herzöge  von  Liegnitz  und 
Brieg.     Über  die   gesantschaftsreisen,    die    er    in  ihrem  auftrage,    und    zugleich    im 

12* 


180  WITKOWSKl 

clecus,  ac  imiocentiae  meae  patrociniiim  suscipe.  Eiusdem  est  enim 
sidera  culpare,  et  immerito  luentes  defendere.  Iteruni  iiale  et  festina- 
tissimae  scriptioui  ignosce.  Halae  Saxonicae  a.  d.  14/24.  m.  Decembr. 
Anno  CIOIOXXIII. 

Yenerandi  nominis  Tui  iiirtutumque 
Tuar.  serius  cultor 

Opitius. 
M.  Danieli  Hermanno,  Tlieologo  insigni. 

Anhang. 

XLII.i 

Oaspar  Siniicr-  an  Martin   Opitx.  [1622^]. 

Sal:  et  Aniorem! 
Gratum  est,  o  Poeta  et  Amor  noster,  qiiod  tarn  cito  ad  meas 
respondisti;  gratiora  qiiae  scribis;  gratissinium  quud  hymnum  in  Bac- 
chum'^  mittis  una:  quod  veluti  fidus  elucet  in  literis  candor  et  calor 
ille  veri  ac  veteris  affectus  anioris  in  me  Tui.  Te  Goiiicij  •''  fuisse  scri- 
bis, ubi  mentioneni  mei  fecisse,  cum  Asterie*^  tiia;  quaererem  quid  ibi. 
Sed  ipsemet  dicis.  Asterie;  nihilne  mutatus  ab  illo?  Semperne  adhuc 
tibi  in  ore  et  corde  Amasia''?  Ah  Amasia!  Amasia!  dedistine  centum 
basia.  quidni?  aber  ich  meine  ins  lincke  Bein. 

Interesse  der  mit  ihnen  verbündeten  hauptstadt  Breslau  an  die  evangelischen  höfe 
von  Dresden  und  Berlin  unternahm,  siehe  Palm  a.  a.  o.  s.  226  fgg. 

1)  Hs.  R  2306  nr.  17. 

2)  Über  diesen  freund  Opitzens  ist  ausser  dem,  was  aus  den  hier  mitgeteilten 
brieten  (s.  auch  oben  nr.  XIV  und  X.Y)  hervorgeht,  nur  bekant,  dass  er  am  11.  no- 
vember  1631  eine  gewisse  Anna  Grün  heiratete.  Opitz  widmete  ihm  bei  dieser  gele- 
genheit  ein  lateinisches  gedieht  (Oesterley,  a.  a.  o.  nr.  110). 

3)  Der  brief  ist  in  dieses  jähr  zu  setzen,  da  der  in  demselben  erwähnte  „Lob- 
gesang BaccW  1622  erschienen  ist. 

4)  Daniel  Heinsii  Hymnus  oder  Lobgcsany  Bacchi  . . .  Ausx,  dem  Hollän- 
dischen in  Hochdeutsch  gebracht  durch  Martinum  Opitiuni.  Liegnitz  1622.  Die 
Widmung  ist  datiert  von  der  fastnacht  1622,  also  ist  der  vorliegende  brief  zwischen 
diesem  tage  und  der  abreise  Opitzens  nach  Siebenbürgen,  die  ende  mai  erfolgte, 
geschrieben. 

5)  Über  diesen  aufcnthalt  des  diuhters  in  Görlitz  vergleiche  das  lateinische 
hochzeitsgedicht  an  Jakob  Gottfried  und  Katharina  Emmerich  (Gedichte  ausg.  1690 
n,  339  fg.). 

G)  Asterie  ist  die  geliebte  Opitzens,  welche  er  in  seinen  dichtungen  am  häu- 
figsten erwähnt,  und  der  er,  wie  es  scheint,  am  längsten  treu  blieb.  Bereits  in  Bimz- 
lau  besang  er  die  damals  vierzehnjährige,  und  noch  über  die  Heidelberger  zeit  hinaus 
war,  wie  diese  stelle  zeigt,  ihr  gedächtnis  in  ihm  lebendig,  wenn  auch  andere,  beson- 
ders die  schöne  Sylvia,  ihr  den  rang  in  dem  herzen  des  dichters  streitig  machten. 

7)  Der  uame  „Amasia"  ist  nur  hier  erwähnt. 


BRIEFE    VON    OPITZ    UND    JIOSCHEROSCII  ISl 

Sapienti  sat:  Hac  nostra  aetate  nil  magis  amplecti  debemiis  quam 
stuclia,  non  favillas,  nisi  fortasse  matrimonialiter,  tarnen  feminae  siiiit 
potentes,  immö  sole  potentiores  videntur,  sol  tantuni  obfuscat  oculos, 
femina  occaecat.  Saepiiis  sura  immemor  verborum  Argentinensium  i, 
quae  nimcio  parenti  diceuda  dicebas,  erant  sc.  de  vitulis.  Yituli  nostri, 
jani  qiiod  saltantes  meminisse  me  faciunt:  Saepius  ad  risum  me  com- 
niovere  usqiie:  De  statu  rerum  tuarum  quod  significasti  gratum.^  Ere- 
miticam  rivere  vitani  scribis,  vix  imaginari  possum;  cum  non  modo 
ibi  Aula,  Curia,  Amasia;  amabo  num  tibi  male  credam  jam  posse  sub 
tot  vitae  incentivis^?  Sed  qvo  dilabor.  Optimam  tibi  elige  conditio- 
nem  cum  tarn  multae  tibi  occurrunt,  tamen:  Senecam  sequere.  Magni 
animi  est  magna  contemnere,  ac  mediocria  malle,  quam  nimia"^,  et 
Catonem^ 

Kem  tibi  quam  noscis  aptam  dimittere  noli 
Fronte  capillata  est,  sed  post  occasio  cal^a 
si  vero  necessitas  aliud  svaserit,   ob   eandem  cedendum  erit.     ISTecessi- 
tati  parere  vel  tempori  eedere  semper  sapientis  est  habitum.    Sed  omnia 
a  Deo  petenda  et  expectanda,    qui  bonorum  omnium  perennis  fons  est. 
Ego  hucusque  domi  substiti,    substiti   et  in  studijs  fere:    Neque  enim 
tam  felicj  pede  solus  decurri,    quam  sociatis   alijs,    Studium  juris  prae- 
sertim  facta  conversione  cum  expertis  et  cottidianis  discursibus  animatus 
Sic  mi  ergo  usque  in  amoenae  habitandum  obscura  Yacunae 
Anh-a,  nee  unquam  erit  bis  ferre  pedem  ex  adytis! 
Ah  ne  ita,  ne  musae  cupiant,  nee  sinit  Apollo. 
Ad  proximas  Francofurtenses  itaque  Academiam  pateruis  redire  sump- 
tibus  coget  me  occasionum  summa  raritas.     Talern  vero  inhio,  in  Aca- 
demiam revertendi  et  studia  mea  valent,    vivunt;    spes   erat,    sed  jam 
totum  decoUavit;  binas  ad  illas  dedi'^.  silont.     Ast  ubi,  ubi  sedem  Musis 
meis  metaturus  sum'  ambigo,  an  Francof.  Jenae,  vel  ubi  ubi  quilibet 
locus  placet,  cum  exceptione  tamen  talis  imprimis,  qui  non  tam  corpori 
sed  et  moribus  salubris  erit.  Yale  nunc,  Opiti  anime  mi,  et  cura  ut  quam 
primum  conveniamus  in  Academijs.®     Tunc  consvetas  illas  n ostras  ite- 

1)  Opitz  machte  von  Heidelberg  aus  einen  ausflug  nach.  Strassburg. 

2)  Es  müsste,  entsprechend  dem  „coimnorcre"  heissen:  „quac- grata." 

3)  Hier  hat  Sinner  einige  werte  vergessen,  wie  überhaupt  der  ganze  brief  den 
eindruck  grosser  fliichtigkeit  macht. 

4)  Der  satz  „Magni  —  nimia"  ist  citicii;  bei  Palm  a.  a.  o.  s.  165. 

5)  Disticha  Catonis  U,  26. 

6)  Bezieht  sich  wol  auf  frühere  mitteilungen.  7)  so! 

8)  Demnach  scheint  Opitz  noch  1622  die  absieht  gehegt  zu  haben,    eine  imi- 
versität  zu  beziehen. 


182  WITKOWSKI 

rabimiis  delicias;    araantem  alter  alterum  amplectemur,    confabulabimus, 
videbimus,  cantabimus:  Iterum  vale  et  feliciter  vive,  proxime  plm-a. 
T. 

qualem  nosti 

Gaspar  Sinner. 
Liibenus. 
Doctissimo  Dn:    Martino   Opitio  LL.  SS.  studiosissimo  Amico   ac 
fratri  carissimo. 

In  der  grossen  Apoteck  Licjnitx,  abzugehen. 

XLin.i 

Andreas  Senftlehen'^  an  Christoph  Coler.  Breslan,  20.  November  1631. 
S.  P.  literas  tuas  quas  6.  Novembris  die,  uti  uidere  est,  ad  me 
destinasti,  hodie  tandem  19.  eiusdem  mensis,  a  quodani  nostrorum  con- 
ciiiium  Ruttardo^  accepi,  ex  qiiibus  tuam  in  me  bilem  satis  abundeqiie 
coniicio,  dum  mihi  succenses,  de  molestissimo  illo  tuo  cum  Müllero 
negotio,  quod  tam  lente  hactenus  in  illo  festinauerim;  sed  scias  breui 
uerbo,  te  mihi  admodum  hac  in  parte  iniquum  esse,  quantopere  enim 
res  tuas  iterum  iterumque  urserim,  testes  erunt  non  leues  istae  rixae 
inter  me  et  dictum  Müllerum,  testis  Opitius,  et  nonnulli  alii,  qui 
harum  auditores  fuerunt  homines;  caussa  autem  quare  illas  ad  te  scri- 
bere  noluerim,  duplex  fuit,  altera  quod  rixae  tantum  fuerint,  et  non 
tractationes  cortae,  quae  alioquin  inter  mitioris  ingenii  homines  non 
sine  subsequente  fructu  instituuntur;  heic  autem  uel  nullus  uel  certe 
exiguus  est  sperandus,  dum  post  longas  altercationes  hoc  tandem 
responsi  ab  infensissimo  mihi  homine  tuli:  Er  icoJte  Dir  zahlen,  ivie 
Du  llime  gearbeitet  hättest,  nndt  iveilen  begde  BilchUn  des  Grotii  et 
Molinei*  von  dem  Bogen  ein  halber  Thaler  mehr  nicht  als  11  Rthl. 
oh7iegefehr  aiistragen  nmrden,  du  aber  auch  alreith  durch  Beföderung 
des  Fässlins  von  Strassburg  etwas  darauf  bekommen  hattest;  so  wolle 
er  dir  den  iwichstarult  auf  den  Niclass  iahrmarkt  xue  Bricg  gutt  macheji 
lassen,  er  hatte  sich  nicht  eingebildet ,  dass  du  so  unbescheiden  sein 
soUest,    und  Ihm  so  ofte  mahnen,    da   er  sich    doch   mit    Dir   lange 

1)  Hs.  E  251  nr.  75. 

2)  Siehe  s.  24,  anm.  4. 

3)  Matthäus  Euttart  oder  Ruthald,  gehören  zu  Bunzlau  1593,  war  pastor  in 
Tülendorf  und  Lüben,  wo  er  am  4.  märz  1642  starb.  Opitz  verfasste  zu  E.s  hoch- 
zeit  1618  ein  deutsches  gedieht  von  72  Alexandrinern  (Oesterley  a.  a.  o.  nr.  11; 
Gedichte  ausg.  1624  s.  42). 

4)  Petri  Molinaei  Tractat  Von  Erkändtnis  Gottes  Durch  Einen  Gelahrten  Mann 
in  das  Deutsche  gebracht.     In  Vorlegung  David  Müllers  1631. 


BRIEFE    VON'    OPITZ    TXD    MOSCHEROSCH  183 

genung  icegeii  der  version,  an  der  doch  nichts  gutts  ivelir,  gedulden 
und  noch  daxu  einen  andern  correctorem  halten  müssen.  Dein  nähme 
stündt  in   dem   einen,    du  möchtest  erst  verantworten ,   tro  du  gc feilet 

hast.     Scommata    reliqiia   lubens   hie  praetereo  Opitius  etiam 

aegre  tulit  liactonus,  qiiod  tili  caiissa  tarn  strenims  illiim  saliitauerim ; 
toties  mihi  tibiqiie  siiiim  spospondit  aiixilium  apud  Illiistr.  a  Dohna, 
quoties  hoc  ab  illo  petii,  sed  nimquam  praestitit,  caiitiis  scilicet,  ne  et 
ilie  in  aliorum  commodiim  gnarus ,  proprio  excidat 

XLIY.i 

Stambiichblatt    von  Martin  Opitz. 

Tarn  maliim  est  tacere  miiltum, 
quam  malum  est  multiim  loqui. 
Ornatisso  Yiro  Job.  Kuperto^ 
testandae  benevolentiae 
L.  M.  Q.  adscripsi 
Martinas  Opitius. 
Stetini  Pomeranorum  ^,  ad  d. 

XII.  ra.  Januar.  An.  ]\n)CXXXIV. 
Kd'/JuoTov  ian  yjjjaua  rcaidela^  ßQOTolg. 


15.    Briefe  ron  Moselierosch. 

XLY.5 

Joh.  Mich.  Moscherosch  an  Matthias  Machner. ^  Strasshurg, 

10.  Jan.  1652. 

Tandem   ad  Te  uenio,   MI  MACHNERE!    qui    ob  probatissimam 

mihi    amicitiam    unus    ante    omnes    ahos   merito    compellari    debuisses. 

Binas  tuas  accepi,   inuicti  in  me  amoris  testes,   tam  uero   occupationi- 

biis  muneris  mei  praepeditus,  ut  ad  Te  uix  nunc  scribo'^;  et  certe,  nisi 

confessus  secreta  ruber 

1)  Hs.  R  2306  nr.  14. 

2)  Sonst  nicht  erwähnt. 

3)  Opitz  reiste  von  Colin  an  der  Spree,   wo  er  sich  am  2.  jan.  aufhielt,   über 
Stettin  zu  den  herzögen  von  Liegnitz  imd  Brieg  nach  Thora.     S.  s.  178  anm.  5. 

4)  so! 

5)  Hs.  R  402  nr.  374. 

6)  Über  Machuer  und  seine  beziehungen  zu  Moscherosch  siehe  die  einleitung. 

7)  so! 


184  ■\VITKOWSKI 

officii  mo  mei  raonuissot,  iiix  nunc  scriberem.  Ignosce  uero,  non 
necordiae,  sed  tarnen  negligentiae,  et  hanc  pone  tibi  experta  manum 
frequentiorera.  Sed  quid  de  Tiio  statu?  Dominus  Hofmannus  nondura 
desideriis  satisfecit,  tarn  ille  intentiis  Musis,  ut  raro  amicos  conueniat: 
proinde  tu  fusius  de  te  loquere  ipse.  Quid  Elisii  tui,  mei  quondam 
amici  et  in  itinere  Gallico  comites  D.  Joachimus  Dyrbn  in  Sabor,  Dn. 
Georgius  Fick,  maxime  uero  Hartigioriun  cordatior  ille  anünus  Cbri- 
stiani?  miror  hunc  tam  mei  oblitum,  cui  tarn  olim  charus.  Ego,  ut 
quae  ex  me  quaeris,  plenius  habeas,  in  tertio  aeque  coniugio  uiuo. 
Eedux  enim  ex  Gallia  1626.  ^  duorum  Comitum  in  Leyningen  infelicis 
aulae  moderator,  rixarum  pertaesus  biennio  exacto  uxorem  duxi  Estbe- 
ram  Ackermanniam  Franckendalensem,  uirginem  modestissimam  pien- 
tissimamque.  Anno  1630.  nactus  ab  Barone  in  Crichangia  aequam 
satis  praefecturam  ad  Lotbaringiae  fineis,  e  quatuor  liberis  superstitem 
ab  ipsa  unum,  Ernestum-Ludouicum,  iam  Nobilissimi  Suecorum  Kesi- 
dentis  Snoilsk)'^  Francofurti  domesticum;  Keformatae  Keligionis  prior 
illa  erat;  sed  Dei  bonitate  nostrae  fidei  restituta  defunctaque  Anno  1632. 
Vbi  sequenti  anno  secundam  sc.  Mariam  Barbaram  Panicl  nobilissimam 
plane  uirginem,  sed  Praefecti  filiam  et  Catbolicam:  quae  tamen  summi 
Dei  beneficio  ad  nos  quoque  rediit,  et  ad  solennem  reuocationis  actum 
Argen tinam  festinans  peste  in  obsidione  Lotbaringica  1635.  grassante 
correpta  in  itinere  obiit  a/taig.  Tertiam  ducturus  uirginem  probatissi- 
mam  Annam  Mariam  Kilburgiam  a  Biedburg,  in  simul  Illustrissimi 
Croyae  Ducis  Praefecturam  Comitatus  in  Vinstingen  nactus,  cum  qua 
bucusque  pacate  uiuo.  Anno  1642.  post  mille  pericula,  expilationes, 
morbos,  ut  uix  ulluni  mortaUum  tot  tantaque  subiisse  mala  iurares, 
Argontinae  lus  ciuitatis  obtinui.  Anno  demum  1645.  Fiscalis  occu- 
patissimam,  sed  satis  probatam  adeptus,  in  qua  et  nunc  spiro  prouin- 
ciam:  ex  hac  nxore  tres  filios,  totidemque  filias  mihi  habeo,  quorum 
maior  natu  studiis  incumbit,  caeteri  adhuc  domi  educantur:  haec  tibi 
quia  iubes.  Sed  de  Philandro  quaedam  innuis.  -  En  tibi  hominem 
non  nuper,  sed  semper  fidum.  Yultum  nostin'P^  Credo  equidem,  et 
amabis:  tu  fac  idem  et  tui  mihi  Signum  aliquod  mitte.  Fauentiorum 
aliquis  ut  solent  ante  octiduum  hanc  mihi  inscriptionem,    eam  tibi  ut 

1)  Mosclierosch  hatte  1620  — 1622  mit  Machner  zusammen   in  Strassburg  stu- 
diert, und  1622  — 1626  reisen  durch  Frankreich  unternommen. 

2)  Es  scheint,  als  hätte  Machuer  Philander  von  Sitte-\vald  für-  eine  vonMosche- 
rosch  verschiedene  persönlichkeit  gehalten. 

3)  Das  porträt,  das  Moschcrosch  hier  meint,  -wird  wol  das  im  jähre  1652  von 
Peter  Aubry  gestochene  sein. 


BHIKFE   VON    OPITZ    UND    MOSCHEROSCH  185 

censeas  mitto  et  lig-atani  an  solutam  aliquam  FjriyQacpjv,  sed  a  Te  tiioqiie 
inarto  factam  oxpecto.^  talis  uero  erat  illa. 

Hie  est  insiguis  ille  litoraturae  humanioris  ciiltor,  qui  sub  nomine 
riiilaiidri  a  Sittewakl  detestandas  saeculi  mores  conceptissimis  perstrin- 
gendo  nisionibus  gratiam  reportanit  eam  quam  candidl  quiuis  et  cor- 
dati  veritatis  iiindices  a  deperditis  expectare  possimt  nee  timere  debent. 
Natiis  is  Wilstatii  in  Episcopatu  Argentinensi  7  Martii  1601.'- 

Nimis  tribuit  et  tarn  mihi  quam  inimicis  ingrata:  quid  enim  bis 
opus?  Biccius  admodum  documbit  aegre  meritissimus  omnium  doctor. 
sed  Tu  commeandis  inuicem  literis  uiam  aperi,  planam  enim  ad  uos 
ogo  nondiun  scio.  misissem  aliquid  nugarum  nisi  sumptus  prohiberent. 
Et  haec  habe  in  antecessum  contestandae  pluribus  tibi  amicitiae.  Vale 
Argentinae  X.  Jan.  1652.  quem  tibi  felicem  et  ex  uoto 
T.  P. 

DD. 
Job.  Mich.  Moscherosch. 
Clarissimo   Consultissimoque  Viro  Dn.  Matthiae  Machnero   Liberae 
Yratislauensium  Eeipub.  a  Consilio  et  sccretioribus  expeditionibus, 
Amico  ueteri. 

Bresslatv. 
XLVI.^ 
Joh.  Mich.  Moscherosch  an  Matthias  Machner.  Sfrassburg,  23.  Jan.  1653. 
S.  P.  D.  Nescio  sane  quibus  silentium  meum  argumentis  excu- 
sai-e  tibi,  nisi  malim  in  prioris  effiigii  ueritate  persistere,  atque  occu- 
patissimae  proiiinciae  taedia  iustissimis  tuis  querelis  opponere:  licet 
profectiones  non  unae  atque  acidularum  usus  non  parum  quoque  otii 
uigorisque  mihi  absumpserint.  Ne  uero  arctioris  uel  accusationis  uel 
animaduersionis  ansam  tibi  praebeam  respondeo  ad  suauissimas  tuas: 
Et  quidem  de  Insomni  cura  Parentum*,    quem  libellum  iam  nunc  ite- 

1)  MachDer  verfasste  zu  dem  eben  erwähnten  porträt  folgende  Unterschrift: 

Hie  ille,  Lector,  exhibehir  MOSCHEROSCH 
Politioris  literaturae  Stator; 
Quem  seculi  in  juores  Philander  inrehens 
Comvicndat  Orbi:  sed  Fides  d)  Crux  DEO. 

2)  Hiernach  ist  die  bisherige  datierung  des  geburtstags  Moschcroschs  (5.  märz 
1601)  richtig  zu  stellen.  Die  ganze  stelle  macht  den  eindruck,  als  ob  die  „iuscrip- 
tio"  von  Moscherosch  selbst  verfasst  sei,  um  Machner  eine  vorläge  für  seine  auf- 
schrift  zu  bieten. 

3)  Hs.  R  402  nr.  374. 

4)  Die  trefliche  Schrift  „Insomnis  Cura  parcntiim  Christliches  Vermächtnuss 
Oder  Schuldige  Vorsorg  Eines  Treuen  Vatters"  erschien  zuerst  1G43,  dann  1647. 
Die  ausgäbe  von  1653  ist  also  die  dritte. 


186  wiTKowsia 

rato  ultimumque  sub  praelo  habeo,  qiiaesoque  ut  tuo  elogio  eundeni  non 
tarnen  eundem,  sed  Christianismi  et  Liberorum  curam  breiii  scilicet 
Epigrammato,  quod  a  Te,  atqiie  Excellentissimis  Dnis.  Kretschmaro, 
felicissimoque  Dno.  Colero,  si  tale  quid  audere  iusque  et  fas  sinunt, 
proxima  occasione  expecto,  commendes.  Hoc  uero  currente  iam  anno 
praeter  modo  dictam  curam  nihil  omnino  mearum  scriptionum  lucem 
uidit,  nisi  rüde  isthoc  atque  exsuccum  Carmen  Germanicum  D.  I).  Er- 
harde Consiliario  et  Aduocato  Augustano  J).  D.  Biccii  affini  Amico  meo 
dictum  1,  quod  ut  boni  consulas  pro  more  inter  Amicos  solenni  etiam 
rogo.  a  Biccio  meritissimo  omnium  Doctore  salutaris  permanenter  item- 
que  a  üno  Hoffmanno  sedulo  harum  Responsionum  monitore.  Sed  de 
Visionibiis  genuinis  quod  innuis,  ita  certe  est,  ut  dixti'-;  Editionem 
Argentinensem  Mulbianam  pro  mea  agnosco.^  Vbi  in  duobus  tomis 
XIY.  Visiones  tantummodo  leguntur.  Caeterae  quae  VII  aut  YIII 
tomis  Francofurti  apud  Schoenwetterum  in  XII '^  ut  uocant,  prostant^, 
adulterinae  sunt,  nee  pro  meis  habendae  unquam. 

Egregii  uero  uersiculi  tui,  ut  gratissimi,  ita  sancte  mihi  semper 
habendi,  et  proxime  pari  si  iusseris  promtitudine  corapensandi,  tam  me 
orbi  nostro  commendant,  ut  fauentiori  aliqua  aura  opus  esse  credam 
minime.  Tibi  autem,  mi  Machnere,  laus  ista  tota  debetur,  qui  pro 
amico  tam  fidenter  facis,  quod  facis.  Intcrea  per  obliquum  et  certe 
nescius  a  quo  aut  per  quem  nactus  sum  paterna  pro  dilectissimo  filiolo 
Matthia  tuo  p.  m.  Suspiria:  in  quorum  uicem  Ernestinam  Ameliara 
meam  repono,  octo  liberorum  superstitum  Pater.  Ita  tamen  tenax 
horundem  tenerque  ut  quemcunque  fata  obire  uoluerint,  oculissimum 
cum  omnium  reliquorum  credam,  et  sie  puto  parentes  meliores  omnes. 
At  0  quam  belle  seruati  qui  sie  quidem  abeunt,  innoxii  et  innocentes 
atque  insontes,  inque  sentina  Mundi  nondum  uolutati. 

Dum  hie  finem  facio,  gratissimarum  tuarum  Februario  anni  huius 
scriptarum  inspectio  illud  Terentii''  mihi  'Dum  moliuntur  comuntur  annus 
est'  obiicere  uidetur,  an  non  fatale  hoc  responsum  dixeris,  atque  non- 
nisi  cum  sole  redeunte  natum?     Nee  enim  meliorem  Terentiana  laudem 

1)  Dies  gedieht  ist  nicht  erhalten.  2)  so! 

3)  Gemeint  ist  die  ausgäbe,  welche  1650  in  Strassburg  bei  Johann  Philip 
Mülbe  und  Josias  Stadel  erschienen  war  (Goedecke,  Grundriss  III-  s.  234  nr.  9;  vgl. 
auch  die  bibüographie  in  Bobertags  ausgäbe  der  „  Gesichte ",  Stuttgart  o.  j.  [1883] 
s.  XV). 

4)  Satyrische  gesiebte  Philanders  vonn  Sitte waldt.  7  bände.  Frankfurt  1644  — 
1647  (Goedecke  IE*  s.  233  nr.  3). 

5)  Heaut.  II,  2,  11.     Vgl.  Umpfenbach  z.  st. 


BRIEFE   VON    OFITZ    UND    MOSCHEROSCH  187 

mercri  possiim,  amicoruni  desideria  in  tot  menses  differre  ausus.  Ama- 
bis  nihilo  secius  pro  candore  tuo,  non  modo  qui  sat  cito  faciimt,  sed 
etiam  qiü  sat  bene:  optime  scilicet,  si  ab  aniore  tuo,  qui  alius  esse 
nequit,  extra  omne  meriti  argumentum  admissus  fuero.  Sicque  uale 
salue  Tuae  Ampi. 

antiqua  fide  et  cultu  totus 
Argentinae  X.  Kai.  Febr.  Job.  Mich.  Moscherosch. 

1653. 

Clariss".   Consultiss^que  Viro  D.  Matthiae  Machnero  inclutae  Reip. 

Vratisl.  Consiliario,  amico  ueteri  honoratissimo. 

Bresslaiv. 
XLYn.i 
Joh.  Mich.  Moscherosch  an  Matthias  Mackner.    Strassburg,  23.  Sept.  1653. 

S.  et  A.  paratissimum. 

Gratias  uero  habeo  magnas  et  pro  merito  Yobis  Dno  Kretschmaro 
et  Machnero  meo,  qui  non  amissum  iudicastis  tempus  amicis  impen- 
sum  uersibus;  repono,  ubi  iusseritis,  sponte  enim  ut  rarissimo  quid 
pango.  Dolor  quem  ex  deformanda  religione  uestrates  dolent,  ualde 
nos  urget  communi  uinculo  quo  inuicem  obstricti  sumus.  Vindicet 
honorem  et  gloriam  uerbi  siii  summus,  et  illuminet  caeco  pietatis  ausu 
debacchantes.  D.  D.  Biccij  salutem,  qua  ipsemet  priuatus  uix  spirat, 
renuncio:  animam  trahit  meritissimus  Doctor  omni  meliori  corpusculo 
dignus,  certe  saniori.  Plura  quae  nunc  scribam  nee  habeo,  nee  certe 
uacat,  Dno  Hoffmanuo  praesentes  cursori  tradendas  postulante.  Vidi 
ante  dies  aliquot  Christiani  Hartigii,  D.  Med.  Equitis  D.  Marci  et  Con- 
sulis  Zitta-Lusati,  Freysteinij  cuiusdam,  nisi  error  est,  libello  inscrip- 
tum  nomen.  Quaeso  te  mi  Machnere  restitue  mihi  ueterem  istum  Acha- 
tem, candidissimum  istud  cor,  et  ab  omni  fuco  uacuam  animam,  comi- 
tem  olim  in  Gallia  multis  modis  probatissimum:  ipsique  salutem  meo 
nomine,  de  uiae  enim  commoditate  nullus  tibi  haerere  puto.  praestabis 
rem  gratam,  tibique  ipsi  gratissimam,  ut  inter  amicos  solet.  Sed  rumpo 
hie:  tradidi  Dno  Hoffmanno  exemplaria  noua  duo,  Insomnis  meae 
curae^,  Dno  Kretschmaro  tibique  per  nescio  quem  perferenda.  Yalete 
interea  a  uestro 

Clarissime  Machnere 

Desiderantissimo 
Argentinae  ipso  Aequinoctio  J.  M.  Moscherosch. 

autumnali  1653. 

1)  Es.  E  402  nr.  375. 

2)  Siehe  s.  185,  anm.  4. 


188  WITKOWSKI,    BRIEFE    VON    OPITZ    UND    MOSf'HEROSCH 

Clarissiino  consultissimoque  Viro  Dno  Matthiae  Maclmero,  ßeip. 
Yratisl.  Secretario  annco  iieteri  obseruando. 

Bresslmv. 

Zirey  Exetnjjlaria  Insomnis  meae  curae  Herrn  Johann  Besser  von 
Leypxig  xuiustellen  der  sie  seinem  Schwager,  Herrn  Johan  Zan- 
gen XU  Bresslau  vberschicken  icoUe. 

XLYIII.  1 

Joh.  Mich.  Moscherosch  an  Matthias  Machncr.         Frankfurt  [a.  M.], 

24.  Jujii  1658. 
Nobiliss*"  et  Amplissime  Vir 
Fecit  me  certiorem  de  iiita  tua  atque  sanitate  Yir  clarissimiis 
Dns  Beyerus,  in  hesterna  apud  Reuerendissimiun  Dnm.  Dr.  "Wellerum 
coena  commensalis.  Laetor  sane  te  mihi  iis  in  locis  adhuc  siiperesse 
amicum  atque  fautorem.  Ego  Consiliarii  apud  lUustriss.  Comitem  in 
Hanau  fungor  muncre-:  cum  quo  in  Electiuis  hie  haereo  Eminentissimo 
Moguntino  Archi  Episcopo  inter  Comites  Status.  Si  ueteris  amicitiae 
uigorem  pristinum  uolueris,  scribe  quaeso,  et  inter  alios  Hartigium 
meum  ad  similes  bonae  mentis  actus  mone  et  Vale  ab  Amplitudinis 
Tuae  ueteri  atque  inueterata  fide 

Francofurto^  24.  Junii  Cultore 

1658.  Joh.  Mich.  Moscherosch. 

Ampliss*'    Consult^q.    Viro  Matthiae   Machnero,    Keip.   Vratisl'    a 
Consiliis  secretisque  amico  ueteri,  Dominoque  suo. 

1)  Hs.  E  402  nr.  376. 

2)  Moscherosch  befand  sich  in  dieser  Stellung  seit  1656. 

3)  so! 

LEIPZIG,  GEORG   WITKOWSKI. 


EEX  MOETIS. 


Carl  Müller  in  der  vorrede  seiner  ausgäbe  von  Martin  Rinckharts 
reformationsspiel  „der  Eislebische  christliche  Ritter  aus  dem  jähre  1613" 
in  den  neudrucken  deutscher  litteraturwerke  des  XVI.  und  XVII.  Jahr- 
hunderts nr.  53  und  54  (Halle  a/S.,  Max  Niemeyer,  1884)  zählt  die  ihm 
bekanten  Überlieferungen  der  fabel  von  dem  toten  könige  auf,  nach 
dessen  leicham  seine  söhne  mit  dem  bogen  schiessen,  damit  an  dem 
besten  schusse  der  echte  thronerbe  erkant  werde.   Diese  fabel  bildet  den 


PETEKS,    REX   MORTIS  189 

rahmen,  iu  welchen  die  einzehien  ereignisse  der  reformation,  insbeson- 
dere Luthers  wirken  in  den  jähren  1518  —  25  unter  der  form  der 
allegorie  wunderlich  und  für  unsern  geschmack  ungeniessbar  eingefügt 
werden.  Die  quelle,  aus  der  Einckhart  geschöpft  hat,  findet  Müller 
mit  recht  in  dem  Theatrum  vitae  humanae.  Besonders  spricht  dafür 
der  umstand,  dass  allein  bei  Einckhart  und  in  der  angegebenen  quelle 
das  ereignis  in  Scvthien  vor  sich  geht.  Dankenswert  ist  auch  die  samlung 
der  übrigen  Versionen  dieser  uralten,  offenbar  auf  dem  Salomonischen 
urteil  1.  Könige  3,  24  beruhenden  fabel.  Unbekant  ist  ihm  geblieben, 
und  es  konte  auch  nicht  anders  sein,  dass  schon  100  jähre  fi-üher,  näm- 
lich im  jähre  1510  dasselbe  sujet  gegenständ  einer  dramatischen  bear- 
beitung  gewesen  ist  und  zwar  in  einer  von  den  aufgezählten  Versionen 
abweichenden  fassung.  Nämlich  in  den  von  0.  Zingerle  zum  ersten 
male  aus  den  in  Sterzing  aufgefundenen  manuscripten  des  Yigil  Eaber 
herausgegebenen  fastnachtsspielen  (Wiener  neudrucke  9  und  11)  findet 
sich  unter  III  s.  37  fgg.  ein  fastnachtsspiel  unter  folgendem  titel:  Eex 
mortis.  Das  spiel  von  dem  Toten  künig  mit  den  dreien  Seiner  Sün, 
Avobei  rex  mortis  und  zum  schluss  des  dramas  s.  46  im  personenver- 
zeichnis  mors  rex  in  dem  barbarischen  latein  Eabers  „der  tot  könig" 
bedeutet.  Hier  ist  nun  die  fabel  folgende:  Zur  zeit  des  römischen  kai- 
sers  Adrian  US  lebte  im  Baiernlande  ein  heidnischer  könig,  welcher 
neben  seiner  ehelichen  gattin  noch  ein  kebsweib  sich  hielt.  Von  die- 
sen beiden  hatte  er  drei  söhne,  aber  nur  einer  war  in  rechtmässiger 
ehe  geboren,  und  der  könig  nahm  sterbend  das  geheimnis  mit  ins  grab. 
Der  kaiser  Adrianus,  als  Schiedsrichter  aufgerufen,  lässt  den  toten 
könig  wider  ausgraben  und  befiehlt  den  söhnen  nach  ihm  zu  schiessen. 
Wessen  pfeil  dem  herzen  zunächst  ti-effe,  der  soUe  der  erbe  sein.  Der 
erste  söhn  rühmt  vor  dem  kaiser  seine  geschicklichkeit,  ruft  Jupiter  an 
und  schiesst,  ebenso  tut  der  zweite,  nachdem  er  den  Mercurius  ange- 
rufen. Der  dritte  söhn  aber  klagt  bitter  über  das  ansinnen,  nach  dem 
vater  zu  schiessen.  Er  verweigert  den  schuss  und  wiU  lieber  ins  elend 
gehen.  Da  spricht  Adrianus  die  sentenz,  dass  dieser  der  rechte  söhn 
und  erbe  sei,  und  seine  rate  erkennen  ebenso.  So  wird  der  gerechte 
söhn  könig  in  Baierland  und  gelobt  dem  kaiser,  ihm  und  dem  römi- 
schen reiche  mit  leib  und  gut  zu  diensten  zu  sein,  während  die  beiden 
ungerechten  söhne,  räche  drohend,  von  dannen  ziehen. 

BERLIN,    DEN    1.    MÄRZ    1888.  EMIL    PETERS. 


190 


BEITElGE  ZU  KLOPSTOCKS  MESSIAS.  ^ 

III. 
Das  gcricht  über  die  bösen  köiiige, 

ein  Messias -fragmeut. 

Klopstocks  umgestaltende  und  verbessernde  tätigkeit  am  Messias 
imd  an  den  öden  war  schon  mehrfach  gegenständ  litterarischer  for- 
schung.  Aber  ein  grosser  teil  des  uns  vorliegenden  materials  zur 
kritischen  feststellung  der  texte  Klopstockscher  dichtungen  bedarf 
noch  eingehender  nachprüfung,  wenn  es  überhaupt  als  sichere  grund- 
lage  einer  kritischen  ausgäbe  seiner  werke  dienen  soll.  Nur  eine 
flüchtige  einsieht  in  die  in  den  einzelnen  Sammelwerken  und  Zeitschrif- 
ten verstreuten  nachdrucke  Klopstockscher  originale  beweist  zur  genüge, 
welche  geringe  Sorgfalt  abschreiber  und  drncker  auf  richtige  widergabe 
der  Klopstockschen  texte  verwendeten.  Ich  verweise  nur  beispielsweise 
auf  den  von  Klamer  Schmidt  (Halberstadt,  1810.  2  bde.)  herausgegebenen, 
von  Back  und  Spindler  (Leipzig,  1830)  nachgedruckten  „Briefwechsel 
der  familie  Klopstock"  usw.,  der  in  der  widergabe  der  ursprünglichen 
lesarten  an  flüchtiger  und  fehlerhafter  collation  nichts  zu  wünschen 
übrig  lässt.  So  bedarf  schon  das  in  Klopstocks  brief  an  Gleim,  Ko- 
penh.  den  13.  juli  1751,  beigebrachte  citat  aus  dem  Messias,  ganz 
abgesehen  von  wilkürlicher  änderung  der  Interpunktion  und  der  Klop- 
stock eigenen  Orthographie,  einer  reihe  von  Verbesserungen.  In  zeile  5 
soll  es  anstatt:  „nie"  „niemals",  daselbst  anstatt:  „ertragen!"  „ge- 
tragen!" heissen;  so  auch  in  zeile  11  anstatt:  „Von  dem  fliegenden" 
„Vom  hinfliegenden",  in  z.  13  anstatt:  „Denn"  „Dann",  in  z.  18 
anstatt:  „die  Erde!"  „der  Erde!"  das.  „die  Erden"  und  nicht: 
„die  Erde."  Ebenso  niuss  es  in  dem  im  briefe  vom  18.  sept.  1751 
enthaltenen  odenfragment  „in  jene  Welt"  und  nicht  „in  jener  Welt" 
heissen;  in  dem  odenfragment,  Klopstocks  brief  an  Gleim  vom  1.  märz 
1766,  „der  Fern"  und  nicht:  „der  Ferne";  ebensowenig  bildet  in  dem 
epigramm  ,,An  die  Engländer"  (Klopstocks  brief  an  Gleim  vom  19.  febr. 
1752)  die  vorlezto  zeile  einen  selbständigen  vers,  sondern  gehört  nach 
dem  manuscriptoriginal  mit  der  vorhergehenden  zeile,  die  überdies 
gleich  ungenau  collationiert  ist,  zu  einem  versganzen.  Was  hier  bei 
einzelnen  proben  nachgewiesen  wurde,  gilt  von  der  ganzen  samlung; 
Klopstockforscher  werden  hier  wie  an  vielen  anderen  orten  so  manche 

1)  Vgl.  band  Xm,  s.  57  fgg. 


PAWEL,    ZU   KLOPSTOCKS   MESSIAS  191 

veriiTung'  gut  zu  machen  haben.  Selbst  die  in  Schnorrs  Archiv  nach- 
gedruckten Klopstockschen  originale  können  von  dem  hier  algemein 
ausgesprochenen  tadel  kaum  freigesprochen  werden.  AVer  beispiels- 
weise die  von  Franz  Muncker  im  XIL  bände  des  Archivs  nach  einem 
in  Gleims  nachlasse  sich  befindenden  manuscript  abgedruckten  öden: 
„Salem"  und  „An  Gleim"  mit  den  originalen  selbst  vergleicht,  wird 
eine  reihe  von  wesentlichen  abweichungen  finden.  So  schreibt  Klop- 
stock  in  der  ode  „An  Gleim"  v.  13:  „den"  und  nicht:  „die  Flatterer", 
in  V.  35:  „umhaint"  und  nicht:  „umschirmt."  Nur  ein  massiger  ken- 
ner  der  Klopstockschen  liandschrift  hätte  diese  Klopstock  ganz  eigene 
bezeichnung  herausfinden  müssen.  Diese  lesart  wird  auch  durch  die 
von  Gleims  band  herrührende  abschrift  eines  späteren  Klopstockschen 
Originals  näher  begründet: 

„Das  der  Dritte  gepflanzt,  und  es,  mit  Phöb  Apolls 

Lorbeer h  a i  n  e  n  umflattert " 
Y.  45  schreibt  Klopstock:  „i?egiücktester"  und  nicht:  „beglück- 
tester", V.  48:  „aufbewahrt!"  und  nicht  „aufbewahrt."  V.  49:  „verkün- 
digte;^"  und  nicht:  „verkündigte",  v.  60:  „auf!""  und  nicht  „auf!" 
ebenso  v.  41:  „„Lern"  und  nicht:  „Lern";  auch  schreibt  Klopstock: 
„Lorbeer",  „gieng",  „seyn",  „wandt"  usw.  Freilich  triff  hierin  den 
herausgeber  der  öden,  einen  der  tüchtigsten  Interpreten  Klopstocks, 
dessen  sonstige  bearbeitungen  sich  durch  besonders  eingehende  soi-g- 
falt  und  durch  seltene  akribie  auszeichnen,  keine  schuld;  er  brachte 
die  texte  auf  grundlage  einer  „diplomatisch  genauen"  (?)  abschrift, 
die  ihm  aus  der  sichersten  quelle,  aus  der  band  des  damaligen  con- 
servators  der  Gleimschen  Stiftung,  zugekommen  war.  Aber  alles  das 
mahnt  zur  grösseren  vorsieht  auf  dem  gebiete  der  coUationen  von 
Varianten  überhaupt  und  von  Klopstocks  dichtungen  im  besondern. 
Es  ist  längst  angemerkt  worden,  mit  welcher  Sorgfalt  Klopstock  seine 
dichtungen  umgestaltete.  Änderungen  aber  und  Verbesserungen,  „die 
ein  dichter,  wie  Klopstock,  in  seinen  werken  macht,  verdienen  nicht 
allein  angemerkt,  sondern  mit  fleiss  studiert  zu  werden.  Man  studiert 
in  ihnen  die  feinsten  regeln  der  kunst.  Denn  was  die  meister  der 
kunst  zu  beachten  für  gut  finden,  das  sind  regeln",  die  keinesfals  wil- 
kürlich  geändert  werden  selten.  Diesen  bedeutsamen  ausspruch  tat 
kein  anderer  als  Lessing,  welcher  bekantlich  den  Klopstockschen  Varian- 
ten mit  besonderem  fleisse  nachspürte.  Nur  dann,  wenn  die  einzelnen 
originale  und  nachdrucke  bei  allenfälligen  abschriften  genau  und  scharf 
prüfend  neben  einander  gehalten  werden,  wird  auch  so  manche  lücke 
auf  dem  gebiete  der  Klopstockschen  textkritik  ausgefült  und  nur  dann 


192  PAWEL 

werden  aiicli  für   eine  historisch  kritische  ausgäbe  seiner  werke  über- 
haupt verwendbare  vorarbeiten  geboten  werden  können. 

Durch  mitteilung  des  oben  genanten  Messiasfragmentes  soll  im 
kleineu  einer  kritischen  ausgäbe  des  Messias  vorgearbeitet  werden.  Das 
manuscript,  von  Klopstocks  band,  [Messias,  XVIII.  Ges.  v.  722  —  845] 
befindet  sich  in  Gleims  nachlasse  zu  Halberstadt  und  ist  einer  samlung 
von  briefen  zwischen  Klopstock  und  Gleim  (nr.  18)  beigebunden.  Das 
fragment  war  bereits  vor  dem  19.  Oktober  1751  vollendet.  Man  ver- 
gleiche hierzu  Klopstocks  brief  an  Hagedorn,  Koppenhagen,  den  19.  Ok- 
tober 1751:  „Ich  habe  heute  einen  zu  starken  Posttag,  als  dass  ich  das 
versprochene  Gericht  über  die  bösen  Könige  mitschicken  könnte." 
Hiezu  macht  Lappenberg  (Briefe  von  und  an  Klopstock.  Braunschweig, 
1867  s.  470)  die  wunderliche  bemerkung:  „Ein  gedieht  dieses  Inhalts, 
unter  dieser  oder  einer  ähnlichen  bezeichnung,  ist  nicht  bekannt."  (!!) 
Das  fragment  bildet  einen  teil  des  Weltgerichtes,  an  dem  lOopstock 
bereits  im  juli  desselben  Jahres  arbeitete.  Er  schreibt  darüber  an 
Schmidt,  Friedensburg,  den  20.  juli  1751:  „ich  schleiche  mich  in  die 
Einsamkeit,  und  lese,  oder  viehnehr  ich  denke  (denn  das  ist  das  rechte 
Wort)  im  Young,  arbeite  am  Weltgerichte."  Eine  frucht  dieses  Stu- 
diums war  auch  die  demselben  jähre  angehörende  ode  „Friedensburg." 
Man  vgl.  hiezu  v.  5  und  6: 

„Lass  denn,  Muse,  den  Hain,  wo  du  das  Weltgericht, 

Und  die  Könige  singst,  welche  verworfen  sind!" 
Auch  die  vorhergehende  ode:  „Friedrich  der  fünfte.    An  BernstorfP,  und 
Moltke."  zeigt  beziehungen  auf  die  episode  vom  Weltgericht. 
Man  vgl.  V.  31  und  32: 

„Auch  wird,  jenen  furchtbaren  Tag,  den  die  Sionitin 

Jetzo  stammelnd  besingt", 
Die  fassung  des  fragments  selbst  zeigt  wesentliche  abweichungen  von 
allen  späteren  lesarten  und  bietet  einen  neuen  beweis,  mit  welcher  Sorg- 
falt und  wie  unermüdlich  Klopstock  bei  seinen  änderungen  in  bezug 
auf  silbenmass,  w^olklang  und  tonausdruck  „raffiniert"  hat.  Zur  ver- 
gleichung  der  texte  wurden  nur  die  Originalausgaben  des  Messias  ange- 
zogen, und  zwar  Halle,  1773;  Altena,  1780  (1780^  mit  der  gewöhn- 
Uchen,  I78O2  mit  der  damals  Klopstock  üblichen  Orthographie);  ferner  die 
lezte  ausgäbe  (gross  quart)  in  den  sämtlichen  werken  bei  Göschen,  Leip- 
zig 1799,  die,  was  unser  fragment  anlangt,  mit  der  gleichzeitig  ausge- 
gebenen gross  8-ausgabe  (7.  band,  1800)  übereinstimt.  Zum  vergleiche 
wurde  auch  noch  die  spätere  8-ausgabe  (1821)   berücksichtigt,   welche 


zu  laOPSTOCKS   MESSIAS  193 

manche  beinerkeus werte  abweicliung-  bietet.^  In  allen  fällen  sind  der 
volständigkeit  halber  auch  die  geringsten  Verschiedenheiten  angemerkt 
worden. 

Messias,  XVIII.  ges. 

Nun  erhub  sich  vor  meinen  Augen  des  ewigen  Todes 

Bängste  Gestalt.     Gewaltiger  hat  kein  Gedanke  den  Umkreis 

Eines  {corrig.  a?^s  Einer)  unsterblichen  Geistes  {corr.  awsSeel),  und  jede 

mystische  Tiefe 
Seiner  Empfindung  erschüttert,  als  dieses  Grauen  mein  Herz  traf.     725 
Denn  die  entehrtesten  aller  Sünder,  der  kriechenden  Menschheit 
Erste  Schande,  die  tiefsten  des  Staubs,  dem  der  Richter  nie  Zorn 

schwur: 
Dafs  er  Staub  scy!  die  bösen  Könige  kamen,  das  Urtheil 
Ihres  Todes  zu  hören.     Sie  rief  kein  Donner  vom  Throne 
In    das    Gericht,    nicht    der    Schall    der   Posaune.      Lautweinendes 

Jammern,  730 

Wie  vom  Schlachtfeld  herauf,  noch  sterbende  Seufzer  der  Sünder, 
Die  sie,  ins  Elend  hinuntergedrückt,  zu  sündigen  zwangen, 
Rief  sie  mit  tausendmal  tausend  Stimmen,  vor  Gott  zu  erscheinen! 
Und  sie  kamen.    So  wandelt  der  Tod !  . . .     Ein  Mann ,  der  im  Leben 
Einmal  durch  sie  zum  Elenden  ward,  und  dennoch  gerecht  blieb,    735 
Stand  von  seinem  Stul  auf,  und  schwur  zum  Thron  hin:  Ich  lebte. 

1)  Wo  alle  ausgiibeu  übereiiistimmen,    bringe  ich.  uur  die   lesartcn  von  1799. 
Einzelne  abwcichungen  werden  besonders  erwähnt. 

V.  722  —  723:   Ach  auf  Einmal  erhub  sich  vor  mii-  des  ewigen  Todes 

Fürchterlichste  Gestalt.     So  hat  kein  Gedanke  den  Umkreis 
V.  724:  jede  geheimere  Tiefe 

-  725:  traf! 

-  726:  aller  Gcfallnen, 

-  727:  Staubs,  (Gott  [1773:  Staubs  Gott     1780:  Staubs,  Gott]  schwur  ihm  in  [1821: 

im]  Zorne, 

-  728:  1780:  sey!)  die 

-  729:  Sie  ruften  [1773,  80:  riefen]  nicht  Donner 

-  730:  nicht  der  Hall    [1773,  80:    nicht  Hall]     der  Posaune!       röchelndes    [1773: 

Röchelndes]  Jammei'n, 

-  731:  Wie  von  dem  Schlachtfeld  [1780.,  Schlachtfeld']  her,  noch  sterbendes  Seufzen 

-  732:  Die,  ins   [1773:  Die  sie,  ins]   Elend  hinuntergestüi'zt,   [1773,  1821:  hinunter 

gestürzt,]  sie  zu  [1773:  zu]       1773:  zwangen!    1821:  zwangen. 

-  734:  So  wölkt  sich  die  Nacht.     Em  Mann, 

-  735:  Elend  durch  ihrer  Einen  ward,  und  dennoch 

-  736:  Stuhl  auf,  schwur  zu  dem  Richter:  Ich  lebte;  [1773:  lebte] 

ZEITSCIIKH-T    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.     BD.    XXI.  1 3 


194  PAWEL 

In  drey  Söhne  verbreitet,  flofs  mir  mein  niedriges  Leben 
Dennoch  heiter;  bis  jener  unmenschliche  lächelnde  Mann  kam, 
In  sein  Gold  sich  setzte,  die  Edlen  im  Elend  verkannte, 
DaTs  sie  wurden,  wie  er.     Da  starb  ich.     Du  hast  sie  gerichtet!       740 
Eichter!  Verwirf  ihn  von  deinem  Antlitz!  Er  raubte  mein  Blut  mir! 
Schuf  es  nach  seinem  Bild,  und  entrifs  es  den  Armen  der  Unschuld! 
Kicht  ihn  vom  Thron  her,  du  Mann  der  ersten  Unschuld!  Es  komme 
Über  ihn  aller  Verwesenen  Blut,  die  er  elend  gemacht  hat! 

Und  aus  ihrer  Herrlichkeit  standen  mit  richtenden  Wunden      745 
Sieben  Märtyrer  auf:   „Wir  heifsen  Tausendmal  Tausend! 
Euerem  wütenden  Auge  wars  Wollust,  uns  sterben  zu  sehen, 
Und  wir  sündigten  nichts!     Der  sichere  Yogel  im  Haine 
Sang  dem  Schöpfer  sein  Lied!     Wir  aber  durftens  nicht  singen! 
In  der  Gebirge  verödete  Kluft,  zu  den  Gräbern  der  Todten,  750 

Wo  der  Brüder  Gebein,  mit  bethränten  Blumen  gekrönet. 
Reifte  dem  Tage  der  Auferstehung,  verfolgten  die  Boten 
Eurer  Wut  uns,  und  liefsen  nicht  ab,  mit  dem  Blute  der  Christen 
Ihre  Schwerter  zu  tränken;  bis  allgemeines  Verstummen 
Der  Erschlagnen;  die  furchtbare  Stille  des  Todes;  noch  Blicke  755 

Sanfter  gebrochenen  Augen  zuerst  die  Unmenschlichen  schreckten, 

V.  7.37:  verbreitet,  entflofs 

:  738:  heiter,       immenschliclie, 

-  739:  die  leidenden  Guten  [1773,  80:  die  Guten  iin  Elend]  verkannte, 

-  740:  wurden  wie  er! 

-  741 :  Eichter,  verwirf      Antlitz.       mir, 

-  742:  Bild',       dem  Ai'me 

-  743:  Eicht'  [1780,  Rieht]  ihn,  rieht'  [1780.,  rieht]  ihn,  du       Unschiüd. 

-  744:  aller  Verworfenen  [1773:  Verworfnen]  Qual,  [1773,  80  Quaal,]  die 

-  745:  1780  ohne  absatx,  —  Aber  aus  ihrer    mit  schreckenden 

-  746:  auf:  [1773:  auf;]  AVir  heisscn  [1780  heifsen —  so  inwier — ]  hundei-traal  hun- 

dert! 

-  747:  Eurem  wüthenden  [1773  wütenden]  Auge  wars  Lust,     sehen; 

-  748:  nichts.     1773:  sichre     alle  ausy.:  im  Walde 

-  749:  Lied;     1773:  dui'ften's     alle  aiisg.:  singen. 

-  751:  Wo  mit  bethränter  Blume    [1773,  80:  bethränten  Blumen]    Gebein  der  Brü- 

der [1773,  80:  der  Brüder  Gebeine]  begraben 

-  752:  Lag,  [1773,  80:  Lagen,]  und  reifte  [1773,  80:  u.  reifton]  dem  Tage  der  Tage, 

folgten  [1773,  80:  verfolgton]  die  Bothen  [1773:  Boten] 

-  753:  Wuth  [1773:  Wut]      ab  mit  der  Christen  Blute   [1773:    ab,    mit  dem  Blute 

der  Christen] 

-  754:  1773:  Schwerdter    tränken,      alle  ausg.:  bis  ringsumher  der  Erschlagnen 

-  755:  Stumme  Lippe,  des  Todes  entsetzliche  Stille,  noch  Blicke 

-  756:  gebrochener  [1821:  gebrochner]       zuletzt  die  schi-eckten 


zu    KLOrSTOCKS   MESSIAS  195 

Dass  sie  flohen,  ii.  ihnen  die  stillen  Lüfte  des  Haines 

Wurden  zum  Sturmwind !  Zur  Mitternacht  jeder  leichtschwebende  Schatten 

Aber  ihr  zittertet  damals  nocli  nicht  auf  dem  blumichten  Lager 

Eurer  Wollust,  und  dicht  vom  unmenschlichen  Schmeichler  belagert.  760 

Schaut  nun  empor,  u.  seht!  die  alle  habt  ihr  getödtet! 

Schaut  auch  gegen  ihn  auf,  den  Erstgebornen  vom  Tode, 

Wenn  euer  Blick  es  vermag,  der  Gottheit  Schrecken  zu  schauen! 

Jesus,  heisset  sein  Namen.     Ihr  hörtet  auch  vormals  den  Namen 

Auf  der  Erde.     Da  hörtet  ihr  noch  nicht  Stimmen  der  Donner,        765 

Wenn  ihr  hörtet  den  Namen,  den  alle  Himmel  itzt  nennen. 

Also  sprachen  die  Zeugen  voll  schöner  Wunden.     Nach  ihnen 
Hub  ein  gerechter  König  sein  selig  lächelndes  Aug  auf. 
Schaut  auf  die  Frommen.  „Wie  kann  ich  sie  nun  mit  Namen  nennen 
Jene  Ruh,  die  itzo  mein  Herz  mit  Seeligkeit  füllet!  770 

Wie  aussprechen  den  Lohn,  den  theuern  Lohn,  dafs  ich  ein  Mensch 

blieb ! 

Nie,  vom  Glänze  der  Hoheit  geblendet,  vergafs,  dafs  ich  Staub  war! 

Auch  dem  Tode  bestimmt!  wie  jene,  die  ich  beherrschte. 

Seyd  mir  gesegnet,  ihr  sanften,  u.  süssen,  ihr  seligen  Stunden, 

Da  mein  Auge,  beym  Anblick  der  Angst,  die  Yerlassene  fühlten,     775 

Still  in  Thränen  zerflofs,  u.  dann  das  Ende  des  Kummers 

V.  757:  die  leisen  Lüfte  der  Wiilder 

-  758:  Stürme  Avurden,  und  Mitteruaclit  der  schwebende  Schatten! 

-  759:  zittei-tet  da  noch  [1773:  damals  noch]      blumigen 

-  7G0:  Eures  Schwelgens,  und  dicht  vom  unmenschlichen  Schmeiclilcr  umräuchert. 

-  761:  seht:  Die  [1773:  seht,  che] 

-  762:  1773,  80:  Erstgebohrneu  1821:  erstgebornen 

-  763:  Wenn  ihr  vermögt  der  [1773:  vermögt,  der]  Gottheit  allmüclitigcs  Schrecken 

zu  schauen. 

-  764:  heilst  [1773,    1821:  heifset  1780:  heisset]    sein  Namen!    [1780:  Nahmen!  — 

so  immer  — ]  Ihr  hörtet  vormals 

-  765:  Erde;  da  tönt'  es  noch  nicht  mit  der  Stünme  [1773,  80:  mit  Stimmen] 

-  766:  nennen! 

-  767:  1780:  oh)ie  absafx.. 

-  768:  1780:  Hob     1799:  seligliicheludes  [1773:  selig  lächelndes]  Aug' 

-  769:  Blickt'   auf  die  Frommen  umher:   AVie  kann  ich.  mit  Namen  sie  nennen, 

[1773,  80:  nennen] 

-  770:  Diese  Ruhe,      jetzo  [1773:  jezo]       füllet? 

-  771:  den  festlichen  Lohn,  nur,  dass  ich       blieb? 

-  772:  von  dem  Glänze  der  Gröfse  [1780:  Grösse]       war? 

-  773:  1799:  bestimmt,  wie  jene,  welch'  [1780:   welch]  icli  belierrschte? 

-  775:  Da  mein  Herz  bey  der  Angst  Anblick, 

-  776:  Gerne  menschlich  zertlofs,  und  dann  dem  Ende 

13* 


196  PAWEL 

Schnell  herbeyrief.     Es  war  schon  Beloniing,  ihr  dankendes  Auge 
Voll  vom  heiligen  Schauer  der  Menschlichkeit  vor  mir  zu  sehen! 
Ach,  schon  Kronen  genung,  das  anzublicken!     Doch  hat  mir 
Der  auf  dem  Thron,  der  unendlich  belohnt,  wie  er  selber  ohn  Ende  780 
Noch  mehr  Freuden,  u.  Ewigkeit  zu  den  Freuden  gegeben! 

Drauf  erhub  der  Yerworfenen  einer  seinAntliz  vom  Staub  auf, 
Wo  er  gerichtet  stand,  u.  strekte  die  zeigende  Rechte 
Zu  den  Königen  aus.     So  sprach  der  Verworfne:  Mein  Leben 
Ist  mit  Schande  bedeckt!     Ich  bin  ein  gerichteter  Sünder!  785 

Kenne  sie  nicht  die  Hoheit  der  Seele,  die  jene  Gerechten 
Über  den  Staub  der  Erden  erhub;  u.  dennoch  empfind  ichs: 
Dafs  ihr  die  Schande  der  Menschheit!  vor  allen  Gehörnen  der  Erde 
Die  Unheihgsten  seyd!  so  lange  die  Sünde  geherscht  hat, 
Und  sein  Gericht  das  Gewissen  nur  noch  im  Stillen  gehalten,  790 

Welches  an  diesem  Tage  der  Angst  nun  nicht  mehr  betäubt  wird ! 

Dieses  sagt  er.     Es  hatte  sich  lange  mit  Schrecken  des  Todes 
Seraph  Eloa  gerüstet.     Die  Rache  glüht  ihm  im  Auge! 
Sein  eröfnetes  Buch  hieng  durch  die  Himmel  herunter; 

V.  777:  Eilend  rufte.     Scliou  war  es  Belohnung,       Auge,  [1773,  80:  Auge] 

-  778:  Voll  von  dem     Menschlichkeit,  [1773,  80:  Voll  von  der  Menschlichkeit  hei- 

ligem Schauer  (1780  Schauer,)] 

-  779:  "War  schon  Kronen  genug,  [1780:  genung,]       doch  giebt  mir,  [1773:  mir] 

-  780:   Siehe,    [1773   Siehe]    der  Herrschende,    welcher  unendlich  belohnt,    vne  er 

selbst  ist, 

-  781:  Seiner  Freuden  noch  mehr,       zu  den  Freudon! 

-  782:  1780:  ohtie  absatK.  1799:  Nun  erhub     Einer     Staube, 

-  783:  zeugende 

-  784:  Nach  den       aus; 

-  785:  ich  bin 

-  786:  Kenne  der  Seele  Hoheit  nicht,    [1773,  80:    Kenne   sie   nicht   die  Hoheit   der 

Seele,] 

-  787:  Staub  der  Erd'  erhob;  [1773:  erhub;]       ich's, 

-  788:  Dafs  ihr  der  [1773:  Dafs  der]  Menschheit  Erniedruug,  vor  allen  Erdegebor- 

nen,  [1773:  vor  allen  Gebohruen  der  Erde,] 

-  789:  Ihr  die  unheiligsten  [1773,  80:  ün heiligsten]  seyd,  so  laug  [1773,80:  lange] 

geherrscht 

-  790:  in  Stillem 

-  791:  Aber  das  nun  an  dem  [1780:  am]  Tage  der  Rache  nicht   [1773:  Welches  an 

diesem  Tage  der  Rache  nicht] 

-  792:  1780:  ohne  absatx      1799:  Also  [1773,  80:  Dieses]  sagt'  er.     laug  [1773,  80: 

lange]  mit  tödtendem  Schrecken 

-  793:  glüht'  [1780.,  glüht]  in  dem  Aug'  ihm! 

-  794:  Sein  gefürchtetes  [1780:  geöffnetes  1773:  geöfnetes]  Buch  hing  [1773:  hieng] 

herunter. 


zu    KLOrSTOCKS    MESSIAS  197 

Und  er  hielt  es  empor,  da  rauscht'  es  der  Sturmwin-de  Ranscheu!    795 

Also  sprach  er:  Es  ist  mit  keinem  Mafse  gemessen! 

Nicht  mit  Zahlen  gezählt,  euer  Elend!     Ihm  fehlen  die  Namen! 

Weh  euch,  dafs  ihr  geschaffen  seyd!  Weh!  u.  Verderben  ohn  Ende, 

Euern  Seelen!     Ihr  habt  der  Menschheit  heiligste  Würde 

Tief  herunter  entweiht!     Sie  hätten  selbst  Engel  mit  Jauchzen,         800 

Und  mit  tiefem  Gebet  von  der  Könige  König  empfangen! 

0!  Ihr  standet  erhaben!  das  ganze  Menschengeschlecht  stand 

Um  euch  herum  versammelt!    Weit  war  der  Schauplatz,  der  Lohn 

grofs, 
Menschlich  u.  edel  zu  seyn!    Die  Himmel  sahn  euch!    Es  wandten 
Alle  Himmel  ihr  Angesicht  weg,  wenn  sie  sahn,  was  ihr  thatet.      805 
Wenn  sie  sahn  die  unmenschliche  Schlacht!  den  ewigen  Schlummer 
Eurer  Augen,  dafs  unter  euch  drückte  der  kriechende  Liebling! 
Keine  Tugend  belohnt,  u.  keine  Thräne  getroknet! 
Geht  nun,  ihr  fülltet  euer  Ohr  mit  der  süssen  Unsterblichkeit  Schalle! 
Geht!  Ihr  habt  sie  erlangt,  doch  die  nicht,  die  ihr  euch  träumtet!  810 
Eure  Namen  sind  ewig,  vom  tiefsten  Pöbel  der  Geister, 
Mit  den  nächtlichen  Flüchen  der  Hölle,  genennet  zu  werden! 

V.  795:  Und   der  rollt's  aus  einander;        17800:  rauscht       1799:   es  Rauschen,    des 
Stiu'mes ! 

-  796:  1780:  Masse       1799:  gemessen,  [1773:  gemessen] 

-  797:  Euer  Elend!  die  Zahl  zählt's  nicht,  [1773,  80:  nicht  Zahlen  zählen's!  (1780 

zählens !)] 

-  798:  1821:  Weh'     1773,  80:  ihr  seyd  ihm  geschaffen!  AVeh,     ohn' 

-  799:  Euren 

-  800:  entweiht.     Sie  hätten  Engel 

-  801:  Und  mit  weinendem  Dank  [1773:  Dank,]     König'  [1773,  80:  König] 

-  802:  0  ihr  [1773:  0,  ihr]        erhaben!  um  eure  Throne  versammelt, 

-  803:  Stand  das  Menschengeschlecht!   Weit 

-  804:  1773:  die     1799:  euch. 

-  806:  "Wenn  sie   sahen    den    mordenden  Krieg,    des  Menschengeschlechtes    [1773: 

Ki'ieg;  (des] 

Brandmahl  [1773,  80:  Brandmaal]  alle  Jahrhunderte  durch!  der  untersten 
Hölle 

Lautestes  [1773:  Lautestes,]  schrecklichstes  Hohngelächter!  [1773:  Hohnge- 
lächter!)] den  ewigen  Schlummer 

-  807:  neben  euch 

-  808:  getrocknet! 

-  809:  Geh  nun,  du  fülltest  dein  Ohr  mit  der  süssen   [1773:  süfser    1780:  süsser] 

-  810:  Geh,  du  hast  sie  erlaugt;       welche  du  ti'äumtest! 

-  811:  Ewig  ist  euer  Name;  [1773:  Name,  1750:  Nähme,]  A'om  untersten  [1773,80: 

letzten]  Pöbel  der  Seelen 

-  812:  Mit  den  wildesten       Höhe  genannt   [1773,  80:  H.  genennet] 


19S  l'AWEL,    ZU    KLOPSTOCKS    MESSIAS 

Euro  Tliaten  sind,  in  des  Abgrundes  eherne  Berge, 
Tief,  in  langen  unendlichen  Reihen,  mit  Feuer  gegraben! 
Alle  mit  ihrer  eignen  unsterblichen  Schande  gebrandmarkt!  815 

Da  ist  nun  kein  Tempel  der  Ehre!  da  blühet  kein  Lorbeer, 
Euern  Häuptern  zur  Krone  zu  werden !     Da  tönt  kein  Triumphlied 
Euch  durch  hohe  Gewölke  von  Siegesbogen  zu  singen! 
Aber  Jammergeschrev,  und  dumpfe  Stimmen  des  Blutes, 
Das  ihr  vergofst,  und  das  ewig  vor  euch  in  Nächten  vorbeysti-ömt !  . . .  820 
Dafs  die  Wölk  am  Throne  mit  ihrem  Donner  sich  waffne! 
Und  mit  eisernem  Gange  die  Todesengel  dahergehen! 
Dafs  mit  der  Sturmwinde  Schwung  die  Gerichteten  alle  sich  heben, 
Und  hinabselm ! . . .  Der  Richter  steht  auf!  und  die  Himmel  verstummen ! 
Und  der  Richter  stand  da;  ..  schaut  auf  die  Könige  nieder  ..825 

Wandte  sein  Antliz, und  schwieg!  Da  er  sein  Angesicht  wandte. 

Bebten  unter  der  Könige  Fufs  die  Trümmern  der  Erde! 

V.  813:  sind  [1773:  sind,] 

-  814:  Dort,  in  langen  unendlichen  Reihn,  [1773,  80:  Reihen,]       gegraben, 

-  815:  Alle  zu  kennen,  an  der  [1773,  80:  an  ihrer]  eignen  unsterblichen  Schandel 

-  816:  Da,  da  ist  kein  Tempel  des  Ruhms,   [1773,  80:  der  Ehre,]  da  sprosset  kein 

Lorber,  [1773:  Lorbeer,] 

-  817:  Eures  Hauptes  Krone  zu  werden,  da 

-  818:  Euch,  mit  Ehrenvergeudung,  mit  hohes  Preises  Ergüsse, 

Jedem  Zauber  des  Stolzes,  durch  Siegesbogen  zu  singen: 

-  819:  und  schreckliche  Stimmen 

-  820:  und  AVuthausruf,  und  Verwünschung  zu  neuer 

Grösserer  Qual  [1773,  80:  Quaal]  erschallen  vom  Überhange  der  Berg'  euch,- 
Euch   aus   der  ewigen  Nacht  herdrohenden  grausen  Gewölben!    [1773,  80: 
Eelsengewölben !] 

-  821:  Wölk' 

-  822:  Gang  [1773:  Gange]       herabgehn! 

-  823:  Dafs  die  Gerichteten  alle  die  starrenden  Augen  erheben, 

-  824:  Nach  dem  Thron  schaun!     Denn  die  Entscheidung  fasset  die  Wage; 
Anstatt  V.  825  —  827: 

Bald,  bald  schwebt  in  die  Himmel  hinauf  die  steigende  Schale! 

Also    [1773:    neuer    abschn.]    ruft'     [1773,   80:    rief]    er.      Allgegenwärtige 

schauernde  StiUe 
Hatte  sich  über  die  Erd",    und  über  den  Himmel    [1773,  80:    üt)er  die  Him- 
mel, und  über  die  Erde]  gebreitet. 

Heilig  [1773:   ohne  absat^]^    und  hehr,   und  schrecklich  war  des  Rich- 
tendon Horschaun!  [1773:  Ansehn;] 
Allmacht  strahlt'  er,  und  Zorn!  [1773:  Zorn.]   Er  blickt'  auf  die  Könige  nieder. 
Wandte  sein  Angesicht,  schwieg.     Als  er  sein  Angesicht  wandte. 
Schauert'    [1780.,  Schauert]  es  unter  der  Könige  Fufs  in  den  Felsen gebirgen; 
[1773,  80:  weiten  Gefilden;] 


Cr.    KETTXER,    ZU    LKSSIXGS    HAMB.    DRAMAT.  199 

Kam  ein  »Sturmwind  vom  Tliron,    ii.,    in   den  iSTächtcn  des  Sturm- 
winds, 
Alle  Todesengel  herab.     Die  Könige  flohen. 

Kein  Erdbeben  erbarmte  sich  ihrer,  sie  von  dem  Anschaun  830 

Und  dem  kommenden  Fufs  der  Todesengel  zu  decken. 
Schnell  erblickten  wir  ihi-en  Gerichtsplatz,  leer  und  verlassen. 
Und  vernahmen  von  fern  der  Hölle  dumpfe  Gewitter, 
Die  sich  aufthat!  ...    dann  zuschlofs!  ...    Schon  kamen  am  äufser- 

sten  Himmel, 
Der  den  Gerichtsplatz  umgab,  die  Todesengel.     Sie  trugen  835 

Ihre  "Wetter  empor,  und  sangen  Jubelgesänge. 

V.  828:  Kam  ein  Sturm  von  dem  Thron,  und      des  Sturmes,  [1773,  80:  Sturmes] 

-  829:  flohen! 

-  830:  sie,  vor  dem  Anschaun, 

-  831 :  Und  dem  kommenden  Schweben 

-  832:  Ein  Gedank';   [1773,  80:  Ein  Gedanke;]  und  wir  sahn  die  umleuchtete  State 

[1773,  80:  so  sahen  wir  die  State]  verlassen 

-  833:  Hires  Gerichts:  noch  Einer;     so  hörten  wir  donnern  die  Hölle, 

-  834:  Welche  sich  [1773,80:  Die  sich]  öffnete!  schlofs!     Schon  kamen,  am  äufsor- 

sten  Himmel 

-  835:  Um  den  Gerichtsplatz  her,  die  Todesengel.     Sie  hielten 

-  836:  Schwarze  AVetter        Jubelgesänge! 

wÄURING-^^^Ex.  j.  pawel. 


EIN   SCIIEEIBFEHLEE    IN    LESSINGS    HMIBUEGISCHEE 

DEAMATUEGIE. 

Im  3.  stück  der  Hamb.  dramat.  erörtert  Lessing  die  fi-age,  Avie 
Sentenzen  inmitten  leidenschaftlich  erregter  stellen  vorzutragen  seien. 
Die  dabei  anzuwendende  gestikulation  schildert  er  im  anschluss  an  die 
natürliche  haltung  unseres  körpers  in  solchen  scenen  (s.  18  L.)  folgen- 
dermassen:  „Wenn  in  einer  heftigen  Situation  die  seele  sich  auf  einmal 
zu  sammeln  scheint,  um  einen  überlegenden  blick  auf  sich  oder  auf 
das,  was  sie  umgibt,  zu  werfen,  so  ist  es  natürlich,  dass  sie  allen 
bewegungen  des  körpers,  die  von  ihrem  blossen  willen  abhangen, 
gebieten  wird.  jS'icht  die  stimme  allein  wird  gelassener,  die  glieder 
alle  geraten  in  einen  stand  der  ruhe,  um  die  innere  ruhe  auszudrücken, 
ohne  die  das  äuge  der  Vernunft  nicht  wol  um  sich  schauen  kann.  ]\Iit 
eins  tritt  der  fortschreitende  fuss  fest  auf,  die  arme  sinken, 
der  ganze  körper  zieht    sich    in    den   ivagrechten    stand;    eine 


200  ELZE,    ZU    SAXO    GRA>DIATICUS 

pause   —    und   dann   die  reflexion.     Der  mann  steht  da  in  einer  feier- 
lichen stille,  als  ob  er  sich  nicht  stören  wolte,  sich  selbst  zu  hören." 

So  viel  dieser  abschnitt  gepriesen  ist,  so  oft  er  citiert  zu  werden 
pflegt,  so  hat  doch  meines  wissens  bis  jezt  noch  keiner  an  dem  aus- 
druck  iragrechten  stand  anstoss  genommen;  auch  die  commentare  zur 
Hamburgischen  dramaturgie  von  Schroet  er -Thiele  (Halle  1877)  und 
Cosack  (Paderborn  1876),  sowie  Zürn  in  seiner  ausführlichen  erläu- 
terung  von  st.  1  —  7  (progr.  des  gymn.  zu  Rastatt  1884.  1885;  vgl. 
spec.  im  lezteren  s.  6.  7)  gehen  ohne  bemerkung  darüber  hin.  Und 
doch  liegt  hier  offenbar  entweder  ein  Schreibfehler  oder  eine  Verwechs- 
lung Lessings  vor:  der  sinn  verlangt  statt  ivagreclit  notwendig  senk- 
reclä  oder  lotrecht.  Abgesehen  von  dem  Zusammenhang  des  ganzen 
beweist  dies  schon  der  unmittelbar  vorhergehende  satz:  „die  arme  sin- 
ken", denn  damit  drückt  er  ja  den  Übergang  aus  der  horizontalen, 
schwebenden  in  die  vertikale  haltung  aus. 

SCHULPFORTA.  OUSTAV    KETTNEE. 


ZU  SAXO  GEAMMATICUS. 


In  der  geschichte  Hamlets  berichtet  Saxo  Grammaticus  (ed.  Mül- 
ler-Yelschow,  I,  139)  u.  a.  folgendes:  „Interdum  foco  assidens  favil- 
lasque  manibus  verrens  ligneos  uncos  creare  eosdemque  igni  durare 
solitus  erat;  quorum  extrema  contrariis  quibusdam  hamis,  quo  nexuum 
tenaciores  existerent,  informabat."  Zu  den  worten  „Uncos  creare" 
wird  von  Müller- Velschow  folgende  bemerkung  hinzugefügt:  „Verbo- 
rum  lusus  his  uncis  inesse  videtur;  nam  uncus  in  lingua  Islandica 
Krokr  (Danice  Krog),  significat  quoque  insidias  sive  ambages  callide 
quaesitas.  Ita  Islandus  aliquis  astutus  dictus  fuit  Kroka-Ref."  Diese 
deutung  scheint  mir  ziemlich  gesucht,  zumal  da  doch  nur  das  hier 
nicht  in  betracht  kommende  isländische  krokr,  nicht  aber  das  latei- 
nische uncus  in  der  angegebenen  übertragenen  bedeutung  gebraucht 
wird.  Selten  wir  es  vielleicht  mit  einer  corruptel  zu  tun  haben,  und 
solle  statt  creare  etwa  cur  rare  zu  lesen  sein?  Holder  übergeht  in 
seiner  ausgäbe  des  Saxo  die  stelle  mit  stilschweigen. 

HALLE,    19.    JULI    1888.  K.    ELZE. 


201 

ZU  PAUL  GERHAKDT. 

Bachmann  liat  in  seiner  liistorisch-kritischen  ausgäbe  der  geist- 
lichen lieder  Paul  Gerhardts  zu  den  120  liedern  desselben  im  anhange 
11  deutsche  und  8  lateinische  gelegenheitsgedichte  hinzugefügt,  von 
denen  er  mit  recht  sagt,  dass  sie  zwar  nui-  von  untergeordnetem  wert, 
aber  doch  zur  Charakteristik  des  dichters  und  als  beitrag  zur  keutnis 
seiner  persönlichen  beziehungen  nicht  unAvichtig  seien.  Ich  kann  nun 
die  zahl  der  lateinischen  gelegenheitsgedichte  um  2,  die  der  deutschen 
um  1  vermehren. 

1. 
Das  erste  stamt  aus  dem  jähre  1651  und  ist  ein  boglückwün- 
schungsgedicht  bei  der  ernennung  des  propstes  Petrus  Yehr  zum  konsi- 
storialrat.  Der  lange  titel  der  glückwunschgedichte,  unter  denen  es 
steht,  schlicsst  Mens.  Septembris,  Anno  CIOIOCLI.  BEROLINI,  Praelo 
Rungiano.  Ein  exemplar  befindet  sich  in  der  bibliothek  des  gymna- 
siums  zum  grauen  kloster.  Der  band  ist  bezeichnet  Yaria  e  gymnasio 
Berolinensi  I  (nr.  44). 

Yherius  ex  Ludi  procedit  pulvere  ad  Aulam, 

Ex  humili  scandit  culmina  celsa  loco 
Prima  iuventutis  iuveni  ipsi,  in  Brennonis  urbe, 

Leucoride  egresso,  tradita  habena  fuit. 
Altera  successit  florentis  cura  Lycei, 

Quod  Ruppinum  almo  continet  in  grcmio, 
Tertia  Berlinum  concessit  nobile  sceptra, 

Queis  regeret  doctae  germina  cara  scholae. 
Acre  quidem  regimen  vilique  sudore  repletnm, 

Dulce  tarnen  magno  conspicuumque  Deo. 
Qui  pia  servitii  cum  cerneret  acta  fidelis, 

Servum  istum  ad  maius  destino,  dixit,  opus. 
Nee  mora,  melliflui  vocat  hunc  Ecclesia  Christi, 

Quae  nomen  de  te,  diva  Maria,  trahit. 
Ergo  qui  teueres  modo  conformaverat  annos, 

Poscitur  augusto  praeficiturque  gregi. 
Hunc  fovet,  hunc  animat  divini  flamine  verbi, 

Huic  praebet  rutili  pabiüa  sana  poli: 
Ima  sede  sedens  primo,  dein  prima  Cathedrae 

Ornamenta,  Deo  sie  moderante,  tenens. 
Sorte  isthac  contentus  erat:  sed  Numina  pergunt, 
Praepositique  addunt  lumen  ouusc)_ue  Seni. 


202  JONAS 

Demum  Electoris  splendentia  ad  atria  vectum 

Consilio  addicimt  consociantque  Sacro. 
Ell  miranda  Dei  Pietatis  et  Artis  alumne, 

Quam  bene,  quam  varie  diicat  agatque  Suos, 
Disce  hoc  exemplo  saevos  tolerare  labores, 

Mirandoque  pia  fidere  mente  Deo. 
nie  seiet  iusto  te  tollere  tempore  in  altum, 

Et  durum  molli  pace  levare  iugum. 
At  Tu,  sancte  Senex,  dulci  cape  pectore  Honores, 

Queis  Deus  et  Princeps  Te  radiäre  volunt. 
Yive  Tuae  domui,  communi  vive  Saluti. 

Firma  ambas  precibus,  consiliisque  iuva. 
Sta  coram  domino  ceu  Palma  atque  ardua  Cedrus, 

Post  caeli  ambrosio  vive  iaceque  Sinu. 

Paulus  Gerhardus. 
2. 

Das  zweite  lateinische  gedieht  begrüsst  den  subconrector  Samuel 
Kosa  nach  der  im  jähre  1665  von  ihm  erlangten  magisterwürde.  Der 
bogen  ist  gedruckt  Coloniae  Brandenburgicae,  ex  officina  Georgii  Schul- 
zii,  Electoralis  Typographi.  Ein  exemplar  befindet  sich  in  der  biblio- 
thek  des  grauen  klosters  zu  Berlin  (Varia  e  gymnasio  Berolinensi  I 
nr.  69). 

Viro  pietatis  ac  eruditionis  radiis  Praeclaro,  Du.  Samueli  Rosae, 
amico  suo  honorando,  cum  ipsi  summus  in  Philosopliia  honor  decerne- 
retur,  ac  titulus  Magistri  conferretur. 

Ceu  rosa  vere  novo  mille  inter  gaudia  fragrat, 
Et  magnara  mnndi  complet  odore  domuni: 
Sic  tua  nunc  virtus  de  se,  Rosa,  spargit  Odorem, 

Dum  lauro  frontem  cingit  Apollo  tuam. 
Prosit  honor,  Crescat  virtus,  nee  cesset:  et  olim 
Qui  Rosa  nunc  audis,  florida  Cedrus  eris. 

gratulabundus  canebat 

Paulus  Gerhardus,  Ecclesiastes 

Berolinensis  ad  Divi  Nicolai. 


3. 

Das  deutsche  gedieht  ist  gedichtet  zum  andenken  des  gewesenen 
bürgermeisters  Benedikt  Reichardt  zu  Berlin,  der  daselbst  am  5.  jen- 
ner 1668  beigesezt  wurde.     Ein  exemplar  der  gedieh tsamlung,   in  der 


zu    TAÜL    GERHARDT  203 

es  stellt,  befindet  sich  in  der  bibliothek  der  St.  Georgenkirche  zu  Ber- 
lin in  einem  quartband  mit  der  bezeichnung:  nr.  736  Carminum  Volu- 
men 3. 

Auf  das    selige  Absterben    und  Christliche   Beerdigung    des    umb 
diese  gantze  Stadt  viel  Jahr  lang  wolverdienten  Herrn  Burgermeisters, 
Herrn  Benedicti  Reichardts. 
So  geht  der  alte  liebe  Herr  auch  nun  dahin! 

Nachdem  Er  achtzig,  und  was  drüber  ist,  erlebet. 
Er  geht  zu  Gott:  Und  legt  und  schlägt  aus  seinem  Sinn 

Dass,  was  noch,  wies  Gott  weiss,  uns  überm  Haupte  schwebet. 
Die  Kinder  klagen  ihn,  ach  Vater,  unser  Schutz! 

Die  Ehgenossin  lässt  die  Thränen  häuffig  fliessen:    - 
Was  Kindes-Kinder  seind,  bedencken,  was  vor  Nutz 

Sie  hiebevor  gehabt,  und  nun  nicht  mehr  geniessen. 
Und  weinen  bitterlich.     Die  wehrte  Bürgerschafft 

Folgt  ihrem  Haupte  nacli,  und  giebt  ihm  das  Geleite 
Zu  seinem  Schlaff- Gemach,  dahin  der  Tod  ihn  rafft. 

Gleich  wie  uns  allzumal.     Ich  aber  setz  ihm  heute 
Zu  Ehren  diese  Schrifft:  Ein  Mann  von  alter  Treu 

Und  deutscher  Redligkeit,  ein  Mann  von  vielen  Gaben 
Und  grosser  Wissenschafft,  ein  Mann,  der  frisch  und  frey 

Das  Recht  geschützt,  die  Stadt  regiert,  wird  itzt  begraben. 
Zur  Bezeugung  Christliches  Mitleidens  gegen  die  gesambte  Hoch- 
betrübte Leidtragende  setzte  dieses  Paulus  Gerhardt. 

BERLIN,  F.    JONAS. 


MISCELLEN   ZUE   FEAGE   NACH   DEE  WALDENSTSCHEN 
HEEKUNFT  DES  CODEX  TEPLENSIS  UND  DEE  ERSTEN 

BIBELDEUCKE. 

I. 

Eine  liaiidsehrift  der  PauHniselieii  briefe. 

Die  von  Biederer,  Nachrichten  zur  kirchen-gelehrten-  und  bücher- 
geschichte,  bd.  HI,  s.  1  fgg.  beschriebene,  handschrift  einer  Übersetzung 
der  Paulinischen  briefe  aus  dem  jähre  1424  scheint  neuerdings,  soviel 
ich  weiss,  noch  nicht  wider  beachtet  zu  sein.  Nach  den  stücken,  welche 
Biederer  mitteilt,  so  wie  nach  der  reihenfolge  der  briefe,  die  er  angibt, 
zu  schliessen,   hat    die   handschrift    offenbar  nicht  die   gleiche  vorläge 


204 


gehabt,  wie  die  ersten  bibcldrucke;  der  Laodicäerbrief  z.  b.  steht  zwi- 
schen dem  Colosser-  und  Thessalonicherbrief,  Avährend  er  in  den  bibel- 
drucken, Avie  bekant,  seine  stelle  zwischen  Galater-  und  Epheserbrief 
hat.  Aber  ein  g-cwisser  Zusammenhang  zwischen  dieser  handschrift  und 
den  ersten  bibeldrucken  besteht  doch  und  an  manchen  stellen  ist  die 
verwantschaft  im  ausdruck  so  auffallend,  dass  man  unmöglich  an  eine 
Zufälligkeit  denken  kann.  Die  stärkste  Übereinstimmung  zeigt  die  hand- 
schrift mit  der  vierten  bibel;  an  einzelnen  stellen  aber  stimt  sie  auch 
mit  der  ersten  überein.  Ich  lasse  einige  der  stellen  folgen. 
Prolog  zum  Corintherbrief. 
E.  4.  Bibel.  (Neues  Test,  lij)  1.  Bibel. 

Das  ist  der  prologus  der 
Episteln  sant  Paulus  ad  Co-  Corintlii  sind  Acbaici.  dise  Die  von  corinth  seint 
rinthios.  Corinthi  die  seind  horten  zeglycher  wyfz  von  Achaici  dise  horten  ze  glei- 
Achaici '  vnd  disen  in  süni-  den  apostel  das  wort  der  eher  weys  von  den  betten 
lieber  weis  von  dem  zwelf-  warheyt  vnd  wurden  verkert  dz  wort  der  warheit:  vnd 
poten  das  wort  der  worheit,  manigualtigklich  von  den  wurden  verkeret  manigual- 
vud  seind  wechert  worden  valschen  aposteln.  Ettliche  tiglich  von  den  valschen 
in  mangcrlay  weis  von  fal-  von  den  kleffigen  ußgespro-  hotten.  Etliche  von  den  klef- 
schen  propheten.  Ir  etlich  eben  weltlicher  wyßhoyt.  figen  reden  weltlicher  weis- 
von  den  wörtlichen  spruchen  die  andern  sind  ingefürt  wor-  heyt  die  andern  wurden  ein- 
der  haidenischen  frawen  den  in  die  irtum  der  iudi-  gefürt  in  die  irtuni  der  iu- 
chunst.  Die  andern  werden  sehen  ee  dise  widerruft  der  dischen  ee.  Dise  widerruft 
gefurt  zu  der  Secte '  (der)  apostel  zd  der  waren,  vnnd  der  hotten  zu  der  waren 
Judischen  E(.)  dise  wider-  ewangelischerwyßheytschri-  und  ewangelischer  weisheyt : 
ruft    der    zwclffjiot    zu    der   beut  yn  von  Epheso  durch    schreibend    in    von    ephesi 


waren  weillheit  des  ewange-    timotheum  sinen  iunger. 
lii,  vnd  schreibt  in  Epheso 
bey  seinem  junger  Thimotheo. 


bei  thimotheo  sein  iunger. 


Wann  vm  wz  dingos  ist 
cristus  tod  vmb  vns  noch 
do  wir  warn  siech.    Dorumb 


Römer  V,  6  —  21.    Kicderer, 

a.  a.  0.  s.  10.  n.  7  Ixix. 
Vnd  do  wir  dennoch  chrank  waruinm  ist  ab  christus 
waren.  Christus  ist  tott  nach  do  Avir  dennoch  chrank  wa- 
der zeitt  für  die  vngütigeu  reu  nach  der  zit  für  die 
wann  für  den  rechten  chai-  bösen  gestorben,  dann  hert  wie  vil  mer  sey  wir  nun 
ner  oder  yemant  stirbet  wann  stirbet  einer  für  den  gerech-  gerechthafftigt  in  seinem  blut 
vmb  das  gut  vielleich  nye-  ten.  "Wann  wer  tar  villicht  wir  werden  gehalten  von 
mant  tar  sterben.  Aber  got  sterben  für  den  guten  aber  dem  zorn  durch  in.  AVann 
lobet  sey  in  uns  wann  do  got  der  lobt  sin  liebe  in  ob  do  wir  warn  veind  wir 
wir  Sünder  dannoch  süuder  vns.  wann  ob  christus  ist  seind  versünt  zu  gott  durch 
waren,  cristus  ist  vmb  vns  tod  vm  vns.  noch  do  wir  den  tod  seins  suns:  Avie  vil 
tot,   Darumb  vil  mer,  wer-  warn  suuder.   Darum  wie  vil    mer     versünt    wir    werden 


1)  In  dem  druck  bei  Eiederer  steht  Achachi ,  was  aber  sicher  ein  druckfehler  ist. 

2)  Nach  Sekte  ist  ein  punkt,  der  fehlt. 


ZUR  VORLUTHER.  BIBELÜBERSETZUNG 


205 


den  wir  nu  gerechtiget  vou 
dem  zoren,  in  seinem  plut 
wer  wir  pehalten  durch  in, 
\\aon  wir  versünet  seind  mit 
gott.  Ob  das  ist  so  wir 
werden  veint  durch  den  tod 
seines  suns,  vilmer  seind 
wir  versünet  wehalten  wer- 
den in  seinem  leben.  Aber 
nicht  allein  hyn  Sunder  wir 
gloriren  auch  in  got 
durch  unscrn  herren 
ihesum  cristum.  durch 
den  wir  versünung  emi)fan- 
gen  haben.  Darumb,  als 
dm'ch  einen  menschen  der 
tot  ist  durchgangen,  in  dem 
sie  alle  gesundet  haben, 
vntz  aber  zu  der  E  die 
sünd  ist  gewesen  in  der 
werlt,  Aber  die  sünd  wirt 
nicht  zugosacht,  so  die  E 
nicht  were. 

So  reichsend  der  tot  vou 
dem  Adam  pis  zu  moysen. 
in  die  die  da  sündetten,  in 
dem  gleichnülJ  der  Übertre- 
tung, aber.  Der  da  ist  ein 
foi'm  vnd  ein  pild  des  zu- 
künftigen Sunder  nicht  als 
die  vntat,  also  auch  die 
gob  Seind  nu  von  enis  vntat, 
vil  tot  seind  noch  michels 
mere.  Die  genad  gottes ,  vnd 
die  gab  eines  menschen  ihesu 
cristi,  in  vil  ubei-flossen  ist, 
vnd  uit  als  durch  ein  sünde. 
also  durch  die  gob,  wenn 
das  gericht  durch  eins  we- 
gen in  das  verdampnüß. 
Aber  die  genad  aus  vil  vu- 
taten  in  die  gerecht  machung. 
Ob  ein  gereich  seut  hatt, 
durch  eins  wegen ,  noch  mi- 
chels mer,  über  flüßicklichen 
die  genad,  vnd  die  gab.  vnd 
die  gerechtichaitt,  enipfahen 
wir  in  den  lobenreich  seind, 


mer  wir  die  wir  nun  syen 
gerecht  gemachet  in  sinem 
plut  werden  heilsam  von 
dem  zorn  durch  den  tod 
sins  suns.  vil  mer  wir  ver- 
sunt  werdent  behalten  in 
sim  leben.  Wann  nit  allein 
in  disom.  aber  wir  glorie- 
ren  auch  in  got  durch 
vnsern  herren  iesum 
Christum.  Durch  den  wir 
nun  empfiengen  die  versü- 
nung. daruiii  als  die  sünd 
ingieng  in  dise  weit,  vnd 
durch  die  sünd  der  tod. 
Also  ist  auch  durchgangen 
der  tod  in  alle  menschen  in 
dem  sie  alle  sünten.  waun 
die  sünde  was  in  dise  weit 
vntz  zu  der  ee.  Aber  die 
sünde  ward  nit  verübel  ge- 
habt da  die  Ee  nit  was. 
wann  der  tod  hat  geregieret 
von  adam  vntz  zu  moysen. 
auch  in  die  die  da  nicht 
süuton  in  der  gelichnu(5  der 
übertrettung  ade  der  da  ist 
ein  form  des  küufftigen. 
Aber  die  gab  ist  auch  nit 
als  die  missetat.  Wan  ob 
manige  sind  tod  ufz  der  mis- 
setat eins  menschen  wie  vil 
mer  die  genad  gottes  vnd 
die  gab  in  der  genad  eines 
menschen  iesu  christi  ist 
vbeiilüssige  gewesen  in  vil. 
Vnd  die  gab  ist  auch  nit 
also  als  durch  ein  sünde. 
wann  das  vrteyl  ist  vfz  yn 
die  verdamnung.  aber  die 
gnad  von  m  anigen  mis  raten 
in  die  gei'echt  machung  eins. 
AVann  ab  der  tod  ];at  gere- 
gieret durch  den  menschen 
in  der  mistat  eins,  ernstlich 
wie  vil  mer  die  empfachen- 
denn  die  vberflüssigkeit  der 
genade.   vnd   der  gäbe   vnd 


behalten  in  seim  leben. 
AVann  nit  allein  in  disem: 
wann  wir  wunigklichen  vns 
auch  in  gott  durch  vnse- 
ren  herren  jhesum  cristum: 
durch  den  wir  nun  empfien- 
gen die  versünung  Dorumb 
als  die  sünd  ein  gieng  in 
dise  weit  vntz  zii  der  ee 
wann  die  sünd  ward  nit 
geacht  durch  ein  menschen 
vnd  durch  die  sünd  der  tod: 
also  vbergeet  auch  nun  der 
tod  in  all  die  menschen  in 
den  sy  aU  sünten.  Wan  die 
sünd  WZ  in  dise  weit  vntz 
zu  der  ee.  Wann  die  sünde 
ward  nicht  geacht  do  die 
ee  nit  enwas:  wan  der  tod 
der  reichseut  von  adam 
vntz  zl  nioyses:  iocli  in 
den  die  do  nicht  ensünten 
in  der  gcleichsam  des  vber- 
gangs  adams:  der  do  ist  ein 
bild  des  künfftigen.  A\''aun 
die  gab  ist  auch  nit  als  die 
mistat.  AVan  ob  manig  seind 
tod  in  der  mistat  eins:  wie 
vil  mer  die  gnad  gotz  vnd 
der  gib  begnügt  im  manigen 
in  der  gnad  eins  marms 
jhesu  christi.  A^nd  das  vr- 
teyl ist  von  eim  in  die  ver- 
damunge:  wann  die  gnad 
von  manigen  mistaten  in  die 
gerech tigkeyt.  Wan  ob  der 
tod  hat  gereich  sent  durch 
den  menschen  in  der  mistat 
eins:  ernstlich  wie  vil  mer 
entphachen  die  begnügung 
der  genaden  vnd  dez  gibs 
vnd  dez  rechtz  vnd  sy  reich- 
sent  in  dz  ewig  leben  durch 
ein  jhesum  cristum.  Dorumb 
als  der  tod  ist  in  alle  die 
menschen  in  die  verdamp- 
nung  durch  die  mistat  eins: 
alsust   ist   er   auch  in  alle 


206 


ELLINGER,    ZUR   YORLUTHER.    BIBELÜBERSETZUNG 


wer  durch  eins  wegen  ihe-    der     gerechtigkeit     werden    die  menschen  in  die  gerech- 
sum   cristuni.     Darumb  als    regieren  durch  einen  iesuni    tigkeit  des  lobens  durch  daz 
durch  eines  menschen  vntat    christum  in  dem  leben.    Da-    recht  eins.  "Wann  als  manige 
chummen  ist  schulde  in  alle    rumb  als  der  tod  ist  in  alle    seiud      geschicket      sunder 
menschen  in  verdampnüB  des    menschen  in  die  verdamnung    durch  die  vngehorsam  eines 
todes,   Also  ist  auch  durch    durch  die  mistatt  eins  men-    menschen:  also  werdentauch 
eines  menschen  gerechtichait    sehen,    also  ist  er  auch  in    manig     geschicket     gerecht 
vnschuld,  des  lebens,  wann    alle    die    menschen    in    die    durch     die    gehorsam    eins 
als    durch    eines    menschen    gerechtmachung  des  lebens    menschen.      Wann    die    ee 
A'ngehorsamcheit,  vil  Sünder    durch  die  gerechtigkeit  eines    vnder  in  gieng:  daz  die  rais- 
gesetzet    seiud ,    also    durch    menschen,  wann  als  vil  sün-    tat  begnügt.     Wann   do  die 
eines  gehorsam  werdent  vil    der  syen  geset(z)et  worden    mistat  begnügt,   do  begnügt 
gehorsam,    werden    vil    ge-    durch  die  vugehorsame  eins    auch  die  gnad  als   die  sunt 
horsam,  werden  vil  gerech-    menschen  also  werdent  auch    hat   gei'eichsent   als  in  den 
ter     gesetz,     Aber     die    E.    manig    gerecht    durch     die    tod.  also  reichsent  auch  die 
vnder  das  das  missetat  über-    gehorsame    eins    menschen,    gnad  durch  dz  recht  in  das 
fielst,   Do  aber  übeiilos   die    Das   gesatz  ist  aber  ingan-    ewig    leben:    durch    vnsern 
genad,  also  durch  eines  ge-    gen,    das   vbertlüssig  würde    herren  jhesum  cristum. 
horsam  werdent  vil  gerech-    die  missetat . .  wa  aber  vber- 
ter   gesetze.    Also    als    der   flüssig  ist  gewesen  die  mis- 
tod    gerichsent    hatt    durch    setat  . .     Da  ist  auch  vber- 
die  simde  in  dem  tott,   das    fiüssig    gewesen    die    gnad. 
auch  die   genad  also  reich-    Das  als  geregieret  hat    die 

Sünder    in   dem    tod.      Also 

auch  die  genad  sol  regieren 

durch    die    gerechtigkeit   in 

das  ewig  leben  durch  iesum 

Christum  vnsern  hern. 

Die  haiidschrift  ist,  wie  die  von  Riedercr  mitgeteilten  proben  zei- 
gen, ungemein  verderbt  und  zum  teil  bis  zum  unsinn  entstelt.  Aber 
selbst  in  diesem  kläglichen  zustande  erkent  maii  in  manchen  stellen 
eine  unverkenbare  verwantschaft  mit  dem  text  des  vierten  bibeldrucks; 
an  andern  stellen  allerdings  besteht  eine  solche  Übereinstimmung  nicht. 

Wir  kennen  nun  den  ehemaligen  besitzer  dieser  handschrift:  es 
war  ein  jSiürnberger,  namens  Ulrich  Ortlieb,  aller  Wahrscheinlichkeit 
nach  derselbe,  der  im  jähre  1442  in  Nürnberg  gestorben  ist  (vgl.  Kie- 
derer,  s.  6).  Meine  kentnis  des  religiösen  sektenwesens  in  Franken  ist 
zu  gering;  ich  kann  in  folge  dessen  nicht  angeben,  ob  dieser  Ulrich 
Ortlieb  zu  den  Waldensern  in  irgend  welchen  beziehungen  gestanden 
hat.  Vielleicht  wird  diese  frage  von  andrer  seite  beantwortet  werden. 
Erwähnt  sei  jedcnfals  noch  ein  umstand:  herr  dr.  Ludwig  Keller  macht 
mich  darauf  aufmerksam,  dass  Ortlieber  ein  alter  sektenname  der 
Waldenser  gewesen  ist. 

BERLIN.  GEORG    ELLINGER. 


sent  durch  die  gerechtichait. 
des  ewigen  lebens. 


207 


EIMGE  V0GELK4]MEN  AUS  DEM  NÖEDLICHEN 

BÖHMEN. 

Die  mittGiluiigen  des  ornithologisclien  Vereins  in  Wien  enthalten 
in  den  nummern  6,  7,  8  und  9  des  XI.  Jahrganges  einen  umfang- 
reichen bericht,  in  welchem  die  um  Neustadtl  bei  Friedland  in  Böh- 
men vorkommenden  vogelarten  verzeichnet  sind,  und  worin  man  über 
das  leben  und  treiben,  den  nutzen  und  schaden  des  beschwingten  Vol- 
kes ausführlichen  bescheid  erhält.  Der  Verfasser  dieses  aufsatzes  ist  der 
Oberbuchhalter  der  bekanten  firma  Klinger  aus  Neustadtl,  herr  Robert 
Eder,  ein  grosser  freund  und  liebhaber  der  vogelweit,  der  nicht  ver- 
gass,  an  geeigneter  stelle  auch  die  volkstümlichen  namen,  welche  die 
vögel  um  Friedland  herum  führen,  zu  verzeichnen.  Es  sind  deren  43, 
die  hier  folgen.  An  erste  stelle  setze  ich  den  vulgärnamen,  dem  folgt 
dann  der  gemein  deutsche  und  der  zoologische  nach,  und  schliesslich 
füge  ich  noch  diejenigen  namen  bei,  die  mir  zufällig  aus  dem  volks- 
mund  oder  aus  der  litteratur  bekant  sind. 

1.  Der  grosse  stüsser  =  habicht  (astur  palumbarias,  L.). 

In  Steiermark  heisst  er  tauben-,  heana-  und  grosser  stossgeier, 
hawach't,  stockfalk,  grosser  schparbel,  in  Oberösterreich  taubenstosser, 
taubenstessl,  in  Sachsen  stösser,  geflügelter  teufel.  In  Schwörzkirch 
(diözese  Rottenburg)  ist  dieser  vogel  unter  dem  namen  hack  bekant. 
Der  dortige  pfarrer  Gr.  Mey  schildert  in  seinen  mehr  drolligen  als  erbau- 
lichen „volständigen  katechesen"  (Herderische  Verlagshandlung,  s.  50) 
die  raubtiere  im  paradiese  also:  „der  hack  hat  keine  taube  geraubt; 
der  fuchs  hat  keine  henue  erwürgt;  der  wolf  hat  kein  schaf  zerrissen." 

2.  Der  kleine  stösser  =  sperber  (accipiter  nisus,  L.). 

In  Mederösterreieh  kent  man  ihn  auch  unter  den  namen  das 
stossfalld,  der  sprinz  und  die  sprinze.  In  Sachsen:  sperlingstösser, 
stiesser,  waldgeier.  In  Oberösterreich:  vogelstessl,  kleiner  geier,  talkel, 
vogelhabicht,  langschwanz,  vögelspritzen.  Lezterer  name  ist  der  eigen- 
schaft  des  Sperbers  entnommen,  dem  vogelschwarm  sich  möglichst  gedeckt 
zu  nähern,  und  dann  wie  der  blitz  unter  die  auseinanderstiebenden 
Vögel  zu  fahren.  (Karlsberger.)  Dem  Steirer  ist  der  sperber  als  schpar- 
bel, schparber,  stösser,  vögelstössel ,  (kleiner)  stossgeier,  spatzengeier 
bekant,  manche  Jäger  wollen  noch  einen  sog.  langhaxeten,  d.  i.  lang- 
beinigen sperber  unterscheiden.  Conrad  Aitinger  (s.  102)  verzeichnet 
den   namen  baumfalkleiu.     Auch  windwacherl  heisst  man   den  sperber, 


208  BRAXKY 

wiewül  man  unter  windwaeliel  gemeinhin  den  wannen wäher,  turmfal- 
ken,  kirchenfalken  (falco  tinnunculus)  verstellt.    (Höfer  etym.  wörtb.  301.) 

3.  Der  nach  tschatten   =  nachtschwalbe  (caprimulgns  eurp.  L.). 

4.  Die  turmschwalbe  =  manersegler  (cypselus  apus,  L.). 
Unter  den  namen  rauch-,    mauer-   und  raiibschwalbe  in  Sachsen 

bekaut. 

5.  Der  vogelstösser  =   kuckuck  (cuculus  canorus,  L.). 

In  Oberösterreich  führt  er  wie  der  habicht  und  der  sperber  den 
namen  vogelstössel,  in  Sachsen  ist  er  auch  als  ostervogel  und  früli- 
lingsvogel  bekant;  zeitvogel  lieisst  er  in  Sinirocks  deutscher  mythologie, 
s.  546. 

6.  Die  sc  ha  leiste  r  =  elster  (pica  caudata,  Boie). 

Alsterkadl,  lisl,  kace,  schirigadl,  straga,  stroge,  straka,  stroka, 
acheluster,  houlaster,  scholaster,  verzeichnet  Aug.  Hofer.  Bei  Jos.  Cole- 
rus  begegnen  die  namen:  achlaster  (s.  128),  ageläster  und  auch  schal- 
alster.  In  Steiermark  komt  neben  der  bezeichnung  alster,  galster, 
agalster,  golster  auch  scherzweise  die  bezeichnung  steirischer  fasan  vor 
(v.  Washington).  Am  Lechrain  nent  man  die  elstern  galgenvögel  und 
sie  bedeuten  für  das  beabsichtigte  geschäft  einen  verlornen  tag  (v.  Leo- 
prechting,  aus  dem  Lechrain  s.  S9);  sonst  verstellt  man  unter  den  gal- 
genvögeln  die  raben  (DW.  IV  \  1179).  In  der  Schweiz  sagt  man:  wenn 
d'agetsche  by  'me  hus  ratscht  (schreit),  so  git's  stryt  d'rin.  (DcrGross- 
ätti  aus  dem  Leberberg,  s.  124.) 

7.  Das  nusshackl  =-=  eichelheher  (garrulus  glandarius,  L.). 
Dieser   vogel    hat   viele    namen:    gabecht,    eichelgabicht,    gabsch, 

eichelgabsch ,  nusshäher,  nussert,  holzheher  (Sachsen);  nusskratscher, 
tschang,  boangratschn,  bohnenheher,  tschoi  (Steiermark);  den  namen 
nussgraggl  hört  man  in  Kärnten;  in  den  Schweizeralpen  heisst  er  sei- 
nes geschreies  wegen  jak,  sonst  wol  hetzler,  herrenvogel,  im  Tessin: 
gagia  (Tschudi,  das  tierleben  der  alpenweit  s.  97). 

8.  Die  hohlkroll  =  schwarzspecht  (dryocopus  martius,  L.). 
Conrad  Gesner  (icon.  avium  omniuni  Zürich  1560)  nent  den  picus 

maximus  vel  niger  holzkräe,  holkräe,  krähspecht.  In  Niederösterreich, 
Oberösterreich,  Steiermark  und  Kärnten  heissen  die  spechte,  insbeson- 
dere die  grossen  buntspechte,  bamhackln.  —  Das  bamhackl  ist  in 
Österreich  auch  zu  einem  mythischen  wesen  geworden,  mit  dem  wir 
unreinlichen  kindern  drohen,  dass  es  den  schmutz  wegpicke,  sofern  er 
nicht  augenblicklich  weggewaschen  Avird.  Der  bamhackl  bezeichnet 
auch  den  schmutz  an  händen  und  füssen  der  kindcr.     Du  hast  ja  schon 


VOGELNAMEN   AUS   BÖHMEN  209 

den  bamliackl!  —  oder:  dir  wächst  schon  da  bamhackl!  —  rufen  wir 
ans,  wenn  wir  ein  unreinliches  kind  erinnern,  reinlich  zu  sein.  Auch 
der  name  giessvogel  für  specht  ist  in  Niederösterreich  bekant. 

9.    Der  m eisen wolf  =  kleiner  granwürger  (lanius  minor,  L.). 
Das  ist  der  spanische  dorndreher  Steiermarks. 

10.  Der  dorndreher,  11.  die  dornhitsche,  12.  der  steinflet- 
sch er  =  rotrückiger  würger  (lanius  collurio,  L.). 
In  Oberösterreich:  blaukopf,  alsterweigl,  kleiner  Stecher,  dorn- 
reiher.  Weite  Verbreitung  hat  der  name  neuntödter  gefunden.  Im  Salz- 
burgischen heisst  man  diesen  vogel  sehr  bezeichnend  todtengräuel 
(Victor  V.  Schmiedhofen,  die  vögel  Salzburgs,  s.  48).  Höfer  (etym. 
wörtb.  III,  157)  kent  ihn  als  rote  speralster,  rotköpfigen  würger,  dorn- 
greul,  und  den  lanius  excubitor  als  speralster,  aschfarbigen  würger, 
spottvogel  und  buschälster. 

13.  Der  schneekönig  =  Zaunkönig  (troglodytes  parvulus,  L.). 
Kinigerl,  schueekinigerl,  woiterl  heisst  er  in  Oberösterreich.  Wer 
bei  dem  morgen ausgange  einem  zaunkonkerl  ■ —  diesen  namen  führt 
der  Zaunkönig  in  Tirol  —  begegnet,  der  hat  den  ganzen  tag  glück 
(J.  N.  V.  Alpenburg,  mytli.  u.  sag.  Tirols,  s.  387).  Die  Steirer  nennen 
ihn  kinivogerl,  scherzweise  auch  den  aussi-eini  und  in  Niederösterreich 
ist  er  unter  dem  namen  zaunschlüpferl  bekant. 

1-4.    Die  wasseramsel  =  bachamsel  (cinclus  aquaticus,  L.). 

15.  Die  koppmeise  =  haubenmeise  (parus  cristatus,  L.). 

16.  Der  meisköhler  =  kohlmeise  (parns  major,  L.). 

17.  Die  schneemeise  =  schwanzmeise  (acredula  caudata,  L.). 
Das  Volk  in  Niederösterreich  nent  die  schwanzmeise  pfänastiel, 

schneemasn,  schneeguckerl,  die  kohlmeise  kohlmann  oder  kohl- 
niandl,  fink-  und  spiegelmeise,  die  blaumeise  bloritschu  oder 
blauhedschn  und  die  spechtmeise  kleiber.  Bei  Höfer,  etymol.  wörtb. 
II,  229  führt  die  schneemeise  den  namen  pelzmeise,  und  die  kohl- 
meise komt  in  der  bekanten  pädagogischen  anweisung  von  Aug.  Lüben 
II,  137  auch  unter  der  bezeichnimg  speck-,  schinken-  und  talg- 
meise  vor. 

18.  Der  sprachmeister  =  gartenspötter  (hypolais  salicaria,  Bp.). 

19.  Die  waldgrasmücke,     20.   das  weisskehlchen  =  zaungras- 
mücke  (sylvia  curruca,  L.). 

21.    Die    kleine    gartengrasmücke.       22.    Die    braune    gras- 
mücke  =  dorngrasmücke  (sylvia  cinera,  Lath.). 

ZEITSCHRIFT   F.   DEUTSCHE   PHILOLOGIE.      BD.    XXI.  14 


210  BRANKY 

23.  Das  schwarzblattl  =  schwarzköpfige  grasmücke  (sylvia  atri- 
capilla,  L.). 

Der  blatt-  oder  plattmöncli ,  oder  kurzweg  der  mönch,  der 
schwarzkopf. 

24.  Die  waldamsel  =  kohlamsel  (merula  vulgaris,  Leach.). 

25.  Der  ziemer  =  wachholderdrossel  (tiirdus  pilaris,  L.). 

In  Sachsen:  ziemer,  zeiner,  zeimer,  zeumer;  in  Steiermark:  kra- 
metsvogel,  kranawetter,  kronabetter,  kranawotsvogel,  scbnagezer. 

26.  Der  scbnarrer  =  misteldrossel  (turdiis  viscivonis,  L.). 

27.  Der  schwarz wistlich  =  hausrotschwänzchen (rusticilla titliys, L.). 
In  Sachsen:    rotwispel,  rotsterz.  —     Die  Kärntner  nennen  dieses 

Vögel  eben  brandterl.  In  Tirol  gilt  der  aberglaube:  ein  haus,  darin  ein 
branderl  nistet,  ist  sicher  vor  dem  blitzstrahl.  Wer  ein  branderlnest 
ausnimt  und  die  jungen  martert,  dem  tragen  die  alten  teuer  ins  haus 
und  zünden  es  an  (Alpenburg  a.  a.  o.  387).  Die  namen  brande!  und 
brandvogel  kommen  im  Salzburgischen  vor.  (V.  v.  Schmiedhofen  a.  a.  o. 
s.  42.)  Auch  brandrötel,  brandreuteii,  rotbranderl,  rotschwaferl,  oder 
rotschweiferl  und  russvogel  sind  in  den  Alpenländern  geläufige  bezeich- 
nuDgen  für  dieses  tierchen. 

28.  Das  rotkatl  =  rotkehlchen  (dandalus  rubecula,  L.), 

das  routschatzla  Schlesiens,  z.  b.:  „Sei  verstond's,  wie's  routschatzla, 
sech  wedeln  an  drehn"  (Jac.  Bukowskis  gedichte,  Bielitz  1860,  s.  87). 

29.  Die  W'asserbachstelze  =  gebirgsbachstelze  (motacilla  sulphu- 
rea,  Bechst.). 

30.  Die  Spitzlerche  =  baumpieper  (anthus  arboreus,  Bechst.). 

31.  Der  weidensperling  =  feldsperling  (passer  montanus,  L.). 

32.  Der    quäcker,     33.    der   stopp elfink    =    bergfink    (fringiUa 
montifringilla  L.). 

Bei  Höfer  etym.  wb.  II,  261,  334:  pjenk,  penk,  mistfink  und 
nicowitz;  bei  Tschudi  (das  tierleben  der  Alpenwelt  s.  81):  waldfink, 
gägler. 

34.  Der   kirschbeisser    =    kirschkernbeisser   (coccothraustes  vulg. 
Fall). 

C.  Gesner  nent  ihn  kirsfink;  Tschudi  a.  a.  o.  kriesiklopfer  und 
kriesischneller;  Aitinger:  kirschfink,  kirschknepper,  kirschenvogel  und 
dickmaul;  die  Steirer:  dickschnäbel,  kiernknäka. 

35.  Der  grünhänfling  =   grünling  (ligorinus  chloris,  L.). 

In  Sachsen:  quuntsch,  kwuJitsch,  schwunsch,  schwuuz,  zschwun- 
schig. 


VOGELNAMEN   AUS    BÖHlffiN  211 

36.  Der  gerlitzer,  37.  der  meerzeisig  =  girlitz  (seriniis  hortu- 
laniis,  Koch.). 
Der  name  meerzeisig  wird  in  Wien  für  den  leinfinken,  der  da 
auch  der  grasl  heisst,  gebraucht.  In  Steiermark  dagegen  ist  meerzeisig 
einer  der  vulgärnamen  der  cannabina  sanguinea.  J.  M.  Bechstein  (na- 
turgeschichte  der  hof-  und  stubenvögel,  Leipz.  1870,  s.  111)  gibt  bei 
dem  girlitz  (loxia  seriniis)  die  naraen  an:  girlitzhänfling,  schwäderlein, 
hirngrill ,  kanarienzeischen. 

38.  Der   tschädschlich    =    nordischer    leinfink    (linaria    alnorum, 
Ch.  L.  B.). 

39.  Der  lohfink   =   gimpel  (pyrrhula  europ.,  VieilL). 

Als  schwarzlüb  in  Sachsen,  als  gump  in  den  Alpen  bokant. 

40.  Der  krims   =  fichtenkreuzschnabel  (loxia  curvirostra,  L.). 

41.  Die  holztaube   =  ringel taube  (columba  palumbus,  L.). 

42.  Der  Wachtelkönig,    43.   der  wachtelknecht  =   Wiesenralle 
(crex  pratensis,  Bechst). 

In  Sachsen:  faule  magd,  kornhühnchen,  gerstenratzer,  schnarrhuhn. 

Wer  sich  einmal  der  eben  so  schönen  als  dankbaren  aufgäbe 
unterzieht,  ein  deutsches  namenbuch  sämtlicher  in  Deutschland  vorkom- 
kommender  vögel  zusammenzustellen,  der  findet  neben  den  bekanteren 
grösseren  werken  auch  in  den  folgenden  Schriften  eine  ziemlich  ergie- 
bige ausbeute  deutscher  vulgärnamen: 

1)  In  den  Mitteilungen  des  ornithologischen  Vereines  in  Wien. 
Die  ur.  12  des  X.  Jahrganges  bringt  die  namen:  jochrabe  (kolkrabe), 
die  graue  und  schwarze  kräh  (nebel-  und  rabenkrähe),  dachl,  dachen 
(dohlen),  steiudachen  (alpendohle) ,  nussheher  und  den  tschoi  (eichel- 
heher),  hol-  und  holzkra  (tannenheher).  Die  nr.  15  dieses  Jahrganges 
spendet  wohl  wenige,  aber  sehr  charakteristische  namen  aus  Tirol.  Es 
sind  folgende:  zullen,  d.  i.  maikäferfalke  (falco  aesalon);  du t seh, 
schlief  (ephialtes  scops);  hollakragen  (dryocopus  martius);  Schnei- 
der (picus  major);  otterfink  O'y^^  torquilla);  meergratsch  (coracias 
garrula);  „hott,  hott,  wud,  wud";  „fuhrmann"  (upupa  epops); 
kuhmelker  (caprimulgus europ.) ;  schmalzbettler,  höUenjaggl  (sitta 
caesia);  bachmeise  (certhia  familiaris);  glanderle  (turdus  iliacus); 
spabiauser,  jochlispel  (acceutor  alpinus);  waldspatz  (accentor  mo- 
dularis);  bauvogel  (motacilla  alba);  citrenl  (friugilla  citrinella);  for- 
nelle  (fringilla  canabina);  corone  (corvus  corax);  boangratsch  (gar- 
rulus  glandarius);  sandhuhn  (oedicnemus  crepitans);  dreckstecher 
(eudromias  morinellus).  —  Die  nr.  24  enthält  eine  fülle  deutscher  vul- 
gärnamen der  vögel  Steiermarks,    welche  Stefan  freiherr  v,  Washington 

14* 


212  BRANKT 

gesammelt  hat.  —    Die  nr.  2  fg.  des  XII.  Jahrganges  teilt  die  von  Eu- 
dolf  0.  Karlsberger  aufgelesenen  viilgärnamen  Oberösterreichs  mit. 

2)  In  der  Ornis,  intern,  ztschr.  für  die  gesamte  Ornithologie.  Her- 
ausg.  von  dr.  R.  Blasius  und  dr.  G.  v.  Hayek.  Wien,  Gerold.  Beson- 
ders das  4.  heft  des  II.  jahrg.  (1886)  ist  von  interesse,  denn  es  bietet 
eine  menge  von  vulgärnamen  des  tannenhehers. 

3)  Im  Jahresberichte  des  k.  k.  obergymnasiums  zu  Leitmeritz  in 
Böhmen  aus  dem  jähre  1873,  wo  Peters  über  die  etymologie  des  ahd. 
namens  ägalasträ  schrieb,  sind  elsternamen  enthalten,  wie  nagelhätz 
(am  mittl.  Nekar),  nagelhex  (in  oberschwäbischen  gegenden),  kägersch, 
kageresch  (Rauhen  Alp),  schalaster  (Nordböhmen,  Oberlausitz,  Schle- 
sien und  Siebenbürgen),  tschogelester  (Zips),  agerste,  ägerste, 
agertsche  und  agerste. 

4)  Im  Jahresberichte  des  n.  ö.  landeslehrerseminars  aus  Wiener 
Neustadt  v.  j.  1880,  wo  Aug.  Hofer  etliche  aus  dem  volksmund  gesam- 
melte vogelnamen  mitteilt. 

5)  Im  Jahresberichte  nr.  IX  (1884)  des  ausschusses  für  die  beob- 
achtungsstation  der  vögel  Deutschlands. 

6)  Im  I.  und  IL  Jahresberichte  (1885  und  1886)  der  ornitholo- 
gischen  beobachtungsstation  im  königreiche  Sachsen,  bearbeitet  vom 
hofrate  dr.  A.  B.  Meyer  und  von  dr.  F.  Helm  aus  Arnoldgrün. 

7)  In  der  Algemeinen  encyclopiidie  der  gesamten  forst-  und  jagd- 
wissenschaften,  herausgegeben  von  Raoul  Ritter  von  Dombrowski.  Wien 
und  Leipzig  1887.     (Im  erscheinen  begriffen.) 

8)  Im  Vn.  gesange  von  Missions  fragment  „Da  Naz"  (3.  aufl. 
besorgt  von  K.  Landsteiner;  Wien  Gerold).  Es  sind  die  nanien:  lerö- 
cherl  (die  lerche),  der  kotjodl  (die  schöpf lerche),  die  gest reimt 
amering  (die  ammer),  zeiserl  (zeisig),  der  bamhackl  (specht), 
's  rotkröpfl  (rotkehlchen),  's  dornreicherl  (der  dorndreher),  'srot- 
schwanzl  (das  hausrotschwänzchen) ,  's  omäxl  (amsel),  's  ruisani- 
vögerl  (hirngriile,  fringilla  serinus),  's  hanöferl  (der  hänfling),  d'gu- 
gelvieraus  (golddrossel,  oriolus  galbula),  d'  nussheher  (eichelheher). 

9)  In  dem  schriftchen  über  nistkästchen  für  vögel.  Yon  L.  H. 
Jeitteles.     Herausgegeben  von  dem  tierschutzvereine  (Wien  1875). 

10)  In  M.  Höfers  etymol.  wörterb.     Linz  1815. 

Von  Schriften  älteren  datums,  welche  manche  deutsche  vogelnamen 
enthalten,  führe  ich  an: 

11)  Icones  avium  omniuni  usw.  Conr.  Gesneri,  Zürich  1560. 

12)  Caii  Plinii  secundi  des  Aveitberühmten  ....  naturkundigei-s 
bücher  und  schritten,  Frankfurt  1600. 


VOGELNAIDEN   AUS    BÖHMEN  213 

13)  P.  de  Crescentius  (im  vierzehnten  buch,  wo  vom  adeligen 
weydwerk,  falknerey,  reyger,  federspiel  usw.  die  rede  ist;  ein  für  fal- 
kennamen  wichtiges  buch).     Strassburg  1602. 

14)  M.  Joh.  Coleri  Oconomiae  oder  Haussbuchs  5.  teil.  Zum  Ca- 
lendario  Öconomico  et  perpetuo  gehörig.  Wittenberg  1603.  Das  15.  buch 
gibt  von  s.  108  —  212  über  den  Vogelfang  genauen  bescheid.  Die  inte- 
ressanteren vogelnamen,  die  da  erwähnt  werden,  sind:  gansahr  (130), 
schmierlein  (130),  schnarre  (135),  zihmer  (135),  quecker  (137),  mehl-, 
pumpel-,  zagel-,  beiden-  und  spiegelmehsen  (148),  weidenkückerlein, 
zip-  und  weindrossel  (149),  gründschling  (goldammer,  s.  159),  schilt- 
krähe  (167). 

15)  Ulyssis  Aldrovandi  Philosophi  et  Medici  Bononiensis  Ornitho- 
logiae  usw.     Cü  indice,  copiosissimo  variarum  linguarum  Bononiae  1637. 

16)  Conrad  Ai tinger.  Volständiges  jagd-  und  weydbüchlein.  2.  aufl. 
Cassel  und  Frankfurt  1681. 

17)  Klein  J.  F.  Yerbesserte  historia  der  vögel.  Herausgegeben 
von  G.  Reyger.     Danzig  1760. 

18)  Angenehmer  Zeitvertreib,  welchen  das  liebliche  geschöpf  die 
vögel  auch  ausser  dem  fang  und  ergründung  deren  eigenschaften ,  Zäh- 
mung oder  anderer  abrichtung  dem  menschen  schaffen  kann.  Mit  vie- 
len anmerkungen  versehen  und  mit  schönen  kupfern  geziert.  Durch 
einen  die  erschaffenen  creaturen  beschauenden  liebhaber.  Nebst  einem 
anhang  von  der  waidmanschaft.     Nürnberg  bey  Peter  Monath  1716. 

19)  Gründliche  anweisung  alle  arten  vögel  zu  fangen,  einzustel- 
len, abzurichten,  zahm  zu  machen  usw.  Dieses  buch  ist  nur  eine 
erweiterte  ausgäbe  des  vorigen.     Nürnberg  1754. 

20)  Einzelnes  bietet  auch  E.  Rollands  Faune  populaire  de  France 
tome  II:  les  oiseaux  sauvages  und  tome  YI:  les  oiseaux  domestiques  et 
la  fauconnerie  Paris  1879  u.  1883. 

Eine  andere  fundgrube  für  deutsche  vogelnamen  sind  diejenigen 
werke,  welche  märchen,  sagen,  sitten  und  gebrauche,  kinderlieder  und 
kinderspiele  enthalten.  So  findet  man  manches  bei  Montanus:  Die  deut- 
schen Volksfeste,  Jahres-  und  famiüenfeste  s.  172  fg.;  in  Ernst  Meiers 
Deutschen  kinderreimen  und  kinderspielen  s.  18  fg.,  wo  das  rotkehl- 
chen  rotwadel  und  der  storch  schnibel-schnabel  und  langboan 
heisst;  im  Kinderleben  aus  Oldenburg  s.  94,  wo  das  junge  volk  bittet: 

Ohrbähr,  langebähr 

Bring  mi  'n  lütjen  broder  hähr; 
in  Simrocks  Deutschem  kinderbuch,    welches  viele  storchnamen  bietet; 
in  E.  L.  Rochholzens  Alem.  kinderspiel  und  kinderlied,  wo  nebst  vielen 


214  jnNOR 

stuivhiiamcn  die  drossel  als  tröstler,  die  elster  als  egerist  und 
egerste,  die  eiile  als  wig-gle,  liauri,  hüri  u.dgl.  benaiit  sind  (s.75fg.). 
Welche  verschiedene  namen  der  kuckuck  nach  seinem  gekrächze  führt, 
und  welche  deutung  dieses  findet,  darüber  gibt  Rochholz  in  seinen 
Deutschen  arbeitsentwürfen  (Mannheim  1853,  2,  24.  28)  aufschluss. 

Wie  in  den  gedruckten  Volksüberlieferungen,  so  findet  sich  auch 
noch  manches  hierhergehörige  im  volksmunde  selbst,  was  besonders 
die  lehrer  der  dorf-  und  Waldschulen  sammeln  und  in  den  schulzeit- 
schriften  oder  in  solchen,  die  den  Volksüberlieferungen  aufmerksamkeit 
schenken,  veröffentlichen  solten.  So  hörte  ich  kürzlich  aus  dem  munde 
eines  Tirolers,  wie  er  die  raben  als  rappen  imd  w indachen  bezeich- 
nete, und  wie  ein  Kärntner  die  bachstelze  sauhalterl,  das  käuzchen 
tschuck  und  von  den  vieifüsslern  die  ziege  heta  und  hetele  naute. 

WIEN    1888.  FRANZ    BRANKY. 


ZUM  JUEILÄUM  EICHEKDOEFFS. 

Während  der  litterarhistoriker ,  sobald  er  sonst  den  boden  des 
19.  Jahrhunderts  betritt,  einer  erdrückenden  überfülle  des  materiales 
gegenübersteht,  ist  bei  Eichendorff  gerade  das  entgegengesezte  der  fall. 
Ausser  seinen  werken,  welche  in  der  volständigsten  ausgäbe^  sechs 
bände  füllen  und  durch  eine  biographie  von  (seinem  söhne)  H  (einrieb) 
eingeleitet  werden,  ist  quellenmässiges  material  fast  gar  nicht  zu  ver- 
zeichnen. 1872  erschien  ein  kleines  heft  „Aus  Eichendorffs  litterariscliem 
nachlass"  (Paderborn).  Drei  ungedruckte  gedichte  brachten  Hoffmanns 
von  Fallersleben  Findlinge  232  fgg.  nebst  einem  briefe;  nur  spärliche 
briefe  enthalten  die  samlungcn  der  briefe  an  Görres,  Holtei  (300  briefe), 
Fouque  und  Schön  (Aus  den  papieren  des  Th.  von  Schön,  Halle,  1878 
fgg.  3  bde).  In  diesen  briefsamlungen  sind  ebenso  wie  in  Raichs 
„Dorothea  von  Schlegel"  wertvolle  nachrichten  über  Eichendorff  und 
seine  werke  auch  in  den  briefen  anderer  enthalten.  Dass  verhältnis- 
mässig so  wenig  briefe  bekant  geworden  sind,  hat  seinen  grand  in  dem 
umstände,  dass  Eichendorff'  selbst  als  ein  gegner  solcher  Publikationen 
vieles  vor  seinem  tode  vernichtet  und  seiner  familie  auch  den  abdruck 
des  übrigen  verboten  hat  (1,  213).  Wenn  die  herausgeber  der  unten 
besprochenen  beiden  Jubiläumsschriften  nicht  blos  aus  dieser  nachricht 

Ij  Ich  citiere  nach  dieser:  der  zweiten,  1864  fgg.  im  verlag  von  Voigt  und 
Günther  zu  Leipzig  erschienenen.  Über  das  verli.ältnis  der  dritten  aufläge  (1883  bei 
Amelang  in  Leipzig,  4  bände)  zu  dieser  vgl.  Akademische  blätter  56  fgg. 


ZUM   JUBILÄUM   EICHENDORFFS  215 

schöpfen,  sondern  ihre  erkundigungen  wirklich  „an  massgebender  stelle" 
eingezogen  haben,  handelte  es  sich  sogar  um  Vertilgung  „der  gesamten 
correspondenz  und  aller  übrigen  papiere"  (nach  Keiter:  „den  grös- 
ten  teil  seiner  noch  vorhandenen  litterarischen  arbeiten").  Leider  wider- 
sprechen sich  aber  ihre  angaben  in  den  „Vorworten":  während  nach 
Meisner  der  dichter  nur  „gesucht"  hat  alles  zu  vernichten,  „muste" 
nach  Keiter  wirklich  „alles  verbrant  werden."  Es  scheint  dass  die 
familie  sich  in  begreiflicher  pietät  an  den  willen  des  verstorbenen  hält 
und  den  teil  des  nachlasses,  welchen  Eichendorff  nicht  selbst  vernich- 
tet hat,  der  Öffentlichkeit  entzieht.  Die  Meisner  erteilte  antwort:  „was 
etwa  davon  noch  übrig  sei,  eigne  sich  nicht  zur  Veröffentlichung" 
widerspricht  dem  vorhergehenden  satze  („dass  der  dichter  alles  zu 
vernichten  gesucht  habe");  stimt  aber  genau  zu  dem,  was  der  Verfasser 
der  biographie  (1,  213)  sagt. 

Trotzdem  sind  neuerdings  auf  anlass  des  Jubiläums  bruchstücke 
des  nachlasses  in  die  öffentlichkeit  gedi'ungen.  Zuerst  in  Franzos'  Deut- 
scher dichtung  III.  band,  11.  heft;  dann  in  der  monatschrift  Nord 
und  Süd  (märz  1888),  in  welcher  H.  Meisner  einen  politischen  aufsatz 
„Preussen  und  die  Constitution"  (vgl.  1,  137)  veröffentlicht  hat.  Frü- 
her noch  erschien,  mit  einem  prächtigen  Jugendbildnis  des  dichters 
geziert,  ein  dünnes  buch  von  vier  bogen:  „Gedichte  aus  dem  nachlasse 
des  freiherrn  von  Eichendorff,  herausgegeben  von  Heinrich  Meisner" 
(Leipzig  1888,  Amelang). 

Die  manuscripte,  welche  dieser  publikation  zu  gründe  liegen, 
sind  bei  einem  Dresdener  antiquar,  der  sie  von  einer  unbekanten  dame 
gekauft  hat,  aufgefunden  worden  und  jezt  im  besitze  der  kgl.  bibliothek 
in  Berlin.  An  ihrer  echtheit  ist  nicht  zu  zweifeln:  sie  sind  grösten- 
teils  nicht  blos,  wie  die  handschrift  zeigt,  von  Eichendorff  geschrieben, 
sondern,  wie  sich  noch  zeigen  wird,  von  ihm  auch  in  den  druck  gege- 
ben worden.  Die  wenigen,  welche  (s.  3.  6.  33.  34.  48)  nicht  in  Eichen- 
dorffs  eigener  handschrift  vorliegen,  kann  ich  zwar  nicht  als  unter 
seinem  namen  gedruckt  nachweisen;  sie  tragen  aber  so  sehr  das  gepräge 
seiner  dichtung  an  sich,  dass  ich  sie  für  sein  eigen  tum  halte,  trotz- 
dem die  seltsame  ans:;abe  des  herausgebers  eher  mistrauen  als  ver- 
trauen erweckt.  1     Überhaupt  aber  hat  der  herausgeber  seine  leser   in 

1)  Er  sagt:  „Nach  vergleichung  der  schriftzüge  mit  denen  der  freunde 
unseres  dichters  iiat  er  sie  diesen  nicht  zuzuweisen  vermocht  und  daher  für- 
Eichendorff  in  anspruch  genommen."  "Was  soll  das  heissen?  "Weil  keiner  von  sei- 
nen freunden   (deren  handschriften  doch  dem  herausgeber  unmöglich  alle  bekant  sein 


216  MINOR 

der  vorrede  nur  sehr  unvolkommen  über  das  Verhältnis  des  handschrift- 
lichen fundes  zu  dem  bereits  gedruckten  orientiert.  Er  führt  (s.  X  fg.) 
einige  lieder  an,  welche  in  den  „gedichten"  in  offenbar  späterer  fas- 
sung  vorliegen  (Meisner  25 fg.  =  1,  271  fg.;  41  =  1,  569;  45  =  1,  621; 
aber  die  „Frühlingsklage"  bei  Meisner  14  fg.  hat  mit  der  in  den  gedich- 
ten 1,  348,  so  viel  ich  sehe,  nur  den  titel  gemein)  oder  von  denen 
Eichendorff"  später  nur  bruchstücke  verwertet  hat.  Er  unterlässt  aber 
darauf  hinzuweisen,  dass  „Die  lerche  als  frühlingsbote"  (Meisner  4) 
nicht  blos  in  veränderter  gestalt  in  den  gedichten  (1,  243),  sondern 
auch  wörtlich  mit  der  handschrift  übereinstimmend  in  dem  romane 
„Die  dichter  und  ihre  gesellen''  (2,  517)  vorkomt.  Ebenso  ist  „Frühlings- 
ahnen" (Meisner  15)  nicht  blos  in  den  gedichten  1,458  benuzt,  sondern 
in  „Libertas  und  ihre  freier"  3,  436  fg.  wörtlich  enthalten.  In  den 
romanen  und  novellen  Eichendoi-fls  finden  wir  noch  die  folgenden  der 
von  Meisner  nach  der  handschrift  mitgeteilten  gedichte:  Meisner  5  fg. 
Spielmannslieder  =  2,  611  fgg.;  8  Mein  schätz,  das  ist  ein  kluges 
kind  =  2,  249;  8  fg.  Der  liebende  =  2,  67;  8  Jeder  nennet  froh  die 
seine  =  3,  111;  9  fg.  Ach  von  dem  weichen  pfuhle  (vgl.  Goethes 
nachtgesang)  =  2,  61;  10  fg.  Still  in  lust  =  3,  135;  12  fg.  Ständchen 
=  2,  181  (nach  Gödeke  auch  im  Gesellschafter  1826);  15  Wetterleuch- 
ten =  2,  463;  16  Ein  fink  sass  schlank  auf  grünem  reis  =  2,  579; 
17  Es  ist  ein  klang  gekommen  =  3,  929  fg.;  17  Überm  lande  die 
Sterne  =  3,  345;  Es  waren  zwei  junge  grafen  =  2,  100;  20  Loben  = 
3,  162;  20  Frische  luft!  =  2,  514;  22  Zum  abschied  =  2,  123; 
24  Einsiedler  =  2,  225;  31  fg.  Assonanzenlied  =  2,  152;  43  Frisch 
auf!  =  3,  144  fg.  Alle  diese  lieder  durften,  als  in  den  gesamtaus- 
gaben  der  werke  bereits  gleichlautend  enthalten,  billig  ungedruckt 
bleiben. 

Andere  lieder  sind  dagegen  zwar  in  Zeitschriften  bereits  gedruckt, 
fehlen  aber  in  den  gesamtausgaben ;  ihre  widergabe  nach  den  hand- 
schriften  erscheint  als  eine  wünschenswerte  ergänzung  der  ausgäbe. 
Ich  kenne  frühere  drucke  von  den  folgenden  bei  Meisner  veröffentlich- 
ten liedern:  4  Im  walde  =  Deutscher  musenalmach  1836;  13  Minne- 
lied =  Asts  Zeitschrift  für  Wissenschaft  und  kunst^  4,  47  fg.;  32  Herbst- 

können)  sie  geschrieben  hat,  soll  Eichendorif  selbst  sie  geschrieben  haben,  trotzdem 
sie  Meisner  von  einer  andern  hand  geschrieben  zu  sein  scheinen? 

1)  Ich  mache  darauf  aufmerksam,  dass  in  Asts  Zeitschrift  für  Wissenschaft  und 
kunst  (Landshut  1808)  Lieder  der  minnesänger  „aus  einer  Landshuter  handschrift"  (d.  h. 
Augburgor:  E  nach  Lachmann,  AYalthcr  von  der  Vogehveide  s.  YIII  und  XV  fgg.)  von 
Rottmanu  mitgeteilt  werden:  heft  2,  78  fgg.;  3,  28  fgg.  und  4,  94  fgg.,  wo  die  hand- 
schrift selbst  beschrieben  wird. 


ZUM   JUBILÄUM   EICHENDORFFS  217 

Idag-e  =  Hesperiden  1816;   39  Frühlingsandacht  =  Ast  2,  74;    39  fg. 

An  Maria  =  Ast  2,  76;  41  An  J =  Ast  3,  4;  41  An  den  heiligen 

Joseph  (vgl.  1,  569)  =  Ast  4,  77;  42  Die  wnnderblnmc  =  Ast  3,  27; 
44  Romanze  (vgl.  1,  621)   =  Ast  4,  40  fgg. 

Yon  68  bei  Meisner  gedruckten  gedichten  sind  also  22  in  der 
ausgäbe  bereits  enthalten;  3  sind  in  ihr  wenigstens  teilweise  bennzt; 
7  kann  ich  in  Zeitschriften  nachweisen.  Bei  längerem  suchen  dürfte  es 
vielleicht  nicht  schwer  fallen,  in  den  zahlreichen  almanachen  aus  der 
romantischen  zeit  noch  etwas  oder  alles  von  den  übrigen  zu  finden. 
Denn  Eichen dorfi'  liebte  es  die  nianuscripte  seiner  gedichte  aufzubewah- 
ren, auch  wenn  sie  bereits  gedruckt  waren:  noch  im  jähre  1838  hat 
er  dem  erbprinzen  von  Gotha  das  manuscript  seines  im  jähre  1809 
gedichteten  liedes  „In  einem  kühlen  gründe"  geschenkt  (Findlinge  239). 

Yon  einer  neuen  seite  lernen  wir  Eichendorff'  aus  dem  wenigen, 
was  Meisners  publikation  zum  ersten  male  bringt,  nicht  kennen.  Das 
meiste  stamt  aus  der  frühzeit.  Eichendorff  versucht  sich  in  allen 
romantischen  kunststücken :  er  dichtet  terzinen,  kanzonen,  assonanzen- 
lieder;  während  er  sich  später  gerade  in  metrischer  lünsicht  weise 
beschränkt  hat,  wobei  jedoch  nicht  vergessen  werden  darf,  dass  damals 
sowol  Wilhelm  als  Friedrich  Schlegel,  von  den  Spielereien  der  nach- 
ahmer  und  bewunderer  angeekelt,  bereits  abwinkten.  Er  dichtet  min- 
nelieder  nach  dem  muster  Fr.  Schlegels  (Vermehrens  almanach)  und 
Tiecks.  Die  katholisierende  tendenz  tritt  in  dem  später  unterdrückten 
schluss  des  gesanges  an  den  hl.  Josef  stärker  hervor  als  später.  Die 
ältere  form  der  romanze  „Alter  vater,  alter  vater"  weist  nicht  blos  in 
den  assonanzen  neben  den  reimen,  sondern  auch  in  der  masslosen  aus- 
dehnung  auf  das  muster  der  Tieckschen  schauerromanze  („Zeichen  im 
Avalde")  hin.  Den  „Gedanken  als  anhang"  hätte  der  herausgeber  besser 
die  Überschrift  „Fragmente"  gegeben:  es  sind  fragmente  in  der  art 
Friedrich  Schlegels,  wie  sie  sich  auch  in  der  Astschen  Zeitschrift  finden. 
Huldigt  Eichendorff  hier  noch  den  tendenzen  der  älteren  romantischen 
schule,  welche  er  später  nur  noch  in  der  theorie  vertrat,  so  zeigt  das 
s.  61  fgg.  abgedruckte  brieffragment  an  Loeben  seinen  nahen  Zusam- 
menhang mit  dem  Isidorus  Orientalis  der  Heidelberger  gruppe  an,  wäh- 
rend er  in  dem  fragment  „Emma  und  Eginhard"  stofflich  mit  Fouque 
zusammen trift,  der  später  bei  seinem  erstlingswerke  pathe  gestanden 
hat.  Aus  den  entwürfen  für  ein  Puppenspiel  „Incognito"  (vgl.  Tieck, 
Mahlmann,  Amim  u.  a.)  teilt  Meisner  (LXI  und  11  fg.)  leider  nur  zwei 
lieder  Kolombinens  mit.  Ausserdem  soll  der  naclilass  eine  „wahrschein- 
lich in  grossem  massstabe  angelegte  Jugenddichtung  Italien"    und   das 


218  MINOR 

umfangreiche  fragment  eines  (historischen?)  aufsatzes  über  die  sicilia- 
nische  vesper  enthalten:  über  beide  berichtet  Meisner  nur  in  der 
vorrede. 

Auch  die  litteraturgeschichtliche  Untersuchung  und  forschung  der 
lezten  jahrzehente  hat  Eichendorff  nur  sehr  wenig  berührt.  Das  beste, 
was  über  ihn  gesagt  worden  ist,  datiert  immer  noch  aus  seinen  leb- 
zeiten,  ehe  er  eine  litterarhistorische  person  geworden  war.  Schölls  auf- 
satz  in  den  Wiener  Jahrbüchern  (76.  und  77.  band)  ist  nun  wider 
abgedruckt  in  seinen  Gesammelten  aufsätzen  (Berlin  1888  s.  246  fgg.). 
Ich  nenne  ferner:  Gutzkow  in  den  Beiträgen  zur  neuesten  litteratur 
(1836)  I,  319  fgg.;  Hallesche  Jahrbücher  IV,  1,  339  fg.;  Grenzboten 
1852  III,  161;  1853  II,  240  fgg.;  1854  III,  489  und  1888  nr.  9.  Ganz 
wertlos  ist  ein  vertrag  von  C.  von  Prittwitz-Gaffron  (Reichenbach  in 
Schi.  1881).  Die  litterarhistorischen  Schriften  hat  R.  Dietze  in  einer 
Leipziger  dissertation  (1883)  auf  die  gedanken  Schleiermachers,  Schel- 
hngs  und  der  Schlegel  zurückgeführt,  welche  sie  vertreten.  Der  ver- 
trag von  Lieber,  welchen  Keiter  (s.  50)  anführt,  ist  mir  im  druck  nicht 
bekant  geworden.  Als  Jubiläumsschrift  endlich  ist  in  der  samlung  der 
Görresgeselschaft  eine  monographie  von  Heinrich  Keiter  erschienen: 
Joseph  von  Eichendorff,  sein  leben  und  seine  dichtungen  (Köln,  kom- 
missionsverlag  von  Bacheni  1887).  Der  Verfasser  bekent  selbst,  über 
das  leben  des  dichters  aus  mangel  an  urkundlichem  material  nichts 
neues  bieten  zu  können;  er  hat  die  spärlichen  quellen  gewissenhaft 
benuzt  und  an  einigen  wenigen  stellen  (95  fg.  102.  110)  durch  mittei- 
lungen  von  freunden  des  dichters  ergänzt.  Neues  will  er  nur  bieten 
in  der  aesthetisch- kritischen  besprochung  der  werke  und  in  der  Charak- 
teristik der  dicht-  und  denkweise.  Aber  gerade  nach  dieser  richtung 
erscheinen  mir  seine  ausführungen  wenig  erschöpfend  und  selten  tief- 
gehend; sie  laufen  widerholt  auf  eine  blosse  inhaltsangabe  hinaus  und 
enthalten  nur  selten  fruchtbare  keime. 

Eichendorff  begint  mit  romanen  und  novellen,  welche  wie  alle 
romane  der  romantiker  dem  muster  des  Goethischen  AVilhelm  Meister 
folgen  und  untereinander  unverkenbare  familienzüge  tragen.  Sie  spie- 
len meist  auf  schlossern  und  führen  uns  das  freie  adelsieben  des  vorigen 
Jahrhunderts  vor,  wie  es  Goethe  in  seinem  roman  geschildert  und  Eichen- 
dorff in  der  Jugend  auf  schloss  Lubowitz  erlebt  hat.  Die  beiden  aben- 
teuern ohne  sichtbaren  zweck  und  deutliches  ziel  als  echte  romantische 
Vagabunden  heimatlos  hin  und  her  und  scheinen  wie  der  junge  Eichen- 
dorff mit  dem  sattel  ihres  rosses  verwachsen.  Sie  sind  künstler  oder 
virtuosen,  aber  nicht  etwa  von  beruf,  sondern  aus  blosser  neigung  und 


ZUM    JUBILÄUM    EICIIENDORFFS  219 

zum  vergnügen;  also  dilettantische  improvisatoren ,  welche  die  gäbe 
haben  im  rechten  augenblicke  ihre  empfindung  in  versen  auszusprechen, 
aber  sich  weiter  um  das  handwerk  nicht  kümmern:  die  „dichter  und 
ihre  gesellen"  haben  mit  dem  Schriftsteller-  oder  poetenstand  nichts 
gemein.  Dies  ist  recht  im  sinne  des  18.  Jahrhunderts,  welches  die 
poesie  der  arbeit  nicht  kent.  Goethes  Wilhelm  Meister  vertritt  die 
ansieht:  „der  bürgerliche  arbeitet,  der  adelige  repräsentiert";  und  Nico- 
lai in  den  „Vertrauten  briefen"  ruft  sein  pfui  über  den  beiden,  der  gar 
kein  Charakter,  sondern  nur  ein  nicht  handelndes  schlenterwesen  sei 
und  nebenbei  mit  jeder  schürze  lieble.  Aber  auch  Schillers  ideal  der 
schönen  seele  hat  ihren  wert  allein  darin,  dass  sie  ist:  sein  Fridolin 
entgeht  durch  die  blosse  herzenseinfalt,  ohne  eine  band  zu  rühren,  den 
schlingen  des  bösen.  Die  romantiker  verzerren  auch  hier  das  ideal  der 
klassiker.  Gegenüber  der  platten  und  poesielosen  nützlichkeitsrichtung 
der  aufklärung  feiert  Friedrich  Schlegel  in  der  Lucinde  den  müssig- 
gang  als  die  lezte  erinnerung  an  das  verlorene  paradios;  und  Schellings 
„lebenskunst"  (Plitt,  aus  Schellings  leben  I,  292  fg.)  gipfelt  in  dem 
satze : 

„Das  leben  soll  im  leben  sich  vergessen, 

Die  dummen  nur  bekümmern  sich  mit  sorgen: 

Was  werd'  ich  trinken  und  was  werd'  ich  essen? 
Tom  leben  lebt  das  leben,  nicht  vom  roste 

Der  arbeit,  der  das  leben  selbst  ersticket. 

Die  solches  lehren,  sind  nicht  wol  bei  tröste." 
Eichendorff  aber  hat  es  verstanden,  das  romantische  ideal  der  paradie- 
sischen faulheit  in  einer  liebenswürdigen  gestalt  zu  verkörpern,  welcher 
jeder  verletzende  Stachel  benommen  ist.  Sein  autobiograpischer  roman 
„Aus  dem  leben  eines  taugenichts"  ist  die  echte  „Idylle  vom  müssig- 
gang",  welche  Friedrich  Schlegel  nicht  schreiben  konte.  Der  held, 
welcher  seine  geschichte  selbst  erzählt,  ist  ein  müllerssohn,  den  sein 
vater  in  die  weit  schickt,  damit  er  sich  endlich  sein  brot  ver- 
diene. Er  aber  ist  das  urbild  der  absoluten  zwecklosigkeit ;  wie  die 
beiden  Eichendoi-ffs  und  der  romantischen  romane  überhaupt  sieht  er 
am  liebsten  auf  dem  rücken  im  grase  liegend  dem  zug  der  wölken  zu 
und  träumt  von  seinem  glücke,  oder  er  wiegt  sich  wie  der  junge 
Eichendorff  in  den  wipfeln  der  bäume.  Ein  „vazierendes  genie"  wird 
er  genant  und  wirklich  ist  er  ein  virtuos  auf  der  geige:  aber  nur  aus 
neigung,  wenn  es  ihm  vergnügen  macht,  nicht  um  damit  sein  brot  zu 
verdienen.  Allen  eindrücken  der  natur  mit  weitgeöfneten  sinnen  und 
empfänglichem  herzen  hingegeben,  immer  geniessend  und  niemals  tätig. 


220  MINOR 

ist  er  der  absolute  gegenfüsslor  der  auf  ihren  nutzen  bedachten  auf- 
geklärten philister,  welche  der  dichter  in  etlichen  satirischen  neben- 
figuren  mit  ihm  contrastiert.  Aber  obwol  er  so  unpraktisch  wie  uneigen- 
nützig auf  sich  selbst  bis  auf  das  essen  und  tiinken  vergisst,  selbst 
des  Sinnes  für  geld  und  geldeswert  entbehrt  und  gott  allein  für  sich  sor- 
gen lässt  („wem  gott  will  rechte  gunst  erweisen"),  hat  er  dennoch  seine 
Sache  aufs  beste  bestelt  und  alles  gute  fält  ihm  wie  im  schlafe  zu. 
Er  erhält  was  er  wünscht:  er  wird  erst  gärtner  im  hause  der  schönen 
gräfin,  dann  zoUeinnehmer;  er  komt  als  begleiter  eines  flüchtigen  lie- 
bespaares  in  das  land  des  dolce  far  niente;  und  erhält  endlich  die  band 
seiner  geliebten  gräfin  —  denn  dass  sich  diese  zulezt  als  die  kammer- 
jungfer  entpupt,  kann  seine  wonne  nicht  im  geringsten  stören  . . .  Das 
genaue  seitenstück  zu  dem  Taugenichts  bildet  die  spätere  novelle  „Die 
glücksritter"  (1841),  welche  aber  in  den  zeiten  des  dreissigj ährigen 
ki-ieges  spielt.  Der  held  Clarinette  ist  ein  müllerssohn  wie  der  tauge- 
nichts  und  wird  mit  seinem  herrn,  dem  Studenten  Suppius,  in  einer 
gestolilenen  gräflichen  kutsche,  in  welche  sie  durch  zufall  geraten  sind, 
auf  ein  schloss  entführt,  wo  der  leztere  widerum  von  einer  verkleideten 
kammerjungfer  als  hochzeiter  empfangen  wird. 

Schon  aus  der  widerkehr  desselben  typischen  hauptcharakters  in 
den  meisten  romanen  und  erzählungen  ergibt  sich,  dass  Eichendorffs 
erfindungsgabe  yicht  sehr  gross  ist.  Neben  dem  schwärmerischen,  ern- 
sten und  melancholischen  beiden  steht  in  den  grösseren  romanen  meist 
eine  zweite  hauptfigur,  welche  die  romantische  lebenskunst  von  ihrer 
jovialen,  humoristischen  seite  zeigt  und  schon  äusserlich  durch  den 
echt  romantischen  namen  gekenzeichnet  ist:  so  wie  Wilhelm  Meister 
und  Lothario  in  dem  Goothischen  romane,  stehen  sich  bei  EichendorfP 
Friedrich  und  Leontio  (Ahnung  und  gegen  wart),  Florio  und  Fortunato 
(Marmorbild),  Fortunat  und  Lothario  (Dichter  und  ihre  gesellen)  gegen- 
über. Typisch  kehrt  auch  die  emanzipierte,  dämonische  frau  in  den 
Eichendorffschen  romanen  sogut  wie  bei  Achim  von  Arnim  wider:  die 
gräfin  Romana  (Ahnung  und  gegenwart)  tötet  sich  selbst,  weil  sie  sich 
des  geliebten  Friedrich  für  unwürdig  hält;  die  gräfin  Juana  (Dichter 
und  ihre  gesellen),  welche  sich  schliesslich  als  identisch  mit  der  heldin 
der  eingeschobenen  erzählung  von  der  „Wilden  Spanierin"  herausstelt, 
zeigt  wilde  nymphennatur  und  trägt  die  balladenhaften  züge  der  Lore- 
ley;  wie  sich  Juana,  um  Lothario  zu  entrinnen,  einfach  mit  dem  pferde 
vom  felsen  herab  in  den  see  stürzt,  so  sezt  die  amazone  Diana  in  der 
„Entführung"  (1839),  um  einer  liebeserklärung  zu  entfliehen,  über 
abgründe  hinweg.     Die  dämonisch  schöne  frau,  welche  die  heldin  dieser 


ZUM   JUBILÄUM   EICHEXDORFFS  221 

novelle  ist,  verachtet  alle  die  sie  lieben  und  will  sich  blos  dem  zu 
eigen  geben,  der  sie  zu  entführen  den  mut  besizt.  Graf  Gaston  nimt 
sie  beim  wert  und  volführt  trotz  ihrer  gegenmine  das  heldenstück,  aber 
als  sie  nun  das  schloss  in  brand  steckt,  auf  welchem  sie  rasten,  um 
sich  mit  ihm  den  tod  zu  geben,  wendet  er  sich  voll  grausen  von  ihr 
ab  und  der  liebevollen  Leontine  zu.  Diana  aber  geht  ins  kloster  und 
wird  ihrer  kalten  sti-enge  wegen  als  heilige  verehrt. 

Auch  in  der  handluug  kehren  typische  züge  wider.  Wie  bei 
Achim  von  Arnim  spielt  Verkleidung  eine  grosse  rolle.  Die  geliebte 
folgt  dem  geliebten  als  mann  verkleidet  (Marmorbild,  Taugenichts, 
Schloss  Durande,  Viel  lärmen  um  nichts);  am  häufigsten  wird  mit  Ver- 
kleidungen in  „Dichter  und  ihre  gesellen"  operiert:  nach  dem  tode  der 
Donna  Juana  verkleiden  sich  Cordelchen  und  die  fürstin  in  ihr  costüm, 
Dryander  wechselt  beständig  seine  rolle,  das  Jäger-,  pilger-,  einsiedler- 
and  jesiiitencostüm  findet  jeden  augenblick  Verwendung.  Die  amazone 
Diana  sucht  sich  dem  grafen,  der  sie  zu  entführen  gelobt  hat,  in 
zigeunertracht  zu  entziehen.  Gabriele  im  „Schloss  Durande"  steckt 
sich,  um  den  geliebten  zu  retten,  in  die  kleider  eines  jungen  grafen. 
Am  beliebtesten  aber  ist  die  kammerjungfer,  welche  die  kleider  der 
gräfin  trägt  und  ihre  rolle  spielt:  so  wechseln  herrin  und  dienerin  die 
kleider  (Taugenichts,  Entführung,  Glücksritter,  Viel  lärmen  um  nichts), 
woraus  sich  natürlich  verkennungen  und  weitere  Verwicklungen  erge- 
ben. Nicht  minder  beliebt  ist  in  episoden  das  doppelgängermotiv:  die 
personen  glauben  sich  selbst  oder  ihrem  verstorbenen  doppelgänger 
begegnet  zu  sein,  oder  sie  sehen  andere  doppelt  vor  sich  erscheinen. 
Fast  in  jedem  romane  oder  jeder  erzählung  Eichendorffs  komt  eine 
solche  stelle  vor  (2,  297  fgg.  328.  3,  131.  182.  329)  und  einmal 
(3,  613)  spottet  Eichendorö"  selbst  über  die  „dumme  romantik"  der  dop- 
pelgänger. Auch  von  der  im  Wilhelm  Meister  blos  angedeuteten  und 
durch  Tieck  im  Sternbald  hochentwickelten  traumtechnik  wird  ein  aus- 
giebiger gebrauch  gemacht:  die  art,  wie  sich  Fiammetta  mit  Fortunat 
im  träume  unterredet  (3,  512),  erinnert  fast  an  das  Käthchen  von  Heil- 
bronn. 

Das  costüm  und  das  lokale  ist  überall  das  algemein  romantische 
wie  in  Tiecks  Sternbald.  Trotzdem  Eichendoi-ff  seine  romane  gern  an 
der  Donau  oder  am  Neckar  lokalisiert,  bei  der  widerholt  geschilderten 
Donaureise  (Ahnung  und  gegenwart,  Dichter  und  ihre  gesellen)  seine 
eigne  reise  von  Regensburg  die  Donau  herab  bis  Wien  und  bei  der 
grossstadt  die  kaiserstadt  vor  äugen  hat,  gibt  er  doch  nirgends  ein 
bestimtes  und    anschauliches  bild.     Auch  der  Taugenichts  spielt  in  der 


222  MNOK 

nähe  von  Wien  und  später  in  Italien.  Rom  ist  auch  in  „Dichter  und 
ihre  gesellen"  eine  Zeitlang  Schauplatz:  aber  trotzdem  die  verschiedenen 
richtuDgen  der  dort  lebenden  romantischen  kunst  in  einzelnen  Vertre- 
tern vorgeführt  werden ,  erhalten  wir  kein  scharfes  bild  der  nazarenischen 
maier.  Besser  gelingen  ihm  studentenscenen ,  welche  sich  wie  bei  den 
Heidelberger  romantikern  als  episoden  meist  am  beginn  der  grösseren 
romane  gern  einstellen:  hüteschwenkend  erscheinen  sie  in  der  roman- 
tischen tracht,  welche  sie  damals  auch  im  leben  noch  trugen.  Neben 
den  Studenten  sind  die  komödianten  seine  lieblinge:  als  episode  erschei- 
nen sie  in  „Ahnung  und  gegen  wart";  in  den  „Glücksrittern"  gibt  der 
Puppenspieler  mit  seiner  familie  eine  köstliche  figur  ab;  im  „Tauge- 
nichts" begegnen  wir  neben  reisenden  und  wandernden  malern  den 
Prager  Studenten,  die  in  der  zeit  der  vacanz  als  musikanten  herum- 
ziehen. Wie  in  Goethes  Wilhelm  Meister  herscht  das  koraödiantenwesen 
dann  in  „Dichter  und  ihre  gesellen":  ein  graf  schliesst  sich  wie  in 
Scarrons  Roman  comique  oder  in  Goethes  Wilhelm  Meister  unter  dem 
namen  Lothario  wandernden  komödianten  an.  In  director  Sarti  erken- 
nen wir  unschwer  Goethes  Serlo,  im  Kordelchen  die  reizende  Philine, 
im  Dryander  den  pedanten  des  Goethischen  romans  wider;  und  wie 
bei  Goethe  erhalten  wir  auch  über  das  theaterwesen  (2,  457  fgg.)  theo- 
retische belehrung.  Mit  Goethe  und  allen  romantischen  romanen  (ausser 
der  Lucinde)  hat  Eichendorff  endlich  die  eingeschalteten  lieder  gemein: 
sie  gelten  zum  teil  als  Improvisationen  der  vorgeführten  personen,  in 
deren  Innern  es  stets  musiciert;  sie  werden  aber  auch  am  beginn  der 
kapitel  vorausgestelt,  gleichsam  um  den  grundton  anzuschlagen,  auf 
welchen  das  ganze  kapitel  gestirnt  ist.  Waldhornklänge  und  guitarren- 
lieder  durchziehen  wie  in  Tiecks  Sternbald  oder  in  Dorotheas  Ploren- 
tin  den  roman.  Die  lieder  gelten  oft  als  „alte  lieder"  nach  der  weise 
des  Wunderhorns,  welches  (2,  93)  auch  ausdrücklich  citiert  wird.  Am 
deutlichsten  erkent  man  diese  typischen  züge  an  den  beiden  grossen 
romanen,  mit  denen  Eichendorff'  seine  dichterische  lauf  bahn  begonnen 
und  beschlossen  hat:  „Ahnung  und  gegeuwart"  und  „Dichter  und  ihre 
gesellen",  welche  sich  wie  die  romane  Tiecks  von  den  erzählungen 
nur  durch  die  grössere  composition  unterscheiden.  Namentlich  der 
erste  roman  befolgt  genau  das  muster  des  Wilhelm  Meister,  welcher 
(2,  29)  citiert  wird.  Die  hauptsitnationen  und  die  hauptcharaktere  keh- 
ren getreulich  wider.  Graf  Friedrich  ist  Wilhelm  Meister,  aber  aus 
höherem  stände.  Seine  begegnung  mit  der  schönen  gräfin,  die  Avie  ein 
blitz  sein  herz  rührt,  seine  wunden  verbindet  und  seine  Vorgeschichte 
anhört,    bei    welcher   Eichendorf   wie    Goethe    eigene    Jugenderlebnisse 


ZUM   JUBILÄUM   EICHENÜ0RFFS3  223 

venvertet  und  die  g-räfin  wie  Marianne  über  der  erzählung  Wilhelms 
einscliläft,  —  alles  das  ist  ziig  um  zug  dem  Goethischen  roman  nach- 
gebildet. Leontin  ist  Lothario,  das  joviale  seitenstüek  zu  dem  enthu- 
siastischen und  pathetischen  beiden.  Humor  und  Ironie  helfen  ihm 
über  den  unbefriedigten  tätigkeitsdrang  hinweg.  Marie  ist  wie  Philine 
eine  leidenschaften  erregende,  dabei  doch  selbst  ewig  kühle  natur. 
Erwin,  welchen  Friedrich  im  Christentum  unterrichtet,  ist  Mignon;  die 
weisse  frau  die  schöne  seele.  ...  Wie  im  Wilhelm  Meister  endet  die 
handlung  mit  dem  widei-finden  und  widererkennen  von  verwanten. 
Dunkle  erinnerungen  an  die  Jugendzeit  leben  in  Friedrichs  wie  in  Wil- 
helms seele:  das  schloss  mit  marmorhallen  und  säulen  u.  dgl.  Der- 
selbe freie  stii  im  leben  und  in  der  liebe:  männer  küssen  die  frauen 
ungescheut,  ob  sie  schon  die  geliebten  oder  die  braute  anderer  sind. 

Im  untei-schied  von  dem  Goetlüscheu  romane  führt  uns  dagegen 
das  erstlingswerk  Eichendoi-ffs  nicht  blos  in  die  grossstadt  mit  ihren 
aesthetischen  thees  und  redouten  usw.,  sondern  auch  in  die  weit  der 
tat.  Friedrich  und  Leontin  sind  nur  deshalb  romantische  landstreicher, 
weil  ihnen  ein  fester  mittelpunkt,  in  dem  schwalle  von  poesie,  andacht, 
keuschheit,  tugeud  und  vaterländerei  ein  ort  des  eingreifens  fehlt  (2, 
345  fg.).  Sie  versuchen  es  endlich  mit  der  tat:  Friedrich  nimt  an  dem 
landsturm  des  gebirgsvolkes,  Leontin  an  dem  kriege  teil.  Aber  auch 
hier  bleibt  es  bei  ganz  algemeinen,  unbestimten  Schilderungen:  es  wird 
nicht  gesagt,  dass  der  Tiroler  aufstand  von  1809  gemeint  und  unter 
dem  „feinde"  Napoleon  verstanden  ist.  Und  der  abschluss  befriedigt 
eben  so  wenig  als  im  Wilhelm  Meister:  Friedrich  findet  in  der  religion 
die  einzige  hülfe  aus  dem  nationalen  elend,  er  geht  ins  kloster;  Leon- 
tin aber  zieht  mit  seiner  braut  in  die  neue  weit,  wo  er  für  seinen 
tätigkeitsdrang  einen  Wirkungskreis  zu  finden  hoft.  Dies  ist  der  kon- 
trast  zwischen  „ahnimg  und  gegenwart"  in  der  gewitterschwülen  zeit  vor 
den  befreiungskriegen.  Und  genau  denselben  abschluss  zeigt  auch 
Eichendorfis  lezter  roman  („Die  dichter  und  ihre  gesellen"):  Lothario 
wird  wie  Friedrich  geistlicher,  Fortunat  heiratet  wie  Leontin  und  geht 
mit  seiner  jungen  frau  nach  Italien. 

Dass  Eichendorff  aus  dem  leben  schöpfte  und  dass  bestimte  modeile 
seinen  romanfiguren  zu  gründe  liegen,  ist  bezeugt:  bei  dem  seltsamen 
narren  Victor  schwebt  ein  junger  hauscaplan  auf  den  Eichendorffschen 
gütern  vor  (1,  26  fg.  45);  die  gräfinnen  Rosa  und  Romana  sollen  por- 
traits  aus  der  Wiener  periode  sein  (1,  56);  in  dem  enthusiastischen 
erbprinzen,  der  sich  als  Verführer  entpupt,  wird  man  aber  eher  ein 
entsteltes   abbild   des  preussischen   prinzen  Louis  Ferdinand  und  seines 


224  MNOR 

Verhältnisses  zu  Paiiline  Wiesel  als  "Wiener  erinnerungen  (1,  56)  zu 
suchen  haben;  auch  Lochen  und  einer  seiner  freunde  (1,  55  fg.;  vgl. 
nachlass  312  fgg.)  wolten  sich  in  dem  romane  zu  ihrem  schaden  wider- 
finden. Der  dichter  Haber,  welchen  das  waldhorn  stört  während  er  ein 
echo  dichtet,  und  der  mit  beruf ung  auf  Goethe  gegen  die  Verwechslung 
von  leben  und  dichtung  (2,  30)  protestiert,  während  die  beiden  auf 
völlige  Übereinstimmung  zwischen  gesinnung  und  dichtung  bestehen 
und  gegen  die  Spielereien  der  romantischen  dichterlinge  eifern,  denen 
auch  die  beiden  Schlegel  damals  bereits  abwinkten:  dieser  Haber  ver- 
rät sich  schon  im  namen  als  ein  seitenstück  zu  dem  dichter  Faber  in 
Brentanos  Godwi,  bei  welchem  diesem  bekantlich  ebenfals  eine  persön- 
lichkeit der  Heidelberger  periode,  der  Übersetzer  und  dichter  Gries, 
vorschwebte. 

Aber  auch  wo  Eichendorff  nach  fremden  quellen  dichtet  oder  einen 
historischen  stoff  behandelt,  finden  wir  die  bekanten  typen  und  Situa- 
tionen wider.  Im  „Marmorbild"  (1819)  benuzt  er  eine  erzählung  aus 
Happels  Curiositates  (deren  Inhalt  Kelter  s.  48  fgg.  mitteilt)  und  verbin- 
det damit  das  motiv  der  sage  vom  Venusberge,  welche  er  auch  sonst 
(2,  387.  536  u.  ö.)  gerne  berührt  und  die  auch  sein  bruder  Wilhelm 
in  der  „Zauberischen  Yenus"  (Loebens  Hesperiden  66  fgg.)  behandelt 
hat.  Florio  verliebt  sich  in  das  marmorbild  der  Venus,  welches  jeden 
früliling  leben  annimt;  als  er  zufällig  die  christliche  gottheit  anruft, 
verschwindet  der  heidnische  spuk:  die  symbolische  ausdeutung  auf  die 
ablösung  der  antiken  mythologie  durch  die  christliche  in  der  roman- 
tischen zeit  liegt  nahe  genug.  Aber  auch  hier  wider  die  unbestimten 
typen  des  ernsten  und  des  jovialen  romantischen  bumlers;  auch  hier 
doppelgänger,  Verkleidungen  u.  dgl.  In  der  ,,Meerfahrt"  (1835)  behan- 
delt Eichendorff  einen  historischen  stoö':  die  entdeckungsfahrt  der  Spanier 
unter  Alvarez.  Aber  auch  hier  hat  die  romantik  des  reisens,  das  zweck- 
lose abenteuern  in  der  irfahrt  sein  besonderes  Interesse  erregt,  und  neben 
den  beiden  steht  der  typus  des  Studenten  Antonio.  Die  königin  der 
wilden  ist  das  dämonische,  amazonenhafte  weih,  welches  den  in  sie 
verliebten  Diego  mit  allen  Europäern,  zugleich  aber  auch  sich  selbst 
dem  verderben  opfert.  Wie  eine  widerholung  aus  dem  Marmorbild 
liest  es  sich,  wenn  zulezt  Alma  von  den  Seefahrern  für  die  Venus 
gehalten  wird  und  die  beiden  sich  einbilden  ins  Venusreich  geraten  zu 
sein  ,  .  .  Eine  selbständigere  haltung  nimt  nur  „Schloss  Durande" 
(1837)  ein,  obgleich  es  auch  hier  an  typischen  zügen  nicht  fehlt.  Die 
schwxster  des  Jägers  ßenald,  Gabriele,  hat  ein  steldichein  mit  dem 
söhne  des  graten  Durand,  dessen  hohe  abkunft  ihr  ebensowenig  bekant 


ZUM   JUBILÄUM   EICHENDORFFS  225 

ist  als  dem  bürgermädchen  in  „Ahnung  und  gegenwart"  die  hoho  Stel- 
lung des  prinzen.  Der  brnder  entfernt  sie  in  ein  kloster;  aber  sie 
folgt  dem  grafen  nach  Paris  und  verschaft  sich  als  gärtnerbursche  bei 
ihm  aufnähme.  Renald  aber  glaubt  an  gewaltsame  entführung  durch 
den  grafen  und  sucht  in  Paris  sein  reclit  gegenüber  dem  vermeintlichen 
entführer.  Vergebens!  Nach  dem  tode  des  alten  grafen  greift  er,  um 
sich  recht  zu  schafien,  zur  gewalt.  Aber  als  seine  kugel  den  schul- 
digen ereilt  hat,  erfährt  er  mit  entsetzen,  dass  der  graf  seine  Schwester 
nicht  entführt  und  wirklich  geliebt  habe:  er  sprengt  sich  selbst  mit 
dem  pulvorturm  des  Schlosses  in  die  luft.  In  dieser  novelle  ist,  wie 
auch  Keiter  bemerkt,  etwas  Kleistsches:  das  starre  suchen  nach  recht, 
welches  sich  unter  der  band  in  unrecht  verkehrt,  wie  bei  Michael  Kohl- 
haas. Starke  leidenschaft  und  ein  tieferes  psychologisches  Interesse  als 
sonst  in  den  erzählungen  Eichendorffs. 

Lieder  finden  wir  in  allen  erzählungen  eingeschaltet  und  die 
lyrik,  welche  Keiter  s.  83  fgg.  sehr  gut  bespricht,  bildet  ohne  zwei- 
I  fei  den  eigentlichen  ruhmestitel  Eichendoi-ffs.  Er  zeigt  sich  in  ihr 
als  echter  romantiker.  Er  sieht  die  natur  immer  in  romantischer 
beleuchtung:  im  mondenglanz,  in  duft  und  dämmerung  gehült.  Was 
Wilhelm  Schlegel  von  Ariost  gesagt  hat,  gilt  umgekehrt  von  Eichen- 
dorff:  es  ist  bei  ihm  immer  morgen,  niemals  mittag;  und  unter  den 
Jahreszeiten  bevorzugt  er  gieichfals  die  ahnungsvolle  werdezeit  des  früh- 
lings. Immer  wie  in  Tiecks  naturgedichten  erscheint  auch  bei  ihm  die 
natur  geheimnisvoll  bewegt:  tausend  stimmen  durchkreuzen  sich,  es  ist 
ein  ewiges  singen  und  klingen,  ein  plaudern  und  rauschen,  die  klänge 
des  Waldhorns  oder  des  posthorns  durchziehen  die  luft  oder  das  Wal- 
desrauschen ertönt  wie  ein  feierlicher  orgelklang.  Von  der  romantik 
der  ruine  samt  den  geistern  der  verstorbenen  beiden  wird  ausgiebiger 
gebrauch  gemacht.  .  .  Ebenso  sind  die  empfindungen,  welche  Eichen- 
doi-ff"  zu  erregen  sucht,  echt  romantische:  die  unendliche  Sehnsucht, 
welche  nach  Schiller  und  Friedrich  Schlegel  den  modernen  menschen 
erfült,  wenn  er  der  natur  gegenübertritt;  die  geheimnisvollen  schauer 
in  der  brüst  des  menschen,  das  unbewuste  in  seinem  innern,  die  ver- 
liebe für  das  traumhafte  und  visionäre  in  dem  empfindungsieben.  Wider- 
liolte  anklänge  an  Mignons  sehnsuchtslied  und  an  Goethes  romantisches 
mondlied  stellen  sich  dabei  notwendig  ein.  Zugleich  aber  ist  Eichen- 
dorff  in  dieser  hinsieht  der  unmittelbare  Vorläufer  Heines.  Manches 
Heinische  lied  begint  ganz  in  der  tonart  Eichendorffs  und  schlägt  dann 
plötzlich  mit  einer  ironischen  schlusswendung  in  die  entgegen gesezte 
um;    wie   umgekehrt  auch  Eichendorff  widerholt  damit  schliesst,    dass 

ZEITSCHRIFT   F.    DEUTSCHE   PHILOLOGIE,      BD.  XXI.  15 


226  MINOR 

er  die  vorgeführten  personen  und  scenen  wie  einen  spuk  verschwinden 
lässt.  Die  lieblingswendungen  Heines:  „weiss  nicht  wie  mir  geschah", 
„mir  ist  als  ob  . . .",  „ich  wollt  als  reiter  fliegen",  „ich  möcht!  . . .",  in 
denen  sich  das  sehnende,  unbestimte  und  unbeständige  ausspricht,  fin- 
den wir  unzählige  male  bei  Eichendorff.  Nach  einer  anderen  richtung 
aber  ist  Wilhelm  Müller  der  nachfolger  Eichendorös:  in  der  verliebe 
für  die  wandernden  stände  (vgl.  die  rubrik  „Wanderlieder''-  in  den 
gedichten),  in  welcher  sich  recht  die  fahrige  natur  der  älteren  und  jün- 
geren romantiker  ausspricht.  AVie  in  seinen  romanen  führt  uns  Eichen- 
dorff auch  in  den  liedern  überall  virtuosen  und  taugenichtse  vor: 
musikanten,  Studenten,  Soldaten,  seeleute,  besonders  aber  wandernde 
oder  rast-  und  ruhelose  sänger.  Die  romantik  der  mühle,  auf  welcher 
die  berühmten  „Müllerlieder"  seines  nachfolgers  beruhen,  hat  Eichen- 
dorff in  die  deutsche  lyrik  gebracht  („In  einem  kühlen  gründe").  Auch 
die  müller  gehören  ja  zu  den  fahrenden  ständen:  „Das  wandern  ist  des 
müllers  lust  . . ." 

Was  Eichendorffs  lyrik  von  den  liedern  der  übrigen  romantiker 
unterscheidet,  das  ist  zunächst  ein  negativer  zug:  er  vermeidet  das 
bizarre  und  paradoxe,  die  romantik  hat  bei  ihm  immer  ein  heiteres 
freundliches  gesiebt  und  conciliante  formen.  Er  hat  nicht  blos  aus 
dem  Wunderhorn,  sondern  auch  von  dem  schlichten  und  treuherzigen 
Wandsbecker  boten  gelernt,  welchen  er  hoch  verehrte  und  auf  einer 
reise  nach  Norddeutschland  persönlich  aufgesuclit  hat.  Schon  in  der 
äusseren  form  hält  er  sich  von  allen  künsteleien  der  romantischen 
schule  fern:  für  die  zeit,  in  welcher  Isidorus  Orientalis  seine  virtuosen 
kunststücke  producierte,  ist  dieselbe  bei  Eichendorff  ausserordentlich 
einfach:  in  der  Heidelberger  zeit  dichtet  er  sonette,  einmal  eine  glosse, 
einmal  —  wie  es  scheint  parodistisch  gemeinte  —  hexameter;  sonst  nur 
die  einfachsten  sangbaren  formen  des  Volksliedes,  oft  die  vierverse  des 
süddeutschen  schnaderhüpfels.  Seine  lieder  forderten  die  composition 
geradezu  heraus,  die  ilmen  durch  Weber,  Bernhard  Klein  und  Men- 
delssohn reichlich  zu  teil  geworden  ist,  während  die  lieder  Tiecks,  Ar- 
nims, selbst  Brentanos  meist  ungesungen  blieben.  Auch  im  inhalt 
treten  die  romantischen  tendenzen  nur  discret,  niemals  aufdringlich 
hervor.  Eichendorff  ist  ein  überzeugungstreuer  katholik:  aber  seine 
„geistlichen  lieder",  an  bedeutung  und  tiefe  hinter  denen  des  Novalis 
weit  zurückstehend,  sind  von  den  weltlichen  im  tone  oft  kaum  zu 
unterscheiden;  auch  in  den  Wanderliedern  liebt  er  die  symbolische 
Wendung   sowie    den    bezug    auf   die   lebensreise  und  schliesst  oft  mit 


einem  discreten  fingerzeige  nach  oben. 


I 


ZUM  JUBILÄUM  EICHKXDORFFS  227 

Massvoll  ist  er  in  der  patriotischen  tendenz:  seine  gedickte  aus  der- 
zeit der  befreiungskriege  sind  keine  wilden  räche-  und  schlachtgesänge; 
sie  geben  vielmehr  der  poesie  des  Soldaten-  und  lagerlebens  ausdruck. 
Ein  stärkerer  ton  ist  ihm  nur  gelungen,  als  er  nach  dem  kriege  zum 
geisteskampfe  aufrief  und  vor  dem  erschlaffen  warnte  (1,  405  fg.).  Seine 
dichterische  iodividualität  ist  eine  liebenswürdige,  aber  keine  starke; 
dies  zeigen  namentlich  die  wenig  zahlreichen  liebesgedichte,  welche, 
trotzdem  sie  der  liebe  zu  seiner  braut  ihre  entstehung  verdanken,  nir- 
gends einen  individuellen  zug  aufweisen.  Die  „Lieder  auf  den  tod 
eines  kiudes"  sind  eine  weniger  kunstreiche  und  weniger  gekünstelte 
nachbildung  des  totenopfers,  welches  Wilhelm  Schlegel  einst  seiner  Stief- 
tochter Auguste  Böhmer  gewidmet  hat,  und  Vorläufer  der  weit  innigeren 
klagen  Paul  Heyses.  Auch  die  romanzen  gewinnen  uns  blos  durch 
den  einfachen  volkstümlichen  ton;  sie  sind  arm  an  motiven.  Neben 
wenig  anklängen  an  die  damals  bereits  veraltete  richtung  der  Schiller- 
schen  ballade  bildet  wie  so  oft  im  Wunderhorn  treue  und  untreue 
(besonders:  „Das  zerbrochene  ringlein''),  das  Lenorenmotiv  (der  liebende 
komt  als  tod  zurück,  um  die  braut  zu  holen),  besonders  aber  die  von 
Brentano  ersonnene  Loreleysage  den  Inhalt.  Besonders  den  lezten  stoff 
hat  Eichendorff  sofort  mit  begier  aufgegriffen  und  stark  in  ansprach 
genommen:  der  liebeszauber  oder  die  Situation  des  Schiffers  im  kahne 
und  der  frau,  welche  oben  am  fenster  ihr  goldenes  haar  kämt,  kehrt 
zu  oft  wider. 

Am  wenigsten  gelingt  es  dem  schlichten  wesen  Eichendorffss  mit 
der  litterarischen  satire  nach  dem  muster  Tiecks.  „Krieg  den  phili- 
stern"  (1822  vollendet)  hat  den  von  Brentano  entwickelten  begriff  des 
philistei-s  zur  Voraussetzung,  als  dessen  äussere  kenzeichen  auch  bei 
Eichendorff  kaffee  und  tabak  gelten.  Die  poetischen  kommen  mit  ihrem 
schiff  auf  sand,  d.  h.  im  trockenen,  angesegelt  und  nehmen  das  land 
der  philister  in  besitz,  die  sich  widerum  zur  wehre  setzen.  Aber  der 
kämpf  wird  durch  eine  reihe  von  scenen  unterbrochen,  in  welchen  sich 
poeten  und  philister  verwirren:  philister  lieben  die  heldiunen  der  poe- 
ten  und  umgekehrt;  poeten  erscheinen  als  philister  und  umgekehrt. 
Die  Satire  geht  also  nicht  allein  gegen  die  philister,  sondern  auch  gegen 
die  poetischen:  die  altdeutschen,  die  Fichtische  philosophie  usw.  Die 
romantik  schont  sich  selbst  nicht  mehr.  Persönliche  satire  vermag  ich 
nur  wenig  zu  erkennen:  doch  ist  in  Pastinak,  dem  geschäftsreisenden, 
ein  verspätetes  Zerrbild  Nicolais  nicht  zu  verkennen.  Die  selbstironie 
fehlt  so  wenig  als  bei  Tieck:  nachdem  zulezt  beide  parteien  durch  den 
riesen  der  urzeit,  Grobianus,  in  die  luft  gesprengt  sind,  bleibt  niemand 

15* 


228  MINOR 

übrig  als  der  Verfasser  und  der  narr,  der  sich  als  doppelgauger  des 
Verfassers  lieransstelt  . . .  Das  muster  von  Tiecks  Zerbino  ist  auf  schritt 
und  tritt  deutlich.  Auch  hier  spielen  Verfasser  und  publikum,  das 
theater  im  theater  mit.  Das  publikum  schimpft  über  den  unsinn  des 
Stückes  und  stürmt  die  bühne.  Wie  in  Tiecks  Gestiefeltem  kater  die 
„effekte"  aus  der  Zauberflöte  geholt  werden,  so  hier  aus  dem  „Frei- 
schütz." Die  Schauspieler  fallen  aus  der  rolle  oder  laufen  aus  der 
handluug  des  Stückes  heraus,  so  dass  der  Verfasser  sie  holen  muss. 
Das  ganze  stück  schläft  einmal  ein  und  wird  ein  anderes  mal  durch 
anstemmen  mit  den  eilen  bogen  weiter  befördert.  Der  schlusseftekt,  als 
der  riese  Grobianus  wider  den  willen  des  Verfassers  den  pulverturm  in 
die  luft  sprengt,  wird  vom  publikum  wütend  beklatscht  usw.  Trotz 
einigen  ergötzlichen  scenen,  wie  der  ratsversamlung  der  philister,  wel- 
che massregeln  gegen  die  poetischen  ergreifen,  der  theegeselschaft  und 
der  exerzierscene  der  poetischen  usw.,  komt  das  ganze  dem  genialen 
Übermut  der  Tieckschen  komödien  nicht  entfernt  gleich.  Noch  weniger 
wirkt  „Meierbeths  glück  und  ende"  (1828:  der  titel  nach  Grillparzens 
Ottokar),  in  dessen  erster  hälfte  die  Walter  Scottschen  hochlandshelden 
verspottet  werden,  während  die  zweite  (in  parodistischen  trochäen)  sich 
gegen  die  schicksalstragödie  wendet.  Dass  als  Vertreter  der  lezteren 
dem  dichter  Grillparzers  „Ahnfrau"  vor  äugen  schwebt,  ergibt  nicht 
blos  die  handlung  (liebende  stellen  sich  als  geschwister  heraus,  fluch 
lastet  auf  dem  geschlecht),  sondern  aucli  die  parodie  einzelner  stellen. ^ 
Neben  den  typischen  roUenfächern,  welche  hier  als  handelnde  personen 
auftreten  (Cannegiio  d.  h.  Canaille:  der  intriguant;  Treugold:  der  bie- 
dere treue  alte;  Edelreich:  der  heldenjüngling),  spielen  auch  hier  recen- 
senten,  Verleger  u.  a.  mit;  und  wie  bei  Tieck  (Zerbino)  geht  das  stück 
einmal  sogar  zurück,  so  dass  frühere  scenen  sich  widerholen  ...  In 
novellenform  finden  wir  die  litterarische  satire  eingekleidet  in  „Yiel 
lärmen  um  nichts"  (1833).  Herr  Publikum  erscheint  hier  als  philister, 
dem  am  Schlüsse  die  Zipfelmütze  aufgesezt  wird,  mit  welcher  ihn  Arnim 
vor  der  Einsiedlerzeitung  im  conterfei  gezeigt  hatte.  Er  glaubt  die 
gräfin  Aurora  zu  heiraten;  aber  diese  hat  natürlich  widerum  mit  ihrer 
kammorjungfer  die  kleider  vertauscht,   während  sie  selbst    in  männer- 

Ij  4,  193  wii'd  Bei-thas  monolog  in  der  „Almfrau"  verspottet,  welchem  der 
vers  „ja,  es  heisst  verlieren"  wörtlich  eutnonimeu  ist.  —  Es  verdient  beachtung, 
dass  Eichendoilf  gleichwol  zweimal  durch  Grillparzers  Ahnfrau  beeinflusst  erscheint; 
in  der  „Entführung",  wo  Leontine  den  grafen  für  den  räuberhauptmanu  hält,  und  in 
Violantes  Schilderung  ihrer  begegnung  mit  Ezzelino,  welche  (auch  im  versmass)  mit 
der  erzähluug  Beithas  von  ihrer  ersten  begegnuug  mit  Jaromir  übereiustimt. 


ZUM    JUBILÄUM    EICHENDORFFS  229 

kloidung  als  Florentin  (vgl.  Dorotheens  roman)  auftritt  und  Willibalds 
gattin  wird.  Wie  in  den  satirischen  dramen  die  figuren  der  paro- 
dierten dichtungen  auf  die  scene  treten,  so  begegnen  wir  hier  den 
gestalten  aus  den  romantischen  romanen:  den  Leontin,  Faber,  Floren- 
tin, ja  selbst  dem  alten  harfner  aus  Goethes  Wilhelm  Meister.  Sie 
schaaren  sich  „um  die  zerrissene  fahne  der  romantik"  und  kämpfen 
gegen  die  novellisten,  welche  dem  herrn  publikum  dienen  und,  alles 
gekünstelte  hassend,  von  der  novelle  nur  ein  kunstloses  abbild  der 
Wirklichkeit  verlangen.  Also  derselbe  gegensatz  gegen  das  gemeine, 
naturwirkliche,  wie  in  Tiecks  satirischen  märchenkomödien.  Und  wie 
Eichendorff  früher  nach  Tieck  das  theater  im  theater  vorgeführt  hat, 
so  haben  wir  hier  die  novelle  in  der  novelle:  die  handelnd  vorgeführ- 
ten personen  sind  zugleich  auch  mit  dem  Zustandekommen  der  novelle 
selbst  beschäftigt  und  am  Schlüsse  tiitt  der  dichter  selbst  (wie  in  Bren- 
tanos Godwi)  in  derselben  auf.  AYie  Tieck  endlich  bedient  sich  Eichen- 
dorff zulezt  auch  des  märchens  zur  satire,  wie  er  auch  in  seine  no vol- 
len mitunter  (2,  585  fg.  3,  343  fg.)  märchenerzählungen  eingeschoben 
hat.  Pinkus  in  „Libertas  und  ihre  freier"  (1849)  hat  die  Liberias 
gefangen  genommen,  welche  dr.  Magog  mit  hülfe  des  riesen  Eüpel 
befreien  will:  aber  anstatt  der  Avahren  Libertas  erwirbt  er  Aviderum 
blos  die  silberwäscherin  des  dr.  Pinkus  zur  frau  (ihr  name  Marcebille 
stamt  aus  Tiecks  Octavianus).  Indem  er  Pinkus  als  Erben  des  nach- 
lasses  von  Nicolai  bezeichnet,  sezt  er  die  satire  gegen  die  aufklärung 
fort,  mit  welcher  er  die  demagogischen  (dr.  Magog)  volksbefreier  von 
1848  gemeine  sache  machen  lässt. 

Im  ernsten  drama  hat  sich  Eichendorff  zweimal  versucht.  Sein 
„Ezzelino  von  Romano"  (1828)  entnimt  nach  Wilhelm  Schlegels  hin- 
Aveis  wie  so  viele  andere  dramen  der  angrenzenden  zeit  den  stoff  aus 
Raumers  geschieh te  der  Hohenstaufen.  Gleich  Zacharias  Werners  Attila 
trägt  der  ehrgeizige  eroberer,  welcher  im  blute  watet,  die  züge  von 
Napoleon.  Aber  eine  das  ganze  stück  beherschende  figur  von  tragi- 
schem interesse  hat  Eichendorff  nicht  aus  ihm  zu  macheu  verstanden, 
es  fehlt  an  einem  eigentlichen  konflikt:  nur  die  scene,  wo  EzzeKno  vor 
dem  möuch  Antonio  zittert,  welcher  ihm  wie  papst  Leo  dem  Werner- 
schen  Attila  gegenübertritt,  erreicht  eine  tiefere  Wirkung.  Stärkere 
konflikte  und  eine  besser  concentrierte  handlung  findet  man  im  „Lezten 
beiden  von  Marienburg"  (1833):  aus  dem  stof kreise  von  Schillers  Mal- 
thesern,  Werners  Templern  von  Cypern  und  Kreuz  an  der  ostsee  (bei 
Eichendorff  handelt  es  sich  um  das  „Kreuz  im  norden"),  Kratters  Mäd- 
chen   von   Marienburg.     Plauen    steht   als   befreier   seines    ordens    und 


280  raxoR 

Ordenslandes  allein  für  sich,  während  alle  übrigen  egoistischen  impulsen 
folgen;  der  edle  muss  zu  gewalttätigen  mittein  greifen,  um  seine  absieht 
durchzusetzen  und  das  wird  sein  fall.  So  stehen  die  vaterlandsretter 
in  den  befreiungsstücken  von  Achim  von  Arnim  und  Heinrich  von 
Kleist  (Hermannsschlacht)  immer  für  sich  allein  und  müssen  zu  den 
niedrigen  mittein  der  list  und  kUigheit  ihre  Zuflucht  nehmen;  so  erschien 
in  den  tagen  der  befreiungskriege  gegenüber  dem  eroberer  jedes  mittel 
erlaubt,  das  zum  ziele  führte  . . .  Formell  stehen  die  dramen  Eichen- 
dorfPs  auf  einer  linie  mit  den  dramen  Tiecks  und  "Werners:  freie  Shake- 
spearesche  technik;  schlachtscenen ,  bürgerscenen,  rüpelscenen  nach  die- 
sem muster.  Wie  Tieck  entnimt  Eichendoi-ff  seinen  Vorbildern  auch 
ganze  Charaktere  und  Situationen:  Giulio  in  „Ezzelino"  ist  Goethes 
Franz  im  Götz;  der  tod  Adebars  ist  dem  tode  Arthurs  im  König  Johann 
genau  nachgebildet.  Aber  auch  hier  ist  Eichendorff  massvoller  als 
seine  Vorgänger :  schon  in  der  äusseren  form  wechseln  zwar  prosa  und 
vers,  Jamben  und  vierfüssige  trochäen  mit  einander  ab,  aber  so  bunt- 
scheckig und  opernhaft  wie  bei  Tieck  und  Werner  ist  sie  nicht.  Auch 
von  dem  mystischen  und  wunderbaren,  das  nicht  ganz  fehlt,  wird  ein 
discreter  gebrauch  gemacht.  Die  personen  berufen  sich  wie  die  beiden 
Kleists  und  anderer  romantiker  gern  (3,  471.  397)  auf  die  Verwirrung 
ihrer  gefühle.  Sie  erinnern  sich  an  hauptmomenten  der  handlung  gern, 
die  ereignisse  im  träume  vorausgesehen  zu  haben,  und  überhaupt  ist 
von  träumen  viel  die  rede.  Aber  nur  im  Ezzelino  begegnet  uns  ein 
geheimnisvoller  Jüngling,  der  die  rolle  eines  todesengels  spielt  (3, 311  fg.). 
Ugolino,  ein  natürlicher  söhn  Ezzelins,  weissagt  ihm  am  beginn  seinen 
Untergang  bei  Cassano:  so  misversteht  Ezzelino  für  Bassano  (vgl.  Iphi- 
kon  und  Pfiffikon  in  Kleists  Hermannsschlacht  und  das  betrügerische 
hexenlied  in  Macbeth). 

Interessant  ist  es  zu  beobachten,  wie  Eichendorff  auch  hier  nach 
und  nach  seinen  typischen  novellen-  und  balladenmotiven  zutritt  gestat- 
tet. Verkleidete  frauen,  welche  als  rechte  aniazonen  den  männern  in 
die  Schlacht  folgen,  kommen  in  den  befreiungskriegen  widerholt  vor: 
ich  erinnere  nur  an  jene  Eleonore  Prochaska,  deren  geschlecht  erst 
erkant  wurde,  nachdem  sie  in  der  schlacht  verwundet  war,  an  den 
„unterofficier"  Auguste  Friederike  Krüger  und  an  Johanna  Stegen  (alle 
drei  von  Kückert  besungen:  gesammelte  poet.  werke  I,  59.  61.  210;  poe- 
tisches tagebuch,  Frankfurt  a.  M.  1888,  437).  In  Eichendorffs  Ezzelino 
tritt  Violante  verkleidet  zwischen  den  vater  und  den  geliebten  und  wird 
von  dem  ersteren  durchbohrt;  im  Helden  von  Marienburg  sucht  Eominta 
den  beiden  vor  Wirsberg  zu  schützen,   welcher  sie  liebt  und  unerkant 


ZUM   JUBILÄUM    EICHENDORFFS  231 

tötet:  man  denkt  in  beiden  fällen  an  die  katastrophe  im  Fiesco  mid  in  den 
Schroffensteinern.  In  Rominta,  welche  immer  in  nicännlicher  rittertracht 
erscheint,  finden  wir  den  amazonentypus  der  novellen  wider:  sie  hat 
"Wirsberg,  Avelcher  sie  liebt,  den  auftrag  gegeben,  den  beiden  von  Ma- 
rienburg zu  töten;  aber  durch  seinen  blossen  anblick  wird  ihr  hass  in 
liebe  verwandelt  und  sie  tritt  nun  selbst  im  kämpfe  schützend  vor  ihn. 
Auch  das  doppelgängerraotiv  (3,  295.  305.  505.  594)  komt  widerholt 
vor,  und  selbst  das  Loreleymotiv  findet  aus  den  bailaden  zutritt.  Denn 
dass  Gertrud,  welche  Wirsberg  zuerst  als  unerkanten  Jäger  (vgl.  den 
prinzen  in  „Ahnung  und  gegenwart"  und  den  grafeu  im  „Schloss  Du- 
rande")  geliebt  und  dann  um  Romintas  willen  verlassen  hat,  den  tod 
der  Loreley  stirbt  und  sich  "mit  den  werten  der  Brentanoschen  ballade 
(4,  607  fg.  =  Brentanos  Schriften  3,  394  fg.)  in  den  abgrund  stürzt, 
hätte  Kelter  nicht  übersehen  dürfen  ...  In  dem  lustspiel  „Die  freier" 
(1833)  bewegen  wir  uns  dann  wider  ganz  in  dem  bekanten  kreise  von 
Charakteren  und  Situationen.  Der  graf,  welcher  um  die  phantastische 
gräfin  Adele  wirbt,  gibt  sich  für  einen  musikanten  aus  und  ein  Schau- 
spieler spielt  die  rolle  des  grafen;  die  gräfin^  welche  davon  erfahren 
hat,  wechselt  umgekehrt  wider  mit  ihrer  kammerjungfer  die  kleider. 
Auch  die  intrigue,  welche  der  Jäger  einfädelt,  beruht  auf  Verkleidungen 
und  Verwechselungen.  Und  zu  der  bekanten  geselschaft  von  musikan- 
ten und  schauspielern  komt  dann  auch  wider  die  lokale  anknüpfung  an 
Heidelberg,  wo  die  gräfin  den  grafen  zuerst  gesehen  hat. 

Mit  den  epischen  gedichten  aus  Eichendorffs  lezter  zeit,  welche 
Keiter  (108  fg.)  wegen  ihrer  strengeren  rhythmischen  form  sehr  hoch 
stelt,  weiss  ich  wenig  anzufangen.  „Julian  Apostata"  erscheint  mir 
weder  dichterisch  bedeutend  noch  formell  ohne  anstoss;  hier  mag  doch 
wol  die  christliche  tendenz  Kolters  urteil  beirt  haben.  "Während  hier 
romanzen  von  verschiedenem  versmass  (Nibelungenstrophe,  vierfüssige 
gereimte  trochäen,  Jamben  usw.)  miteinander  vermischt  sind,  erscheinen 
„Robert  und  Guiscard"  und  „Lucius"  in  derselben  form  der  özeiHgen 
stanze,  in  welche  nur  lieder  in  lyrischen  strophenformen  eingelegt  wer- 
den; man  beachte  hier  besonders  3,  533  fg.  und  570  fg.  den  rache- 
schwur und  die  klage  in  dem  feierlichen  versmass  des  Dies  irae.  Auch 
hier  begegnen  wir  übrigens  wider  bekanten  motiven.  Das  thema  der 
feindlichen  brüder  liegt  „Robert  und  Guiscard"  zu  gründe:  der  eine  ist 
ein  anhänger,  der  andere  ein  gegner  der  französischen  revolution; 
Robert  dringt  als  anführer  von  revolutionären  auf  Guiscard  ein  und 
glaubt  ihn  getötet  zu  haben  —  aber  dieser  ist  durch  Marie  gerettet,  die 
ihm  verkleidet  nach  Paris  gefolgt  ist  (vgl.  Schloss  Durande);  und  widerum 


232  A.    SCHULZ 

ia  Heidelberg,  wohin  Guiscard  zulezt  mit  Marie  entflieht,  hat  Eichen- 
dorff  selbst  von  den  alten  ehegatten  ihre  Jugendgeschichte  erfahren.  In 
„Lucius",  meinem  urteil  nach  dem  besten  unter  den  epen  EichendorfFs, 
kehrt  das  dämonische  weib  wider  (Julia),  welches  zulezt  dem  geliebten 
Lucius  pracht  und  glänz  aufopfert  und,  ihr  sündenleben  bereuend,  in 
den  tod  folgt.  Der  knabe  Guido,  Lucius  begleiter  und  ein  christ, 
steht  unverwundbar  neben  dem  toten  paare:  wider  ein  mystisches  und 
wunderbares  wesen,  wie  jeuer  Ugolino  im  Ezzelin. 

Zweierlei  kenzeichnet  den  lezten  romantiker:  erstens  dass  er  sich 
frei  von  den  vielfachen  wandelungen  gehalten  hat,  denen  die  übrigen 
unterworfen  waren;  überzeugungstreu  hat  er  als  mensch  und  als  dich- 
ter bis  in  das  greisenalter  den  idealen  seiner  Jugend  gelebt.  „Denn 
anders  sein  und  singen.  Das  ist  ein  dummes  spiel."  Zweitens:  er  hielt 
sich  frei  von  allen  ecken,  Sonderbarkeiten  und  bizarrerien  der  schule. 
Er  hat  deshalb  allein  von  allen  älteren  und  jüngeren  romantikern 
erreicht,  wonach  sie  alle  vergebens  strebten:  die  popularität.  Die  Schle- 
gel haben  den  begriff  der  wahren  popularität  oft  zu  erörtern  gesucht: 
die  Sache  selbst  ist  ihnen  entgangen.  Die  herausgeber  des  Wunder- 
horas  preisen  die  Volksdichtung  als  das  höchste:  selber  zu  dem  volke 
zu  sprechen  war  ilnien  nicht  gegönt.  Eichendorff  aber  ist  wie  Uhland 
volkstümlich  gcAvorden  und  wird  noch  heute  von  dem  volke  gesungen. 

SOLITUDE   BEI    STUTTGART.  MNOR. 


MISCELLEN  UND  LITTEEATÜR 

Das  hohe  lied  vom  rittertum,  eine  beleuchtung  des  Parzival  nach 
"Wolframs  eigeuen  andeutungen,  von  dr.  CTOttholrt  Bötticher.  Berlin, 
Mayer  und  Müller,  188G.     8.     VE  und  88  s.     2,40  m. 

Das  schriftchen  ist  der  Berliner  geselschaft  für  deutsche  philologie  zu  ihrem 
zehnten  stiftungstage,  dem  hundert  und  ersten  geburtstage  Jacob  Grimms,  gewidmet, 
die  dem  Verfasser  die  anregung  dazu  gegeben,  und  es  mit  beifall  aufgenommen  hat. 
Es  eröfnet  zugleich  einen  energischen  feldzug  gegen  „die  fort  und  fort  gedan- 
kenlos uachgesprochene  und  nachgeschriebene  religiös  -  allegorische 
auffasung  des  Parzival,  wie  sie  hauptsächlich  durch  Yilmar  und  San- 
Marte  eingebürgert  ist"  (s.  V). 

So  hoch  interessant  und  lohnend  es  ist,  dem  dichter  in  seine  geheime  werk- 
stütte  nachzuschleichen,  die  motive  und  tendenzea  der  dichtung  und  ihre  entwick- 
hmg  und  darstcUung  genauer  zu  erörtern,  kurz,  in  seinem  geist  dieselbe  nachzu- 
dichten, was  auch  die  pflicht  jedes  kunstgerechten  Übersetzers  eines  fremdsprachigen 
dichterwerkes  ist,  so  schwierig  und  mislich  ist  es  im  vorliegenden  falle,  Wolframs 
dichtung  mit  seiner  französischen  vorläge  zu  vergleiclien ,  um  darnach  den  dich- 
terischen wert  und  die  bedeutung  dessen  zu  ei'messen,  was  ihm  eigen  angehöi^t,  und 
was  er  entlehnt  und  nachgeschrieben  hat,  da  leider  das  objekt  der  vergleichung,  die 


ÜBER    ßÖTTICHER,    D.    HOHE    LIED    VOM   RITTERTUM  233 

fi'auzüsisclie  vorläge  bis  jezt  nicht  aufzufinden  gewesen  ist.  —  "Wolfram  dichtete  sei- 
nem eignen  gestiindnis  zufolge  seinen  Parzival  nach  einem  roman  des  Nordfranzosen 
Kyot  oder  Guiot,  und  San-Marte  wird  dem  Verfasser  beistimmen,  dass  er  nach  dem 
lieispiol  fast  aller  romandichter  jener  zeit  sich  in  dem  tatsächlichen  entwickelungs- 
gange  seines  gedichtes  seiner  vorläge  bis  ins  einzelne  treu  anschloss.  Aber  der  Ver- 
fasser betont  auch  mit  besonderem  nachdruck  s.  4:  „dass  Wolfram  gleichwol  die- 
ser nacherzählung  ein  durchaus  selbständiges  gepräge  gegeben  hat, 
insofern  er  das  französische  gedieht  unter  einer  selbständigen  idee 
aufgefasst,  und  diese,  soweit  es  die  beschränkung  durch  die  vorläge 
zuliess,  mit  aller  dichterischen  kuust  durchgeführt  hat."  Er  hat  also 
nicht  mechanisch  übersezt,  sondern  mit  dem  vollen  bewustsein  eines  selbständigen 
themas  nacherzählt,  nur  (und  hier  begint  der  streit)  „ist  dies  thema  nicht  das  von 
San-Marte  erkante  und  ihm  fort  und  fort  gedankenlos  nachgesprochne  und  nach- 
geschriebene, nämlich:  die  darstellung  der  christlichen  glaubensentwickelung  in  der 
persönlichkeit  Parzivals,  sondern  der  unverzagte  mannesmut  soll  verherücht 
werden,  welcher  auch  den  gefährlichen  seelenfeind,  den  zweifcl,  überwindet"  (s.  1.5), 
oder  wie  es  s.  30  ausgedi-ückt  wird:  „In  Parzival  soll  zur  darstellung  kommen,  wie 
der  echte  und  rechte  ritterliche  geist  auch  als  eine  sitliche  lebensmacht 
den  schwersten  sieg,  den  sieg  über  sich  selbst  erringt."  Und  der  Verfasser  fährt 
fort:  „Yon  andern  beziehungen  des  gedichtes  ist  nicht  die  rede,  die  von  Wolfram 
ge weite  idee  ist  also  damit  erschöpft;  alles  übrige,  was  das  gedieht  bringt,  muss 
also  etwas  accidentielles,  begleitendes  sein,  und  wo  die  entwickelung  der  aus- 
gesjjrochenen  idee  durch  hetei'ogene  dinge  beeinträchtigt  zu  sein  scheint,  da  sind 
diese  dinge  sicher  nur  der  quelle  nacherzählt,  z.  b.  die  geschichten  Gawans"  (s.  30).  — 
Das  ist  das  resultat  des  ersten  abschnitts  des  büchleins  „Über  den  eingang  des  Par- 
zival", wobei  die  übrigen  darin  enthalteneu  discussionen  ausser  betracht  bleiben,  da 
sie  den  Streitpunkt  nicht  berühren. 

Der  Verfasser  bemerkt  nicht,  wie  das  s.  4  so  hoch  belobte  dichterische  und 
schöpferische  genie  Wolframs  durch  seine  lezten  äusserungen  abgeschwäclit  wird  und 
er  mit  sich  selbst  in  Widerspruch  tritt.  Es  ist  nicht  erweislich,  dass  am  ende  des 
12.  Jahrhunderts  das  christliche  volk  und  in  ihm  die  rittcrwelt  auf  dem  Standpunkt 
Uhüchs,  des  Stifters  der  freireligiösen  gemeinde  zu  Magdeburg,  stand,  aus  dessen 
munde  ich  persönlich  den  grundsatz  vernommen  habe:  „Wenn  der  mann  nur  sonst 
ein  rechtschaffener  mensch  ist,  so  hat  man  nicht  darnach  zu  fragen,  ob  und 
wie  er  an  gott  glaubt";  ein  gnmdsatz,  der  im  geraeinen  geschäftlichen  leben  des 
diesseit  zwar  eine  gewisse  praktische  geltung  haben  mag,  für  das  leben  im  jenseit 
aber  doch  nicht  massgebend  ausreicht. 

Als  leitenden  grundsatz  stelt  der  dichter  an  die  spitze  seines  werkes 

P.  1,  1:     Ist  xivtvel  herxen  michgebür, 

dax  muox,  der  sele  ivcrden  sür; 
„  1,  10:  der  nusfcete  geselle  trägt  die  schwarze  färbe. 
„  2,  17:  valsch  gesclleclicher  niiioi 
ist  xem  hellefiure  gttot, 
dagegen  der  mit  s taten  gedanken 

P.  1,  13:  habet  sich  an  die  blanken, 
er  hält  sich  zu  denen,  die  in  den  himmel  gelangen  können,  aber  noch  nicht  dahin 
durch  ihren  sitlichen  lebeuswandel  und  gute  werke  eo  ipso   gelangen;    das  also  sind 
diejenigen,    welche  trimce  uml  stcete,    beides  im  erhabensten  sinne,    im  leben  üben, 


234  A.    SCHULZ 

also  auch  die,  welche  den  cchtea  ritterlichen  geist  als  eine  sitliche  lehensmacht 
erkennen,  gewiss  auch  der  Uhlichsche  rechtschafne  mensch,  aher  eins  fehlt  ihnen 
noch,    und    das    sagt    der    dichter    nach    wolvolbrachtem    schluss    des    Werkes    über 

Parzival: 

P.  827,  17:    de7i  ich  han  brdhi   (das  war  also  das  hauptthema  seines 

Werkes) 

dar  sin  doch  sadde  het  erddht: 

srces  leben  sich  so  verendet, 

dax,  got  niht  ivirt  gepf endet 

der  sele  durch  des  libcs  schulde 

und  der  doch  der  irerlde  hiilde 

behalten  kan  tnit  werdekeit, 

da7u  ist  ein  nütxiu  arbeit. 
Wenn  so  der  schluss  auf  die  Überschrift  des  ganzen,  die  obigen  eingangszeilen, 
bestirnt  zurückweist,  xwtvel  und  unstmte  mit  triuwe  und  stcBte,  höUe  mit  himmel, 
verdamnis  mit  Seelenseligkeit  in  gegensatz  stelt,  da  ist  doch  jedem  klar,  dem  dies 
bispel  niht  xe  snel  ist,  das  der  rechte  Christenglaube  das  etwas  ist,  das  zu  dem 
unverzagten  mannesmute  hinzukommen  muss,  um  den  so  weltlich  bewährten  ekren- 
mann  der  ewigen  Seligkeit  würdig,  und  als  conditio  sine  qua  non  fähig  zu  machen. 
Denn  den  grundsatz  hat  die  Christenheit  nie  verleugnet:  „Nur  der  glaube  macht 
selig."     So  wird  also  x/vh-el  hier  wol  auch  im  geistlichen  sinn  zu  verstehen  sein. 

Im  zweiten  abschnitt  des  büchleins  (s.  32)  gibt  der  Verfasser  nun  eine 
analyse  des  gedichts,  und  wird  San-Marte  der  Charakterschilderung  Parzivals  bis 
zum  abschied  desselben  von  seiner  glücklich  gewonnenen  Konduiramur  (s.  40)  bei- 
stimmen, auch  darin:  dass  aus  dem  doppelten  motiv,  seine  mutter  wider  zu  sehen, 
und  durch  uventiiire  xil  Parzival  sich  von  der  jungen  gattin  trent.  Aber  der  weg, 
den  der  Verfasser  dem  beiden  in  den  worten  s.  41 : 

„Der  rittermut  muss  nur  zu  sitlicher  freiheit  hindurchdringen,  dann  ist  er 
das  mannesideal" 
vor  zeichnet,  ist  nach  aus  weis  des  Verlaufes  der  begebenheiteu  von  ihm  erheblich 
Ter  zeichnet;  vielmehr  tritt  der  Wendepunkt  seines  strebens  deutlich  nach  der  Ver- 
fluchung Kundriens  zu  tage;  denn  nachdem  sein  mannesmut  die  grösten  heldeutaten 
volbracht,  und  die  tafeirunde  ihn  mit  preis  in  freuden  aufgenommen  hat,  wird  er 
von  Kuiidrie  zu  den  von  gott  verworfnen  gezählt.  Der  von  der  mutter  ihm  als 
almächtig  und  hülfreich  em])fohlene  gott  hat  üin  nur  mit  Ungerechtigkeit  behandelt, 
und  gestraft  wegen  eines  ihm  unverständlichen  vergebens,  der  unterlassenen  frage. 
Parzival  steht  genau  auf  dem  Standpunkt  Hiobs  kap.  31 ,  zu  dem  aber  Elihu  im 
zorne  sprach:  „dass  er  seine  seele  für  gerechter  halte  als  gott"  (Hieb  32,  2). 
Und  hier  gesteht  auch  Bötticher  den  eintritt  eines  religiösen  conflicts  zu  (s.  43), 
der  auch  deutlich  von  Kundrie  in  ihrem  fluch: 

P.  316,  23:   da  erwarb  iu  sivtgen  sünden  xil. 

ir  s/t  der  hellenhirten  spil  — 
ausgesprochen  ist,    und  was  wol  etwas  mehr,    als   den  Vorwurf  „sitlicher  unreife" 
bedeutet.     Darum  ist  das   ziel,    das  der  dichter  den  Parzival  will  erreichen  lassen, 
nicht  die  „sitliche  freiheit",    die  um   zum  mannesideal   erhebt,    sondern   ein  anderes, 
das  er  ebenso  deuthch  in  Trevrezents  belehrung  ausspricht: 
P.  468 ,  5 :     tvert  ir  erfunden  an  re  ht er  e 

iu  mac  xer  helle  tverden  we: 


ÜBER   BÖTTICHER,    D.    HOHE    LIED    VOM    RITTERTUM  235 

diu  not  sol  schiere  ein  ende  hän 

und  ivert  von  bandn  aldä  verlän 

mit  der  gotes  helfe  al  sunder  tivdl. 
Simrock  übersezt  die  zcilen  in  seiner  ersten  bis  neusten  sechsten,  angeblich  durch- 
gesehenen ausgäbe: 

^Lebt  ihr  in  rechter  ehe, 

Trost'  euch  der  höUe  wehe, 
Zu  ende  wäre  bald  die  pein: 
Aus  solcher  banden  not  befrein 
Wird  euch  gottes  hülfe  gleich." 
Bötticher  folgt  treulich  dessen  fusstapfen  in  seiner  ungereimten  Übersetzung  s.  190: 
„Habt  ihr  in  rechter  eh  gelebt. 
So  mag  der  höUe  weh  euch  trösten,  — 
Eure  pein  war'  schnell  geendet; 
Von  den  banden  alsobald 
Wärt  ihr  frei  durch  gottes  hülfe." 
Auch  Bartsch,    bd.  11,  s.  145  seiner  Schulausgabe   des   Parzival,    cd.  2   erklärt  die 
stelle  in  gleichem  sinne:    „Würdet  ihr  erfunden  als  in  rechter  ehe  lebend,    so  könt 
ihr  vielleicht  (aus  andern  gründen,  wegen  andrer  Sünden)  in  der  höUe  pein  erdulden, 
allein  euer  wolverhalten  in  der  ehe  wird  euch  bald  aus  der  höUe  befreien.  —    Der 
hohe  wert,    den  der  dichter  auf  die   sitliche  reinheit  der  ehe  hier  und   anderwärts 
legt,    bestätigt  uns,  was  wir  aus  andern  quellen  auch  wissen,   dass  in  seiner  zeit  es 
damit  nicht  sonderhch  stand."  — 

Nachdem  Trevrezent  den  Parzival  auf  seine  klage  getröstet 
P.  468,  2:   ir  sit  in  rehter  kumbers  dol, 
sU  ir  nach  iuiver  selbes  wtbe 
sorgen  pflihte  gebt  dem  Übe  — 
ihm    also    diese    licbessorgen    als    ein  verdienst,    als    eine    tugend  anrechnet,    ist  es 
schwer    begreiflich,    wie    diese    gelehrten    herren    von    fach    in   ihren    Übersetzungen 
der  folgenden  Zeilen  so  gröblich  fehl  greifen  konten,    so   dass  ihre  Übersetzung  zum 
unsinn  wird  —   gleich  als  ob   sie  von  einer  Idiosynkrasie   gegen  alle  irgend  religiöse 
auffassung  des  gedichtes  besessen  wären.     Gewiss  den  wahren  sinn  richtiger  treffend 
schreibt  San-Marte  in  der  2.  und  3.  ausgäbe  seiner  Übersetzung: 
„Ihr  redet  wol,  sprach  Trevrezent. 
So  duldet  ihr  den  rechten  schmerz. 
Wenn  nach  der  gattin  euer  herz 
In  bittrer  quäl  der  Sehnsucht  brent. 
Wärt  ihr  auch  rechtes  glaubens^  voll. 
Und  droht'  euch  schon  der  hölle  groll. 
Geendet  war',  was  euch  bedrängt, 
Und  jede  bände  schnell  gesprengt;" 
Durch  die   ganze  katechisatiou  Trevrezents   geht  doch  der  grundzug:    Parzival  über 
seine  sündliche  lossagung  von  gott,    seinen  frevlen  egoistischen  hochmut    (die  theo- 
logen  würden  sagen:    weil  er  sich  für  gerecht  hielt,    denn  er  hieng  am  holze  des 
gesetzes)    und  sein  persönliches  Verhältnis  zu  gott,   ja  des  jedes  nach  der  sehgkeit 
ringenden  menschen  zu  belehren.     Der  dichter  sagt  also:  wärt  ihr  von  dem  glauben 

1)  6  =  glaube:  P.  13,  26.    108,  21.    752,  28;  =  ehebiuid:  MO,  11,  13.    729,  28  usw. 


236  A.    SCHULZ 

an  gottes  unoudlicho  vatorlicbo  zur  mcnschhcit  durchdrungen,  so  würdet  ihr  ein 
bewustsein  aou  eurer  Versündigung  haben,  aber  die  umkehr  zu  gott  würde  euch. 
sogleich  retten.  Denn  nur  der  wahrhaft  gLäubige  kann  auch  die  in  Unwissenheit 
begangenen  Sünden  erkennen.  Ihm  ist  der  glaube  nicht  ein  äusserlich  angeheftetes, 
formelhaft  nachgesprochenes,  durch  blosse  werkheiligkeit  zu  erringendes,  sondern  ein 
leben  in  Christo.  Der  sündenwurm  in  der  eignen  brüst  des  ringenden  ist  durch  den 
glauben  an  Christum  getötet  worden.  Bötticher  liest  aus  jenen  werten  (s.  50)  nur 
heraus:  „dass  Parzivals  treue  minne  die  höchste  sitliche  volkommenheit  in  seiner 
rein  weltlichen  Sinnesart,  und  damit  auch  seine  rettung  gewesen  sei."  Gleich wol 
aber  damit  in  Widerspruch  findet  er  in  der  absolutiou  Trevrezents,  P.  502,  25, 
der  im  so  riterlicheii  riet  (501,  18)  eine  bestätigung  seiner  ansieht:  „Unverzag- 
ter mannesmut,  das  ist  das  erste  und  hauptsächlichste;  das  andere  ist  gott- 
vertrauen; wenn  die  beiden  mit  einander  gehen,  da  ist  der  höchste  preis  zu  erlan- 
gen. Die  Vereinigung  dieser  beiden  factoren  hat  sich  nunmehr  in  Parzival  unter 
Trevrczents  einwirkung  volzogen:  er  hat  beides  schon  gehabt,  aber  keins  von  beiden 
als  sitliche  lebensmacht  (s.  52).  —  Somit  scheinen  fast  dem  Verfasser  sitliche 
lebensmacht  und  rechter  Christenglaube  identisch,  obwol  die  verschiedenen  religions- 
geselschaften  doch  ihr  sehr  verschiedenes  Sittengesetz  haben,  und  demgemäss  sich 
das  leben  in  ihren  bezüglichen  paradiesen  sehr  verschieden  malen.  Und  fragen  wir: 
wie  versteht  der  Verfasser  die  Schlussbemerkung  nach  der  absolution  Parzivals: 
P.  502,  30:   von  einander  schieden  sie: 

oh  ir  /reif,  so  prüevet  wie. 
Spricht  der  dichter  hier  auch  der  fj^uelle  mechanisch  nach,  ohne  sich  etwas  beson- 
dei'es  dabei  zu  denken?  Oder  ist  es  sein  eigener  gedanke?  Bestätigt  er  die  absolu- 
tion dahin,  dass  Parzival  nun  von  sündenschuld  und  Sündenstrafe  erlöst  ist?  Oder 
drückt  die  bemerkung  einen  Zweifel  daran  aus?  Worauf  vers  744,  14  fg.  als  eine 
antwort  zu  deuten  scheint: 

got  des  niht  langer  riioclite, 
dax  Parzival  dax  re  nemen 
in  stner  hende  solde  xemen 
wonach  erst  gottes,   nicht  des  eremiten  aussprach  ihn  von  der  in  imnpheif  began- 
genen Sünde  der  tötung  Ithers  von  Gaheviez  erlöste,   so  dass  Kundrie  ihm  mit  recht 
zurufen  konte: 

P.  782,  29:   du  hast  der  sele  ruoive  crstritcn 

und  des  libes  freude  in  sorge  erhiten. 
Für  Bötticher  ist  jedoch  das  von  gott  gewolte  zerbrechen  des  Schwertes  Ithers 
„durchaus  nur  eine  beiläufige  notiz"  (s.  59),  wie  ihm  ja  auch  das  unbedingte 
gottvertrauen  nur  ein  accidenz  zum  unverzagten  mannesmut,  um  zum  gral  zu 
gelangen,  ist.  rreilich  sizt  der  Verfasser,  wie  der  ungetaufte  Feirefiz,  vor  dem 
grale,  ohne  ihn  sehn  zu  können,  denn  er  spricht  s.  53  mit  unverzagtem  mannesmut 
das  stolze  wort  gelassen  aus: 

„Wer   im    gral   das    christliche   heilsmysterium    und   in    Parzivals 

geschichte    die    anwendung    der    christlichen    heilsordnung    sehen 

will,     der    muss    sich    gefallen    lassen,    dass    mau    Wolfram,    dieser 

idee  gegenüber,  einen  erbärmlichen,  unklaren  stümper  nent." 

Zugleich  stelt  er  als  resultat  dieses  abschnitts  die  frage:    „was  macht  nun  Parzival 

in   den  äugen   Wolframs    des   gralkönigtums  würdig?"     Und   beantwortet   sie    (s.  65) 

dahin:    „sein  mannesmut"  (nicht  sein  widergewonnenes  gottvertrauen?)  „hat  ihn  zum 


ÜBER   BÖTTICHER,    D.   HOHE   LIED   VOM   RITTERTUM  237 

siege  über  Feirefiz  gefühi-t,  indem  er  ihu  vor  vei'zweiflung  schüzte  (?),  doch  indem 
er  sozusagen  den  ko])f  oben  behielt ,  fand  er  den  frieden  in  der  demütigung  vor  gott", 
und  in  den  versen  783,  15  fg.  sieht  der  Verfasser  ein  bekentnis  des  sitlichen  unwerts 
gegenüber  der  gralshorliehkeit  (s.  67;  GS).  Auch  schon  s.  57  hebt  der  Verfasser 
hervor,  dass  der  fluch  Kundriens  wegen  der  in  tumpJieit  begangenen  sünde  der 
unterlassnen  frage  für  Artus  tafeirunde  in  der  Wertschätzung  Pai'zivals  keine  bedeu- 
tung,  dagegen  niu'  bedeutung  für  Parzivals  Verhältnis  zu  gott  habe.  Sonach 
reicht  also  doch  Wolframs  stümperhafte  darstellung  hin,  dass  selbst  der  Verfasser 
das  heilsmysterium  in  der  gralsherlichkeit  erkent,  der  Parzival  zugeführt  wird.  Ist 
wirklich  „der  erbärmliche,  unklare  stümper"  auf  Seiten  des  dichters  oder  lesers? 

Im  dritten  abschnitte  des  büchleins  behandelt  Bötticher  die  Gawan- 
geschichte,  wobei  Wolfram  seiner  französisclien  vorläge  treulich  folgt,  und  im  eingange 
des  sechsten  buches  die  einführung  eines  zweiten  beiden  neben  Parzival  aus  mehre- 
ren gründen  rechtfertigt,  und  der  veifasser  meint:  „Wer  etwas  andei-es,  tieferes  in 
der  figur  Gawans  sucht,  der  muss  es  erst  hineintragen  und  verfehlt  damit  zum  min- 
desten die  absieht  AVolframs  (s.  70)."  Aber  er  fährt  in  einem  athem  fort:  „Unter- 
liegt es  für  uns  auch  keinem  zwei  fei,  dass  der  so  oft  betonte  gegensatz  zwischen 
Gawau,  als  dem  maim  der  weit,  und  Parzival  als  dem  mann  des  glaubens  von  Wolf- 
ram weder  beabsichtigt  noch  erfunden  ist  (?),  so  ist  es  doch  ebenso 
unzweifelhaft,  dass  Gawan  ein  anderer  charaktertypus  ist  als  Parzival,  und  dass 
diese  Verschiedenheit  der  Charaktere  auch  von  Wolfram  mit  vollem  be wustsein 
dargestelt  ist."  —  Nun,  wenn  dem  dichter  dies  gelungen  ist,  so  muss  er  doch 
die  lebensvolle  darstellung  der  beiden  Charaktere:  „des  leichtsinnigen  Sanguinikers  in 
Gawan,  und  des  gemütstiefon  melancholikers  in  Parzival",  beabsichtigt,  für  inte- 
ressant und  wichtig  genug  gefunden  haben,  um  diese  episode,  die  zugleich  benuzt 
wird,  der  „in  sitlicher  unreife"  befindlichen  Orgeluse  den  respekt  vor  ehrlichem  min- 
nedienst beizubringen,  so  ausführlich  auszumalen.  P.  2,  25:  (ouch)  für  diu  iiip  stoxe 
ich  disiu  xil!  Um  die  bedeutung  dieser  gegonsätze  zu  verstchu,  braucht  ein  sin- 
niger leser  nicht  erst  etwas  hineinzutragen,  was  aus  den  geschilderten  tatsachen  sich 
schon  von  selbst  ergibt.  Dennoch  bildet  nach  Bötticher,  s.  SO  „die  Vorführung  beider 
Charaktere  mit  ihren  aventuren  nicht  das  hauptinteresse  der  darstellung;  dies  ist 
vielmehr  ganz  allein  der  preis  des  auf  gott"  (also  doch  auf  gott!)  „vertrauenden 
unverzagten  maunesmutes."  Der  enge  Zusammenhang  dieser  episoden  mit  dem 
lebenswege  Parzivals  bleibt  dem  Verfasser  aber  völlig  uuvei'ständlich,  •  weil  ihm  nach 
s.  53  der  gral  mit  seiner  ritterlichen  i'eligiösen  bruderschaft  als  ein  unverständliches 
hirngespinst  erscheint,  das  Wolfram  seiner  quelle  zum  ergöznis  seines  piiblikums 
(s.  86)  blind  nachgeschrieben  hat.  Darum  spricht  er  auch  s.  77  fg.  Gawan  gottvertrauen 
zu,  und  schliesst  dies  aus  seinem  abschiedsgruss  an  Parzival:  P.  331,  27:  yot  geh 
dir  geliicke  zu  deiner  strites  reise;  Trevrezent  sucht  dagegen  den  beiden  die  rehte 
Cristen  e  zu  lehren,  daran  festzuhalten,  dass  gott  ihn  nicht  verlasse,  wenn  er  nur 
nicht  von  gott  lasse  usw.  Das  ist  doch  etwas  anders,  als  glück  im  ritterkampf  wün- 
schen, und  sezt  Gawans  gruss  ins  altäglich  welthche,  nicht  in  das  religiöse  gebiet.  — 
Auch  auf  Gawans  anrufung  gottes  auf  dem  zauberbette  (s.  77)  ist  wonig  gewicht  zu 
legen,  da  auch  der  härteste  verbreclier  in  gleich  fataler  Situation  als  lezte  Zuflucht 
wol  nach  gottes  hülfe  ruft.  „Überhaupt  —  so  fährt  er  fort  —  ist  Gawan  ein  fer- 
tiger Charakter,  der  den  erfolg  doch  von  gott  (nicht  vom  glück'?)  abhängig  weiss, 
und  eine  trotzige  auflehuung  gegen  sein  Schicksal  nicht  keut"  (s.  78);  kurz,  er  ist 
„in  dem   wolgesicherten    besitze    der    durchscimitsfrömmigkeit    seiner    zeit    mit    aller 


238  A.    SCHULZ 

schuldigen  demut  vor  gott,  aber  es  ist  auch  bei  ihm  nichts  weiter,  als  diese 
gewohaheits massige  durchschnitsfrömmigkeit  zu  suchen;  das  beweist  sein 
weltlicher  minnedienst,  der  ihn  von  dem  treuen  minnedienst  Parzivals  wesentlich 
zu  dessen  gunsten  unterscheidet. '^  —  Dass  diese  gewohnheitsmässige,  übrigens  ganz 
aufrichtig  gemeinte  durchschnitsfrömmigkeit  es  nicht  zu  ähnlichen  koutlikten  mit  gott, 
wie  in  Parzival,  kommen  lässt,  ist  ebenso  natürlich,  wie  dass  auch  Gawan  nicht  zu 
solcher  innerlichen  befestigung  und  sitlich  religiöser  erfahrung  gelangen  kann, 
wie  Parzival"  (s.  80).  —  Der  Verfasser  überschaut  offenbar  nicht  die  weite  kluft, 
welche  beide  beiden  trcnt.  Da  Oawan  auch  bei  ehrenpüicht  auf  die  gralsuche 
geschickt  wird,  ohne  jedoch  den  gral  zu  finden,  obgleich  er  in  betreff  des  unverzagten 
mannesmuts  mit  Parzival  auf  gleicher  stufe  steht,  so  spricht  doch  Wolfram  damit 
deutlich  genug  aus,  dass  diese  vom  Verfasser  sehr  richtig  bezeichnete  durchschnits- 
frömmigkeit, die  ja  auch  der  ganze  kreis  der  tafelrundc,  der  rechtschaffene  mensch 
der  freireligiösen  gemeinde,  ja  vielleicht  der  veifasser  selbst  teilt,  nicht  ausreicht, 
um  in  das  reich  der  gralsherlichkeit  zu  treten.  Daher  steht  auch  nach  Wolfram  die 
tafelruude  mit  der  ritterschaft  in  einem  feindlichen  Verhältnis.  —  Unbestritten  erwirbt 
des  unverzagten  mannes  mut  ritters  preis,  und  macht  ihn  zur  tafeirunde  reif,  aber 
er  kämpft  nur  zur  befriedigung  seines  persönlichen  ehrgeizes,  ein  irdisches,  weltliches 
ziel.     Aber  die  gralritterschaft, 

P.  468 ,  28 :   die  selben  templeise 

swd  si  kumber  od  pris  bejagent, 

für  ir  Sünde  si  daz  tragent. 
P.  471,   10:    vor  sündehceren  schänden 

sint  si  immer  mer  behuot, 

und  tvirt  ir  Ion  %e  himel  guot; 
ihr  lohn  ist  also  der  sele  Pardls,  das  ewige  heil,  ein  himlisches  ziel.  Wer  den 
unterschied,  die  höhere  Staffel  des  grals  über  dem  Artushof  nicht  erkent,  der  freilich 
vermag  in  der  Gawanepisode  nur  einen  der  quelle  des  dichters  entnommeneu  über- 
flüssigen einschub,  anstatt  einen  absichtsvoll  künstlerisch  ausgearbeiteten  integrieren- 
den teil  der  ganzen  dichtung  zu  sehn,  was  ihm  neidlos  gegönt  sei. 

Die  vorgefasste  meinung,  dass  Wolfram  in  der  regel  nur  seiner  quelle  nach- 
schreibe, ohne  deren  angäbe  in  inneren  Zusammenhang  mit  dem  hauptgegenstand  der 
dichtung  zu  bringen,  sczt  den  Verfasser  auch  ausser  stand,  den  gegensatz  zwischen 
Munsalwäsche  und  Schastelmarwcilo  zu  erkennen,  obwol  doch  schon  die  eingangs- 
verse  auf  ■xivivel  und  triuice,  und  die  bezeichnenden  Ortsnamen  des  Klinschorscheu 
Zaubergebietes  und  des  gralgebietes  auf  den  Charakter  der  gebieter  dieser  gegenden 
hindeuten.  Freilich  malt  Wolfram  den  Klinschor  nicht  mit  hörnern,  schwänz  und 
pferdefuss,  sondern  lässt  nur  seine  zauber  wirken,  die  er  nach  seinem  abfall  von 
gott  im  heidnischen  osten,  in  der  Stadt  Persida,  wo  der  erste  zauber  erdacht  ward, 
erlernt  hat.  Wegen  seiner  kapaunung  fasste  er  hass  gegen  die  ganze  menschhcit, 
gegen  mann  und  weib,  beiden  und  Christen, 

P.  017,  15:    swax.  er  n-erder  diet  gesilit, 

dien  Icet  er  äne  kumber  niht. 
y,  658,  7:     swax  er  den  freuden  mac  genemen, 

des  kan  von  hcrxen  in  gexemen. 
Das   sind  doch  neben   den  tückischen  mordinstrumenten   auf  Schastelmarweile  ziem- 
lich satanische  grundsätze.  —  Ebensowenig  malt  der  dichter  die  heidenkönigin  Sekun- 
dille  als   wilde  teufeliu    am  flammenden    pechpfalil    sitzend,    sondern    als    reizendes, 


ÜBER   BÖTTICHER,    D.    HOHE   LIED   V.    RITTERTUM  239 

niianesüclitiges  weib,  aus  deren  reiche,  wo  ungeziilinite  weibesgier  jene  misgestalten 
wie  Kundrie  und  Malkreatüre  schuf,  sich  der  beide  aufmachte  mit  dem  vergifteten 
Speer,  der  das  unsägliche  leid  über  Amfortas,  ihren  früheren  geliebten  (P.  519  fgg.) 
brachte.  Mit  ihr  und  Klinschor  steht  die  ganze  gruppe  jener,  nach  Böttichers  aus- 
druck  „in  sithcher  unreife  befangenen",  die  rachgierige  Orgeluse,  der  in  liebeswahn- 
sinn  verfallene  Gramoflanz,  der  schmeichelhafte  lohndiener  Plippalinot,  Irot  usw.  in 
beziehung,  sie  paktieren  mit  einander,  erkaufen  sich  frieden  von  Klinschor,  geben 
sich  geschenke,  leisten  minnedienst  —  lauter  personen,  die  erst  durch  Artus  und 
Gawans  bemühen  in  die  sitliche  weit  und  christliche  durchschnitsfrömmigkeit  wider 
zunickgeführt  werden.  Selbst  Feirefiz  komt  nicht  ohne  feindselige  absieht;  weshalb 
fühii  er,  um  seinen  vater  aufzusuchen,  fünfundzwanzig  beere  aus  soweit  entlegenen 
landen  mit  sich,  dass  die  Völker  untereinander  ihre  spräche  nicht  verstehen?  Auch 
er  steht  im  minnodieust  Sekundillens,  und  in  diesem  punkte  auf  gleicher  stufe  mit 
Gawan    (nicht    mit    Parzival,    wie    der   Verfasser    s.  61    behauptet);    denn    er    bekent 

ganz  offen: 

P.  771,  15:   da  teerten  mich  ir  minne 

xieuo  flehe  küneginne, 

Olimple  und  Claudüte, 

Secundille  ist  nu  diu  dritte. 
S.  62  bezeichnet  Bötticher  den  Feirefiz  als  ritterlichen  typus  des  unvei'zagten  man- 
nesmutes  und  zwar  „als  ein  ideal  eines  heidnischen  ritters,  welches  im  wesen, 
soweit  es  eben  nur  das  rittertum  angeht,  dem  christlichen  gleich  ist,  imd  an  teil 
am  himmel  hat."  —  Ein  halsbrecherischer  schluss!  Als  beide  geht  er  mit  seinen 
heldentaten  zu  seinen  göttern  Jupiter  und  Juno,  und  die  heidcngotter  galten  der 
damaligen  Christenheit  als  teufcl.  Vor  dem  chi'istenhimmel  sagt  der  alte  Titurel,  da 
ist  ein  riegel  vorgeschoben,  und  ohne  bekentnis  und  taufe  hat  er  mit  Parzival  in 
himlischer  beziehung  noch  nichts  gemein.  Doch  dies  beiläufig.  —  Wie  aber  den  bei- 
den mit  dem  gelupten  Speere  die  kraft  des  grales*  über  meer  und  land  die  wege 
leitete,  um  an  Amfortas  das  Strafgericht  gottes  zu  volstrecken,  so  ist  es  auch  die 
fügung  gottes,  dass  von  jener  unseligen  seite  her  ein  neuer  kämpfer  in  Feirefiz 
gegen  den  gral  gcsant  wird,  dessen  Sendung  aber  zu  gunsten  Parzivals  ausschlägt, 
indem  dieser  befähigt  wird,  mit  erfolg  die  unterlassne  frage  nachzuholen,  und  so 
den  Amfoiias  von  seinen  leiden  zu  erlösen  und  zum  heile  zurückzugewinnen:  wobei 
zugleich  der  in  unzähligen  sagen  und  legenden  vorhersehende  zug  sich  abspiegelt: 
dass  jene  kralt,  die  stets  das  böse  will,  und  stets  das  gute  schaft,  alle  male  der 
betrogene  teufel  ist.  —  Darum  die  angstnife  des  dichters,  weil  alles  für  Parzival  und 

1)  Die  zeile  P.  479,  21  —  23: 

er  suocht  die  verren  fiterschafl. 
niht  uan  durch  des  gräles  kraft 
streich  er  waxxer  undc  land 

übersezt  S  im  rock:  Er  suchte  ferne  ritterscliaft ; 

Einzig  um  des  grales  kraft 

Strich  er  über  meer  uiid  land. 
Bartsch  erklärt  kraß  durch  „der  grosse  ruf  des  grals",  und  Bötticher  übersezt  s.  191  seiner  Über- 
setzung „gelockt  von  den  wundern  des  grals."  —  San  M arte  nimt  grdks  kraft  für  gral  selbst,  wie  im 
gleichen  sinne  und  ausdruck  Wolfram  z.  b.  P.  124,  21;  228,  24;  480,  11  usw.  gotcs  kraft  für-  gott  selbst 
gebraucht.  Da  schon  479,  19  gesagt  ist:  s'tn  eilen  solde  den  gral  behaben,  wären  jene  Übersetzungen  eine 
leere  tautologie,  während  San-Marte  die  höhere  göttliche  absieht  des  grals  ausgedrückt  findet,  indem  er 
das  Werkzeug  zm-  stratvolstreckung  dem  reich  des  bösen  ontuünt. 


240  A.    SCHULZ 

Amfortas  auf  dem  spiele  stand,  sieg  oder  tod  Parzivals,  für  beide  gleich  verderblich 
war;  daher  der  nachdruck,  der  auf  die  beiden  als  christ  uud  beide  gelegt  wird! 
Dass  Parzival  nicht  unterliege 

P.  740,  19:   (lax  wende,  tmjenihufter  grdl. 
„  741,  26:   der  getoufte  wol  getniicet  gote 

Sit  er  von  Trevrizende  schiet  usw. 
Büttichcr  wird  solche  ideen  zwar  für  phantastische  hallucinationen  erklären;  wer  aber 
nicht  blos  die  worte,  sondern  auch  die  tatsachen  zu  lesen  versteht,  der  durchschaut 
die  prächtige  romantisch  -  ritterliche   hülle,    in    die   jene    dunklen    gestalten  gekleidet 
sind,  und  erkent  ihre  wahre  bedeutung. 

Angefügt  ist  dem  büchlein  ein  excurs  über  die  komposition  des  IX.  buchs, 
woiin  Trevrezent  seine  religiöse  belehrung  \md  die  gesamtverhältnisse  und  bedeutung 
des  grals  seinem  reumütigen  schüler  vorträgt.  Es  mag  für  den  lehrer  augemessen 
sein,  auf  der  Schulbank  dem  knaben  den  vielseitigen  verwickelten  gegenständ  zusam- 
menhängender uud  methodischer  auseinander  zu  setzen,  aber  der  aufmerksame  gereifte 
leser  findet  trotz  der  Zerstückelung  alles,  was  ihm  zu  wissen  nötig,  dennoch  genü- 
gend vorgetragen,  und  wenn  die  erzäblung  desselben  durch  die  Schilderung  der  bei- 
den in  ihrer  ascetischen  Situation  und  kümmerlichen  nährung  in  der  kalten  höhle 
des  eremiten  öfter  unterbrochen  wird,  so  führt  er  sie  dagegen  in  fast  dramatischer 
bewegung  vor  äugen,  sie  treten  uns  in  ihrem  gebaren  persönlich  leibhaft  nahe,  und 
Trevrezent  ist  wert,  unsere  näliere  persönliche  bckantschaft  zu  machen.  Ich  zweifle 
nicht,  dass  viele  darin  eher  einen  vorzug  der  künstlerischen  darstelluug,  als  ein 
Ungeschick  des  dichters  erkennen  werden. 

Ausserdem  vermisst  der  Verfasser,  dass  die  geistliche  belehrung  Parzivals  nicht 
noch  durch  ein  theologisches  gespräch  näher  klar  gelegt  worden  {nii  jjriicret  icief), — 
dass  sein  seelenzustand  bei  Kundriens  Verfluchung  nicht  deutlich  genug  geschildert 
sei,  und  meint,  dass  Wolfram  überhaupt  kein  geschick  und  zu  wenig  gelehrte  bil- 
dung  gehabt  habe,  um  innere  seelenzustände  zu  schildern,  er  abstracter  Wortbildun- 
gen nicht  fähig  sei  und  ihm  daher  der  rechte  ausdruck  für  diese,  oft  nur  mit  phi- 
lophischen  terminis  widerzugebeudeu  philosophischen  dinge  gefehlt  habe, 
so  dass  er  die  tatsachen  für  sich  sprechen  lassen  muste  (s.  42,  43,  83 — 86).  Die 
Zumutung  an  einen  ritter  des  13.  Jahrhunderts,  dass  er  in  der  kunstsprache  des 
neunzehnten  reden  solle,  geht  denn  doch  über  den  span!  Hat  leztcre  etwa  der  ritter 
Walther  v.  d.  Vogel  weide  verstanden,  der  doch  wüste,  wofür  er  kämpfte?  Schade, 
dass  der  Verfasser  nicht  diese  lücken  Wolframs  zu  ersetzen  versucht  hat.  Wirnt 
v.  Grafenbergs  lobspruch:  leien  munt  nie  baz  gespräch,  betont  gerade  damit,  dass 
Wolfram  nicht  wie  ein  akademisch  gebildeter  theologe  gesprochen  habe. 

Zwei  mängel  sind  es,  die  dem  Verfasser  zum  Vorwurf  gereichen,  einmal: 
dass  er  aus  mis verstand  der  rchtcn  e  in  der  freude,  einen  andern  leitenden  keni- 
l)unkt  des  hohen  liedes  vom  littertum,  ein  glänzendes  Stichwort  in  dem  unverzagten, 
zur  sitlichen  lebensmacht  erhobenen  mannesmut  gefunden  zu  haben,  sich  die  binde 
fest  um  die  äugen  wand,  um  die  einsieht  in  die  religiöse  seite  des  tiefsinnigen 
gedichts  sich  zu  verschliessen ;  uud  zweitens:  dass  er  sich  nicht  die  mühe  genom- 
men hat,  um  den  dichter  zu  verstehn,  in  des  dichters  land  zu  gehen,  und  die  poli- 
tischen und  kirchlichen  bewegungen  in  der  abendländischen  Christenheit  zu  beachten, 
unter  denen  sowol  die  französischen  dichter,  Boron,  Crestien,  Kyot  und  die  fortsetzer 
von  Crestiens  Contes  del  graal,    als  auch  W^olfram  lebten  und  schrieben,    was  doch 


ÜBER   BÖTTICHER,    D.    HOHE   LIED   VOM   RITTERTUM  .  241 

ZU  einer  wissenschaftlichen  begründung  seiner  auffassung  unerlässlich  scheint.  Daher 
die  triviale  auffassung  des  Verfassers  in  betreff  des  Verhältnisses  "Wolframs  zu  seiner 
quelle,  der  selbst  sichtlich  wenig  wert  darauf  legt,  denn  es  ist  doch  eine  offenbare 
Verspottung  der  hartgläubigen  leser,  die  ohne  quellenzeugnis  die  erzählung  nicht 
glauben  wollen,  wenn  er  bei  erwähnung  der  herstellung  des  Schwertes  im  brunnen 
von  Karmaut  den  hmnoristischen  trumpf  darauf  sezt: 

P.  435,  1:     swerx,  niht  gelonbt,  der  sündet; 
oder  in  betreff  der  gralspcisung  den  lesern  zumutet,  mit  ihrem  eide  sie  zu  Ijekräftigen, 

P.  238 ,  11:   sol  ich  des  iemen  triegen, 

so  viiiext  ir  mit  mir  liegen. 
Daher  auch  der  beschränkte  horizont,  die  Unklarheit  und  Widersprüche  in  seinen  sit- 
lichen  und  i'eligiösen  erörtei'ungen :  weil  nur  bei  einem  rückblicke  auf  die  damals 
bestehenden  wirren,  welche  in  den  blutströmen  des  "Waldenserkrieges  im  jähre  1208 
ihren  abfluss  fanden,  die  reflexe,  welclie  daraus  in  unserm  gedichte  sich  widerspie- 
geln, erkant  und  gewürdigt  werden  können.  —  Daher  ist  es  unerlässlich  zu  prüfen, 
wie  Kyot  sich  in  der  ungeheuren  religiösen  gährung,  welche  die  ganze  abendländische 
Christenheit  zu  seiner  zeit,  vorzüglich  in  Frankreich  durch  wogte,  zu  den  vorher- 
sehenden Strömungen  verhielt,  indem  die  mysterien  des  christlichen  glaubens  nicht 
bloss  auf  den  kathedern  der  hochschulen,  sondern  zum  leidwesen  Bernhards  von  Clair- 
vaux  auch  in  den  schenken  und  auf  den  gassen  in  freister  weise  diskutiert,  verwor- 
fen, modificiert  oder  neu  aufgestelt  wurden.  Eben  diese  Strömungen  sind  aber  die 
Urquelle  des  inmitten  darin  stehenden  französischen  dichters;  aus  seinen  andeutungen 
entnehmen  wir  die  differenzen  zwischen  der  vorgeschriebenen  kirchlichen  doctrin, 
und  ihrer  aufualime  im  praktischen  leben  des  volks.  Trevrezent  stelt  das  soll  der 
päbstlichen  kirclienlehre  auf,  die  dichterische  darstellung  legt  das  ist,  wie  es  zum 
teil  im  volk  aufgefasst  wurde,  offen,  und  aus  diesen  tatsachen  lässt  der  dichter  klar 
genug  erkennen,  was  er  von  jener  lehre  verwirft  oder  anerkent.  So  z.  b.  bezeichnet 
Bötticher  s.  85  Tre\Tezents  lobrede  auf  die  herlichkeit  des  priesteramtes  etwas  vor- 
eilig als  „einen  ebenso  zusammenhanglosen  als  unmotivierten  einschub " ;  das  gedieht 
aber  verwirft  die  ganze  kii'chliche  lelu'e  von  der  Sündenvergebung  dui'ch  priesterver- 
mitlung  und  den  supcrnaturalen  Charakter  des  priesteramts ,  und  sezt,  wie  ja  auch 
der  Verfasser  erkeut,  Parzival  in  unmittelbare  beziehung  zu  gott,  was  nach  Jahrhun- 
derten in  der  reformation  den  konkreteren  ausdruck  in  dem  Übergang  des  algemeinen 
priestertums  auf  jeden  gläubigen  Christen  fand.  — ■  Ähnlich  verhält  es  sich  mit  der 
darstellung  des  gral-  d.  h.  gottesreichs  auf  erden  ohne  pabst  und  hierarchie,  nach 
dem  vorbüd  des  vom  pabst  sich  emancipierenden,  damals  in  höchster  blute  stehen- 
den tempelherrn  -  Ordens ,  mit  der  gänzlichen  abwendung  von  der  legende  Josephs  von 
Arimathia  und  der  abendmalilsschüssel  als  wundertätige  reliquie  usw.,  alles  punkte, 
welche  unser  gedieht  hoch  über  die  reihe  der  blos  zur  Unterhaltung  gefertigten  rit- 
terromane  jener  zeit  hinaufstellen  in  die  reüie  von  Zeugnissen  über  die  geistesbewe- 
gung  eben  dieser  zeit,  welche  eine  weltgeschichtliche  bedeutung  hatten.  "Wie  auch 
der  text  von  Guiots  dichtung  gelautet  haben  mag,  "Wolfram  gibt  seine  gruudzüge 
uns  in  verständlicher  weise  als  sein  übernommenes  eigen  tum  wider;  darum  dürfen 
wir  mit  recht  annehmen,  dass  auch  er  sie  verstanden  hat,  ohne  dass  er  eine,  auch 
dem  Verfasser  verständhche  dogmatik  aus  seinem  gedieht  machte,  oder  sich  in  eine 
polemik  gegen  die  herschende  kirche  einliess,  obwol  die  zum  teil  häretischen  ansich- 
ten  darin  vielleicht  anlass  gaben,  dass  Guiots  gedieht  bald  nach  seinem  erscheinen 
schon  verketzert,    verfolgt  uud  vielleicht  vernichtet  wurde.  —    San-Martc  liat  sich 

ZEITSCHRIFT    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.       BD.    XXI.  lo 


242  6ISKE 

über  jene  Verhältnisse  in  seinen  Parzival - studicn  b.  II  und  HI,  in  der  einleitung  zu 
seiner  Parzival -Übersetzung  zweiter  und  dritter  ausgäbe,  und  in  den  abhandlungen 
dieser  Zeitschrift  bd.  XV,  s.  385  fg.  „Sein  oder  nichtsein  des  Guiot  von  Provenze", 
bd.  XVI,  s.  129  fg.  „Zur  gral-  und  Ai-tussage"  und  insbesondere  bd.  XVII  s.  174  fg.  * 
„Über  die  tlieologie  im  Parzival  des  Wolfram  von  Escheubach"  ausführlich  verbrei- 
tet,   mid  mag  dies   hier  nicht    widerholt,    sondern  nur  darauf   hingewiesen  werden. 

Er  meint: 

P.  241,  26:    niin  arbeit  ich  gar  verlür! 

Mögen  die  freimdo  des  herrn  Verfassers  prüfen,  ob  es  ihm  gelungen  ist,  wie 
er  s.  5  beabsichtigt,  seine  auffassung  des  gedichts  wissenschaftlich  zu  begränden, 
nachdem  seiner  deduktion  durch  den  misverstand  der  rehten  e  die  wurzel  abgeschnit- 
ten ist,  und  reite  er  in  unverzagtem  mannesmut  mit  seiner,  in  dem  hohen  hede  vom 
rittertum  neu  entdeckten  sitlichen  lebensmacht  getrost  dahin,  —  den  gral  findet 
er  nicht. 

MAGDEBURG.  A.    SCHULZ. 


Das   deutsche   tagelied.     Inaugural-disscrtatiou  zur  erlangung  der  dok- 
torwürde  der  philosophischen  fakultät  der  Universität  Leipzig.     Vor- 
gelegt von  Walter  de  (rriiyter.     Leipzig,  Gust.  Fock  in  comm.     159  s.  8.     2  m. 
Gruyters  promotiousschrift  zerfält  in  vier  teile:    A.   das  tagelied  des  höfischen 
minnesangs,    B.   das  tagelied  der  Übergangsperiode,    C.   die  tageweise  im  voUcsliede, 
D.  die  tagehedsituation  ausserhalb  der  liebeslyrik.     „Jeder  der  ersten  drei  abschnitte 
wird  von  drei  selten  in  angriff  genommen:    einer  zusammenstellenden  anordnung  des 
materials    folgt  ein   vergleichender  überblick  nach   seite   des  Inhalts  und  der  form." 
Als  dankenswerte   zugaben  sind  zwei  anhänge  hinzugefügt.     Der  erste  behandelt  das 
tagelied  in  den  fremden  litteraturen ,    der  zweite  beschäftigt  sich  mit  dem  Wächter  in 
der  deutschen  dichtung  ausserhalb  der  grenzen  des  tageliedes. 

Man  sieht,  dass  der  Verfasser  bemüht  war,  seiner  aufgäbe  nach  allen  selten 
hin  gerecht  zu  werden.  In  der  tat  verdient  sein  fleiss  auch  volle  anerkcnnung.  Das 
einschlägige  mateiial  ist  mit  grosser  Sorgfalt  zusammengetragen,  so  dass  man  kaum 
etwas  von  dem  vermissen  wird,  was  mit  dem  tagelied  in  irgendwelcher  beziehung 
steht.  Die  Zusammenstellungen  s.  27  —  41,  57  —  68,  101  — 111,  welche  den  „stil"^ 
der  behandelten  lieder  der  verschiedenen  perioden  unserer  litteratur  zur  anschauung 
bringen  sollen,  sind  mit  ausführlicher  gcnauigkeit  angefertigt.  In  diesen  Zusammen- 
stellungen beruht  aber  auch,  wie  mir  scheinen  will,  der  eigentliche  wert  des  büch- 
leius.  Die  wissenschaftlichen  resultate  der  arbeit  stehen,  vorzüglich  in  den  beiden 
ersten  abschnitten,  in  keinem  verhjiltnis  zu  der  aufgewanten  mühe. 

Ganz  besonders  hat  der  Verfasser  unsere  erwartimgen  in  dem  teile  seiner 
Schrift  getäuscht,  der  sich  mit  dem  tagelied  des  höfischen  minnesangs  beschäftigt. 
Wir  hatten  gehoft  in  Gruyters  monographie  eine  selbständige,  abschliessende  darstel- 
lung  dieser  ersten  periode  des  tageUedes  zu  finden,  eine  darstell ung,  welche  unter 
den  entgegenstehenden  ansichten  die  richtigen  herausgefunden  und  als  richtig  erwie- 
sen,   sonst  durch  neue  aufsteUungen  das  dunkel  gelichtet  oder  offen  ausgesprochen 

1)  Ebd.  s.  18G,  z.  13  von  iinton  korrigioro  ilon  ilruckfeliler  gottos  in  gutes. 

2)  Der  Verfasser  liebt  die  abwochseluiig  in  der  sclireibtuig  dieses  wortes :  s.  27  lesen  wir  „styl", 
s.  57  und  101  „slil". 


ÜBER   DE   GRUYTEE,    DAS    DEUTSCHE   TAGELIED  243 

hätte,  WO  der  forscluing  halt  geboteo  sei.  Statt  dessea  übt  der  Verfasser  die  leichte 
kunst  des  cocta  recoquere.  Er  wandelt  auf  ausgetretenen  pfadcn.  Die  arbeiten  von 
Uhland  und  Bartsch  werden  reproduciert  und  erfahren  nur  ganz  geringe  erweiterun- 
gen.  Aber  nur  selten  gibt  Gruyter  hierbei  den  grad  seiner  abhängigkeit  in  genügen- 
der weise  an.  Das  meiste  wird  so  vorgebracht,  als  ob  es  nicht  von  andern  stamme, 
sondern  eigene  neue  entdeckungen  seien.  So  äussei't  sich  der  Verfasser  (s.  4)  über 
das  unter  Dietmar  von  Aists  namen  überlieferte  tagelied  (MF  39,  18) :  „Den  deutschen 
Strophen  fehlt  zunächst  der  refrain,  den  im  romanischen  nur  eine  einzige  Alba  ent- 
behrt (Bai-tsch,  prov.  leseb.  102).  Es  fehlt  aber  auch  der  Wächter.  Denn  tcan  ist 
gewiss  nicht  als  man  zu  nehmen,  sondern  ist  gegensatzpartikel;  der  punkt  aber  hat 
hinter  schiere  gewiss  nicht  seine  richtige  stelle,  wie  auch  Paul  (Beitr.  II,  4G6  anm.) 
ausführte  ....  Das  vöglein  ist  der  wecker  und  ist  allein  wecker  wie  oft  im  späteren 
Volkslied."  Das  klingt  so,  als  ob  Gruyter  dies  alles  selber  herausgefunden  hätte,  mit 
ausnähme  dos  punktes  etwa,  dass  der  punkt  hinter  schiere  nicht  seine  richtige 
stelle  habe.  Und  doch  hat  Bartsch  (Gesammelte  vortrage  und  aufsätze,  s.  256)  bereits 
auf  das  fehlen  dos  refrains  in  dem  angezogenen  provenzalischeii  liede  hingewiesen, 
hat  Uhlatid  (Schriften  V,  17G)  bemei'kt:  „Bei  Dietmar  weckt  noch  ein  vöglein  vom 
zweig  der  linde"  und  Bartsch  (a.  a.  o.  264),  allerdings  vorsichtiger,  sich  geäussert: 
„Vielleicht  will  der  dichter  nur  das  vöglein,  das  auf  der  linde  singt,  als  Wächter 
bezeichnen."  Dass  ican  niclit  als  man^  sondern  als  adversativpartikel  aufzufassen 
sei,  ist  von  Paul  (Beitr.  II,  466  anm.)  ausgesprochen,  der  auch  darauf  hinweist,  dass 
namentlich  der  i'cfrain  beibehalten  wäre,  wenn  wir  eine  romanische  uachbilduug  vor 
ims  hätten. 

S.  8  sag!  der  Verfasser:  „Bevor  ich  zu  Wolfram  übergehe,  sind  noch  einige 
lieder  nachzutragen,  die  auf  der  stufe  der  wächterlosen  Situation  stehen.  So  zunächst 
eine  unter  kaiser  Heinrichs  VI  namen  überlieferte  zweistrophige  (!)  klage  der  frau  und 
antwort  des  mannes  (?)  mit  einer  einzigen  epischen  verszeile  MF  4,  35.  Dieselbe 
ist  allem  anschein  nach  der  tageliedgattung  zuzuzählen  und  ganz  frei  von  roma- 
nischem einfluss."  Schon  Uhland  schreibt  (a.  a.  o.  177):  „Auch  kaiser  Heinrich  gibt 
einen  wechselsang  beglückter  liebenden,  sodann  einen  abschied  nacht  traulicher  Zu- 
sammenkunft, ohne  dass  irgend  ein  wächterruf  vernommen  würde  (M.  I,  1  a  5  bis 
lb2  =  MF  4,  17  bis  5,15),  und  Bartsch  sagt  (a.a.O.  265):  „Die  gleiche  Selbständig- 
keit (d.  i.  freiheit  von  romanischem  einfluss)  ist  bei  einem  nicht  direkt  als  tagelied 
bezeichneten  liedchen  anzunehmen,  das  keinem  geringeren  als  dem  staufischen  kaiser 
Heinrich  VI  beigelegt  wird." 

Die  äusseningen  des  Verfassers  über  Walthers  tagelied  sind  im  grossen  gan- 
zen nach  der  bemerkung  gegeben,  die  Wilmanns  in  seiner  ausgäbe  jenem  liede  vor- 
ausschickt. Vgl.  besonders  Gruyter,  s.  12:  „Aber  ebensoweit,  wie  Walther  sicli  von 
seiner  eigenart  entfernt,  ebenso  gross  ist  auch  der  abstand,  der  ihn  von  Wolfram 
trent"  mit  Wilmanns-,  s.  327:  „Uns  scheint  es,  dass  das  Ued  der  art  Wolframs  so 
nahe  steht,  als  es  sich  von  der  Walthers  entfernt." 

Die  anmerkuug  auf  s.  17  der  Gruyterschen  schrift:  „Es  ist  vielleicht  erwäh- 
nenswert, dass  die  Pariser  haudschrift  auf  dem  bilde,  das  seinen  (Kristan  von  Hamles) 
liedern  voraufgeht,  eine  leichtgekleidete  Jungfrau  darstelt,  die  einen  Jüngling  im  kübel 
emporwindet"  macht  ganz  den  eindruck,  als  ob  der  Verfasser  etwas  volständig  neues 
brächte.  Aber  schon  bei  Uhland  (a.  a.  o.  178)  lesen  wir:  „Auf  einem  bilde  der 
Manessischen  liederhand schrift  wird  der  ritter,  in  einem  zieheimer  sitzend,  von  der 
frau  den  türm  hinaufgewunden." 

16* 


244  GISKE 

Die  zahl  dieser  beispiele  Hesse  sich  noch  beträchtlich  vermehren.  Indes  ans 
den  mitgeteilten  wird  zur  genüge  klar,  wie  sehr  der  Verfasser  von  den  arbeiten  sei- 
ner Vorgänger  abhängt.  Sie  sind  ihm  alle  recht.  Nur  einen  kann  er  nicht  leiden, 
und  diesem  einen  ergeht  es  dafür  auch  um  so  schlechter,  das  ist  .Scherer.  Die 
betrachtung  der  art,  wie  er  die  ansichten  dieses  gelehrten  zu  widerlegen  sucht,  führt 
uns  dazu,  auf  die  methode  des  Verfassers  überhaupt  einen  blick  zu  werfen.  "Wir 
müssen  es  leider  aussprechen,  dass  in  all  den  fällen,  wo  es  sich  darum  handelt, 
abweichende  ansichten  gegen  einander  abzuwägen  oder  neue  Vermutungen  durch  über- 
zeugende gründe  zu  beweisen,  es  Gruyter  nicht  gelingt  seiner  meinung  geltung  zu 
verschaffen.  Häufig  sogar  verfährt  er  folgendermassen :  er  stelt  eine  behauptung  ohne 
weitere  begründung  auf  und  erklärt  die  entgegenstehenden  ansichten  einfach  für 
verkehrt. 

Auf  s.  1  gibt  der  Verfasser  folgende  definition  des  tageliedes:  „Das  tagelied  — 
im  weitesten  sinne  gefasst  —  hat  zum  gegenständ  den  lyi'ischen  ausdruck  der  empfin- 
dimgen  liebender,  die  nach  einem  durch  die  nacht  begünstigten  Zusammensein  der 
tagesanbruch  trent."  Darauf  fährt  er  fort:  „Bei  dieser  begrifsfassung  ist  das  unhalt- 
bare der  ansieht,  die  das  deutsche  tagelied  aus  romanischen  Vorbildern  herleiten  will, 
von  vorne  herein  in  die  äugen  springend.  Denn  die  demente,  aus  denen  es  sich 
zusammensezt,  sind  so  einfach  und  die  Vereinigung  derselben  zur  gesamtsituation  ist 
so  natürlicher  art,  dass  eine  derartige  abhängigkeit  durch  gar  nichts  begründet  wird." 

Der  Verfasser  will  eine  definition  des  tageliedes  „  im  weitesten  sinne "  geben. 
Aus  dieser  definition,  die  also  alle  tageheder  umfassen  muss,  zieht  er  einen  schluss 
auf  den  Ursprung  dieser  gattung  der  lyrik  und  glaubt  dadurch  die  abweichende 
ansieht  anderer  überzeugend  widerlegt  zu  haben. 

"Wolte  der  Verfasser  sich  in  wissenschaftlicher  weise  über  den  Ursprung  des 
deutschen  tageliedes  äussern  und  untersuchen,  ob  dasselbe  heimischen  oder  fremden  — 
hier  romanischen  —  urspnmgs  sei,  so  muste  er  von  den  ersten  in  deutscher  spräche 
verfassten  gedichten  dieser  gattung  ausgehen.  Für  diese  passt  aber  die  oben  mit- 
geteilte definition  nicht.     Ein  wesentliches  moment  fehlt  derselben:  der  Wächter. 

Gruyter  versucht  allerdings  zwei  wächterlose  deutsche  tagelieder  nachzuwei- 
sen, die  ganz  frei  von  romanischem  einflusse  sein  sollen. 

Das  erste  soU,  wenn  ich  den  etwas  unklaren  ausdruck  (s.  8)  recht  verstehe, 
durch  die  beiden  Strophen  MF  4,  35  und  5,  7  gebildet  werden.  Nun  ist  von  Sche- 
rer (Deutsche  stud.  II,  444),  dem  auch  Burdach  (R.  d.  a.  79)  zustimt,  wie  mir 
scheint,  mit  recht  darauf  hingewiesen  worden,  dass  jede  dieser  stropheu  als  ein  lied 
füi'  sich  zu  betrachten  sei.  Dadurch,  dass  Gruyter  (s.  8)  äussert:  „Scherer  erachtet 
meiner  ansieht  nach  mit  unrecht  die  beiden  Strophen  als  nicht  zusammengehörig", 
ist  nichts  widerlegt.  Aber  gesezt  den  fall,  beide  Strophen  gehörten  zusammen  und 
MF  5,  7  könte  wii'klich  der  ritter  sprechen,  so  sehe  ich  noch  immer  keinen  grund, 
warum  dies  lied  der  tageliedgattuug  zuzuzählen  sei.  Aus  den  woiien  der  frau  erfah- 
ren wir,  dass  der  mann,  den  sie  über  aUes  liebt,  scheiden  muss.  Der  ritter  erwidert, 
dass  er  ihre  üebe  genoss  und  beständig  an  sie  denkt.  Von  tageliedsituation  keine 
spur.  Der  Verfasser  meint  doch  nicht  etwa,  dass  die  werte  da^i,  ich  ie  bi  dir  gelac 
dieselbe  andeuten? 

Wir  kommen  zu  dem  zweiten  Hede ,  das  nach  Gruyters  ansieht  den  heimischen 
lU'spnmg  des  tageliedes  beweist.  Es  ist  dies  das  vielbesprochene  unter  Dietmar  von 
Aists  namen  gehende  Släfest  du,  min  friedel'?  Gehen  wir  ohne  voruiieil  an  das 
lied  heran,    so  erkennen  wii',    dass  die  frau   den    schlafenden  geliebten  weckt.     Er 


ÜBER    DE    GRUYTER,    DAS    DEUTSCHE    TAGELIED  245 

crwaclit  und  erkent,  dass  er  fort  muss.  Die  Situation  ist  eine  solclie,  dass  die  bei= 
den  während  der  nacht  verbotener  liebe  pflegten,  also  tageliedsituatiou.  Dass  ein 
Wecker  da  ist,  beweist  die  zeile  u-cin  „u-eckef'  iinsich  leider  schiere.  Gruyter,  oder 
besser  seine  quelle  Paul,  sagt  nun  (s.  4  fgg.):  „Wan  ist  gewiss  nicht  als  7nan  zu 
nehmen,  sondern  ist  gegensatzpaiiikel ;  der  punkt  aber  hat  hinter  schiere  gewiss  nicht 
seine  richtige  stelle  ....  Das  vöglein  ist  der  wecker  und  ist  aUein  wecker  wäe  oft 
im  späteren  Volkslied."  Das  ist  alles  mit  so  apodiktischer  gewissheit  gesagt,  dass 
man  fast  den  mut  verlieren  könte,  eine  abweichende  ansieht  zu  äussern.  Versuchen 
wirs  trotzdem.  Zunächst  scheint  mir  das  vorkommen  des  vögleins  als  wecker  im 
späteren  volksUed  ohne  beweiskraft  dafür  zu  sein,  dass  es  hier  ebenso  sein  müsse. 
Dem  volksliedc  fehlte,  wie  Gruyter  s.  96  selbst  hervorhebt,  als  coordiniertes  mittel- 
gUed  die  furcht  vor  gefahi-,  welche  im  Dietmarschen  liede  (vgl.  MF  39,  23)  doch 
entschieden  hervortritt.  Dort,  wo  unter  grünen  bäumen  das  vor  sich  gieng,  w^as  für 
die  beteiligten  weiter  nicht  lebensgefähi'üch  war,  sondern  nur  den  augcn  anderer 
verborgen  bleiben  solte,  war  das  vögiein  als  wecker  volkommen  am  platze. 

Die  ganze  vennutung ,  dass  das  vöglein  in  dem  liede ,  mit  welchem  wir  es  hier 
zu  tun  haben,  der  wecker  sei,  scheint  mir  überhaupt  auf  der  Voraussetzung  zu  beru- 
hen, dass  das  deutsche  Uebespaar  im  freien  unter  der  ünde  ruhend  zu  denken  sei. 
Davon  steht  aber  in  dem  liede  gar  nichts.  Es  wii'd  dort  nur  gesagt:  ein  vogelUn  so 
wol  getan  dax,  ist  der  linden  an  daz  zivt  gegän. 

In   der  dritten  strophe  der  alba  des  Guiraut  von  Bornelh   (Bartsch,  Provenz. 
Icseb.  100)  heisst  es  in  der  Heyseschen  Übersetzung  (Span,  liederb.  275): 
„Mein  süsser  freund,  die  warnerstimme  singt: 
Schlaf  fürder  nicht!  das  lied  der  vögel  klingt. 
Die  licht  gewärtig  durch  die  büsche  streichen. 
Der  eifersüchtige  kann  euch  nun  beschleichen, 
Und  baldo  naht  der  morgen." 

Hier  weckt  der  zum  hüter  bestelte  freund  und  weist  darauf  hin,  dass  der 
vögel  hed  den  nahenden  morgen  begrüsst.  In  der  deiitschen  alba  weckt  die  frau 
den  geliebten,  da  sie  den  weckruf  (doch  wol  den  des  Wächters,  jedenfals  den  eines 
menschen)  vernimt  und  sie  ausserdem  bemerkt,  dass  die  vögel  sich  bereits  zum  mor- 
gendlichen sänge  rüsten.  Wer  möchte  nun  noch  an  der  verwantschaft  der  beiden 
tagelieder  zweifeln?  Steht  die  Sache  aber  so,  so  müssen  wir  mit  Scherer  sagen, 
dass  kein  genügender  auhaltspunkt  vorhanden  sei,  um  das  deutsche  tagelied  für  eine 
einheimische  gattung  zu  erklären. 

S.  9  heisst  es:  „"Wolfram  führte,  so  weit  die  überliefemng  beurteilen  (?)  lässt, 
das  tage  Wächterlied  in  Deutschland  ein.  Scherer  (D.  St.  11,  59)  will  ihm  dies  ver- 
dienst streitig  machen,  imd  zwar  zu  gunsten  zweier  uns  in  ihrer  einleitungsstrophe 
erhaltenen  tageweisen. "  Diese  beiden  Strophen  sind  Carm.  bur.  nr.  144"  xmd  die  in  A 
unter  Leuthold  von  Seveu  überlieferte,  bei  Wackernagel -Rieger  264  mitgeteilte  strophe. 

Statt  nun  den  regelrechten  beweis  anzutreten,  dass  Scherer  unrecht  habe  und 
diese  beiden  Strophen  jünger  seien  als  Wolframs  tagelieder,  äussert  sich  der  Verfas- 
ser im  ersten  falle  dahin:  „Scherers  hierfür  (dass  Carm.  biu\  nr.  144*  das  Zweitälteste 
beispiel  des  deutschen  tageliedes  sei)  vorgebrachten  gründe  sind  sehr  algemeiner 
natur  und  nichtssagend."  Im  zweiten  fall  glaubt  er  mit  der  bemerkung  aUes  abgetan 
zu  haben  (s.  10):  „Mit  unrecht  nimt  Scherer  für  die  strophe  AVE.  264,  1  ein  höheres 
alter  in  anspruch  als  für  Wolframs  gedichte." 


246  GISKE 

Bartsch  hatte  (a.  a.  o.  267)  den  ausspruch  getan:  ^I)ie  Verbindung  des  Wäch- 
ters mit  den  liebenden  ist  eine  dichterische  Aktion. "  Dem  glanbt  Gruyter  entgegen- 
treten zu  müssen.  Er  meint  (s.  6  fgg.),  dass  ursprünglich  der  ruf  des  Wächters,  der 
für  alle  burgbewohner  bestirnt  war,  auch  dem  liebenden  paare  gelten  konto.  Dagegen 
lässt  sich  doch  mit  recht  einwenden,  dass,  wenn  der  Wächter  alle  burgbewohner 
weckte,  sein  ruf  für  die  liebenden  gar  keinen  wert  hatte,  da  sie  fürchten  musten, 
jezt  erst  recht  entdeckt  zu  werden. 

Das  „  sechsstrophige "  lied  des  burggrafen  von  Lüenz  (Bart.sch,  D.  L.  153), 
dessen  in  der  uns  zur  besprechung  vorliegenden  schrift  s.  19  erwähnuug  getan  wird, 
ist  wol  in  drei  lieder  zu  zerlegen.  Das  tagelied  besteht  aus  drei  Strophen.  Es 
begint  mit:  Der  morrjeti  nicht  erwinden  tvil,  so  sanc  ein  icahter  also  icol  (154,  21) 
und  schliesst:  von  danne  schiet  der  helt  gemeit  (154,  50). 

Auch  im  zweiten  teil  seiner  arbeit,  der  sich  mit  dem  tagelied  der  Übergangs- 
zeit beschäftigt,  richtet  der  Verfasser  sich  nach  y^des  meisters  skt."-  Oswald  von 
Wolkensteius  tagelieder  und  die  hioher  gehörenden  nummern  aus  der  samlung  der 
Hätzleriü  werden  etwas  ausführlicher  besprochen,  als  Bartsch  es  getan,  ein  paar 
andere  stücke,  welche  bei  Bartsch  sich  nicht  finden,  werden  erwähnt.  Aber  dies 
neue  ist  für  die  beurteilung  dieser  periode  unwesentlich. 

Ein  einziges  mal  polemisiert  der  Verfasser  hier  auch  gegen  Bartsch.  Dieser 
hatte  a.  a.  o.  s.  293  gemeint,  dass  unter  den  liedern  aus  der  samlung  der  Hätzlerin 
einige  seien,  die  man  geradezu  Volkslieder  zu  nennen  berechtigt  wäre.  Dagegen 
sagt  Gruyter  (s.  45):  „Dass  unter  ihnen  (den  in  der  samlung  der  Hätzlerin  überlie- 
ferten liedern)  solche  wären,  die  wir  geradezu  Volkslieder  zu  nennen  berechtigt  seien, 
wie  Bartsch  meint,  kann  ich  nicht  zugeben."  Indes  s.  47  erklärt  er  selbst,  dass 
„nr.  9  schon  in  hohem  masse  in  das  wesen  des  Volksliedes  eingegangen  sei  und  in 
dieser  beziehung  unter  den  tageweisen  der  Hätzlerin  nur  noch  nr.  16  zum  mitbewer- 
bcr  habe." 

Etwas  grössere  bedeutung  hat  der  dritte  teil  der  Gruyterschen  arbeit.  Zwar 
hatte  Bartsch  dem  Verfasser  auch  hierin  vorgearbeitet,  und  einem  aufmerksamen  leser 
entgeht  nicht,  wie  gross  auch  hier  die  abhängigkeit  ist.  Allein  Gruyter  bewegt  sich 
doch  viel  freier.  Ausserdem  koute  er,  da  Bartsch  die  Volkslieder  nur  zum  kleineren 
teile  in  betracht  gezogen  hatte,  manches  nachtragen.  Interessant  ist  es,  dass  der 
Verfasser  auch  die  schnaderhüpfeln  berücksichtigt.  Den  Schlüssen  freilich,  die  er 
von  dieser  poesie  aus  auf  den  .volkstümlichen  Ursprung  des  tagoliedes  zieht,  können 
wir  nicht  zustimmen.  Bartsch  hatte  (a.  a.  o.  s.  293)  gesagt:  „Auch  nach  dem  fünf- 
zehnten Jahrhundert  sehen  wir  das  tagelied  im  munde  des  volkes  fortleben."  Dage- 
gen wendet  sich  Gruyter  (s.  69)  direkt:  „Das  tagelied,  wie  es  uns  in  der  volkslyrik 
des  fünfzehnten,  sechzehnten  und  späterer  Jahrhunderte  noch  entgegentritt,  ist  kei- 
neswegs nur  ein  fortleben  der  kunstmässig  gepflegten  gattimg  früherer  zeit.  Das 
tagelied  ist  weit  älter  als  der  höfische  minnesang,  es  hat  auch  im  volksmunde  wäh- 
rend der  vorher  betrachteten  Jahrhunderte  nicht  geschwiegen." 

Der  Verfasser  nimt  den  mund  etwas  voll.  Wir  konten  nicht  finden,  dass  er 
zwingende  beweise  dafür  geliefert  habe,  dass  das  tageHed  weit  älter  sei  als  der 
höfische  minnesang.  In  unsern  äugen  bleibt  das  einfach  hypothese.  Aber  gesezt 
auch,  dem  Verfasser  wäre  der  uachweis  gelungen,  dass  Dietmars  tagelied,  auf  wel- 
ches er  sich  in  diesem  abschnitt  des  öfteren  bezieht,  ein  beispiel  von  dem  A'orhan- 
densein  des  tagehedes  in  der  deutschen  volkslyrik  vor  einwirkung  der  romanischen 
poesie  sei,    so  wäre  damit  noch  immer  nicht  der  beweis  erbracht,    dass  das  tagelied 


ÜBER    DK    GRUYTER,    DAS    DEUTSCHE    TAGELIED  247 

der  volkslyrik  im  fünfzehnten  imd  sechzehnten  Jahrhundert  nicht  auf  diese  licdergat- 
tung  der  ritterlichen  zeit  zurückgehe. 

Der  Verfasser  muste  von  den  vorhandenen  tageliedern  der  Volksdichtung  aus- 
gehen, diese  mit  den  höfischen  vergleichen  und  dann  den  beweis  liefern,  dass  jene 
nicht  ein  fortleben  dieser  bedeuten  könten.  Gruyter  gibt  (s.  69)  selber  zu,  dass  „das 
Volkslied  des  fünfzehnten  bis  sechzehnten  Jahrhunderts  in  einem  teil  seiner  tagelied- 
litteratur  allerdings  ein  nachfolger  des  höfischen  minnesangs  ist."  Dieser  teil  ist 
verh.ältnissmässig  gross.  Der  Verfasser  meint  freilich,  dass  dem  ein  anderer  teil  völ- 
lig unabhängig  gegenüberstünde,  bemerkt  aber  gleich  hinterher,  dass  zwischen  bei- 
den ein  von  beiden  selten,  allerdings  mehr  von  der  volkstümlichen,  beeinflusstes 
gebiet  liege. 

Es  lässt  sich  sehr  wol  denken,  dass  das  Volkslied,  soweit  es  tagelied  ist,  sich 
an  die  ritterliche  dichtung  dieser  art  anschloss.  Als  dann  bürgerliche  Verhältnisse 
den  Inhalt  des  tageliedes  ausmachten,  traten  Veränderungen  ein,  die  sich  ganz  von 
selber  aus  der  veränderten  Situation  ergaben  und  gar  nicht  gewaltsamer  natui-  waren, 
wie  der  Verfasser  selber  s.  77  schön  ausführt. 

Der  \'ierte  teil  der  Gruyterschen  arbeit  ist  wider  eine  fleissige  samlung  von 
beispielen  für  die  tageliedsituation  im  epos,  in  der  erzählung  und  im  schwank,  im 
fastnachtsspiel,  in  der  geistlichen  dichtung,  in  der  patriotischen  und  historischen 
dichtung. 

Werfen  wir  zum  schluss  noch  einen  blick  auf  die  ganze  arbeit,  so  finden  wir, 
dass  es  dem  Verfasser  nicht  gelungen  ist,  die  an  Ordnung  des  Stoffes  überall  über- 
sichtlich zu  gestalten.  Auch  der  ausdruck  lässt  mehrfach  zu  Avünschen  übrig.  Dage- 
gen ist  die  arbeit  ziemlich  frei  von  druckfehlern.  Uns  ist  nur  folgendes  aufgestossen: 
s.  5,  z.  10  V.  0.  fehlt  hinter  Volkslied  der  punkt.  S.  9,  z.  12  v.  u.  muss  vor  und 
ein  komma  stehen,  desgl.  s.  69,  z.  4  v.  o.  hinter  entgegentritt.  S.  26,  z.  18  v.  ii. 
1.  tageweisen.  Auch  die  citate  sind,  soweit  wir  nachzuprüfen  vermochten,  meist 
richtig.  Aufgefallen  ist  uns,  dass  Gruyter  Uhlands  Schriften  zur  geschichte 
der  dichtung  und  sage  stets  als  „Kl.  Schriften"  anführt.  Auch  ist  es  für  den 
nachforschenden  recht  unbequem,  dass  Hagens  minnesinger  nach  der  alten  weise 
citiert  sind,  welche  die  seite  in  zwei  teile,  a  und  b,  zerlegt  und  dem  leser  die 
Zumutung  stelt,  die  ganze  halbseite  zu  lesen,  um  das  betreffende  citat  zu  finden. 
Wie  ungenau  ausserdem  diese  citierungsweise  ist,  zeigt  sich  z.  b.  s.  18.  24.  25  u.  ö., 
wo  man  MH  I,  116*"  liest  und  von  vorne  herein  nicht  weiss,  ob  das  lied  XXXV 
oder  XXXVI  gemeint  ist.  Noch  schlimmer  ist  es  s.  22,  wo  man  nach  der  angäbe 
MHI,  28"^  unter  den  liedern  VI.  VII.  VIII  und  IX  wählen  muss.  Es  empfiehlt  sich 
bei  derartigen  citaten  als  zweckmässiger,  band,  seite,  lied  und  strophe  anzugeben. 

LÜBECK,   18.    OKT.    1887.  HEINRICH   GISKE. 


Eeinke  de  vos.  Herausgegeben  von  Friedrich  Prien.  Mit  2  holzschnit- 
ten.  Halle,  Niemeyer.  1887.  LXXIV  u.  274s.  8.  (Altdeutsche  textbiblio- 
thek,  herausgegeben  von  H.  Paul.     nr.  8.)     4  m. 

Obwol  Lübbens  ausgäbe  des  RV  in  verdienten  ehren  steht,  so  lässt  sich  doch 
nicht  läugnen,  dass  durch  den  von  Prien  besorgten  abdruck  des  Lübecker  Eeinke 
einem  ausgesprochenen  bedürfnis  abgeholfen  wird.  Für  die  entscheidung  zahlreicher 
fragen,  die  sich  an  den  RV  so  wol  wie  an  die  gesamten  hervorbringungen  des  nd. 
bearbeiters  knüpfen ,  liefert  der  neudruck  erst  die  zuverlässige  grundlage.    Er  ist  von 


248  BRANUES 

dem  herausgebe!'  mit  schätzenswerter  genauigkeit  hergestelt;  eine  coUation,  zu  der 
mir  das  Bremer  exemplar  des  Lübecker  druckes  zur  Verfügung  stand,  hat  nur  gering- 
fügige diffcrenzen  ergeben.  V.  826  ist  zu  lesen  dar  Brun  lach,  v.  1083  So  houe- 
seheM  Jc7iape.  In  dem  Verzeichnis  der  druckfehler  des  Lübecker  druckes  fehlt  jJfre- 
laten  gl.  II,  7,  3  und  Sjjrickt  v.  4018.  Die  trennung  von  vt  und  senden  v.  3G40  ver- 
stösst  gegen  die  in  der  einleitung  aufgestelten  gruudsätze.  In  der  interpunktion  weicht 
Prien  vielfach  imd  in  den  meisten  fällen  mit  recht  von  Lübben  ab.  Des  lezteren 
interpunktion  ziehe  ich  vor  in  den  vv.  2987,  3130,  3196,  3210,  3231  und  2696. 
Nach  Torivunt  im  folgenden  verse  ist  dann  ein  semicolon  zu  setzen.  Ein  komma 
fehlt  nach  lyff  nam  überschi-.  I,  35,  ein  colon  nach  mochte  v.  3008.  Die  parenthesen, 
eine  eigenheit  des  nd.  bearbeiters,  sind  von  dem  herausgeber  mehr  beachtet,  als  dies 
Lübben  getan  hatte,  so  v.  86,  377,  451,  730,  gl.  I,  11,  4,  1290,  1584,  1811, 
1837  —  39,  2007,  2128,  2384,  2444,  2452,  2460,  2781—82,  2839,  2856,  8059, 
3335,  gl.  11,  1,  gl.n,  2,  2,  3732,  3921  —  22,  4370,  4682,  gl.  IH,  4,  4,  4908,  5643, 
5672,  5832,  5916,  5923,  6139,  6558,  gl.  IV,  10,  1,  6768.  Dass  er  v.  3254  aus  der 
reihe  derselben  gestrichen  hat,  ist  zu  billigen.  Gerechtfertigt  ist  auch,  dass  Prien 
V.  3661  das  vff  der  vorläge  beibehalten  hat.  Gegen  Lübbens  änderung  des  vff  in  up 
spricht,  dass  im  NS  an  drei  stellen  (3.  vorr.  135;  2,  24;  102,  27)  vff  tnyn  eyd  steht. 
Die  Vorzüge  der  einleitung  beiTLhen  in  der  klaren,  nichts  wesentliches  übergehenden 
darsteUung.  Die  Vorgeschichte  des  denkmals  und  die  bearbeitungen  sind  ausführlich 
und  dem  heutigen  stände  der  forschung  entsprechend  behandelt.  Besonders  müssen 
wir  Prien  für  die  Eeinke  -  bibliographie  dankbar  sein.  Es  ist  von  derselben  alles  fern- 
gehalten, was  nicht  auf  den  Eeinke  zurückgeht;  diese  notwendige  beschränkung  hat 
aber  die  Schwierigkeiten  der  mühevollen  arbeit  noch  wesentlich  erhöht.  Zu  der 
Rostocker  bearbeitung  von  1539  trage  ich  nach,  dass  bl.  14b  statt  Dat  erste  Bock 
Dat  Ander  hock  überschiieben  ist.  Der  anhang,  der  die  Culemannschen  Reinaert- 
bruchstücke  (Paul -Braune  beitr.  8,  10  fgg.)  enthält,  wird  manchem  A\'ilkommea  sein. 
Von  dem  in  den  anmerkungen  gesagten  weiche  ich  in  einigen  punkten  ab. 
2.  vorrede,  §  5,  s.  5,  13:  Desse  ghelikent  de  meyster  desses  bokes  by  deme  tvulue 
vnde  by  deme  baren,  by  deme  lasse  vnde  luperden  de  grype.  A  liest :  by  dem  losse. 
vnde  luperden  de  grype,  B :  by  deme  losse  luperden  vnde  den  grypen.  Prien  ver- 
wirft die  lesart  von  B  aus  sachlichen  gründen  und  erklärt,  Lübben  folgend,  de 
grype  mit  den  grypende^i  deren.  Bielings  ansieht  scheint  mir  indes  mehr  berech- 
tigung  zu  haben,  als  ihr  von  dem  herausgeber  zugestanden  wird.  Wenn  auch  §  2 
von  arbeydcnden  deren  und  im  ausgange  des  §  5  von  kleynen  bytenden  deren  die 
rede  ist,  so  ist  wol  mehr  gewicht  darauf  zu  legen,  dass  sämtliche  listen  von  tier- 
namen  in  den  §§2  —  5  mit  vnde  der  ghelyken  abschliessen.  Übei'flüssig  ist  das  von 
Bieling  in  der  von  ilim  vorgeschlagenen  fassung:  by  deine  losse  unde  Inperden  unde 
der  glikcn  hinter  luperden  eingeführte  tinde.  Ich  ziehe  vor,  im  anschluss  an  den 
Eostocker  druck  von  1517  das  vnde  vor  luperden  umzustellen  und  zu  lesen:  by  deme 
wulue  vnde  by  deme  baren,  by  deme  losse,  luperden  vnde  der  glyken.  Abgesehen 
von  dem  vnde  zwischen  den  ersten  beiden  tiernamen  ist  die  Übereinstimmung  mit 
den  ül)rigen  tierverzeichnissen  so  eine  volständige.  —  Hinsichtlich  der  vv.  81 — 83 
enthält  sich  der  herausgeber  eines  eigenen  erklärungsversuchs.  Die  bisher  zu  tage 
getretenen  ansichten  werden  von  ihm  verzeichnet,  auch  wird  Sprengers  verschlag 
um  dat  für  up  dat  zu  lesen,  mit  recht  zurückgewiesen.  Um  die  vorhandenen 
Schwierigkeiten  zu  beseitigen,  scheint  es  mir  nötig,  nachdrücklich  hervorzuheben, 
dass  Hinze  weder  als  ankläger  auftritt,    wie  Damköhler  meint  (Nd.  korrespondenzbl. 


ÜBER  REINKE  DE  VOS  ED.  PRIEN  249 

10,  20),  noch  als  Verteidiger,  wie  Sprenger  will  (Nd.  jahrb.  10,  107  — 108).  Es 
liudct  sich  iu  sciuen  woiien  nicht  die  geringste  spur  ii-gendwelcher  Parteinahme  nach 
der  einen  oder  nach  der  andern  seite.  In  dem  augenblick,  wo  Wackerlos  seine  klage 
vorbringt,  hat  Eeiuke  und  dessen  sache  für  Hinze  alles  Interesse  verloren.  Er  sieht 
nur  den  ehrlosen  wicht,  dessen  Schandtat  er  nicht  vergessen  hat  und  den  es  jezt  vor 
aller  weit  bloszustellen  gilt.  Der  sinn  der  werte,  mit  denen  er  seine  rede  einleitet, 
ist:  „In  der  absieht,  Eeiuke  bei  euch  in  Ungnade  zu  bringen,  zeigt  alle  weit,  selbst 
ein  so  dreister  dieb  wie  Wackerlos,  grössere  furcht  vor  ihm  als  vor  euch."  Dass 
Panther  Hinze  wegen  seiner  abschweifung  tadelt,  hat  schon  Damköhler  a.  a.  o.  dar- 
getan. 

Weitere  belege  für  den  zu  v.  127  erörterten  gebrauch  bieten  HB  15,  5:  So 
men  uns  seclit  unde  twy feien  dar  nichtcsnichtes  mi  und  DD  336  —  337:  Dar  ik  des 
ri/ces  rat  alrede  hehbe  hengcsant  Mit  Zinsen  breven  unde  ök  in  ernste  därna  wer- 
i'cn.  Das  subj.  ist  im  ersteren  falle  aus  dem  uns,  im  lezteren  aus  Winsen  zu 
erschliesseu.  Vgl.  auch  Seelmann  zu  Val.  u.  Nam.  36.  Die  bemerkungen  Priens  zu 
v.  1308  und  gl.  I,  36,  1  behandeln  dieselbe  sache.  —  Apposition  im  nominativ  in  der 
zu  V.  764  besprochenen  weise  findet  sich  auch  im  DD  73:  Men  leset  van  einem 
riken  van  gclde,  ein  uneddel  man.  Baethcke  weist  in  der  anmerkung  zu  der  stelle 
aus  dem  Bök  der  profec.  ein  zweites  beispiel  nach.  —  Die  widerholung  desselben 
ausdruckes  zum  zwecke  der  Verstärkung  (gl.  I,  17,  5.  s.  65,  2)  gehört  zu  den  cha- 
rakteristischen eigentümlichkeiten  des  dichters,  vgl.  Ztschr.  f.  d.  a.  32,  28.  —  Ab- 
schwächung  des  auslautenden  m  zu  n  liegt  ausser  an  den  zu  v.  2131  citierten  stellen 
vor:  V.  23,  1259,  1390,  1685,  2131,  6176.  Bemerkenswert  ist,  dass  die  zu  dieser 
zeit  immerhin  noch  nicht  häufige  erscheinung  auch  im  DD  (v.  1000  und  v.  1059) 
auftritt. 

Wie  sich  der  herausgeber  zu  v.  1136  mit  einer  auffallenden  syntaktischen 
eigentümlichkeit  abfindet,  scheint  der  bedeutung  derselben  nicht  ganz  angemessen. 
Auf  grund  der  darlogimgen,  die  Nissen  in  seinem  ForsDg  til  en  middelnedertysk  Syn- 
tax gegeben  hat,  stelt  er  sämtliche  fälle,  in  denen  pleonastisches  dat  auftiitt,  unge- 
schieden nebeneinander.  Aus  der  beobachtung  eines  umfangreicheren  materials,  als 
Nissen  herangezogen  hat,  resultiert  indes  die  unhaltbai'keit  der  von  diesem  aufgestel- 
ten  theorie.  Dat  ist  keiuesfals  eine  bedeutungslos  eingeschobene  conjimction,  die 
den  zweck  hat,  die  Inversion  nach  adverbialen  bestimmungen  im  satzanfange  zu  ver- 
meiden. Wenn  diese  absieht  in  frage  kernt,  was  bei  subj.  -f-  dat  gar  nicht  der  fall 
sein  kann,  so  steht  sie  gewiss  in  zweiter  reihe.  Zu  einer  erklärung  der  erscheinung 
reicht  sie  nicht  aus.  RV  v.  5131:  Vp  synen  lieren  dat  he  spranck  und  v.  1136: 
Se  begunde  eni  dat  na  to  stryken,  v.  1490:  Ik  leep  vor  vmle  se  my  dat  na,  v.  5089 
—  90:  Se  redden  eme  na  vp  deme  spor,  Se  eine  dat  na.,  dat  herte  leep  vor  lassen 
sich  nicht  vereinigen.  Grimm  gr.  4,  445  behandelt  hinsichtlich  des  ersteren  falles 
zunächst  die  möghchkeit,  dass  der  Vordersatz  it  was  ausgefallen  sei  und  somit  eine 
dem  frz.  e'est  —  qiie  entsprechende  wendung  vorliege.  Gegen  die  annähme  solcher 
eingänge,  die  in  nnl.  volksUedern  wirklich  vorhanden  sind,  macht  er  geltend,  dass 
die  ellipse  hier  etwas  hartes  habe  und  dass  das  frz.  c'est  nie  wegfallen  könne.  Sind 
die  von  Grimm  erhobenen  einwände  an  und  für  sich  schon  triftig  genug,  so  besitzen 
wir  in  meister  Stephans  Schachbuch  v.  1752:  To  Allexandro  alle  dat  se  qiiemen  auch 
ein  sicheres  zeugnis,  welches  die  unzulässigkeit  des  Vergleichs  mit  der  bekanten  frz. 
Wendung  dartut.  Die  vorangestelte  adverbiale  bestimmung  schliesst  die  ergänzung 
eines  Vordersatzes  hier  geradezu  aus.     An  zweiter  stelle  spricht  Grimm  die  vermu- 


250  BRANDES 

tung  aus,  dass  man  es  mit  einem  domonstr.  zu  tun  habe.  Diese  Vermutung  -vnrd 
zur  gewissheit,  wenn  man  auf  das  zur  wideraufnahme  eines  subj.  oder  obj.  dienende 
demonstr.  zurückgelit.  Im  RV  begegnet  dasselbe  v.  67 :  Mot  de  laster  mynes  wyues 
de  gheyt  my  na.  Hier  würde  der  nd.  bearbeiter  auch  haben  sagen  können:  Men  de 
laster  mynes  ?cyucs  dat  yheyt  my  na,  da  das  neutrum  dat  auch  auf  masc.  und  fem., 
wde  auf  den  plur.  bezogen  werden  kann.  Beispiele  für  diese  Verwendung  von  dat 
finden  sich  im  Mnd.  wb.  1 ,  490.  Das  neuti'ale  dat  ist  almählich  in  den  accus,  ein- 
gedrungen (Val.  und  Nam.  2468:  biscop  Frankarde  dat  he  kos)  und  in  bezug  auf 
adverbiale  bestimmungen  herschend  geworden.  Das  verbum  des  satzes  kann  ein  ver- 
buni  des  sagens  oder  der  bewegung  sein,  seltener  sind  verben,  die  einen  zustand  der 
ruhe  ausdrücken  (meister  Stephans  Schachbuch  3944:  In  menghen  sunden  dat  se 
lach;  Val.  und  Nam.  1899:  nnder  einen  bome  dat  se  sat).  Es  eriibrigt  noch,  den 
Charakter  des  dat  in  den  vv.  1136,  1490  und  5090  des  RV  zu  bestimmen,  die  bisher 
nicht  in  betracht  gezogen  sind.  Nissen  verbindet  das  dat  mit  dem  vorhergehenden 
pronominalen  dativ  und  erklärt  es  wie  das  ziierst  erörterte.  Dagegen  spricht,  dass 
in  den  drei  sätzen  auch  dann  keine  Inversion  eintreten  würde,  wenn  das  dat  fehlte, 
sodann  der  auffällige  umstand,  dass  jedesmal  dem  dat  das  adv.  na  folgt.  Der  Icztere 
legt  die  Vermutung  nahe,  dass  dat  zu  dem  verbalen  ausdrucke  zu  ziehen  ist.  Lüb- 
bens  und  Hoffmanns  erklärungen  beruhen  auf  dieser  annähme.  Lübben  erblickt  in 
dem  dat  ein  ausmalendes  demonstr.  iind  deutet  auf  das  mhd.  ex  hin,  welches  im 
accusativ  mit  activen  verben  verbunden  Avird ,  ohne  dass  es  sich  auf  ein  vorausgehen- 
des subst.  bezieht  (Grimm  gr.  4,  333).  An  eine  solche  analogie  kann  indes  bei  ver- 
ben wie  nalopcn,  nastrykcn  des  adverbialen  bestandteils  wegen  nicht  gedacht  wer- 
den. Hoffmann  meint,  dat  stehe  für  trat  in  der  bedeutung  „etwas"  und  interpretiert 
V.  1136:  sie  begann  ihm  was  nachzulaufen,  d.  h.  ganz  gehörig,  wat  hat  diese  von 
Lübben  angezweifelte  verstärkende  wirkung  olme  frage,  vgl.  Chr.  d.  uordelb.  S.  p.  108: 
nement  konde  sik  ivat  iceren.  Beeinflusst  haben  das  sonst  nicht  belegte  eintreten 
von  dat  für  wat  wol  die  redensarten  dat  he  konde,  dat  he  mochte,  die  auch  im  RV 
zur  Verstärkung  des  verbalen  ausdrucks  gebraucht  werden.  V.  5194:  Myn  vader  leep 
vor,  de  hunde  eme  na  kann  demnach  das  dat  entbehren,  da  der  folgende  vers:  He 
leep,  dat  em  vthhrack  dat  sweet  die  funktion  desselben  übernimt. 

Vermisst  habe  ich  eine  bemerkung  über  das  ungewöhnliche  syk  v.  983.  Im 
and.  findet  sich  der  dativ  des  persönlichen  pronomens  bei  den  verben  sein  und  tun 
und  bei  den  verben  der  bewegung  nicht  selten.  Belege  aus  dem  Hei.  hat  Heyne, 
Kleine  alts.  und  anfrk.  gramm.  s.  111  zusammengestelt;  vgl.  auch  Grimm  gr.  4,  29  fgg. 
und  Nissen  §  63.  sik  bei  intransitiven  verben  besteht  in  einzelnen  heutigen  mund- 
arten  fort.  —  V.  2786  tritt  die  auch  HB  19,  4;  NS  71,  9  und  104,  62  erscheinende 
sprichwörtliche  redensart  eine  irassene  nese  ansetten  auf.  Da  der  herausgeber  pla- 
cebo  domino  bespricht,  so  wäre  hier  ein  kurzer  hinweis  auf  Zarnckes  anmerkung  zu 
Brants  narrenschiff  71,  10  und  Wander  3,  955  wol  am  platze  gewesen.  —  Zu 
V.  3973  —  74:  Id  is  n-aer,  vele  j)apen  syn  in  Lomberdyen,  De  ghemeenlyken  hebben 
ere  egenc  aniyen;  Men  nicht  en  syn  de  in  desseme  lande  hätte  erwähnt  werden 
können,  dass  unser  dichter  melirfach  unter  ähnlichen  umständen  auf  Lomberdj^en 
verweist,  so  gl.  I,  3,  3.  s.  16:  To  deme  drydden  teert  hir  gheroret  de  ebrekerye,  de 
in  etliker  heren  lande  schud  manckt  n:elken  eddelyngen  in  aficcsende  des  rechten 
heren  edder  echten  yaden,  dat  ryllychte  Icyder  wol  schud  in  Lomberdyen  vnde  in 
Wallant,  dar  dyt  boek  ersten  ghedyehtet  is;  men  flieht  en  is  dat  des  lerers  meninge, 
dat  yd  in  dessen  landen  schud,   god  sy  ghclouct,    gl.  I,  3,  6  und  HB  10,  14  — 18: 


j 


ÜBER    REINKE   DE    VOS    EU.    PRIEN  251 

De  rcntener  irokcrt  den  menen  man  ufh  Ane  alle  gnade  efte  banuherticJieyt.  Be- 
holt de  arme  wat,  he  neme  dal  wol  dar  to;  Nicht  hir,  men  in  den  steden  in 
Lomberdien,  Dar  don  se  so,  ya  nemen  tveeh  beyde  sn-yn  tmde  ko. 

Das  glossar  ist  mit  Sorgfalt  zusammen gestelt.  Boi  einzelnen  zweifelhaften  aus- 
drücken wie  stoppehneter  ist  die  vorhandene  litteratur  angegeben.  Eine  bemerkung 
liiitte  ich  zu  sik  prysen  an  gewünscht.  Lübben  hat  im  Mnd.  wb. ,  auf  das  im  vor- 
woi-te  nachdrücklich  verwiesen  wird,  eine  falsche  erklärung  des  ausdrucks  gegeben 
und  sich  dadurch  in  Widerspruch  zu  dem  glossar  seiner  ausgäbe  gesezt,  vgl.  diese 
ztschr.  17,  504. 

Die  ausstattung  der  ausgäbe  verdient  alles  lob.  Beigegoben  sind  gute  nach- 
bildungen  je  eines  holzschnittes  aus  den  Culemannschen  bruchstücken  und  aus  dem 
Lübecker  Reinke.  Zu  den  druckberichtigungen  des  herausgebers  habe  ich  nur  hinzu- 
zufügen: V.  3018  doet!  statt  doct.'' 

BREME.V,    4.   MiRZ    1888.  HEEMAX    BRANDES. 


Johannis  Spaugenbergii  Bellum  grammaticalc,  iterum  edidit  Rol)ertus 
Schneider  Halberstadiensis.  Gottingae,  apud  Yandenhoeck  &  Ruprecht.  1887. 
41  s.     12.     1,15  m. 

Die  familie  Spangenberg  lebt  mit  ihren  litterarischen  produkten  im  19.  jahi'- 
hundert  wider  auf:  von  dem  vater  (Cyriacus)  des  beriihmten  AVolfhart  ist  die  „kirnst 
der  inusica"  schon  1861  im  litterarischen  verein  (nr.  62)  wider  abgedruckt  worden  und 
neuerdings  hat  W.  Rembke  sein  „Formularbüchlein  der  alten  Adamssprache"  mit  biogra- 
phie  und  Verzeichnis  der  Schriften  herausgegeben  (Dresden  1888).  Eine  auswahl  aus 
den  dichtungeu  des  sohnes  verdanken  wir  E.  Maiiin  (Strassburg  1887)  Die  oben  ver- 
zeichnete schiift  hat  den  grossvater  Johannes  zum  autor. 

Der  herausgeber  der  lezteren  bietet  einen  blossen  abdruck  und  hat  es  in  sei- 
ner lakonischen  praefatio  sogar  verschmälit,  über  den  zu  gründe  gelegten  dnick 
nähere  auskimft  zu  geben.  Ja  er  scheint  sich  um  die  alten  drucke  überhaupt  nicht 
gekümmert  zu  haben,  da  er  der  meinung  ist,  Spangenberg  habe  das  buch  ante  haec 
tria  fere  saeciüa  geschrieben.  Aber  Johannes  Spangenberg  ist  schon  vor  338  jähren 
(1550)  gestorben  imd  sein  Bellum  grammaticale  ist  vor  354  jähren  (1534)  zuerst  in 
Wittenberg  erschienen.  Auch  in  sachlicher  hinsieht  hätte  sein  buch  zu  eingehender 
Untersuchung  anlass  und  gelcgenheit  geboten. 

Es  beruht  auf  der  personification  der  grammatischen  begriffe.  Das  nomen  Poeta 
und  das  verbum  Arno  beherschten  lange  zeit  einträchtig  das  grammatische  reich. 
Einstmals  nach  einem  gelage  entsteht  ein  ringkampf  zwischen  den  beiden  königen. 
Das  nomen  beruft  sich  auf  die  bibel:  Gott  hat  die  weit  erschaffen,  und  Deus  ist  ein 
nomen.  Das  verbum  macht  dagegen  geltend:  In  principio  erat  verbum.  Es  komt 
zum  kriege.  Jeder  der  beiden  könige  bietet  seinen  anhang  auf:  das  verbum  die 
adverbia  und  alle  gattungen  von  verben,  welche  in  einer  art  schifskatalog  aufgezählt 
und  in  vier  conjugationen  geordnet  aufgestelt  werden;  das  nomen  zieht  die  pronomina 
und  Präpositionen  an  sich  und  ordnet  seine  truppen  in  5  declinationen  jenseits  des 
flüsschens  Sive,  an  dessen  diesseitigem  ufer  das  verbum  seine  schaaren  versammelt 
hat.  Das  participium ,  von  beiden  selten  vergebens  umworben,  hält  sich  neutral,  wäh- 
rend gerundium  und  supiuum  zur  partei  des  verbums  übertreten.  Die  Verluste  auf 
beiden  selten  werden  geschildert:  z.  b.  aio  hat  die  meisten  tempora,  modi  und  numeri 
eingebüsst,  sowie  viele  comparative  auf  der  gegenpariei  den  positiv  usw.     Als  kriegs- 


252  MINOR,    ÜBER    SPÄNGENBERG,    BELL.    GRAMM.    ED.    SCHNEIDER 

beute  werden  die  präterita  mit  passivbedeutung  coeoatus,  iuratus,  potus  usw.  und 
auf  Seite  der  nomina  die  doppelformen  honor  —  bonos  usw.  ausgelegt.  Die  einsieht, 
dass  der  grammatische  Staat  nicht  ohne  eintracht  bestehen  kann,  führt  zu  friedens- 
unterhandlungeu.  Die  triumvirn  Priscian,  Servius  und  Donatus  werden  mit  aus- 
arbeitung  einer  seutentia  defiuitiva  beauftragt.  Sie  lautet:  in  den  casus  obliqui  soU 
das  verbum,  in  den  casus  recti  das  nomen  herschen.     Der  friede  wird  geschlossen. 

Das  motiv  dieses  in  lateinischer  prosa  abgefassten  schiiftchens ,  welches  viel- 
leicht durch  Lucian  angeregt  ist  und  oifenbar  den  pädagogischen  zweck  verfolgt 
spielend  in  der  grammatik  zu  unterrichten,  ist  auch  für  die  geschichte  des  drama  von 
intei'esse.  Isaac  Gilhausen  (A'gl.  Scherer  in  der  algemeinen  deutschen  biographie 
und  das  programm  eines  jüngeren  Gühausen,  dessen  vollen  titel  man  in  Goedekes 
grimdriss  II-,  379  findet)  hat  in  seinem  drama  Grammatica  1597  davon  gebrauch 
gemacht.  Grammatica  tritt  die  herschaft  an  üire  vier  töchter  Orthographia,  Pro- 
sodia,  Etymologia,  Syntaxis  ab.  Etymologia  sezt  wider  die  partes  orationis  zu 
verwalten!  ein:  aber  verbum  und  nomen  vertragen  sich  nicht  und  geraten  in  streit. 
Als  die  Schlacht  im  gange  ist,  legen  sich  auch  hier  Etymologia  und  Syntaxis  ins 
mittel  und  stellen  die  zu  beachtenden  regeln  auf.  Gilhausen  dichtete  für  die  bühne 
des  Landgrafen  Monz  von  Hessen,  für  welchen  dessen  leibarzt  Johannes  Rhenanus 
die  englische  moralität  von  Anthony  Brewer  „Lingua"  in  der  deutschen  komödie 
„Speculum  ästheticum"  bearbeitete  (vgl.  Höpfner,  Eeformbestrebungen  39  fgg.  und 
Creizenachs  Studien  zur  geschichte  der  dramatischen  poesie  im  siebzehnten  jahrhun- 
hundert,  erster  beitrag,  Sitzungsberichte  der  kgl.  sächs.  geselschaft  der  Wissenschaf- 
ten, philosophisch -historische  klasse  1886  s.  104  fg.  anm.):  hier  streitet  die  zunge, 
als  Lingua  personificiert ,  mit  den  5  andern  sinnen  um  üiro  anerkennung  als  6.  sinn. 
Möglich  dass,  wie  Scherer  vermuten  wolte,  auch  Gühusius  eine  englische  vorläge 
benuzte.  Im  jabre  1600  wurde  eine  „Comödie  aus  der  grammatica  des  M.  Martin 
Pfüntol"  in  Plauen  aufgeführt  (vgl.  Heüand,  dramatische  aufführungen  in  Weimar 
1858  s.  4  anm.).  Im  17.  Jahrhundert  bearbeitet  Harsdörffer  im  IV.  teil  der 
gesprächspiele  ein  englisches  drama  The  sophister,  in  welchem  die  kunstwörter  der 
logik  als  personen  auftreten;  für  die  schulen  hat  er  es  noch  obendrein  lateinisch 
bearbeitet.  Harsdörffer  selbst  benuzte  die  figuren  der  redekunst  in  ähnhchcr  weise 
und  Tittmann  (Die  Nürnberger  dichterschule  s.  191  fg.)  wül  im  deutschen  roman  (?) 
imd  bei  den  italienischen  akademien  ähnliches  gefimden  haben.  Caspar  von  Stie- 
ler in  seinem  „WiUmut"  führt  dann  ebenso  die  begriffe  aus  der  moral  personificiert 
ein  (vgl.  Gervinus  HI,  311  anm.).  Yielleicht  lässt  sich  auch  im  spanischen  drama 
ähnliches  nachweisen. 

Diesen  litterarischen  dingen  näher  zu  treten,  hatte  der  hcrausgeber  keinen 
beruf.  Er  verfolgt  mit  dem  neudruck  keinen  andern  zweck  als  der  Verfasser  des 
Bellum  grammaticale  im  XVI.  Jahrhundert  imd  spricht  sich  in  der  praofatio  mit  den 
wollten  aus:  „Arbitror  autem  non  sine  aliquo  fractu  hoc  opusculum  et  adolescentibus 
et  vüis  nnguae  latinae  peritis  proponi  posse:  qua  lectione  et  discipuli  iucunditate  et 
delectatione  quadam  ad  formas  grammaticae  percipiendas  vel  repetendas  ducentui',  et 
viii  docti  non  mediocrem  voluptatem  capient,  quia  mirum  in  modum  iocosa  seiiis 
mixta  sunt." 

WIEN,    7.  yiAI   1888.  MINOR. 


SCHWEIZER  -  SIDLER ,    ÜBER   IIÜLLENHOFF,    ALTERTUMSKUNDE   11  253 

Karl  Miilleiihoff,  Deutsche  altertumskunde.  Zweiter  band.  Mit  4  karten 
von  Heinrich  Kiepert.  Berlin,  "Wcidmannsche  buchhandlung.  1887.  X  u.  407  s. 
14  ni. 

Das  gehaltvolle,  mit  warmer  pietät  gescliiiebene  vorwort  gibt  uns  aufschluss 
über  den  die  altertumskunde  betreffenden  nachlass  MüUenhoffs  und  über  dessen  ver- 
sorge für  eine  volstiindige  veröffentUcbung  derselben.  Danach  dürfen  wir  hoffen, 
dass  die  grossartige  schöi)fung  uns  in  verhältnismässig  kurzer  zeit  vollendet  vorliegen 
werde,  wenn  sie  auch  nicht  in  allen  ihren  teilen  so  schön  ausgebaut  uns  vorliegen 
kann  und  wird,  wie  es  diejenigen  partien  sind,  welche  der  gewaltige  forscher,  der 
unermüdliche  fortarbeiter  und  glückliebe  linder  selbst  uns  vorführen  wolte.  Wii' 
freuen  vms,  dass  Eödiger  sein  vorwort  auch  damit  geschmückt  hat,  dass  er  in 
wenigen,  aber  markigen  zügen  das  bild  des  Schaffens  seines  grossen  meisters,  dass 
er  uns  ein  bild  seines  wissenschaftlichen  Charakters  und  seiner  Vaterlandsliebe  ent- 
worfen hat. 

Dieser  zweite  band  lag  zum  abdrucke  fertig  vor,  als  der  tod  das  edle  leben 
zernichtete;  aber  doch  hätte  wol  der  sich  selbst  nie  genügende  forscher  noch  man- 
ches kleinere  da  und  dort  geändert  und  hinzugefügt.  Nur  wenige  zusätze  sind  dann 
von  den  herren  Pniower  imd  Rüdiger  nach  deren  billigung  durch  Wilhelm 
Scherer,  den  MüUenhoft"  zimächst  seine  arbeiten  fortzuführen  bestirnt  hatte,  hinzu- 
gekommen; ausserdem  sind  randbemerkungen  von  MüUenhoff  selbst  vorgedruckt. 

Sollen  wir  nun  in  einer  Zeitschrift  für  deutsche  philologie  in  kürze  den  Inhalt 
des  vorliegenden  bandes  angeben,  wie  das  in  Zeitschriften  für  klassische  philologie 
zugleich  mit  der  absieht  geschehen  ist  herauszuheben,  was  etwa  für  kritische  con- 
stituierung  des  Germaniatextes  usw.  aus  ihm  zu  entnehmen  sei?  Wir  denken,  dass 
jeder  leser  dieser  Zeitschrift  das  buch  selbst  nicht  nur-  zur  band  nehmen,  sondern 
recht  gründlich  diu'chstudieren  wird.  Für  leute,  denen  es  nur  darum  zu  tun  ist 
zu  sehen,  was  je  für  ihre  besonderen  zwecke  in  diesem  bände  enthalten  sein  möchte, 
dient  hinreichend  das  reiche  register,  welches  der  herausgeber  angefertigt  hat.  Mül- 
lenhoffs  forschungen  zu  chai'akterisieren  hat  Eödiger,  wie  schon  angedeutet,  in  dem 
Vorworte  mit  glück  unternommen.  Wir  könten  nur  etwa  noch  besonders  den  hohen 
ernst  heiTOrheben,  mit  welchem  Müllenhoff  blossen  einfallen  entgegentritt  und  das 
erfolgreiche  streben,  aus  dem  Ungeheuern  i;nd  weit  zerstreuten  material,  welches  mit 
der  schärfsten  kritik  gesichtet  wird,  eine  volle  anschauung  des  grossen  ganzen  zu 
gewinnen  und  von  da  aus  dem  einzelnen  wider  licht  zu  schaffen.  Wir  meinen,  im 
grossen  ganzen  lässt  sich  hier  kaum  etwas  als  verfehlt  nachweisen;  auch  im  einzel- 
nen nichts?  Gewiss  wird  das  geschehen  können.  Auch  des  grössten  mannes  werk 
ist  menschenwerk.  Aber  nach  unserer  ansieht  dürften  wesentlichere  irtümer  auch 
im  einzelnen,  wie  sie  gewiss  Müllenhoff  selbst  bei  längerem  leben  entdeckt  hätte, 
erst  nach  längerem  liebenden  nachforschen  aufgedeckt  werden  können,  und  es  soll 
nicht  gleich  nach  dem  hervortreten  des  schönen  baues  die  freude  daran  durch  klein- 
liches bemängeln  getrübt  werden. 

Mit  freudigem  stolze  darf  Deutschland  vor  allem  auf  zwei  mäuner  hinbUcken, 
welche  sein  wesen  und  seine  weltstelluug  klargelegt  haben.  Jakob  Grimm  hat 
einst  mit  genialem  blicke  auf  breitester  grundlage  ein  herliches  sprachwerk  geschaf- 
fen; er  hat  aber  auch  durch  seine  rechtsaltertümer,  seine  mythologie,  seine  geschichte 
der  deutschen  spräche  den  grund  zu  einer  algemeinen  deutschen  altertumskunde 
gelegt.  Müllenhoff"  hat  als  lehrer  und  Schriftsteller  für  den  ausbau  der  deutschen 
Sprachwissenschaft  und  für  die  tiefere  einsieht  in  die  deutsche  litteratur  nachhaltigst 


254  WEINHOLD,    ANZEIGEN 

gewirkt,  vom  anfang  aber  seiner  tiitigkeit  auch  das  umspannen  des  ganzen  angestrebt 
und  die  harmonie  aller  lebensäusserungen  des  deutschen  geistes  lebendig  aufgefasst 
und  dargestelt.  Wir  wollen  es  nicht  unternehmen,  die  Verschiedenheit  der  anlagen 
dieser  beiden  miänner  zu  zeichnen,  die  kritische  schärfe  und  die  macht  der  phantasie 
bei  Grimm  und  Müllcuhoif  abzuwägen.  Jakob  Grimm  war  es  beschieden,  den  grand 
zu  legen,  Müllenhoff  konte  auf  dieser  grundlage,  geschult  durch  den  iinvergesslicheu 
Lach  manu,  weiterbauen.  Ein  edler  grundzug  waltet  in  den  beiden  männern  gleich 
stark,  der  herlichste  Patriotismus,  der  alle  kräfte  aufbietet,  um  selbst  zur  wahren 
erkentnis  des  germanischen  wesens  zu  gelangen  und  diese  erkentnis  als  reich  befruch- 
tende ihrer  uation  in  vollem  bilde  vorzuführen.  Ihre  werke  sind  ungleich  lebendigere 
denkmale  als  eine  eherne  Germania. 

ZÜRICH,    IM    JUNI    1888.  H.    SCHWEIZER- SIDLER. 


'\Veudeliii  Toisclier,  Über  die  spräche  Ulrichs  von  Eschen  buch.  (Separat- 
abdruck aus  dem  programm  des  k.  k.  deutscheu  Neustädter  Staats  -  obergymna- 
siums  zu  Prag.)     Prag,  G.  Neugebauer  1888.     28  s.     gr.  8.     1,20  m. 

Herr  W.  Toischer,  der  sich  seit  lange  mit  Ulrich  v.  Eschenbach  beschäftigt 
und  im  jähre  1876  bereits  dessen  Wilhelm  v.  Wenden  herausgab,  wird  noch  in  die- 
sem jähre  die  Alexandreis  desselben  voraussichtüch  erscheinen  lassen.  Um  das  ohne- 
hin umfangreiche  buch  nicht  alzusehr  anzuschwellen,  hatte  herr  Toischer  bereits  über 
die  quelle  und  die  abfassungszeit  des  gcdichts  in  den  Sitzungsberichten  der  Wiener 
akademie  der  w.  bd.  CXVII,  311 — 408  (1881)  seine  Untersuchung  veröffenthcht, 
und  gibt  nun  in  der  beigäbe  zum  lezten  programm  seines  gymuasiums  seine  beobach- 
tungen  über  die  spräche  des  dichters  unter  ausbeutung  des  Wilhelm  wie  des  Alexan- 
der, zur  rechtfertiguug  namentlich  von  manchen  besonderheiten ,  die  in  der  ausgäbe 
der  Alexandreis  auffallen  könten.  Denn  Ulrich  von  Eschenbach  brauchte  ober-  und 
mitteldeutsche  formen  und  worte  neben  einander,  indem  er  zwar  Wolfram  v.  Eschen- 
bach auch  sprachlich  nachzuahmen  suchte,  aber  unwilkürlich  in  seinen  angebornen 
dialekt  häufig  veiHel.  Im  engen  anschluss  an  meine  mhd.  grammatik  legt  herr  Toi- 
scher in  gedrängter  fassuiig  seine  beobachtungen  vor  über  quantität  und  accent,  über 
die  einzelnen  vocalc,  über  die  consonanten,  über  die  bilduug  der  worte,  die  conju- 
gation  und  dechnatiou,  alles  auf  die  reime  Ulrichs  gegründet.  Es  ist  somit  eine 
feste  grundlage  für  die  kentnis  der  Schriftsprache  jenes  dichters  gewonnen. 

BRESLAU.  K.    WEINHOLD. 

Gastmähler  und  trinkgelage  bei  den  Deutschen  von  den  ältesten  zeiten 
bis  ins  neunte  Jahrhundert.  Ein  beitrag  zur  deutschen  kultur- 
geschichte  von  Franz  Autoii  Specht.  Stuttgart,  Cottasche  buchhandlung. 
1887.     61  s.     8.     1,20  m. 

Das  kleine  büchlein  bringt  nichts  au  sich  neues;  es  ist  aber  eine  gute,  aus 
den  quellen  genommene  Zusammenstellung  der  nachrichten  über  speise  und  trank, 
essen  und  trinken  der  Deutschen  bis  in  die  karUngische  zeit  hinein.  Der  Verfasser 
gibt  diese  nachlichten  gewant  wider,  im  anfang  in  etwas  hochtragender,  inversionen- 
reicher Sprache,  die  aber  almählich  natürlicher  wird.  Nicht  immer  werden  die  quel- 
len ganz  treu  verwertet.  So  ist  s.  35  die  stelle  aus  der  Germania  c.  14  über  die  in 
ausrüstuiig  und  unterhalt  bestehende  besoldung  der  gefolgsleute  durch  den  princeps 
so  ausgelegt:    „Wenn  deutsche  krieger  von   ihrem  fürsten  nui'  reichlich  zu  trinken 


GERING,    ÜBER   JAHRESBERICHT   IX  20D 

bekanicii,  verzichteten  sie  gerne  auf  jede  andere  reicliliche  entlohüung  ilirer  dienste." 
Auch  die  citate  stimmen  nicht  immer. 

BRESLAU.  KARL   WEINHOLD. 

Jahresbericht  über  die  erscheiaungen  auf  dem  gebiete  der  germani- 
schen Philologie,  herausgegeben  von  der  geselschaft  für  deutsche 
Philologie  in  Berlin.  Neunter  Jahrgang,  1887.  Leipzig,  verlag  von  Carl 
Reissner.  1888.     IV,  333  s.    8.     8  m. 

Der  Jahresbericht,  der  ^viderum  mit  gewohnter  Pünktlichkeit  sich  einstelte,  ist 
diesmal  nicht  so  umfangreicli  wie  sein  Vorgänger,  da  die  redaction  sich  entschlossen 
hat,  die  pädagogische  abteilung  fallen  zu  lassen.  Diese  massnahme  wird  dadurch 
raotiviei-t,  dass  neuerdings  durch  die  Zeitschrift  für  den  deutschen  Unterricht  und  die 
Jahresberichte  über  das  höhere  Schulwesen  für-  die  bibliographische  Verzeichnung 
pädagogisclier  litteratur  ausreichend  gesorgt  ist.  Ausserdem  ist  nur  eine  äusserliche 
änderuug  getroffen,  indem  die  bücher  nicht  durch  das  ganze  werk  durch  nummerieii 
sind,  sodera  jede  abteilung  für  sich  gezählt  ist,  wodurch  dem  hauptredacteur  eine 
sehi'  mühselige,  aber  durchaus  unfruchtbare  arbeit  erspart  wurde.  Im  übrigen  ist 
der  jaliresbericht  mit  derselben  akribie  und  Sorgfalt  gearbeitet  wie  die  früheren  Jahr- 
gänge: dies  erfreuliche  resultat  ist  natürlich  wie  bisher  nur  durch  arbeitsteilung 
erreicht  worden.  An  dem  vorliegenden  bände  haben  nicht  weniger  als  15  jüngere 
gelehrte  (meist  gymuasiallehrer,  doch  auch  ein  Universitätsprofessor)  sich  beteiligt; 
die  21  fächer  waren  so  verteilt,  dass  herr  Bethge  das  got.  und  ahd.,  herr  Böhm  die 
altertümer,  herr  Bolte  mythologie,  Volkskunde  und  die  Übergangszeit  zwischen  mhd. 
und  uhd.,  herr  Bötticher  das  mhd.  und  nhd.,  herr  Brandes  das  niederdeutsche,  frie- 
sische und  niederländische,  licrr  Brandt  und  herr  Dieter  das  englische,  herr  Fischer 
die  kulturgeschiclite,  herr  Kaiser  die  algemeine  lexikographie,  die  namenforschung 
und  die  oberd.  dialekte,  herr  Kerckhoff  das  mittellatein ,  herr  Kinzel  die  litteratiu'- 
^cschichte,  herr  Löschhorn  die  geschichte  der  german.  philologie,  herr  Machule  die 
skandinavischen  sprachen,  herr  Mahlow  die  algemeine  und  vgl.  Sprachwissenschaft, 
herr  Röpke  das  deutsche  recht  bearbeiteten.  —  Leider  ist  der  buchhändlerische  erfolg 
des  hochverdieustüchen  Unternehmens,  das  den  fachgenossen  geradezu  unentbehrlich 
uvworden  sein  dürfte,  noch  immer  ein  wenig  befriedigender,  und  es  ist  sehr  zu  wün- 
schen, dass  hierin  ein  wandel  zum  besseren  eintrete,  damit  der  verein  für  deutsche 
Philologie  für  die  im  Interesse  der  Wissenschaft  gebrachten  opfer  au  zeit  und  geld  in 
angemessener  weise  entschädigt  werde.  Die  bibliotheken  der  höheren  schulen  selten 
IS  nicht  unterlassen,  ein  so  wichtiges  bibhographisches  hilfsmittel  zu  erwerben,  und 
vor  allem  selten  die  Verleger  von  germanistischer  litteratur  durch  unentgeltliche  Über- 
lassung ihrer  aiükel  das  unternehmen  stützen  und  fördern:  sie  würden  dadurch  zu- 
gleich ihrem  eigenen  vorteil  dienen. 

HALLE.  H.    G. 

STIEZEN. 

Im  Handw.  2,  1190  habe  ich  das  sfd;eti  zu  gründe  liegende  verb  stiegen  nach- 
gewiesen mit  den  werten:  j, stiegen  erscheint  durch  den  reim  gesichert  im  passion. 
158,  83:  rfrt;  hi(s  mit  frcuden  man  üf  stö?  (:gror)";  ich  sagte  also  nicht,  dass  es 
durch  den  reim  , gesichert  scheint",  wie  Kinzel  oben  band  10.  84  anm.  2  flüchtig 
bemerkt. 


256  MISCELLEN   UND   NACHRICHTEN 

Einen  nhd.  beleg  aus  dem  18.  jh.  kann  ich  min  aus  dem  Asiatischen  Avan- 
turicr  (Frankf.  u.  Leipzig  1754)  s.  337  beibringen: 

Wir  ivaren  kaum  tviedcr  aufgebrochen,  so  kam  ein  arabischer  2))'iiäx  mit  einem 
gefolg  mit  mehr  als  100  mann,  und  stosx,  xu  uns. 

•WÜRZBURG,    JULI    1888.  LEXER. 

ZU  LAUREMBERG. 

In  seiner  treflichen  ausgäbe  der  Scherzgedichte  Laurembergs  (Halle  1879)  hat 
Braune  an  zwei  stellen  anstoss  genommen,  die  dem  kenner  des  lebenden  nd.  ohne 
weiteres  verständlich  sind.  I,  352  braucht  nichts  als  höchstens  die  Interpunktion 
geändert  zu  werden:  Hgr  hefft  ein  groet  farty  de  wancken  udt  getagen 
t)hI,  hest  mick  oek  tvol  sehn!  de  tvitte  flo  affjagen. 
Die  redensart  „hest  mi  ok  ivol  seihn"  oder  „hest  mi  nich  geseihn"  ist  noch  heute 
im  nd.  übhch,  um  eine  schnelle  oder  plötzliche  bewegung  zu  bezeichnen,  vgl.  z.  h. 
Fritz  Reuter,  sämtl.  werke  I  (1877)  s.  214: 

so  pedd't  sei  up,  as  hest  mi  nich  geseihn, 
as  gangen  twci  up  ehr  ticei  bein. 
Die  form  affjagen  ist  natürlich  das  part.  pi't. ,  Avas  nicht  auffällig  ist,  da  das  verbum 
jagen  in  binnen-  und  niederdeutschen  dialekten  mehrfach  in  die  st.  conjugation  übei'- 
getreten  ist  (vgl.  z.  b.  Nerger,  mecklenb.  gramm.  §  207). 
Ebensowenig  ist  II,  125 

damit  de  idt  en  nicht  woldeti  to  gloven 
das  to  in  so  zu  emendieren;    to  glöiven  (offenbar  nach  analogie  von  to  trugen)  ist  in 
Vorpommern  und  Mecklenburg  ein  algemein  gebrauchter  ausdruck,    der  ebenfals  bei 
Reuter  mehrfach  sich  findet,  z.  b.  I,  266: 

De  tigers  sünd  hir  gor  tau  sli»nn, 

sei  lopen  hir  tau  lan'n  herum  — 

du  kanst  mi  dat  tau  glöwen,  Klasen  — 

grad'  as  in  Meckelborg  de  liasen. 

HALLE.  H.    G. 

NACHRICHTEN. 

Zu  den  drei  älteren  samlungen  von  monographien  zur  germanischen  pliilologie, 
den  Strassburger  „Quellen  und  forschungen",  den  Breslauer  „Germanistischen  abhand- 
lungen"  und  den  Göttinger  „  Beiti'ägeu "  ist  soeben  noch  eine  vierte  hinzugekommen, 
die  unter  dem  titel:  „Schriften  zur  germanischen  philologie"  von  Max  Rödiger 
herausgegeben  wird.  Die  „Schriften"  werden  im  vorläge  der  "Weidmannschen  buch- 
handlung  in  zwanglosen  heften  erscheinen,  deren  jedes  für  sich  käuflich  ist.  Aus- 
gegeben ist  bis  jezt  ein  heft:  Karoltngischc  dichtungen,  untersucht  von  Ludw. 
Traube;  angekündigt  sind  ferner  eine  Untersuchung  über  den  satzbau  des  ahd.  Isidor 
von  Max  Rannow,  eine  abhandlung  über  verbum  und  nomen  in  Notkers  psalmen 
von  J.  Kelle  und  eine  ausgäbe  des  oberd.  Servatius  von  Oskar  Greifeid. 


Der  privatdocent  dr.  Rudolf  Kögel  in  Leipzig  ist  zum  ausserordentlichen 
Professor  ernant  worden. 

An  der  Universität  Breslau  habilitierte  sich  dr.  Th.  Siebs  für  germanische 
Philologie,  an  der  Universität  Kiel  dr.  Eugen  Wolff  für  neuere  litteratur. 


Halle  a.  S. ,  Buchdnickeroi  des  \Vaiseiihausos. 


ZWEI  BEUCHSTÜCKE  DEE  EEIMCHEONIK  DES  ETJDOLF 

VON  EMS. 

Im  jähre  1867  habe  ich  in  meinen  ,, Findlingen^'  (Situingsherichte 
der  i)hil.-hist.  Idasse  der  Wien.  ah.  LV.hd.  s.  640 — 676)  fragmente  ans 
vier  handschriften  der  reimchronik  des  Rudolf  von  Ems  veröffentlicht. 
Seitdem  gab  mein  söhn  Osivald  ein  hruchstüch,  das  zu  der  Stamser 
handschrift  gehört,  heraus.^  Vor  Jcurxer  zeit  inachte  mich  der  hoch- 
verdiente archivar  dr.  David  von  Schönherr  auf  zwei  pergameiit- 
bUitter  im  k.  k.  stathaltereicvrcliiv  aufmerksam ,  die  von  einem  einbände 
losgelöst  sind.  Ich  erkante  sogleich  eine  handschrift  der  reimchronik, 
die  nicht  zu  den  früher  entdeckten  resten  gehört.  Schon  die  sprach- 
iveisen  zeigen,  dass  sie  einem  andern  mamiscript  eigen  tvar.  Wir 
haben  somit  trotz  der  Zerstörung  so  vieler  handschriften  noch  reste 
von  fünf  Jiandschriften  der  reimchronik,  die  uns  beiveisen,  wie  sehr 
dieses  tverk  Rudolfs  in  unseren  bergen  verbreitet  war. 

Unsere  handschrift,  die  ein  doppelblatt  bildet,  ist  wegen  ihres 
alters  und  des  guten  textcs,  sowie  wegen  der  sprachlichen  ä7iderungen 
des  Schreibers  beacldensu-ert. 

Auf  pergament  rein  und  sorgfältig  gescJiriebcn ,  doppelspaltig, 
52^2  centimeter  hoch,  24  centimeter  breit,  ist  sie  mit  roten  und  blauen 
initialen  und  gleichfarbigen  randlinien  geschmückt.  Sie  stamt  aus 
dem  ende  des  13.  oder  don  anfange  des  14.  Jahrhunderts.  Erstei'es 
ist  ivahrscJieinUcher.  Je  eine  spcdte  enthält  43  Zeilen,  somit,  da  vier- 
mal ztvei  verse  in  eine  zeile  geschrieben  ^nd,  347  verse. 

Der  Schreiber,  obgleich  er  sich  an  seine  gute  vorläge  hielt,  erlaubte 
sich  doch  Schreibweisen ,  die  von  derselben  abweichen  und  ihm  näher 
lagen. 

Die  länge  i  wahrte  er  durchwegs,  anstatt  ei  schrieb  er  aber  con- 
sequent  ai." 

bezaichlichen  II,   79.     bezaiclienüuge  I,  84. 

zaigeii  II,  32.     hail  I,  91     hailekait  I,  102. 

1)  Zeitschrift  für  deutsches  altertum  23,  394  —  398. 

ZEITSCIIUIFT    F.    DEUTSCUE    PHILOLOGIE.     BD.    XXI.  17 


258  i-    ZINGERLfi 

tail  I,   90.     tauten  11,  115.    haim  I,  128.     ohaini  I,  111.    ain  I.  22, 

94.  127.     aines  I,  11.     II,   70.     ainem  I,  102.     ainen  I,  13.  83. 
II,  5.    IG.    57.       ainmvtigen  I,  152.      main  I,  12.      vermainden 
//,  19.     rain  II,  59.     rainer  II,  10.     raiiien  //,  9.    89.  163. 
raiiiet  //,  20.     rainde  II,  13. 
erschain  /,  82.  129.     II,  63. 
stain  I,  13,  83.     staine  II,  108. 
belaip  II,  9L  130. 
arebait  I,  158.  171.     arbaite  I,  19. 
mcnschhait  I,  63.   70. 
richait  /,   96.     gewonliait  II,   78. 
warhait  //,  62.     hailekait  I,  102. 
werdekait  II,  106. 

laide  I,  134.     lait  I,  13.  159.     gelait  I,  97.     II,  107. 
gelaite  I,  18.  43. 
laiter  I,  22.  27.  29. 
berait  I,  42.  170. 
sait  II,  104.     gesait  I,  103. 
beschnait  //,   77. 

Für  ae  vevtvendet  unser  schreihcr  häufig  e; 
seiden  /,  40.     II,  146. 
selecliche  II,  158.     seleclichen  II,  160. 
wer  I,  112.     were  /,  12L  163.     werin  II,  137. 
enbere  I,  162.     mere  I,  120.  124. 
bemeret  II,  139.     beweret  II,  138. 
ierig  II,  167. 

Dagegen  gebraucht  er  ac  für  e: 
aehte  II,  137.     geschlaeht  I,  45. 
geschlaehte  I,  68.    II,  36  neben  geschlelite  I,  84.    geschlehtes  I,  71. 

i  icird  einige  mal  für  e  gebraucht: 
liebi  I,  166.     phlegist  I,  136.     werin  //,  137. 

0  begegnet  st.  a  i7i  kom  /,  107,     II,  56  im  hmern  des  verses, 
ivährend  im  reime  kam  bewalirt  bleibt. 
wo  st.  wa  steht  II,  30. 

0  für  Oll  stellt  in: 
hopt  /,  13.     tromme  st.  troume  I,  22.  28. 
bon  st.  boum  II,  16. 

Öfters  ■xeigt  sich  das  volhstümliche  o  statt  e; 
segnen  I,  47.     gesegnet  I,  43.  61.  68.     II,  151.  158. 


BRUCHST.    AUS    EUD.    V.    EMS    WELTCHRONIE  -  259 

erwachot  I,   72.     hazton  II,  168.     obrost  I,  29. 

Statt  uns,    unser  hat  die  hs.  immer:    uns,    unser.     Vgl.   Weinhold, 

Alem.  gr.  §  412.     Bair.  gr.  §  357. 
ic  für  i  vor  V:  hierten  I,  HO. 

Über  die  consonanten  sei  bemerkt:    auslautendes  g  statt  c  be- 
gegnet: 

lag  I,  15.     II,  33.   73. 
plilag  I,  14.     genvg  II,  117. 
schlvg  II,  87.     trvg  II,  17.     gewvg  II,  118. 
ierig  II,  166. 

Neben  Isaac  II,  141    begegnet    Isaag  II,  112    und    Isaagez    II,    99 
neben  Isaacces  I,  33. 
Ebenso  finden  icir  im  auslaute  d.  statt  t; 
sid  I,  95.     bild  II,  32.     ward  I,  97.  98.     II,  65.  118  und  sogar 

diend  I,  149.     nand  II,   79. 
Dagegen  steht  herte  fär  herde  /.  108. 

S  ist  häufig  für  z  gebraucht: 
das/,  50.  53.  58.  87.  89.  94.  97.  100.  107.  136.  141  147.     II,  37. 

40.  67.  82.  89. 
swas  I,  51     es  I,  28.  95.  14L     II,  37.  140.  149. 
alles  I,  114.     II,  149. 
liebes  II,   75.   77.     mas  I,  28. 
fürbas  II,  135.     gras  I,  84.     gos  I,  85. 

Dagegen  konit  oft  z  für  s  vor: 
vnz  (uns)  II,  161.     genaz  II,   71.     dez  II,  52. 
waz  II,   72.     Labanez  II,  15. 
Isaagez  //,  99.     segenz  II,  144. 
genezen  I,  134.     wezen  I,  135. 
Ezav  //,  123  neben  Esav  II,  119.  131 
11  =  m  begegnet  in  bon  (boum)  II,  16. 
Für  Joseph  steht  Josep  II,  166. 

t  ist  eingeschoben  in  mentschait  I,  63,    wie  dies  im  bair.   dialecte 
oft  geschieht.     Osivakl  v.   Wolkenstein  bietet  sogar  mentzsclii. 
Für  die  Verbindungen  sl,    Sil  icird  oft  sohl,    sdm  geschrieben: 
geschlaeht  I,  45.     geschlaehte  I,  68.     II,  36.     gescldehte  I,  54. 
geschlehtes  I,    72.      II,  162.      schlaffe  7,    73.       schlaf  I,   20.      ont- 

IJ  Die  beste  hs.  (X)  der  Osicaldschen  gedickte  schreibt:  meiitzsch  /,  G,  o. 
VI,  169.  XVII,  1,  5.  5,  25.  XXV  1.  IG-  mentzschen  XVII,  1,  14.  2,  10. 
4,  18.  mentzschlichen  XVII,  3,  6  usw.  Die  xahlen  sind  nach  B.  Webers  aus- 
gäbe gegeben. 


17 


260 


I.    ZliNfGERLE 


schlief  I,  17.  sclilfg  II,  87.  beschnait  II,  77.  beschnitten  II,  82. 
egesclüich  I,   78. 

Interessant  für  mich  ist,  dass  die  Uinge  des  vohds  durch  ver- 
dopjJelimg  des  folgenden  consonanten  angedeutet  wird:  schaffen  (=  Scha- 
fen) I,  108.  schaffe  (schafe)  /,  73.  befazzen  II,  113.  grozzer  I, 
108.  II,  71.  74.  106.  108.  grozzen  II,  171.  Es  ist  dies  nicht  als 
schär fung  aufzufassen,  selbst  nicht  hei  vatter  (=  vater)  I,  41.  124. 
II,  93.  98.  107 ,  denn  im  hairischen  dicdekte  wird  bis  auf  den  heu- 
tigen tag  das  a  in  vater  als  länge  gesprochen.  Verdoppelt  begeg- 
net z  in  gehaizze  7^  52.  giezzen  II,  43.  liezzen  II,  44.  svezzen 
II,  164. 

An  schreihverstössen  sind  mir  nur  zerstorsten  II,  31  st.  zerstör- 
ten, sj^arp  II,  111.  segen  st.  degen  II,  48,  mit  krafte  höh  II,  127 
aufgefallen,  und  II,  74,  iro  2col  xu.  lesen  ist:  Jacob  was  in  grozzer 
Mag,  vgl.  II,  97.  98. 

Bieten  die  frag))iente  aucli  nur  347  verse,  so  geben  sie  doch 
lehi'reichc  einsieht  in  das  vorgehen  des  dichters  hei  bearheitung  der  vor- 
läge. Rudolf  war  des  kiteinischen  kundig,  wie  wir  wissen.  Er  war 
aber  auch,  ivo  es  ihm  passte,  kein  schlechter  Übersetzer. 

Wenn  wir  unsere  2  blätter  mit  der  Genesis  vergleichen ,  so  hielt 
er  sich  bald  genau  an  den  vorliegenden  text,  bald  gab  er  denselben 
freier  icider;  dann  übersprang  er  stellen  oder  flocht  eigenes  ein. 

Das  erste  hlatt  gibt  Genesis  28,  10 — 29,  20.  Ich  gebe  eine 
gegcnübcrstclhing : 


V.L  2  =    Genes.  28,  10. 
-3—9  fehlen. 

-  10—13  =    Gen.  28,  IL 

-  14  —  20  Zusatz. 

-  21  fgg.  =    Gen.  28,  12. 

-  28  fgg.   =    Gen.  28,  13. 

-  37  =    Gen.  28,  15. 

-  43  fgg.  =    Gen.  28,  14. 
-46 —  72  Zusatz. 

-  72—  75  =    Gen.  28,  16. 

-  76  =    Gen.  28,  17. 

-  79.  80  Zusatz. 

-  81  =    Gen.  28,  18. 

-  86—90  =    Gen.  28,  22. 

-  93  =    Gen.  28,  21. 


V.  94—97  Zusatz. 

-  98  =    Gen.  28,  19. 

-  99  fgg.  =  Gen.  28,  22  u.  35,  7. 

-  104  =-    Gen.  29,  l 

-  110  =    Gen.  29,  4.  5. 

-  112  =    Gen.  29,  6. 

-  115  =    Gen.  29,  9. 

-  118  =    Gen.  29,  12. 

-  122  =    Geil.  22,  IL 

-  123  Zusatz. 

-  124  =    Gen.  29,  12. 

-  126—130  =    Gen.  29,  13. 

-  132  =    Gen.  29,  14. 

-  133 — 137  Zusatz. 

-  138  fgg.  =    Gen.  29,  14.  15. 


BEUCHST.    AUS   RUD.    V.    EMS   ■«'ELTCHEOXIK 


261 


V.  144  fyg.  =    Gen.  29,  15. 
-  148  =    Gen.  29,  19. 


V.  1—5=    Gen.  35,  1. 

-  6 — 11  xusatx. 

-  12  =    Gen.  35,  2. 

-  13  — 17  xusatx. 

_  28  fyg.  =    Gen.  35,  2. 

-  21  =    Gen.  35,  3. 

-  25 — 35  =    Ge7i.  35,  4. 

-  36—45  xusatx. 

-  45 — 54  =    Gen.  35,  5,    doch 

frei  beJmndelt. 

-  55  ^    Gen.  35,  6. 

-  57  =    Gen.  35,   7. 

-  60  =    Gen.  35,  8. 

-  62  fyg.  =    Gen.  35,  9.  10. 

-  67  =    Gen.  35,  16. 

-  74  —  86  =    Gen.  35,  18. 


I    V.149 
I     -  168- 

Ziveites  blatt: 
V.  87  ■■ 


=    Gen.  29,  20. 
173  xusatx. 


35,  21. 
Rudolf  ühergeht  klug   Gen.  35,  22 

—  26  incl 
V.  91  =    Gen.  35,  27. 

-  94 — 97  xusatx. 

-  98  fgg.  =    Ge?i.  35,  28. 

-  104  fgg.  =    Gen.  35,  28. 
-HO  fgg.  =  Gen.  36,  6 —  6'  sehr 

frei. 

-  119  =    Ge7i.  36,  8. 

-  121 — 135  ganx  frei. 

-  138  fgg.  =  G.  27,  28  fgg.  ganx 

frei. 

-  152—163  xusatx. 

-  166—172  =    Gen.  37,  2.  4. 


Ich  teile  einige  beispiele  der  ividergabe  mit: 
G.  28,  12.     Yiditqiie   in   somnis    scalam    stantem    super   terram 
et  cacumen  ülius  tangens  coeliim,    angelos  qiioque  Dei  ascendentes  et 
descendentes  per  eam. 

V.  I,  21  fgg.     do  sach  der  gottes  wigant 

ein  leiter  in  dem  troume  hie, 
der  hoeh  unz  an  den  himel  gie. 
An  der  sach  er  liberal 
engel  gan  iif  und  ze  tal 


G.  28,  15. 
V.  I,  37. 


von  im  und  zuo  im  aber  wider 
die  leiter  iif  und  nider. 
Et  ero  custos  tuus  quocumque  perrexeris. 
ich  wil  din  geleite  sin 


und  mit  fride  dich  bewarn 
üf  disem  weg,  den  du  wilt  varn. 
G.  28,  16.     Cumque  vigilasset  Jacob  de  somno,  ait:  Yere  Domi- 
nus est  in  loco  isto  et  ego  nesciebam. 

V.  I,  72.     Jacob  erwahte  unde  sprach, 

do  er  den  trouni  im  släfe  sach: 


262  I-    ZIXGERLE 

„zAYiir  got  ist  an  dirre  stat, 
des  wist  ich  niht." 
G.  28,  17.     Quam  terribüis  est,    inquit,   locus  iste!    non  est  hie 
aliud  nisi  domus  dei  et  porta  coeli. 

F.  I,   76.     Gotes  hüs  alhie  ist  üf  getan 
daz  himels  tor  äne  wan. 
disiu  stat  ist  egeslich. 
Frei  aber  schön  ist  O.  29,  20:    „Servivit  ergo  Jacob  pro  Rachel 
Septem    annis:    videbantur   illi   pauci    dies    prae    anioris    magnitudine" 
durch  die  verse  I,  148  gegeben: 

daz  lopt  er  im;  er  was  aldä, 
vil  dienstliche  dient  er  sä 
Labane  durch  die  schoenen  magt; 
diu  minne  het  an  si  verjagt 
mit  ainmüetiger  minne 
herze,  muot  unde  sinne 
so  sere,  daz  in  dirre  zil 
nach  ir  dühte  niht  ze  vil. 
von  herzen  was  er  ir  so  holt, 
daz  ir  süezer  minne  solt 
ringert  im  die  arebeit, 
die  er  in  ir  dienste  leit. 

sines  herzen  gerndiu  gir  ^ 

so  sere  sente  sich  nach  ir, 
e  daz  er  ir  enbaere, 
daz  im  ringer  waere 
der  dienest  zwivalt  durch  ir  lip, 
daz  si  wurd  sin  eUch  wip. 
von  liebe  düht  in  niht  ze  vil 
des  dienstes  und  der  järe  zil. 
Diese   freie   uridergabe    der    bibelsteUe    xeigt   uns    Gottfrids   von 
Strassburg  geübten  schiller.     Möchten  sich  in  Rudolfs  reimchronik  viele 
äh?iliche  stellen  finden,  ico  der  chronist  sich  frei  und  froli  ergehen  lässt. 


Blatt  I. 

(a)      gen  Aram  von  bersabe 
Gaht  er,  als  im  geraten  wart. 

durch  Kananeam  gie  sin  vart, 
Ain  laut,  das  man  svs  nande. 

5        die  Ivte  von  dem  lande 


BEUCHST.    AUS    RUD.    V.    EMS    WELTCHRONIK  263 

Sin  lip  mit  vorbte  ser  entsaz. 
si  trvgen  sinem  vater  haz. 
Das  vorht  och  yü  ser  an  im 
die  sta(t)  ze  Caiarelim 
10     Und  fvr  er  vnd  kom  sa 

aines  abendes  zv  der  Ivza. 
Da  ward  er  siner  trvwe  main. 

er  lait  sin  hopt  vf  ainen  stain, 
Yil  manger  bober  sorg  er  pblag. 
15  docb  swie  vnsamft  er  lag, 

In  vil  mangen  sorgen  tief 

lag  er  verdaht,  vnz  er  entschlief. 
Do  sich  Jacob  gelaite 
nach  der  müden  arbaite 
20     Vnd  der  schlaf  in  vberwant, 
do  sach  der  gottes  wigant 
Ain  laiter  in  dem  tromme  hie, 

der  hob  vnz  an  den  himel  gie. 
An  der  sah  er  fberal 
25  engel  gan  vf  vnd  ze  tal 

Yon  im  vnd  zu  im  aber  wider 

die  laiter  ^-f  vnd  nider. 
Als  er  es  in  dem  tromme  mas, 
ze  obrost  an  der  laiter  saz 
30     Got  vnser  berre  unde  sach 

von  himel  her  nider  vnd  sprach: 
Ich  bin  Abrabames  got 

vnd  Isaacces,  in  dem  gebot 
Wil  ich  geben  in  dine  hant 
35  ze  besizzen  diz  lant 

"Vnd  nach  dir  dem  kvnne  din. 

ich  wil  din  gelaite  sin 
Ynd  mit  &ide  dich  bewarn 

vf  disem  weg,  den  dv  wilt  varn, 
40     Ynd  wil  din  mit  seiden  phlegen. 

dius  anen  vnd  dines  vatter  segen 
Sol  dir  sin  berait  von  mir, 
so  das  gesegnot  an  dii" 
(b)     In  dinem  samen  werden 
45         dv  geschlaebt  vf  allen  erden. 


264  I-    ZINGERLE 

In  clinem  samen  so  wil  ich 

dich  segnon  vncl  befriden  dich. 

Yf  der  verte  phlag  er  sin 
vnd  tet  im  sine  helfe  schin, 
50     So  das  ze  saelden  im  ergie 

nach  wnsche,  swas  er  an  vie. 
Och  tet  got  den  gehaizze  sin  erkant, 

do  er  fvgte  da  das  lant 
Sinem  geschlehte  sit 
55  in  den  tagen  vnd  bi  der  zit, 

Do  die  Israhelschen  schar 

Josve  sit  brahte  dar, 
Do  -wart  das  lant  im  vndertan, 
wie  der  segen  solt  ergan, 
60     Das  dv  kvnne  vf  allen  erden 
gesegnet  selten  werden. 
In  sinem  kvnne  das  ergie 

sit,  do  die  mentschait  enphie 
Got  vnser  herre  krist, 
65  der  got  gewer  vnd  mensch  ist. 

In  dem  alr  der  weite  kint 

gesegnet  in  sinem  geloben  sint. 
Der  sin  geschlaehte  hat  erkorn 
ze  rehter  si^ipe  vnd  er  geborn 
70     Nach  der  menschhait  sit  wart 

von  des  geschlehtes  rainer  art. 

Jacob  erwachet  vnd  sprach, 

do  er  den  tröm  im  schlaffe  sach: 
Zwar  got  ist  an  dirre  stat, 
75  des  wist  ich  niht,  hie  ist  gesät 

Götz  hvs,  al  hie  ist  vf  getan 

das  himel  tor  ane  wan. 
Disv  stat  ist  egeschlich, 

hie  so  öget  got  mir  sich, 
80     Des  genad  mir  kvnt  hie  worden  ist. 

vf  rilltet  an  der  selben  frist 
Got,  der  im  vor  erschain, 

77   Das  biiuel  tor  ist  vf  gotan   aue  wan  J/s.,    doch  vf  getan  ist  rot  durch- 
strichen. 


BRTJCHST.    AUS   RUD.   V.    EMS   WELTCHRONIK  265 

ze  gehvgd  Jacob  ainen  stain 
Mit  der  bezaichenvnge  gros. 
85         61  er  vf  den  stein  do  gos 

Vnd  wilit  in;  Got  gehiez  er  sa, 
(c)  das  er  im  Avolte  geben  da 

Den  zeheuden  siner  habe  gar 
vnd  das  er  wolte  bringen  dar 
90     Ze  opher  sines  zehenden  tail 

vnd  dvrch  des  gvten  trömmes  hail 
Die  stat  niit  opher  erte, 
wenn  er  wider  kerte, 
Das  er  got  ain  stat  alhie 
95         bvwte,  als  es  öch  sid  ergie. 
Mit  vil  hoher  richait 

ain  stat  ward  vf  das  velt  gelait. 
Dv  ward  sit  Bethel  genant. 

Der  nam  ist  noch  da  fvr  erkant, 
100     Das  er  tvte  gottes  stat, 

wan  si  wart  got  dar  gesät 
Ze  aineni  vrkvnd  der  hailekait, 
von  der  vns  ist  al  hie  gesait. 

Jacob  von  dannan  kerte  sa 
105         gen  Mezopothamia 

Ynd  kom  dar  nach  in  Aram. 
als  er  vf  das  gevilde  kam, 
Von  schaffen  grozzer  herte  vil 
vand  er  al  da.    zem  selben  zu 
110     Bat  er  die  hierten  in  wizzen  lan 
vmb  sinen  ohaim  laban, 
Ob  er  lebt  vnd  wer  gesvnt. 

si  sagten  im  do  sa  ze  stvnt, 
Es  fvr  alles  wol  vmb  in. 
115         vlL  balde  fvrten  si  in  hin, 
Da  er  labanes  tohter  vant, 

ain  maget,  was  Rachel  genant. 
Dv  Avas  nach  wünsch  wol  getan, 
do  sagt  er  ir  ane  wan 
120     Yil  herze  liebv  mere, 

das  si  sin  niftel  were. 


■1 


26(3  I-    ZIXGERLE 

Er  kvste  si  minneclich.  7., 

dv  edel  tugend  rieh  *: 

Dv  mere  braht  ir  vatter  do. 
125         der  was  siner  kvnfte  fro. 
Mit  fröden  er  im  engegen  gie, 

vil  frvntlich  er  in  enphie 
Vnd  fvrt  in  in  sin  hvs  haini. 

sin  gvter  wille  im  wol  erscliain. 
(d)    loO     Er  sprach  zim,  do  er  het  vernomen,  J 

wie  er  in  flvhten  dar  was  komen: 
Du  bist  mines  kvnnes  blvt, 

nieman  dir  hie  laide  tvt, 
Nu  mäht  wol  bi  mir  genezen; 
135         durch  mich  solt  dv  des  flizig  wezen, 
Das  dv  phlegist  der  schaffe  min, 

dv  bevilch  ich  den  trvwen  din. 

Do  ain  manot  hin  kam 

vnd  dar  nach  ain  ende  nam, 
140     Laban  Jacoben  fragte, 

das  es  in  niht  betragte. 
Ob  er  im  dienen  wolte, 

was  er  im  geben  solte. 
Er  sprach:  ich  wil  dienen  dir, 
145         wilt  dv  Kacheln  geben  mir, 
Ymb  si  siben  iare  zil. 

des  dvnkt  mich  vmb  si  niht  ze  vil. 
Das  lopt  er  im,  er  was  al  da, 
vil  dienstlich  diend  er  sa 
150     Labane  dvrch  die  schonen  magt. 
dv  minne  het  an  si  veriagt 
Mit  ainmvtiger  minne 
herz  mvt  vnd  sinne 
So  sere,  das  in  dirre  zil 
155         nach  ir  dvhte  niht  ze  vil. 
Von  herzen  was  er  ir  so  holt, 

das  ir  svzer  minne  solt 
Kingert  im  die  arebait, 
die  er  in  ir  dienste  lait. 
160     Sines  herzen  gerndv  gir 


s 


BRÜCKST.    AUS   RUD.    V.    EMS   WELTCIIRONIK  267 

SO  sere  sente  sich  nach  ir, 
E  daz  er  ir  enbere, 

daz  im  ringer  were 
Der  dienst  zwivalt  durch  ir  lip, 
165         das  si  wrd  sin  elich  wip. 
Von  liebi  dvht  in  niht  ze  vil 

des  dienstes  vnd  der  iare  zil. 

Do  das  zil  ain  ende  nam 
vnd  dv'  zit  Jacobe  kam, 
170     Das  im  solte  sin  berait 
Ion  nach  siner  arebait. 
Die  er  mit  dienste  het  getan, 
als  ich  vor  gesprochen  han. 

Blatt  II. 

(a)     Jacob  dv  solt  durch  die  geschiht 
dir  ze  sere  fvrhten  niht. 
In  bethel  solt  dv  varn, 

ich  wil  dich  gar  wol  bewarn, 
5     Ynd  mach  ainen  alter  mir, 
da  ich  mich  e  5gte  dir 
Mit  ansihteclichem  schine. 
dv  solt  aber  e  die  dine 
Eainen  mit  rainen  Sachen, 
10         mit  schulden  rainer  machen, 
ob  si  inder  schuldig  sint. 
Jacob  besante  sinv  kint 
Und  rainde  si  mit  1er  zehant. 
Labanez  abgot  er  vant, 
15     Da  si  rachel  verborgen 

vnder  ainen  bon  mit  sorgen 
Het.  er  namz  vnd  ti-üg  si  zin. 

svne,  sprach  er,  nu  werfet  hin 
Die  vermainden  valschen  abgot 
20         vnd  rainet  vch  in  gotz  gebot. 
Wir  svlen  das  nit  langer  sparn, 

in  Bethel  svlen  wir  varn 
Ton  disem  lande,  daz  ist  min  rat, 

V.  163.  64  in  einer  xeile  geschrieben. 


2G8  I.    ZINGERLE 

Daz  vwer  hant  verw'rket  hat. 
25     Ton  dan  berait  er  sich  do  sa. 
nv  hetten  sine  svii  al  da 
Abgot,  die  hetten  si  genomon 
in  Sichern,  do  si  dar  komen 
War'n  mit  vientlicher  hant, 
80         als  es  wol  ist  hie  vor  bekant. 
Wo  si  zerstorsten  die  stat. 

dv  bild  er  im  zaigen  bat, 
"War  an  lag  gezierde  vü. 
si  hiez  Jacob  an  dem  zil 
35     Begraben  vnder  ainem  bumme  do. 
nv  schribent  svmelich  also, 
Das  golt  wrde  da  fvnden  sit. 

es  hiez  nemen  der  kvng  Davit, 
Do  er  mit  hohen  Sachen 
40         das  tempel  wolte  machen 
Got,  als  er  gedahte, 

daz  sin  svn  volbrahte, 
Vnd  hiez  ez  ze  samen  giczzen. 
(b)         die  abgot  ligen  liezzen 
45     Jacob  vnd  sine  svne  da. 

nv  kam  den  laiitlvten  sa 
Yon  got  ain  vorht  in  den  mvt 

so  groz,  daz  si  den  degen  gvt 
Ymb  der  schuld  geschiht 
50         getorsten  an  komen  niht, 

Noch  beswern  durch  den  schaden, 

dez  si  waren  vberladen. 
Alz  da  von  siner  kinde  hant 
vch  tet  dv  Schrift  bekant. 

55     Mit  sineu  kinden  in  Bethel 
kom  do  der  gvt  israhel 
Aiuen  alter  bvte  got 

vnd  ophert  nach  gotz  gebot 
Sin  rain  opher  got  al  da. 
60         bi  der  zit  starp  Delbora, 
Dv  rebekken  het  erzogen. 

48  Segen  hs. 


BRÜCKST.    AUS   RUD.    V.    EMS   AVELTCHEOXTK  260 

mit  warhait  vnd  gar  vngelogen 
Erschain  im  got  aber  do 

vnd  staet  im  den  namen  also, 
65     Daz  er  ward  Israhel  genant, 

als  im  der  engel  tet  erkant, 
E  das  er  kam  in  Salem. 

von  Bethel  gen  Bethlehem 
Evr  er,  daz  hiez  do  Efframta. 
70         Kachel  lag  aines  kindes  da, 
Mit  grozzer  arbait  si  genaz. 

do  das  kint  geborn  waz, 
Si  lag  tot  an  dem  selben  tag. 

Jacob  in  grozzer  klage  was 
75     Ymb  sin  herze  liebes  wip, 

als  er  begrvp  ir  werden  lip. 
Sin  liebes  kint  er  do  beschnait 

nach  der  e  gewonhait, 
Bezaichenlichen  nand  er  in 
SO         der  zeswen  svn  Benjamin. 

Bennon  hiez  er  nach  iamerz  sitten, 

e  das  er  wrd  beschnitten, 
Wan  sin  mvter  an  im  starp 

vnd  an  siner  gebvrt  verdarp. 

85    .Von  Bctleem  fvr  fvrbas  er 

fvr  ainen  tvrn,  der  hiez  Ader, 
(c)         Ynd  schlug  da  vf  sin  gezelt 
an  die  stat  vnd  vf  daz  velt, 
Das  vf  im  trvg  cUe  rainen  stat, 
90         Da  Sit  das  tempel  wart  gesät. 
Da  belaip  er  etwie  lange  sit 

vnd  was  al  da  unz  an  die  zit, 
Das  er  zv  sinem  vatter  kam 
in  Ebron.  do  der  vernani 
95     Sine  kvnft,  er  was  sin  fro. 

Kebekka  was  erstorben  do. 
Des  het  er  trvrecliche  klag. 
nv  waren  sines  vatter  tag 
Isaagez  also  vil, 

V.  99.  100  in  einer  xeile  gcseliricbca. 


270  I-    ZINGERLE 


100         das  sin  alter  vf  das  zil 

Sin  leben  do  begvnden  iagen. 


er  starp  dar  nach  in  kurzen  tagen, 


Do  sine  tag  in  ii*  iarn 
mit  zal  erfvllet  warn. 
105     Der  was,  sait  dv  schrift  fvr  war 
ahzig  vnd  hvndert  iar. 
Er  wart  mit  grozzer  werdekait 

in  sines  vatter  grap  gelait 
In  dem  staine  in  Ebron, 
110         den  er  e  köfte  vmb  Ephron. 

Do  der  patiiarclie  starp 
Isaag  vnd  er  verdarp, 
Sines  gvtes  erbescliaft 

besazzen  do  mit  richer  kraft 
115     Sin  svn,  das  was  billicli. 

das  gvt  si  tailten  vnder  sich. 
Des  was  so  vil,  me  dan  genvg, 
das  man  niemannes  do  gewg, 
Des  habe  wrd  grozzer  bekant. 
120         do  fvr  Esav  ze  hant 

In  sin  gebirg  vnd  belaip  al  da. 

das  lant  hiez  Idumea 
Ynd  was  gelegen  bi  Damas, 
da  Ezav  do  inne  was 
125     Yil  gewalteclich. 

von  dem  selben  rieh 
Zelt  Moyses  zweLf  kvnig  rieh 

mit  krafte  höh  gelich. 
Nv  do  was  kvngez  namen  erboru, 
130         die  von  der  fruht  waren  geborn; 

Nv  ir  anegenges  stam 
(d)  an  Esav  geschlechte  nam 

Ynd  alle  bi  ir  iarn 
da  kvnge  warn. 
135     Des  gibt  aber  der  Jude  niht. 
sin  zal  niht  fvrbas  gibt, 
Wan  das  von  dem  geschlaehte 
der  kvnge  werin  aehte. 
111  sparp  lis.     124.  25  und  133.  34  in  einer  xeile  (jeschriehen. 


BRÜCKST.    AUS    RUD.    V.    KMS    WELTCirRONIK  271 

AI  hie  het  vns  beweret 
140         dv  Schrift  vnd  bemeret, 

Wie  es  vmb  den  segen  ergie, 
den  Isaac  sinen  Mnden  lie. 
An  61  an  wiu  an  körne 
wart  der  wolgeborne 
145     Jacob  mit  des  segenz  kraft 
gehöhet  an  herschaft 
Ynd  nach  der  seiden  wnne 

gewirdet  mit  rainem  kvnne. 
Jacob  den  segen  vor  enphie, 
150         als  es  alles  sit  ergie. 
Vber  körn  61  vnd  win 

mvst  Esav  gesegnet  sin. 
Das  wart  gewer  dar  an, 

das  er  dv  bezzern  lant  gewan. 
155     Jacob  nach  der  gottes  e 

der  gewan  herschaft  me, 
So  vil,  das  von  siner  art 
al  der  erde  kvnne  wart 
Gesegnot  selecliche 
160         zer  weit  vnd  ze  himelriche 
Mit  seleclicher  sigenv[n]ft 

von  fnser  herren  Cristes  kvnft, 
Der  dvrch.  vnz  geborn  wart 
von  des  raiuen  geschlechtes  art 
165     Ynd  von  Marien  der  zvszen  magt, 
als  es  dv  schritt  fvr  wäre  sagt. 

Josep,  do  der  nach  rehter  art 

sehzehen  ierig  wart, 
In  hazton  ser  die  brüder  sin 
170         vnd  taten  im  vnfrvntschaft  schin 
In  ir  mvte  ze  aller  zit. 

si  betten  des  vil  grozzen  nit 
stüle  vnd  etswenn  vberlvt, 
das  er  dem  vater  was  so  trvt 
175     Ynd  im  ie  vor  in  allen. 

GUFIDAUN,    13.    APEIL    1888.  IGNAZ    ZINGERLE. 


272 


DEE  TEAKTAT  DEE  UPSALA-EDDA 

„nf  setnmgu  hattalykils." 

Der  sogenante  zAveite  traktat  der  Edda  wird  algeniein  als  eine 
orthographische  abhandlung  betrachtet.  Müllenhoff  DA  V,  167  spricht 
von  „drei  kapiteln  über  das  nordische,  in  der  schrift  zu  verwendende 
buchstabensystem" ;  in  der  neuen  ausgäbe  für  das  Samfund  til  udgi- 
velse  af  gammel  nordisk  litteratur  heisst  der  traktat  „zweite  gramma- 
tische abhandlung" ;  Björn  Magnussen  (31sen  betont  in  der  einleitung 
zu  der  ausgäbe  der  dritten  und  vierten  Eddaabhandlung  ausdrücklich 
die  Avichtigkeit  unseres  traktates  für  die  geschichte  der  grammatik  auf 
Island.  Nur  Möbius  hat  (Hiittatal  11,  41)  auf  den  Zusammenhang  zwi- 
schen dem  traktat  und  dem  commentar  des  Hättatal  hingewiesen  und 
vermeidet  jede  bezeichnung,  die  auf  die  behandlung  dos  alphabetes  im 
traktat  gewicht  zu  legen  schiene. 

"Wenn  ich  im  folgenden  nachzuweisen  suche,  dass  unser  traktat 
eine  andere  bedeutung  hatte  als  die  Orthographie  zu  regeln,  so  gehe 
ich  von  der  Voraussetzung  aus,  dass  Müllenhoffs  arbeit  über  die  Snorra- 
Edda  wenigstens  E.  Mogks  Charakterisierung  des  cod.  U.  volauf  bestä- 
tigt und  insbesondere  die  kurze  fassung  des  traktates  in  ü  mit  recht 
als  ursprünglicher,  die  lange  im  cod.  W  mit  recht  als  „alberne  kom- 
pilation"  bezeichnet  hat.  Auch  was  die  mängel  in  der  Zusammenstel- 
lung der  Eddateile  und  deren  Ursachen  anlangt,  muss  ich  Müllenhoffs 
ausführungen  innere  Wahrscheinlichkeit  zugestehen,  möchte  aber  daran 
erinnern,  dass  Müllenhoff  selbst  an  die  grenzen  der  „herstellenden  kri- 
tik"  gerade  bei  der  Eddafrage  mit  drastischen  werten  erinnert  hat. 

Der  traktat  steht  zwischen  Skäldskaparmäl  und  Hättatal.  Mit 
ersterem  hat  er  gar  keine  Verbindung,  mit  lezterem  kerne  äussere. 
Gehört  eine  rechtschreiblehre  überhaupt  in  den  rahmen  der  Edda? 
Können  wir  annehmen,  dass  Snorri,  wenn  auch  vielleicht  an  einem 
anderen  ort  und  mit  anknüpfenden  anfangs-  und  Schlussworten  den 
ti'aktat  als  solche  in  sein  handbuch  für  junge  skalden  aufgenommen 
wissen  wolte?  Oder  ist  derselbe  durch  versehen  hineingekommen  und 
solte  nur  dem  Schreiber  zur  norm  dienen?  "Weder  das  eine  noch  das 
andre.  Mit  der  „Eddulist"  hat  die  Orthographie  nichts  zu  tun;  so  wie 
heutzutage  für  das  papier  berechnet  waren  zu  Snorris  zeiten  die  Lieder 
nicht,  dass  man  dem  jungen  skalden  gleich  mit  der  Verslehre  die  mit- 
tel an  die  band  hätte  geben  müssen,  seine  künftigen  opera  der  nach- 
weit überliefern  zu  können.     Was  soll  dann  in  einer  schreiblehre  die 


BRENNER,  DER  II.  TRAKTAT  DER  UPS.  EDDA  273 

ganze  oiiileituug  über  die  natiirlaiite  und  geräusche^?  was  die  eigen- 
tümliche griippierung  der  laute  in  den  beiden  figuren?  Die  rechteckige 
figur  wäre  reine  Spielerei,  nur  der  untere  teil  von  ä  ab  hätte  prak- 
tischen wert,  aber  auch  nur  beschränkten.  Auf  der  anderen  seite  ist 
der  traktat  als  norm  für  die  Orthographie  ganz  unvolständig ;  über  die 
bedeutung  von  q  und  e  ist  z.  b.  nicht  gehandelt.  Die  kurze  bemer- 
ku ng:  dass  in  e  und  (>  der  «-haken  statt  des  volständigen  a  geschrie- 
ben werde,  gehört  wol  ursprünglich  gar  nicht  in  den  text;  sie  schliesst 
sich  unmittelbar  an  einen  abschnitt  an,  der  unmöglich  an  richtiger 
stelle  steht.  Es  gehen  nämlich  die  zur  beleuchtung  der  anwendung 
von  längezeichen  gewählten  sätzchen  „d  pvi  äri  sem  ari  var  fceddr, 
JkU  er  i  mino  mini"  vorher,  dann  folgt  eme  bemerkung:  oft  verändert 
die  ausspräche  von  werten  den  ganzen  sinn,  je  nachdem  der  vokal 
lang  oder  kurz  gesprochen  wird.  Dieser  satz  gehört  offenbar  vor  die 
beispiele,  und  in  W  findet  er  sich  in  der  tat  etwas  verkürzt  vorher 
und  aus  ihm  wird  dort  die  notwendigkeit  des  längezeichens  abgeleitet; 
er  komt  dann  aber  nachher  noch  einmal  an  der  gleichen  stelle  wie 
in  ü.  Es  scheint  derselbe  also  ursprünglich  am  rande  gestanden  zu 
haben;  mit  ihm  kam  dann  wol  die  nun  ganz  unvermittelte  bemerkung 
über  e  imd  q  in  den  text.  In  dem  entwurf  war  sie  nachträglich  an 
den  rand  geschrieben,  weil  e  und  q  in  der  zweiten  figur  ihren  platz 
gefunden  hatten.  Was  über  e  und  q  gesagt  ist,  zeigt  deutliche  spuren 
der  entlehnung  aus  abhandlung  I,  dass  es  ganz  flüchtig  nachgetragen 
wurde  geht  daraus  hervor,  dass  o  übergangen  ist  wie  in  tab.  II; 
absichtlich  kann  das  nicht  geschehen  sein,  denn  der  laut  0  muss  zu 
Snorris  zeit  vorhanden  gewesen  und  q  kann  nicht  ö  gesprochen  wor- 
den sein,  da  sonst  der  hin  weis  auf  die  beziehung  zwischen  q  und  a 
ganz  ungeschickt  gewesen  wäre,  auch  kann  es  nicht  zufällig  sein,  dass 
im  Hättatal  nur  q  mit  q  und  0  mit  0  reimt,  aber  nie  q  mit  0.^  — 
Dem  Verfasser  des  traktats  lag  nichts  an  der  volständigkeit  des  alpha- 
betes,  eben  weil  er  kein  neues  orthographisches  System  einführen,  auch 
nicht  ein  bestehendes  lehren  weite. 

Mit  der  lehre  von  den  dichterischen  Umschreibungen  ist  die  eine 
hälfte  der  theorie,  die  im  kommentar  zum  Hättatal  als  grein  bezeich- 
net ist,  die  mdlsgrein,  erledigt.  Im  verlauf  der  kommentierung  des  H 
wird  die  andere  hälfte,    die  hljöctsgrein,    und   die   theorie   der  iala  set- 

1)  Diese  stimt  mit  einzelneu  partieii  des  Skuldskaparmäl  in  der  darstelliings- 
forin  so  überein,  dass  der  Verfasser  derselben  Skaldskaparmäl  wol  gekant  haben  muss. 

2)  Anders  urteilt  über  die  o  dieser  zeit  Larsson  in  seiner  ausgäbe  von  cod. 
AM.  645.   4«  s.  Lin. 

ZEITSCHRIFT    F.    DEUTSCHE   PHILOLOGIE.       BD.    XXI.  18 


274  BRENNER 

nmqar  hdttann  im  anschliiss  an  die  Strophen  des  liedes  behandelt. 
"Was  tala  ist  bedurfte  keiner  weiteren  erklärung,  dagegen  versteht  sich 
die  bedeutung  von  hljöä  nicht  so  ganz  von  selbst.  Durch  die  Verwen- 
dung von  reimstäben  und  später  von  reimsilben  war  der  Isländer 
gezwungen  und  befähigt,  die  einzelnen  laute  im  wort  als  selbständige 
einheiten  zu  isolieren,  aus  ihrer  Verbindung  mit  anderen  lauten  los-  ' 
zulösen,  noch  ehe  er  zu  schreiben  und  lesen  gelernt  hatte.  Aber  das 
geschah  mechanisch,  nach  dem  gehör.  Mit  der  verbreitmig  der  buch- 
schrift^  wurde  die  trennung  der  laute  einerseits  erleichtert,  andererseits 
aber  auch  erschwert,  indem  das  ungenügende  schriftsystem  den  hören- 
den befangen  machte.  Recht  lehrreich  ist  als  beleg  für  diese  bekante 
erscheinung  die  behandlung  des  i  und  des  p  und  c  in  unserem  traktat,  i 
davon  später! 

Die  Isolierung  und  Verbindung  der  laute  nun,  gewissermassen  als 
wissenschaftliche  grundlage  für  die  spätere  definition  des  reimes  (Hätt. 
2  13— 2G)  jgi;  0g ^  ^yas  der  Verfasser  des  traktates  darstellen  wolte;  von  j 
der  Verbindung  der  vokale  mit  konsonanten,  von  der  fähigkeit,  isoliert 
ganze  werte  darzustellen  handelt  —  von  der  einleitimg  abgesehen  — 
der  ganze  traktat,  die  Verbindungsfähigkeit  der  laute  ist  für  die  zwei 
tabellen  und  ihre  einteilung  bestimmend  gewesen. 

Die  einleitung  begint  mit  der  frage.-  hvaä  er  hliops  grein?  Wir 
erwarten  diese  frage  Hätt.  1  ^^.  Aber  wie  dort  nach  mdlsgrcin  nicht 
gefragt  wird,  weil  die  antwort  schon  mit  dem  vorausgehenden  Skäld- 
skaparmäl  gegeben  ist,  so  wird  auch  eine  algemeine  definition  von 
hlj6(tsgrei'?i  nicht  verlangt,  weil  sie  eben  im  Tr.  schon  vorliegt;  dage- 
gen folgt  hier  die  erklärung  von  Mjöäsgrein  als  terminus  der  v'ers- 
lehre,  als  welcher  er  im  Tr.  nicht  erwähnt  ist.  Es  wird  nämlich  in 
der  besprechung  der  hliöpsgrein  ersichtlich  vom  algemeinsten  zum  beson- 
deren fortgeschritten.  Der  traktat  begint  mit  den  lauten  {hliop)  über- 
haupt, handelt  dann  von  den  lauten  der  tiere,  endlich  von  den  mensch- 
lichen sprachlauten;  von  diesen  aber  im  einzelnen  nur  insoweit,  als 
es  für  die  Würdigung  der  reime  nötig  ist.  Man  möchte  fast  glauben, 
dass  der  traktat  dazu  bestimt  war,  in  die  einleitung  des  Hättatalcom- 
mentars  verarbeitet  zu  werden.  Er  wäre  leicht  vor  l^-^  einzuschieben; 
die  werte  stafasetning  gerir  mal  alt  könten  dann  fallen,  sie  ersetzen 
im  kommentar    eine    algemeine   definition   von  Mjöäsgrein    und    stehen 

1)  Ich  nehme   mit   Storm   an,    dass   die  runenschrift    auf  Island   zu  längeren 
aufzeichnungen  wenig  oder  gar  nicht  verwendet  wurde,    und   dass  sie   gar  nicht  so      j 
algemein  verbreitet  war.     Anders  bekantlich  Olsen  in   seiner  schritt:   Eunerno  i  den      f 
oldisl.  Lit.  (Kbh.  1883). 


i. 


DER    n.    TRAKTAT    DER    UPS.    EDDA  275 

bereits  im  traktat  [mähiafir  . .  (jcra  mal  af  hendingum  peim  sem  peir 
(jera  viä  hliocUtafina  fyrir  eäa  epter)\  und  statt  hljöäsgrein  er  pat 
Aväre,  ähnlich  wie  km-z  zuvor  zu  schreiben  liljöitsgrem  hättanna 
er  pat. 

Der  Inhalt  des  traktats  ist  zusammengestelt  mit  rücksicht  auf  die 
bedeutung  der  hljöäsgrem  für  die  skaldendichtung,  für  die  stafa  set- 
niiig.     Das  möge  nun  im  einzelnen  untersucht  werden. 

I.     Die  kreisfigur  und   der  kommentar   dazu. 

Der  mitlere  kreis  enthält  die  vier  buchstaben,  die  bloss  im  anlaut 
stehen  können  (also  nur  im  Stabreim  verwendbar  sind):  p,  v,  h,  q. 
Es  wäre  an  und  für  sich  denkbar,  dass  hier  die  regel  gegeben  werden 
wolte,  man  solle  p  nur  im  anlaut  schreiben  (im  inlaut  et);  aber  bei  v, 
h,  q  passt  eine  entsprechende  regel  gar  nicht;  denn  niemand  kann 
daran  denken  ä  üu  in-  oder  auslaut  zu  schreiben,  andererseits  hat  man 
nie  anstand  genommen,  v  und  q  im  inlaut  zu  gebrauchen.  Gemeinsam 
für  alle  vier  laute  ist  nur,  dass  sie  zum  Stabreim,  nicht  aber  zum  sil- 
benreim  taugen;  für  v  nur  ein  paar  belege  aus  Hätt.:  9*^  spjqr  :  qi^var, 
10^  skqr  :  hjqrvi,  11^  friäke  :  scevar,  16  '  pryngr  :  sqngvi;  für  q:  21^ 
klehk  :  sekqva ,  22-  rekkir  :  klekqvan.  Was  ^  anlangt,  so  scheidet  ent- 
weder der  traktat  zwischen  p  =  stimloser  spirans  und  et  =  stimhafter 
(dann  würde  aber  z.  b.  48 '^  mips  :  rauäu  gegen  die  regel  sein,  solche 
fälle  von  stimlosem  p  im  wortinnern  sind  freilich  sehr  selten),  oder  er 
steht  bereits  unter  dem  bann  der  Orthographie  und  scheidet  —  wie 
unsere  grammatiker  bis  in  die  jüngste  zeit  —  die  laute,  weil  die  buch- 
staben geschieden  sind.  Jedenfals  beweist  die  Zusammenstellung  des  p 
und  h  mit  q  und  v,  dass  die  werte:  ma  tu  etiskis  annars  nyta  en 
Vera  fyrer  oprum  sfofum  die  fähigkeit  im  wortaiilaut,  der  Unfähigkeit 
im  wort-  (und  süben-)  auslaut  zu  stehen  gegenüber  stellen  wollen. 

Im  zweiten  kreis  stehen  11  konsonanten,  die  im  an-  und  aus- 
laut stehen  können,  aber  kein  wort  für  sich  bilden  (die  also  zum  stab- 
und  silbenreim  taugen,  aber  nicht  allein  für  sich  eine  reimsilbe  bilden 
können) :  h  d  f  g  l  m  n  p  r  s  t.  ^ 

Im  dritten  ring  sind  zwölf  vokale,  die  in  vier  gruppen  zerfal- 
len: einfache  a  e  j  o  u  y ,  zusammengesezte,  die  mit  ligaturen  geschrie- 
ben werden  ce  av  ay;    zusammengesezte,    die  mit  gefreuten  buchstaben 

1)  So  in  der  figur,  der  traktat  liat  /.•  und  f  noch,  was  zur  zahl  11  nicht 
stimt,  es  ist  jedoch  möglich,  dass  durch  falsche  einteilung  (für  l  sind  zwei  fächer 
verwendet)  ein  huchstabe,  k  verdi'ängt  %\T.u'de. 

18* 


276  ÖRENNER 

geschrieben  werden  ey'^  ei;  endlich  der  „Wechsler"  i  (diese  vokale  kön- 
nen im  anlaut  und  auslaut  stehen  und  fitr  sich  silben  (werter)  bilden  — 
also  taugen  sie  zu  stab-  und  silbenreim,  können  lezteren  aber  [anders 
als  die  konsonanten  im  zweiten  ring]  allein  für  sich  bilden).  Dass  cb 
hier  als  zusammengesezter  laut  gilt,  darf  nicht  wunder  nehmen:  ent- 
weder ist  schon  im  13.  Jahrhundert  m  circumflektiert  worden  (woraus 
neuisl.  cd;  über  die  ersten  spuren  des  vollen  diphthonges  s.  mein  hand- 
buch  s.  34),  oder  es  hat  die  Zusammensetzung  des  buchstaben  die  auf- 
fassung  des  lautes  beeinflusst.'-  Jedenfals  ist  aber  der  diphthongscharak- 
ter  des  ce  hier  viel  weniger  betont  als  die  geschlossenheit  des  lautes, 
gerade  wie  bei  ei  und  ey,  bei  denen  ausdrücklich  bemerkt  ist,  dass 
sie  einen  laut  zusammen  ausmachen,  der  e  und  i,  e  und  y  enthält, 
dass  man  nur  auf  eine  ligatur  verzichte,  weil  sie  sich  nicht  leicht 
(öhcegt)  binden  lassen.  Wenn  hier  vom  schreiben  ausführlicher  gehan- 
delt ist,  so  liegt  der  grund  darin,  dass  der  Verfasser  hier  den  Wider- 
spruch zwischen  schrift  und  ausspräche  erkante  und  deshalb  mit  der 
gefahr  rechnen  zu  müssen  glaubte,  dass  der  schüler  durch  die  schrift 
irregeführt  dinge  trenne  die  zusammengehören.  Der  zwölfte  buehstabe 
fehlt  im  kreis  als  zwölfter,  da  er  schon  als  dritter  steht,  es  ist  i  vor 
vokalen.  Dieses  ^  gehört  eigentlich  nicht  in  den  ring  und  fehlt  des- 
halb in  der  Zeichnung  mit  recht;  aber  besprochen  muste  es  doch  wer- 
den und  so  wird  es  im  traktat  im  anschluss  an  den  dritten  ring 
behandelt.  Es  werden  die  schon  vorher  erwähnten  funktionen  des 
gegensatzes  halber  widerholt  (^  als  vokal,  i  als  zweiter  konsonant  von 
diphthongen) ,  ferner  heisst  es:  wenn  aber  ein  vokal  nachfolgt,  wird  es 
konsonant  und  werden  mit  ihm  viele  volständige  (einsilbige)  werte  gebil- 
det, wie  ia,  oder  iorp  oder  ioi\  Ein  anderer  Wechsel  des  i  ist  der  3, 
...  wenn  ein  konsonant  vorhergeht,  aber  ein  vokal  folgt:  wie  in  biorn, 
oder  hior  oder  biory.^''  Ist  zwischen  dem  i  in  iqrä  und  in  biqrg  ein 
unterschied?     Ich  w^eiss  nur  einen:    in  iqrä  ist  i  reim  stab,    in  biqrg 

1)  Dass  ft^  (Ug.)  uud  ey  nebeneinander  aufgefiilirt  werden,  zeigt  wideriim,  dass 
es  dem  Verfasser  nicht  darum  zu  tun  war,  ein  System  aufzustellen  oder  über  seine 
Schreibung  rechenschaft  zu  geben,  sondern,  dass  er  das  Verhältnis  von  laut  und 
schrift  darstellen  wolte:  schreibt  man  die  ligatur  a?/,  so  drückt  man  in  der  schrift 
die  enge  Verbindung  der  beiden  laute  aus,  schreibt  man  ey ^  so  muss  man  darauf 
verzichten.  Dass  mj  und  ey  im  klang  gleich  sind,  darauf  komt  es  dem  Verfasser  in 
dem  Zusammenhang  viel  weniger  an ,  als  auf  die  trotz  der  verschiedenen  bezeichnung 
gemeinsame  dij^hthongengeltimg.  Übrigens  ist  ay  (üg.)  selten  gebraucht,  z.  b.  in 
AM  645  4",  im  Agrip ,  in  handschriften  also ,  deren  entstehimgszeit  in  Snorris  schrift- 
stelleijahi-e  oder  kurz  nachher  zu  fallen  scheint. 

2)  CR  wurde  auch  in  deutschen  grammatiken  lauge  als  dij)hthong  behandelt. 

3)  Hier  folgt  i  als  teil  von  ei. 


u 


ni;R    II.    TRAKTAT    DEK-  UPS.    EDDA  277 

aber  nicht;  auch  zum  silbciiroim  taugt  das  iezte  i  nicht,  vgl.  die 
adaihendingar  valclr :  skjaMu?'  Hätt.  5*^,  spjqr :  qrvar  9'^,  blöä:  rjöda  11^, 
i^Jcor  :  Jfjqrvi  10^  usw.  ^ 

Wenn  weiterhin  im  anschluss  an  den  dritten  ring  von  der  quan- 
tität  der  vokale  die  rede  ist,  so  bedarf  es  wol  nicht  erst  eines  nach- 
weises,  dass  die  gleiche  oder  ungleiche  quantitat  füi*  die  reime  von 
bedoutung  ist.  Gerade  dass  die  quantitat  in  diesem  Zusammenhang  — 
wo  nur  von  der  Stellung  zu  den  konsonanten  und  der  fähigkeit  silben 
und  Worte  zu  bilden  die  rede  ist  —  behandelt  wird,  ist  für  mich  ein 
beweis,  dass  die  laute  nur  nach  ihrer  bedeutung  für  den  vers  betrach- 
tet werden.  Es  heisst:  ef  shyrt  skal  rita,  ])a  skal  draga  yvir  Jtami 
stafinn  er  sei7it  skal  leipa,  d.  h.  wenn  man  vokale,  die  in  der  aus- 
spräche verschieden  sind,  in  der  schrift  auch  unterscheiden  will,  soll 
man  die  langen  mit  einem  strich  bezeichnen.  Es  wird  hier  eine  schreib- 
regel  gegeben,  aber  doch  nur  eine  bedingte;  der  sinn  kann  dem 
Zusammenhang  nach  nur  sein:  durch  die  gewöhnhche,  unterschiedslose 
widergabe  von  a  und  ä  darf  man  sich  nicht  verleiten  lassen,  beide 
für  gleich  zu  halten;  kann  doch  die  verschiedene  quantitat  zwei  sonst 
ganz  gleiche  Wörter  unterscheiden,  wie  äri  und  Ari,  man  solte  also 
eigentlich  kürzen  und  längen  auch  in  der  schrift  unterscheiden. 

Über  die  stelle,  in  der  c  und  q  statt  cb  und  ao  empfohlen  wer- 
den-, ist  oben  schon  gesprochen.  Gehört  sie  gegen  meine  dort  ver- 
tretene Vermutung  wirklich  in  den  text,  dann  muss  sie  den  sinn 
haben:  für  die  einfachen  laute  e  und  q  ist  die  bezeichnung  durch  den 
a- haken  zu  empfehlen,  anstatt  der  Schreibung  ce,  ao  (weil  man  sie 
sonst  mit  zusammengesezten  lauten  verwechseln  oder  dafür  halten  könte, 
so  dass  man  etwa  7rmä  {raoä)  und  hlqär  {hlaoär)  bände.  Für  0  (und  0) 
war  die  ligatur  ce  auf  Island  nicht  gebräuchlich  (sie  ist  vor  allem  nor- 
wegisch —  dafür  auf  Island  b  oder  in  älterer  zeit  eo  — ;  als  der  traktat 
entstand  war  wol  eo  ganz  ausser  gebrauch  gekommen).  Es  wäre  daher 
möglich,  dass  deshalb  von  0  nichts  erwähnt  wird,  weil  keine  dem  Ver- 
fasser bekante  Schreibung  den  laut  zum  doppellaut  stempelte,  also  kein 
misverständnis  zu  bekämpfen  war.  Oder  brauchte  der  Verfasser  q  auch 
mit  für  0,  wie  so  viele  handschriften  des  13.  Jahrhunderts?  Ich  glaube 
nicht. 

1)  Es  muss  auffallen,  dass  hier  nur  bei  i  der  unterschied  der  vokalischen  und 
der  konsonantischen  geltung  hervorgehoben  wird,  nicht  auch  bei  u.  Der  Verfasser 
schrieb  also  wol  nur  v  (nicht  u)  als  konsonant,  und  kent  auch  die  reimbindung  von 
V  mit  vokal  nicht,  da  er  von  dem  Zusammenhang  des  v  mit  dem  vokal  u  keine 
ahnung  mehr  hat.     Dies  spricht  gerade  nicht  für  umfassendere  kentnisse  des  autors. 

2)  Sie  ist  in  U  und  "W  verderbt  überliefert. 


278  BRENNER 

Im  vierten  ring  sind  12  bnchstaben:  bh,  dd,  ff',  G,  K,  l,  M, 
N,  pp,  B,  S,  f  (oder  T?)^  welche  sämtlich  modifikationen  der  einlachen 
konsonanten,  die  im  auslaut  von  worten  oder  silben  {samstqfn  ist  wol 
zu  lesen  statt  )iof)i)  möglich  sind,  darstellen  sollen.  Die  paarweis  zu- 
sammenklingenden beispiele:  holl  :  fjall,  cross  :  hross,  framm  :  hramm 
zeigen,  dass  der  Verfasser  an  die  reimworte  oder  reimsilben  dachte: 
in  skothending  wie  adalhendiug  reimt  M  (d.  i.  mm)  nur  mit  31,  nicht 
mit  7)1.  Die  bemerkung,  dass  man  entweder  eine  besondere  form  des 
konsonanten  oder  die  gewöhnliche  doppelt  zu  schreiben  habe^,  besagt 
wider  nichts  anderes,  als  dass  die  verschiedene  bezeichuungsart  keine 
verschiedenen  laute  widergebe.  Die  werte:  pessir  stafir  gera  ecki 
annat  e.n  menn  vilia  hava  pa  firi  ritzhattar  sakir,  die  in  W  ganz 
fehlen,  in  U  aber  vielleicht  entstelt  sind,  scheinen  mir  dies  anzu- 
deuten. 

Der  fünfte  ring  enthält  die  drei  bnchstaben  ä,  z,  x,  die  nur 
im  Silbenauslaut  stehen  können  (also  nur  für  den  silbem-eim  bedeutung 
haben)  und  c  „und  es  haben  einige  die  Schreibweise,  es  für  konung  zu 
gebrauchen,  aber  das  ist  seine  einzig  richtige  bedeutung:  wie  die  ande- 
ren endbuchstaben  im  silbenauslaut  zu  stehen."  Die  erste  hälfte,  die 
von  c  =  konimgr  handelt,  fehlt  in  W,  stand  sie  am  rand?  Die 
zweite  hälfte  ist  etwas  unverständlich.  Schon  der  Verfasser  von  abh.  I 
kam  mit  dem  c  nicht  recht  ins  reine;  er  nent  das  einfache  c  (das  er 
für  k  braucht)  nach  „schottischer"  d.  i.  „irischer"  weise  che,  das  dop- 
pelte ecc.  Lässt  der  Verfasser  des  traktat  II  c  nur  als  endbuchstabe 
gelten,  so  kann  er  entweder  an  c  in  der  Verbindung  ck  gedacht  haben 2, 
oder  er  denkt  an  die  benennung  che  imd  fand  den  laut  ch^  in  der  tat 
z.  b.  im  auslaut  von  m.iqc,  ?nfc,  pic  duch  c  bezeichnet;  das  irische  ch^ 
auf  das  abh.  I  zurückweist,  hatte  die  geltung  /. 

Die  Schlussworte  der  ersten  hälfte:  Titim'  cro  sva  litapir  her  sem 
ioprum  ritxhadti.  könten  meine  ansieht  zu  fall  bringen,  wenn  sie  nicht 
auch  in  einem  abriss  der  Orthographie  ungehörig  erschienen.  Die  kreis- 
figur  enthält  allerdings  ausser  d  {))tep)  x  (ecs).,  z  (/)e^.'),  c  (ce)  noch 
4  tituh;  diese  gehören  aber  offenbar  nicht  in  den  ring  der  undirstaßr. 

1)  Die  aus  abh.  I  stamt.  (?  für  ^  findet  sich  vor  allem  in  norwegischen  hand- 
schriften,    aber  auch  im  Ägr.,    AM  291,  4°,    im  St.  homil.  b. 

2)  Denn  er  lässt  ja  neben  den  besonderen  buchstabenformen  auch  doppelschrei- 
bung  zu,  also  ck  neben  /»■;  einfaches  k  fehlt  der  figur,  wie  bemerkt,  ganz. 

3)  Über  ch  für  k  im  auslaut  s.  Axel  Koch,  Undersöku.  i  sveusk  spräkhistoiia 
s.  13.  In  der  kreisfigur  ist  freilich  ce,  nicht  che  geschrieben,  aber  es  ist  auch  sonst 
im  äussersten  ring  verschiedenes  flüchtig  hingeworfen,  so  pet  für  xet. 


DEK    II.    TlfAKTAT    DER    UPS.    EDDA  279 

Die  boiuerkung  über  die  tituli  im  text  sagt  nicht,  wie  die  stellen,  die 
man  als  orthographische  an  Weisungen  betrachten  könte,  wie  man  schrei- 
ben soll,  oder  wie  man  algemein  schreibt,  sondern  wie  „hier 
geschrieben  ist";  „hier"  kann  auf  das  Eddamanuscipt  gehen,  kann 
aber  auch  auf  die  kreisfigur  hinweisen.  Ich  glaube  die  tituli  sind 
durch  die  (am  rande  eingetragene?)  anmerkung  über  den  titulus  c  = 
konunyr  in  diesen  Zusammenhang  gekommen.  Nachdem  über  c  als 
abkürzung  die  rede  war,  könte  man  auch  die  übrigen  abkürzungen 
aufgezählt  haben  wollen,  dies  weist  der  Schreiber  des  schlusssatzes  als 
unnötig  zurück,  da  die  abkürzungen  hier  wie  anderwärts  seien;  ein  paar 
sezt  er  (oder  ein  späterer),  um  doch  etwas  zu  tun,  in  die  figur,  aber 
darunter  nicht  einmal  die  häufigste,  die  doch  abh.  I  anführt,  nämlich*. 

IL  Die  rechteckige  figur  und  ihr  kommentar. 
Der  text  begint  mit  dem  wort  stafasetning ,  buchstabenverbin- 
dung,  welches,  wie  oben  erwähnt,  auch  im  Hättatal  gebraucht  wird, 
und  zwar  dort  als  algemeinerer  ausdruck  gegenüber  der  hljoäsgrein, 
d.  i.  der  lautverbindung  zum  reim;  im  folgenden  komt  auch  das  wort 
he7idin(j  ein  paarmal  im  traktat  vor,  aber  gleichfals  nicht,  wenigstens 
nicht  notwendig,  in  der  technischen  bedeutung  von  „reim."  Die  erklärung 
der  rechteckigen  figur  ist  in  ihrem  ersten  teil  schwerfälKg  und  verderbt 
überliefert.  Ich  sehe  hier  von  der  erläuterung  des  grifbrettes,  der 
Schlüssel  imd  saiten  ab,  denn  die  tabelle  selbst  ist  klarer  als  die  erläu- 
terung; aber  die  werte  61^^  pessar  hencUngar  usw.  bedürfen  einer 
näheren  beleuchtung.  So  wie  sie  in  U  überliefert  sind  (in  W  fehlen 
sie),  geben  sie  keinen  vernünftigen  sinn.  Klar  ist  nur,  dass  gesagt 
wird,  die  lautverbindungen ,  welche  die  tabelle  darstelt,  sind  die  kür- 
zesten, denn  sie  bestehen  nur  aus  je  einem  vokal  und  einem  konso- 
nanten.  Ich  nehme  keinen  anstand  den  satz  ok  gerir  —  setninginni 
hinter  „haß  hava"  zu  stellen i,  denn  gerir  bildet  die  natürliche  fort- 
setzung  zu  tekr  z.  9:  der  sinn  ist:  die  manipulation  am  grifbrett  bringt 
die  gewünschte  Verbindung  von  konsonant  und  vokal  hervor  imd 
„Schaft  so  viele  hendingar  als  oben  in  der  stafa  setning  (d.  i.  in  der 
tabelle  s.  s.  61 1)  verzeichnet  sind",  nämüch  so  viele  hendingar  als  die 
tabelle  buchstabenzeichen  enthält.  Hieran  muss  sich  dann  der  satz 
schliessen:  aber  diese  heyidmgar  sind  nicht  aUe  möglichen,  etwa,  pessar 
hendingar  ero  (ekki  allar  en)  ero  7neiri,  en  pcer  sem  fyrr  ero  ritapar 
(ero)  hinar  7ninzto  . . .  oder  pö  ero  h.  enn  meiri,  usw. 

1)  Dass  der  traktat  in U  Umstellungen  sich  gefallen  lassen  muss,  zeigt  s.  58 ^~'', 
(s.  369«  fgg.). 


280  BRENNER,  DER  II.  TRAKTAT  DER  tU'S.  EDDA 

Der  sehliiss  des  traktats  ist  von  F.  Jönsson  eingeklammert  Avor- 
den,  aber  vielleicht  besser  noch  hätte  er  den  anfang  eingeklammert, 
denn  die  worte  her  sfanda  bis  zum  ende  erweisen  sich  als  zweite  und 
zwar  erheblich  klarere  erläuterung  des  bildes  vom  grifbrett. 

Die  figiir  und  beide  commentare  aber  ■wollen  nichts  anderes  als 
die  einfachsten  der  Verbindungen,  von  denen  in  der  ersten  hälfte  die 
rede  war,  soweit  sie  für  die  lehre  von  den  reimen  verwendbar  waren, 
übersichtlich  zusammenzustellen;  es  fehlen  deshalb  die  Verbindungen 
mit  e  und  q  hier  mit  recht  nicht,  und  0  ist  wol  nur  aus  versehen 
weggeblieben.  Die  figur  ist  sehr  geschickt  gemacht,  mit  einem  blick 
übersieht  man  alle  einfachen  silben,  die  für  silben-  und  Stabreim  passen. 

Der  traktat  bietet,  auch  wenn  man  von  der  schlechten  Überliefe- 
rung in  U  absieht,  manche  Unebenheiten.  Er  erweist  sich  mit  seinen 
termini  sowie  durch  die  Vermeidung  alles  dessen,  was  im  kommentar 
zum  Hattatal  ausgeführt  ist,  als  teil  dieses  kommentares.  Möbius  hat 
nachgewiesen,  dass  Snorri  selbst  nicht  der  Verfasser  des  Hättatalcom- 
mentares  ist,  auch  den  traktat  könte  Snorri  nur  in  einer  sehr  schwa- 
chen stunde  geschrieben  haben.  Nichts  hindert  uns,  anzunehmen,  dass 
der  traktat  vom  Verfasser  jenes  commentares  im  aufti'age  Snorris  her- 
gestelt  ist.  Die  figuren  könte  Snorri  selbst  entworfen  haben.  Der 
erste  redaktor  des  Edda-nachlasses,  Müllenhoffs  x,  fand  den  traktat  in 
concept  bei  dem  Hättatalcommentar,  wol  schlecht  geschrieben,  korri- 
giert, mit  randbemerkungen ,  den  text  zur  zweiten  ligur  in  doppelter 
fassung.  Schon  x  mochte  den  traktat  als  eine  orthographische  arbeit 
auffassen,  von  ihm  stamt  dann  die  stelle  über  die  titlw  und  anderes 
was  jezt  den  text  überlädt.  Der  redaktor  y  hat  endlich  die  ursprüng- 
liche bedeutung  des  traktates  ganz  verwischt  und  durch  neue  entleh- 
nungen  aus  abh.  I,  durch  geisthche  zutaten  die  sonderbare  misch ung, 
die  uns  in  abh.  II  W  vorhegt,  zuwege  gebracht. 

MÜNCHEN.  0.  BEEKNER. 


EINE   BEAEBEITÜNG   DES   PAPIKIAMJS   AUE   DEM 
EEPEETOIE   DEE  WANDEETEUPPEN. 

Es  pflegt  als  feststehende  tatsache  betrachtet  zu  werden,  dass 
zwischen  dem  sogenanten  gelehrten  buchdraraa  und  dem  Schauspiel  des 
wandertruppenrepertoirs  im  17.  Jahrhundert  eine  niemals  durchbrochene 
Scheidewand  gestanden  habe. 


HEINE,    PAPINIANUS  281 

Insutbrii  ist  diese  behauptuiig  alleixlings  richtig-,  als  die  kunst- 
dramen  wol  niemals  von  den  Wandertruppen  in  der  form  gespielt 
worden  sind,  in  welcher  sie  gedruckt  vorlagen;  in  bearbeitungen  aber 
kam  das  kunstdrama  des  17.  Jahrhunderts  auf  die  bühne  der  gewerbs- 
mässigen Schauspieltruppen  und  hielt  sich  auf  dem  repertoir  bis  zur 
mitte  des  18.  Jahrhunderts. 

Als  beleg  für  diese  behauptung  möge  ein  drama  dienen,  dessen 
handschrift  die  k.  k.  hof-  und  Staatsbibliothek  zu  Wien  bewahrt  i;  es 
führt  den  titel: 

„Der    Grrossmüthige    Rechts    Grelehrte    Äemilius    Paulus 
Papinianus    oder    der    Kluge    Phantast    und   tvahrhaffte 

Calendet^   Macher^^ 
und  ist  eine,    dem  grösseren  publikum  mundgerecht  gemachte  bearbei- 
tung  des  Papinianus  von  Andreas  Gryphius. 

Die  handschrift,  welche  aus  25  blättern  und  einem  beigeklebten 
scenar  besteht,  trägt  auf  blatt  P  die  aufschrift:  „J.  C.  Haacke.  Symb. 
Semper  Idem",  dann  folgt  auf  2"  titel,  personen-  und  requisiten- 
verzeichnis.  Die  nun  folgenden  23  blätter  enthalten  den  text  der  tra- 
gödie,  welcher  mit  der  Unterschrift  versehen  ist:  Tragoediam  hanc 
in  II  memoriam  Iulia7iae  ||  Compagniae  scripsit  ||  G.  R.  Haskerl  olim 
stud.  II  N(uncj  V(ero)  Comicus  Merseburg,  (ensis)  1710."  Das  beige- 
klebte scenar  endlich  trägt  auf  seiner  rückseite  den  vermerk:  ,,In 
Dresden  C(arl)  L(udivig)^^  H(offmann)  Ano  1722  3  lulg." 

G.  ß.  Haskerl,  der  Schreiber  des  manuscripts,  ist  wol  identisch 
mit  jenem  prinzipal  Hasskerl,  von  dem  die  allerdings  recht  unzuver- 
lässige Chronik  des  deutschen  theaters  berichtet,  dass  er  um  1720  eine 
truppe  geleitet  habe,  deren  erster  Schauspieler  Markgraf  weder  lesen 
noch  schreiben  konte,  und  dass  er  1726  notar  geworden  sei'^. 

Seine  Unterschrift  lehrt  uns  ferner,  dass  er,  ein  ehemaliger  Stu- 
dent im  jähre  1710,  als  komiker  der  Merseburger  schauspielergeselschaft 
wirkte,  und  seine  tragödie  „in  memoriam  Julianae  Compagniae"  geschrie- 
ben hat. 

Mit  dieser  „Juliana  Compagnia"  kann  nur  die  truppe  der  Sophie 
Julie  Elenson  gemeint  sein,    deren  prinzipalin  um  jene   zeit  unter 

1)  Cod.  13161. 

2)  Das  C  und  L  ist  allerdings  so  verschlungen,  dass  die  beiden  buchstaben 
ein  Q  zu  bilden  scbeinen;  da  aber  der  ntämüche  namenszug  sich  auch  bei  dem  aus- 
geschriebenen namen  Hoffmanns  findet ,  so  unterliegt  die  obengegebene  deutung  der 
initialen  C  L  und  H  keinem  zweifei. 

3)  (Ch.  H.  Schmid)  Chronologie  des  deutschen  theaters  (1775)  s.  53  u.  57. 


282  HEINE 

dem  namen  „die  schöne  Juliana"  bekant  Avar.  Derselbe  name  wird  ihr 
auch  in  einem  schmähgedicht  beigelegt,  das  sie  ihres  anstössigen  lebens- 
wandels  Avegen  angrifft  Sie  selbst  rühmt  sich  in  einer  1710  gemach- 
ten eingäbe  an  den  Frankfurter  magistrat,  dass  sie  eigens  für  sie  ange- 
fertigte stücke  zur  auffuhrung  bringen  wolle  ^,  zu  denen  vielleicht  auch 
die  oben  angeführte  bearbeitung  des  Papinianus  gehört  hat;  denn  das 
manuscript  derselben  war  im  besitz  ihrer  truppe,  wie  der  namenszug 
ihres  späteren  gatten  J.  C.  Haacke  auf  bl.  l''  der  handschrift  beweist. 
Aus  dessen  bänden  gieng  es  an  C.  L.  Hoff  mann,  den  dritten  gatten 
der  Elenson  über,  der  dasselbe,  wie  der  oben  erwähnte  vermerk  auf 
dem  scenar  dartut,  bei  einer  aufführung  zu  Dresden  am  3.  juli  1722 
benuzte. 

So  unterliegt  es  keinem  zweifei,  dass  Haskerl  seine  tragödie  für 
Sophie  Julie  Elenson  schrieb  und  zwar  glaube  ich  annehmen  zu 
dürfen,  dass  er  nicht  nur  der  Schreiber,  sondern  auch  der  bearbei- 
ter  dieses  dramas  war,  da  er  als  ehemaliger  student  einen  gewissen 
grad  von  bilduug  besessen  und  schwerlich  für  eine  fremde  truppe 
lediglich  Schreiberdienste  getan  haben  wird;  auch  jene  oben  erwähnte 
bemerkung  der  Elenson  dem  Frankfurter  magistrat  gegenüber,  lässt 
darauf  schliessen,  dass  sie  sich  im  besitz  neugefertigter  stücke,  nicht 
von  abschriften  schon  vorhandener  wüste.  Schliesslich  wäre  die  etwas 
weitschweifige  Unterschrift  Haskerls  für  einen  abschreiber  doch  zu 
anmassend. 

Inwieweit  er  aber  selbständig  arbeitete,  inwieweit  er  ältere  bear- 
beitungen  benuzte,  ist  mit  dem  vorhandenen  material  nicht  festzustel- 
len; dass  es  vor  ihm  schon  bearbeiter  des  Papinianus  gab,  ist  sicher; 
denn  wir  finden  aufführungen  des  Stückes  durch  Wandertruppen  schon 
seit  1677  erwähnt,  denen  ohne  frage  das  original  des  Grs^phius  nicht 
zu  gründe  gelegen  haben  wird.  Dieses  kam  nur  gleich  nach  seinem 
erscheinen  1660  zur  darstellung;  durch  „die  den  freyen  künsten  erge- 
bene jungend"  wurde  es  siebenmal  in  Breslau  zu  St.  Elisabeth  gege- 
ben s.  Aber  auf  einer  andern,  als  einer  schulbühno  kann  das  original 
in  unveränderter  gestalt  seiner  ganzen  anläge  nach  nicht  gegeben  wor- 
den sein.  Yon  aufführungen  des  bearbeiteten  Papinian  sind  mir  fol- 
gende bekant  geworden: 

1)  Diese  mitteihmg  verdanke  ich  der  gute  der  frau  Elise  Mentzel  in  Frank- 
fui-t  a.  M. 

2)  E.  Mentzel,  Geschichte  der  Schauspielkunst  in  Frankfurt  a.  M.  (1882) 
s.  137. 

3)  Ä.  Gryi)hii  Trauerspiele,  herausg.  von  H.  Palm.  (Tüb.  1882)  s.  497. 


PÄPINIANUS  283 

1677  gab  Treu  in  München:  Der  grossmütige  rechtsgelehrte  Papinianiis i. 

1690  gab  Yelten  in  Torgau:  Der  grosse  rechtsgelehrte  Papinianiis 2. 

Um  1700  gab  man:  Die  enthauptung  Papiniani  des  rechtsgelehrten  unter 
Caracalla  ^. 

1710  Avolte  S.  J.  Elens on  das  drama  in  Frankfurt  nach  iinsrer  hand- 
schrift  geben  ^. 

1722  gab  Hoff  mann  in  Dresden  das  stück  nach  imsrer  hdschr.^ 

1738  gab  Eckenberg  in  Eraukfm't:  Der  mit  weiser  gerechtsanie  eher 
sterben-  als  laster  billigende  römische  rechts  gelehrte  Aemilius 
Paulus  Papinianus,  wobey  zu  abwechselnder  gemütsergötzung  ein 
kluger  phantast  und  verrückter  doch  wahrhafl'ter  calendermacher 
erscheinen  wird^ 

1741  gab  Wallerotty  in  Frankfurt:  Der  grossmütig  sterbende  rechts- 
gelehrte Aemilius  Paulus  Papinianus,  welcher  unter  der  regierung 
Passiani  des  römischen  kaysers  öffentlich  enthauptet  worden.  Hans 
"Wurst  stelt  vor  einen  im  hirn  verrückten  sternseher '^. 

1742  gab  derselbe  in  Frankfurt:  Der  in  seinem  leben  und  tod  gross- 
mütige  rechtsgelehrte  Paulus  Aemilius  Papinianus.  NB.  die  zwi- 
schen einem  überstudierten  astrologe  und  gescheit  sein  wollenden 
Juristen  vorkommenden  lustigen  scenen  werden  eine  angenehme 
abwechslung  verschaffen  l 

1745  wolte  Schröder  in  Prag  geben:  Der  grossmüthige  römische  Jurist 
Papinianus  '^. 

Diese  angaben  liefern  nebenbei  bemerkt  einen  lehrreichen  beitrag 
zur  geschichte  des  komischen  Clements  in  den  ernsten  dramen.  "Wäh- 
rend dasselbe  bei  den  frühesten  aufführungen  nicht  einmal  im  titel 
erwähnt  ist,  wird  es  bei  den  späteren  immer  stärker  betont,  wobei 
aber  die  titel  darauf  hinzuweisen  scheinen,  dass  die  komischen  scenen 
mit  dem  eigentlichen  gang  der  handlung  nichts  zu  tun  hatten. 

Was  uns  die  titel  nur  vermuten  lassen,  bestätigt  die  bearbeitung 
von  1710;  hier  stehen  die  komischen  scenen  schon  möglichst  isoliert; 
auf  den  gang  der  ernsten  handlung  bleiben  sie  ohne  jeden  einfluss,  im 
original  fehlen  sie  ganz;    auch  in  andern  punkten  weicht  die  bearbei- 

1)  Trautmann,  Jahrbuch,  fiir  Münchner  geschichte  1887  s.  257. 

2)  Heine,  Veiten  s.  36  nr.  64. 

3)  Diese  aufführung  erwähnt  ein  von  Meissner  herausgegebenes  komödien- 
verzeichnis:  Shakespeare -Jahrbuch  XIX  s.  148  nr.  50. 

4)  Vgl.  die  oben  erwähnte  unterschritt  Hoffmanns. 

5)  Mentzel  s.  427.  6)  Mentzol  s.  448.  7)  Mentzel  s.  464  —  65. 
8)  Teuber,  Geschichte  des  Prager  theaters.  I  (1883)  s.  186. 


284  HEINE 

tung  von  1710  vom  original  ab.  Der  vergleich  beider  dramen  kann 
zugleich  als  beispiel  für  die  art  dienen,  in  welcher  die  deutschen  Wan- 
dertruppen ihre  vorlagen  für  ihre  zwecke  ummodelten.  Auf  eine  wört- 
liche widergabo  des  ersten  aktes  der  bearbeitung  lasse  ich  eine  kurze 
inhaltsangabe  der  4  übrigen  akte  folgen. 

(2  a) 
Tragoedia | 

genandt  | 

Der  Großniüthige  Rechts  |  Gelehrte  | 

Acuiilius  Paulus  |  Pai)inianus  | 

oder  I 
Der  Kluge  Phantast  und  wahr  |  haffte  Calender- Macher  | 

Actores: 

Antoninus  Bassianus  Caracalla  ^    ,    . ,     ^      7  7  •    7      r^ 

.    ^     .         ^  ,  l  beide  Bruder  und  rönnschc  Kaiiser. 

Antoninus  Gela  /  '^ 

Julia,    des  verstorbenen  Kayser  Severi  nachgelassene   Wittwe,    Bassiani 

Stief-,  und  Getae  rechte  Mutter. 

Papinianus,  Feldherr. 

Plautia,  dessen  Gemahlin. 

Eugenia,  dessen  Mutter. 

Laetus,  Bassiani  geheimer  Bat. 

Oleander,  Flavius  —  beydc  Hofjunker. 

Trasullus,  em  Sternseher. 

Traraeus,  Ein  im   Oekirn  vcrrücMer  Rechtsgelehrter. 

Officier  aus  dem  Lager  —  Hencker  mit  den  Seinigen. 

(2  b) 
Necessaria:  2  schwartze  Mäntel,  2  schwartze  Röcke,  4  schwartze  Tücher. 
Geschlinge:  ein  grosses  Beü,  Becher,  Dolch.  _ 

Fackeln  und  Calvonium.     2  Eöpfe.     Monument. 

(3  a) 
Actus  1ms.     Sc.  I. 

Laetus,    Flavius,    Oleander. 
Laetus.     Bassianus  Lebe,    imd  sey  mit  Siegeß  Kräntzen  bekrö- 
net, so  lange  |  Phoebus  pranget,  und  seine  Fruchtbahrkeit  der  Erdboden 
spendet,  es  seynd  schon  viele  Jahre  |  verfloßen;  da  ich  unter  den  Lor- 
beersträuchen Meines  Allergnädigsten  Keysers    und   Herrn,    die    stelle  j 


PAPINIANUS  285 

eines  geheimen  Raihs  vertreten:  was  für  Veränderung  Sich  Zeither 
ereignet  und  mit  was  |  für  Falschheit  der  Römische  Hoff  ist  angefül- 
let  gewesen,  werdet  ihr  mir  getreueste  Fi"eunde  |  am  besten  Zeugen 
können  | 

Plavius.  Die  glückssterne  der  Ehre  und  des  Sieges  haben  an 
den  Römischen  Himmel  genugsahm  hervor-  |  geleichtet,  aber  durch  die 
boßheit  der  Menschen,  werden  sie  verfinstert,  die  Winde  des  ehrgeitzes  | 
treiben  die  unbesonnene  bald  hin  und  her,  woraiüf  nothwendig  ein 
ungewitter  |  folgen  muß,  daß  Sie  Schiffbruch  leiden.  | 

Oleander.  Der  ist  gleich  fertig  Seine  Sinne  der  niedrigkeit  ge- 
widmet, welcher  nicht  nach  hohen  |  Ehren  ämtern  trachtet.  Sondern 
mit  sein  gut  gewißen  Zu  rathe  gehet,  als  dann  Kann  er  |  Sich  der 
Hohen  Fürsten  gunst  versichern,  und  unter  denen  Palmen  der  auff- 
richtigkeit  die  |  Majestät  Seines  Keysers  anbeten.  | 

Laetus.  Betrachtet  daß  Papinianus  Keine  Staffel  zum  Höchsten 
Thron  mehr  übrig,  er  ist  der  |  nächste  nach  dem  Keyser,  ihm  ist  das 
Reich,  das  Hauptlager,  die  Höchste  geheimde  Rathsstelle  ]  an  vertrauet, 
das  Römische  Volck  nennet  ihm  einen  Yater  deß  Yaterlandes.  | 

Flav.  Noch  Mehr  einen  Schwager  des  Keysers,  deßen  Hoheit 
die  Fama  durch  Süd -Ost  |  und  west,  ja  bey  den  Rauhen  Scyten  schon 
längsten  ausgeblaßen  hat.  | 

Gl e and.  Waß  haben  wir  Zu  hoffen  |  :  Ich  muß  nur  Zimi  Schein 
Seiner  Meinung  beyfall  geben,  |  unsere  Ehre  und  ansehen,  wird  durch 
den  Mund  dieses  hofiartigen  gemindert,  wir  haben  |  weiter  nichts  zu 
sagen,  sondern  müßen  Zu  sehen,  wie  die  gerechtigkeit  Kein  Schwert  | 
habe,  die  Jenigen  Zu  Züchtigen,  die  Sie  umb  der  Herrschafft  willen 
beleidigen.  | 

Laetus.  Unsere  glucks -blumen  müssen  durch  die  Hitze  dieses 
hochmüthigen  verwelken  |  Selten  wir  nun  die  äugen  Zu  thun  und 
schlaffen?  o  nein  diese  Wunde  muß  |  mann  durch  das  Pflaster  der 
Vorsichtigkeit  heilen,  das  ende  giebt  allen  einen  Nahmen,  und  Die  | 
würckung  der  Hoffnung  verspricht  mir  eine  Yerbeßerung  Meineß  Stan- 
des, ich  gehe  ]  dieser  Sache  weiter  nach  zu  dencken.  ab.  \ 

Fla  vi  US.  Ey  so  gehe  daß  sich  alles  Unglück  rühre,  wie  geden- 
cket  laetus  uns  anitzo  Zu  verführen,  daß  wir  Pajyi  |  nianum  Sollen 
verfolgen  helffen,  das  soll  niemand  erleben,  wie  artig  haben  wir  ihn 
durch  I  unser  Simuliren  ausgelockket,  nun  wißen  wir  seine  Schelmische 
anschläg,  was  sollen  wir  |  thun.  Sollen  wir  Sie  offenbahren,  oder  ver- 
schweigen, waß  düncket  euch  Cleaiider.  \ 


286  HEINE 

(3b)  Cleand.  Wir  wollen  lieber  schweigen  imd  Zu  sehen  wie 
er  die  sache  weiter  anfangen  wirdt,  hernach  Können  |  wir  doch  alles 
und  jedes  offenbahren.  | 

Flavius.     Eß  sey  also,  Pajyinianus  lebe  Nestors  jähre  ab  | 
Oleander.     Und  sey  mit  so  viel  Wohlergehen  gesegnet,  als  sterne 
am  Himmel  seyn.    ab.  \ 

Sc.  2. 

Papinianus  am  Tische. 
Papinianus.  "Wer  auff  den  gipfel  der  höchsten  glickseeligkeit 
über  alle  andern  steiget,  und  von  dießer  stol-  |  zen  Höhe,  auff  den 
gemeinen  Pöbel  herunter  Schauet,  wie  unter  ihnen  die  Königreiche  |  in 
feuer,  die  fehler  mit  waßer  überschwemmet,  und  wie  der  Erzürnte  him- 
mel  mit  blitz  und  |  donner  Tempel  und  Thiu-m  zerschmettert,  ja  seine 
Siegeß  Zeichen  unter  so  viel  1000  |  doten-Cörpern  versencket  Siehet, 
derselbe  hat  in  Seinen  Hohen  würden  YieX  über  |  das  gemeine  wesen 
zu  herschen.  Aber  ach!  wde  bald  wird  sein  Haupt  von  einen  |  Schwin- 
del eingenommen,  daß  er  durch  einen  un  verhofften  Fall  in  den  ab- 
grund  sincket?  wie  |  bald  wird  die  felsen  gleiche  Macht  des  gipffels, 
daß  auch  berg  und  thal  dar  über  Zittern  |  müßen,  durch  ein  erdbeben 
versencket?  In  einem  augenblick  ist  es  geschehen,  daß  der  |  ungestüme 
wind  umb  die  Ehren  Klippen  herumbsaußt,  und  dieselben  mit  der 
un-  I  geheuren  Pest  der  verläumdung  anstecket,  und  wann  hat  diese, 
wenn  der  neidt  ihr  |  beyfall  giebet,  nicht  allezeit  Triumphiret,  was  ists 
Papinianus?  Daß  Keiner  dir  an  |  Standt,  macht,  noch  hoheit  nach- 
giebet;  was  ist's?  Daß  jedermann  deinen  wincken  gehorchen  |  muß, 
was  ists?  daß  der  Keyser  auf  deine  brüst  die  höchste  Ehren  Säule 
auf-  I  gebauet,  ach!  es  seind  nichts  als  harte  Klippen,  an  welchen  Dein 
Hoffnungs  Schiff  |  zerscheitern  und  Zu  Grunde  gehen  wird.  6  ihr  in 
Zanck  verwirrte  brüder,  |  warumb  raset  ihr  doch  also?  vieleicht  wdrd 
euch  die  fülle  der  länder.  Die  große  wei-  |  te  See,  und  die  gantze  weit 
zu  Enge  sein.  Eß  ahnet  mir  etwas  sonderliches,  mich  dün-  |  cket  ich 
sehe  schon  die  brüderHchen  Fäuste  einander  in  den  Haaren,  die  große 
Stadt  I  Rom  in  noth  und  Trauer,  die  länder  in  Verderben,  die  Schiffe 
in  brand  und  aschen,  |  den  Thron  Zerstöret,  und  mich  wie  wohl  durch 
einen  unverhofften  fall  plötzlich  ersticket,  doch  |  füi'chte  und  scheue  den 
todt  nicht  Fapinianus,  weil  Schon  längst  die  verläumbdung  das  beil  | 
geschliffen,  mann  hat  das  volck  auf  mich  verhetzt,  lügen  ausgestreüet, 
und  meinen  |  rühm ,  welcher  doch  nach  mir  leben  bleiben  wird  ver- 
nichtet, ja  man  schätzt  das  vor  die  |  Klare  Wahrheit,  waß  doch  der 
argwöhn  angerichtet  hat. 


PAPINIANUS  287 

Sc.  3. 
Eügenia  und  Plautia. 

Eügenia.  Eß  müßen  auff  das  unvergleichlige  Haupt  meines  Soh- 
nes 1000  Schneeflockken  der  |  glickseeligkeit  fallen.  | 

Plautia.  Und  seine  Stirne  mit  ewig  blühenden  Lorbeerblättern 
umbkräntzet  seyn.  | 

Papinianus.  Will  Kommen  trostreiche  Erfreürin  Meines  lebens 
ich  umbfange  euch  und  liebe  euch  |  nebst  beküßung  Eurer  Schönen 
wangen,  welche  von  Lilios  und  Rosen  blühen,  | 

(4  a)  Eügenia.  "Was  vor  eine  dunckle  wolcke  der  traurigkeit 
läßet  sich  in  eurem  ahnmüthig  Helden  aug  erblicken  | 

Papinianus.  Ach  eine  solche,  die  den  Himmel  unsers  gantzen 
hauses  benebelt.  | 

Plautia.     0  w^ehe:  waß  saget  Mein  liebster?  | 

Papinianus.  Begleitet  meine  Seite  durch  eure  stille,  und  ruhet, 
ich  will  euch  mit  Kurtze  etwas  offenbahren.  | 

Eügenia.  Wir  werden  eß  mit  verAvunderuug  anhören  |:  Setzen 
Sich  auff"  die  Stühle  :|  | 

Papinianus.  Man  will  mich  beschuldigen  als  ob  ich  die  Ver- 
ehrung der  götter  an  die  Seite  Setze,  und  die  Christen  |  lehre  nicht 
mit  Schwerdt  und  Feuer  vertilge,  ist  es  aber  wohl  zu  loben,  daß  man 
diese  leüte  ]  also  grimmig  verfolge,  und  leichen  auf  leichen  häuffön  soll 
da  doch  niemand  ihr  verbrechen  |  weiß,  wer  itzo  die  Christen  nur  nen- 
net, will  stracks  haben,  daß  man  mit  ihnen  ohne  nach  |  frage  Zu  der 
Marter  Eile,  da  doch  das  heüige  Recht  auf  eine  gewiße  Zeit  Ziehlet 
Zu  voll-  I  Ziehung  deß  blutigen  Urtheils.  | 

Plautia.     Ich  bin  bestürtzt  und  verstumme  vor  Schrecken.  | 

Papinianus.  Man  will  mir  aufbürden,  daß  ich  die  Zwietracht 
der  Fürsten  helfPe  verstärcken,  und  das  Feuer  |  aufblase,  daß  ich  nach 
den  thron  und  Crone  der  Äntoniner  trachte  und  der  gleichen  greüel 
mehr,  die  |  ich  anitzo  wegen  der  bestürtzung  zu  melden  olmmächtig 
bin:  Stimmen  aber  mit  meinem  leben  die  |  lügen  über  ein?  Soll  die- 
ses Meine  belohnung  sein?  daß  ich  manche  Nacht  ohne  Ruhe  habe  Zu 
gebracht,  |  daß  ich  so  manchen  tag  Kälte  und  Hitze  erlitten,  daß  ich 
so  wohl  zur  See  als  land  mein  leib  und  leben  |  gewagt,  und  mein  blut 
mit  der  femde  blut  auf  dieser  brüst  vertilchet,  durch  meinen  Schweiß  | 
hab  ich  die  beängstigten  länder  erquickt,  die  macht  der  Parther  be- 
zwungen, den  Nil  imd  !  Euphrates  mit  Schiffen  bedecket,  den  stolzen 
Rhein  umbpfählet,  das  recht  der  Römer  er-  (  Kläret,  den  stürm  der 
völcker  verhütet,    die  stadt   in    eüserster   hungersnoth   mit  Korn    aus  1 


288  HEINE 

Osten  versehen  und  erhalten,  itzt  nach  Westen  itzt  nach  Süden  und 
dem  rauhen  jS'orden  gereiset  |  dort  Schantzen  hingesetzet,  hier  mauren 
aufgebauet,  hier  thürme  und  Wälle  gegründet,  |  den  Arabern  unbewuste 
brunnen  entdecket.  Mein  leben  habe  ich  vor  die  Freyheit  |  des  Eeichs 
in  gefaln-  gesetzet,  der  feinde  list  habe  ich  durch  meine  Klugheit  er 
Kundschafftet,  |  und  offenbahret,  freunde  in  bindnüsse  gebracht,  verjagte 
wieder  ins  reich  gesetzt,  und  für  dich  |  du  Edles  Rom  das  eüserste, 
auch  mit  verlust  meiner  eigenen  guter  gewaget,  ein  Schatten  |  reicher 
bäum  ist  vor  dem  Donner  Sicher,  ein  strauch  stehet  unversehret,  wer 
aber  die  gemeine  I  Noth  zu  hindern  sich  bemühet,  der  suchet  nichts 
als  seinen  Untergang,  Aver  sich  vor  alles  andre  \  waget  und  sein  leben 
in  die  schantze  schlägt,  wird  unter  vielen  nicht  einen  finden,  auf  deßen 
wahre  |  treue  er  sich  verlaßen  Könne,  dero  wegen  bin  ich  aller  Ehren 
satt,  ich  bin  der  ämter  über-  |  drüßig.  So  gar  dass  ich  auch  in  dem 
Mittage  Meines  alters  nichts  mehr  wünsche  als  den  todt,  man  |  wii'd 
nach  meinem  Absterben  gestehen  müßen,  daß  ich  Schrecken,  furcht, 
ja  alle  wiederwärtigkeiten  |  großmüthig  überwunden  habe.  | 

Plautia.  Diese  entstellung  peiniget  meine  Seele,  hat  jehmals  die 
bitte  E:  gemahlin  statt  gefunden,  |  So  mäßiget  anitzo  eure  Schmertzen 
—  wie  schweiget  ihr?  ach  erhellet  doch  die  lichter  |  eurer  äugen,  und 
Sehet  an  ein  betrübtes  weibesbild,  die  ihren  mau  mit  |  thränenden 
äugen,  und  erblasten  wangen  umbarmet.  | 

(4  b)  Pap  in.     Laßet  ab  holdseeligste  gebietherin,  Meine  Zunge  ist 

ermüdet,    ihre  [unleserlich ],  |  ihr  Sehet  daß  man  meine 

redlichkeit  in  verdacht  ziehet,  unsere  fügend  will  man  mit  denen  |  ab- 
scheüligsten  lästern  beschmutzen,  man  miß  gönnet  uns  die  gnade  und 
gunst  des  Keysers,  |  deucket  uns  zu  stürtzen,  ach  erwäget  liebste  Seele 
mit  was  gedanken  ich  überwältiget  sey  |  und  mich  nicht  eher  Zur  ruhe 
geben  werde,  biß  daß  mein  Sorgen  volles  leben  ein  Ende  hat.  | 

Plautia.  Ein  ende  saget  ihr?  das  erst  den  rechten  anfang  gewin- 
net, waß  für  raserey  hat  eure  Sinnen  |  bemeistert?  wer  sind  denn  Eure 
ankläger,  last  sie  hervortreten!  Ich  weiß  eure  Un-  |  schuld  wird  ihre 
Klage  übersteigen.  | 

Pap  in.  Der  Krieg  ist  gefährlich,  wann  so  viel  verläumbder  die 
Unschuld  unterdricken ,  ich  begehre  |  nicht  mehr  zu  leben,  die  anblicke 
der  Welt  sind  mir  ejn  greüel,  es  ist  vergebens,  daß  ihr  mich  |  tröstet, 
weil  ich  sehe,  daß  Keine  entschuldigimg  mehr  helöen  will.  | 

Plautia.  Ihr  habt  ja  nichts  verwircket  das  sti'afbahr  ist  er  mun- 
tert euch  wieder,  denn  unter  den  lorbeer  |  Sträuchen  des  Keysers  seyd 
ihr  vor  allen  donuer  sicher.  I 


PAPINIAJs'US  289 

Pap  in.  Es  ist  zwar  ein  großes  daß  uns  der  Keyser  liebet,  wan 
man  ihm  aber  auch  zu  einen  falschen  Wahn  |  wieder  uns  verleitet,  so 
ists  mit  der  Keyserlichen  gnade  geschehen,  julia  ZweifFelt  an  Meiner 
ti'eüe  I  und  meinet  daß  ich  Bassicmus  wieder  ihren  Sohn  Getam  ver- 
hetzet, Sie  Ziehet  meine  Freundschaft  |  in  verdacht,  und  gehet  mit  arg- 
wöhn schwanger,  wie  wird  doch  ein  sterblicher  so  vielen  Unglick  wi- 
der [  stehen  Können.  | 

Plautia.  Vermeinet  Julia  uns  auch  noch  zu  verderben,  die  einen 
solchen  auftruhr  in  dieser  sache  erreget  hat,  gehet  doch  mein  lieb,  und 
fallet  dem  Keyser  Zu  fuß,  damit  Eure  Unschuld  am  tag  komme.  | 

Pap  in.  Wie  soll  ich  dem  fußfällig  werden,  der  mir  Kein  Wort 
mehr  glaubet?  der  nichts  als  lästern  und  schmähen  |  Kann,  dem  Key- 
ser, der  da  geitzig  und  überflüßig  den  Wein  durch  die  gurgel  flößet, 
der  da  |  erzittert  wenn  er  drucken  und  voller  Weise  seine  Tiranney 
verübet,  der  als  ein  |  fürst  gesetze  vorschreibet,  und  dieselben  durch 
eigene  laster  Zerstöret:  6  der  großen  |  thorheit:  |:Laetus  lauret:|  | 

Sc.  4. 

L  a  e  t  u  s. 

Laetus.  0  unerhörte  boßheit,  pfleget  mann  den  Keyser  so  zu 
hintergehen,  und  seine  Majestät  Zu  |  verletzen,  was  ich  zu  vor  nieh- 
mals  habe  glauben  wollen,  muß  ich  anitzo  mit  eigenen  obren  anhören] 
heißt  das  dem  Keyser  geti-eü  sein?  | 

Pap  in.  Heißt  dieses  recht  und  ehrlich  den  beschützer  eures  ober 
Herren  zu  belauren,  und  seine  Worte  auf-  |  zufangen,  die  aller  Welt 
so  wohl  mündlich  als  schrifFtlich  ohne  euch  Können  vorgestellet  wer- 
den, j  Schämet  ihr  euch  nicht  mir  solche  Sachen  aufzubürden,  die  wie- 
der die  Wohlfahrt  meines  Keysers  laufen  |  Seyd  versichert  daß  ich  mit 
euren  Schaden  Meine  geführte  Worte  verantworten  Kann,  j 

Laetus.  Ich  sehe,  daß  euer  hertz  voll  verrätherey  und  Meineid 
stecket,  werde  derohalben  meine  obren  durch  |  eure  beredtsahmkeit  nicht 
betäuben  laßen.  | 

Plautia.  Nun  ist  es  Zeit  loß  zu  brechen;  ich  habe  lange  genung 
geduldet,  du  bist  aber  derjenige  |  welche  Meinen  liebsten  Eheherrn ,  bey 
der  weit  in  verdacht  zu  bringen  vermeinet,  du  bist  eine  |  Furia  die 
uns  plaget,  du  reitzest  den  gemeinen  pöbel  wieder  ihn  auf:  du  auff- 
wiegeler,  |  du  schleichest  ihn  überall  nach,  damit  du  ihn  (5a)  fällen 
mögest,  was  reitzet  |  dich  dann  diese  treue  Seele  Zu  haßen,  die  dich 
in  deinen  standt  gesetzet,  und  Zu  den  höchsten  würden  erhoben  |  Un- 
treuer, Nichtswürdiger,  ich  erstimirae  über  dein  böses  vornehmen,  | 

ZEITSCHRIFT   F.    DEUTSCHE   PHILOLOGIE.      BD.  XXI.  19 


290  HELNE 

Papin.  gedult  Meine  Seele  laßet  ihn  mit  seinem  anhang  wüten 
und  toben,  der  himmel  wird  doch  dem  gerechten  bey stehen.  | 

Plautia.  Hin  weg  du  gespenst  und  plag  geist  meiner  Seelen, 
Meine  äugen  ti-agen  abscheü  dich  länger  anzusehen.  | 

La  et  US.  Ich  gehe,  Meine  gerechte  Rache  soll  durch  des  Keysers 
Urtheil  volzogen  werden,  ah.  \ 

Papin.  Aber  ach  mein  Kind  war  umb  weinet  ihr,  verdunkelt 
nicht  die  holdseeligsten  lichter  eures  überirdischen  |  angesichtes,  ver- 
bannet alle  bitterkeit  aus  Euren  hertzen,  gedencket  daß  diese  galle  in 
Zucker  sich  |  verwandeln  wird,  Meine  großmütigkeit  soll  die  feinde 
dämpffen,  und  als  ein  Diamant  in  |  reinen  golde  hervor  prangen.  abeu7it.\ 

Sc.  5. 

Traraeus  solus. 
Traraeus.  Laßt  mich  loß  ihr  häscher  Meiner  gedancken,  machet 
platz  der  heiligen  gerech tigkeit,  welche  mit  6  grau  |  schimmeln  auff 
einen  himmel  blauen  schütten  über  den  Horiw/it  meiner  gelehrsamkeit 
gefahren  Körnt,  |  da  Kommen  die  Römischen  Ratbs  Hn.  in  langen 
rocken  und  rothen  stieffein  angestochen,  es  scheinet  sie  wollen  |  mit 
ihren  Acten  das  Capitolvmu  in  Rom  stürmen,  die  herren  procuratores 
fechten  umb  einen  betitel  j  mit  geld,  aus  der  langen  stange,  die  Hn. 
candidaien  der  rechten  halten  mit  ihren  exceptiombus  \  productiojiihus 
litis  contestationibus ,  mdlitatibus  und  sententiis  der  judex  a  quo,  stei- 
get auff  I  einen  viereckkichten  Cathcder,  und  bläßet  neben  seinen  Locis 
diyestis  den  Paragraphuni  sextuni  \  de  non  offendemlo  mit  Posaunen 
ab,  und  list  herÄich  ihnen  das  juramentum  ßdelitatis  vor,  der  |  Key- 
ser  machet  sich  lustig  mit  dem  Papiniauus,  rüstet  6  fuchsscliAväntzer, 
welche  in  blauen  strümpffen  |  auf  den  Reichs  Saale  eine  Masqcrade 
tantzen.  Siehe  da  Konit  einer  von  des  Keysers  geheim-  |  den  Räthen 
angetreten,  er  siebet  gar  spitzig  aus  umb  seine  Nase,  er  hat  gewiß 
heute  morgen  eine  |  purgatio}i  eingenommen,  ich  muß  doch  hier  an 
die  Seite  seine  reden  anhören.  | 

Sc.  C. 

Lact  u  s. 

Laetus.  Ich  Avill  verschaffen  daß  Äntöninus  Geta  seinem  bruder 
Bassianus  Zu  fuße  fallen  und  seinen  Dolch  Küßen  soll.  | 

Traraeus.  Küße  du  ihm  den  Podex  du  aufwiegeler  (ad  spect) 
das  ist  gar  der  rechte,  der  will  die  brüder  auff-  |  wiegeln  und  zusam- 
men lietzen,  o  daß  du  verreckest  wde  ein  alter  bauren  beugst,  oder  ver- 
schimmelst wie  I  ein  frischer  Mause  dreck  auff  einen  alten  hafferboden.  1 


PAPINIANÜS  291 

Laetiis.     Ein  Himmel  kann  nicht  2  Sonnen  vertragen.  | 

Traraeus.  (ad  spect)  viel  weniger  einen  Solchen  sclielm  der 
lauter  Uneinigkeit  anfanget  und  machet.  | 

Laetus.  Man  muß  sie  von  ein  ander  Trennen,  und  den  Bas- 
sianus  allein  auf  den  Römischen  thron  vorstellen.  | 

Traraeus.  (ad  spect)  JN'un  Merke  ich  worauff  es  geziehlet,  sie 
wollen  den  guteji  Getam  hinrichten,  da  soll  sie  |  die  Krank  darvor 
holen.  I 

Laetus.  Papinianus  wird  sich  Zwar  bemühen,  die  Streitigkeit 
bey  Zu  legen,  aber  er  soll  mit  seinen  eige-  |  non  Schaden  erfalrren 
wie  hoch  er  gestiegen  ist.  | 

Traraeus.  (ad  spect)  wer  da  nicht  ein  gebackener  Lümmel  son- 
dern ein  rechtschaffener  Kerl  sein  will  |  der  muß  die  Ehren  wappen 
seiner  Heroischen  That  an  den  Thor  weg  seiner  stirne  aushencken  |  auf 
welcher  nicht  ein  garstiger  Düstelfüncke ,  sondern  eine  freundliche 
Nachtigall.  Nicht  ein  |  stinkender  Roß  Käfför  sondern  eine  arbeitsahme 
biene  muß  gepraget  sein  |  wie  solches  zu  lesen  In  (5  b)  Meister  Sau- 
nahels  Seiner  NeüaufFgelegten  |  BacJianten  tröster,  Tomo  priino,  Capite 
vigesimo  tertio  versiculo  is  sub  Uteris  P.  Q.  R.  S.  \  pagina  mea  tre- 
centesinia  septuagesima  sexagesima  septima.  \ 

Laetus.  Dieser  Man  stehet  seiner  gewohnheit  nach  in  ti offen 
gedancken,  den  die  Melancholici  belieben  |  Keine  gesellschaft  Sondern 
bedienen  Sich  der  einsahmkeit.  | 

Traraeus.  Parol,  Sie  bitten  dclation,  die  Sache  ist  bey  dem 
Herrn  revercnten,  man  brauchet  co7iclusionem  \  reverentalein ,  die  andere 
Parthie  hat  an  das  hoffgericht  appeUrt,  geschwinde  deckt  den  disch  | 
bringet  das  gebratene  her,  drincket  doch  den  Hn.  einmahl  zu,  nur 
einen  Drunck  Mein  Patron  \  darnach  sol  er  nach  hoffe  gehen  ich  will 
den  herrn  nicht  länger  auffhalten.  | 

Laetus.  Er  ist  gantz  verstöret  in  Seinen  gedanken,  einen  sol- 
chen Pkantasten  hab  ich  zeit  Meines  lebens  nicht  gesehen.  | 

Traraeus.  Wann  ihr  nicht  blind  seyd,  so  thut  die  großen  Kal- 
besaugen auff.  Setzet  die  brülle  auf  und  gucket  |  in  die  institutiones 
hinein,  da  stehet  expresse  librl  §3  Iwneste  vivere  neminem  lae-\dere 
jus  suum,  ciiiqiie  tribuere.  \ 

Laetus.  Die  rechts  Sachen  wie  ich  mir  einbilde  müßen  ihm  im 
Kopffe  stecken.  | 

Traraeus.  Cum  reverentia ,  magnifice,  invictissime ,  nobilissime, 
Doctissime    atque   sapientissime ,    Pomine,    Po:   \  praeses,    was   gibts 

19* 


292  HEINE 

guts  neues,  Seind  die  abgesanten  abgefertiget,  es  ist  Sonsten  heute  ein 
Schöner  |  tag,  aber  ich  vermeine  immer  es  wird  bald  regnen.  | 

Laetus.     Narren  seynd  Narren.  | 

Traraeus.     Das  ist  wahr  StuUoruni  plena  sunt  omnia.  \ 

Laetus.  Ich  sehe  wohl  dass  ihr  mit  lauter  grillen  beseßen  seyd, 
und  wolt  philosophiren ,  und  erwegets  erst  wer  ihr  Seyd  und  waB  ihr 
redet.  | 

Traraeus.  Daß  redet  mir  ein  Schelm  nach,  was  gehet  mich  der 
philosophus  an,  der  mit  seinen  fallacien  uns  |  einen  Allamodischen  hart 
aufsetzet,  last  mich  mit  der  philosophie  ungeschoren,  oder  ich  werde 
die  I  Göttin  Themis  ruffen  die  soll  die  Rache  aus  der  hölle  citiren  und 
euch  einen  tre7nulante)i  \  auf  euren  vernunfts  Kasten  geben,  daß  eure 
leichtfertige  gedancken  in  alle  4  theile  der  weit  |  herumbfliehen  sollen.  | 

Laetus.     Närrischer  Mensch,  Phantast,  dummes  gehirn.  | 

Traraeus.  Was  dürfft  ihr  mir  mein  gebrechen  vorwerffen,  hatte 
ich  nur  einen  eintzigen  Zeugen  der  dieses  mit  |  angehöret,  ihr  sollet 
mir  coram  judicio  eine  öffentliche  abbitte  thun,  doch  wenn  eß  euch 
nicht  zu  I  wieder  ist  so  wollen  wir  die  sache,  damit  sie  in  keine  wei- 
läufigkeit  gerathe  per  amica  \  hilem  compactionem  beylegen.  I 

Laetus.  Darffstu  dich  wohl  unterstehen,  also  vermeßen  mit  den- 
jenigen Zu  reden,  die  mail  als  |  väter  deß  Vaterlandes  mit  gebührender 
Ehre  verehren  muß.  | 

Traraeus.  Conccdo  maiorem,  neyo  minorem,  resped  muß  sein 
das  gestehe  ich,  deß  wegen  müßten  die  töchter  |  vor  denen  müttern,  die 
Söhne  aber  hinter  den  vätern  hergehen:  Wer  heute  zu  tage  Kein 
repu  I  tations  verwandter  ist,  den  setzet  man  hinter  die  Thür,  gibt 
ihm  eine  höltzerne  Kanne  ohne  lidt  \  und  ohne  henckel,  er  darff  in 
Keine  gesellschafft  Kommen,  wofern  er  nicht  nasenstüber  kosten  will, 
will  I  man  bey  denen  leüten  Iieine  händel  haben,  so  muß  man  den  hut 
unter  den  arm  tragen,  damit  man  |  ja  die  perrücke  nicht  verderbet, 
plagen  einen  die  winde  im  leibe,  so  darff  mau  Keinen  streichen  |  laßen, 
wofern  man  den  resped  nicht  verliehren  will,  absonderlich  waii  frauen 
Zimmer  Zu  |  gegon  ist.      Uti  se  habet  lex  foramen  cod:  de  doacis.  | 

(6a)  Laetus.  Bezähme  deine  Zunge,  sonst  wird  man  dich  mit 
gefängnüß  strafen.  | 

Traraeus.  Satis  pro  iinperio,  ich  bin  Capahel  genung,  die 
schrifften  ab  zu  copiren,  und  waii  ihr  mir  viel  poßen  |  macht,  so  hohle 
ich  den  blinden  leyer  mann  Ovidius,  der  soll  mir  geschwinde  die 
Verse  des  Virgilii  in  aller  |  an  dacht  abrumpeln,  discite  jjistitiam  mo- 
niti,  et  non  temnere  divos,  hie  zu  dinen  nicht  die  Plumpen  esels  und 


PAPIMANCS  293 

was  generis  communis  ist,  nam  ex  qiiovis  h'gno  non  fit  mercurius, 
sondern  die  alles  |  geschwinde  nach  äffen  können,  nam  facilius  est, 
carpere  quam  imitari ,  dann  eine  wohl  gestirnte  ]  laute  Klinget  beßer 
als  ein  brumeisen,  und  die  alten  Violinen  geben  den  reinsten  Klang 
von  sich.  | 

Laetus.    Hir  Yommi  Papinianiis :  Ach  der  erwünschten  Ankunft.  | 

Traraeus.  0  du  practicken  macher.  Sehet  wie  er  sich  so  heilig 
anstellet.  | 

Sc.  7. 
Papinianus. 

Papin.     Glickseeliges  wohl  ergehen  dem  unvergleichlichen  Laeto.\ 

Laetus.  Der  vortreffliche  Papinianus  lebe  in  erwünschter  Zu- 
friedenheit. [ 

Traraeus.     Das  heist  complemcntiren  icl  est:  cojnplete  7nentiri.  \ 

Papin.  wolte  der  himmel,  daß  ich  mein  leben  in  guter  Zufrie- 
denheit Könte  Zu  bringen  aber  der  schändhche  Neid  |  zerstöret  alle 
Yergnügung.  | 

Laetus.  Der  Keyser  weiß  wohl  wem  er  liebet  und  hochhält 
derohalben  darff  man  sich  Keine  gedancken  machen,  |  daß  man  in 
Ungnade  fallen  wird.  So  ferne  man  nur  änderst  ein  gut  gewißen  hat.  | 

Traraeus.  Solte  der  gute  papinianus  wißen,  was  ich  weiß,  er 
solte  den  Schmeichler  änderst  begegnen,  und  ihm  |  einen  Schnitt  mit 
den  dreck  Meßer  über  das  maul  geben,  daß  man  ihm  von  ehrlichen 
leüten  unterscheide.  | 

Papin.  Der  Keyser  ist  Keyser,  wie  bald  kann  ein  Verleumder 
den  nahm  eines  ehrlichen  Cavallirs  mit  |  verrätherey  und  andern  lästern 
besclunitzen.  | 

Laetus.  wer  wolte  sich  wohl  unterstehn  demjenigen  zu  belei- 
digen der  bey  den  Keyser  in  großen  ansehn  imd  |  gnade  ist,  und  von 
jedmann  zu  Rohm  geehret  und  geliebet  Avird.  | 

Traraeus.  wer  es  nicht  wüste,  der  solte  meinen,  daß  Laetus 
der  fi-ömmeste  und  gewißenhaffteste  Mensch  in  der  gantzen  [  weit  sey, 
da  ihm  doch  die  scheinheiligkeit  und  schelmsticke  aus  den  äugen  her- 
aus sehen.  | 

Laetus.  "Waß  murmelt  maii  alhir,  habt  ihr  etwas  vorzubringen 
So  sagts  mir  bey  Zeiten,  und  laßet  |  das  brummen  unterwegens.  | 

Traraeus.  Wie,  was,  wer  brummet,  Seht  ihr  mich  vor  ein 
baren  an,  es  ist  eine  Schande  daß  man  einen  |  ehelichen  Kerl  auf  der 
Straße  nicht  Kann  Zu  frieden  laßen. 


294  HEINE 

Pap  in.  Kommet  näher  herbey  Traraeus,  ich  weiß  wohl,  daß 
ihr  allezeit  mit  übei"flüßigen  gedancken  |  beladen  seyd!  Kann  ich  euch 
helffen,  so  Avill  allen  möglichen  fleiß  anwenden.  | 

Traraeus.  Ich  bedancke  mich  vor  das  gute  anerbieten,  die -H^^. 
besuchen  mich  in  meinen  geringen  logi7ne7it  \  auf  auch  einen  gespick- 
ten haasen  und  ein  paar  knackwürste,  ich  will  saure  gurken  dazu 
holen  laßen.  | 

Pap  in.  Der  gute  man  dauret  mich  sehr  weil  er  gantz  verwirret 
ist,  da  er  doch  ohndieß  mit  aller  |  ehre  und  dienst  fertigkeit  einen 
jeden  begegnet.  | 

Sc.  8. 

Flavius  und  Oleander. 

Flavius  (heimlich)  hir  ist  ])apinianus,  ich  wolte  wünschen,  daß 
wir  uns  ihm  durch  unsere  treue  Konten  |  verpflichtet  machen,  aber  in 
gegen  wart  des  Laetus  will  sich  es  nicht  schicken.  | 

Oleander.  Er  wird  gCAviß  auf  dem  wege  Sein  dem  Keyser  aufp- 
zuwarten.  | 

Traraeus.  Aber  ein  Netin,  hontis  dies,  H:  Flavius:  si  vales 
hene  est  ego  valeo,  habt  ihr  heute  nicht  die  Zeitung  |  gelesen,  was 
macht  Ih:  M:  der  junge  Antoninus?  was  macht  Bassianus,  Julia, 
jplautia  Caracalla,  und  Mons  \  ieur  Tobis  Seyed  sie  noch  offenes  leibes, 
Ja  H:  Cleander  hatte  ich  doch  euch  bald  vergeßen,  salu-  \  tem  pluri- 
•mam  dicit  Marcus  T.  Cicero,  Meine  Liebe  feine  Herrn,  wo  spatziren 
Sie  hin,  haben  sie  |  etwa  einen  Schmaus,  oder  wollen  sie  etwa  eines 
abstechen  ijrosit  die  Mahlzeit.  | 

Pia  vi  US.  Stille  stille  Traraeus,  stellet  diß  gespräch  an  die  Seite, 
wir  Kommen  schon  weiter  Zu  sammen.  | 

Papinianus.  (heimlich.)  Ihr  Meine  äugen  Könnet  ihr  wohl  den 
anstiffter  meines  unglicks  noch  anschauen  |  warumb  waffne  ich  mich 
nicht  mit  Zorn  diesen  nichtswürdigen  zu  straffen,  doch  Meine  Unschuld 
wird  I  durch  himmlische  Rache  an  den  tag  Kommen  AVillkommen  ihr 
Hn.  Kommen  sie  von  Ih:  M:  den  Keyser,  und  j  haben  sie  ihre  Klage 
wieder  mich  bey  ihm  vorgebracht?  | 

Cleander.  Wir  sind  niehmahls  Sinnes  gewesen  zu  Klagen,  hat 
er  uns  doch  nichts  zu  wieder  gethan.  | 

Papinianus.  Ich  habe  vermeinet  ihr  wollet  den  Keyser  das 
urtheil  über  mich  Sprechen  laßen,  in  dem  ihr  mir  |  zuvor  aufbürden 
Avolet,  als  hätte  ich  ein  Crimen  laesae  Maiestatis  begangen.  | 

Flavius.  Daß  sey  ferne  von  ims,  er  irret  sich,  aber  wir  haben 
wol  sonsten  etwas  davon  gehört  doch  |  Können    wir  schweigen  —  — 


PAPINIANUS  295 

Er  meint  nicht  änderst,  als  ob  wir  auch  mit  in  der  verrätherey  begrif- 
fen wären.  | 

Papinianus.  Yon  wem,  und  was  hab  ihr  gehöret?  redet  fi'ey, 
so  ihr  mich  meinet  ich  will  euch  nichts  leugnen. 

Oleander.  Wir  haben  wegen  nothwendiger  geschaffte  uns  nicht 
länger  aufzuhalten,  wir  wollen  euch  unsere  |  meinung  Schon  ein  ander 
mahl  enddecken.     (Flavius  et  Oleander  ab.)  \ 

Traraeus,  Daß  seynd  noch  2  ehrliche  Vögel,  je  gütiger  der 
Keyser,  je  schlimmer  sind  seine  bedinten,  es  wil  |  immer  einer  mehr 
Sein  als  der  andere,  mich  düncket  Sie  werden  ein  Mahl  anlauffen,  wie| 
der  Eßig  Krug  an  die  Wand,  da  er  den  Henckel  verlohren.  j 

La  et  US.  Dieses  waren  verblühmte  reden,  ich  weiß  nicht,  waß 
ich  daraus  nehmen  soll. 

Papinianus.  Ein  jeder  ist  ein  dolmetscher  Seiner  eigenen  worte, 
doch  es  hat  nichts  zu  be-  |  deuten  ich  will  gehen  und  den  Keyser  auf- 
warten, ab.  I 

Laetus.  Und  ich  will  gehen  von  diesen  leüten  die  rechte  Wahr- 
heit zu  erfahren,  ab.  | 

Traraeus.  Und  ich  will  gehen  und  den  vorrath  Meiner  über- 
flüßigen  I  gedancken  aiiff  den  Trödel  Marckt  hencken,  wer  mir  will  ab 
Kauffen,  der  Spreche  mir  zu  in  der  Perückken  Machers  |  straße  zum 
Schwartzen  fincken  in  des  Herrn  Blumen  besehers  |  hause  gegen  den 
Yogel  Marckt  über  2  treppen  lün  auff,  die  |  fenster  gehen  auff  die  gaße 
und  vorne  ist  die  thüi-,  dieses  |  zur  nacluicht  Sage  ich  Hii'.  ab.  \ 

II.  akt. 

1.  sceiie.  Bassianus,  Laetus,  Flavius,  Oleander.  Bassianus 
schickt  die  beiden  lezteren  zu  Geta,  um  ihn  wegen  der  besetzung  des 
stathalterpostens  in  Ägypten  zu  befi-agen,  ob  er  seine  Zustimmung  zu 
der  von  Bassianus  volzogenen  ernenuung  des  Oelsus  gäbe.  Laetus, 
der  nun  allein  mit  dem  kaiser  bleibt,  hält  aufreizende  reden.  Wozu 
solle  er  immer  den  bruder  befragen,  wenn  er  etwas  befehle?  Ihm 
allein,  als  dem  erstgeborenen  gebühre  die  herschaft,  und  er  solle  sich 
sein  recht  nötigenfals  mit  gewalt  verschaffen.  Wol  sei  der  brudermord 
etwas  schreckliches,  aber  ein  fürst  sei  von  allen  gesetzen  fi-ei;  und 
habe  doch  sogar  Jupiter  seine  brüder  nicht  neben  sich  regieren  lassen, 
sondern  die  herschaft  im  himmel  für  sich  allein  in  anspruch  genommen. 
Bassianus  hat  noch  bedenken:  ob  das  lager  ihm  dann  treu  bleiben 
werde,  und  Papinian  auch  fernerhin  sein  berater  bleiben  wolle. 


296  HEINE 

3.  scene.  Flavius  und  Cleander  kommen  zurück,  und  melden, 
dass  Geta  sich  der  ernennung  des  Celsus  widersetze.  Bassianus  gerät 
in  zorn,  und  von  neuem  stachelt  ihn  Laetus  zur  ermordung  des  bru- 
ders  auf:  der  himmel  könne  nicht  zwei,  sondern  nur  eine  sonne  ver- 
tragen. Bassianus  entschliesst  sich,  „durch  eine  rechtmässige  räche 
seinem  hause  die  ruhe  zu  verschaffen."   —    ab. 

3.  scciic.  Geta  kann  nicht  glauben,  dass  ihm  Bassianus  feind- 
lich gesint  sein  könne. 

4.  scene.  Julia  komt  und  ihr  gegenüber  äussert  Geta  seinen 
argwöhn  gegen  Bassianus.  Julia  ist  ganz  bestürzt,  dass  ihrem  liebling 
eine  gefahr  droht.  —  Beide  ab. 

5.  scene.  Trafullus  erzählt,  dass  die  Aspecten  am  himmel  schlecht 
stünden  und  ein  grosses  blutvergiessen  verkündeten. 

6.  scene.  Traraeus  komt  und  belauscht  die  astrologischen  dar- 
legungen  des  Trafullus,  und  spricht  ihn  endlich  an,  um  von  ihm  sein 
eigenes  Schicksal  zu  erfahren. 

7.  scene.  Geta  klagt  seiner  mutter  Julia,  dass  er  von  unüber- 
windlicher ti-aurigkeit  befallen  werde,  derer  er  nicht  herr  werden  kömie. 

8.  scene.  Bassianus  komt  mit  Laetus  und  begint  den  Geta  wegen 
dessen  Weigerung  zur  rede  zu  stellen.  Die  beiden  geraten  in  streit, 
vergebens  sucht  Julia  die  beiden  brüder  zu  beschwichtigen,  Laetus  reizt 
den  Bassianus  immer  mehr  imd  reicht  ihm  schliesslich  den  dolch,  den 
Bassianus  dem  bruder  in  die  brüst  stösst. 

9.  scene.  Auf  das  Jammergeschrei  der  Julia  komt  Flavius  her- 
beigeeilt und  fält  dem  rasenden  kaiser  in  die  arme  und  hält  ihn  zurück. 

10.  scene.  Traraeus  erscheint  ebenfals  und  sucht  Gela  zu  hel- 
fen, allein  dieser  ist  bereits  tot.  Julia  sinkt  ohnmächtig  nieder,  Fla- 
vius springt  ihr  bei,  bringt  sie  wider  zu  sich,  und  nun  erhebt  sie 
klagen  um  Geta. 

11.  scene.  Trafullus  komt  und  sucht  die  Julia  zu  trösten  und 
von  rachegedanken  abzubringen. 

13.  scene.  Oleander  komt  und  fordert  im  namen  des  kaisers  die 
auslieferung  der  leiche  des  Geta.  Julia  gesteht  ihm  dieselbe  zu  und 
nimt  rührenden  abschied  von  dem  körper  ihres  toten  Heblings. 

III.  akt. 

1.  scene.  Bassianus  spricht  in  einem  (metrischen)  monolog  seine 
reue  und  seinen  schmerz  über  die  ermordung  des  bruders  aus.  Was 
werde  das  reich  dazu  sagen?  Was  die  Völker,  die  ihm  unterständen? 
Wer  werde  ihm  noch  künftig  vertrauen  schenken,   da  nicht  einmal  der 


PAPINIANUS  297 

briider  ihm  habe  vertrauen  schenken  können;  und  könne  er  selbst  noch 
irgend  jemand  ti'auen,  wenn  er  selbst  gegen  den  bruder  mistrauen 
gehegt?  Ja,  wie  kam  er  denn  zu  dieser  Schandtat?  Nur  die  bösen 
ratgeber  seien  daran  schuld  gewesen,  und  Laetus  solle  seine  aufreizen- 
den Worte  mit  dem  tode  büssen.  Mit  diesem  entschluss  ruft  der  kai- 
ser  nach 

2.  sceiie.  Flavius  und  befiehlt  ihm,  dem  Laetus  sein  todesurteil 
zu  überbringen  und  die  ausführung  desselben  zu  überwachen. 

3.  sceiie.  Oleander  erscheint  vor  dem  kaiser  und  stattet  ihm 
bericht  ab  über  die  erfolgte  überti-agung  der  leiche  des  Geta.  Bassia- 
nus  erkundigt  sich  vor  allem  nach  dem  benehmen  der  Julia,  wie  die 
kaiserin  die  ermordung  ihres  sohnes  aufnehme.  Oleander  erzählt,  die 
kaiserin  sei  ganz  hofnungslos,  allein  sie  schelte  und  tobe  nicht  gegen 
Bassianus,  der  habe  sich  nur  vom  jähzorne  fortreissen  lassen;  die  wah- 
ren schuldigen  seien  diejenigen,  die  ihn  gegen  Geta  aufgereizet.  Bas- 
sianus ist  davon  so  ergriffen,  dass  er  befiehlt,  den  Laetus  wenn  mög- 
lich noch  lebend  in  die  gewalt  der  Julia  zu  übergeben,  damit  diese 
nach  wünsch  ihre  räche  an  ihm  kühlen  könne.  Geta  selbst  solle  ein 
fürstliches  leichenbegängnis  erhalten  und  unter  die  götter  versezt  wer- 
den.    Oleander  eilt  mit  den  befehlen  des  kaisers  fort. 

4:.  sceiie.  Laetus  freut  sich  über  die  ermordung  des  Geta.  Jezt 
sei  er  der  macht  wider  um  eine  stufe  näher  gekommen. 

5.  sceiie.  Flavius  überbringt  ihm  das  todesurteil.  Laetus  ist 
ganz  niedergeschmettert.  Er  schwankt  unentschlossen,  ob  er  den  kaiser 
noch  um  audienz  bitten  imd  ihn  bei  dieser  gelegenheit  niederstossen 
solle;  oder  ob  es  besser  wäre  ins  lager  zu  eilen  imd  die  Soldaten  zu 
offener  meuterei  zu  bringen;  oder  ob  er  endlich  seine  anhänger  in  der 
Stadt  sammeln  und  dem  kaiser  entgegentreten  könne.  Das  lezte  scheint 
ihm  das  beste.  Er  ruft  seinen  dienern  und  hausgenossen,  aber  Flavius 
meint,  jezt  helfe  kein  rufen  mehr,  der  befehl  des  kaisers  müsse  vol- 
zogen  werden.  Ihm  stünde  die  Avahl  der  todesart  frei  —  gift  imd  dolch 
habe  ihm  der  kaiser  übersendet.  Laetus  sucht  wenigstens  einen  auf- 
schub  zu  erlangen,  Flavius  verweigert  jedes  weitere  verhandeln;  wäh- 
rend die  beiden  noch  streiten,  komt 

6.  sceiie.  Oleander  mit  dem  neuen  befehle  des  kaisers:  Laetus 
sei  am  leben  zu  lassen.  Schon  glaubt  sich  dieser  gerettet,  da  verkün- 
det Oleander,  dass  Laetus  der  Julia  zu  beliebigem  verfahren  übergeben 
werden  solle.  Nun  will  Laetus  selbst  sterben,  und  greift  nach  gift  und 
dolch.  Aber  die  beiden  hindern  ihn,  band  an  sich  zu  legen,  und  füh- 
ren ihn  mit  sich  weg. 


298  HEINE 

7.  sceiic.  Traraeus  beschreibt  die  raserei  des  Bassianus  und  die 
traner  der  Julia,  die  „salz  und  wasser  weine." 

8.  scene.  Trafnllus  komt  hinzu.  Traraeus  klagt  ihm,  er  fühle 
sich  krank  und  zählt  ihm  eine  ganze  menge  von  beschwerden  auf,  die 
er  alle  fühlen  will.  Trafullus  rät  ihm  verschiedene  heilmittel,  allein 
Traraeus  wittert  hinter  jedem  etwas  verdächtiges.  Trafullus  sagt  ihm, 
die  aspektcn  des  himmels  deuteten  wider  auf  blutvergiessen.  Er  erkun- 
digt sich  nach  dem  leichenbegängnisse  des  Geta,  aber  Traraeus  gibt  ganz 
verkehrte  antworten  und  begint  ein  gelehrtes  gespräch  über  die  vier 
Jahreszeiten,  das  aber  immer  lauter  wird  und  schliesslich  in  einen  streit 
ausartet,  bis  sie  am  ende  gar  handgemein  werden.     Der  lärm  lockt  den 

9.  scenc.  Flavius  herbei,  der  ihnen  ilire  unart,  vor  dem  trauer- 
gemache sich  derart  aufzuführen,  derb  verweist  und  riilie  schaft. 

10.  scene.  Papinian  empfängt  den  Oleander,  der  mit  einem  auf- 
trage des  Bassianus  zu  ihm  sich  begeben.  Der  kaiser  verlangt,  Papi- 
nian möge  die  Verteidigung  des  brudermordes  übernehmen.  Papinian 
weigert  sich  dessen;  man  könne  diese  tat  noch  so  sehr  beschönigen, 
sie  bleibe  immer  eine  Schandtat;  er  ehre  das  recht  mehr,  als  alle  kai- 
ser der  weit,  und  eher  solle  sein  ganzes  haus  zu  gründe  gehen,  als 
dass  er  die  Verteidigung  eines  unrechtes  übernehme.  Alle  Vorstellungen 
des  Oleander  scheitern  an  dem  festen  willen  des  Papinian.  —  ab. 

11.  seeiic.  Julia  ist  noch  immer  unti'östlich  über  den  verlust 
ihres  Kindes  und  Avill  ihm  in  den  tod  nachfolgen. 

13.  scene.     Flavius  komt  und  meldet  ihr  die  ankunft  des  Laetus. 

13.  scene.  Laetus  wird  hereingeführt  und  beklagt  sein  geschick, 
in  die  bände  eines  rachsüchtigen  weibes  gegeben  zu  sein.  Allein  sein 
mut  ist  nicht  gebrochen.  Trotzig  tritt  er  der  Julia  entgegen,  die  ihn 
mit  vorwürfen  und  Schmähungen  überhäuft.  Die  entsetzlichste  todes- 
art  will  sie  für  ihn  aussinnen,  ilun  das  sterben  möglichst  lang  machen. 
Der  tod  am  kreuze  ist  ihr  zu  milde;  auch  den  gedanken,  ihn  mit  sie- 
dendem pech  und  schwefel  verbrennen  zu  lassen,  verwirft  sie;  aber 
ihm  solle  das  falsche,  tückische  herz  aus  der  brüst  gerissen  werden, 
und  sie  selbst  will  der  ausführuug  ihres  befehles  beiwohnen. 

IT.  akt. 

1.  scene.  Oleander  und  Flavius  sprechen  mit  einander,  wie  die 
strafe  an  Laetus  volzogen  worden. 

3.  scene.  Traraeus  komt  hinzu  und  erkundigt  sich  nach  den 
näheren  umständen  bei  dem  tode  des  Laetus.  Sie  erzählen  ihm,  er 
sei  sehr  trotzig  gestorben.      Traraeus  begint  angst  zu  fühlen,    dass  er 


PAPINIANUS  299 

den  Ti-afullus  so  arg  beleidigt  habe,  der  alles  dies  blutvergiessen  so 
genau  vorausgesagt  habe.  Flavius  und  Oleander  entfernen  sich,  und 
es  komt 

3.  sceiie.  Bassianus  und  lässt  sich  in  ein  gesprcäch  mit  Traraeus 
ein.  Er  ist  erzürnt,  dass  gerade  diejenigen,  auf  deren  treue  er  sich 
am  meisten  verlassen,  ihm  jezt  nicht  mehr  gehorsamen  wollen.  Des- 
halb fühle  er  sich  unsicher,  und  glaube  sich  von  allen  selten  her  durch 
gefahren  bedroht  und  von  allen  verachtet.  Aber  er  werde  sich  schon 
achtung  zu  verschaffen  wissen,  und  alle  selten  seine  macht  zu  spüren 
bekommen. 

4.  sceiic.  Oleander  komt  und  meldet,  dass  Papinian  sich  wei- 
gere, dem  wmische  des  kaisers  nachzukommen.  Bassianus  ist  empört 
darüber;  er  beschuldigt  den  Papinian  der  treulosigkeit  und  schiebt  sei- 
ner Weigerung  verschiedene  be weggründe  unter;  er  weigere  sich  nur, 
um  sich  beim  volke  behebt  zu  machen,  oder  er  habe  dem  einfluss  sei- 
ner ehrgeizigen  gemahlin '  nachgegeben.  Oleander  sucht  die  vorwürfe 
des  kaisers  zu  entkräften  und  den  Papinian  in  schütz  zu  nehmen. 
Allein  seine  worte  machen  Avenig  eindruck  auf  den  kaiser. 

5.  sccne.  Papinianus  erscheint  vor  dem  kaiser.  Oleander  ent- 
fernt sich,  und  nun  versichert  Papinian  dem  kaiser  seine  volle  ergeben- 
heit.  Niu"  die  Verteidigung  der  erraorduug  Getas  könne  er  nicht  über- 
nehmen, trotz  aller  ergebenheit  für  seinen  herrn.  Bassianus  gerät  in 
immer  heftigeren  zorn.  Es  sei  Papinians  pflicht,  ihm  seineu  willen  zu 
erfüllen  und  auch  in  diesem  stücke  zu  gehorsamen,  denn  er  sei  der 
herr  und  brauche  nur  zu  befehlen.  Papinian  räumt  ein,  dass  er  dem 
kaiser  dienen  müsse  und  solle;  allein  seine  pflicht  reiche  nicht  so  weit, 
um  eine  Schandtat  beschönigen  zu  müssen.  Bassianus  meint,  dann 
könne  er  die  dienste  des  Papinian  überhaupt  entbehren.  Papinian 
nimt  seine  entlassung  gerne  entgegen  und  entfernt  sich  nun.  Bassianus 
gerät  nunmehr  erst  recht  in  aufregung.  Er  will  schwere  räche  nehmeu 
an  Papinian,  sein  ganzes  haus  solle  zu  gründe  gehen  und  er  selbst 
seine  Weigerung  mit  dem  leben  büssen.  ]\Iit  diesem  vorsatze  entfernt 
er  sich. 

6.  sceue.  Traraeus  komt  und  erzählt,  er  habe  sich  mit  TrafuUus 
vöUig  versöhnt,  und  dieser  habe  ihm  zum  zeichen  seiner  freundschaft 
seinen  neuesten  kalender  zugeeignet.  Er  liest  nun  die  langatmige  und 
schwülstige  dedication  vor  und  gibt  dann  einige  proben  aus  den  prak- 
tischen lehren  des  kalenders  zum  besten:  zu  baden  sei  am  besten  in 
warmen  badstuben;  die  nägel  zu  beschneiden  sei  ratsam,  wenn  sie 
alzulang  geworden,  u.  dgi.  mehr.  —  ab. 


300  HEINE 

H,  sceiie.  Papinian  komt  niit  seiner  fraii  Plautia  und  seinem 
jungen  söhne.  Plautia  ist  ganz  betrübt  über  die  ungnade,  in  die  Pa- 
nian  gefallen.  Dieser  tröstet  sie:  die  tugend  bleibe  stets  unversehrt 
und  unberührt  von  allen  wechselfällen  des  glückes. 

8.  sceiie.  Flavius  überbringt  die  befehle  des  kaisers  und  fordert 
dem  Papinian  alle  ehrenzeichen  und  gnadengaben  ab,  die  er  empfan- 
gen, so  Avie  alle  abzeichen  der  ämter,  die  er  bekleidet.  Noch  einmal 
dringt  er  in  ihn,  den  wünsch  des  kaisers  zu  erfüllen.  Aber  Papinian 
bleibt  standhaft,  auch  als  Flavius  erklärt,  auf  des  kaisers  befehl  auch 
den  söhn  Papinians  mit  sich  führen  zu  müssen. 

9.  scene.  Bassianus  schlmnmert  auf  einem  ruhebette  imd  jam- 
mert über  die  ratlosigkeit  und  die  pein,  die  ihn  erfült.  Schliesslich 
schläft  er  ein. 

10.  scene.  Traraeus  und  Trafiülus  kommen  und  erblicken  den 
schlafenden  kaiser,  der  unruhig  sich  herumwirft.  Trafullus  meint,  der 
kaiser  sei  krank,  und  er  kenne  auch  seine  krankheit:  er  werde  von 
geistern  verfolgt.  Traraeus  bekomt  furcht  vor  den  geistern,  Trafullus 
beruhigt  ihn;  er  wolle  den  kaiser  befragen;  denn  im  schlafe  könne  man 
von  den  leuten  alles  erfahren,  wenn  man  sie  recht  ausfrage,  ohne  dass 
sie  etwas  davon  wüsten. 

11.  scene.  Des  Laetus  und  Geta  geister  erscheinen  und  umschwe- 
ben den  kaiser;  sie  wollen  räche  haben.  Trafullus  und  Traraeus  ent- 
fernen sich  eilig,  der  kaiser  schreckt  aus  dem  schlafe  auf  und  klagt 
über  den  schrecklichen  träum,  den  er  gehabt. 

13.  scene.  Papinian,  Eugenia,  Oleander  und  Flavius  treten  auf. 
Die  lezteren  bringen  dem  Papinian  von  selten  der  Julia  die  aufforde- 
rung,  ihre  partei  zu  ergreifen.  Aber  Papinian  weigert  sich,  seinem 
herrn  die  treue  zu  brechen.  Macht  und  ehre  seien  vergänglich,  des 
menschen  Schicksale  schweben  auf  und  nieder.  Der  kaiser  lässt  ihn 
zu  sich  in  den  Staatsrat  bescheiden.  Eugenia  hat  böse  ahnungen,  aber 
Papinian  tröstet  sie.  —  Alle  ab. 

13.  scene.  Traraeus  spricht  seine  verwimderuug  über  die  gei- 
stererscheinungen  aus. 

14.  scene.  Bassianus,  Papinian,  Flavius,  Oleander  und  der  söhn 
des  Papinian  treten  auf.  Bassianus  fordert  noch  einmal  den  Papinian 
auf,  seinen  wünsch  zu  erfüllen;  sonst  wolle  er  sich  für  die  Weigerung 
des  Vaters  an  dem  söhne  rächen.  Auch  jezt  bleibt  Papinian  standhaft. 
TJnerschüttert  will  er  seinen  söhn  in  den  tod  schicken,  denn  es  geschehe 
um  des  rechtes  willen.  Nach  einiger  zeit  wird  das  haupt  des  kindes  — 
auf  einen  wink  des  kaisers  war  der  knabe  abgeführt  worden  —  herein- 


PAPINIANUS  301 

gebracht.  Papinian  klagt  nicht  und  weint  nicht.  Seine  empfindung 
drückt  er  in  den  wenigen  werten  aus,  „er  sei  stolz  darauf,  einen  solchen 
söhn  gezeugt  zu  haben,  der  noch  im  tode  den  kaiser,  der  das  recht 
beugen  wolle,  durch  das  blecken  der  lippen  höhne."  Bassianus  begint 
zu  fürchten,  dass  die  standhaftigkeit  des  Papinian  diesem  alle  herzen 
gewinnen  werde,  und  beschliesst  nun  auch  diesen  töten  zu  lassen,  um 
sich  zu  sichern.  Vor  seinen  augeu  soll  dem  Papinian  das  haupt  abge- 
schlagen werden.  Papinian  nimt  die  künde  von  seiner  bevorstehenden 
hinrichtung  gefasst  entgegen;  in  rülirenden  werten  verabschiedet  er 
sich  von  Rom,  für  dessen  grosse  er  so  lange  gesorgt,  von  dem  kaiser, 
dem  er  so  lange  treu  gedient,  von  seiner  gemahhn,  die  er  immer  ti'eu 
geliebt,  und  von  seiner  mutter,  die  er  stets  gebührend  geachtet  habe. 
Auch  dem  Plavius  dankt  er  für  seine  freundschaft,  und  legt  sodann 
die  oberkleider  ab,  um  dem  henker  diese  mühe  zu  ersparen.  Niemand 
solle  über  seinen  tod  betrübt  sein:  er  gehe  durch  kurzes  leid  zu  lan- 
ger ruhe  eiu.  Henker  treten  ein,  und  Papinian  wird  auf  offener  bühne 
vor  den  äugen  des  kaisers  enthauptet.  Aber  kaum  ist  das  haupt  des 
Papinian  gefallen,  so  fühlt  Bassianus  reue.  Wider  habe  er  einen  treuen 
freund  und  diener  weniger;  und  welchen  eindruck  wüi'de  erst  die  künde 
von  der  hinrichtung  des  Papinian  beim  volke  und  im  lager  hervorbrin- 
gen? Er  will  geld  unter  die  menge  streuen  lassen,  um  sich  beliebt 
zu  machen,  und  Papinian  solle  mit  allen  ordentlichen  ehren  bestattet 
werden. 

15.  sceiie.  Plautia  und  Eugenia  werfen  sich  dem  kaiser  zu  füssen 
und  flehen  um  gnade  für  Papinian;  aber  es  ist  schon  zu  spät.  Auf 
diese  Schreckensnachricht  eilen  sie  fort,  Bassianus  aber,  von  neuem  von 
heftiger  furcht  befallen,  will  allen  anschlagen  zuvorkommen  durch  ver- 
doppelte strenge. 

V.  akt. 

1.  sceiie.  Yor  dem  grabbdenkmal  des  Papinian  erscheinen  Julia, 
Eugenia  und  Plautia  und  klagen  imi  den  toten. 

3.  seeiie.  Auch  Oleander,  Flavius,  Trafullus  und  Traraeus  kom- 
men und  bezeugen  ihre  ehrfurcht  vor  dem  mutigen  märtyrer  des  rech- 
tes. Den  schluss  bildet  ein  klaggedicht  für  Papinian,  dessen  einzelne 
Strophen  von  Flavius,  Oleander,  Eugenia,  Plautia  und  Julia  gesprochen 
werden. 

Ob  nun  diese  bearbeitung  nach  dem  orginal  gemacht  ist,  oder  ob 
sie  selbst  wider  auf  einer  bearbeitung  beruht,  lässt  sich  mit  dem  vor- 
handenen material  nicht   feststellen.      Aber  die   bearbeitung   von   1710 


302  HEINE 

steht  jedenfals,  wie  die  grosse  menge  wörtlicher  übereinstimniimgen 
beweist,  dem  Papinian  des  Gryphius  so  nahe,  dass  die  Übereinstim- 
mungen und  abweichungen  in  den  beiden  dramen  als  beabsichtigt, 
nicht  unwilkürlich  entstanden,  betrachtet  werden  müssen,  und  dass 
daher  ein  vergleich  dieser  bearbeitung  mit  dem  original  einen  charak- 
teristischen beitrag  für  die  Übereinstimmung  und  abweichung  des  ge- 
schmacks  der  Wanderbühne  gegenüber  dem  des  gelehrten  dramas  lie- 
fern kann. 

Yor  allem  fält  da  ins  äuge,  dass  die  gereimten  Alexandriner  bis 
auf  eine  einzige  stelle^  in  prosa  aufgelöst  sind.  Diese  änderung  ist 
wol  eine  concession  an  die  beiden  faktoren  des  dargestelten  dramas, 
an  publikum  und  darsteiler.  Ersterem  ist  selbst  die  schwülstigste  prosa 
verständlicher  als  der  vers,  lezterem  die  prosa  deshalb  genehmer,  weil 
sie  geringere  anforderung  an  die  kunst  des  recitierens  und  die  schärfe 
des  gedächtnisses  stelt. 

Freilich  steht  die  liier  verwendete  prosa  an  unnatürlicher  gespreizt- 
heit  den  versen  des  Originals  nicht  nach,  da  sie  meist  sich  damit 
begnügt,  nur  die  Stellung  der  Avorte  des  Originals  zu  ändern  und 
so  all  den  schwulst  und  bombast,  von  dem  dieses  strozt,  weiter  mit 
sich  führt. 

Eine  weitere  abweichung  zeigt  das  personenverzeichnis.  Überall 
wo  Gryphius  einen  Charakter  durch  mehrere  personen  vertreten  lässt, 
begnügt  sich  die  bearbeitung  mit  einem  repräsentanten.  So  tritt  von 
den  eitern  des  Papinianus  nur  seine  mutter  Eugenia  auf,  so  fehlt  Sabi- 
nus",  der  freund  und  gesinnungsgenosse  des  Latus,  so  sind  die  rollen 
des  kämmerers,  des  Macrinus  und  der  zahlreichen  hauptleute  auf  Fla- 
vius  und  Oleander  und  einen  einzigen  officier  verteilt. 

Wie  die  zahl  der  stummen  personen,  so  fehlt  auch  der  chor,  Avel- 
cher  die  „reyhen"  zu  sprechen  hat;  der  Inhalt  dieser  chöre  ist  aber 
meist  in  der  bearbeitung  auf  die  reden  einzelner  oder  auf  ganze  scenen 
verteilt.  Hinzugekommen  ist  die  rolle  des  Traräus,  des  Hans  "Wursts 
in  der  einkleidung  eines  halbirsinnigen  Juristen. 

Die  Streichungen  im  personenverzeichnis  haben,  glaube  ich,  kei- 
nen inneren  grund,  sondern  eine  äussere  Ursache.  Hasskerl  verfasste, 
wie  oben  erwähnt,  seine  bearbeitung  für  eine  bestimte  truppe,  deren 
personenanzahl  ihm  sicherlich  bekant  war,  und  auf  welche  er  bei  der 
abfassung  seiner  bühnenbearbeitung  rücksicht  nehmen  muste,  indem  er 

1)  Akt  .3  sc.  1. 

2)  Sabiiius  fehlt  auch  iu  dcu  beidcu  drucken  des  Originals  von  1659  und  1698. 


PAPINIANüS  303 

die  rollenzahl  mit  der  personenzahl  der  Elensonschen  truppe  in  ein- 
klangbrachte. 

Beide  dramen  sind  in  5  akte  geteilt  (Gryphius  nent  sie  bekant- 
lich  abhandlungen) ,  innerhalb  dieser  grenzen  raachen  sich  nun  man- 
cherlei ahweichungen  geltend. 

Gleich  die  erste  scene  ist  eine  zutat  der  bearbeitung.  Sie  führt 
uns  den  Latus  vor,  der  den  Flavius  und  Oleander  zu  überreden  sucht, 
sich  von  Papinianus  loszusagen,  weil  dieser  günstliug  des  kaisers  ihrem 
glück  im  wege  stünde;  zu  seiner  Vernichtung  selten  sie  sich  zusani- 
menschliessen.  An  der  ti-euen  gesinnung  der  beiden  hofjunker  Fla- 
vius und  Oleander  scheitert  aber  der  versuch  des  Latus,  Unterstützung 
für  seine  intrigue  zu  finden.  Diese  scene  ist  für  die  ganze  gattung 
des  Wandertruppen -dramas  höchst  charakteristisch.  Sie  erspart  dem 
Zuhörer  jede  deukarbeit;  sie  teilt  ihm  sofort  den  hauptinhalt  des  dra- 
mas mit:  Latus  will  den  Papinianus  stürzen.  Zugleicli  aber  rückt  diese 
scene  die  intrigue  des  Latus,  welche  ja  auch  bei  Gryphius  die  hand- 
lung  beeinflusst,  volständig  in  den  Vordergrund  und  stempelt  die  tra- 
gödie  so  zu  einem  intriguenstück ,  wodurch,  wenn  auch  unbewusst  eine 
stärkere  einheit  der  handlung  erzielt  wird,  welche  dem  original,  das 
sich  vielleicht  zu  eng  an  seine  klassischen  quellen,  den  Dio  Oassius 
und  den  Spartianus  anschloss,  bekantlich  abgeht. 

Wir  werden  durch  diese  vorbereitende  eingangsscene  auch  ent- 
schieden wirksamer  in  den  gang  der  handlung  eingeführt,  als  durch 
den  eintönigen  156  verse  zählenden  monolog  des  Papinian,  welcher  bei 
Gryphius  das  drama  einleitet.  Erst  die  zweite  scene  bringt  in  25  Zei- 
len die  ersten  30  in  prosa  aufgelösten  verse  dieses  monologs,  dann 
wählte  der  bearbeiter  nur  noch  einige  zeilen  desselben  aus  und  lässt 
den  rest  des  monologs  den  Papinian  erst  in  der  3.  scene  sprechen, 
welche  gleich,  ohne  dass  vorher,  wie  im  Gryphius  der  kämmerer 
erschienen  wäre,  Plautia,  aber  abweichend  vom  original,  in  begleitung 
der  Eugenia  einführt. 

Das  fehlen  des  gespräches  zwischen  Papinian  und  dem  kämmerer, 
dessen  ende  Plautia  belauscht,  stimt  wenig  mit  den  gewohnheiten  der 
dramen  der  Wandertruppen  überein;  denn  das  motiv  der  belauschung 
ist  eins  ihrer  beliebtesten  hilfsmittel.  Überdies  verleiht  sie  in  diesem 
falle  dem  original  ein  frisches  dramatisches  leben;  denn  Plautia,  durch 
ihr  lauschen  von  der  gefahr,  welche  ihrem  hause  droht,  unterrichtet, 
greift  sofort  lebhaft  in  den  dialog  ein.  In  der  bearbeitung  dagegen 
muss  Papinian  erst  den  trauen  das  drohende  unheil  enthüllen,  ehe  sie 
ihre  befürchtungen  und  hofnungen  aussprechen   können.      Der   anfang 


304  HEINE 

dieser  scene  ist  eigentum  des  bearbeiters,  dann  folgen  stellen  aus  dem 
ersten  monolog  des  Papinian,  der  Unterredung  mit  dem  kämraerer  und 
der  entsprechenden  scene  des  Originals.  Lezteres  schliesst  seine  erste 
abliandlung  nach  der  Unterredung  zwischen  Papinian,  dem  kämmerer 
und  der  Plautia  mit  einem  „reyhen  der  hofejunckern  Papiniani",  wel- 
cher ein  bescheidenes  von  hof,  macht  und  pracht  fernes  leben  preist. 

Die  bearbeitung  entfernt  sich  hier  volständig  vom  original,  indem 
sie  demselben  noch  5  scenen  hinzufügt,  in  welchen  sie  nochmals  die 
bosheit  des  Latus  und  die  ehrlichkeit  des  Fabius  und  Oleander  hervor- 
heben zu  müssen  glaubt,  scenen,  deren  ernst  durch  die  possen  des 
Traräus  unterbrochen  werden. 

Schon  in  der  dritten  scene  nämlich  erscheint,  von  den  übrigen 
ungesehen  Latus  im  hintergrund  und  hört  —  hier  haben  wir  das  beliebte 
belauschuiigsmotiv  —  wie  Papinian,  im  verti-aulichen  gespräch  mit  sei- 
ner gattin  und  niutter,  die  üppige  Untätigkeit  des  kaisers  Bassian 
beklagt.  Da  tritt  in  der  folgenden  scene  Latus  hervor  und  beschuldigt, 
sich  auf  das  erlauschte  berufend,  den  Papinian  verräterischer  gesin- 
nung.  Die  antworten,  welche  Plautia  dieser  bezieh tigung  entgegensezt, 
sind  der  zweiten  scene  des  Originals  entnommen,  in  welcher  Plautia 
sie  dem  kämmerer  zuruft. 

In  der  fünften  scene  tritt  Traräus  allein  auf,  dessen  monolog  in 
possenhafter  und  fast  unverständlicher  weise  den  grundgedanken  der 
reihen,  die  Verachtung  des  hoflebens,  widergibt. 

In  der  folgenden  scene  kann  es  sich  der  bearbeiter  wider  einmal 
nicht  versagen,  den  Latus  auseinandersetzen  zu  lassen,  dass  er  böse 
anschlage  im  sinne  habe,  welche  sich  gegen  Papinianus  und  den  kaiser 
Geta  richten.  Indessen  ist  Traraeus  ungesehen  —  wider  das  motiv  der 
belauschung  —  zeuge  dieser  auseinandersetzungen  des  Latus,  zu  denen 
er,  von  Latus  ungohört,  seine  meist  unanständigen  bemerkungen  macht. 
Auch  diese  art  des  dialogs,  welcher  sich  gleichsam  aus  zwei  monolo- 
gen  zusammensezt,  kann  man  im  drama  der  Wandertruppen  häufig 
bemerken  1.  Die  folgenden  scenen  bringen  nun  den  Latus  mit  Papi- 
nianus, und  den  lezteren  mit  Flavius  und  Oleander  zusammen,  deren 
wahren  Charakter  Papinianus  ebenso  verkent,  wie  den  des  Latus.  Nur 
Traräus  ist  über  die  absiebten  dieser  vier  personen  ebensogut  unter- 
richtet, wie  der  Zuschauer,  und  lässt  dies  in  seinen  bemerkungen 
erkennen.  Der  akt  schliesst  mit  einer  albernen  aufforderung  des  Tra- 
räus, ihm  seine  überflüssigen  gedanken  abzukaufen. 

1)  Vgl.  Lessiug,  Hainburgische  dramaturgie ,  stück  02  (VII,  317  Heiiipel). 


PAPINIANUS  305 

Der  anfang  des  zweiten  aktes  sorgt  wider  in  der  bearbeitiing 
dafür,  dass  dem  Zuschauer  keine  tatsaclie  überi'ascliend  komt,  sorgfältig 
bereitet  sie  auf  die  kommenden  ereignisse  vor;  denn  die  scene  begint 
mit  der  entsendung  des  Flavius  und  Oleander  zu  Geta,  der  seine  Zu- 
stimmung zu  einer  von  Bassian  getroifenen  Verfügung  geben  soll.  Latus 
benuzt  diese  handlung,  um  dem  kaiser  Bassian  seine  unwürdige  Unselb- 
ständigkeit klar  zu  machen.  Von  hier  an  gehen  original  und  bearbei- 
tung  gleichmässig  vor.  Latus  sucht  den  kaiser  gegen  seinen  bruder 
Geta  aufzuhetzen,  Oleander  (in  dem  original  ist  es  Flavius)  kehrt  mit 
der  nachricht  zurück,  dass  Geta  die  verlangte  Zustimmung  verweigere; 
Latus  benuzt  diese  Weigerung  des  Geta,  um  Bassian  gegen  diesen  in 
zorn  zu  bringen,  den  er  bis  zu  solcher  höhe  zu  steigern  weiss,  dass 
Bassian  vor  dem  gedanken  des  brudermords  nicht  mehr  zurückschreckt. 

Während  im  original  die  ermordung  des  Geta  schon  in  der  näch- 
sten scene  vor  sich  geht,  glaubt  die  bearbeitung  noch  mancher  Vor- 
bereitung zu  bedüifen,  ehe  sie  zu  der  bluttat  komt. 

Erst  muss  auch  Geta  des  längeren  sich  über  das  Verhältnis  zu 
seinem  bruder  aussprechen  und  seiner  mutter  den  verdacht  berichten, 
den  er  gegen  den  bruder  hegt.  Aber  nicht  genug,  dass  die  ansichten 
von  menschen  gehört  werden,  auch  was  der  himmel  verkündet  muss 
erst  noch  vorgebracht  werden.  Der  Sterndeuter  TrafuUus  komt  herzu 
und  berichtet,  dass  die  himmelszeichen  ein  unheil  zu  verkünden  schie- 
nend Dann  wird  das  gemüt  der  Zuschauer  noch  zuvor  durch  eine 
possenscene  zwischen  Trafullus  und  Traräus  erheitert,  und  endlich  tritt 
Geta  wider  auf  und  klagt  über  eine  unerklärliche  traurigkeit,  die  ihn 
befallen  habe;  erst  jezt  nach  so  vielfältiger  Vorbereitung  geraten  die 
bruder  in  jenen  streit,  der  mit  der  ermordung  des  Geta  endet.  Selbst 
hier  will  der  bearbeiter  den  hanswurst  nicht  missen,  als  die  tat  schon 
geschehen,  als  Geta  schon  tot  ist,  eilt  Traräus  herbei,  um  in  tölpelhaf- 
haftem  eifer  dem  ermordeten  beizustehen. 

Der  schluss  des  aktes  stimt  bis  auf  das  fehlen  des  reihens  und 
einige  unwesentliche  einzelheiten  in  der  bearbeitung  mit  dem  original 
überein. 

Der  dritte  akt  begint  in  der  bearbeitung  mit  der  Avörtlichen  wider- 
gabe  des  Originals;  die  verse  enthalten  den  monolog  des  brudermörders, 
in  Avelchem  dieser  seine  reue  über  die  rasche  tat  ausspricht.  Könige 
auf  der  einsamen  höhe  ihres  thrones  weinen  und  menschliche  schwächen 

1)  Diese  scene  ist  aus  der  andeiitung  einer  späteren  stelle  des  Originals  ent- 
standen, in  welcher  Trafullus  die  Julia  erinnert,  dass  er  schon  vor  der  ermordung 
des  Geta  ein  unglück  vorhergesagt  habe.     (S.  547.   S.  455  fg.) 

ZEITSCHRIFT    F.    DEUTSCUE    PHILOLOGIE.       BD.    XXI.  20 


306  HEINE 

bejammern  zu  hören,  war  ein  so  beliebtes  Schauspiel  für  das  publikum 
jener  zeit,  dass  es  in  keinem  stücke  fehlen  durfte.  Deshalb  hat  wol 
auch  der  bearbeiter  an  dieser  kraftstelle  den  Alexandriner  des  Originals 
beibehalten,  um  dieselbe  so  besonders  zu  betonen.  Von  hier  an  ist 
dann  wider  durchweg  die  prosa  angewendet.  Inhaltlich  aber  schliesst 
sich  die  bearbeitung  ziemlich  eng  an  das  original  an.  Nur  dass  in  der 
4.  scene  Latus  in  einem  monolog  seine  freude  über  das  gelingen  sei- 
nes planes  ausspricht,  während  bei  Gryphius  Sabinus,  der  freund 
des  Latus,  mit  diesem  die  günstige  läge  des  augenblicks  bespricht. 
Ferner  ist  in  der  5.  scene  Flavius  statt  des  hauptmanns  der  Überbrin- 
ger des  todesbefehles  an  Latus,  und  in  der  6.  scene  wird  der  verän- 
derte befehl  nicht  wie  im  original  von  einem  zweiten  hauptmann,  son- 
dern von  Oleander  überbracht. 

Li  den  drei  folgenden  scenen  entfernt  sich  aber  die  bearbeitung 
wieder  von  dem  original,  sie  bilden  ein  Intermezzo,  welches  der  komik 
dient.  Traräus,  Trafiülus  und  Flavius  sind  es,  welche  in  diesen  pos- 
senscenen  wirken,  die  beiden  lezteren  behalten  aber  iliren  ernsten  Cha- 
rakter bei,  nur  Traräus  besorgt  die  spässe,  bei  denen  es  auch  an  tät- 
lichkeiten  nicht  fehlt. 

Erst  die  IL  scene  knüpft  wider  an  das  original  au  und  enthält 
den  kernpunkt  des  dramas:  Oleander  bringt  dem  Papinian  den  befehl 
des  kaisers:  den  brudermord  zu  verteidigen.  Papinianus  weigert  sich 
dessen;  die  beiden  folgenden  scenen  behandeln  dann  übereinstimmend 
die  räche,  welche  Julia  an  Latus  nimt.  Der  schlusschor  aber  fehlt 
wider  in  der  bearbeitung. 

Der  vierte  akt  begint  mit  drei  scenen,  welche  das  original  nicht 
hat;  da  Traräus  in  ihnen  die  hauptrolle  spielt,  so  sind  sie  dem 
komischen  teil  des  dramas  zuzurechnen,  obwol  sie  etwas  ernster  gehal- 
ten sind,  als  die  übrigen  scenen  des  Traräus. 

Die  4.  und  5.  scene  entsprechen  den  beiden  eingangsscenen  des 
4.  aktes  bei  Gryphius.  Oleander  meldet  dem  Bassian,  dass  Papinian 
sich  weigere,  die  Verteidigungsrede  zu  halten,  worauf  dieser  selbst  vor 
dem  kaiser  erscheint  und  standhaft  auf  seiner  Weigerung  behart.  Dann 
wird  aber  wider  eine  possenscene  des  Traräus  eingeschoben,  die  wir 
immer  vor  oder  nach  einer  besonders  erregenden  ernsten  scene  finden. 
In  der  7.  scene  geht  die  liandlung  wie  im  original  weiter;  die  8.  scene 
zeigt  nur  darin  eine  abweichung,  dass  statt  des  Macrinus  Flavius  die 
botschaft  des  kaisers  überbringt,  durch  welche  er  seiner  ehren  und 
ämter  entsezt  und  seines  sohnes  beraubt  wird.  Die  nächste  scene  des 
Originals  fehlt  in  der  bearbeitung.      Sie    enthält    die    aufforderung    des 


PAPINIÄNUS  307 

lagers  an  Papinian,  sich  an  die  spitze  des  heeres  zu  stellen,  das  zu 
einer  revolution  zu  seinen  gunsten  geneigt  sei.  Papinian  weist  dieses 
anerbieten  zurück.  Warum  diese  scene  nicht  mit  in  die  bearbeitung 
aufgenommen  ist,  dafür  scheint  mir  eine  erklärung  schwer.  Es  ist 
doch  sonst  in  diesen  dramen  beliebt,  durch  möglichst  viele  beispiele 
den  Charakter  einer  person  zu  erweisen,  und  eine  gelegenheit  wie  das 
original  sie  hier  bietet,  wird  gewöhnlicli  begierig  aufgegriffen.  Ich  vermute 
fast,  dass  diese  scene  ursprünglich  hat  aufgenommen  werden  sollen, 
und  nur  während  der  arbeit  wider  vergessen  ist.  Der  im  personen- 
verzeichnis  aufgeführte  „officier  aus  dem  lager",  der  in  der  ganzen 
bearbeitung  nicht  erwähnt  wird,  hat  sicherlich  in  dieser  scene  auftre- 
ten sollen. 

Das  original  schliesst  den  vierten  akt  mit  einem  chor  der  räche, 
welcher  dem  schlafenden  Bassian  erscheint.  Diese  idee  ist  in  den  vier 
scenen  der  bearbeitung  9  — 12  weiter  ausgeführt.  Traräus  und  Traful- 
lus  werden  nämlich  zeugen  der  geistererscheinungen ,  welche  den  Bas- 
sian quälen.  Diese  aus  ernsthaftem  und  possenhaftem  gemischten 
scenen  werden  durch  ein  gespräch  zwischen  Papinian  und  einem 
abgesanten  der  Julia  unterbrochen;  Julia  lässt  nämlich  den  Papinian 
heimlich  auffordern,  ihre  partei  zu  ergreifen;  im  original  bildet  die- 
ses gespräch  (durch  den  geschmacklosen  zusatz,  dass  Julia  dem  Papi- 
nian ihre  band  anbieten  lässt,  erweitert)  den  beginn  der  5.  abhand- 
lung.  Die  2.  scene  derselben  enthält  ein  gespräch  Papinians  mit  sei- 
nen eitern,  welches  zum  fortschritt  der  handlung  nichts  beiträgt. 
In  der  bearbeitung,  in  welcher  die  scenenzählung  noch  immer  im 
4.  akt  weiter  läuft,  findet  sich  dieses  gespräch  am  schluss  der 
13.  scene,  aber  in  ganz  verkürzter  form;  es  wird  von  Papinian  und 
seiner  mutter  geführt.  Die  14.  scene  der  bearbeitung  und  die  3.  scene 
im  V.  akt  des  Originals  entsprechen  einander.  Ihr  Inhalt  ist  das 
eigentliche  ende  der  tragödie:  Bassian  lässt  den  söhn  des  Papinianus, 
dann  diesen  selbst  hinrichten,  und  empfindet  sofort  reue  über  diese 
neue  bluttat. 

Auch  in  der  folgenden  scene  entsprechen  sich  original  und  bear- 
beitung, nur  dass  hier  der  chor  und  der  vater  des  Papinianus  fehlen; 
auch  spielt  die  scene  nocli  bei  Bassian,  dem  sich  Eugenia  und  Plautia 
zu  spät  um  gnade  flehend  zu  füssen  werfen,  während  bei  Gryphius 
den  frauen  auf  ihrem  bitgang  die  leiche  des  Papinian  entgegengetra- 
gen wird. 

So  fält  der  schluss  der  5.  abhandlung  mit  dem  schluss  des  4.  aktes 
der  bearbeitung  zusammen. 

20* 


308  HEINE 

Der  5.  akt  der  bearbeitiing,  der  im  original  fehlt,  enthält  eine 
feier  am  monument  des  Papinianus  ohne  jede  dramatische  handlung. 

Der  vergleich  zeigt  also,  dass  nur  eine  scene  des  Originals,  und 
zwar  anscheinend  unbeabsichtigt,  ganz  fortgefallen  ist,  diejenige,  in 
welcher  das  lager  den  versuch  macht,  Papinianus  an  die  spitze  einer 
militair-revolte  zu  rufen. 

Andere  scenen  haben  woltätige  Verkürzungen  erfahren;  wie  der 
übermässig  lange  monolog  des  Papinianus  zum  beginn  des  dramas,  oder 
jene  scene  mit  den  abgesanten  der  Julia,  in  welcher  man  das  fehlen 
des  anerbietens  dieser  bejahrten  witvve,  dem  Papinian  ihre  band  zu 
reichen,  sicherlich  als  einen  vorzug  bezeichnen  kann.  Dagegen  sind 
eine  statliche  zahl  von  scenen  und  ein  nachspiel  vom  bearbeiter  hin- 
zugefügt, andere  wesentlich  erweitert  worden. 

Die  mehrzahl  dieser  zutaten  dienen  lediglich  der  komik,  deren 
Vertreter  Traräus  im  original  nicht  vorkomt.  Die  possenscenen  haben 
keine  beziehung  zu  dem  eigentlichen  Inhalt  des  Stückes  und  stehen 
auch  in  sich  selbst  nicht  im  Zusammenhang,  ebenso  fehlt  ihnen  jede 
dramatische  handlung,  es  sind  meist  coupletartige  spässe,  die  eben- 
sogut an  einer  anderen  stelle  vorgebracht  werden  könten,  als  an  der, 
an  welcher  sie  stehen.  Allerdings  scheint  das  priuzip  vorzuwalten, 
diese  possen  vor  oder  nach  erregenden  handlungen  die  gemüter  der 
Zuschauer  beruhigen  zu  lassen. 

Grössere  ausdehnung  haben  auch  die  scenen  gCAvonnen,  in  denen 
besonders  hervorragende  momente  abgehandelt  werden,  wie  mord,  hin- 
richtungen,  geistererscheinungen  oder  hervorragende  seelenaöekte,  wie 
beispielsweise  die  reue  des  Bassianus  eine  solche  scene  ausmacht. 

Dadurch  muss  eine  solche  bearbeitung  schon  an  ausdehnung  ge- 
winnen, dass  in  dem  drama  der  Wandertruppen  nichts  von  bedeutung 
hinter  der  scene  vor  sich  gehen  darf:  alles  wird  auf  die  bühne  gezogen 
und  mit  möglichster  genauigkeit  vorgestelt.  Überhaupt  zeigt  sich  ein 
geringes  vertrauen  in  die  aufmerksamkeit  und  fassungskraft  der  Zu- 
schauer. Die  einzelnen  Charaktere  (ich  erinnere  besonders  an  Latus) 
erschöpfen  sich  in  der  auseinandersetzung  ihrer  guten  oder  schlimmen 
absiebten,  der  geringste  fortschritt  der  handlung  (ich  erinnere  an  den 
beginn  des  ersten  und  zweiten  aktes)  muss  vor  den  äugen  der  Zuschauer 
langsam  vorbereitet  werden,  und  stets  ist  das  publikum  früher  und 
besser  unterrichtet,  als  die  auftretenden  personen. 

Geht  hier  die  bearbeitung  etwas  zu  weit,  so  ist  andrerseits  ein 
angenehmes  masshalten  nicht  zu  verkennen ;  übermässig  lange  reden  sind 
gekürzt,  die  überfülle  von  gelehrsamkeit,  mit  welcher  das  original  prunkt, 


PAPINIA>XS  309 

ist  vermieden,  oder  strömt  mit  lächerlicher  Wirkung  aus  dem  munde  des 
Traräus;  ja  Hans  Wurst  —  eben  dieser  Traräus  vertiitt  die  stelle  des 
Hans  Wursts  —  drängt  sich  nicht,  wie  in  andren  dramen  der  Wander- 
truppen, störend  in  die  ernsten  scenen  hinein,  sondern  treibt  sein  wesen 
nur  in  ihm  besonders  eingeräumten  auftritten;  nur  beim  tode  des  Geta 
ist  er  in  die  tragische  handlung  hineingezogen. 

Die  erwähnten  ab  weichungen  sind  ja  im  ganzen  nicht  erheblich, 
da  sie  den  gang  der  handlung,  wie  ihn  das  original  bietet,  wenig 
beeinflussen;  doch  haben  sie  genügt  den  Charakter  der  tragödie  umzu- 
wandeln. 

Gryphius  schildert  im  Papinian  mit  der  gewalt  seiner  pessimisti- 
schen Weltanschauung  die  ti-agik  der  inneren  notweudigkeit,  mit  welcher 
ein  unwandelbar  rechtlicher  mann  mitten  in  einer  korrumpierten  weit 
untergehen  muss;  und  um  diese  innere  notweudigkeit  klar  hervortreten 
zu  lassen,  verschmäht  er  es,  äussere  einflüsse  alzuwirksam  zu  schildern 
und  weist  diesen,  besonders  der  intrigue  des  Latus,  nur  eine  beschei- 
dene Stellung  im  drama  an. 

Der  bearbeiter  zog  hingegen  gerade  die  macht  der  äusseren  um- 
stände in  den  Vordergrund  und  liess  den  Papinianus  nicht  sowol  einer 
inneren  notweudigkeit,  sondern  den  verderblichen  anschlagen  des  Latus 
zum  Opfer  fallen  und  schuf  so  aus  einer  vortreflichen  ti'agödie  ein  mit- 
telmässiges  intriguenstück. 

HALLE.  C.    HEIXE. 


EEHGE  BEMEEKimaEN  ZU  JOHANN  PETEE  TITZS 
DEUTSCHEN  GEDICHTEN. 

Li  seiner  ausgäbe:  Johann  Peter  Titz'  Deutsche  gedichte  (Halle, 
Buchhandlung  des  Waisenhauses,  1888)  hat  L.  H.  Fischer  die  schwer 
zugänglichen,  sehr  häufig  nur  noch  in  einem  exemplar  vorhandenen 
einzeldrucke  der  dichtungen  Titzs  sorgfältig  gesammelt  und  wir  schul- 
den dem  herausgeber  für  diese  entsagungsvolle  arbeit  aufrichtigen  dank, 
so  wenig  die  gedichte  Titzs  auch  durch  Inhalt  und  form  innerhalb  der 
deutschen  dichtung  des  siebzehnten  Jahrhunderts  sich  auszeichnen.  Die 
beobachtungen,  welche  dem  Verfasser  dieser  zeilen  bei  der  lektüre  von 
Fischers  ausgäbe  sich  aufdrängten,  sollen  in  dem  nachfolgenden  auf- 
satz  mitgeteilt  werden;  man  entschuldige  das  fragmentarische  dieser 
bemerkungen;    dieselben  waren  ursprünglich  für  eine  recension  bestimt 


310  ELLINGER 

und   sind   er.st  auf  veranlassung   des  herausgebers   dieser  Zeitschrift  für 
eine  Irurze  abliandlung  zusammengestelt  worden. 

In  Fischers  ausgäbe  macht  ein  kurzes  episclies  gedieht:    Liicretia 
den  anfang.     Bei  der  geringen  aufmerksamkeit,    die  man  bis  jezt  dem 
epos  des  siebzehnten  Jahrhunderts  zugewant  hat,    ist  jeder  beitrag  zur 
besseren  erkentnis   desselben   von   Wichtigkeit.     An    sich    freilich   kann 
man  dem  gedieht  kein  sehr  grosses  lob   spenden;    man  muss  anerken- 
nen, dass  der  dichter  sich  von  jeder  Übertreibung,    zu  der  der  stoff  so 
leicht  veranlassung  gegeben  hätte,    frei  gehalten  hat;    aber  andrerseits 
ist  ihm  auch  nirgends  gelungen,  über  das  gewöhnliche  hinaus  zu  kom- 
men, und   die  reden,    die  er  seinen  personen  in  den  mund  legt,   sind 
von  einer  gradezu  erschreckenden  trivialität.     Indem  er  sein  fahrzeug 
immer   in    der   nähe    des  Strandes  auf  massig  tiefem  gowässer  einher- 
steuerte,  fiel  es  dem  schwung-  und  phantasielosen  manne  freilich  leicht, 
die  klippen  zu  vermeiden,    die  der  junge  Shakespeare  nicht  zu  umge- 
hen  vermochte.     Indessen  komt    dem   gedieht  immerhin    eine   gewisse 
bedeutung  zu  und   diese    ist   in    dem    gegenständ    begründet,    den   das 
gedieht  behandelt.     Der  stoff  der  Lucretia  muss  nämlich  um  die  mitte 
des  siebzehnten  Jahrhunderts  für  epische  behandlung  sehr  beliebt  gewe- 
sen sein.    Wir  wissen  z.  b.,  dass  Heinrich  Held  ein  gedieht:  Lucretia 
verfasst   hat;    ich    habe    dasselbe    allerdings   nie   gesehen    - —    in    Helds 
Deutscher  Gedichte  Yortrab    (Franckfurt  an   der  Oder   164.3)    findet  es 
sich  nicht  —   allein  nach  der  gleich  zu  citierenden   notiz  von  Nicolaus 
Peucker   sowie    einer   weiteren   nachricht   von  Jacobus  Klincke   ist  an 
seiner  existenz  nicht  zu  zweifeln.     Offenbar  kam  man  grade  diesem  stoff 
mit  besonderer  neigung  entgegen,  so  dass  Johann  Franck  aus  Guben 
in    seinem    epos    Susanna  i  diese  der   Lucretia  gegenüberzustellen   und 
gegen  den  leztereu  stoff  zu  polemisieren  für  nötig  fand.     Er  tut  das, 
indem  er  Susanna  beständig  mit  Lucretia  vergleicht  und  in  versen ,  die 
mit  allem    möglichen    und    unmöglichen    kram   aus   antiker   mythologie 
und  geschichte  verbrämt  sind,  die  keuschheit  der  Lucretia  anzweifelt: 
Kan  auch,  Lucretie,  mit  recht  der  rühm  dir  bleiben 
Den  Naso  dir  ertheilt?  mir  wil  es  gar  nicht  ein 
Dass  du  so  keusch  gewest,  wie  man  dich  wil  beschreiben 
Kan  auch  dieselbe  wol  so  gar  olm  Argwohn  seyn. 
Die  einem  frembden  hat  zu  Willen  wollen  leben? 
Dich  hat  (es  fählet  kaum)  auch  eigne  Lust  bethört 

1)  Jobann  Franckons  In  deutsi^he  Tracht  verkleidete  und  der  sonst  überaus 
schönen  Römischen  Lucreticn  an  Keuschheit  weit  überlegene  und  entgegen  gesetzte 
Susanna.     Franckfiu'th  an  der  Oder  1656. 


1 


zu    TITZS    DEUTSCHEX    GEDICHTEN  311 

Nicht  bloß  ins  Scliwerdtes- Furcht;  daß  du  dich  dem  ergeben, 
Der  deinen  Keuschen -Sinn  hat  durch  die  Brunst  versehrt. 
In  diesem  ton  geht  es  weiter  und  aus  den  verschiedensten  anzei- 
chen  wird  uns  dann  bewiesen,  dass  es  mit  Lucretiens  keuschheit  nicht 
so  weit  her  gewesen  sein  könne.     Franck  wendet  sich  zwar  nicht  direkt 
gegen  irgend  einen  seiner  poetischen  Zeitgenossen,  sondern  er  polemi- 
siert  nur   gegen    Ovid,    aber    dass   man    die    spitze   herausgefühlt   hat, 
bezeugt  das  folgende  der  Susanna  vorgesezte  gedieht  Nicolaus  Peuckers: 
Wie  Susanna  das  Exempel  einer  Tugendsamen  Frawen 
Yon  dem  Paar  der  alten  Schälcke,  welch'  ihrer  Lieb  entbrant, 
Angeklaget,  und  des  Todes  schuldig  wird  vom  Volck  erkant, 
Vud  was  sie  in  solchen  Aengsten  hat  zu  dem  für  ein  Vertrauen, 
Der  air  Heimligkeiten  kennet,  dessen  Wohnung  in  dem  blauen. 
Der  auch  einen  solchen  Richter  also  fortschafft  an  die  Hand, 
Welcher  sie  vom  Tod'  erlöset,  wird  bey  dir  ein  Wörter  Band, 
Franck,  auff  den  gelehrte  Leute,  wie  nach  einer  Warte  schauen. 
Hab  ich  jemals  der  Poeten  Schrifft  und  Lieder  gern  gesehen, 
Ey  so  wird  es  mit  der  Keuschheit  der  Susannen  itzt  geschehen. 
Eile  nur,  fort,  fort,  und  eile;  bald!  alsbald  gib  sie  zur  Presse! 
Doch  ich  steh  noch  in  Gedancken:    Held,    den  Franck  und  Peucker 

lieben, 
Hat  der  Keuschheit  Königinne,  die  Lucretie,  beschrieben 
Wem  ich  unter  diesen  beyden  wol  das  beste  Lob  zumesse? 

Da  die  deutsche  litteratur  des  siebzehnten  Jahrhunderts  im  we- 
sentlichen von  fremden  mustern  abhängig  war,  so  verdienen  die  Über- 
setzungen noch  eine  ungleich  grössere  beachtung  als  in  andren  epochen, 
da  sie  es  sehr  hcäufig  sind,  die  uns  fingerzeige  für  die  richtige  histo- 
rische einreihung  der  selbständigen  produkte  geben.  Aus  diesem 
gründe  dürfen  auch  die  beiden  Übertragungen  Titzs,  die  sich  in 
Fischers  ausgäbe  unmittelbar  an  die  Lucretia  anschliessen ,  hier  eine 
kurze  erwähnung  finden.  Es  sind  zwei  dichtungen  des  Holländers 
Jakob  Cats,  die  eine  eine  kleinere  epische  erzählung,  die  andre  ein 
cyklus  von  episch -lyrischen  gedichten,  in  welchem  ein  antiker  stoff 
die  grundlage  für  einen  poetischen  brief  und  einige  liebeslieder  bietet, 
die  ihrerseits  widerum  weitere  ausführungen  an  den  stoff  anknüpfen. 
Die  Übersetzung  ist  im  ganzen  nicht  ungewant;  die  beiden  dichtungen 
sind  an  sich  nicht  eben  sondei'lich  bedeutend.  —  Der  aus  Herodot, 
Strabo,  Plinius  und  Aelian  bekante  stoff  des  zweiten  gedichtes  —  die 
geschichte  der  Rhodope  —  muss  aber  schon  viel  früher  in  Deutsch- 
land algemein  verbreitet  gewesen  sein,   da  ein  zug  desselben  im  deut- 


312  ELLIXGER 

sehen  g-eselschaftsliede  verwendet  worden  ist.  Ich  darf  auf  diese  tatsache 
wol  mit  einem  werte  eingehen.  Eine  Untersuchung  über  die  antiken  de- 
mente und  die  art  ihrer  verweiulung  im  deutschen  volks-  und  geselschafts- 
liede,  wäre  von  hohem  interesse;  einzehies  über  diesen  gegenständ  hat 
soeben  M.  v.  Waldberg  in  seinem  buche:  Die  deutsche  renaissance-lyrik 
(Berlin  1888)  s.  71  fgg.  zusammengestelt.  In  unserem  falle  nun  hat 
das  geselschaftslied  um  die  wende  des  sechzehnten  und  siebzehnten 
Jahrhunderts  die  antike  erzählung  einfach  adoptiert,  um  eine  Streitfrage 
daran  zu  knüpfen,  wie  sie  uns  ähnlich  z.  b.  in  der  älteren  französischen 
poesie  entgegentritt.  Aus  Titzs  Zusammenfassung  der  antiken  Zeug- 
nisse über  das  leben  der  Rhodopo  hebe  ich  die  betreffende  stelle  aus: 
„Bald  darauf,  als  Er  (Knemon)  wiederumb  nach  gewohnheit  Ihr  auff- 
gewartet,  windet  Ehodope  ein  par  Rosen -Kräntze:  derer  einen  Sie  auff 
Ihr  eigenes,  den  andern  aber  auf  Knemons  Haupt  setzet.  Ohngefehr 
begiebt  sichs,  dass  auch  der  Königliche  Rath  dazu  kommt.  Rhodope, 
damit  Sie  unter  diesen  beiden  einen  angenehmen  Streit  veruhrsachen 
möchte,  giebet  Ihren  Krantz  dem  Hofmann:  dem  Knemon  aber  nimmt 
Sie  Seinen,  und  setzet  ihn  Ihr  selbst  auff.  Darüber  den  Jener  sehr 
fi'ohlockt,  und  den  armen  Poeten  auslachet:  dieser  aber  erweiset,  dass 
solches  von  Rhodope  aus  keiner  ungewogenheit  geschehen,  sondern  dass 
es  vielmehr  für  ein  Zeichen  einer  sonderbaren  Liebe  und  grossen 
Yertrauligkeit  zu  achten."  Dazu  vergleiche  man  das  lied,  welches 
Hoffmann  von  Fallersleben  (Gesellschaftslieder,  s.  21  fgg.)  mitteilt.  Zwei 
Jünglinge  werben  um  die  liebe  eines  mädchens  und  verlangen,  sie  solle 
erklären,  Avelchen  von  beiden  sie  lieber  haben  Avolle.  Die  Jungfrau 
verweigert  eine  direkte  antwort,  gibt  aber  ihre  entscheidung  durch  ein 
zeichen  zu  erkennen.  Sie  lässt  beide  freier  zu  sich  kommen;  der  eine 
trägt  zufällig  einen  kränz  auf  dem  haar,  der  andre  nicht. 

Die  Jungfrau  mit  Yerleubte 

Nahm  ihr  eigen  Kränzelein 

Und  setzt  es  auf  das  Haupte 

Deß  der  bloß  kam  herein. 

Dargegen  sie  sich  wendet 

Zum  andern  Ereier  dar 

Und  nahm  sein  Kranz  behende 

Und  setzt  ihn  auf  ihr  Haar. 

Nun  rath.  Lieb,  und  entscheide, 

Welchs  sei  das  rechte  Pfand 

Und  Zeichen  dieser  beide 

Gewechselt  zu  der  Hand? 


zu   TITZS   DEUTSCHEN   GEDICHTEN  313 


Ein  Kränzlein  ward  genommen, 


Das  ander  ward  verehrt: 

Nur  eins  das  hat  gewonnen 

Und  die  Jungfrau  begehrt. 
Es  wird  sich  wol  nicht  bestreiten  lassen,    dass  hier  wirklich  eine 
einwirkung  der  antiken  erzählung  auf  das  geselschaftslied  statfindet. 

Die  lyrik  Titzs  geht,  ebenso  wie  seine  gelegenheitsgedichte,  auf 
den  spuren  Opitzs  und  Simon  Dachs.  An  den  lezteren  erinnern  nicht 
nur  manche  gedieh te  Titzs  der  gesamtstimmung  nach,  sondern  auch  in 
einzelheiten  tritt  diese  anlehnung  hervor  und  Titz  verwendet  nicht  sel- 
ten gedanken,  die  bei  Simon  Dach  öfter  widerkehren.  Man  vgl.  z.  b. 
die  Worte  Dachs  (Oesterley  s.  115): 

Solt  er  es  anders  meinen. 

Als  gut  mit  uns,  den  seinen? 

Das  glaub  ich  ewig  nicht; 

In  trübnus  uns  verlassen 

Und  unbarmhertzig  hassen, 

Ist  wider  seine  pflicht. 
Er  weiß  sich  anzustellen. 

Als  stürtz  er  uns  zur  hellen 

Und  wer  uns  spinnenfeind ; 

Bleibt  doch  in  allen  nöthen. 

Ja,  möcht  er  uns  auch  tödten, 

Der  allerbeste  freund, 
mit  einer  stelle  bei  Titz,  Fischers  ausg.  s.  291: 

Vnd  ob  es  offt  zwar  scheinet. 

Als  were,  was  er  thut. 

Mit  vns  nicht  wol  gemeynet. 

So  ist  es  dennoch  gut. 
Und  wenn  Titz  in  demselben  gedieht  sagt: 

0  wol  der  Frommen  Seelen, 

Die  GOtt  versetzet  hat 

Aus  jhres  Kerckers  Holen 

In  jedem  grosse  Stadt! 
so  erkennen  wir  auch  hier  einen  gedanken,  der  bei  Simon  Dach  unzählige 
male  variiert  wird.  —  Aber  wenn  Titz  sich  auch  im  einzelnen  an  Simon 
Dach  anzuschliessen  versucht,  so  liat  er  doch  im  ganzen  nicht  viel  von 
ihm  gelernt.  Dachs  geistliche  gedichte  atmen  eine  sanfte,  elegische, 
wunderbar  trostreiche  Stimmung;  üerall  hören  wir  die  milden  sehn- 
suchtsworte  der  liebenden  seele,   welche  aus  dem  irdischen  leben  nach 


314  ELLINGER 

ihrem  hiralischen  heiinatslande  zurückstrebt,  zuweilen  hat  Simon  Dach 
auch  mit  glück  versucht,  seiner  leier  kräftigere  akkorde  zu  entlocken  und 
in  dem  schönen,  ofl'enbar  Luthers  lied:  „Jesaja  dem  Propheten  das 
geschah"  nachgedichteten  lied:  „Ich  hörte,  spricht  Johannes,  ein  ge- 
schrey,  —  Als  eine  stimme  der  engel  vielerley"  ist  es  ihm  in  der  tat 
gelungen,  Luthers  kraft  nahe  zu  kommen.  Erst  wenn  man  Titz  an  die- 
sem seinem  vorbilde,  das  er  zu  erreichen  sich  bemühte,  misst,  erkent 
man,  wie  tief  er  steht.  In  seinen  geistlichen  liedern  zeigt  er  durchaus 
keine  sonderliche  begabung  und  überragt  nirgends  das  durchschnitsmass 
der  religiösen  lyrik  jener  tage.  Aber  auch  seine  gelegenheitsgedichte 
sind  recht  steif  und  ungelenk.  Wie  sauer  ihm  die  arbeit  geworden 
ist,  die  verse  zusammen  zu  leimen,  lässt  sich  aus  seinen  eigenen  Wor- 
ten ersehen   (s.  L53  der  ausg.  Fischers): 

Wie  eine  Tochter  ptlegt  viel  Thi'änen  zu  vergiessen, 
Wenn  jhr  der  bleiche  Todt  den  Vater  hingerissen: 

So  weinen  Sie  (näml.  die  musen)  vmb  Euch,  und  lassen  Keinen  für, 
Man  klopffe  was  man  wil  an  ihrer  Pindus  Thür. 
Ich  hab'  ohn'  vnterlaß  bej^  Ihnen  angeschlagen, 
Vnd  umb  ein  Lied  gefleht.  Euch  würdig  zu  beklagen: 
Doch  hat  für  dieses  mahl  mir  niemand  auffgethan, 
Weil  keine,  was  ich  klopff'  und  bitte,  hören  kan. 
Es  fehlt  auch  sonst  nicht  an  stellen  in  den  leichengedichten,    in 
denen  er  ganz  ähnlich  wie  hier  sein  Unvermögen  mit  seinem  grossen 
schmerz    entschuldigt,    vgl.  z.  b.   s.  160  z.  109  fgg.      Überall    erkennen 
wir,  wie  es  ihm  an  Originalität  mangelt  und  wie  er  nur  mit  der  gröss- 
ten  mühe  die  gedanken  zusammenbringt.     Für  die  leichengedichte  wer- 
den daher  die  psalmen  geplündert  und  recht  hässlich  ist  es,    wenn  die 
verwässerten  psalmworte  durch  Titzs  magere  umkleidung  hindurchschei- 
nen, so  z.  b.  die  worte  des  neunzigsten  psalms,   den  Titz  auch  einmal 
' paraphrasiert  hat,    in    dem  gedieht  s.  167  fgg.     AVeiter  müssen  rheto- 
rische hilfsmittel  die  fohlenden  gedanken  ersetzen;    sehr  häufig  werden 
zu  diesem  zweck  interjektionen,  namentlich:  0!  eingestreut,  z.  b.  s.  166: 
0  Wol!  0  wol  gekämpft!    0  Wol!  0  wol  gerungen! 
0  seelig  grosser  Sieg! 
Oder  s.  169: 

0  Freud'!  0  Seehgkeit,  die  GOtt  uns  da  wird  geben! 
0  süsse  Wonn'  und  Ruh'!    0  reicher  Überfluß! 
0  Wollust  ohne  Ziel!   0  hochgewünschtes  Leben. 
Ebenso    werden    in    ganz    unsinniger   weise    anaphern    angehäuft, 
z.  b.  s.  205  fgg.  z.  85  — 105.  —  Das  gleiche,  w^as  soeben  von  den  trauer- 


zu    TITZS    DEUTSCHEN    GEDICHTEN  315 

gedieh ten  gesagt  war,  gilt  auch  von  der  sonstigen  gelegenhoitspoesie 
Titzs,  die  einkleidung  ist  in  den  meisten  fällen  ärmlich,  die  ausführung 
wenig  befriedigend.  Nur  einmal  ist  es  Titz  gelungen,  ein  hochzeits- 
gedicht  zu  schaffen,  das  man  wirklich  mit  vergnügen  liest.  Es  ist  dies 
das  gedieht:  Poetisches  frauenzimmer  (s.  113fgg.),  welches,  an  ein  anti- 
kes Vorbild  anknüpfend,  durch  das  derbe  und  treffende  des  ausdrucks 
und  durch  die  formelhafte  widerkehr  der  gleichen  strophe  unwilkür- 
lich  an  das  sechzehnte  Jahrhundert  gemahnt. 

Hin  und  wider  wird  auch  in  Opitzs  weise  das  lob  eines  heiteren 
und  massigen  lebensgenusses  verkündet  und  der  dichter  fordert  auf, 
die  stunde  zu  geniessen,  da  das  menschenleben  sich  rasch  seinem  ende 
zuneige.  Opitz  selbst  ist  in  einer  reihe  von  gedichten  besungen  wor- 
den; zunächst  finden  wir  eine  lobschrift  auf  ihn,  in  welcher  Opitz  in 
den  üblichen  hyperbeln  gefeiert  wird:  er  ist  der  deutsche  Maro  und 
Catull,  Petrarcha  muss  vor  ihm  schweigen,  Ronsard  und  Sannazar, 
„wie  hoch  sie  sind  gelehrt",  bekanten  doch,  dass  Opitz  der  lorbeer- 
kranz  zukomme;  in  ähnlichen  lobhudeleien  ergeht  sich  ein  epigramm 
auf  Opitzs  bild;  den  sclüuss  machen  einige  klagegedichte  und  eine 
grabschi'ift.  —  Natürlich  hat  er  auch  unmittelbar  an  dichtungen  Opitzs 
angeknüpft  und  sein  hochzeitsgedicht  (s.  134): 

Phyllis  saß  in  tieffen  8chmertzen 
An  der  stillen  Myrten  See, 

ist  zu  den  bei  M.  v.  Waldberg  (a.  a.  o.  s.  115  fgg.)  zusammengestelten 
nachahmungen  von  Opitzs  liede:  „Coridon,  der  gieng  betrübet  —  An 
der  kalten  Cimbersee"  noch  hinzuzufügen. 

Ausser  den  Übersetzungen  aus  dem  niederländischen  weist  die 
vorliegende  ausgäbe  auch  Übertragungen  aus  der  neulateinischen  litte- 
ratur  auf.  Da  Titz  selbst  als  lateinischer  dichter  eine  grosse  frucht- 
barkeit  entwickelt  hat,  so  wäre  die  frage  aufzuwerfen,  ob  sich  einflüsse 
der  neulateinischen  poesie  nicht  auch  in  seinen  selbständigen  dichtun- 
gen nachweisen  lassen.  Man  gestatte  mir,  dass  ich  auf  diesen  punkt 
hier  etwas  näher  eingehe;  die  ein  Wirkung  der  neulateinischen  dichtung 
auf  die  deutsche  poesie  des  siebzehnten  Jahrhunderts  ist  viel  bedeuten- 
der und  umfangreicher  als  man  gemeiniglich  annimt;  ich  gedenke,  die 
lateinische  dichtung  Deutschlands  im  fünfzehnten  und  sechzehnten  Jahr- 
hundert mit  ausschluss  des  dramas  monographisch  zu  behandeln  und 
werde  dabei  auch  auf  diesen  gegenständ  näher  einzugehen  haben. 

In  der  tat  treten  auch  in  Titzs  selbständigen  dichtungen  die  nacli- 
wirkungen  der  neulateinischen  dichtung  bedeutend  hervor.     Wenn  Titz 


316  ELLINGER 

z.  b.  in  seiner  aiifforderiing  zum  Türkenlmeg  (s.  215  in  Fischers  ausg.) 
ausruft : 

Weg,  hinweg  mit  solchen  Kriegen, 
Mit  den  Jammer-vollen  Siegen, 
Da  ihr  selbst  einander  freßt, 
Da  ihr  armen  Euch  verzehret, 
Und  weit  mehr,  als  Dürr'  und  Pest, 
Eure  Länder  selbst  verheeret! 
so  spricht  er  damit    einen  gedanken   aus,    der   in    der    neulateinischen 
dichtung  überaus   häufig  widerkehrt.     Fast  in   allen  ermahnungen  zum 
Türkenkrieg,  wie  sie  die  neulateinische  litteratur  des  sechszelmten  Jahr- 
hunderts,   namentlich  in  Deutschland,    in  so  grosser  fülle  aufzuweisen 
hat,  finden  wir  beständig  —  und  zwar  meist  wie  hier,  am  anfang  —  die 
bitte,  Deutschland  solle  sich  nicht  länger  in  bürgerlichen  kriegen  selbst 
zerfleischen,    sondern  seinen  kriegerischen  mut  gegen   die  Türken   keh- 
ren.    Man  vergleiche,  um  nur  ein  beispiel  anzuführen,  die  Imperatores 
Turcici   von   David    Pfeifer    ans   Leipzig    (Basel  o.  j.;    das    einleitende 
gedieht  von  Caspar  Bruschius  nent  das  jähr:  1550),  s.  31: 
Europae  regina  mihi  Germania  dicas. 

In  tantuni  quis  te  dedecus  error  agat? 
Yt  tua  tarn  saeuo  des  membra  uoranda  latroni, 

Ceu  rernm  nolis  amplius  eße  caput. 
Per  laudes  generosa  tuas,  per  sceptra  precamur, 

Si  non  uis  alijs  parcere,  parce  tibi. 
Dumque  potes,  foedos  a  deo  compesce  furores, 

Nee  proprias  armes  in  tua  Ma  manus. 
Mutua  terrigenao  miscentes  praelia  fratres, 

Inuicti  dextris  procubuere  suis. 
Deformem  traxit  ciuili  Marte  ruinam, 

Vrbs,  per  qnam  flauas  Albula  noluit  aquas. 
Aber  weit  mehr  noch  als  in  diesem  gedieht  tritt  der  einfluss  der 
neulateinischen  dichtung  in  der  ode  hervor,  welche  Titz  der  übersetznng 
eines  lateinischen  gedichtes  von  Heinsius  beigegeben  hat  ^  In  ihr  wird 
ein  gedanke  behandelt,  der  von  den  neulateinischen  dichtem  bis  zum 
überdruss  in  allen  tonarten  variiert  wird,  dass  es  nur  die  dichtkunst 
ist,  welche  dem  menschen  unsterbliches  leben  verleiht,  oder,  wie  es 
Titz  in  dem  refrain  seiner  ode  ausdrückt: 

Die  Musen  machen,  dass  der  Mann, 
Der  Lob  verdient,  nicht  sterben  kann. 

])  Dasselbe  steht  auch  in  Alberts  arien,  s.  206  der  ausgäbe  von  Fischer. 


zu   TITZS   DEUTSCHEX   GEDICHTEN  317 

Es    ist   nicht   meine    aufgäbe,    die   unzähligen   Zeugnisse   für    die 
beständige  widerkehr  dieses  gedankens  bei  den  neulateinischen  dichtem 
hier  zusamnicuzutragen,  schon  die  anführung  der  stellen  aus  den  bedeu- 
tenderen dichtem,    aus  Celtis,    Busch,    Micyll,   Eoban  Hesse  würde  zu 
viel  räum  in  ansprach  nehmen.     Nur  auf  zwei  tatsachen  sei  noch  hin- 
gewiesen.     Einmal,    dass   auch    die    einzelheiten   in    den   ausführungen 
Titzs  aus  der  neulateinischen  poesio  stammen;    so   ist  es  z.  b.  ein  fort- 
während gebrauchtes  argument  der  ISTeulateiner,  dass  die  zeit  alles  zer- 
störe,   nur  den  rühm  nicht,    den    der    dichter  verliehen.     Str.  9   singt 
Titz  (s.  229):        Wo  könt  jhr  jtzt  gefunden  werden, 
Carthago,  Babylon,  Athen? 
Auch  Rom,  du  Königin  der  Erden, 
Die  du  doch  soltest  Ewig  stehn? 
Die  Musen  machen,  dass  der  Mann, 
Der  Lob  verdient,  nicht  sterben  kann. 
Dazu  vergleiche  man  eine  stelle  in  dem  widmungsgedicht  zu  den 
oben  erwähnten  Imperatores  Turcici  von  David  Pfeifer,  s.  8: 
Quis  noßet  Thebas?  doctas  quis  noßet  Athcnas? 

Persaeas  altae  quis  Babylonis  opes? 
Haec  nisi  diuini  celebrassent  oppida  Yates 
Quorum  perpetuas  res  facit  eße  labor. 
Weiter   ist    hervorzuheben,    dass    namentlich    die   neulateinischen 
dichter  Ost-  und  Westpreussens  auf  diesen  gedanken  beständig  zurück- 
kommen und  ihm   in  mannichfachster  weise   ausdruck  geben,    so   dass 
wir  hier  eine  ganz  unmittelbare  beziehung  zu  Titz  erhalten.     Man  vgl. 
z.  b.  folgende  worte  des  Georg  Sabinus,  Elegiarum  über  I.  1.  (s.  3  der 
ausg.  von  1606): 

Carmine  laudati  vivunt  post  funera  reges; 

Carmine  notitiam  posteritatis  habeut. 
Quis  nunc  Aeacidae  mavortia  nosset  Achillis 

Facta,  nisi  illustri  carmine  nota  forent? 
Dulichio  nomen  regi  famamque  perennem 
Smyrnaei  tribuit  nobile  vatis  opus. 
Vgl.  Titz  a.  a.  o.,  str.  12  s.  229: 

Wer  könte  von  Aleides  wissen. 

Wenn  jhn  nicht  aus  der  langen  Nacht 
Der  Musen  Yolck  hätt  außgerissen, 
Vnd  biß  auf  vnser  Zeit  gebracht? 
Wie  diese  idee  in  den  köpfen  der  neulateinischen  dichter  Preussens 
sich  festgenistet  hatte,    können  wir  an   der  hartnäckigkeit  mit  boobach- 


318  ELLINGER 

ten,    mit  welcher  z.  b.  Andreas  Miincer  aus  Elbing  in  seinem  kleinen 
büchlein:  Elegiarum  libri  tres  (Königsberg  1550)  immer  wider  auf  die- 
selbe zurückkomt.     Ebenso  wie  oben  Sabimis  ruft  er  II.  1  aus: 
Fortia  nam  ueterum  quis  nosset  facta  uirorum, 
Quotquot  in  hoc  mundi  continet  orbe  polus, 
Quis  Fabios,  quis  Scipiadas,  te  denique  Caesar, 

Aut  sciret  nomen  magne  Camille  tuum? 
Si  non  carminibus  seruassent  talia  uates, 
Doctorumque  super  non  monumenta  forent. 
Und  ein  ganz  ähnliches  versprechen,  wie  es  Eoban  Hesse  Erfurt  gege- 
ben, gibt  unser  dichter  seiner  Vaterstadt  Elbiug,  HL  1: 
Mantua  si  celebris  cum  uate  Marone  superbit, 

Laudat  ut  Andinum  gloria  sera  nemus, 
Pelignis  gaudet  si  patria  Sulmo  Camoenis, 

Maeonias  iactat  si  quoque  Smyrna  Deas, 
Seu  quos  praeterea  praestantes  orbe  Poetas 
Cum  priscis  aetas  temporis  huius  habet, 
Sic  uos  (si  magnis  licet  haec  componere  parua) 
Laus  manet  a  quali  carmine  cunque  meo. 
Diese  hervorhebung  der  macht  des  dichters  geschah  bei  den  Neu- 
lateinern  zuweilen  ohne  nebenabsicht,    in  den  meisten  fällen  aber  hatte 
dieselbe  die  ausgesprochene  absieht,    irgend  einem  mäcenaten  einzuprä- 
gen, wie  nützlich  und  notwendig  es  sei,   die  dichtkunst  im  algemeinen 
und  den  betreffenden  dichter   im  besonderen   zu  begünstigen,    da  der 
dichter  kein  geringeres  gegengeschenk  verleihe  als  die  Unsterblichkeit. 
Um    bei  den    oben    angeführten   preussischen   dichtem    zu   bleiben,    so 
lässt  Sabiuus  in  dem  citierten  gedieht  (I.  1  s.  2  fg.)  seine  muse  den  so 
vielfach  von  den  neulateinischen  dichtem  Brandenburgs,  Preussens  und 
Sachsens  gefeierten  HohenzoUern,    den  erzbischof  Sigismund  von  Mag- 
deburg, folgen dermassen  anreden: 

Musa  sed  inprimis  hic  te  mea  laudibus  efFert; 

Nobile  crebra  tuum  pagina  nomen  habet. 
Nam  tua  majores  virtus  quae  praeterit  omnes, 

Altius  in  coelum  laude  vehenda  fuit. 
Si  quis  Erythreas  gemmas  donavit  et  aurum, 

Hand  meliere  carmine  dona  dabit  

Yt  tua  morte  careus  vivat  post  funera  virtus, 
Nostra  tibi  princeps  et  monimenta  dabunt. 
His  mihi  pro  meritis  quae  praemia  digna  rependes, 
üratia  si  Musis  est  roferenda  meis? 


zu   TITZS    DEUTSCirEN   GEDICHTEN  319 

Ganz  ähnlich  apostrophiert  Andreas  Müncer  IL  1  a.  a.  o.  seinen  mcäce- 
naten:  Dumquo  foues  paßim  pulsas  Helicone  camoenas, 

Et  suniptu  nutris  docta  lycea  tuo 
Aoternam  statuet  tibi  laudem  fama  perennis, 

Extingui  quae  non  qiialibet  arte  queat: 
Hinc  toa  certatim  cantabunt  nomina,  quotquot: 

A  superis  uatum  pcctora  numen  habent.^ 
Das  gedieht  Titzs  gehört  zu  der  ersten  gattiing,  welche  die  macht 
der  poesie  ohne  eine  besondere  nebenabsicht  herausstreicht.  Dass  aber 
auch  die  andere,  Aveit  häufiger  auftretende  art,  in  der  deutschen  dich- 
tung  dos  siebzehnten  Jahrhunderts  fortlebt,  soll  hier  nur  an  einem  bei- 
spiel  nachgewiesen  werden.  In  M.  David  Trommers  Nickerischer 
poesie  (Dreßden  1670)  findet  sich  ein  gedieht  an  einen  herrn  G.  von 
Beuchlingen,  dessen  gedankengang  durchaus  den  eben  angeführten  aus- 
lassungen  der  lateinischen  dichter  entspricht,  s.  149  fgg.  Man  vergleiche 
Strophe  6  des  gedichtes: 

Was  der  Höchste  mir  verliehen. 
Das  zwar  wenig  ist  nnd  schlecht, 

1)  Das  klassische  Vorbild  für  diese  hervorhebung  der  macht  des  dicht^TS  mit 
der  bestimten  absieht,  irgend  einen  vorteil  dadiu-ch  zu  erreichen,  ist  wol  Tibull  I.  4; 
"-'■  ^SS--  Pieridas,  pueri,  doctos  et  amate  poetas, 

Aiirea  nee  superent  muuera  Pieridas. 
Carmine  piupurea  est  Nisi  coma:  carmina  iii  siut, 

Ex  humero  Pelopis  non  nituisset  ebiu\ 
Quem  referent  Musae,  vivet,  dimi  robora  tellus, 
Dum  caelum  Stellas,  dum  vehet  amuis  aquas. 
Atqui  non  audit  Musas,  qui  vendit  amorem, 

Idaeae  currus  üle  sequatur  Opis 
Et  tercentenas  erroribus  expleat  urbis 

Et  secet  ad  Phrygios  vilia  membra  modos. 
Von  sonstigen  klassischen  Vorbildern  für  die  betommg  der  macht  des  dichters 
komt  vor  allen  dingen  das  von  Celtis  fast  wörtlich  nachgeahmte  wort  des  Lucau  (9,  980) 
m  betracht:  q  sacer  et  magnus  vatum  lal)or,  omnia  fato 

Eripis  et  donas  populis  mortalibus  aevmn. 
Wenn  Titz  s.  230  str.  13  sagt: 

Meiustu,  dass  vor  Achilles  Zeiten 

Kein  kühner  Held  gewesen  sey? 
Doch  weiss  man  nichts  von  ihren  Streiten, 
Weil  kein  Poet  nicht  war  dabey. 
so  braucht  wol  nicht  darauf  hingewiesen   zu  werden,    dass   er  dabei   unter  d(3m   eiu- 
fluss  der  so  vielfach  nachgeahmten  stropho   des  Horaz   steht,  Od.  IV,  9,  25:    Vixere 
fortes  ante  Agamemnona. 


320  ELLINGER 

Soll  Dm  ans  dem  Grabe  ziehen; 
Uns  ertheilt  man  dieses  Eecht. 

Was  geschickte  dichter  schreiben, 

Das  muß  ewig  ewig  bleiben. 
Und  die  schlussstrophe : 

Bleibe  ferner  mir  ergeben, 
Mein  geehrter  Macaenat; 

Bleibe  meiner  Musen  Leben, 
Meiner  Musen  Hertz  und  Rath, 

So  versprech  ich  deine  Sachen 

Noch  den  Leuten  kund  zu  machen. 
Man  verzeihe  mir,  dass  ich  bei  diesem  gegenstände  so  lange 
verweilt  habe,  aber  es  erschien  mir  nicht  ganz  imnötig,  an  einem  kon- 
kreten falle  zu  zeigen,  wie  bedeutend  der  einfluss  war,  den  die  neu- 
lateinische dichtung  auf  die  deutsche  poesie  des  siebzehnten  Jahrhun- 
derts ausgeübt  hat  und  dass  man  zur  feststellung  desselben  ein  anderes 
verfahren  einschlagen  muss,  als  es  bis  jezt  da  geschehen  ist,  wo  man 
hin  und  wider  auf  diesen  einfluss  aufmerksam  gemacht  hat.  Man  hat 
sich,  wo  das  leztere  geschehen  ist,  begnügt,  zu  zeigen,  wde  einzelne 
Neulateiuer  von  den  deutschen  dichtem  des  siebzehnten  Jahrhunderts 
übersezt  und  nachgeahmt  worden  sind;  es  ist  aber  von  weit  grösserer 
wiclitigkeit,  nachzuweisen,  wie  die  beständig  widerkehrenden  hauptmo- 
tive  der  neulateinischen  dichtung  nun  auch  in  die  deutsche  dichtung 
des  siebzehnten  Jahrhunderts  übergehen.  — 

Äusserlich  offenbart  sich  dieser  Zusammenhang  Titzs  mit  der  neu- 
lateinischen dichtung  ausser  in  seinen  eigenen  lateinischen  versuchen, 
in  seinen  Übersetzungen.  Er  hat  ein  stück  aus  Daniel  Heinsius  über- 
sezt und  er  hat  weiter  seine  kraft  an  einem  der  bedeutendsten  neu- 
lateinischen dichter  zu  erproben  gesucht,  an  den  epigrammen  des  Eng- 
länders Johannes  Owen. 

Owen  ist  der  begabteste  und  individuelste  der  neulateinischen 
epigram matiker.  Wie  tief  z.  b.  stehen  die  neulateinischen  epigramma- 
tiker  Frankreichs  unter  ihm.  Das  gleiche  lässt  sich  von  den  Italienern 
sagen  und  noch  weniger  vermag  Deutschland  einen  epigrammatiker 
aufzuweisen,  der  ihm  durchaus  gleichzustellen  wäre,  auch  Euricius  Cor- 
dus  erreicht  Owen  nicht.  Überschaut  man  nun  die  epigramme  Owens 
in  ihrer  gesamtheit,  so  muss  mau  allerdings  zugestehen,  dass  nicht  alle 
auf  gleichen  wert  ansprach  machen  können;  die  üblichen  Spielereien 
der  Neulateiner,  die  uns  nicht  mehr  scherzhaft  erscheinen,  finden  sich 
auch  hier,  Wortspiele  sind  wie  natürlich  sehr  stark  vertreten,  und  wenn 


zu   TITZS    DEUTSCHEN    GEDICHTEN  321 

sie  zuweilen  auch  recht  geistreich  sind,  so  kann  man  ilmen  andrerseits 
ebenso  häufig  dieses  lob  nicht  erteilen  (man  vgl.  z.  b.  I.  37,  ich  eitlere 
nach  der  ausgäbe  Breslau  1658).  Owens  epigramme  müsten,  wenn 
ihnen  eine  eingehendere  betrachtung  zu  teil  werden  solte  —  und  sie 
verdienen  eine  solche  durchaus  —  im  einzelnen  nach  ihren  Stoffen 
gruppiert  werden.  Körperliche  gebrechen  werden  sehr  häufig  verhöhnt, 
namentlich  die  kahlköpfe  müssen  herhalten.  Neben  den  körperlich  mis- 
gestalteten  dienen  insbesondere  die  hahnreie  und  pantoffelhelden  zur 
Zielscheibe  des  witzes.  Recht  vergnüglich  ist  es,  wenn  die  katholikin, 
die  einen  Protestanten  heiratet,  sich  bloss  den  freien  Avillen  vorbehält 
(11.  47,  vgl.  auch  IL  54),  oder  wenn  Pontius  meint,  man  solle  alle 
gehörnten  ehemäimer  ins  meer  werfen  imd  seine  frau  ihm  den  guten 
rat  gibt,  in  diesem  falle  erst  schwimmen  zu  lernen  (I.  68).  Ebenso 
werden  auch  die  laster  gegeisselt,  der  geiz,  die  bestechlichkeit  der  rich- 
ter  (s.  78  nr.  23).  Die  gewöhnlichen  stichblätter  der  satire,  ärzte  und 
Juristen,  werden  beständig  durchgezogen  (vgl.  z.  b.  I.  15.  I.  71.  I.  80. 
Hübsch  ist  das  epigramm  s.  128,  11:  Furtimi  non  facies;  Juristae  scri- 
bitur  haec  lex  —  Haec,  non  occides,  pertinet  ad  Medicum;  ähnlich 
die  bemerkung  s.  138,  86  von  dem  arzt  Cinna,  der  seine  kranken  nicht 
lange  leiden  lässt).  Auch  die  prediger  werden  nicht  verschont,  sie 
werden  aufgefordert,  sich  erst  selbst  zu  bessern,  ehe  sie  andre  zu  bes- 
sern versuchen  (III.  47),  und  über  Rom  macht  Owen  den,  allerdings 
schon  von  Euricius  Cordus  vorbereiteten,  hübschen  witz,  dass  dort  nicht 
Peti'us,  sondern  Simon  hersche  (s.  128,  8). 

Befinden  wir  mis  hier  überall  auf  bekantem  gebiet  und  begegnen 
wir  überall  den  ti-aditionellen  gegenständen  des  epigramms  und  der 
Satire,  so  zeigt  sich  der  dichter  in  anderen  epigrammen  bei  weitem 
selbständiger.  So  wenn  er  die  neutralität  des  feiglings  verhöhnt,  der, 
wenn  Pompejus  siegt,  Pompejaner,  w^enn  er  unterliegt,  Cäsarianer  ist 
(s.  88,  105).  Oder  wenn  er  das  litterarische  Verbrüderungswesen,  die 
gegenseitigen  lobhudeleien  geisselt,  wozu  er,  was  die  neulateinische 
dichtung  betiift,  allerdings  alle  veranlassung  hatte:  Marcus  lobt  mich  in 
seinen  versen;  was  gilts,  er  tut  das,  damit  ich  ihn  wider  lobe.  Ton 
scharfem  witz  zeugen  viele  der  agressiven  epigramme,  die  zum  teil 
unmittelbar  persönlicher  veranlassung,  ihre  entstehung  verdanken  mögen. 
So  z.  b.  wenn  er  I.  33  dem  Marcus  zuruft:  Warum  leugnest  du,  dass 
es  in  der  natur  ein  vacuum  gibt,  da  doch  dein  köpf  für  die  existenz 
eines  solchen  den  besten  beweis  liefert? 

Indessen  nicht  immer  schreitet  der  dichter  in  den  epigrammen 
zum  angriff  auf  personen  oder  richtungen.    Auch  die  blosse  betrachtung 

ZEITSCHRIFT    F.    DEUTSCHE   PHILOLOGIE.       BD.    XXI.  21 


322  ELLINGER 

und  die  sentenz  machen  sich  geltend.  Manche  epigramme  sind  in  Wirk- 
lichkeit nur  Überschriften,  die  einen  gegenständ  in  kurzen  zügen  nach 
seinen  wesentlichen  bestand  teilen  zu  charakterisieren  suchen,  z.  b.  die 
einzelnen  sinne.  Unter  den  rein  betrachtenden  epigramiuen  sei  auf  fol- 
gendes schöne  wort  verwiesen  (s.  112  Monosticha  ethica  et  politica,  3): 
Nunquam  vera  fuit  charitas,  quae  desiit  esse:  —  Nam  nullus  veri  finis 
amoris  erit.  Hierher  gehören  auch  diejenigen  epigramme,  die  sich  über 
fragen  des  Staatslebens  oder  die  notwendigen  eigenschaften  des  fürsten 
verbreiten.  Nichts  schlimmer  für  den  Staat,  als  die  Ungerechtigkeit, 
denn  sie  reisst  häuser  und  mauern  ein  (Monosticha,  60).  Yor  dem 
regiment  eines  alzujungen  herschers  warnt  er  eindringlich  (ebda,  57). 
Dem  herscher  selbst  empfiehlt  er  als  die  besten  künste  gerechtigkeit 
und  liebe;  das  sind  die  waffen,  gegen  die  man  nichts  ausrichten  kann 
(ebda  51).  Er  warnt  ihn  vor  den  Schmeichlern  (ebda,  nr.  73:  Blan- 
dus  adulator  ßegum  ccrtissima  pestis.  —  Haec  gaudet  sanctos  perdere 
saepe  viros.)  und  macht  ihn  auf  die  ungeheuere  Verantwortung  aufmerk- 
sam, die  auf  ihm  liege,  da  das  volk  sich  in  seinem  wandel  nach  dem 
fürsten  zu  richten  pflege  (ebda  72:  Si  studia  et  mores  populi  cogno- 
scere  curas;  —  Res  facilis:  vitam  Principis  inspicies.). 

Sein  eignes  lebensideal  entwickelt  der  poet,  der  in  diesem  punkt 
wol  aus  der  not  eine  tugend  macht,  indem  er  die  genügsamkeit  preist 
(Monost.  34  und  81).  Nicht  der  ist  glücklich,  der  viele  äcker  besizt, 
sondern  reich  ist  der,  dem  einer  genug  ist  (ebenda  67).  Der  einzige 
wirkliche  reichtum  aber  ist  die  tugend  (Monost.  36),  und  mit  einem 
bei  den  Neulateinern  sehr  häufig  Aviderkehrenden  gedanken  ^  weist  Owen 

1)  Mau  denke  z.  b.  au  Murots  ei^igramm  an  Marius  Crucius: 
Forma  aetate  perlt:  vires  aetate  fatiscunt, 

Casibus  iumuneris  eripiuutiu'  opes: 
Una,  Mari,  est  virtus,  quam  non  vis  temporis  aufert, 

Nou  premit  indigno  sors  inimica  pede. 
Uua  suos  invicta  perennibus  inserit  astris, 

Fortuuae  imperio  liberat  una  suos. 
Haue  seqiiere.     lusani  est  i)Ostj)onere  finna  caducis, 
Yeraque  quae  bona  siuit,  spernere-,  falsa  sequi. 
Aiicli  Ijei  Conrad  Celtis  kehrt  der  gleiche  gedanke  häufig  wider,  ^■gl.  z.  b.  Auio- 
res  IV.  l.T): 

Diuitiae,  luxus,  dominatio,  gloria,  honores, 

Forma,  genus,  mores  et  gemebundus  amor, 
Omuia  terra  suis  sepelit  conditque  cauernis 
Et  toto  (certum  est)  constat  in  erbe  nihil. 
Sola  immortalis  probitas  viiiusque  sub  orbe  est 
Et  qiiae  posteritas  carmina  docta  jjrobat. 


zu    TITZS    DEUTSCHEN    GEDICHTEN  323 

darauf  hin,  dass  alles  vergänglich  sei  und  nur  die  tugend  und  das  wis- 
sen unsterblich  seien: 

Omnia  dispereunt,  mundo  quae  pulchra  videntur; 
Divitias  subito  sors  inimica  rapit. 

Perpetuo  durat  virtus  doctrinaque  rerum, 
Inque  illam  sors  nil,  quod  dominetur  habet, 

Haec  tibi  sola  potest  laudenKjue,  decusque  parare, 
Te  facit  haec  veris  deliciisque  frui. 

Hunc,  studiose  puer,  \dgili  tibi  quaere  labore, 
Hec  tibi  prae  cunctis  sit  potiore  loco. 
Wenn  du  weise  bist,  hast  du  mehr  schätze  als  Crösus;  der  weise 
ist  niemals  arm  (Monost.  37).  Und  nicht  ohne  stolz  verkündet  der  dich- 
ter beständig  den  rühm  der  gelehrsamkeit  und  des  wisseiis:  Alexander 
war  der  grosseste  der  könige,  Aristoteles  der  weiseste  der  weisen;  gross 
Alexander,  grösser  Aristoteles.  Der  weise  machte  Alexander  besser, 
der  grosse  konte  Aristoteles  nicht  grösser  machen. 

Aber  nicht  so  sehr  auf  den  bisher  besprochenen  epigrammen 
beruht  das  Interesse,  das  man  diesem  merkwürdigen  dichter  entgegen- 
bringt; es  gründet  sich  vielmehr  auf  eine  an  zahl  von  gedieh ten,  in 
denen  man  spürt,  wie  der  dichter  selbsterlebtes  mit  bitterkeit  ausspricht 
und  die  ihrem  Inhalt  und  ihrer  form  nach  ziemlich  isoliert  in  der  neu- 
lateinischen poesie  dastehen.  Man  kann  es  dem  vielumgetriebenen  poe- 
ten  glauben,  wenn  er  versichert,  der  anfang  der  liebe  sei  süss,  das 
ende  aber  bitter,  fröhlich  pflege  Yenus  zu  kommen,  traurig  davon  zu 
gehen.  „So  sind  die  wellen  süss,  so  lange  sie  noch  dem  meere  ent- 
gegenstreben, aber  bitter,  sobald  sie  sich  mit  seinen  fluten  gemischt 
haben."  —  Und  die  not  und  das  elend,  die  schweren  schicksalsschläge, 
die  Owen  erduldet,  spiegeln  sich  in  einer  reihe  von  epigrammen  wider, 
deren  pessimismus  von  einer  tief  verdüsterten  Stimmung  zeugt.  Nicht 
allein,  dass  er  mit  seiner  zeit  nicht  zufrieden  war  und  derselben  die 
tage  der  altvordern  gegenüberstelte  dass  er  sein  eignes  Zeitalter  nur 
für  ein  6pigonenzeitalter  hielt,  das  vom  überlieferten  kapital  zehre  und 
nur  ein  echo  der  früheren  zeit  sei  —  auch  das  ganze,  beständig  zwi- 
schen furcht  und  hofuung  schwebende  menschenleben  erschien  ihm 
ziel-  und  zwecklos,  „das  menschenherz  nichts  als  sorge,  das  fleisch 
nichts  als  ein  trauriger  cadaver;  geboren  werden  ist  krankkeit,  das 
leben  ein  beständiger  tod."  Und  den  gesamtinhalt  des  mensch enlebens 
sucht  er  folgendermassen  zusammenzufassen:  „dem  untergange  zugeneigt, 
um  niemals  wider  zum  aufgange  zu  kehren,  lebe  ich  heute,  morgen 
werde  ich  sterben  und  gestern  ward  ich  geboren."  — 

21* 


324  ELLINGER 

Es  würde  eine  lohnende  aufgäbe  sein,  Owens  nachwirkung  in 
Deutschland  zu  verfolgen.  ISToch  im  achtzehnten  Jahrhundert  vermögen 
wir  dieselbe  zu  erkennen;  es  ist  bekant,  dass  Lessing  durch  Owen 
beeinflusst  worden  ist.  Ja  selbst  im  neunzehnten  Jahrhundert  scheinen 
noch  töne  aus  Owens  melodieen  nachzuklingen.  „Die  zeit,  die  man 
nicht  schläft,  hat  man  dem  tode  abgewonnen"  sagt  Grabbe  in  Don 
Juan  und  Paust;  Owen:  „Wenn  der  schlaf  nichts  ist  als  tod  und 
der  tod  nichts  als  ein  schlaf,  so  lebe  ich  um  so  weniger  je  mehr 
ich  im  leben  schlafe"  (III.  140).  Und  wenn  Heinrich  Heine  witzelt: 
„Leben  bleiben  wie  das  sterben  für  das  vaterland  ist  süss",  so  fin- 
det sich  auch  liier  etwas  ähnliches  schon  bei  Owen:  Pro  patria  sit 
dulce  mori  licet  atque  decorum;  —  Yivere  pro  patria  dulcius  esse  puto 
(I.  48). 

Für  uns  komt  hier  nur  das  siebzehnte  jahi-hundert  in  beti-acht. 
Owen  war  in  Deutschland  während  des  siebzehnten  Jahrhunderts  unge- 
mein beliebt;-  von  den  deutschen  dichtem  dieser  epoche  wird  er 
citiert,  ganz  besonders  häufig  z.  b.  von  Mosch erosch.  So  ist  es  nicht 
wunderbar,  wenn  bald  Übersetzungen  Owenscher  epigramme  auftau- 
chen. Die  erste  ist  freilich  schlecht  genug.  Es  ist  die  Verdeutschung 
einer  auswahl  von  epigrammen  in  reimpaaren  (Embden  1641.  8.  Goe- 
deke,  III-,  232).  Der  Übersetzer,  Bernhardus  ISTicaeus  Ancumanus,  die- 
ner  am  werte  gottes  zu  gast,  hat  sein  buch  den  borgmeistern,  rahts- 
herrn  und  secretariis  der  Stadt  Embden  zugeeignet,  damit  diese  seine 
Übersetzung  gegen  „alle  zoüitische  anbellende  hünde,  lautschreyende  träge 
esel,  und  gruntzende  wülende  seh  weine"  beschüzten.  Der  herr  pfarrer 
hatte  eine  solche  Verteidigung  allerdings  nötig,  denn  seine  Übersetzung 
konte  sich  nicht  selbst  verteidigen:  sie  zeugt  sowol  in  der  widergabe 
der  gedanken  als  in  der  handliabung  der  poetischen  form  von  einer 
gradezu  unglaublichen  plumpheit.  Nur  einige  epigramme  sollen  zur 
rechtfertigung  dieses  Urteils  hier  folgen.  S.  9  nr.  18.  Dixit  Anaxagoras 
atram  esse  Nivem,  gravis  Autor:  —  Haec  aetas  multos  vidit  Anaxa- 
goras; —  Laudavit  niveas  Corvi  Yulpecula  pennas:  —  Hei  mihi,  quot 
Yulpes  secula  nosti-a  ferunt!  Das  übersezt  Mcäus  Ancumanus  folgen- 
dermassen : 

Der  weise  Anaxagoras, 

Durfft  sagen,  daß  der  sehne  war  schwartz 

Wie  viel  der  Anaxagoren 

TImt  man  zu  dieser  zeit  finden! 

Der  lose  Euchß  erhub  mit  preiß 

Des  schwartzen  Raben  Feder  weiß: 


zu   TITZS   DEUTSCHKN   GEDICHTEN  325 

Wie  findt  man  heut  zu  dieser  frist, 
So  viel  der  Fuclißen  voller  listl^ 
Oder  s.  10   cüe  Übersetzung  des   epigramms  De  Bardella,   latrone 
Mantuano:    Bardellam    solans  Monachus    in  morte  latronem,  —   Euge, 
tibi  in  Coelo  Coena  paratur,  ait,  —  Respondet  Bardella;  Hodie  jejunia 
servo,  —  Coenabis  nostro,  si  lubet,  ipse  loco. 

Als  Biirdelläm,  den  Murdr  elend, 

Ein  Mörmich  tröst  am  letzten  end. 

Und  sprach:  Ey  lieber  förcht  dich  nicht, 

Dir  wird  im  Himmel  zugericht 

Das  Abendmal,  mit  süßm  Willkomm: 

Antwort  Bardella:  Lieber  Herr  Ohm, 

Für  mich  jhr  mögt,  gliebts  euch,  dort  gast 

Zu  Abend  seyn,  dann  heüt  ich  fast. 
In  der  gleichen  elendigkeit  und  verballhornung  geht  es  weiter 
fort.  Nur  noch  zwei  beispiele.  S.  169  nr.  316  das  epigramm  Ad 
Marianum:  Oderunt  peccare  boni  virtutis  amore,  —  Sunt  igitur  pauci 
nunc,  Mariane,  boni.  —  Im  probitas  tanti,  probitas  tam  denique  parvi 
—  Penclitur;  ut  probrum  pene  sit,  esse  probrum.     Die  Übersetzung: 

Aus  Lieb  zur  Tugend  die  Frommen  Sund 

Und  Laster  hassn  von  hertzn  grund: 

Darumb  auch  heüt  zu  dieser  stundn 

So  wenig  Fromme  werden  fundn. 

Es  wird  Untugend  so  hoch  geacht, 

Dagegen  Tugend  so  gar  veracht: 

Daß  nunmehr  für  ein  grosse  schand 

Man  acht,  ein  fromm  Mann  seyn  genant. 
Schliesslich  noch  das  epigramm:  Luxus  Ingenium  et  mores  perdit. 
Nil  lethale  magis,  quam  luxu  perdere  mores:  Haec  pestis  juvenum  est 

1)  Ziu'  vergieicliung  sei  eine  andere  Verdeutschung  dieses  epigramms  aus  dem 
17.  Jahrhundert  hierher  gesezt;  sie  rührt  von  Joh.  Franck  her,  der  ebenfalls  einige 
gedieh te  Owens  ühersezt  hat  (Johann  Frauckeus  Poetischer  "Werke  Fünftes  Buch, 
nr.XC  s.  362): 

Der  Anaxagoras,  ein  Mann  von  hohen  Sinnen, 

Gab  für  als  wenn  der  Schnee  gantz  Kölsch wartz  solte  seyn; 

Ich  wettete  wol  drauff,  imd  wolt'  es  auch  gewinnen, 

Es  stmimen  heute  viel  mit  dieser  Meinung  ein. 

Der  Fuchß  der  lobt'  einmal  den  schönen  weissen  Eaben: 

Ach  warlich  wo  wü'  itzt  betrachten  imsre  Zeit; 

So  werden  wir  bey  uns  viel  solcher  Füchße  haben, 

Die  wegen  frembder  Gunst  zu  lügen  seyn  bereit. 


326  ELLINGER 

saevior   ingeniis.      Das    kurze    gedieht   wird    von    Nicaeus   Ancumanus 
ganz  unbillig  auseinandergezert  (S.  310,  nr.  552). 

Nicht  tödlichers  kan  seyn  auif  Erdn, 
Als  wenn  die  gute  Sitten  werdn 
Durch  Schlemmerey  zu  nicht  gemacht: 
Die  grausam  Pest  hat  auch  gebracht, 
Yiel  Junger  Leut  umb  jhrn  verstand, 
Die  sonst  dient  hetten  Leüt  und  Land. 

Während  der  diener  am  werte  gottes  zu  gast  sich  in  spräche  und 
metrik  an  die  schlechtesten  traditionen  des  sechzehnten  jahrhunders 
anschloss,  gieng  Yalentinus  Loeber,  „der  Artzney-Kunst  Ergebener"  in 
den  spuren  der  neueren  richtung  der  poesie.  „Es  ist  gewagt,  der  berg 
ist  erstiegen",  ruft  der  Übersetzer  in  der  vorrede  freudig  aus,  „Avie 
rein  und  gut  die  arbeit  sey,  wirstu,  in  teutsch  geübter  leser,  bald 
vermercken  können.  In  dolmetschung  dergleichen  ist  mir  vorgangen 
der  berühmte  und  fleissige  Opitius,  der  nicht  allein  die  Trojanerin,  des 
Catonis  Zweiversche  v.  a.  m.  sondern  auch  viel  Yberschriften  des  Mar- 
tialis  übergeti'agen." 

Henricus  Löber  hat  in  seinem  deutschredenden  Owenus  (Hamburg 
1653,  vgl.  Goedeke  a.  a.  o.)  fast  alle  epigramme  Owens  übersezt  und 
nur  hm  und  wider  ein  oder  das  andere  ausgelassen.  Natüi'lich  ist  in 
seiner  Übersetzung  der  fortschritt  zu  constatieren  gegenüber  der  zulezt 
besprochenen.  Aber  immer  noch  lässt  die  Übersetzung  vieles  zu  wün- 
schen übrig.  An  die  stelle  der  reimpaare  in  Nicäus  Ancumanus  mach- 
werk  sind  hier  die  Alexandriner  getreten  und  es  liegt  auf  der  band, 
wie  wenig  dieses  metrum  geeignet  ist,  die  knapheit  und  prägnanz  des 
distichons  zu  ersetzen.  So  geschieht  es  in  sehr  vielen  fällen,  dass  ent- 
weder der  gedanke  Owens  in  ungebülirlicher  Aveise  auseinandergezert 
oder  dass,  wenn  der  Übersetzer  ein  distichon  in  zwei  Alexandrinern 
widergibt,  dasselbe  fast  ganz  unverständhch  wird. 

Löbers  deutschredender  Owenus  ist  wol  die  bekanteste  der  Owen- 
übersetzungen des  siebzehnten  jalu'hunderts.  Weniger  bekant  ist  die 
anthologie  der  Übersetzungen  Oweuscher  epigramme,  welche  Gottfried 
Eeinler  seinem  poetischen  Lust-Gärtgin  (Zeitz  1677)  einverleibt  hat 
(s.  146  — 150,  s.  169 — ^179).  Auch  Feinler  hatte,  wie  es  scheint,  ein 
besonderes  Interesse  an  der  neulateinischen  litteiatur;  er  hat  in  seinem 
Lust-Gärtgin  auch  andre  stücke  neulateinischer  dichter  übersezt,  darun- 
ter ein  von  Georg  Sabinus  nach  Lucian  entworfenes  gespräch  zwischen 
Venus  und  Amor.     Auch  die  in  der  neulatemischen  dichtung  Deutsch- 


zu    TITZS    DEUTSCHEN    GEDICHTEN  327 

laiuls  ungcniein  häufig  widerkehreude  form  der  Micae  bibliacae  (ura- 
schreibungen  oder  ausdeiitungen  einzelner  biblischer  worto  oder  Situa- 
tionen in  ganz  kurzen  gedichten),  die  überhaupt  aus  der  neulateinischen 
litteratur  in  die  deutsche  dichtung  des  17.  Jahrhunderts  gekommen  zu 
sein  scheint,  finden  wir  bei  ihm.  Seine  Übersetzung  steht  etwa  auf 
dem  Standpunkte  der  Löbers.  Zuweilen  gelingt  es  ihm,  den  gedanken 
des  lateinischen  dichters  erträglich  widerzugeben;  sehr  häufig  verball- 
hornt er  auch  seine  vorläge  mit  unerhörter  plumpheit.  Eür  beides  nur 
einige  beispiele: 

S.  149.  (Owen  s.  170.) 
Der  Weg  ist  breit  genung,  der  runter  pflegt  zu  führen. 
Die  Höllen -Bahn  ist  Avohl  gebahnt  und  selten  leer, 
Man  kömmt  hier  leichtlich  fort;  und  wenns  ein  Blinder  Avär, 
So  könte  er  sich  aus  dem  Wege  nicht  verKehren. 

S.  147.  (Owen  s.  69.) 
Den  wolgeplagten  Job,  durch  Göttliches  Geschicke 
Und  Satans  argen  Keid,  betraft'  diß  Ungelücke: 

Ihm  ward  verlohren  Gut,  und  Rind-  und  Kinder -Häuft'; 
Ja,  sein  gesunder  Leib  gieng  Ihm  auch  endlich  di'auff. 
Es  war  nichts  übrig  mehr,  als  seines  Hertzens- Grämen, 
Sein  ungezognes  Weib,  die  wolte  niemand  nehmen: 
Die,  die  verdoppelt'  ihm  die  schwere  Creutzes-Last 
Ihr  Hohn- Gespräche  ließ  ihm  weder  Ruh  noch  Rast. 
S.  170.  (Owen  s.  114.) 
Das  allzu  viele  und  das  grausam -wilde  Lachen 
Kan  einen  Menschen  selbst  zu  einen  Thoren  machen: 
Der  angenehme  Schertz  gescheh  zu  rechter  Zeit, 
Doch  sonder  Mund-Geschrey,  mit  schöner  Höffligkeit. 

Natürlich  ist  es  an  dieser  stelle  unmöglich,  auf  alle  diejenigen 
deutschen  dichter  des  siebzehnten  Jahrhunderts  einzugehen,  die  einzelne 
epigramme  Owens  verdeutscht  haben.  Die  grosse  reihe  der  namen 
aufzuzählen,  hätte  sicherlich  keinen  zweck  und  wir  wollen  deshalb 
sogleich  zu  der  lezten  umfänglichen  Owen -Übersetzung  übergehen,  die 
wir  zu  besprechen  haben,  das  sind  die  Florilegü  Oweniani  Centuria  I 
und  II  von  Titz.  (1643  und  45.)  Sie  ist  der  zeit  nach,  in  der  sie 
erschien,  nicht  die  lezte  und  wir  haben  die  vorher  besprochenen  Über- 
setzungen nur  vorausgeschickt,  um  ilu'en  wert  durch  vergleichung  mit 
ihren  mitbewerberinnen  festzustellen.  Titz  gibt  ebenfals  nur  eine  aus- 
wahl   der  epigramme  Owens    und    man    kann    nicht    in    abrede  stellen. 


328  ELLINGER,    ZU    TITZS    DEUTSCHEN    GEDICHTEN 

dass  er  vom  Standpunkte  der  deutschen  dichtung  des  siebzehnten  Jahr- 
hunderts aus  die  gelungensten  epigramme  Owens  recht  geschickt  zusam- 
mengestelt  hat.  Für  die  sclunerzliche  ironie  eines  tief  verwundeten 
gemütes  fehlte  es  diesen  podanten,  die  in  selbstzufriedener  und  selbst- 
genügsamer heiterkeit  von  ihrem  niuseum  aus  die  weit  betrachteten, 
an  jedem  Verständnis.  Darum  hat  sich  der  biedre  Titz  auch  sehr  wol 
gehütet,  sich  an  eine  Übersetzung  derjenigen  epigramme  zu  machen,  auf 
denen  Owens  eigentliche  bedeutung  beruht;  wo  er  doch  einmal  ein 
solches  Wagnis  unternimt,  scheitert  er  gründlich,  man  vergleiche  z.  b. 
s.  260:  Nur  Ein  Weg  zeiget  uns  das  Leben;  viel  der  Tod. 
0  wol!  der  tod  ist  gut;  das  Leben  Müh  und  Noth. 
Soll  man  nun  über  Titzs  Übersetzung  im  ganzen  ein  urteil  fällen, 
so  bleibt  es  im  wesentlichen  bei  dem  gleichen  urteil,  welches  über 
Löber  und  Feinler  gefält  worden  ist.  Zuzugeben  ist  nur  eins:  in 
einigen  wenigen  fällen  ist  es  Titz  gelungen,  das  Owensche  epigramm 
gut  widerzugeben.  Das  gilt  z.  b.  von  dem  epigramm  I.  80  (bei  Titz 
I.  22),  welches  man  bloss  mit  der  ungelenken  und  durch  ihre  unge- 
schicktheit ganz  unverständlich  gewordenen  Übersetzung  Löbers  zusam- 
menzuhalten braucht,  um  den  Vorzug  der  Titzschen  widergabe  einzu- 
sehen. Der  gleiche  fall  lässt  sich  dann  noch  einige  male  beobachten.  — 
Bei  anderen  epigrammen  aber  überwiegt  wieder  das  ungelenke  des 
ausdrucks  und  die  ungeschicktheit  der  widergabe,  sie  nehmen  sich 
unerträglicli  steif  und  hölzern  ans.  Auch  werden  manche  epigramme 
in  ganz  ungebührlicher  weise  auseinander  gezert  und  es  scheint  fast, 
als  hätte  Titz  das  für  etwas  besonders  schönes  gehalten.  So  gibt  er 
eins  der  eingangsgedichte  Owens  (L  2)  ganz  geschickt  folgendermassen 
wider:        Wirst  du  dir  alles  hier,  mein  Leser,  lieb  sein  lassen, 

So  ist  dein  Vn verstand;  wo  nichts,  dein  Neid  zu  hassen. 
Er  kann  aber  nicht  unterlassen,  neben  dieser  präcisen  und  ange- 
messenen Übersetzung  noch  die  folgende  kahle  und  weitschweifige  Ver- 
breiterung des  epigramms  hinzuzufügen: 

Wofern  du  alles  das,  mein  Leser,  gut  wirst  nennen. 
Was  hier  geschrieben  ist,  so  muss  ich  es  bekennen. 
Ich  schelte  deinen  Wahn  und  Unempfindlichkeit: 
Gefällt  dir  aber  nichts,  so  misfält  mir  dein  Neid. 
Eine  genauere  betrachtung  der  Übersetzungen  Owenscher  epigramme 
im  siebzehnten  Jahrhundert  sowie  eine  darstellung  der  einwirkung  Owens 
auf  die  selbständige  deutsche  produktion   im   siebzehnten  Jahrhundert, 
behalte  ich  einer  besonderen  Untersuchung  vor. 

BERLIIs.  GEORG    ELLIXGEE. 


329 

HEEDEE  IM  FAUST.i 

SchoD  Scherer  (Goethes  frühzeit,  s.  75)  hat  claraul"  hingewiesen, 
dass  bei  den  offenbar  nachträglich  eingeschobenen  versen  des  eingangs- 
monologs  (89  —  93):  „Jetzt  erst  erkenn'  ich  ...  bis  „Morgenrot"  an 
Herder  und  dessen  „Älteste  Urkunde"  zu  denken  sei.  Der  schöpfiings- 
bericht  in  den  büchern  Moses  als  erste  Offenbarung  gottes  in  der 
geschichte  ist  v.  93  mit  dem  morgenrot  als  der  ersten  Offenbarung  got- 
tes in  der  natur  verglichen.  Nun  wird  Fausts  monolog  von  v.  169  an 
durch  die  dazwischenkunft  AVagners  unterbrochen.  Das  hierauf  fol- 
gende gespräch^  wii'd  herbeigeführt  durch  des  famulus  misverständnis, 
die  in  leidenschaftlicher  erregung  an  den  erdgeist  gerichteten  werte  des 
beiden  seien  nur  eine  deklamation,  etwa  eines  griechischen  trauerspiels, 
und  verbreitet  sich  dann  weitläufig  über  den  kanzelvortrag  der  pre- 
diger.  Dass  hier  widerum  eine  von  den  später  in  den  text  eingeschal- 
teten stellen  vorliegt,  lässt  sich  von  vorn  herein  mit  grosser  Wahrschein- 
lichkeit vermuten.  Jedoch  muss  dieselbe  zu  den  älteren,  bis  1775  ent- 
standenen teilen  des  gedichtes  gerechnet  werden,  da  sie  bereits  in  dem 
urmanuscript  enthalten  ist.  Im  nachstehenden  soU  nun  der  beweis 
geführt  werden,  dass  die  stelle  einen  direkten  ausfluss  der  bis  zum 
jähre  1775  verfassten,  von  Goethe  eifrig  gelesenen  theologischen  schrit- 
ten Herders,  speziell  der  1774  erschienenen  „ Provinzialblätter "  bildet. 
»Sie  würde  hiernach  in  die  zeit  von  1774  —  75  zu  verlegen  sein. 

jSTun  hat  zunächst  in  bezug  auf  v.  203:  „In  denen  ihr  der  mensch- 
heit  Schnitzel  kräuselt"  schon  Suphan  (Goethe -Jahrbuch  von  1885, 
s.  309)  an  den  gleichklang  des  ausdruckes  „Schnitzel  kräuselt"  mit 
dem  „gekräuselten  schnitze! werke "  aus  Herders  Provinzialbl.  nr.  XIV 
(Suphans  Herderausgabe  bd.  VH,  s.  304)  erinnert.  Aber  jene  stelle  des 
Faust  aus  den  Herderschen  werten,  aus  denen  sie  jedenfals  geflossen 
ist,  zu  erklären,  hat  man  noch  nicht  versucht.  Im  zusammenhange 
lauten  bei  Herder  die  worte:  „Aber  ob  keine  andere"  (nämlich  hand- 
habe, um  die  religion  zu  beweisen)  „wäre?  Ihr  köntet  sie  eben  vor 
eiirem  gekräuselten  schnitzelwerke  nicht  sehen:  sie  steht  an 
einem    anderen    ende!"     Der    ausdruck   bezeichnet   hier    einen    zierrat 

1)  Ygl.  Herder  als  pfarrcr  in  „Herrn,  u.  Dorothea",  in  meinem  anfsatze  in  der 
Ztschr.  f.  deiitsclien  unt.  jalirg.  87  lieft  1,  s.  78  fg. 

2)  Diese  scene  hat  in  dem  neuentdeckten  „Urfaust"  bis  auf  eine  abweichung 
in  der  stelle:  „Allein  der  Vortrag  macht  des  redners  glück  ..."  bereits  unverändert 
den  jetzigen  Wortlaut.  Am  Schlüsse  fehlt  noch,  wie  im  fragment  von  1790,  in  den 
Worten  "Wagners  vor  dessen  abgang  die  hiudeutimg  aiif  die  nachfolgende  oster- 
tagsscene. 


330  IIUTHER 

von  papicrsclinitzeln,  der  dio  sache  selbst  verdeckt.  Ebenso  offenbar 
auch  in  der  stelle  des  gedichtes.  „Ihr  kräuselt  in  euren  reden  der 
menschheit  (als  dativ!)  schnitzel"  ist  ein  metaphorischer  ausdruck  für: 
Ihr  verhült  eiu'en  hörern  mit  worten  —  so  heisst  es  im  vorangehen- 
den verse  statt  reden  —  das,  was  ihr  sagen  wolt;  ilir  gebt  den  men- 
schen werte;  ob  auch  etwas  dahinter  steckt,  können  sie  nicht  erken- 
nen. Der  sinn  der  stelle  wird  aber  nur  aus  dem  zusammenhange  der 
ganzen  partie  verstanden  werden  können.  Der  dichter  begeistert  sich 
liier  in  der  rolle  Fausts  für  eine  gefühlsmässige  auffassung  der  neu- 
testamentlichen  lehre,  welche  er  in  der  Herderschen  auslegung  dersel- 
ben fand.  Dass  er  sich  gerade  diese  seite  der  lezteren  angeeignet  hatte, 
zeigt  seine  äusserung  speziell  über  Herders  Erläuterungen  zum  neuen 
testament^:  „Gott  weiss,  dass  das  eine  gefühlte  weit  ist!  Ein  beleb- 
ter kehrichthaufen,  deine  art  zu  fegen,  und  nicht  etwa  aus  dem  keh- 
riclit  gold  zu  sieben,  sondern  den  kehricht  zur  lebendigen  pflanze  zu 
pahngenesieren."  Nur  insofern  als  also  auch  in  unserer  scene  die 
lebendig -praktische  auffassungsweise  der  bloss  theoretischen  gegenüber- 
gehalten wird,  konte  dieselbe  dem  vorangehenden  monolog  angereiht 
werden. 

Hier  nur  die  hauptsächlichsten  stellen,  welche  direkt  aus  den 
Herderschen  Schriften  erhelt  werden. 

Zu  V.  177  —  80.  Der  dichter  dramatisiert  von  hier  an  bis  zum  ende 
der  ganzen  scene  die  von  Herder  in  den  Provinzialblättern  gefülirte  pole- 
mik  gegen  den  von  Spalding,  in  dessen  buch  von  der  nutzbarkeit  des 
predigtamtes  vertretenen  theologischen  rationalismus,  welcher  das  pre- 
digtamt  zu  einer  weltlich -philosophischen  tugendanstalt  machen  wolte. 
Der  ausdruck  v.  180  zunächst  „durch  Überredung  leiten"  bezieht  sich 
direkt  auf  die  art  der  „prediger-philosophen",  wie  Herder  sie  nennt, 
von  der  kanzel  herab  statt  durch  darstellung  des  wertes  gottes  in  sei- 
ner unmittelbaren  kraft  und  stärke  durch  demonstrierte  moralische 
beweggründe  auf  die  hörer  wirken  zu  wollen  (Pr.  Bl.  II  und  XIV, 
Suph.  VII,  s.  233  —  34,  305).  Der  pfarrer  dieser  richtung,  welchen 
Goethe  als  "Wagner  auftreten  lässt,  muss  schon  von  v.  177  an  in  unab- 
sichtlicher Selbstironie  seine  Unzulänglichkeit  bekeimen,  mit  seinen  dem 

1)  An  die  „ Erläutenmgen "  speziell  klingen  einzelne  partieen  an,  so  der  ver- 
such einer  Übersetzung  aus  dem  Johamiesevangeliiun  an  die  ausdrücke  der  ersteren 
(I  Erl. ,  s.  in  Suphans  Herder  bd.  VII  s.  356):  „Gedanke,  wort,  wüle,  tat,  liebe."  So 
auch  der  vers  der  ostergesangsscene :  „Das  wunder  ist  des  glaubens  liebstes  kiud" 
(vgl.  Suphau  ün  Goethe -Jahrbuch  von  1885,  s.  310).  Wir  berücksichtigen  hier  näher 
nui'  die  gesprächssceue ,  in  welcher  Goethe  seinen  freund  direkt  auf  die  bühne  zu 
bringen  scheint. 


HERDER   IM    FAUST  331 

Studierzimmer  entstammenden  gelehrten  diskiissionen  auf  die  menge 
einfluss  zu  üben.  Für  „museum"  in  v.  177  gebraucht  Herder  den 
ausdruck  „doktorstube." 

Y.  186.  „Braut  ein  ragout  aus  anderer  schmaus"  spielt  auf  den 
von  Herder  den  predigern  der  Spaldingschen  richtung  gemachten  Vor- 
wurf an,  dass  sie  (Suph.  s.  308)  die  christliche  lehre,  statt  sie  im  zusam- 
menhange, in  anwendung  und  absieht,  wie  sie  ist,  zu  nehmen,  zer- 
reissen,  zerstücken  und  verstümmeln."  Der  vergleich  ihres  Verfahrens 
mit  dem  „brauen  eines  ragouts"  lag  sehr  nahe. 

Y.  200  —  201: 

„Und  wenn's  euch  Ernst  ist,  was  zu  sagen, 
Ist's  nötig,  Worten  nachzujagen?" 
Diese  verse  geben  Herders  rüge  wider,  dass  die  prediger-philosophen 
sich  bei  ihren  kanzelreden  nur  an  dämmernde,  algemeine  worto  mit 
oratorischem  gepräge  —  blinkend  werden  sie  in  v.  202  genant  —  hal- 
ten, ohne  im  einzelnen  auf  scharfe  analyse  des  herzens  und  lebens 
einzugehen  (Suph.  s.  229  —  30).  Das  leztere  ist  erforderlich,  um,  nach 
Herders  eigenen  werten,  auch  nur  etwas  zu  sagen.  Herder,  der  hier 
geradezu  unter  dieser  maske  redend  eingeführt  wird,  richtet  deshalb, 
wie  es  im  gleichen  sinne  auch  in  unsern  versen  geschieht,  die  auffor- 
derung  an  jene,  dass  sie  ihren  reden  den  algemeinen  predigtcharakter 
abstreifen,  von  den  kanzeln  herabsteigen  und  als  weltlich -philosoplüsche 
lehrer  bestimte  Weisheit  und  tugend  vortragen  sollen.  In  diesem  zusam- 
menhange finden  auch  die  schon  oben  berührten  verse  ihre  nähere 
erklärung:  „Ja,  eure  reden  .  .  .  sind  unerquicklich,  wie  der  nebelwind 
..."  Herder  meint  dasselbe,  wenn  er  (s.  229)  die  predigten  nach  ratio- 
nalistischem geschmacke  als  „wölken-  und  nebelzug  algemeiner  Wahr- 
heiten" bezeichnet,  die  nicht  erbauen  können.  Der  ausdruck  „wolken- 
und  nebelzug"  entspricht  direkt  dem  in  v.  204  gebrauchten  „nebelwind." 

Mit  V.  206  begint  ein  zweiter  abschnitt  des  gespräches.  Hier 
wird  zwar  die  polemik  Herders  mit  Spalding  in  dramatischer  form 
fortgeführt,  jedoch  wechselt  das  thema  insofern,  als  Goethe  des  lezteren 
an  dem  Wortlaut  der  heihgen  schrift  geübte  hermeneutik  und  kritik 
ins  äuge  fasst.  Diese  art  der  forschung,  deren  Vertreter  der  dichter 
widerum  als  Wagner  darstelt,  ist  es,  gegen  welche  sich  Herder  in  der 
rolle  Fausts  richtet  mit  den  werten:  „Das  pergament,  ist  das  der  heil'ge 
brennen  ...?"  Die  verse  geben  Herders  werte  (Suphan  s.  258)  wider: 
„Eine  religion,  auf  pergament  geschrieben,  und  darüber  disputieret, 
immer  nur  Wissenschaft  der  buchstaben!"  Dieser  art  der  bibelexegese 
hält    nun    Herder    seine    erklär ungen    gegenüber,    die    keine    gelehrten 


332  HUTIIEK 

interj^retatiüuen,  sondern  vielfach  nur  aus  dem  eigenen  geiste  und 
gemüte  geschöpfte  psychologische  entwickelungen  sind.  Der  dichter 
bezeichnet,  diese  ihm  sympathische  seite  der  Herderschen  bibeldarstel- 
lung  ausschliesslich  ins  äuge  fassend,  demgemäss  die  eigene  seele  in 
V.  216  — 17  als  die  einzige  quelle  der  religiösen  befriedigung. 
Wagners  worte  v.  219  —  20: 

„Zu  schauen,  wie  vor  uns  ein  weiser  mann  gedacht, 
Und  wie  wir's  dann  so  herrlich  weit  gebracht ! " 
parodieren  die  philosophisch -moralischen  ausleger  des  neuen  testaments. 
Bei  Herder  heissts  (s.  232)  von  ihnen:  „leidiges  andenken  an  einen 
guten  mann,  der  einst  auch,  aber  freilich  lange  nicht  so  volständig  als 
wir,  Wahrheit  und  tugend  lehrte!"  Und  ferner  (s.  310):  „Wo  Avir  aber 
jezt  gegen  den  Matthäus,  Paulus,  Jesus  in  der  bibelerMärung  stehen!" 
Zu  V.  228  —  83: 

„  Da  ist's  denn  wahrlich  oft  ein  Jammer !  . . . 
Ein  Kehrichtfass  und  eine  Rumpelkammer 
Und  höchstens  eine  Haupt-  und  Staatsaktion 
Mit  treö'lichen  pragmatischen  Maximen, 
Wie  sie  den  Puppen  in  dem  Munde  ziemen." 
Nachdem  Faust-Herder  in  den  vorhergehenden  versen  von  der 
rationalistischen  theologie  gesprochen  hat,  welche  die  biblischen  schrift- 
steiler ganz  nach  ihrem  sinne  interpretieren  will,  kenzeichnet  er  hier 
ihr  vorgehen  auch  der  so  individuellen  Schreibweise  des  evangelisten 
Johannes  gegenüber,  den  sie  ebenfals  nach  ihren  algemeinen,  rationa- 
listischen formein  umdeuten,  gleichsam,  wie  es  bei  Herder  heisst, 
„unter  ihr  joch  bringen"  möchte.  Der  dichter  scheint  sich  hier  direkt 
auf  die  unveröffentlichte  schrift  „Johannes"  zu  beziehen,  die  ihm 
danach,  wie  häufig  auch  andere  Herdersche  Produktionen,  privatim 
als  manuscript  bekant  geworden  sein  müste.  Der  ausdruck  „kehricht- 
fass und  rumpelkammer"  bezeichnet  offenbar  nichts  anderes  als  was 
Herder  im  „Johannes"  (Suph.  s.  316)  mit  „fächer  und  krambuden" 
meint,  in  welche  die  philosophischen  erkiärer  jenen  evangelisten,  nach 
Herders  werten,  zu  verteilen  ti'achteten.  Was  dies  bedeutet,  erhelt  aus 
dem  zusammenhange,  aus  dem  wir  hier  nur  die  worte  hervorheben: 
„Wie?  er  (Johannes)  wäre  nicht,  wie  sie  zu  machen?  ...  Er  wäre 
nicht  zur  gemeinen  art  zu  bringen?"  Wenn  nun  die  bibelauslegungen 
der  fraglichen  richtung  als  „kehrichtfass"  und  „rumpelkammer"  bezeich- 
net werden,  so  geht  dieser  ausdruck  auf  deren  art,  den  bibeltext  nach 
der  Schablone  ihrer  rationalistischen  grundsätze  zn  behandeln.  Hier- 
nach ist  auch   das  folgende  zu  erklären:    „Und  höchstens  eine  haupt- 


HERDER   EM    FAUST  333 

und  Staatsaktion,  mit  treflichen  pragmatischen  maximen."  Die  lezteren 
sind  offenbar  dasselbe  wie  die  „axiomata  moralia"  bei  Herder  („Johan- 
nes", Suph.  s.  309),  nämlich  moralische  Grundsätze,  da  „pragmatisch" 
bedeutet:  aufs  handeln  bezüglich,  also  so  viel  wie  „moralisch."  Mit 
moralischen  maximen  aber  pflegten  die  rationalistischen  bibelausleger 
nach  Herders  Vorwurf  zu  prunken,  statt  das  lebendige  wort  gottes  nach 
seiner  immittelbaren  kraft  zu  verkünden  (s.  249  und  50).  Jene  in  Ver- 
bindung mit  einem  pathetischen  vortrage  sind  es  nun,  was  der  dichter 
mit  „haupt-  und  Staatsaktion"  bezeichnet  und  in  das  Puppenspiel  als 
den  ilmen  geziemenden  ort  verweist.  Die  erwähnung  des  lezteren  übri- 
gens verrät,  dass  Goethe  sich  bei  seiner  dichtung  an  dieses,  das  Pup- 
penspiel Faust,  angelehnt  hat. 

Auch  der  schluss  des  gespräches  zeigt  dieselbe  tendenz,  Avie  die 
von  uns  herbeigezogenen  Herderschen  Schriften.  Auch  dort  (v.  234 
und  35)  wird  die  profanierung  des  geistlichen  lehramtes  gekenzeichnet, 
wenn  Wagner,  der  fingierte  Vertreter  der  Spaldingschen  theologischen 
richtung,  sich  geradezu  als  von  dem  dränge  nach  weltlicher  erkentnis, 
statt  von  den  Impulsen  des  göttlichen  rufes,  der  göttlichen  sendung 
und  bestiramung,  welche  nach  Herder  die  geistlichen  lehrer  beseelen 
selten,  geleitet  bekennen  muss.  Er  bleibt  deshalb  dabei,  die  behand- 
lung  theologischer  materien  nur  als  sache  der  gelehrten  diskussion  zu 
betrachten. 

So  erweist  sich  uns  Herder  als  die  quelle,  aus  welcher  die  epi- 
sodische gesprächsscene  ihrer  ganzen  tendenz  nach  erklärt  werden  muss. 
Da  sie  nun  einerseits  erst  im  anschluss  an  dessen  citierte  Schriften 
geschaffen  sein  kann,  andererseits,  wie  aus  ihrem  Vorhandensein  in  dem 
faustmanuscript  von  1775  hervorgeht,  in  diesem  jähre  bereits  vollendet 
war,  so  haben  wir  zugleich  einen  anhält,  um  die  entstehungszeit  der- 
selben genau  zu  fixieren. 

Im  übrigen  dürfte  nach  meiner  meinung  das  Faustmanuscript 
kaum  einen  so  unti'üglichen  ausgangspunkt  bilden,  um  zu  bestimmen, 
was  von  der  dichtung  bis  1775  fertig  gestelt  war,  und  was  nicht.  Da 
bekantlich  das  originalmanuscript  aus  losen  blättern  bestand,  so  wissen 
wir  nicht,  ob  Goethe  dem  Frl.  v.  Göchhausen  alles  zur  abschrift  zu 
überlassen  für  gut  fand.  Einzelnes  mochte  er  wegen  der  deutlichen 
anspielungen  auf  andere  personen  oder  auf  selbsterlebtes  zurückhalten. 
Wusste  doch  jedermann  aus  seinem  freundeskreise,  dass  er  selbst  der 
Faust,  dass  Merck  der  Mephistopheles  sei!  Das  gesagte  gilt  insbeson- 
dere von  der  2.  scene  im  Studierzimmer,  welche  offenbar  des  dichters 
verkehr   mit    dem    Darmstädter   freunde    darstelt.      (Vgl.    meine    schritt 


334  HUTHER,  HERDER  IM  FAUST 

„Die  verschiedenen  plane  im  ersten  teile  von  Goethes  Faust,  Cottbus 
bei  Kittel,  s.  32  u.  fg.).  Denn  was  haben  wolwollend  mahnende  freun- 
desworte,  wie: 

„Wie  magst  du  deine  Rednerei 

Nur  gleich  so  liitzig  übertreiben?" 
Und  „Euch  ist  kein  Mass  imd  Ziel  gesetzt", 

und  so  andere  mehr,  welche  die  gleiche  haltung  zeigen,  mit  dem  eigent- 
lichen thema  des  Faust  zu  tun?  Merck  selber  ist  es,  der  hier  unter 
dem  bilde  eines  allem  höheren  geistesfluge  feindlichen  dämons  den 
dichter  auf  den  boden  der  phantasielosen  Wirklichkeit  zu  bannen  sucht, 
wie  er  in  Wahrheit  ihm  die  richtung  auf  das  realistische  gebiet  gege- 
ben hat,  auf  dem  sich  fortab  seine  Schöpfungen  mehr  und  mehr  bewe- 
gen. Ein  humoristisches  dement  ist  im  Faust  auch  sonst  nicht  zu 
verkennen.  So  mag  die  scene  ursprünglich  ganz  ohne  beziehung  auf 
das  werk  entstanden  und  erst  später  demselben  eingefügt  sein.  Dass 
der  dichter  schon  früh  angefangen  hat,  fremdartige  bestandteile  aufzu- 
nehmen, zeigt  das  beispiel  der  oben  besprochenen  Wagnerscene.  Es 
bleibt  hiernach,  trozdem  jene  scene  noch  nicht  in  dem  neuentdeckten 
Faustmanuscript  enthalten  ist,  die  möglichkeit  offen,  dass,  wie  ich  nach- 
zuweisen gesucht  habe,  die  älteren  teile  der  scene  ebenfals  aus  der 
vorweimarschen  zeit  stammen,  zumal  da  dieselbe  deutliche  spuren  trägt, 
dass  hier  altes  und  neues  verschmolzen  ist  (s.  meine  schrift  s.  32  —  33). 
Ähnlich  dürfte  es  sich  mit  der  spaziergangsscene  verhalten^.  Wenn 
E.  Schmidt  die  beziehungen  der  Gretchenscenen  auf  einzelne  bestimte 
akte  aus  Goethes  liebesverhältnis  zu  dem  Frankfurter  Gretchen  in  abrede 
stelt,  so  scheint  mir  die  bezeichnung  „Gros  Hans",  welche  Faust  in 
der  scene  „Trüber  tag,  feld"  im  manuscript  führt,  eine  neue  bestä- 
tigung  dafür,  dass  der  dichter  direkt  sich  selbst  und  sein  eigenes  erleb- 
nis  vorführen  wolte.  „Der  grosse  Hans",  Goethes  eigenem  im  freun- 
deskreise  gebräuchlichen  verkürzten  vornamen  entsprechend,  heisst Faust 
auch  in  der  scene  in  Gretchens  zhnnier.  E.  Schmidt  nun  ist  der  mei- 
nung,  dass  die  erzählung  in  dichtung  und  Wahrheit  dem  Faust  nach- 
gedichtet sei.  Wie  solte  aber  Goethe  dazu  kommen,  die  Schilderung 
von  Fausts  Kebesverhältnis  in  seine  lebensbeschreibung  aufzunehmen, 
wofern  jene  nicht  seinem  wii'klichen  erlebnisse  im  wesentlichen  ent- 
sprach? Überhaupt  wird  sich  über  einzelne  stellen  des  gediclits  grösse- 
res ücht  verbreiten,    wenn  man   sich  zu   einer  mehr  realistischen   auf- 

1)  Dies  gegen  Ehrich  Schmidt,  s.  dessen  recension  meiner  schrift  in  der  deut- 
schen litteraturzeitung,  Jahrgang  1887,  nr.  29,  s.  1044. 


FROSCH,    ZU    ANASTASIUS    GRÜN  335 

fassimg  entschliessen  kann.  Die  consequenzen  einer  solchen  aus- 
legungsweise zu  ziehen,  solte  die  aufgäbe  des  erwähnten  schrift- 
chens sein. 

COTTBUS.  A.    HTJTHER. 


ZU  ANASTASIUS  GEUN. 

In  Anastasius  Grüns  Hymne  an  Östen-eich  (Gesammelte  werke  II, 
355)  findet  sich  folgende  unklare  stelle: 

Leuclitend  flammt  dein  Schild,  der  blanke,  welchem  Lerch'  und  Aar 

entsteigen. 

Aller  "Welt  von  deinem  Bündnis  mit  dem  Tag  und  Licht  zu  zeugen. 
Der  aar,  welcher  dem  schilde  der  Austria  entsteigt,  ist  selbstverständ- 
lich der  österreichische  doppeladler,  das  reichswappon.  Die  Schwierig- 
keit liegt  aber  in  dem  umstände,  wie  die  lerche  auf  diesen  schild 
komt,  und  was  sie  zu  bedeuten  hat.  Hier  liegt  ein  offenbares  misver- 
sändüis  des  dichters  vor.  Den  gütigen  mitteüungen  des  heraldikers 
und  hofwappenmalers  Karl  Krahl  in  Wien  verdanke  ich  folgende  fach- 
männische aufschlüsse:  Das  kaiserliche  hauswappen  enthält  3  längsge- 
teilte fehler,  die  der  Zeichnung  des  sie  umgebenden  reichsadlers  ein- 
geschrieben sind.  Das  erste  feld  zeigt  im  gold  einen  roten,  blaugekrön- 
ten, bezungten  und  bewehrten  löwen,  das  Avappen  der  Habsburger; 
das  zweite  einen  weissen  balken  im  roten  fehle,  schon  seit  den  zeiten 
'der  Babenberger  das  wappen  Österreichs;  das  lezte  in  gold  einen  roten 
rechtbalken,  der  mit  drei  weissen  merletten  belegt  ist.  Dies  ist  der 
jüngste  bestandteil  des  kaiserlichen  Wappens,  es  ist  das  wappen  der 
Lothringer. 

Diese  merletten  verwechselt  der  dichter  offenbar  mit  der  lerche. 
Die  merlette  ist  weder  adler,  noch  lerche,  sondern  eine  im  franzö- 
sischen und  englischen  wappen  sehr  häufig  vorkommende  wappenfigur, 
ein  „  gestümmelter "  vogel  ohne  schnabel  und  füsse,  welcher,  verschie- 
den gezeichnet  und  gefärbt,  stets  den  nameu  merlette  führt.  —  Die 
merlette  ist  somit  keine  bestimte  vogelgattung,  sondern  gewissermassen 
das  bild  des  vogels  in  abstracto. 

Littre,  II,  1,  s.  526  leitet  merlette  und  merle  vom  lateinischen 
merula  ab.  Das  wort  bedeutet  im  französischen  und  lateinischen  amsel. 
Schon  im  mittelhochdeutschen  wurde  es  aus  dem  romanischen  entlehnt, 
und  der  name  merUn,  niederd.  merUkin  findet  sich  in  alten  dichtun- 
gen,  z.  b.  bei  den  minnesängern  mehrmals. 

WIEN.  F.    PEOSCH. 


336  G.    KETTNER,    WIELAND    TINT)    LESSINGS    LAOKOON 

WIELAND   TJOT)    LESSINGS    LAOKOON. 

Zum  beweise  für  den  einflnss,  welchen  die  lehren  des  Lessing- 
schen  Laokoon  auf  die  zeitgenössischen  dichter  ausübten,  pflegen  u.  a. 
die  verse  aus  Wielands  Idris  und  Zenide  (ges.  IV,  str.  13.  Bd.  XVI, 
79  Hempel)  angefüln't  zu  werden  ^r 

Er  lässt  den  fluss  zurück  und  tritt  in  einen  hain, 
Den  ich,  weil  Lessing  mich  beim  ohr  zupft,  nicht  beschreibe. 
Dagegen  scheint  ein  anderer  deutlicher  hinweis  desselben  dichters  auf 
den  Laokoon  bis  jezt  noch  nicht  beachtet  zu  sein.  In  Alboflede, 
einem  der  1786  —  1789  erschienenen  feen-  imd  geistermärchen,  heisst 
es  zu  anfang  (Hempel  XXX,  263)  „Das,  was  [an  Alboflede]  dem  ersten 
anblick  am  meisten  auffiel,  war  ihr  alter  und  ihre  hässlichkeit.  Beides 
übertraf  alles,  was  man  sich  davon  einbilden  kann;  die  eisgrauen  Par- 
zen hätten  jung  und  die  hässlichste  der  Grorgonen  reizend  neben  ihr 
geschienen;  das  mag  genug  davon  sein,  denn  ich  male  nicht 
gerne,  was  niemand  ansehen  mag."  Zu  dem  lezten  satze  ver- 
gleiche man  aus  dem  anfang  von  absch.  II  des  Laokoon:  „Wer  wird 
dich  malen  wollen,  da  dich  niemand  sehen  will",  sagt  ein 
alter  epigrammatist  über  einen  höchst  ungestalteten  menschen.  Man- 
cher neuere  künstler  würde  sagen:  „sei  so  ungestalten  wie  möglich; 
ich  will  dich  doch  malen."  Und  in  dem  vorhergehenden  macht  Wie- 
land die  unmittelbare  nutzanwendung  von  der  bemerkung  Lessings  in 
abschn.  XX:  „Auch  hier  ist  Homer  das  muster  aller  muster.  Er  sagt: 
Nireus  war  schön;  Achilles  war  noch  schöner;  ...  aber  nh'gends  lässt 
er  sich  in  die  umständliche  Schilderung  dieser  Schönheiten  ein.  .  .  . 
Wie  sehr  würde  ein  neuerer  dichter  darüber  luxuriert  haben!" 

Auch  Wielands  beurteilung  von  Le  Barbiers  kupfern  zu  Gessners 
werken  (im  Merkur  von  1780;  Hempel  XXXV,  406  fg.)  zeigt  in  jeder 
zeile  den  gelehrigen  schüler  Lessings. 

1)  Vgl.  Erich  Sclimidt,  Lessüig,  geschicMe  seines  lebens  uud  seiner  Schrif- 
ten.    Bd.  n,  1.  aht.  (Berlin  1886)  s.  39. 

SCHULPFOETA.  GUSTAV    KETTXER. 


MISCELLEN  UND  LITTEEATUR 

Indogermanische  mythen.     II.  Achilleis.     Ton  Elard  Hu^o  Meyer.     Berlin, 
Ferd.  Dümmler.  1887.     Vni,  710  s.     8.     14  m. 

Wei-  einen  überblick  über  die  entwackhmg  der  vergleichenden  mythologie  seit 
Kuhns  epochemachender  abhandlung:  „Über  die  herabkimft  des  feuers  und  des  göt- 
tertrankes  (1859)"  hat,  wird  sich  eines  gewissen  skepticismus  nicht  entschlagen  kön- 


MÖGE  337 

nen,  fals  er  nicht  selbst  unbedingtei"  anhänger  der  vergleichenden  mythologie  ist. 
Während  die  vergleichende  Sprachwissenschaft  eine  positive  Wissenschaft  geworden 
ist,  an  der  kein  verständiger  mehr  zu  riitteln  wagt,  nehmen  die  anhänger  unserer 
heutigen  vergleichenden  mji;hologie  mehr  ab  als  zu.  Der  boden  ist  hier  ungleich 
schlüpfriger  als  dort,  eine  anerkante  methodo  zu  finden  ist  ungleich  schwerer, 
die  faktoren,  die  hier  sprechen,  sind  ungleich  zahlreicher.  Der  vergleichenden 
Sprachwissenschaft  sind  die  sprachen  der  einzelnen  indogennanischen  stamme  der 
brunnen,  der  allein  und  genügend  wasser  gibt.  Der  vergleichende  mythologe  hat 
von  der  tatsache  auszugehen,  wie  Spiegel  (Die  arische  periode  s.  128)  im  anschluss 
an  Max  Müller  (Tori,  über  den  lU'spning  und  die  entwicklung  der  religion  s.  197) 
ganz  richtig  betont,  dass  die  frage,  wie  unsere  vorfahren  zur  vorstellimg  über- 
natürlicher dinge  gelangt  seien,  weiter  nichts  voraussetze,  als  die  fünf  sinne  des 
menschen  auf  der  einen  imd  die  weit  wie  sie  ist  auf  der  andern  seite.  Die- 
ser satz  gilt  für  die  ganze  menschheit  wie  für  die  einzelnen  Völker.  Da  aber  die 
menschen  in  ihrer  kulturent«-icklung  weit  auseinander  gehen  und  die  weit  in  den 
einzelnen  gegenden  eine  andere  ist,  so  ist  der  satz  auf  die  einzelnen  Völker  luid 
stamme  anzu.wenden;  dadurch  aber  schon  entstehen  der  vergleichenden  mytho- 
logie bisher  unüberwundene  schwieiigkeiten.  Wir  haben  uns  in  erster  linie  mit 
den  Indogermanen  zu  beschäftigen.  Um  uns  bei  ihnen  auf  jenen  einfachen  und 
natüi'lichen  staudpvmkt  zu  stellen,  müssen  wir  die  fragen  beantworten:  1)  auf  wel- 
chem kulturstandpimkte  standen  diese  in  der  lezten  zeit  vor  der  trennung,  und 
2)  welche  gegend  bewohnten  dieselben?  Denn  die  lebensinteressen  eines  hirtenvolkes 
süad  andere  als  die  eines  ackerbautreibenden,  und  es  ist  ein  grosser  unterschied,  ob 
dieses  indogennanische  volk  in  einem  lande  gesessen,  „wo  dominierende  winde  das  land 
beherschen  und  wo  diese,  wenn  sie  die  wintennonate  hindurch  das  land  ausgetrocknet 
und  zulezt  zu  einer  art  verbranten  wüste  gemacht  haben,  in  der  alles  pflanzenleben 
eretorben  scheint,  sich  dann  m  furchtbaren,  ganze  tage  wie  in  dunkele  nacht  ver- 
wandelnden gewittern  im  füi'chterlichsteu  tumult  der  elemente  wenden ;  sobald  sich  dann 
aber  der  hiumiel  wider  aufkläi't,  sich  eine  in  das  üppigste  grän  gekleidete  flur  zeigt" 
(Leo,  Ztschr.  f.  d.  myth.  I,  56),  oder  in  einem  lande,  wo  zwar  stümie  wehen,  aber 
gewitter  eine  seltene  und  diu-chaus  ungefährliche  erscheinung  sind  (Du  Chaillu,  Im 
lande  der  mittemachtssonne  II,  141).  Weder  die  eine  noch  die  andere  frage  ist  zur 
zeit  algemein  befriedigend  gelöst,  und  so  sind  heute  noch  schon  die  ersten  Spaten- 
stiche des  vergleichenden  mythologen  in  morastboden.  Wie  er  aber  l)ei  der  ersten 
frage  zugleich  ethnograph  und  geograph  sein  muss,  so  muss  er  es  bleiben  bei  der 
prüfung  der  mythologie  der  einzelnen  vöIker,    die   er  zu  seinem  zwecke  verwendet. 

i  Hierbei  treten  ihm  aber  wider  imzählig  viel  ungelöste,  ja  imlösbare  fragen  entgegen. 
Ob  dieser  Schwierigkeiten  hat  die  vergleichende  mythologie  jene  wui'zeln  aller  mythen 
bei  Seite  gelassen  und  hat  aus  den  fruchten  jene  und  den  stamm  herauszuforschen 
sich  bemüht.  Hand  in  hand  mit  der  sprachvergleichimg  durfte  hierliei  als  unanfecht- 
bares resiütat  gelten,  dass  die  Indogermanen  den  lichten  himmel  als  hauptgott  ver- 
ehrten; aus  sich  selbst  heraus  aber  hat  die  vergleichende  mythologie  festgestelt, 
dass  die  natm-kräfte  bei  ihnen  göttliches  ansehen  besassen.     Dieses  schwerhch  anzu- 

I  fechtende  ergebnis  ist  diu'ch  die  neusten  arbeiten  E.  H.  Meyers  etwas  verschoben 
worden;  den  zweiten  punkt  lässt  derselbe  bestehen,  dagegen  nimt  er  den  bisher 
algemein  als  himmelsgott  aufgefassten  Djäus  —  Zevg  —  Ziu  erst  als  eine  secimdäi'e 
büdung  an,  die  sich  bei  den  einzelnen  völkem  gleichmässig  oder  ähnlich,  wenn  ich 
den  Verfasser  recht  verstehe,  aus  einer  älteren  gewittergottheit  entwickelt  habe. 

ZEITSCmtIFT   F.   DEUTSCHE   PHILOI.OGIE.     BD.    XXI.  22 


338  MOGK 

Teils  an  der  band  Miillenlioff-Mannhardtscher  forsch imgen,  teils  diircli  eigne 
ist  Meyer  zii  dem  ergebnis  gelaugt,  dass  es  sieb  von  vier  mytbengruppen  wahrschein- 
lich machen  lässt,  dass  sie  in  ihren  grundzügen  schon  in  der  indogennanischen  zeit 
festgesezt  sind:  der  Dioskuren - Helenamytbos ,  der  regenbogenmythos ,  der  mj-tbos 
vom  winddämon  und  vor  allem  der  mythos  vom  gewittergotte.  Mit  lezterem  beschäf- 
tigt sich  fast  ausschliesslich  der  vorliegende  band,  eine  ebenso  lehrreiche  wie  saubere 
arbeit,  die  mau  mit  freude  liest  und  die  diu'cb  ihre  klarheit  zweifelsohne  manch  schö- 
nes ergebnis  bringt.  Ein  urteil  über  den  grösseren  ersten  teil  der  arbeit,  über  die 
entstehimg  und  entwicklung  der  Ilias,  überlasse  ich  den  klassischen  plülologen;  nur 
andeuten  wül  ich,  dass  ich  mir  die  ursprüngliche  gestalt  der  Achilleis  trotz  Meyers 
scharfsinnigen  ausführungen  nicht  gut  ohne  Patroklos  denken  kann.  Gleichwol  setze 
ich  hier,  wo  es  gilt  melu'  die  mythologische  seite  des  buches  ins  äuge  zu  fas- 
sen, das  ergebnis  der  Meyersehen  forschungen  als  tatsache  voraus.  Ich  nehme  fer- 
ner von  neuem  Standpunkte  aus  von  Meyer  als  bewiesen  an,  dass  der  heroenmythos 
nicht  veiTuenschlichter  göttermythos  ist,  sondern  dass  beide  neben  einander  aus 
ähnlicher  wurzel  entstanden  sind  imd  oft  gegenseitig  sich  beeinflusst  haben.  Dagegen 
scheint  es  mir  ein  gewagtes  unternehmen,  dem  indogermanischen  gewitter  eine  solch 
xunfassend  mythenbildende  gewalt  zu  geben.  Dies  sezt,  worauf  ich  schon  hindeutete, 
den  gewitterreichen  liimmel  des  indischen  bodens  voraus  und  ist  wol  für  indische 
Verhältnisse  erklärlich,  nicht  aber  für  gegenden  wie  die  germanischen.  Man  hält  die 
anschauungen  der  Veden  meines  erachtens  noch  viel  zu  sehr  für  den  massstab,  nach 
dem  man  auch  mythen  anderer  Völker  misst.  Und  wenn  auch  die  Germanen  diese 
ur Vorstellungen  aus  der  gewitterschwülen  asiatischen  luft  mitgebracht  hätten,  solten 
sie  dann  in  neuen  gegenden,  wo  das  gewitter  mehr  in  den  htutergrund  tritt,  noch  in 
solcher  frische  den  alten  dämonencult  behalten  haben,  dass  sich  aus  ihm  ein  Donar = 
Thor-,  ein  Frey-,  ein  Heimdall-,  ein  Lokiraythos,  eine  Beowulfs-,  eine  Siegfrieds-, 
eine  Helgi-,  eine  Dietrichs-,  eine  Parzival-,  ja  eine  Tuistosage  entwickelte?  (s.  648). 
Die  entwicklung  des  götter-  oder  heroenmythos  sezt  doch  ein  frisches  einwü-keu 
hauptsächlich  der  naturerschemung  auf  die  mythosbüd enden  stamme  voraus;  nur 
durch  lezteres  kann  der  mythos  und  die  sage  lebendig  und  lebenskräftig  werden. 
Eine  grosse  menge  nordischer  mythen  lässt  sich  nicht  vom  nordischen  boden  tren- 
nen; dazu  gehören  vor  allen  auch  viele  Thorsmythen.  Allein  sie  können  unmöglich 
in  einer  zeit  entstanden  sein,  wie  schon  Uhland  ganz  richtig  sah,  wo  noch  Thors 
physische  Seite  vorwaltete;  sie  setzen  bereits  einen  Übergang  der  physischen  gottheit 
in  eine  ethische  voraus,  die  dem  menschen  in  allen  lebenslagen  beisteht.  Die 
gestalt  des  alten  gottes  ist  geblieben,  und  hieran  erkennen  wir  seine  urspiüngliche 
bedeutung,  er  selbst  ist  aber  ein  anderer  geworden. 

Ich  gehe  aber  noch  weiter  in  den  Meyerschen  Voraussetzungen.  Ist  er  doch 
der  erste,  der  ims  ein  büd  entwirft,  wie  er  sich  die  indogermanische  ui'form  seines 
gewitterdämonenmythos  denkt  (s.  654).  Ich  räume  seine  urform  ein  und  will  versuchen, 
ob  sie  sich  auf  germanischem  boden  bestätigt.  Vermisst  wii'd  freilich  nach  diesem 
entwurf  die  antwort  auf  eine  meines  ei'achtens  fast  eben  so  wichtige  frage :  wie  denkt 
sich  Meyer  die  geschichte  des  mythos,  ich  will  nicht  sagen  von  der  zeit  der  ent- 
steh ung,  aber  von  der  zeit  an,  da  sich  die  indogermanischen  Völker  trenten,  bis  zu 
der  zeit,  wo  er  in  Griechenland  als  Achilleusmythos ,  bei  den  Indern  als  Bhisma-, 
bei  den  Letten  als  Dungis-,  bei  den  Germanen  als  Siegfiied-,  bei  den  Kelten  als 
Lugmythos  auftritt?  Die  zeit,  wo  die  mythen  oder  sagen  an  bestirnte  nameu  sich  i 
knü])ften,  wo  der  mythos  in  die  uns  erhaltene  diehtuug  eintrat,  lässt  sich  mit  wahr 


ÜBER   MEYER,    INDOGEEM.    MTTHEN   H  339 

scheiulichkeit  feststellen.  Halion  nun  während  des  langen  Zeitraumes  trotz  mannich- 
facher  localer  verändeiimgen  die  Völker  den  alten  dämonen glauben  beibehalten,  oder 
haben  sie  mythen  gehabt,  die  dann  von  neuen  verdrängt  wurden?  Hier  stehen  wir 
wider  vor  ungelösten  fragen. 

Die  Urform,  welche  nach  Meyer  die  Indogermanen  zur  zeit  vor  ihrer  trennung 
gehabt  und  aus  der  sich  die  mannichfaltigsten  mythen  und  heldensagen  gebildet  hät- 
ten, ist  folgende:  „Ein  dämon  des  donners  liegi,  überwältigt  von  den  heftigen,  das 
gewitter  ankündigenden  stürmen,  hilflos  da,  indem  ihm  seine  blitzwaffe  im  wolken- 
nebel  versteckt  ist.  Aber  beim  herannahen  des  freundlichen  windes  gewint  er  die 
Oberhand  über  sie  imd  erhält  seine  waffe  wider  (1).  Vom  freundlichen  wind  (oder 
einer  dunklen  wölke)  imterstüzt,  bezwingt  der  donnerdämon  die  gestaltenwechselnde 
wasserreiche  wölke  (den  über  dem  wasser  wallenden  nebel),  die  sich  verbergend 
oder  verborgen  oder  donner  und  blitz  fürchtend  ihm  nur  widerwillig  ergibt  (2).  Der 
donnerdämon  feiert  mit  der  wolkenfrau  ini  beisein  anderer  wölken  und  der  winde 
(auch  des  regenbogens)  seine  laute  hochzeit  hoch  oben  im  gewölk,  wobei  ihm  der 
freundliche  winddämon  den  unwiderstehlichen  blitz  schenkt,  der  nur  vom  donner- 
dämon oder  dessen  blitzsohn  geschwungen  werden  kann  (3).  Aus  der  ehe  des  don- 
nerdämons  mit  der  wolkenfrau  geht  der  blitz  als  söhn  hervor,  der  von  seiner  mutter 
im  gewitter  in  das  wolkenfeuer  oder  den  siedenden  wolkenkessel ,  ins  weihende,  stär- 
kende hiinmelsnass  geworfen  wird,  worüber  der  vater  donnernd  seinen  zorn  äussert. 
Beim  abnehmenden  gewitter  eilt  die  erschreckte  wölke  davon.  Oder:  Der  erzürnte 
vater  wirft  den  blitzsohn  ins  flammende  gewölk  und  die  besorgte  wolkenfrau  nimt 
diesen  rettend  in  ihren  schoss  auf.  Oder:  Eine  als  aaime  gefasste  dunkle  wollte  wirft 
den  blitzsohn  ins  wolkenfeuer,  als  aber  die  wolkenfrau  bei  diesem  anblick  aufschreit, 
flieht  jene  aufleuchtend  davon  (4).  Der  blitzsohn  wird  den  winden  und  wölken  zui* 
erziehung  anveiii'aut  von  der  wolkenfrau  (oder  dem  donnernden  vater).  Der  ■wind 
oder  auch  die  wölke  nährt  ihn  mit  wolkennass,  der  schnelle,  kraftvoll  sausende  imd 
rauschende  wind  untemchtet  ihn  im  laufe,  im  blitzwurf,  in  musik.  Weit  runher 
gekommen  ist  'er  überhaupt  weise  und  der  zukunft  kundig.  Er  überträgi  seinem 
Zögling  die  väterliche  lanze,  deren  anfertigung  auch  wol  dem  wetterleuchtenden 
dämon  zugeschrieben  wird.  Auch  die  wolkenmutter  bleibt  ihrem  söhne  nahe.  So 
übei-trift  der  blitz  frühe  alle  wesen  an  Schnelligkeit  und  ki'aft  (5).  Auch  unter  den 
wolkemnädcheu  hält  sich  der  blitz  in  deren  kleider  versteckt  auf  (6).  Wenn  die 
donnertrompete  ertönt  imd  die  wetter  leuchten,  bricht  der  blitzdämon  mit  wüdem 
donnerruf  nackt  oder  in  glänzender  rüstimg,  nachdem  er  den  ersten  regenguss  genos- 
sen, zimi  kämpf  hei-vor,  gegen  zwei  feinde,  den  düstern  wasserreichen  wolkendra- 
chen  imd  den  riesigen  verschliesser  der  wolkenbui'g.  Mit  seinen  durch  den  dämon 
des  Wetterleuchtens  geschmiedeten  neugearbeiteten  blitzwaffen  und  der  hilfe  dessel- 
ben dämons  während  des  kampfes  besiegi  der  blitzdämon  beide  feinde,  versinkt 
jedoch  beinah  in  den  losgelassenen  fluten  des  wolkendrachens.  Beim  sieg  ertönt  sein 
frohlocken  (7).  Der  blitzdämon  erleidet  den  tod  schon  im  herbst,  als  er  zum  lezteu 
male  versucht,  das  tor  der  wolkenbui'g  zu  sprengen.  Vom  übermächtigen  stui-m- 
dämon  des  lierbstes  werden  ihm  seine  blitzsehnen  zerrissen.  Im  lezten  flammenden 
gewitter  des  Jahres  wird  er  bestattet  und  liegt  nun  entweder  im  stillen  wintergewölk 
oder  in  der  ferne,  imi  im  frtihling  widerzukehren  (8). 

Aus  dieser  indogermanischen  lu-foiin,  meint  nun  Meyer,  haben  sich  eine  reihe 
mythen  bei  den  einzelnen  indogermanischen  stammen  gebildet,  bei  denen  sich  nicht 
nur  die  personen,    sondern  auch  die  reihenfolge  der  ereignisse,    wie   sie  unter   1 — 8 

22* 


so    j 
völ-    I 


340  MOGK 

gegeben ,  nachweisen  lassen.  Der  Verfasser  verfolgt  dies  dann  liei  den  einzelnen  Völ- 
kern mit  einer  ungemeinen  belesenheit,  sowol  —  und  zwar  in  erster  linie  —  auf 
dem  gebiete  des  beroenmytlios  als  auch  auf  dem  des  göttermythos.  Die  urform  selbst 
ist  hauptscächlich  erschlossen  aus  dem  Achilleusmythos  und  deshalb  bedmfte  es  jener 
eingehenden  vonmtersuclmngen  über  die  lU'sprüngliche  Achilleis,  die  ja  allein  zu 
gründe  gelegt  werden  durfte;  erhärtet  aber  ist  diesell)e  durch  heranziehen  von 
mythen,  sagen,  sitten  imd  gebrauchen  aller  indogermanischen  Völker.  AVenn  wir  von 
einem  gegebenen  oder  erschlossenen  ganzen  ausgehen,  wie  im  vorliegenden  falle,  so 
können  wir  gewiss  mit  leichtigkeit  eine  reihe  von  Übereinstimmungen  bei  allen 
kern  finden,  anders  steht  es  dagegen,  wenn  eine  reihe  von  gleichmässig  aufeinander- 
folgenden tatsachen  und  personen  aller  indogermanischen  Völker  sieh  mehr  oder 
weniger  decken;  dann  lässt  sich  ein  gemeinsamer  kern  nicht  leugnen.  Dabei  muss 
fi'eilich  von  den  mythen  der  einzelnen  stamme  dieselbe  kritik  verlangt  werden,  wie 
sie  Meyer  beim  Achilleusmythos  angestrebt  hat.  Mythos  und  sage  wächst  fort  und 
verändert  sich,  und  wenn  auch  junge  Überlieferungen  alten  gehalt  haben  können, 
so  muss  doch  zunächst  die  frage  beantwortet  werden,  ob  sie  nicht  ihrem  gehalt 
nach  jung  sein  müssen.  Ich  stehe  ferner  mit  Meyer  auf  gleichem  Standpunkte, 
dass  nur  der  die  mythologie  volwissenschaftlich  betreibt,  der  ihr  historisches  und 
vorhistorisches  Stadium  umfasst,  scheide  mich  aber  von  üim,  indem  ich  verlange, 
dass  erst  diese  historischen  inythen  nach  allen  selten  hin  klar  gelegt  sein  müssen, 
bevor  wir  uns  an  die  vorhistorischen  machen  können.  So  lange  jenes  nicht  der  fall 
ist,  scheint  mir  hier  der  boden  noch  zu  unsicher.  Auch  im  vorliegenden  werke  hat 
Meyer  ausschliesslich  den  Achilleusmythos  ganz  und  voll  historisch  bebandelt  und 
hierin  hat  er  mich  wenigstens  von  der  blitznatui*  des  heroen  überzeugt,  ebenso  wie 
ich  seiner  Kentaurenauffassung  nach  den  neuen  erörtemngen  (s.  447  fg.)  wenn  aucli 
nur  bedingten  beifall  zollen  muss.  Auch  der  entworfene  ui'mythos  muss  annähernd 
das  richtige  treffen,  wenn  die  paraUelreihen  so  stimmen,  wie  es  nach  Meyers  dar- 
legung  erscheint.  Ob  dies  nun  in  Wirklichkeit  so  ist,  soll  auf  germanischem  bodon 
untersucht  werden,  indem  ich  die  einzelnen  punkte  in  sage  rmd  mytlios  vergleiclic 
und  prüfe,  ob  die  parallelen  berechtigt  sind  oder  nicht. 
A.  Die  parallelen  der  beiden-  (Sigfrids-)  sage. 

1)  Der  dämon  des  donners,  der  hilflos  da  liegt,  ist  Sigmund,  der  götterlieli- 
ling;  er  ist  von  einer  bösen  wölfin  bewältigt,  da  ihm  Siggeir  das  vom  windgotto 
03in  in  den  bäum  gestossene  schwort  misgönte;  mit  hilfe  eines  freundes  der  schwa- 
nenjungfrau  Signy  -  Siglint  reisst  er  dem  untiere  die  zunge  aus  und  befreit  sich 
dadurch.  —  Dazu  ist  zu  bemerken,  dass  nicht  die  wölfin,  sondern  Siggeir  den  Si- 
mund  in  den  stock  gesezt  hat,  und  dass  die  wölfin  gleich  das  erste  mal  umkomt, 
als  sie  an  Sigmund  herantritt.  Das  Schwert  selbst  spielt  bei  cüeser  scene  gar  keine 
rolle.  Eher  entspricht  Vols.  c.  8  den  fordenmgen  des  ui-mythos:  hiernach  lässt  Sig- 
geir- Sigmund  und  Sinfjotli  fesseln  —  aber  weil  SinfjotH  mit  seinem  Schwerte  des 
königs  kinder  getötet  hatte  — ;  Signy  trägt  dann  selbst  in  stroh  gewickelt  das  Schwert 
zum  hügel,  in  dem  vater  und  söhn  vergraben  sind,  damit  sie  mit  seiner  hülfe  sich 
befreien.  —  "Während  nian  diesen  punkt  des  mythos  halbwege  widerfinden  kann, 
wenn  man  zwei  verschiedene  berichte  combiniert,  kann  ich  den  zweiten  überhaujit 
nicht  finden. 

2)  Sigmund  gewint  mit  Odins  hilfe  die  scliwanenjungfrau  Signy -Siglint,  die 
ihre  gestalt  bei  ihrer  veremigung  mit  Sigmund  tauscht.  Odin  spielt  zunächst  hierbt'i 
nach  den  quellen  überhaui)t  keine  rolle,  so  sehr  er  aucli  das  geschlecht  der  Volsui 


ÜBER  MEYER,  INDOGERM.  MYTHEN  II  341 

gon  unter  seinem  schütze  hat.  Ferner  hat  Sigmund  keine  gewalt  an  der  Siguy  zu 
üben,  sondern  aus  freiem  antriebe  begibt  sich,  leztere  zu  ihrem  bruder,  um  mit  ihm 
einen  des  ganzen  Volsungengeschleohtes  würdigen  spross  zu  erzeugen.  Was  Meyer 
in  die  Volsungensage  legt,  verschiebt  volständig  den  ethischen  gehalt  der  grossartigen 
dichtung.  Und  auch  das  zweite  meerweil)  des  NL.,  das  Meyer  zur  stütze  seiner 
parallele  heranzieht,  ist  nicht  angebracht,  auch  wenn  wir  mit  A  (Lachmann  1479^) 
Siglint  gegen  C  Winelint  (Zarncke  235.  4^)  lesen:  Hagen  nötigt  dasselbe,  ihm  die 
Zukunft  vorauszusagen,  aber  nicht  zum  beischlaf,  um  mit  ihr  den  blitzheros  zu 
erzeugen.  Der  gestaltentausch  kann  Signy  höchstens  als  wolkengottheit  erweisen; 
melir  gibt  zu  diesem  punkte  die  Siegfriedssago  nicht. 

3)  Im  1.  punkt  erscheint  Sigmund  als  donnerdämon;  hier  soll  auf  einmal  Sig- 
mund mit  Siggeir,  der  doch  dort  als  sein  gegner  erscheint,  identisch  sein,  und  mit 
der  wolkenfrau  Signy  die  elie  eingehen.  Ganz  abgesehen  davon,  dass  in  der  Vol- 
sungensage die  ehe  zwischen  Siggeir  und  Signy  erst  den  anfang  der  Streitigkeiten 
bildet,  ja  den  grundstock  derselben  geradezu  ausmacht,  dass  also  nach  der  einzigen 
quelle  jene  gar  nicht  denkbar  waren,  wema  sie  dieser  verausgiengen,  kann  meines 
erachtens  die  hochzeit  des  Siggeir  mit  der  Signy,  das  wäre  des  stuimdämons  mit  der 
gewitterwolke ,  nicht  schlechthin  auf  eine  sehr  kühn  erschlossene,  wenn  ich  recht 
verstehe,  hochzeit  des  Sigmund  mit  der  Signy  gedeutet  werden,  weil  dieser  mit  sei- 
ner Schwester  den  Sinfjotli  gezeugt  hat.  Ich  kann  deshalb  auch  diesen  punkt  nicht 
unter  die  parallelen  einreihen. 

4)  In  punkt  4  erscheint  nun  wirklich  Signy  als  Sigmunds  gattin,  wenigstens 
ist  es  Signy  und  keine  andere,  die  ihre  zwei  knaben  tötet  (s.  641),  aber  nicht  vor 
Sigfrids  gebui't,  sondern  vor  Sinfjotlis.  In  Wirklichkeit  ist  aber  die  gemahlin  Sig- 
munds, mit  der  er  den  allein  auserwählten  Sigurct  zeugt,  nicht  Signy,  sondern 
Hjordis:  Sinfjotli  ist  erzeugt,  um  das  geschlecht  der  Volsunge  zu  rächen,  Sigurd, 
um  es  in  seinem  höchsten  glänze  zu  zeigen.  Auf  jeden  fall  entschwindet  das  Ver- 
ständnis der  Volsungensage,  wenn  wir  Signy  und  Hjordis  zusammenwerfen,  wie  es 
Meyer  tut.  AVeiter  soll  das  neugeborne  kind  von  seiner  mutter  in  einen  wolkenkes- 
sel  gehalten  werden,  worüber  der  vater  seinen  zorn  äusseii,  infolge  dessen  die  mut- 
ter davoneilt.  Auch  was  hier  als  parallele  herangezogen  wird,  ist  durchaus  nicht 
geeignet,  dieselbe  zu  erweisen.  Meyer  stüzt  sich  dabei  auf  f'idrs.  c.  160.  Nach  die- 
ser stelle  ist  Sisibe,  Sigmunds  gemahlin,  von  falschen  dienern  des  königs  des  ehe- 
bruchs  Avährend  seiner  abwesenheit  angeklagt;  Sigmund  gibt  zweien  derselben  den 
auftrag,  die  königin  zu  holen  und  zu  töten.  Im  dunklen  walde  sieht  die  königin  ein, 
was  man  mit  ihr  vorhat.  Der  eine  abgesante  wiU  sie  mit  seinem  leben  schützen, 
der  andere  will  sie  aber  töten.  In  diesem  augenblicke  gebiert  die  Sisibe  den  Sigurd 
und  da  sie  nichts  anderes  da  hat,  tut  sie  das  kind  in  ein  gläsernes  trinkgefäss  (gler- 
pottr).  Da  stösst  ArtwLn,  der  den  tod  der  königin  Avill,  das  gefäss  mit  dem  fusse, 
dass  es  hinab  in  den  ström  rolt.  Dieses  soll  der  paraUelmythos  zur  feuertaufe  des 
Achilleus  sein.  Ich  vermag  beim  besten  willen  keine  Übereinstimmung  zu  finden.  Und 
dabei  ist  noch  gar  nicht  mit  der  nachweisbaren  tatsache  gerechnet,  dass,  wie  die 
ganze  fidrekssaga,  auch  dieser  bericht  über  Sigurds  geburt  offenbar  junge,  ganz 
romantische  züge  enthält. 

Die  grösste  Übereinstimmung  findet  sich  im  5.  punkte:  wie  Achilleus  vom 
zauberkundigen  kentauren  Chiron  erzogen  wird,  dem  er  auch  seine  lanze  verdankt, 
so  unterrichtet  Eegin  oder  Mmir  (denn  beide  sind  zweifelsohne  identisch)  deir  Sieg- 
fried —  freilich  nur  in  der  schmiedekuust.    Auch  dieser  verdankt  dem  meister  direkt 


Ü42  MOGK 

oder  indirekt  sein  treÜiclies  scliwert.  Gar  kein  gewicht  dagegen  vermag  ich  auf 
Siegfrieds  löwenkämpfe  nach  dem.  Siegfiiedsliede  zu  legen  (s.  642),  da  diese  offenbar 
ganz  später  zuwuchs  sind,  angedichtet  unter  dem  eiuflusse  ritterlicher  romantik. 

6)  Der  sechste  zug  fehlt  nach  Meyers  eigner  aussage  in  der  Siegfriedssage 
(s.  643):  Sigurd  findet  sich  nirgends  im  frauengewand.  Dafür  tritt  aber  die  noi^we- 
gische  form  der  Siegfriedssage,  die  Helgisage  ein  (s.  663).  Da  fehlt  nun  freilich  vor 
allem  der  nachweis,  dass  die  Helgisage  mit  der  Siegfi'iedssage  identisch  ist,  denn  nui' 
unter  dieser  Voraussetzung  lässt  sich  jener  zug  aus  ihr  nehmen.  Dann  müsten  ja 
auch  auf  ähnliche  weise  die  früheren  züge  sich  in  der  Helgisage  erweisen  lassen, 
was  Meyer  wol  mit  gutem  gründe  imteiiassen  hat.  Auf  alle  fälle  fält  dieser  punkt 
im  vergleiche  des  Achilleus-  oder  indogermanischen  dämonenmythos  mit  dem  Sieg- 
fiiedsmythos. 

Im  7.  punkte  zeigt  sich  dieselbe  doppelte  auffassimg  einer  und  derselben  gestaJt, 
wogegen  ich  mich  schon  oben  aussprach.  Nach  s.  5  war  Siegfrieds  lehrmeister, 
dem  er  sein  schwert  verdankte,  der  stürm dämon  Regln.  Nach  s.  7  verdankt  der 
blitzdämon  seine  waffe,  mit  der  er  gegen  den  wolkendrachen  kämpft,  dem  dämon  des 
Wetterleuchtens  (s.  663).  Kann  nun  eine  und  dieselbe  gestalt  nicht  zugleich  dämon 
des  stiirmes  und  Wetterleuchtens  sein,  so  fält  auch  dieser  vergleich  mit  dem  urmy- 
thos.  Die  einzige  Übereinstimmung,  die  sich  in  diesem  punkte  findet,  wäre,  dass 
der  blitzdämon  mit  einer  vorzüglichen  w^affe  einen  gegner  erlegt,  im  Achilleusmythos 
Achilleus  den  Hektor,  im  Siegfriedsmythos  Siegfried  den  di'achen  Fafnir. 

Eine  gewisse  Übereinstimmung  findet  sich  auch  im  lezten  punkte:  der  blitz- 
held  stirbt  im  lezten^  gewitter  durch  den  herbstlichen  sturmdämon;  wie  AchiUeus 
so  wird  Siegfiied  an  der  einzigen  verwundbaren  stelle  getroffen. 

Ich  habe  die  einzelnen  punkte  dui'chgesprochen;  eine  wii'küche  Übereinstim- 
mung zwischen  dem  Siegfried-  und  Acliilleus-  und  dem  aus  lezterem  erschlos- 
seneu urmythos  vermag  ich  nui'  in  der  erziehung  der  beiden  beiden  und  in  ihrem 
tode  zu  finden.  Auf  die  Verschiedenheiten  beider  punkte  einzugehen  würde  hier  zu 
weit  führen;  nur  das  eine  muss  ich  betrefs  des  todes  hervorheben:  Hektor  ist  jeder- 
zeit ein  gegner  des  Achüleus ,  Hagen  aber  ist  mit  Siegfried  ursprünglich  verwant  und 
hat  mit  ihm  gemeinsame  sache ,  was  unwdlküi'lich  an  das  Verhältnis  zwischen  Loki  imd 
Thor,  namentlich  aber  zwischen  Hodr  und  Baldr  erinnert.  Und  lezteren  wird  doch 
schwerlich  auch  Meyer  für  einen  gewittergott  halten.  —  Auf  dem  gebiete  des  germa- 
nischen Siegfi'iedsmythos  vermag  ich  also  die  von  Meyer  aufgestelte  reihe  des  indo- 
germanischen gewittermythos  nicht  widerzufinden.  "Wenn  wir  alles,  was  deutsche 
und  nordische  sage,  was  alte  und  junge  erzählung  berichten,  zusammenw'erfen,  dann 
lässt  sich  mit  nicht  alzu  grosser  Schwierigkeit  herausfinden,  was  zu  einer  erschlos- 
senen urfoiTn  passt.  Erst  die  quellen  kritisch  prüfen  und  dann  den  m'sprünglichen 
kern  zur  vergleichenden  mythologie  benutzen,  das  führt  meines  erachtens  allein 
dahin,  wohin  Meyer  mit  rastlosem  fleisse  xmd  beneidenswerter  belesenheit  steuert. 
B.     Parallelen  in  der  göttersage. 

Noch  weniger  vermag  ich  Meyers  parallelen  aus  dem  gebiete  der  germanischen 
göttermythen  beizupflichten  (s.  621  fgg.).  Auch  hier  wird  fast  alles  nach  Schwartz- 
scher  weise  aus  der  gewitterscenerie  herausgelesen.  Im  nordischen  „Thor",  meint 
Meyer  (s.  627),  ist  die  person  des  älteren  donnergottes  (Fjorgynn)  ujid  seines  sohnes, 
des  blitzgottes,  verschmolzen.  Vorher  hat  der  Verfasser  den  Thor  als  söhn  des  Fjor- 
gynn zu  erweisen  gesucht:   jener  müste   demnach  als  bUtzgott  von  der  feuererschei- 

1)  "Wenn  wü-  den  trunk  Siegfrieds  am  bnumen  als  den  lezten  trank  auffassen  (s.  665). 


ÜBER   MEYKK,    INDOGERM.    MYTHEN    II  343 

imng  des  gewitters  aasgegangen  sein.  Allein  dorn  widerspricht  schon  der  nanie. 
Donar- Thor  ist  zweifelsohne  unter  diesem  namen  erst  eine  bei  den  Germanen  ent- 
standene gotthoit.  Alle  Wörter  aber,  die  demselben  sprachkreise  angehören  wie 
Donar -Thor  (vgl.  Kluge,  Etym.  wtb.  52),  lassen  erkennen,  dass  sie  mit  einer 
schalbewegimg  eng  zusammenhäugen ,  auch  nicht  eine  spur  einer  licbterschoinung 
zeigt  sich,  bei  einem.  Daher  muss  Donar -Thor  von  haus  aus  ein  donuergott  und 
nicht  ein  blitzgott  sein,  und  kann  schon  deshalb  nicht  mit  Acliilleus,  wenn  dieser 
in  Wirklichkeit  ein  blitzheros  ist,  oder  dem  indogermanischen  blitzdämon  zusammen- 
fallen. Von  Thors  müttern  erscheint  mir  die  Hlodyn  (s.  623)  den  grössten  ansprach, 
auf  eine  wassergottheit  zu  haben.  Auf  germanischem  boden  ist  Thor  entstanden,  auf 
germanischem  vielleicht  gar  nur  auf  nordischen  ist  er  in  beziehung  zur  Fjorgyn 
gebracht.  Im  südgermanischen  erscheint  got.  fairguni  ags.  firgen  nur  als  berg,  im  nor- 
dischen daneben  als  erde.  Am  klarsten  tritt  aber  Thor  als  söhn  der  JqvS.  auf,  d.  i. 
die  erde,  und  dagegen  lässt  sich  nicht  ankämpfen.  In  skaldischen  gedieh ten  fmden  wir 
es  unzählige  male,  dass  die  pars  pro  toto  angewendet  wird;  in  diesem  kreise  erscheint 
infolge  dieser  skaldischen  figur  auch  fjqryyn  als  synonym  für  erde,  und  so  ist  die 
bezeichnimg  des  Thor  als  burr  fjqrgynjar  gerade  so  verständlich  wie  sveinn  yrundar, 
oder  niär  boräs  oder  runnr  hauärs.  Dabei  will  ich  die  sprachliche  tatsache, 
dass  fjqryyn  von  der  wui'zel  parc  =  füllen,  spenden  komt,  durchaus  nicht  anfech- 
ten. Liesse  sich  nun  Thor  als  söhn  der  FjorgjTi  erweisen,  so  dürften  wir  doch 
nur  schhessen,  dass  er  der  söhn  der  regenspendenden  gewitterwolke  wäi'e;  für 
einen  daraus  erschlossenen  vater  Fjorgynn  aber  als  donnergott  fehlt  jeder  fass- 
bare beweis.  —  Meyer  geht  weiter  im  vergleich:  auch  Thor  wird  von  windriesen, 
Vingnir  dem  schütler  und  Hlöra  der  brüUerin,  erzogen,  den  Gandharven  -  Kentau- 
ren des  nordens.  Diese  sturmdämonen  werden  von  Meyer  mehrfach  als  stütze 
der  nordisch-en  Gandharven  ins  fehl  geführt  (z.  b.  s.  534.  623).  Es  ist  nicht  zu 
leugnen,  dass  sie  viel  bestechendes  haben,  und  ich  bin  nicht  gewilt,  erzie- 
herische sturmdämonen  geradezu  zu  leugnen.  Nur  hat  es  mit  jenen  beiden  seine 
bedenken.  Der  emzige,  der  die  beiden  namen  in  engster  Verbindung  mit  Thor  keut, 
ist  Snorri;  unter  den  kenningar  Thors  sagt  er:  Thor  heisst  auch  fostri  Vinynis  ok 
Hlöru;  einen  beleg  aus  der  skaldendichtung  vermag  er  dafüi'  nicht  zu  bringen  (Sn.  E. 
I,  252).  Nun  heisst  aber  fostri  in  erster  Urne  pflege  vater  und  erst  in  zweiter 
pflege  söhn.  Infolge  dessen  hat  man  jene  stelle  verschieden  aufgefasst,  vor  allen  tritt 
Petersen  (Nord.  Myth.  284  amn.  1)  ganz  entschieden  für  die  erste  auffassung  ein.  Er 
stüzt  sich  dabei  auf  die  freihch  recht  wüsten  genealogien  der  praefatio  der  Sn.  E. 
(I,  22),  wo  Vingener  als  Thors  söhn  erwähnt  wiixl,  was  schon  nach  der  alten  papier- 
handschrift  Hypn.  Vingnii-  sein  soll.  Dasselbe  Verhältnis  kent  auch  die  Flatb.  in  einer 
geschleehtstafel  des  königs  Harald  (I,  27)  und  im  prolog  zur  Sverrissaga  Sigui'd- 
arsonar  (II,  533).  Dem  ist  entgegen  zu  halten  die  euhemeristische  sage  von  Thor 
in  der  praefatio  der  SE. ,  wo  von  Thor  erzählt  wird,  dass  er  vom  herzog  Loricus 
von  Thracien  und  dessen  frau  Lora,  was  doch  nichts  anderes  als  Hlora  sein  kann 
(vgl.  cod.  U  zu  SE.  I,  252:  Loro),  auferzogen  sei  imd  dass  er  beide  getötet  habe. 
Andererseits  ist  aber  auch  auf  diese  entschieden  hellenisch  angehauchte  sage  nicht 
viel  zu  geben,  da  sonst  Lorichi  oder  Loiiko,  der  sich  doch  mit  jenem  Loricus  deckt, 
als  Thors  söhn  genant  wird  (Flb.  I,  27.  11,  533).  Nach  diesem  bestand  der  quellen 
dürfte  die  wagschale  mehr  dafür  ausschlagen,  dass  fostri  Sn.  E.  I,  252  als  pflege- 
vater  aufzufassen  ist,  und  wü"  haben  in  Vinynir  d.  h.  überhaupt  der  schwinger, 
wie  alle  nordischen  dialekte  zeigen,   und  Hlöra  ganz  ähnliche  späte  abstraktionen  zu 


344  MOGK 

suchen  wie  in  Thors  söhnen  Modi  und  Magni.  —  Dass  sich  zwischen  Thor  und  ludra 
gewisse  Übereinstimmungen,  wie  der  zorn,  das  feurige  äuge  u.  ähnl.  finden  (s.  624), 
ist  sehr  natürlicli,  da  ja  beide  von  haus  aus  gewittergottheiten  sind;  ich  kann  mir 
dieselben  jedoch  wenigstens  ebenso  gut  aus  dem  direkten  einwirken  der  natur  erklä- 
ren als  aus  einer  gemeinsamen  wurzel.  Wenn  aber  Meyer  sagt,  dass  Thor  wie  seine 
indogermanischen  genossen  zwei  arten  feinde  habe ,  drachen  und  riesen ,  so  vermag  ich 
ihm  ebensowenig  beizustimmen,  als  wenn  er  in  dem  riesischen  baumeister  einen  „wurm" 
findet.  "Wo  Thor  als  einbani  oder  dolgr  orms  auftritt,  ist  stets  nur  ein  bestimter 
ormr,  nämlich  der  Midgardsormr  gemeint,  und  die  kenning  ist  aus  dem  weitverbreiteten 
mythos  von  dem  fange  der  Midgardsschlango  entstanden,  die  nui'  in  der  phantasie 
eines  am  meere  wohnenden  volkes  heimisch  sein  kann.  Von  Thors  drachenkämpfeu 
weiss  die  nordische  mythologie  nichts.  Noch  manches  andere  müste  ich  von  mei- 
nem Standpunkte  aus  anfechten:  so  erscheint  Thor  stets  als  junger  mann;  was  das 
Lex.  Myth.  vom  Gammel  Thor  aus  Norwegen  anführt  —  das  sich  übrigens  auch 
im  schwedischen  Volksglauben  findet  —  ist  sicher  auf  christlichen  einfluss  zurück- 
zuführen. Auch  die  „leincmte"  der  I'rymskviSa  steht  auf  wackligen  füssen  (Sij- 
mons,  Eddalieder  betr.  stelle)  u.  ähnl.  mehr.  Vor  allem  aber  möchte  ich  mich 
gegen  Meyers  auffassung  von  Loki  wenden,  den  er  als  dänion  des  Wetterleuch- 
tens auffasst.  Es  ist  freilich  eine  landläufige  behauptung,  dass  Logi  der  proto- 
typus  des  Loki  sei;  allein  noch  niemand  hat  es  versucht,  diese  Übereinstimmung 
durch  die  spräche  zu  erhärten,  ja  dasselbe  ist  nach  nordischen  Sprachgesetzen  immög- 
lich ,  Logi  kann  nimmer  zu  Loki  werden.  Ich  glaube  sogar ,  dass  Logi  überhaupt  eine 
jüngere  ersch einung  ist  als  Loki,  denn  er  gehört  meines  erachtens  wie  andere  von 
Fomjots  geschlechte  erst  der  vikingerzeit  an.  Loki  kann  nur  der  „schliessende"  heis- 
sen;  sein  name  mag  ebenfals  jmig  sein,  da  er  in  die  zeit  allegorischer  namengebung 
fält,  aber  sein  Inhalt  ist  entschieden  alt;  er  ist  beendiger  alles  bestehenden,  w'ie  ihn 
schon  Uhland,  Müllenhoff  u.  a.  deuten,  des  guten  wie  des  schlechten  —  xmd  hierin 
liegt  seine  doppelnatiu'  —  imd  begleitet  als  solcher  namentlich  den  Thor,  weil  dieser 
den  feindlichen  mächten  ein  ende  macht.  Vom  Meyerschen  Standpunkte  ist  der  den 
göttern  immer  wider  aus  der  Verlegenheit  helfende  Loki  unverständlich,  wir  wissen 
nicht  was  wir  mit  dem  Utgardaloki  machen  sollen,  die  trilogio  Odin  Hoenir  Loki 
wii'd  verworren,  sein  auftreten  beim  göttergeschick  ist  unerklärlich.  Die  späte  Loka- 
senna,  mit  ihrer  geislung  der  alten  götter  können  wir  doch  nicht  zum  beweis  für 
alte  mythenzügo  heranziehen.  Und  selbst  wenn  dies  gestattet  wäre,  so  ist  doch 
noch  ein  unterschied,  ob  einer  vom  donnergotte  vertrieben  wii'd,  oder  ob  er  aus 
furcht  vor  seiner  gewalt  von  seinen  Schmähungen  ablässt.  Eerner  ist  es  nicht  Thor, 
der  den  Loki  vor  Thiazi  rettet  (s.  627),  sondern  die  äsen  sind  es  (Sn.  E.  11,  294). 
Ich  vermag  aus  dem,  was  Meyer  füi'  die  parallele  Lolci - Hephästos  vorgebracht  hat, 
weder  einen  beweis  für  dieselbe  zu  finden  noch  in  Loki  die  Personifikation  des  Wet- 
terleuchtens zu  erkennen.  Auf  den  halsbandmythos  kann  ich  hier  nicht  näher  ein- 
gehen. Nur  meine  ich,  widerspricht  die  alte  auffassimg  vom  regenbogen  volständig 
der  nordischen  natur.  Ein  so  klarer  und  schöner  mythos  muss  in  einem  grossartige- 
ren phäuomen  seine  wurzel  haben  und  so  hat  schon  Müllenhoff  mit  gutem  gründe 
auf  den  abendhimmel  hingewiesen,  der  in  der  aui'ora  borealis  sich  in  seiner  gross- 
artigsten  pracht  zeigt.  Statt  alles  hinweises  auf  alte  quellen  führe  ich  nur  die  eine 
Schilderung  von  Du  Chaillu  (11,  41)  an:  „"War  der  anblick  so  schon  von  zauberhaf- 
ter Schönheit,  so  solte  sich  die  pracht  des  Schauspiels  doch  noch  zu  iinvergleich- 
licher  grossartigkeit  steigern:  fern  am  nächtlichen  hinimel  Üamte  und  zuckte  glühende 


ÜBER   MEYER,    IiNDOGERM.    MYTHEN    U  345 

lohe,  feurige  garben  sprühten  empor,  dazwisclien  alier  walten  und  wogten  leuchtende 
wölken  —  es  war  die  aurora  borealis,  die  dort  strahlte  und  alles  ringsum  niit  hellem 
scheme  ühergoss;  dabei  meinte  ich  auch  zu  sehen,  wie  aus  dem  schnee  winzige  fun- 
ken hen'orsprühten  —  ich  glaubte  mich  in  ein  feenreich  versezt  —  so  überirdisch 
schön,  so  wunderbar  erhaben  war  das  bild,  und  immer  wider  brach  ich  in  laute 
ausrufe  des  entzückens  und  der  bewimderung  aus."  Und  hierzu  vergleiche  man  den 
halsbandmythos  nach  Ulf  Uggason  und  der  Flateyjarbok.  Es  kann  nicht  genug  betont 
werden,  dass  jedes  Verständnis  der  mytheu  auf  lockerem  boden  steht,  sobald  sich 
die  mythen  nicht  mit  der  natur  des  Lindes  zusammenbringen  lassen,  dem  sie  erwach- 
sen sind,  fals  nicht  fremder  einlluss  erweislich  ist.  Und  gerade  dieser  erwägimg  ist 
Meyer  mehi'  als  jeder  andere,  freilich  nur  auf  griechischem  boden,  gerecht  geworden. 

Ich  vermag  schliesshch  auch  Meyers  deutung  des  Frey  als  gewittergott  nicht 
beizustimmen.  Wenn  er  in  manchen  punkten  dem  Thor  gleicht,  so  ist  das  etwas 
ganz  natüi'Uches,  sobald  man  einen  einblick  in  die  entwicklung  der  nordischen  götter 
hat.  Fast  alle  hauptgötter  haben  sich  zu  historischer  zeit,  zur  zeit  unserer  quellen 
melu"  oder  weniger  lokal  zu  dominierenden  gottheiten  erhoben,  die  die  eigenschaften 
der  in  anderen  gebieten  herschenden  götter  in  sich  aufgenommen  haben.  Wo  Thor 
der  hauptgott  war,  me  in  Norwegen,  war  er  zugleich  ein  gott  der  fruchtbarkeit,  des 
Wetters,  der  Schiffahrt,  des  krieges;  und  wo  man  Frey  verehiie,  wie  in  den  frucht- 
bai'en  gefilden  Upsalas,  schrieb  man  üim  auch  eine  reinigende  kraft  der  luft  zu  und 
Hess  ihn  über  luft  und  meer  herschen.  Frey  ist  imd  bleibt  meines  erachtens  von 
haus  aus  ein  hchter  himmelsgott.  Sein  schwort,  das  in  die  hand  der  reifiiesen  komt, 
findet  sich  bei  allen  hypostasen  dieses  alten  gottes  wider,  wie  ich  a.  o.  zeigen 
werde,  und  kann  nichts  anders  als  die  sonne  sein,  denn  die  macht  des  lichten  him- 
melsgottes  ist  vorüber,  sobald  diese  in  der  gewalt  der  dämonischen  mächte  der  fin- 
sternis  sich  befindet.  Und  nur  hieraus  kann  die  vielverzweigte  mythe  entstanden 
sein,  dass  der  lichte  gott  dui'ch  seine  eigene  waffe  umkomt.  Hierher  gehört  auch 
die  erscheinung  Baldrs,  wie  wir  sie  namentlich  aus  Saxo  kennen,  und  dieser  lässt 
sich  nicht  als  blitzdämon  auffassen. 

Soviel  neues  auch  Meyers  buch  enthält,  so  belehrend  es  auch  an  so  vielen 
stellen  ist,  so  kann  ich  mich  doch  von  der  richtigkeit  seines  Schlussresultates  nicht 
überzeugen.  Auf  germanischem  gebiete  kann  ich  weder  die  ganze  reihe  seines  indo- 
germanischen urmythos  finden,  noch  eine  nachweisbare  Übereinstimmung  in  einzelnen 
pimkten  imd  dies  weder  in  den  heroen-  noch  in  den  göttennythen.  Auf  den  gebieten 
der  anderen  mythologlen  mag  es  vielleicht  besser  bestellt  sein;  ich  mag  hier  kein 
ui-teü  über  die  benutzung  der  quellen  fäUen ;  auf  dem  gebiete  der"  germanischen  hat 
Meyer  die  gesamte  Überlieferung  aus  alter  und  junger  zeit,  die  deutsche  und  die 
nordische  zusammengeworfen  und  sich  hiervon  das  herausgenommen,  was  für  den 
von  ihm  aufgestelten  mythos  sich  eignete.  Nicht  alle  punkte  habe  ich  herausgegrif- 
fen, che  mir  von  einer  historischen  betrachtimg  unserer  mythischen  quellen  aus 
imhaltbar  erschienen,  allein  ich  glaube,  sie  genügen  für-  die  behauptung:  wenn  wir 
das  imhaltbarc  der  parallelen  abziehen,  so  bleibt  nicht  viel  mehr  als  die  Überein- 
stimmung übrig,  die  väv  bei  fast  allen  auch  nicht  indogermanischen  Völkern  finden, 
wie  sie  auch  Meyer  gern  einräumt  (s.  675),  eine  Übereinstimmung,  die  ich  mir, 
mit  MüUenhoff  zu  sprechen,  aus  der  tri-sialen  Wahrheit  erkläre,  dass  die  gleichheit 
der  menschlichen  und  der  umgebenden  äusseren  natur,  soweit  sie  reicht,  überall 
ähnliche  erscheinimgen  auch  in  der  weit  des  geistes  erzeugt. 

LEIPZICx,    JAN.    1888.  E.    MOCtK. 


346  KAUFFMANN 

W.  Wilmaiius,   Beiträge   zur  gesohiuhtc  clor  älteren  deutsclieii  litteratur. 

Heft  3.     Der  altdeutsche  reimvers.     Bonn,   Eduard  Webers  verlag   (Julius 

Flittner).    1887.     152  s.    8.    4  m. 

Die  vorliegende  Untersuchung  bezweckt  eines  der  bedeutsamsten  ereignisse  der 
ältei'en  deutschen  litteraturgeschichte ,  die  einführung  des  reimverses,  an  band  seiner 
rbytbmischen  struktur  und  deren  Verhältnis  zum  alliterationsvers  aufzuklären.  Es 
ist  schon  viel  dariiber  behauptet,  nichts  annehmbar  gemacht  worden.  Der  grund 
lag  im  wesentlichsten  darin,  dass  die  ansichten  über  den  rhythmischen  bau  der  alli- 
terierenden lang-  resp.  halbzeile  zu  keinen  endgültigen  ergebnissen  gelangt  waren; 
verlorene  liebesmüh,  auf  schwankendem  boden  feste  anhaltspunkte  finden  zu  wollen. 
Es  ist  bekantlich  das  verdienst  von  Sievers,  die  rhythmik  des  germanischen  alHtera- 
tionsverses  auf  grund  einer  zahlenmässigen  Statistik  festgestelt  zu  haben.  Bereits 
sind  seine  resultate  gemeingut  der  wissenschaftlichen  arl)eit  geworden.  Ganz  im  sinne 
der  Sieversschen  forschung  bewegt  sieh  Wilmanns.  Der  Verfasser  tritt  meist  hinter 
seinem  stoff  zurück,  er  gibt  uns  zunächst  eine  höchst  dankenswerte  Statistik  und  wir 
erhalten  auf  diese  weise  einen  ungetrübten  einblick  in  die  tatsächlichen  Verhältnisse; 
die  Schlussfolgerungen  entwickeln  sich  auf  grund  einfacher  combinationen ,  so  dass 
der  leser  immer  das  woltuende  gefühl  hat,  klar  zu  sehen. 

Wilmanns  führt  zuerst  (s.  3  —  7)  in  die  ge schichte  der  studieu  über 
den  ahd.,  speciell  Otfridschen  versbau  ein;  es  kam  insonderheit  darauf  an,  den  Stand- 
punkt gegenüber  den  verwanten  arbeiten  von  Piper  (Über  Otfrids  accente,  Beitr.VUI) 
und  Sobel  (Die  accente  in  Otfrids  evangelienbuch  Q.  F.  XL VIII)  zu  präcisieren. 
Pipers  Untersuchung  enthält  eine  reihe  von  bemerkungen,  denen  man  vornherein 
die  Zustimmung  nicht  versagen  wird,  die  aber  durch  die  entwicklung  des  Verfassers 
keineswegs  als  zutreffend  erwiesen  werden.  Es  konte  nicht  zur  klarheit  seiner 
argumentationen  beitragen,  wenn  er  das  ganze  geheimnis  auf  eine  „rhythmische 
responsion"  oder  eine  „rhythmische  gewichtsausgleichung "  ziuiickführen  wolte, 
begriffe,  die  er  nirgends  befriedigend  erläutci-t  hat.  Sobel,  dessen  ausführuugen* weni- 
ger unter  dem  zwang  einer  vorgefassten  meinung  zu  leiden  haben,  ist  zu  resultaten 
gelangt,  die  schon  durch,  die  algemeinheit  ihrer  formuherung  und  den  mangel  an 
Zusammenhang  die  lösung  der  frage  nicht  fördern  konten,  doch  hat  sich  im  fortgang 
der  Studien  die  von  Sobel  hervorgehobene  dipodische  struktur  als  besonders  zutref- 
fend ergeben.  Wilmanns  hat  vor  allen  früheren  voraus ,  dass  er  sich  auf  feststehende 
anschauungen  über  die  rhythmik  des  alhterationsverses  beziehen  konte,  und  er  führt 
selbst  s.  6  aus,  wie  seine  Studien  erst  durch  Sievers  Publikationen  in  eine  „neue 
bahn "  geraten  seien ,  auf  der  er  zu  Schlüssen  über  die  Vortragsweise  des  alten  verses 
gelangte,  in  der  die  einzelbeobachtungen  ihre  erklärung  und  begründung  fanden. 
Damit  beschäftigt  sich  abschnitt  VIII:  Zur  geschichte  des  altdeutschen  reimverses. 
Ich  glaube,  dass  die  Untersuchungen  des  Verfassers  sich  viel  mehr  zu  einer  „geschichte 
des  Otfridschen  verses"  (s.  130)  gestaltet  haben  würden,  wenn  die  dort  entwickelten 
graudsätze  den  algemeinen  rahmen  für  die  einzelsamlungen  abgegeben  und  als  aus- 
gangspunkt  gedient  hätten.  Wenn  einmal  die  typenreihe  Sievers  als  gültig  anerkant 
wui'de,  musten  sämtliche  rhythmischen  erscheinungen  bei  Otfiid  auf  sie  bezogen  wer- 
den. Es  ist  dies  aufrecht  zu  erhalten,  wenn  auch  Otfrids  vers  sich  „nicht  rein  aus 
der  alliterierenden  langzeilo  entwickelt,  sondern  der  vers  der  kirchlichen  hymnen  die 
Umbildung  gefördert  und  beeinflusst  hat"  (s.  140). 

Die  Untersuchung  gliedert  sich  in  folgende  abteilungen: 


ÜBER    WILMANNS,    DER    ALTDEUTSCHE    REIMVERS  347 

1.  Lieblingsi'liytJiinou  s.  8  —  45.  „Wenn  m;m  Utfrids  verse  liest,  nimt 
man  leicht  gewisse  lieblings-rhythmeu  und  -kadenzen  wahr,  unter  deren  ein- 
fluss  dichter  und  Schreiber  standen;  der  dichter  Hess  sich  durch  sie  in  der  wähl  und 
fügung  der  werte,  die  Schreiber^  in  der  accentuierung  leiten.  Diese  lieblingsrhythmen 
fasst  die  folgende  Untersuchung  zunächst  ins  äuge."  Diese  sogenanten  lieblingsrhyth- 
men sind  nach  Wilmanus  aus  der  accentuierung  widerzuerkenuen ,  die  rhyth- 
mischen accente  stehen  in  den  weitaus  überwiegenden  fällen  entweder  auf  der  ersten 
und  dritten,  oder  zweiten  und  vierten,  oder  nur  auf  der  zweiten  hebung,  diese  drei 
hauptmögiichkeiten  werden  kurz  als  form  1.  3,  form  2.  4,  form  2  (lieblingsrhythmen) 
bezeichnet,  vgl.  1)  then  änagiu  ni  füarit  II,  1, 11.  2)  joh  in  seive  ubar  äl  II,  1,  36. 
3)  t/ia.^„  was  nu  wörolt  scanta  II,  2,  20  usw.  Form  1.  3  findet  sich  nach  WiLmanns 
samlungen  im  ersten  halbvers  3935,  im  zweiten  3634  mal,  bei  form  2  sind  die  zah- 
len 1233:2132,  bei  form  2.  4  nur  937:619;  andere  formen  bleiben  im  ersten  halb- 
vers 099,  im  zweiten  719,  (der  zweite  und  dritte  ictus  wird  im  ersten  halbvers  194 
mal,  im  zweiten  136  mal  accentuiert).  Die  bodeutung  der  üeblingsrhythmen  zeige 
sich  auch  im  verhalten  der  handschrift  P.  Seltenere  versfoi'men,  wie  accentuierung 
der  ersten  hebung  oder  der  dritten  oder  der  ersten,  zweiten  und  dritten;  ersten, 
dritten  und  vierten  usw.  in  V  erscheinen  häufig  in  P  in  die  lieblingsrhythmen  ver- 
iüidert,  vgl.  s.  10  fgg.  Jeder  dieser  liebltngsrhji;hmeu  gliedert  sich  in  zwei  formen, 
je  nachdem  die  Senkung  fehlt  („gedrängte  formen")  oder  nicht,  vgl.  1.  3  uuüntar 
uiiard  tho  mdrax, :  hüs  inti  uuenti;  2)  selbes  boton  sine :  joh  fihi  seltsanaz;  2.  4: 
tito  fuarun  UuH  thunili  not  :  ist  ira  lob  joh  giuiidht.  Die  samlungen  haben  das 
interessante  resultat  ergeben,  dass  die  verse  mit  fehlender  Senkung  am  häufigsten  in 
der  form  2  miftretcn.  Verse  der  form  1.  3  zeigen  zwischen  dem  ersten  und  dritten 
ictus  meistens  einen  regelmässigen  Wechsel  von  hebung  imd  Senkung.  Wenn  eine 
Senkung  fehlt,  entbehrt  sie  in  der  regel  der  erste  fuss,  selten  der  zweite,  wie  das 
s.  16  fgg.  näher  dai'gelegt  wird,  ausnahmen  s.  46  fgg.  Bei  versen  wie  %it  joh  thiu 
regula,  joh  allo  thio  xiti,  in  denen  dem  dritten  ictus  ein  einsilbiges  wort  vorangeht, 
fragt  es  sich,  ob  dieses  oder  die  vorhergehende  silbe  (einsilbiges  wort  oder  endsübe) 
den  ictus  trägt.  Wilmanns  meint ,  es  sei  kein  zweifei ,  dass  bei  weitem  in  den  meisten 
versen  dieser  art  das  dem  acccnt  vorausgehende  einsilbige  wort  nicht  gehoben 
werden  dürfe,  -weil  gerade  solche  Wörter,  denen  ein  spraclilicher  ton  nicht  zukomt 
(doch  vgl.  die  beispiele  s.  53  anm.  2)  an  dieser  stelle  mit  vorhebe  gebraucht  werden 
und  üinen  immer  ein  wort  vorangeht,  das  den  zweiten  ictus  tragen  könne  (einsil- 
biges oder  zweisilbiges  mit  langer  stamsilbe).  In  versen  wie  xi  tms  riht  er  hörn 
heiles  I,  10,  5.  tha§  minu  toerh  suinen  II,  13,  18  u.  a.  wenigen  glaubt  Wilmanns, 
woran  kein  zweifei  sein  kann,  dem  Substantiv  den  ton  nicht  vorenthalten  zu  dürfen 
(vgl.  auch  s.  23  §  12).  Es  ist  für  uns  in  den  andern  fällen  nicht  mehr-  möglich  fest- 
zustellen, wie  im  einzelnen  der  autor  gelesen  haben  wolte  (Wilmanns  s.  20),  es  gilt 
auch  hier  das  grammatische  nebentongesetz,  wonach  die  hervorhebung  der  einzelnen 
süben  im  satz  eine  frei  wechselnde  ist;  die  vortragsmelodie  ist,  soweit  nicht  durch 
logische  principien  fixiert,  abhängig  von  den  wechselnden  Stimmungen,  die  ihren 
sprachlichen  ausdruck  eben  in  der  wechselnden  gruppierung  der  nebentöne,  in  unse- 
rem fall  der  rhythmischen  icten  finden.  In  einzelnen  fällen  wie  rufst  er  nan  härto 
IV,  31,  6  weist  das  enclitische  pronomen  auf  rhythmische  nachdruckslosigkeit ,  dagegen 

1)  Wilmanus  legt  die  ausgäbe  von  Erdmann  zu  grund  und  folgt  ihm  auch  iii  der  kritü;  der 
accente.  In  V  stammen  diese  von  der  band  des  correctors  (Otfrids  selbst?)  vgl.  Erdmann  ausg.  s.  XV; 
den  Schreibern  von  P  hat  die  accentuierte  handschrift  V  vorgelegen ,  ebenda  s.  XLII.  XLVI. 


348  KAÜFF^UNN 

glaube  ich  niclit,  dass  IV,  33,  17:  drüliün  min,  drühtiii  vitn  möglicli  wäre.  Dass 
in  versen  wie  tlia:^  sie  erdrichi  xaltin,  ciltfäter  vmrer  usw.  "Wümanns  abstufung 
zutiift,  ist  ebenso  zweifellos,  als  in  guatemo  lande  sowol  güatemo,  wie  güatemd  auch 
vor  dem  ictus  stathaft  ist,  in  einem  falle  wie  kindilin  tninu  IV,  13,  3  ziehe  ich 
unbedenklich  kmdilin  vor  (vgl.  s.  109  anm.  1).  Meiner  meinung  nach  ist  hier  jeg- 
licher Schematismus  vom  übel. 

Bei  dem  Heblingsrhythmus  2.4  liegen,  was  das  Verhältnis  der  halbverse  betiift, 
die  dinge  ganz  ähnlich,  und  zwar  fehlt  die  Senkung  des  zweiten  fusses  sehr  viel  häu- 
figer als  die  des  dritten  (§§  16.  19).  In  verseu  der  form  2  ist  gleichfals  im  zweiten 
fuss  syncope  der  Senkung  zahli'eich,  gewöhnlich  fehlt  sie  dann  aber  auch  im  diitten 
fuss,  so  dass  der  vers  in  drei  silben  austönt,  deren  jede  einen  ictus  trägt:  ouh  sel- 
bun  biicih  frono  I,  1,  29  usw.  Der  zweite  halbvers,  in  welchem  die  form  2  fast 
noch  einmal  so  oft  als  im  ersten  erscheint,  zeigt  verhältnismässig  dieselbe  technik 
wie  der  erste. 

In  der  zusammenfassenden  Übersicht  s.  40  fgg.  komt  Wilmanns  zu  dem  resul- 
tat,  dass  die  formen  1.  3  und  2  die  neigung  zu  absteigender  beton ung  im  versschluss 
teilen,  während  2.  4  den  lezten  ictus  hebe.  Die  „gedrängten  formen"  begegnen 
öfter  im  zweiten  als  im  ersten  halbvers,  in  jenem  ist  form  2  mit  fehlender  Senkung 
im  zweiten  und  dritten  fuss  sehr  verbreitet,  hier  finden  namentlich  die  „schweren, 
dreisilbigen  Wörter,  die  mit  zwei  langen  silben  beginnen,  ihren  platz",  vgl.  die  tabelle 
s.  41  anm.  1. 

Mit  dem  nachweis  der  „  Heblingsrhythmeu "  ergibt  sich  ganz  von  selbst  das 
sichere  resultat,  dass  die  „übliche  Vortragsweise  einen  der  ersten  icten  nachdrücklich 
hervorzuheben  liebte"  s.  41.  Für  die  form  3  finden  sich  nach  Wilmanns  nui'  163 
verse  und  davon  sind  in  P  niu'  26  el)enso  accentuiert;  für  die  form  4  kent  "Wilmaims 
nur  12  stellen,  in  P  stimt  dazu  nur  eine  einzige;  in  V  ist  zweimal  3.  4  vertreten, 
vgl.  s.  41  fg.  anm. 

Für  die  acceutsetzung  (d.  h.  mit  anderen  worteu  hervorhebung  beim  deklama- 
torischen voi-trag)  komme  nun  aber  nicht  blos  die  bedeutung  des  wortes  im  satze  in 
betracht,  sondern  auch  die  länge  des  wortes  imd  seine  Stellung  im  verse.  .nDei" 
hauptton  eines  wortes,  welches  zwei  oder  gar  drei  füsse  einnimt,  jst  naturgemäss 
stärker,  als  der  eines  wortes,  das  auf  einen  fuss  beschränkt  ist,  z.  b.  stärker  in 
scouuuönti  und  scoihmdn  als  in  scouuon"'  (doch  nicht  =  scouon?).  Daraus  leitet 
mm  "Wilmanns  in  strenger  conseq^uenz  die  tatsache  ab,  dass  wenn  ein  wort  niit  drei 
hebungen  den  schluss  des  verses  bildet,  der  eingangsictus  des  verses  als  weniger 
kräftig  unbezeichnet  bleiben  kann,  auch  wenn  er  auf  ein  woii  fält,  das  nach  seiner 
Stellung  im  satze  recht  wol  tonfähig  ist  s.  42,  z.  b.  thie  krisfes  ältmaga,  -xi  gotes 
änalusti  usw.,  selbst  einem  dreihebigen  v  erb  um  ordne  sich  demgemäss  das  nomen 
unter:  theii  brunnoii  reinota;  ja  sogar  ein  zweihebiges  nomen  erhebe  sich  auf  grimd 
dieses  algemeingesetzes  über  ein  einhebiges:  %i  kristes  houbiton  saz  usw.  Da  nun 
ferner  die  stärke  des  zweiten  ictus  in  solchen  verseu  darauf  beruhe,  dass  ihm  der 
dritte  und  vierte  untergeordnet  wird  (was  auch  in  woitverbindungen  einti'eten  könne), 
so  folge  daraus,  dass  auch  ein  einhebiges  wort  im  zweiten  fuss  den  hauptaccent  tra- 
gen könno,  wenn  nur  der  folgende  ictus  sich  ihm  unterordne:  ther  alto  seäle  siner, 
ja  sogar  bei  verben:  xi  gote  rihta  si  iru  muut.  Alles  komt  zunächst  darauf  an, 
was  sich  "W^ilmauns  bei  der  „ uuterordnmig "  denkt,  wir  hören  darüber  nui',  sie  sei 
in  der  Wortverbindung  begründet  s.  43  fg.     Zunächst  sei  das  Verhältnis   des  ersten 


ÜBER   WILMANNS,   DER   ALTDEUTSCHE   REUIVERS  340 

und  zweiten  ictus  massgebend.  Mit  der  helniug  des  ersten  ictus  ist  in  der  regel 
(„ lieblingsrhythmus ")  die  des  dritten  verbunden,  fält  dieser  ani'  eine  schwache  silbe, 
so  konte  sie  dem  zweiten  ictus  untergeordnet  werden  und  dann  erhielt  vor  dem  ver- 
stärkten zweiten  ictus  auch  die  erste  keinen  aceent.  Die  consequenz  sei  nicht  so 
straff  im  verhältuiss  der  zweiten  zur  vierten  hebung.  Als  erklärungsgrund  für  die 
Übermacht  der  form  2  im  zweiten  halbvers  nimt  Wilmanns  an,  dass  der  dichter  die 
reime  noch  nicht  breche,  die  halbverse  hängen  syntaktisch  zusammen,  am  schluss 
des  ersten  bleibe  die  stimme  gehoben,  im  zweiten  senke  sich  die  satzmelodie.  Mit 
erhebung  der  stimme  ist  Verstärkung  des  tons  keineswegs  identisch,  aber  "Wilmanns 
kann  doch  nicht  lunhiu  anzunehmen,  dass  dieselbe  dadurch  „begünstigt"  werde,  ton- 
erhebung  bringe  eine  „ähnliche  Wirkung"  hervor,  daher  die  accentuierten  personal- 
prouomina  am  ende  der  halbverse  (vgl.  s.  48  anm.  1)  usw.  Es  ist  widei'um  nur  con- 
sequent,  wenn  ^Vilmanns  aus  dem  überwiegen  der  „mächtigen"  form  2  im  zweiten 
halbvers  folgert,  dass  „dervoiirag  es  liebte,  den  hauptnachdmck  in  den  zweiten  halb- 
vers zu  legen,  wie  in  der  alliterierenden  langzeile  der  hauptstab  dem  zweiten  halb- 
vers angehöi-t."  Die  ganze  erörteruug  knüpft  sich  an  eine  kette  hyi)othetischer  prä- 
missen,  die  für  sich  betrachtet  wie  in  ilu'en  cousequeuzen  kaum  Zustimmung  finden 
werden. 

Das  IL  kapitel  s.  46  —  52  behandelt:  Fehlen  der  Senkung  vor  stark  be- 
tonter silbe.  Hier  ergeben  sich  sehr  charakteristische  beobachtungen ,  mit  denen 
Wilmanns  nicht  ganz  ins  reine  zu  kommen  vermag.  Nach  dem  bisherigen  ergibt 
sich,  dass  die  Senkung  in  A-ielen  fällen  vor  einer  höchst  betonten  silbe  nicht  fehlte, 
Wilmanns  drückt  sich  aus,  „dass  das  fehlen  der  Senkung  vor  den  höciistbetouten 
Silben  nicht  'beliebt  war."  Es  werden  mm  die  verse  zusammengestelt,  in  denen 
syncope  der  Senkung  vor  den  mit  accenten  versehenen  silben  belegt  ist.  Diese  aus- 
nahmen sind  sehr  belangreich  und  lassen  strenge  formuherung  einer  bestimten  regel 
kaum  zu  (vgl.  s.  127,  5).  Namentlich  stösst  sich  Wilmanns  an  der  häufigen  accent- 
sctzung  in  ivar  min  (nur  selten  war  min;  so  auch  IV,  20,  39  P),  analog  friiint 
min  u.  a.  (es  war  zu  bemerken,  dass  II,  12,  37  in  P  friunt,  und  ebenda  HI,  20, 
149  miiat);  um  das  System  festzuhalten,  nimt  Wilmanns  an,  dass  min  vielleicht 
mehr  durch  die  höhe  als  durch  das  ge-nicht  des  tones  hei-vorgehoben  sei  (vgl.  auch 
s.  53  anm.  2).  Inconsequent,  vom  Wilniannsschen  Standpunkt  aus,  scheint  mir  auch 
die  annähme  bei  acccntuierung  zweier  aufeinanderfolgender  hebungen,  z.  b.  er  santa 
man  indnage  I,  20,  3  V  oder  ältquma  I,  4,  29  usw.  von  einem  „relativen"  wert 
des  ictus  zu  reden. 

Cap.  m.  Umfang  der  füsse  s.  52  — 66.  Es  handelt  sich  hier  um  die  mehr- 
silbigen Senkungen:  der  umfang  der  füsse  nimt  nach  dem  versende  zu  ab.  Mehrsil- 
bige senlvungen  sind  im  ersten  fuss  sehr  viel  häufiger  als  im  zweiten,  in  diesem  häu- 
figer als  im  dritten;  sehr  interessant  ist  das  ergebnis,  dass  bei  mehrsilbiger  Senkung 
die  betonte  silbe  im  zweiten  fuss  beinahe  immer,  im  dritten  ausnahmslos  kurz 
ist.  Eine  reihe  sehr  treffender  bemerkungen  enthält  §  46.  Hier  macht  Wilmanns 
zunächst  darauf  aufmerksam,  dass  die  silbenzahl  sehr  häufig  nur  für  das  äuge  das 
gewöhnliche  mass  übersteig-t,  nicht  für  das  ohr,  ein  gesichtspunkt,  den  Wilmanns 
sehr  geschickt  in  abschnitt  IV  und  V  ausgebeutet  hat,  z.  b.  tho  gab  er  imo  änt- 
tcurti  H,  4,  91  liest  Wilmanns  tho  gab  erm  änticurti  u.  a.  Es  kann  keinem  zweifei 
unterliegen,  dass  die  enclitischen  formen  viel  häufiger,  als  die  haudschriften  sie  setzen, 
gesprochen  worden  sind;  so  interessante  fingerzeige  Otfrids  Schreibung  imd  diakritische 
zeichen  abgeben,    es  w^erden  sich  leider  nie  gesctze  füi-  ihre  vorwendimg  und  aus- 


350  KATIFFMANN 

dehmmg  feststpUeu  lassen^.  Auf  eiue  kiu'ze  stamsilbe  folgen  zwei  Senkungen  sehr 
viel  öfter  als  auf  eiue  lange;  davon,  dass  durch  eine  sogenante  „ silbenverschleifung " 
auf  der  hebung  ein  wert  oder  eine  Wortverbindung  der  form  vi-^w  für  den  dichter 
den  wert  eines  trochäischen  oder  spondeischen  wortes  gewonnen  habe,  kann  nicht 
die  rede  sein  (s.  64.  128,  7 — 9),  bekantlich  muss  dies  immer  wider  hervorgehoben 
werden.  "Weniger  definitiv  hat  sich  Wümanns  über  schwebende  betonung  aus- 
gesprochen, wenn  er  solche  z.  b.  für  unreini  I,  14,  12  zulässt,  hat  sie  eben  ihren 
actuellen  grund  in  der  gewöhnlichen  rede.  —  Ygl.  zu  diesem  kapitel  noch  die  zusam- 
menfassenden bemerkungen  §99,  7  fgg.  100  bezüglich  der  mit  Pauls  auffassimg  sich 
deckenden  „gesteigerten"  und  „ reducierten "  längen. 

IV.  Zweisilbige  wörter  in  der  Senkung  s.  66  —  72.  Die  „regel",  dass 
zweisilbige  wörter  nicht  in  der  Senkung  stehen,  erleidet  nach  "Wümanns  die  aus- 
nahmen (§  47),  dass  die  artikelformen  thera,  iheru,  thero  häufig,  andere  mehrsilbige 
Wörter  sehr  selten  in  der  senkimg  stehen  (§48);  im  auftakt  sind  zweisilbige  wörter 
zulässig,  drei  silben  belegt  "Wilmamis  14,  vier  silben  Imal  (V,  9,  23'*);  die  meisten 
stellen  kommen  auf  den  zweiten  halbvers. 

"V".  Elision  und  synalöphe  s.  72  —  92.  Unbetonte  vokale  können  sowohl 
im  an-  als  auslaut  vor  folgendem  resp.  nach  vorhergehendem  vokal  verstummen. 
„Die  algemeine  regel  ist,  dass  der  auslautende  vokal  der  endsilben  und  der  selb- 
ständigen Wörter  mit  kurzem  vokal  unterdrückt  wird,  dagegen  langer  vokal  oder 
diphthong  selbständiger  wörter  stand  hält,  die  unterdrtlckung  des  anlautenden 
Vokals  ist  fakultativ  und  auf  einzelne  fälle  beschränkt  s.  72  fg.  1)  Elision  der 
endsilben.  Gewöhnlich  haben  sie  die  Schreiber  dem  leser  überlassen.  "W^'ilmanns 
nimt  mit  fug  und  recht  an,  dass  die  elision  nicht  als  eine  wilkürliche  Satzung  der 
metrischen  kunst  zu  betrachten  sei,  sondern  als  in  der  gesprochenen  spräche  begrün- 
det. Es  liegt  nahe  sich  dafür  auf  die  heutigen  mimdarten  zu  beziehen.  Die  beobach- 
tung  ergibt,  dass  ehsion  bei  weitem  nicht  so  häufig  eintritt,  als  "Wümanns  fürOtfrids 
Sprache  verlangt;  es  darf  auch  hier  nicht  schematisiert  werden.  Nicht  selten  sieht 
sich  "Wümanns  veranlasst,  den  hiatus  zuzulassen  (s.  74  fgg.  u.  a.),  was  nach  mass- 
gabe  der  dialekte  durchaus  zxüässig  ist  und  von  "Wümanns  sehr  viel  weiter  hätte 
ausgedehnt  werden  dürfen.  2)  Elision  selbständiger  wörter  (§  54  fgg.)  ni,  zi, 
bi,  thi,  the,  gi.  tm  usw.  "W^ie  eine  Schreibung  siiix  =r  si  iu  ix  IV,  15,  3  u.  a. 
(§  61)  beweist,  muss  die  regel  auch  auf  diphthongischen  ausgang  (§  56)  erstreckt 
werden,  dasselbe  gut  für  wio  (s.  80),  vgl.  z.  b.  "^"inteler  Kerenzer  mundart  s.  116. 
Volle  Zustimmung  verdient  die  ansetzung  von  doppelformen  mit  langem  und  kur- 
zem vokal  bei  si  (conj.),  thu,  so  (s.  81  fgg.).  Der  zAviefachen,  geschichtlich  ent- 
wickelten ausspräche  der  formen  sia,  sie  {:  sa,  se)  usw.  gemäss,  können  diese  wörter 
auch  im  verse  verschieden  behandelt  werden  (§  61),  der  artikel  verschmüzt  mit  der 
folgenden  sübe  (§65),  z.  b.  theuuangelionY^  25,  33,  lauter  dinge,  welche  die  gram- 
matik  ad  notam  zu  nehmen  hat. 

VI.  Ictus  und  wortaccent  s.  92  — 124.  Hier  ist  mancherlei  wider  auf- 
genommen, was  "Wümanns  bereits  Z.  f.  d.  a.  27  behandelt  hat,  wovon  wir  hier  abse- 
hen. Ich  hebe  daraus  hervor:  „Im  zusammengesezten  wort  pflegi  die  zweite 
stamsübe  sich  der  ersten  unterzuordnen.  Daraus  folgt,  dass  in  den  handschiiften 
nui'  die   erste  einen  accent  erhält  und  im  verse   entweder  beide  einen  ictus  tragen 

1)  Man  solte  derartiges  auf  die  zeitgoiiossisclie  wie  namentlich  auch  z.  b.  auf  die  spätere 
Spielmannsdichtung  üherti-agen ,  leider  sind  Schreibungen  -wie  im  "Wessobrunner  glauben  Denkm.  -  238  fg. 
(worauf  mich  gütigst  herr  prof.  Lucae  aufmerksam  macht)  nicht  häufiger ,  aber  um  so  weitvoUer. 


ÜBER    WILirANNS,    DER    ALTDEUTSCHE   REHMVERS  351 

odor  nur  die  erste.  Doch  zeigen  handsclirift  und  vors  aus  nahmen.  AVir  finden 
einen  acceut  auf  beiden  stamsilben,  oder  nur  auf  der  zweiten  und  die  erste 
kann  in  der  Senkung  stehen.  Diese  ausnahmen  müssen  entweder  in  der  spräche 
oder  im  metrischen  voiti'age  begründet  sein.  Das  erste  ist  anzunehmen,  wenn  in 
gewissen  bilduugen  die  erste  silbe  nie  gehoben  wird;  das  zweite  kann  der  fall  sein, 
wenn  die  erste  silbe  mir  ausnahmsweise  in  die  Senkung  tritt"  (s.  93  fg.)  vgl.  drüt- 
theganon  I,  28,  11.  drutmhinisgon  IT,  11,  35  ii.  a.  "Wilmanns  erklärt  diese  auf- 
fallende, vielbesprochene  tatsache  daraus,  dass  „die  hauptictus  der  lieblingsrhythmen 
die  accentuatiou  beeinflusst "  hätten.  Man  betonte,  wenn  die  erste  stamsilbe  den 
ersten,  die  zweite  den  zweiten  ictus  trägt,  der  dritte  aber  auf  eine  unbetonte  silbe 
fiel,  die  zweite  stamsilbe  und  wählte  die  form  2"  (s.  94):  in  himilgiialliehi  V.  4, 
53  u.  a.  Wilmanns  uuiss  dies  sofort  einschränken:  „selbst  wenn  der  dritte  ictus 
auf  ein  selbständiges  oder  schwach  betontes  woii  fält,  kann  diese  form  vorgezogen 
werden":  tliiu  hellipörta  uhar  thaz  III,  12,  35;  ähnlich  will  er  sogar  drutliut  sinan 
I,  7,  19  erklären  (vgl.  s.  117  anm.  1),  allein  auch  für  Wilmanns  bleibt  es  noch 
„merkwürdig"  (s.  95),  dass  einigemal  die  form  2  vermieden  ist:  alle  dagafristi 
I,  10,  18  u.  a.  Unklar  ist  es  mir  geblieben,  was  Wilmanns  damit  meint,  wenn  er 
fortfährt:  „In  allen  diesen  versen  fand  jedenfals  nur  eine  geringe  Verschiebung 
der  natürlichen  tonverhältnisse  statt;  in  manchen  vielleicht  gar  keine"  (s.  95)  vgl. 
oben:  „man  betonte  die  zweite  stamsilbe."  Gilt  hier  dasselbe  was  s.  96,  12  aus- 
gesprochen ist:  „hier  war  es  Sache  des  vortragenden  durch  schwebende  betonung 
auszugleichen,  d.'  h.  den  durch  den  accent  bezeichneten  ictus  zu  massigen"?  auch 
§74  hören  wir:  „Einige  verba  erfaJiren  unter  ähnlichen  bedingungen  wie  die  nomina 
eine  Verschiebung  des  haiiptaccents " :  fuaxfällonti  1 ,  5 ,  50  u.  a.  ^  §  92  wird 
dann  angenommen,  dass  tue  zweite  stamsilbe  auch  ungehoben  bleiben  könne  1)  in 
der  Senkung  vor  einer  andern  stamsilbe,  z.  b.  äntdag  I,  14,  1,  IdntUiä  II,  3,  34 
u.  a.  2)  wenn  sie  sich  einer  sprachlich  minderbetonteu  bildungssilbe  unterordne: 
fleisl'ichemo  U,  2.  29;  ewartd  IV,  19,  57  usw.  Der  rhythmus  führe  hier  gleichfals 
zu  einem  widerstreit  zwischen  woii-  und  versacceut,  „den  der  vortragende  durch 
schwebende  betonung  auszugleichen  hatte",  lauter  dinge,  die,  wie  ich  glaube,  auch 
noch  anders  aufgefasst  werden  können.  —  Den  beschluss  büdet  eine  sehr  geschickt 
angelegte  zusammenfassende  Übersicht  s.  125 — ^130.  In  einem  anhang  s.  140 
— 152  werden  noch  die  kleineren  ahd.  gedichte  behandelt. 

VIII.  Zur  geschichte  des  altdeutschen  reimverses  s.  130  — 145- 
„Die  geschichte  des  Otfridschen  verses  zu  schreiben,  war  nicht  meine  absieht,  aber 
nach  der  mühseligen  Untersuchung  wird  man  es  mir  gestatten,  das  thema  mir  selbst 
xmd  dem  leser  zuj-  erholung  wenigstens  zu  berühren."  Die  kritik  hat  sich  folglich 
diesem  kapitel  gegenüber  auf  einen  andern  Standpunkt  zu  stellen.  Wir  erhalten  hier 
eine  zu  knappe  vergleichung  der  „lieblingsrhythmen"  mit  dem  fünftypen- 
system  der  alliterationsdichtung;  die  aus  dem  Charakter  des  buches  heraus- 
tretenden, subjektiver  gefäi'bten  erörterungen  s.  140  fgg.  enthalten  manches  nach  mei- 
ner meinung  umichtige. 

Es  ist  Wümanus  gelungen,  s.  131  fgg.  die  von  Sievers  aufgestelten  tjq^en 
ABCDE    mit    ausnähme    des    lezten    (§109)    an    band    der    rhythmischen  accente 

1)  In  der  liste  §  78 ,  s.  101  entscheide  ich  mich  ohne  hedenken  gegen  Wilmaims  für  die  s.  102 
anm.  2  ausgesprocheue  mögliclikeit  imd  lese  z.  h.  thlu  drma  müater  min  I,  2,  2,  nicht  muati^  min  usw., 
■welche  „ungewöhnlichen  hetonungen"  dadurch  entstehen,  weiss  ich  nicht;  so  man  %i  frmuuu  sdd, 
so  sun  si  miiatcr  scäl,  tliix  Ist  der  ander  päd  usw. 


352  KAtTFFMANN 

Otfrids  widerzuerkenneu,  vgl.  A  f'nigar  fJ/manJ,  2,  3  (-^  x  |  —  x),  mähtiri  druhtin 
1,  7,  9  usw.  (§§  79.  104).  Tu  dieser  einfachsten  form  nur  spärlich  erhalten,  bildet 
dieser  typus  die  grundlage  für  die  von  Wilmanns  als  form  1.  3  („liebhngsrhythmus") 
bezeichnete  versart,  die  form  2.  4  wird  mit  B  (X-^  |  X—)  ideutificiert  (§  105  fg.) 
z.  h.  joh  ther  heilogo  geist  I,  8,  24,  ni  lax  dir  %U  thes  ingdn  I,  1,  48  u.  a.  Die 
form  2  findet  "Wilmanns  in  Sievers  C  wider  ( X  -i  |  ^  x )  in  unsemo  dnnuxxe  V,  2, 
4;  sinax,  körn  reinot  I,  1,  28  usw.  und  vereinigt  damit  auch  die  alten  D- formen 
U  I  i^^X  oder  J-\>^Xi-)  z.  b.  ftiaxfdllonti  I,  5,  50,  thegan  Hnfalton  II,  7,  55 
u.  a.  Der  typus  E  komme  für  Otfrid  nicht  in  betracht,  (grandformen  -l:^x.  \  j. 
oder  -1  X  :^-  |  ^);  wenn  sich  ihm  auch  die  uebenform  1.  4  zur  seite  stelle,  der  bau 
der  verse  zeige  sonst  keine  verwantschaft.  Es  scheint  mir  unberechtigt,  diesen  typus 
auszuschliessen,  während  doch  die  gesteigerten  E- verse  (-^  x  x  |  -^x)  unter  einer 
allerdings  ebenfals  nicht  zulässigen  verquickung  mit  A-versen  (§  104  anm.),  zugelas- 
sen werden:  mummonto  säzi  III,  26,  30.  Der  einfache  typus  E  erscheint  unzwei- 
deutig, z.  b.  sehs  dagon  fora  tMu  IV,  2,  5  (vgl.  im  Heliand  sibun  uuintar  samad 
520  Beitr.  XII,  343,  3),  alaheziron  win  11,  9,  88,  frö  tmdriin  sie  sin  VIV,  2,  8 
XI.  a.  Im  lezten  beispiel  sind  die  drei  icten  auffällig,  um  so  interessanter,  dass  P 
fro  nicht  mit  accent  versehen  hat,  obwol  kein  zwcifel  sein  kann,  dass  es  das  Stich- 
wort der  halbzeile  bildet.  Die  frage  nach  den  E-versen  hängi  demnach  mit  der 
principi eilen  aiiffassung  der  rhj-thmischen  accentuierung  bei  Otfrid  zusammen,  die  im 
anschluss  hieran  nochmals  erörtert  werden  soU;  es  möge  au  dieser  stelle  genügen, 
den  E-tyims  belegt  zu  haben,  vgl.  jezt  auch  Sievers  Beitr.  XIII,  156. 

Es  handelt  sich  zunächst  uin  eine  accentuierung  wie  ebcmeicigan  I,  5,  26; 
fihuuuiari  V,  fihu  nuiari  P  III,  4,  3;  n-olaivilligun  III,  10,  17;  Jiimilgüalliehi 
V,  4,  53;  ißixodspentare  V,  8,  36;  drtämennisgon  V,  11,  35  u.  a.  (vgl.  §  72). 
Wenn  wir  Averse  finden  wie  in  himilriche  ouh  thax^  ist  uudr  IV,  9,  28  Y  {himil- 
riche  P);  baldl/cho  so  imo  %dm  IV,  35,  1  V  (hdldUeho,  erster  accent  getilgt,  P), 
so  erklärt,  wie  schon  angedeutet,  Wilmamis  die  auffällige  accentsetzung  dui'ch  ein- 
fluss  des  „lieblingsrhythmus"  2,  allein  auch  für  "Wilmanns  bleibt  es  merkwürdig,  dass 
der  „lieblingsrhythmus"  in  ganz  analogen  fällen  vermieden  ist:  alle  dagafristi 
I,  10,  18;  joh  ihen  adalerbon  IV,  6,  8;  es  erscheint  so  mehr-  als  wilkürlich,  wenn 
so  leidlicho  mi  rüagtun  III,  17,  54  V,  {leidlicho  P)  als  „versehen"  betrachtet  wü'd, 
während  haldlicho  IV,  35,  1  V  (s.  o.)  passieren  kann,  nur  eben  weil  die  lieblings- 
form  2  gewahrt  ist.  Beitr.  XIII,  162  fgg.  hat  sich  auch  Sievers  über  diese  erschei- 
nung  unter  dem  titel  „Das  Verhältnis  der  accente  zu  wort-  und  satztou"  geäussert. 
Als  oberstes  piiucip  für  die  Setzung  der  accente  nimt  Sievers  das  rhythmische  und 
daraus  folge,  dass  Otfrid  den  natürlichen  wort-  und  satzton  systematisch 
vernachlässige,  wo  er  mit  dem  gewohnten  rhythmischen  Schema  in 
widerstreit  gerate.  Wir  sehen,  dass  Sievers  hier  mit  Wilmanns  zusammengetrof- 
fen ist.  Composita,  deren  zweites  glied  auf  J-^x  ausgeht,  fallen  am  versschlusse 
notwendig  unter  den  typus  D  der  alliterationsdichtung,  andere  D- verse  wie  joh  reht 
niinnonti  I,  4,  8  tragen  nur  einen  accent  und  zwar  an  der  dem  zweiten  stabwort 
entsprechenden  stelle  (so  bereits  Sobel  s.  19  fg.),  und  so  erkläi'e  sich  ohne  weiteres 
eine  accentsetzung  wie  in  fuaxfdllonti  I,  5,  50.  Diese  erkläning  genügt  ebenso- 
wenig für  eine  reihe  ausnahmen,  z.  b.  otmüatige  I,  7,  16.  Schliesslich  bleibt  fitr 
mich  kein  grund  ersichtlich,  waiami  Otfrid  bei  alten  D-versen  die  zweite  hebung  vor 
der  ersten  ausgezeichnet  haben  solte,  während  in  der  alliterationstechnik  die  erste 
hebung  dominierte;    ich   denke  dabei  besonders   an  die  möglichkeit  der  quantitativen 


ÜBER    WILMANNS,    DER    ALTDEUTSCHE    REIMVERS  353 

reductiou  auf  zweiter  hebung  {thiodcuninge  Heliaod  27G7  u.  a.),  ferner  ist  aucii 
Wilmanns  der  ansieht,  dass  wenigstens  in  fällen,  wo  der  erste  Lestandteil  des  com- 
positunis  ein  Substantiv  war,  dieses  entschieden  den  stiirkern  ton  getragen  habe 
(s.  95). 

Ich  glaube,  solche  auomalien  der  rhj^thniischen  accentuatiou  dienen  am  besten 
dazu,  die  absiebten  des  accentuators  erkennen  zu  lassen.  Die  Verteilung  der 
accente  in  V  (so  gut  wie  in  P)  ist  keine  systematische,  so  zahlreich  die  belege 
für  eine  bestirnte  form  sein  mögen,  es  bleiben  immer  ausnahmen  und  reste,  die  ohne 
ersichtlichen  grund  widerstreben.  Ich  brauche  hiefür  keine  belege  zu  geben.  Ob  es 
im  sinne  des  accentuators  lag,  eine  streng  zu  beobachtende  rhythmische  regel  zur  dar- 
stellung  zu  bringen,  mag  eine  offene  frage  bleiben;  nach  beschaffenheit  unserer  Über- 
lieferung ist  es  durchaus  unwahi'scheinlich ,  dass  von  unberufenen  störend  eingegriffen 
worden  wäre.  Es  sind  sicheie  merkmale  vorhanden,  dass  Otfrid  den  bau  der  allite- 
rationszeile  gekant  hat,  andrerseits  kann  es  keinem  zweifei  unterliegen,  dass  dieselbe 
zum  vierhebigen  reimvers  umgestaltet  worden  ist.  Von  den  versen  und  partien  des  Otfrid- 
schen  Werkes,  die  ganz  ohne  rhythmische  accente  auf  uns  gekommen  sind,  abgesehen 
(vgl.  Erdmann  ausg.  s.  XV.  XXXVI.  XLI.  XLIII.  XLIX  fg.)  begegnen  verse  mit  zwei 
accenteu,  ebenso  der  manier  des  alliterationsverses  entsprechend,  wie  die  selteneren 
mit  vier  accenten,  die  volle  scansion  des  reimverses  darstellen:  thu  drühtin  ein  es 
alles  bist  I,  2,  33  V;  giscuffota  sia  soso  i-x,  xmn  IV,  29,  31  V;  ist  ferro  irdriban 
fmi  himile  iix,  V,  21,  8  VP^  Der  recitator  ist  in  diesen  fällen  unzweideutig  ange- 
wiesen. Es  wäre  wichtig,  wenn  sich  ausmachen  Uesse.  ob  die  rhji:hmischen  accente 
in  V  einzig  und  allein  vom  Verfasser  in  sein  handexemplar  eüigetrageu  worden  sind, 
nüt  der  absieht  für  seine  person  sich  anhaltspunkte  für  die  recitation  zu  notieren, 
oder  ob  sie  für  äugen  berechnet  waren,  die  mit  den  eigensten  rhythmischen  Inten- 
tionen des  Verfassers  nicht  vertraut  waren.  Wii'  haben  ziu'  lösung  der  frage  kein 
äusseres  mittel,  man  ist  aber  sehr  zu  einer  entscheidung  in  ersterem  sinne  geneigi, 
weü  es  eben  tatsächlich  unmöglich  gewesen  ist,  feste  voiiragsregeln  daraus  zu  ent- 
nehmen. Ich  meine  ausserdem,  dass  eine  reihe  von  abweichungen  der  acceutuation 
in  P  dahin  gehen,  dem  bedürfnisse  eines  fremden  entgenzukommen.  Wenn  in  V  m 
himilriche  ouh  thax  ist  uiidr  IV,  9,  28  himilriche  P  accentuieit  ist,  könto  man 
daran  denken,  dass  in  V  himil-  ohne  accent  geblieben  ist,  weil  der  betreffende 
acceutuator  selbstverständlich  himil-  beim  voi'trag  accentuierte ,  und  wenn  die- 
ses „selbstverständlich "  für  den  betreffenden  Schreiber  von  P  nicht  galt,  konte  er  es 
wagen,  dem  rhythmisch  stärker  betonten  hiinil-  den  accent  zu  geben  imd  ihn  dem 
schwächer  betonten  -ricJie  zu  entziehen.  Ich  fasse  folglich  verse  wie  fuaxfällonti 
I,  5,  .50  so  auf:  Durchaus  in  Übereinstimmung  mit  den  nachdruoksverhältnissen  der 
Umgangssprache  trägt  fuax-  den  rhythmischen  hauptictus,  der  nicht  bezeichnet  zu 
werden  brauchte;  der  ictus,  der  -fullonti  gegeben  wurde,  bezweckt  der  silbe  den- 
selben grad  von  nachdruck  zu  geben,  wie  ihn  fuax-  besizt,  der  accent 
ist  gesezt,  weil  die  silbe  im  alliterationsvers  nicht  vollen  ictus  getra- 
gen hat,  erst  durch  Verwendung  im  vierhebigen  reimvers  volhebig 
geworden  ist.  Demnach  kreuzen  sich  die  bedürfnisse  des  alliterations -  und  des 
reimverses  und  eben  aus  diesem  compromiss  zwischen  alliterations-  und 
reimvers-technik   kann   die   rhythmische  acceutuation  bei  Otfrid  ohne  rest  gedeu- 

1)  Im  leztereii  falle  ist  die  setzung  der  4  accente  vielleicht  darin  begründet ,  dass  der  vers  nicht 
dipodisch,  sondern  podisch  gelesen  werden  muss ,  vgl.  dazu  Sievers  Beiti-.  Xlll,  124  fgg. 

ZEITSCHRIFT    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.       BD.   XXI.  23 


354  SIEVKRS 

tet  werden.  Der  erklilnmgsgrund  für  die  accente  in  den  einzelnen  versen  ist  dem- 
gemäss  auch  nicht  einheitlich,  sondern  wechselt  mit  den  wechselnden  rhythmischen 
formen.  Entweder  ist  der  zusammenfall  von  prosaischem  silbeuictus  mit  dem  rhyth-^ 
mischen  versictus  nicht  bezeichent  auf  grund  einer  bestirnten  Voraussetzung,  oder 
aber  stelt  der  accent  die  im  neu  eingeführten  vierhebigen  vers  notwendige  betonung 
einer  im  älteren  stile  niu'  nebentonigen  oder  wenigstens  nicht  volhebigen  silbe  dar. 
Gewiss  ist  in  der  mehrzahl  der  fälle  die  Setzung  von  zwei  accenten  durch  den  „lieb- 
lingsrhythmus "  (typus  A,  typus  B;  Sievers  dipodien)  bedingt,  oder  in  alten  C- ver- 
sen nur  ein  accent  wegen  der  rhythmischen  gliederung  des  musterverses  gesezt,  aber 
ich  sehe  keinen  zwingenden  grund  in  widerstreitenden  fällen  eine  Vergewaltigung  der 
gesprochenen  spräche  anzunehmen  (vgl.  auch  Sievers  auffassimg  a.  a.  o.  s.  146  unten). 
Zudem  erscheint  mir  meine  auffassung  der  „  unregelmässigen "  accentuierungen  als 
die  natürliche  consequenz  der  Sieversschen  theorie  von  der  entstehung  des  reimver- 
ses  aus  dem  Übergang  vom  recitierenden  zum  musikalisch  -  taktierenden  Vortrag.  Die 
daraus  sich  ergebenden  „neuen"  versicten  sind  gleichfals  zur  darstellung  gekommen, 
Sievers  Schwankungen  zwischen  verschiedenen  typen  erscheinen  mir  bedenklich.  Bei 
meiner  auffassung  wird  nicht  bloss  das  anstössige  verschieben  des  wortaccents  ver- 
mieden (Wilmanns  s.  23.  42  fg.  93fgg.),  sondern  ich  komme  so  auch  am  einfachsten 
mit  den  anomalien  des  versrhythmus  (Wümanns  nebenformen  2.  3;  1.  4;  1.  2.  3; 
1.  2.  4;  1.  3.  4)  zurecht,  man  vergleiche  in  diesem  sinne  z.  b.  die  von  Sievers  aus- 
gehobenen unregelmässigen  C-verse  a.  a.  o.  s.  154,  7.  164,  d  u.  a.  Besonders  wich- 
tig scheint  sie  mir  aber  für  die  bcurteiluug  derD-verse;  was  Sievers  a.a.O.  s.  142  fg. 
ausgefiüirt  hat,  steht  m.  e.  im  widersprach  zu  seiner  grundanschauimg;  ich  nehme 
auch  hier  accentsetzuug  auf  ursprünglich  nicht  volhebiger  silbe  an ,  wie  die  taktierung 
der  dipodie  erforderte. 

MARBURG,    3.   FEBR.    1888.  FRIEDRICH    KAUFFMANN. 


Beöwulf.  Mit  ausführlichem  glossar  herausgegeben  von  Moritz  Heyne. 
5.  aufläge,  besorgt  von  Adolf  Sociu.  Paderborn  und  Münster,  F.  Schö- 
ningh,  1888.  [Bibliothek  der  ältesten  deutschen  litteratur-deukmäler, 
bd.  UL]     X,  299  s.     8.     5  m. 

Die  intensive  arbeit  am  deutschen  wörterbuche,  welche  eine  Unterbrechung 
nicht  gestattete,  hat,  nach  dem  bericht  des  Vorworts  s.  IX,  M.  Heyne  veranlasst, 
die  besorgung  des  notwendig  gewordenen  fünften  druckes  seiner  bekanten  Beowulf- 
ausgabe  einem  jüngeren  gelehrten,  A.  Sociu,  zu  übertragen. 

Die  beurteilung  der  dieser  gestalt  entstandenen  neuen  ausgäbe  ist  nicht  ohne 
Schwierigkeit.  Stelt  man  sich  auf  den  Standpunkt,  dass  es  sich  dabei  bloss  um  einen 
revidierten  abdruck  eines  im  wesentlichen  feststehenden  buches  handeln  solte,  so 
kann  man  dem  bearbeiter  wol  zugestehen,  dass  er  seiner  aufgäbe  leidlich  gerecht 
geworden  ist.  Er  hat  die  resultate  der  neueren  arbeiten  über  ags.  spräche  und  über 
den  Beöwulf  im  besondern  fleissig  und  im  ganzen  sorgfältig  eingetragen,  soweit  sie 
ihm  deutlich  vorgezeichnet  waren,  und  so  hat  das  buch  wirklieh  eine  reihe  von 
besserungen  erfahren.  Aufgefallen  ist  mir  indess,  um  von  einzelheiten  abzusehen, 
dass  Zupitzas  facsimileausgabe ,  obwol  unter  den  benuzten  hilfsmitteln  mit  aufgeführt, 
doch  für  die  feststellung  der  handschriftlichen  Überlieferung  so  gut  wie  gar  nicht 
ausgebeutet  ist.     Bei  zweifelhaften  lesimgen  wii-d  wol   gelegentlich,    aber  keineswegs 


ÜBER    BEOWULF    EDD.    HEYNE -SOCIN  355 

kons(>quont,  av;f  Zupitzas  angabeu  rücksicht  geuommeu.  Vor  allem  aber  ist  es  eiu 
übelstand,  dass  noch,  eine  reihe  von  lesarten  nach  den  älteren  coUationen  als  zwei- 
felhaft bezeichnet  werden,  wo  das  facsimile  auf  den  ersten  blick  entscheidet.  In 
solchen  fällen  hätte  es  doch  nahe  gelegen,  entweder  den  alten  ballast  sich  wider- 
sprechender früherer  angaben  fallen  zu  lassen,  oder  die  durch  das  facsimile  direkt 
als  falsch  erwaeseneu  lesungen  auch  ausdrücklich  als  falsch  zu  keuzeichuen.  Als 
stellen,  bei  denen  die  facsimileausgabe  in  der  einen  oder  andern  richtung  nicht  zu 
ihrem  rechte  gekommen  ist,  führe  ich  beispielsweise  an  v.  43  nalms  :  nalas ,  241 
Ic  :  Ic,  209  tvcs  :  wces,  787  leoä  :  leod,  797  frea-  :  frcah-,  1037  teon  \  :  teon  . .  .  |  , 
1071  fr  :  CS  :  fres  aus  frger,  1129  unhlitme  :  unJditine ,  1224  siide  :  side  aus  wide 
u.  a.  m.  Zu  2524  liätte  angegeben  werden  müssen,  dass  über  dem  h  von  hattres 
ein  tügungspunkt  im  facsimile  steht.  Ganz  misverstanden  ist  auch  v.  2660  das  über- 
geschriebene auslassungszeichen cf ,  ^.^i.deest;  es  wird  als  unterpunktierte  und  danach 
zu  tilgende  abkürzung  für  äat  gefas.st,  während  doch  Zupitza  z.  b.  die  richtige 
erklärung  gibt.  2815  steht  speof  deutlich  da.  In  dieser  richtung  bedarf  also  der 
apparat  der  neuen  ausgäbe  noch  einer  gründlichen  nachprüfung.  Im  vorbeigehen 
bemerke  ich  noch,  dass  s.  84  zwei  besserungen  mii'  zugeschi'ieben  werden,  die  ich 
nicht  zuerst  vorgesclilagen  habe;  pä  für  pcet  v.  15  stamt  von  Bouterwek,  s.  Beitr.  9, 
370,  eafcran  v.  19  statt  eafera  von  Eemble:  ich  habe  nur  die  richtigkeit  dieser  lez- 
tereu  conjektur  durch  neue  gründe  zu  stützen  gesucht. 

Der  berichtigung  der  quantitäten  hat  der  herausgober  besonders  sein  augenmerk 
zugewendet,  wie  er  s.  IX  hervorhebt.  Hier  sind  auch  wirklich  viele  besserungen  der 
lezten  zeit  aufgenommen  worden.  Unverständlich  ist  mir  nur  das  princip,  nach  wel- 
chem er  stam.silben,  deren  länge  sich  nur  aus  der  rhythmik  des  verses,  nicht  aber 
aus  der  etymologie  oder  Orthographie  erschliessen  lässt,  nicht  mit  dem  delmungs- 
zeichen  versehen  hat.  Warum  soll  das  metrische  kriterium  nicht  gelten,  wo  gxam- 
matik  und  etymologie  keinen  anlialt  für  quantitätsbestimmungen  bieten?  Übrigens 
ist  auch  Socin  seineni  eigenen  princip  gar  nicht  getreu  geblieben.  Dass  es  ags.  mwe 
heisst,  wüste  die  grammatik  längst,  ehe  man  metrische  gründe  für  annähme  der  länge 
des  i  hatte,  und  doch  schreibt  Socin  wider  niwe.  Auch  ühte,  -a  dürfte  doch  wol 
grammatisch  feststehen.  "Wenn  Socin  firas  u.  dgl.  schreibt,  muste  er  auch  Önettaii 
aufnehmen;  hier  zeigt  auch  die  Orthographie  die  länge  an,  denn  niemals  begegnet 
anettan;  h&Axch.  glaubt  auch  Socin,  wie  es  scheint,  noch  an  eine  ableitung  aus  anan 
„hauchen",  s.  243''! 

Soweit  wäre  also  die  neue  ausgäbe  im  ganzen  gerechtfeitigt.  Ich  glaube  aber, 
dass  man  an  die  fünfte  ausgäbe  eines  mit  zur  einführung  in  die  angelsächsischen 
Studien  bestimteu  Werkes  wol  die  anforderung  stellen  darf,  dass  nicht  nur  das  von 
anderer  seite  zur  correktur  von  text  und  Wörterbuch  direkt  beigesteuerte  gemssen- 
haft  eingetragen  werde,  sondeni  dass  in  einem  solchen  falle  ein  neu  eintretender 
herausgeber  das  buch  überhaupt  darauf  hin  prüfe,  wie  weit  es  in  allen  seinen  teilen 
noch  auf  der  höhe  der  zeit  steht.  Dass  Heynes  ausgaben  altgermanischer  texte,  so 
praktisch  imd  zweckmässig  sie  von  hause  aus  angelegt  sind  imd  so  viel  gutes  sie 
demgemäss  ihrer  zeit  gestiftet  haben,  in  bezug  auf  grammatik  und  werte rklärung  auf 
dieser  höhe  nicht  mehr  stehen,  hätte  auch  dem  neuen  herausgeber  nicht  verborgen 
bleiben  sollen,  und  eine  systematische  revision  aller  ausätze  des  glossars  wäre  dem- 
nach wol  angezeigt  gewesen.  Diese  hat  aber  Socin  nicht  vorgenommen.  Nach  den 
proben,    die  er  von  seiner  kentnis   des   angelsächsischen  in  der  neubearbeituug  von 

23* 


356  SIEVERS 

Körners  laut-  und  flexionslehre  abgelegt  hat\  ist  es  mir  freilich  zweifelhaft,  ob  er 
zu  einer  solchen  revision  der  rechte  mann  gewesen  wäre.  Andrerseits  mag  ihm  das 
Verhältnis  zu  Heyne  als  dem  ursprünglichen  herausgeber  und  gesamti'edactor  der 
samlung  hinderlich  gewesen  sein,  von  dessen  auhänglichkeit  au  alte  imd  liebgewon- 
nene irtümer  rcf.  speciell  sich  zu  überzeugen  oft  genug  gelegenheit  gehabt  hat,  und 
der  ausserdem  über  das  Verhältnis  von  redactor  und  mitarbeiter  etwas  eigentümliche 
Vorstellungen  zu  haben  scheint  (vgl.  meinen  Tatian,  Vorwort  s.  X).  Was  ich  an  aus- 
stellungen  vorzubringen  habe,  muss  ich  daher  an  die  gesamtadresse  der  beiden  her- 
ausgeber richten,  da  ich  nicht  im  einzelnen  zu  scheiden  vermag,  wen  für  dieses 
oder  jenes  die  Verantwortung  trift. 

Der  text  der  neuen  ausgäbe  entspricht,  wie  bereits  in  der  vierten,  den  anfor- 
derungen,  die  man  billigerweise  stellen  kann.  Auf  meinuugsverschiedenheiten  einzu- 
gehen unterlasse  ich  daher.  Dagegen  ist  das  glossar  durchaus  zurückgebheben.  Es 
ist  ohne  gründliche  Säuberung  iind  Umarbeitung  nicht  mehr  zu  gebrauchen,  und 
durch  die  menge  des  fehlerhaften,  welches  es  enthält,  geradezu  schädlich  für  die 
anfänger,  zu  deren  gebrauch  es  bestirnt  ist. 

Ich  erlaube  mir,  diese  behauptung  dui'ch  einige  proben  zu  erhärten,  bemerke 
aber  zugleich,  dass  mein  absehen  nirgends  auf  volständigkeit  gerichtet  gewesen  ist. 

1)  Die  ausätze  der  lemmata,  die  vergleiehungen  der  Wörter  verwanter 
sprachen,  die  gelegentlichen  etymologischen  bemerkungen,  wimmeln  noch  immer  von 
gröberen  oder  leichteren  grammatischen  Verstössen.  Belege:  S.  133*  Höce  upr.  statt 
Höe  trotz  Bugge,  ztschr.  f.  d.  ph.  IV,  204.  —  140*  unter  celfylce  got.  ali-s  statt 
alji-s  seit  der  ersten  aufläge!  ebenda  ist  auch  die  angäbe  „fylce^  altn.  fylki,  col- 
lectivbildung  von  folc"  zu  beanstanden,  denn  ein  selbständiges  *fylce  existiert  itn  ags. 
nicht-,  nord.  fylki  steht  für  *gi-fylki.  Auf  derselben  spalte  ist  falsch  die  angäbe,  dass 
celmtliHg  fiiY  ealmihtig  stehe. —  140"'  a;dre,  edre  ntf.  statt  redr,  edr\ —  141''  <^r  „com- 
parativbildung  von  ä'W  —  Natürlich  ist  es  comparativadverb  zu  got.  air,  steht  also  für 
*airi%  wie  leng  usw.  —  147*  im  lemraa  beornan  statt  des  im  Beowulf  und  Fiuusb. 
allein  belegten  byrnnn.  —  148*  on-hidian  statt  onbidian;  das  wort  ist  denominativ 
von  önbid.  —  150*  ge-blödian  statt  ge-blddgian.  —  152*  d-bredtan  getrent  von 
breotan,  dbreötan  152'';  ein  bredtan  ist  nirgends  bezeugt;  vielmehr  gehört  breotan 
zu  den  verbis  der  m- reihe,  welche  ihr  praet.  bisweilen  mit  eö  bilden,  ref.  ags.  gr. - 
§  384,  anm.  2.  —  154*  büan  ist  nicht  schlechtweg  als  stv.  zu  bezeichnen,  da  ein 
starkes  praet.  fehlt.  —  158 '^  eweccan  „lebendig  machen,  s.  c/cic"l  Vielmehr  zu 
civaemi.  —  159*  cymllee,  lies  eymlice,  Beitr.  X,  497.  XI,  557;  bei  kui'zer  Wurzel- 
silbe müste  es  *cymeltce  heisseu. —  175''  ge-fcege  als  positiv  zu  dem  allein  belegten 
comparativ  gefcegra  916  ist  zweifelhaft,  da  nirgends  parallelen  zu  finden  sind.  Nach 
ahd.  gifago  (selten  stark  flektiert),  mhd.  gevage  wird  man  gefaga  sw.  adj.  ansetzen 
müssen. —  176*  gehört  die  verkürzte  form  fcett  nicht  ins  lemma,  da  sie  nur  in  mehr- 
silbigen formen  auftreten  kann.  —  179 '^  ist  feorhlagu  falscher  ansatz  statt  -legu, 
Beitr.  IX,  243.  —  190*  gamenu-däu,  281''  umäu,  ein  langsilbiger  weiblicher  ä- 
stamm,  statt  -wääl  —  193*  wird  gealgmdd  wider  zu  gealla  „galle"  gestelt,  als  ob 
eine  solche  Verkürzung  von  *geallig  im  ags.  erhört  wäre.  —  193''  gedn  ist  nicht 
aus  gegn,    sondern  aus  gcegn,   geagn  entstanden,   Beitr.  IX,  225.  —   205*  hdst  adj. 

1)  Dort  werden  uns  z.  b.  —  im  jalii-e  188G  —  87!  —  Wörter  wie  cmsan,  hednan,  spredtan,  hrin- 
gan,  speornan ,  sjnncan ,  getingan,  piiigaii,  ddan,  hiiipan,  gipan,  iracan,  cldan,  fniscin ,  beogan,  leöfan, 
sneotan,  pre&wan  usw.  in  reicher  fülle  als  existierende  starke  verba  aufgetischt.  , 


ÜBER    BEOWULF    EDD.    HEYNE -SOCIN  357 

statt  hceste,  da  es  endungslose  *'- stamme  bei  den  ags.  adjectivis  ausser  fyrn  nicht 
gibt,  ags.  gl-.-  §302.  —  205*  helrüna  swm.  ist  sehr  zweifelhaft,  da  sonst  nur  das 
fem.  bekant  ist.  An  dem  weiblichen  geschlecht  ist  kein  anstoss  zu  nehmen,  vgl. 
Müllenhoff,  zur  ruuenlehre  44,  got.  unhulpö  u.  ä.,  auch  Heynes  eigene  anmerkung 
s.  99  zu  V.  1261.  —  205''  helpc  swf.  neben  help  auf  griiud  von  v.  2449  anzusetzen 
halte  ich  bei  der  ungemeinen  häufigkeit  des  wertes  für  mehr  als  bedenklich;  hclpan 
ist  vom  Schreiber  als  infinitiv  gemeint  gewesen,  und  er  hat  seinen  fehler  nicht  ver- 
bessert; das  richtige  helpe  haben  schon  Kemble  und  Thorpe  vorgeschlagen.  —  206* 
unter  hedan  ist  der  absatz  2)  zu  streichen;  gehedde  505  gehört  zu  (jehegan,  vgl.  ref. 
ags.  gr.-  §230,  anm.  Beitr.  IX,  293.  —  210*  steht  heorohöciht,  213''  hociht  statt 
-hocihte,  s.  Beitr.  IX,  257.  —  214''  (und  215*  imter  hroden)  sind  hreoäan,  gehreö- 
äan  fehler  für  (ge-)hre6dan ,  Beitr.  IX,  279.  —  215''  es  ist  kein  grund  vorhanden, 
hrysian  und  nicht  hryssan  anzusetzen,  wenn  ciigssan  geschrieben  ^\■il■d,  wie  dies 
s.  157*  geschieht;  vgl.  Beitr.  IX,  288.  —  216*  es  ist  ungehörig,  htvceäre  „aber"  und 
hicfcäer  „ol)"  zusammenzuwerfen;  der  fehler  hwfpäre  statt  hiccrcter  1315  berechtigt 
doch  dazu  nicht.  —  227"  hätte  nicht  ein  inf.  magan  angesezt  werden  sollen  ohne 
den  vermerk,  dass  er  nicht  existiert.  —  228''  manig-oft  adv.  „sehr  oft"  ist  eine 
grammatische  Unmöglichkeit.  —  233*  ist  midde  adj.  statt  mid  ein  groher  gramma- 
tischer fehler,  —  233''  ist  im  lemma  die  form  morn  zu  streichen,  denn  dasf/r  schwin- 
det nur  hl  den  mehrsilbigen  formen.  —  235*  tilge  bemeornan  imter  bemurnan  als 
falsche  form,  ags.  gr. ^  §389,  anm.  —  Ebenda  lies  {ge)myndgian  statt  {ge)myndian 
(wider  eine  falsche  bildung  von  einem  adj.  auf  -ig,  wie  oben  geblddian;  s.  auch 
unten  gewergian).  —  235''  ist  nach  dem  wolhekanten  imp.  (eigentlich  opt.)  gemyne 
zu  gemtman  (ags.  gr.  §  423,  9)  ein  unerhörtes  swv.  gemynian  angesezt!  —  238* 
sind  niäer  „  hinab "  und  nioäor  adv.  comp,  „weiter  unten "  fälschlich  zusammen- 
geworfen.—  243*  lies  orlege  stn.  statt  orleg,  GreüiII,  358.  Beitr.  XI,  356. —  249'' 
ist  {ge)sceädan  für  {ge)sceadan  zu  setzen  und  die  helege  mit  den  unter  (ge)sceääan 
gegebenen  zu  vereinigen,  denn  sceääan  =  got.  skapjan  ist  die  einzige  alte  form.  — 
254''  ein  adj.  sei,  sir.l  existiert  hekantlich  im  ags.  nicht;  dem  got.  sels  würde  *sdle 
entsprechen.  —  256''  sind  sigl  „sonne"  und  das  daraus  abgeleitete  siglc  „schmuck" 
zusammengeworfen,  imd  dem  als  einzigen  lemma  gegebenen  sigl  stn.  ein  plui'al 
sigle  gegeben  auf  giimd  der  stelle  Brösinga  mene,  sigle  ond  sincfcBt  1200  fg. 
Ich  wüste  weder  zu  sagen,  nach  welchem  paradigma  ein  neutrum  sigl,  pl.  sigle 
geht,  noch  was  der  „plural"  siglc.  an  der  citierten  stelle  zwischen  den  singularen 
mene  und  sincfat  soll.  —  258''  wäre  slcepan  vielleicht  besser  als  anv.  angesezt; 
denn  es  muss  bei  der  spärlichen  belegung  des  praeteritums  dieses  verbums  in  der 
poesie  zweifelhaft  bleiben,  ob  dem  dialekte  des  anglischen  Beowulf  nicht  wie  dem 
Ps.  imd  dem  northumbrischen  allein  die  form  .sZe/j^e  zukam  (ags.  gl".-  §  395,  anm.  2). 
—  259''  wozu  die  junge  form  besnyäian  im  lemma  statt  des  älteren  besnyddan?  — 
263''  styl  stm.  „stahl"  ist  ein  (freilich  weitverhreiteter)  fehler  für  style  stn.  oder 
stm.  Woher  solte  wol  der  umlaut  kommen?  Grundform  ist  stahlio-,  daraus  ang- 
lisch sfeeli  acearium  Ep.  49,  steli  Er  f.  49.  Corp.  55,  staeli  Corp.  1431,  style  Wvight- 
AYülker  I,  344,  31.  459,  16;  demgegenüber  kann  die  form  stel  in  den  so  vielfach 
verderbten  Leidener  glossen  188  (Sweet,  OET.  116)  imi  so  weniger  in  betracht  kom- 
men, als  diese  glosse  mit  Ep.  Erf.  Corp.  usw.,  welche  alle  die  form  steli ,  style  ver- 
treten, auf  eine  quelle  zurückgeht.  Der  richtige  nom.  style  steht  schon  bei  Lye.  — 
265''  siegle  adj.  nach  der  /« - declination  angesezt,  vermutlich  nach  alts.  .sicigli; 
dann  müste  es  auch  ags.  stvigle  heisseu;    lies   also  sivegel  adj.    (vermutlich  alter  u- 


358  SIEVERS 

stamm,  daher  die  doppelformen).  —  266"  sivenge  stm.  statt  stveng;  der  nom.  ist  ja 
auch  in  der  poesie  belegt.  —  267"  ist  oferstvtäian  fehler  für  ofersuiäan  nach  der 
jrt-klasse;  als  beleg  steht  bei  Heyne  selbst  die  3.  sg.  ofersiviäeä,  die  doch  kaum 
dazu  aufmuntern  kann,  ein  verbum  nach  der  ö-klasse  anzusetzen;  übrigens  ist  z.  b. 
bei  Grein  neben  einer  masse  anderer  entscheidender  formen  auch  der  iuf.  oferstciäan 
belegt. —  267''  swigor  „schweigsam"  existiert  nicht  (müste  ülierdies  wol  sicigor  lau- 
ten); swigra  981  ist  natüiiich  mit  Grein  u.a.  als  comparativ  zu  dem  reichlich  beleg- 
ten swige  zu  fassen;  ziu'  consti'uktion  vgl.  meine  anmerkung  zum  Heliand  328.  — 
269''  teon  swv.,  lies  *te6gan,  ags.  gr.-  §414,  anm.  4.  —  Ebenda  lies  fhnbran,  be- 
timbrmi  statt  -tan;  der  Beowulf  kent  noch  keine  ö- formen  (vgl.  ags.  gr.  -  §405). — 
271''  lies  getrüwian  statt  getnlwan,  welches  eine  unmögHche  form  ist.  —  272*  lies 
wider  tyrivan  nach  der /a - klasse  statt  tyriDtan;  einziger  beleg  nuctyriiydne  Beow.  — 
276*  gepingan  ist  trotz  Dietrich  bei  Haupt  XI  (nicht  IX),  430  ein  fehler,  denn  es 
liegen  nur  praeterital-  und  participialformeu  mit  ng  vor,  wie  nachgerade  bekant  sein 
dürfte.  Der  fehler  ist  um  nichts  geringer,  als  wenn  jemand  behaupten  wolte,  zum 
part.  fougcn,  praot.  fengoii  gehöre  ein  Inf.  fongan  statt  fön.  —  283''  gewcf  stn.  „ge- 
webe"  zum  pl.  geiviofu  „geschick";  es  muss  getvif  heissen,  denn  das  ags.  unter- 
scheidet gewif  „Schicksal"  und  geicef  „gewebe",  ags.  gr.  ^  §  263,  anm.  3;  geivef  tex- 
tura  AVright  -  Wülker  I,  490,  38,  aber  geicif  furtimam,  fatum  245,  44,  dat.  geivife 
fato  406,  4.  496,  19,  fortune  406,  5.  500,  9,  geicifsMi  fiu-tuuatus  406,  3.  Zudem 
steht  geiviofu  Beow.  698  bei  dem  ersten  Schreiber,  der  io  nur  als  ^«-imilaut  von  i, 
nicht  auch  von  e  kent.  —  284*  geiccgan  „kämpfen"  war  als  selbständiges  lemma 
anzusetzen,  nicht  unter  wegan  „tragen"  zu  stellen,  denn  es  hat  mit  diesem  worte 
nichts  zu  tun,  Beitr.  XH,  178  fg.  —  285*  müssen '  ^rä  wider  dem  \ne  es  scheint 
unausrotbaren  tverig  „geächtet"  statt  werig  begegnen.  —  286*  hes  geiccrgian  für 
gewcrlgean,  denn  das  wort  ist  ableitung  von  teerig.  —  287''  ein  adj.  «t-eorce  existiert 
nicht  (müsto  auch  *iry>'cc  heissen),  sondern  nur  das  subst.  /veorc  und  dessen  adver- 
bial gebrauchter  instr.  iceoree.  Dennm  eallum  /ras  . . .  iceorce  on  mÖde'Beovf.  1418  fg., 
ßd  was  Abrahame  tveorce  on  viöde  Gen.  2790  fg.  entsprechen  ganz  formein  wie 
pat  him  biä  sur  in  liis  möde,  onge  pon  hc  hü  äna  icdt  Gn.  Ex.  42,  was  hini 
siciäe  ange  on  his  mode  Oros.  2,  5  (Grein  I,  7)  mit  dem  adverliium  ange,  Beiti-.  IX,  260, 
oder  wearä  me  on  hyge  sied  leöhte  Gen.  676,  wearä  hyre  rilme  on  mode  Jud.  97, 
oder  utias  im  tinötho  innan  brioston,  an  is  sebon  sudro  Hei.  3294  fg.,  imdwenn 
ne  me  tveorce  sind  tvifebrögan  Jul.  135  alleufals  zweifelhaft  erscheinen  könte,  so 
wird  gerade  für  dies  gedieht  der  adverbiale  Charakter  von  tveorce  sicher  gestelt  durch 
me  pd  fracedii  sind  on  mödsefan  mceste  iceoree  71  fg.,  denn  mcesie  kann  gar 
nichts  anderes  sein  als  adjecti\ischer  instr.  sg.  —  294*  ist  geivittig  „bei  bewustsein" 
als  selbständiges  lemma  von  wltig  zu  trennen,  denn  es  ist  ableitung  von  gewitt, 
gen.  geivittes,  nicht  mit  ge-  cbmponiertes  tvitig. 

2)  Nicht  besser  steht  es  mit  den  angaben  über  die  ge  schlecht  er.  Vielfach 
sind  diese  angaben  ohne  weiteres  falsch;  alte  druckfehler  sind  dabei  meist  sorgfältig 
conserviert;  manches  ist  nach  dem  neuhochdeutschen  angesezt,  obwol  sich  abwei- 
chendes geschlecht  im  ags.  belegen  lässt.  Oft  sind  auch  die  geschlechter  einfach 
geraten,  ohne  dass  darauf  aufmerksam  gemacht  ^vürde,  dass  es  sich  bloss  um  ver- 
mutimgen  handelt.     Als  belege  führe  ich  an: 

bana,  bona  stm.  statt  swm. ;  so  schon  seit  der  ersten  auÜage! 

bend,  fyrbend  stm.,  hellbend,  irenbend,  ivcclbend  stf.,  ancorbend  stmf.?, 
searobend  stm.  oder  f.!     Ausser  dem   nichts   entscheidenden  nom.  bend  vmd  dat.  pl. 


ÜBER    BEOWULF    EDD.    HEYNE -SOCIN  359 

bendum  ist  im  Beowulf  niu-  der  acc.  (wahrscheinlich  pl.)  ivalbende  handgewriäene 
1937  fg.  belegt,  und  danach  ist  für  den  Beowiilf  das  wort  als  stf.  anzusetzen;  vgl. 
dazu  Beitr.  IX,  238.     X,  463  fgg. 

bolstcr,  hlcörbolster  stn.;  vielmehr  stm.  nach  altn.  botst r  m.^  ahd.  botstar  m.^ 
Graff  II,  113  fg.,  mhd    bolster  m.,  mhd.  wb.  I,  119.     Lexer  I,  324. 

breöst  nur  stn.  nach  dem  gewöhnlichen  ansatz;  aber  mine  breast  acc.  453 
verlangt  daneben  stf.  (vgl.  got.  brusts  jil.  f.). 

(jebijrd  „fatum  destinatum"  stn.;  kann  auch  stf.  sein. 

camp  stm.;  die  ags.  belege. lassen  das  geschlecht  zweifelhaft;  dem  deutschen 
masc.  steht  das  nord.  kapp  n.  zur  seitc. 

deöfol  nur  stm.;  kann  aber  auch  n.  sein,  wie  anderwärts,  auch  in  der  poesie. 

dolg  (im  glossar  fehlt  dies  verweisungswort),  sindolh  stm.  statt  stn.,  Grein 
I,  195. 

dögor  stmn.,  endedogor  stm.  Alier  das  wort  ist  der  regel  nach  neutrum. 
Der  ansatz  eines  masc.  beruht,  so  viel  ich  sehe,  nur  auf  dogra  gehwilene  Sat.  243, 
und  dies  ist,  worauf  schon  die  ungewöhnliche  construktion  weist,  schwerlich  mehr 
als  Verderbnis  für  das  geläufige  dogra  gehwilce  (vermutlich  veranlasst  durch  das 
kiu"z  vorhergehende  bileicitne). 

drcör  stm.  bloss  nach  Vermutung;  keine  stelle  entscheidet  über  das  geschlecht; 
ebenso  faroä  stm. 

gilp,  doigilp  stm.  statt  stnf'ra).,  vgl.  acc.  gielp  micel  Gen.  25.  Dan.  599. 
Das  in  prosa  häufige  giefp  masc.  ist  in  der  i)oesie  nur  durch  unmjtne  gelp  in  den 
späten  Metris  10,  2  belegt  und  da  aus  der  prosavorlage  (pone  unnyttan  gilp  Fox 
s.  68)  herübergenomraen. 

gnorn  stm.  nur  nach  Vermutung;  es  kann  ebenso  gut  n.  sein  wie  torn  (s.u.). 

greöt  stm.  nach  dem  vermutungsweise  (nach  merigriox)  als  m.  angesezten 
ahd.  griox;  gegen  den  ansatz  sprechen  dcet  greöt  Aelfr.  Hom.  I,  74  (bei  Bosworth- 
Toller  zu  finden),  altn.  grjöt  n.     Auch  mhd.  ist  griex,  n.  noch  gewöhnlich. 

gyrn  stn.;  für  diesen  ansatz  spricht  gar  nichts.  Nach  den  belegten  formen 
kann  das  wort  stm.  und  stf.  sein,   und  beide  geschlechter  wechseln  beim  ahd.  gntn. 

hihä  stf.  nach  den  verwanten  sprachen  und  der  üblichen,  aber  falschen  ergän- 
zung  heä[re]  hofe  2213.  Das  wort  ist  aber  im  ags.  m.  oder  n.,  s.  Platt,  AugliaVI, 
173,  ref.  Beitr.  IX,  239. 

heolfor  stn.  blos  nach  Vermutung. 

heolstor  stn.  statt  stm.,  vgl.  pl.  helustras  Ep.  Erf.  867,  //eofe^ras  Corp.  1723. 

he  orte  swn.  statt  swf.,  ein  von  der  ersten  aufläge  her  conservierter  fluch  tig- 
keitsfehler,  obwol  selbst  in  Heynes  kurzer  laut-  und  flexionslehre  das  richtige  zu 
finden  ist. 

lila  st  stn.  vermutungsweise  nach  dem  dat.  pclm  klmste  52.  Andere  sicherere 
belege  aus  dem  ags.  kenne  ich  nicht;  bis  sie  nachgewiesen  werden,  wird  man  sich  an 
mhd.  der  last  zu  halten  haben. 

gehlyn  stm.  statt  stn.,  was  die  Wortbildung  verlangt. 

hlytm  stm.  nach  dem  (in.  hy.  dat.  Iilgtuic  nur  vermutungsweise,  wenn  auch 
wahrscheinlich  richtig  angesezt. 

h  red  er  stm.  ist  schon  von  Bosworth  -  Toller  mit  recht  bezweifelt  worden.  Da 
das  ags.  nicht  zwischen  m.  und  u.  entscheiden  lässt,  wird  man  das  geschlecht  einst- 
weilen nach  dem  m\  glossar  selbst  citierten  got.  hair^ra  n.  pl.  ansetzen  müssen. 


360  SIEVERS 

hord  stm.  und  n.,  hedh-,  irord-,  wyrmhord  stn.,  breosthord  ohne  grund  als 
stm.  Das  neutrum  ist  im  ags.  das  m-sprüngliche  und  für  den  Beowulf  allein  anzu- 
setzen, denn  wie  schon  Grein  II,  96  bemerkt  hat,  ist  liord  m.  auf  die  prosa  be- 
schränkt, und  zwai'  auf  die  spätere,  Platt,  Anglia  VI,  173. 

hreä,  yüähreä,  sigehreä  stf.  Das  geschlecht  ist  nicht  direkt  zu  bestimmen, 
da  nur  nom.  acc.  sg.  ohne  artikel  vorkommen;  aber  die  parallele  hröäor-hreä  weist 
Avie  dogor-dckg,  Mlor-hM  u.  a.  auf  alten  s- stamm,  also  auf  stn.  oder  allenfals,  mit 
übertritt,  stm.;  vgl.  ref.  ags.  gramm. ''  §  267,  a.  289. 

hreoti)  stm.  statt  stf.,  abermals  fluch tigkeitsfehler,  der  schon  aus  der  ersten 
aufläge  stamt. 

hröäor  stm.,  vielmehr  wahrscheinlich  stn.,  s.  zu  hreä. 

gehygd  stn.  statt  stfn.,  das  geschlecht  lässt  sich  für  den  Beowulf  nicht  be- 
stimmen. 

gemong  stm.  statt  stn.;  neutrales  geschlecht  verlangt  die  wortbildimg  und 
ergibt  sich  direkt  bereits  aus  dem  von  Grein  citierten  pl.  pcl  ■wyrtgemang  Ps.  Th. 
44,  10;  weitere  belege  für  das  utr.  gibt  Boswoiih  -  Toller  unter  gemang,  gemong. 

geniynd  stf.  statt  stfn.,  da  keine  Beowulfstelle  speciell  für  das  f.  zeugt. 

nosu  swf.  ist  geraten,  es  könte  ebenso  gut  nosa  swm.  sein,  oder  nösa  swm., 
nöse  swf.,  worüber  Beitr.  X,  248  zu  vergleichen  ist. 

sand  stm.  statt  stn.  Grein  II,  390  citiert  bereits  pl.  sattd  bäsnodon  Ex.  470, 
harii  sond  Metra  7,  13;  weitere  belege  jezt  bei  Bosworth  -  Toller  815  fg. 

seür  stm.,  aber  richtig  Isernseilr  stf.  nach  dem  acc.  sg.  -scure  3117. 

segn  stm.  und  n.,  aber  hedfodsegn  bloss  stn.,  während  von  den  entscheiden- 
den BeowulfsteUen  zwei,  47.  1022  für  das  m.  sprechen,  und  nur  einer,  2768,  für 
das  ntr. 

sele  stmn.,  bei  den  übrigen  compositis  richtig  stm.,  nur  bei  winsele  direkt 
falsch  stn.,  denn  es  steht  se  unnsele  772.  Es  ist  gar  kein  giimd  vorhanden,  für  den 
Beowulf  von  dem  sonst  algemein  allein  belegten  geschlecht  abzugehen. 

seön,  syn,  ansyn  stf.,  aber  iditeseon  und  wundorseon  stfn.  Das  Avoii  ist 
überall  f.,  auch  ivliteseön  1651,  wo  es  nom.  ist;  der  schein  dass  es  dort  n.  sei,  ist 
nur  durch  die  falsche  Interpunktion  der  stelle  hervorgerufen:  vor  weras  ist  mit  Grein 
ein  kolon  zu  setzen;  teeras  an  sdicon  (nicht  onsäicon)  ist  ganz  wie  folo  tö  scego>i  14:23. 

stc'cl  (nicht  stal:  Beitr.  X,  244.  508)  stm.  wird  wol  richtig  sein;  aber  es  fehlt 
an  beweisenden  formen,  welche  gegen  ein  mögliches  ntr.  entschieden. 

sund  stm.  statt  stn.,  wie  nach  dem  altn.  siind  (in  beiden  bedeutungen)  anzu- 
setzen ist. 

siveofot  und  sweoloä  stm.  beruhen  nur  auf  Vermutung  luid  können  stn.  sein. 

torn,  ligetorn  stm.  statt  stn.,  acc.  torn  unlytel  Beow.  834. 

trem,  irym,  stn.;  das  geschlecht  ist  aus  dem  ags.  nicht  zu  bestimmen,  und 
nlid.  triimm  ist  wegen  ahd.  drum,  dhntm  fernzulialtcn. 

pred,  peödßred  stf.  vermutungsweise  nach  dem  dat.  peödßredum.  Das  wort 
komt  in  allen  drei  gesclilechtern  vor,  Gi'ein  II,  596,  für  den  Beowulf  lässt  sich  kein 
bestimtes  geschlecht  erweisen. 

uhte  (statt  lihte)  swf.  statt  stm.  oder  stn.,  Beitr.  IX,  216. 

tvalu  swf.  ist  geraten;  wenn  der  acc.  pl.  lealan  richtig  wäre,  könte  man 
ebenso  gut  (mit  den  früheren  ausgaben)  nala  swm.  ansetzen,  da  der  nom.  sg.  nir- 
gends  authentisch    bezeugt  ist.     Mit  dem  von   mir  vorgeschlagenen   icaln  meine  ich 


ÜBER    BEOWULF    EDD.    HEYNE -SOCIN  361 

natürlich  ein  stm.  =  altn.  vqlr  in  effgr^lr  =  eggteinn  (Bugge,  Beitr.  XII,  369),  got. 
icaliis  (acc.  pl.  uahms  Luc.  9,  3). 

ivfBteregesa  stm.  statt  swm.  (in  der  ersten  aufläge  durch  druckfehler  „s.  m.", 
dann  von  der  zweiten  ausgäbe  ab  st.  m. !). 

wdd,  heretvdkd,  heaäotvdd  stf.;  belegt  ist  ini  Beowulf  mir  der  dat.  pl.  -wd- 
dum,  es  bleibt  also  zweifelhaft,  ob  nicht  wie  sonst  als  alternative  n-dde  stn.  anzu- 
setzen ist. 

wiht  stnin.,  <?/?r?7?#  stm.  statt  stfn.,  s.  Grein  II,  703,  ref.  ags.gr.  §  267,  anm.  3. 

wir  stn.  statt  stm.,  nach  altn.  virr  m. 

tvorn  stn.  statt  stm.,  plui'.  ivornas  Panth.  6. 

rvrixl  stn.  statt  stf.  Der  entscheidende  beleg  pysse  irrixle  dat.  aus  Beda  ist 
bei'eits  bei  Lye  imd  Grein  angeführt,  und  on  ivrixle  ebenda  {on  ivriexle  auch  noch 
Cura  past.  341,  18)  ist  sicher  als  acc,  nicht  als  dat.  zu  nehmen  {=  an  stelle  von, 
in  vicem),  also  ebenfals  für  das  fem.  beweisend. 

yrre  stm.  statt  stn.,  wider  ein  blosser  flüchtigkeitsfehler,  der  aus  der  ersten 
aufläge  stamt. 

3)  Endlich  gelange  ich  zu  den  bedeutuugsansätzen,  einzelerkliirungen 
und  damit  Verwanten  punkten.  Auch  hier  möge  wider  eine  anzahl  von  beispielen 
genügen,  bei  der  ich  mich  zudem,  um  nicht  zu  sehr  zu  häufen,  auf  die  ^äer  ersten 
buchstaben  des  alphabets  beschränke. 

andhätor  stmn.  „entgegenkommende  glut"  ist  zu  streichen,  denn  reäcs  and- 
hättres  2524  ist  —  um  von  der  sonderbaren  bedeutung  des  gemutmassten  wortes 
abzusehen  — "kein  möglicher  vers;  die  aUiteration  ist  vocal  auf  vocal,  und  dass  das 
erste  nomen  einer  halbzeile  notwendig  die  alliteration  haben  muss,  dürfte  doch  jezt 
nicht  mehr  bestritten  werden,  mag  man  nun  „anhänger  der  vierhebungs-  oder  der 
zweihebungstheorie  "^  sein  (s.  X).  Überdies  steht  in  dem  h  von  hattres,  wie  schon 
oben  s.  355  angegeben  wui'de,  ein  tilgungspunkt. 

andlang  „sehr  lang";  hieriiber  vgl.  jezt  meine  bemerkungen  in  dem  Fest- 
gruss  für  Böhtlingk,  Stuttgart  1888.  s.  110  fgg. 

andweard  „gegenwärtig,  daseiend";  das  wort  bedeutet  aber  ursprünglich 
„zugewendet,  entgegengewendet",  xmd  wenn  1286  fgg.  das  blutige  schwert  im  kämpfe 
die  sirin  ofer  keime  andtceard  seireä,  so  sind  das  gemäss  nicht  die  „daseienden" 
oder  die  auf  dem  helme  „stehenden",  sondern  die  dem  Schwerte  „entgegenstehen- 
den", die  „feindlichen"  eberzeichen. 

ddfarii  ist  wie  altn.  bdlfnr  (Bugge,  Tidskr.  YIII,  65)  wol  nicht  „weg  oder 
gang  zum  Scheiterhaufen",  sondern  „auf"  den  Scheiterhaufen;  bringan  on  ddfare 
ist  =  „auf  den  Scheiterhaufen  bringen",  wie  ganz  richtig  \mter  gchringan  s.  153* 
erklärt  wird. 

dgldcivif  adj.  ist  unmöglich,  vAq  schon  Bugge,  ztschr.  f.  d.  ph.  IV.  205 
bemerkt  hat;  jedenfals  aber  widerspricht  der  ansatz  der  eigenen  aumorkuug  Socins  zu 
1155  (s.  97),  w»  ides  %/fpe/f?/"  unbeanstandet  unter  den  „  asyndetischeu  Verbindun- 
gen" aufgeführt  wird,  die  ich  Beitr.  IX,  137  besprochen  hatte. 

unhydig  „eines  entschlusses ,  d.  i.  festen  entschlusses ,  eines  sinnes,  d.  i. 
fest,  tapfer,  entschlossen"  und  ähnlich  hernach  äiirded  w^erden  ebensowenig  dui'ch 
altn.  einrddr  (so!)  „eigensinnig"  wie  durch  das  von  Grein  beigezogene  ahd.  eimvülig 
„pertinax"  gerechtfeitigt.  "Was  soll  eines  anhy d ig  Guthl.  869.  951.  El.  829  dann 
bedeuten,  oder  gar  (Nabuchodonosor)  wearä  pä  ankydig  ofer  ealle  men,  siciämöd  on 
sefan  for  pdre  siindorgife  ße  him  god  sealde  gnmena  rice  Dan.  605?     Etwa  „Nah. 


362  SIEVERS 

wurde  so  tapfer,  weil  ihn  gott  zum  herscher  gemacht  hatte  "  ?  NatürHch  ist  anhy- 
dig  sjTionym  dem  schon  von  Grein  verglichenen  amnöd,  onniöd  „übermütig",  imd 
für  dieses  steht  nicht  mu'  die  bedeutung  durch  die  glossen  amnöd  contumax  Ep.  202 
(omnödErL^  a?imood  Covp.  521)^  anmöda,  -möde  contumax  Wright-Wülker  I,  212,  8. 
365,  2  fest,  sondern  auch  die  kürze  des  a  durch  den  häufigen  Wechsel  der  formen 
anmöd  (anmedla)  und  onmöd  {onmcdla)\  änmöd  „imanimis"  ist  fern  zu  halten.  Die 
adjectiva  anhygdig  und  anmöd  sind  ganz  gebildet  wie  oferhygdig  und  ofermöd  und 
bedeuten  eigentUch  „vorwärts  (oder  gegen  einen  oder  etwas"?)  gerichteten  sinn  habend", 
dann  in  gutem  smne  „strebend,  mutig,  kühn",  etwa  wie  u-lanc,  in  schlechtem  sinne 
„übermütig",  und  entsprechend  ist  dann  auch  anräd  aufzufassen,  wie  schon  die  Ver- 
bindung yrre  ond  anrdd  Beow.  1576.  Byrhtn.  44  erkennen  lässt  (vgl.  auch  pä  icearä 
yrre  anmöd  cyning  Dan.  224);  die  gruiidbedeutung  dürfte  sein  „einen  anschlag  habend 
gegen",  vgl.  ahd.  anaräti  „verrat",  eigentlich  „anschlag  gegen." 

(crfader  „weiland  vater,  verstorbener  vater"  bezweifle  ich  stark;  wie  drge- 
streön,  drgetceorc  usw.  „alte  schätze,  altes  werk"  bezeichnen,  heisst  drfceder  gewiss 
zunächst  „alter  vater",  dann  „verfahr"  imd  „vater"  überhaupt,  ganz  so  wie  eald- 
fcPÄer  (vgl.  auch  ahd.  altfater  „ahnherr")  373  von  Beowulfs  vater  Ecg|)e6w  ge- 
braucht wird. 

ars^re/"  (genauer  drstafas  pl.  t.)  „hilfe,  luiterstützung "  ist  falsch  erschlossen 
für  hine  hälig  god  for  ärstafum  üs  onsende  381  fg. ,  J5m  . .  .  for  drstafum  üsic  söh- 
test  457  fg.,  wo  /br  ärstafum  nur  bedeuten  kann  „aus  huld";  denn  for  bezeichnet 
im  ags.  trotz  Grein  I,  314,  nr.  10,  oder  Heyne,  Beow.^  183^  (imter  for)  niemals 
einen  zweck.  Die  einzigen  stellen,  die  man  dafür  angeführt  hat,  sind  die  beiden 
oben  citierten  und  Gen.  508,  eine  stelle  die  Grein  einfach  misverstanden  hat.  Der 
teufel  hat  Eva  so  mid  Hgenum  588  verleitet,  dass  sie  anfängt  ihren  sinn  aßer  pdm 
Idrum  (des  teufeis)  592  zu  wenden:  das  war  eine  schlimme  tat  füi"  die  menschheit: 
es  ist  ein  grosses  wunder,  dass  gott  es  dulden  wolte,  dass  tcurde  pegn  swä  tnontg 
forlSdd  be  pdm  lygenum,  pe  for  pdm.  Idrum  com.  Wo  kann  da  von  einem  zweck 
die  rede  sein?  Die  männer  sollen  doch  nicht  etwa  „um  der  lehren  'v^iUen"  gekom- 
men sein?  Die  stelle  ist  vermutHch  verderbt,  oder  com  bezieht  sich  auf  lygenum: 
„durch  die  lügen,  die  aus  des  teufeis  lehren  entsprungen  waren."  Syntaktisch  auf- 
fällig bleilit  die  stelle  dabei  freilich  auch,  aber  auf  alle  fälle  kann  sie  nicht  so  ver- 
wendet werden  wie  Grein  es  getan  hat.  ■ —  Dass  übrigens  die  ergänzung  von  v.  457 
von  der  richtigen  auffassuug  von  for  drstafum  bedingt  wü'd,  habe  ich  bereits  Beitr. 
IX,  138  hervorgehoben. 

headurün  ist  sicherlich  nicht  „geheimnis  des  streites",  sondern  „kampf- 
rune",  s.  Müllenholf,  ziu"  runenlehre  44. 

bealu  imd  composita;  healu  subst.  heisst  schlechtweg  „übel,  böses"  in  wei- 
testem sinne,  aber  auch  nichts  anderes;  das  adj.  ebenso  „übel,  böse."  In  der  com- 
position  verbindet  sich  bealu-  teils  mit  adjecti\'is,  wie  bealu- hycgende ,  -hydig  „böses 
sinnend"  =  „feindselig",  oder,  ausserhalb  des  Beowulf,  bcalufid,  -füs,  -leds,  oder 
mit  substantivis  Auch  im  lezteren  fall  behält  das  wort  seine  grundbedeutung  ein- 
fach, wenn  das  Schlussglied  neutraler  bedeutung  ist:  bealiccrceft  „böse  kunst"  = 
„Zauberkraft",  bealuddd  „Übeltat",  beahisid  „böser  weg,  böses  Schicksal",  bealuspell 
„böse  botschaft",  bcalupanc  „böser  gedanke."  Drückt  aber  das  zweite  glied  an  sich 
bereits  etwas  böses  oder  schlimmes  aus,  so  verblasst  die  grundbedeutung  von  bealu- 
mehr,  so  dass  man  sagen  kann,  es  diene  fast  mehr  zur  blossen  Verstärkung  des 
Übeln  begriffes   des   zweiten  teiles,    so  in  werten  wie  bealubenn,    -dämm,   -cwealm, 


ÜBER    BEOWULF    EDD.    HEYNE -SOCIN  363 

-inivit,  -ntä,  -rdp,  -sorg  u.  dgi.  Nun  vergleiche  man,  was  statt  dessen  im  glossar 
auf  dem  wege  der  isolierung  der  einzelnen  werte  von  einander  erreicht  ist.  Zu 
V.  2715  specieU  bemerke  ich,  dass  bealomäe  (wie  des  metrums  wegen  gelesen  wer- 
den muss)  einfach  „  feindselig  "  bedeutet. 

bearm;  in  dem  satze  htm  tö  bearme  cicdin  määdumfcet  mcere  soll  bearm 
figüi'lich  „besitz,  eigentum"  bezeichnen:  wolgemerkt,  nicht  die  formel  tö  bearme 
cuman  soll  =^  „in  den  besitz  kommen"  sein,  sondern  schlechtweg  bearm  ^= 
„  besitz  " ! 

dbeödan;  v.  390  ivord  iime  dbcdd  wird  erklärt  durch  den  misverstäudlichen 
ausdruck  „kündete  die  werte  drinnen",  während  doch  das  ä-  ausdi'ücklich  auf  die 
draussen  befindHchen  hörer  hinweist.  —  Unter  dem  gleichen  lomma  lesen  Avii-  y,eoton 
weard  dbedd  entbot  dem  riesen  einen  Wächter  669"  imd  unter  eofou  s.  173''  wird 
das  eoton  unserer  stelle  als  unflektierter  dativ  erklärt.  Solche  dative  sollen  aber  erst 
noch  nachgewiesen  werden. 

be6rpc(ju  „biertrinken,  gelage";  es  ist  mir  zweifelhaft,  ob  die  grundbedeu- 
tung  richtig  angesezt  ist.  Das  verbum  piegan  bedeutet  bekantlich  1)  empfangen, 
2)  verzehren,  und  entsprechend  spalten  sich  die  bedeutungen  des  verbalsubstantivums 
pegu;  in  födorpegu,  nilpegu  liegt  ebenso  deutlich  der  begriff  des  verzehrens  vor, 
als  in  bedgpegii,  hringpegii,  srncpegu  der  des  empfangens.  Dann  bleiben  beorpegn 
und  icinpcgu  übrig,  und  diese  stelle  ich  fürs  erste  lieber  zu  pegu  „empfang"  (bei 
dem  „gelage"  wird  das  hier,  der  wein  vom  gastgeber  gespendet  und  vom  gast 
empfangen),  weil  picgean  einstweilen  nur  in  anwendung  auf  das  verzehren  fester 
nahrung,  aber  nicht  auf  das  trinken  nachgewiesen  ist. 

beöt  ist  nicht  schlechthin  „Versprechung,  verpflichtende  zusage  einer  zu  unter- 
nehmenden tat ",  gebeötian  nicht  „  sich  zu  einer  zu  unternehmenden  tat  verpflichten, 
sich  anheischig  machen",  sondern,  wie  z.  b.  Grein  richtig  andeutet  („jactantia,  pro- 
missio  gloriosa,  und  überhaupt  promissum"  I,  112)  steht  dem  begriff  des  „sich  ver- 
messens"  am  nächsten. 

gebtdan  c.  acc.  heisst  nicht  auch  „erwarten",  sondern  nur  „erleben,  erfah- 
ren"; als  „erwarten"  regiert  es  wie  das  einfache  bidan  den  genitiv. 

blccdfast  „ruhmfest,  berühmt  ...",  ebenso  söäfcEst  „fest  in  der  Wahrheit", 
tirfcest  „ruhmfest",  w/sfa-st  „sapientia  firmus. "  Yielmehr  bedeutet  -fc^st  in  diesen 
und  ähnlichen  compositis  „verbunden  mit,  also  im  besitze  von",  vgl.  (etftestan, 
befcestan,  oäfastan  im  sinne  von  „infigere"  und  das  ganz  gleichbedeutende  got. 
-hafts,  deutsche  -haft  (Anglia  I,  578). 

blöd;  hierunter  lesen  wir:  .,after  deörnm  men  hini  langad  beorn  iviä  blöde 
nach  dem  geliebten  mann  sehnt  sich  der  held  (Hrödgär)  widers  blut,  d.  h.  er  Hebt 
ihn,  obschon  er  ihm  nicht  blutsverwant  ist  1881."  Dieselbe  erklärung  Avird  auch  imter 
kmgian  221  "^  und  iviä  289"^  widerholt;  sie  ist  notwendig  falsch,  denn  erstens  wird 
langian  im  ags.  stets  mit  dem  acc.  (also  hine  langad,  nicht  him  langad)  verbun- 
den, zweitens  wäre  das  praesens  langaä  xmbegreiflich ,  imd  drittens  ist  die  deutung 
von  Uta  blöde  imerhöii.  Das  richtige  hat  längst  Thorpe  gesehen,  als  er  born  für 
beorn  vorschlug:  „dass  ihm  Sehnsucht  nach  dem  beiden  im  blute  braute."  Die  wähl 
der  Präposition  tviä  ist  ganz  begreiflich.  Die  Sehnsucht  „steckt"  Hrodgar  „im  blute", 
ist  mit  ihm  sozusagen  „gemischt",  und  so  wird  dieselbe  präposition  gebraucht,  welche 
nach  blondan,  niengan  u.  ä.  ganz  gewöhnlich  steht  (Andr.  425.  El.  307.  Metra  7,  8. 
8,23.     20,65.111.128.236.     29,50.     Ps.  68,  22.     105,  26  usw.). 


364  SIEVERS 

brant,  hront  „tosend,  schäumend,  hochgehend  von  schiff  und  flut"  ist 
geraten;  das  wort  ist  formell  identisch  mit  altn.  brattr  „steil",  und  dies  wird  in 
brattr  breki  auch  von  den  wogen  gebraucht;  „steil  aufragend'^  ist  also  die  einzige 
bedeutung,  die  sich  für  das  ags.  brmit  rechtfertigen  lässt. 

bräd  soU  „massenhaft"  bedeuten  in  bräd  gold  3106  (dieselbe  erklärung  ujiter 
(lold  s.  198^);  diese  bedeutung  ist  lediglich  für  die  eine  stelle  zurechtgemacht;  nir- 
gends heisst  bräd  sonst  „copiosus",  sondern  entweder  einfach  „breit",  oder  „w^eithin 
sich  erstreckend."  An  unserer  stelle  werden  bedr/as  ond  ^rof/ ^oZcZ  gegenübergestelt: 
kann  es  da  zweifelhaft  sein,  dass  die  bedrjas  das  „gewundene",  icunden  gold,  bräd 
gold  aber  das  fated  gold,  also  „goldbleche"  bezeichnet? 

bregdan:  ^bröden  (brogden)  mc'el  das  gezogene  schwort",  ähnlich  s.  230* 
unter  mal;  vgl.  dazu  Anglia  I,  580. 

gebregdan;  die  Übersetzung  von  v.  1665  verstehe  ich  einfach  nicht;  wdpen 
hat  ja  immer  noch  ganz  concreto  bedeutung,  und  heisst  meines  wissens  nie  „vertei- 
digungsmittel",  wie  hier  angenommen  wird.     Und  die  construction  ? 

bryneleoma,  bryneivylm  sind  wider  zu  speciell  aus  der  eiuzelsituation 
heraus  als  „licht  der  feuersbranst ,  wogen  der  feuersbrunst"  erklärt;  allerdings  han- 
delt es  sich  an  den  beiden  stellen  um  eine  bestimte  feuersbrunst,  aber  deswegen 
heisst  bryneleoma  doch  nur  „feuerschein",  bryneicylm  nur  „feuerwogen",  da  bryne 
auch  nur  ganz  algemein  „brand,  feuer"  bedeutet  (vgl.  auch  composita  wie  brynehät, 
bryneteäras  u.  dgl.).  "Wo  bleibt  die  „feuersbrunst"  Sat.  27.  Guthl.  644,  wo  bryne- 
wyhn  vom  höllischen  feuer  gesagt  ist?  Oder  soll  man  sich  etwa  merken:  y,bryne- 
ivylm  1)  =^  wogen  einer  feuersbrunst,  2)  ^  wogen  des  höllenfeuers "  usw.  für 
jede  specielle  anwenduag? 

brytnian  heisst  nicht  eigentlich  „zerstückeln",  sondern  ist  ebenso  gut  wie 
das  richtig  erklärte  bryttian  denominativ  zu  brytta  „Spender",  und  nui"  dies  darf 
etymologisch  als  „zerstückler"  erklärt  werden. 

eealdum  cearsiäum  2397  sind  nicht  schlechtweg  „kalte  kummerfahrten", 
wie  s.  156*  angibt,  sondern  „feindselige,  verderbhche,  böse."  Im  altn.  hat  kaldr 
diese  bedeutung  ganz  gewöhnlich ;  aus  dem  ags.  vergleicht  sich  cleopaä  ßonne  sicä 
cearful  ecaldan  reorde,  sprcceä  grimlice  se  gast  tö  päm  di'iste  Seelen  15. 

be-ceorfan  heisst  nicht  „trennen,  abschneiden",  sondern  „beschneiden"; 
durch  den  angegebeneu  bedeutungsansatz  Avird  die  construction  nicht  erklärt. 

ä-ciyan  ist  nicht  „herzurufen",  sondern  „herausrufen";  das  ist  schon  deut- 
lich durch  den  zusatz  of  coräre. 

Collen ferhd  soll  bedeuten  „von  nicht  gemeinen  gedankeu,  in  seiner  denkart 
höher  als  die  andern  stehend,  hochsiimig."  Die  richtige  erkläi'ung  ist  bei  Grein  I, 
166  zu  lesen:  „gleichsam  geschwollenen  gemütes,  was  sowol  die  folge  des  kummers 
als  auch  des  mutes  usw.  sein  kann."  Für  die  erstere  bedeutung  zeugt  die  Variation 
mit  ■mödcrcänige  Eleue  377  (vgl.  auch  eleopode  pä  collenferhä  cearegan  reorde  Andr. 
1110),  für  die  zweite  Variationen  wie  eine  collenfcrd  Andr.  1580,  anhydige  Elene 
848,  ellenröfe  Andr.  350,  blute  Elene  246,  eddhrcäge  Jud.  135.  Die  grundbedeutimg 
ist  also  „erregten  sinnes." 

corder;  hier  ist  zu  v.  3122  falsch  construiert;  cyniges  gehört  mit  dem  fol- 
genden pegnas  zusammen,  nicht  zu  of  eordre. 

Clin  na n  2)  hätte  nicht  schlechthin  nüt  „können"  augesezt  werden  sollen;  die 
bedeutung  „verstehen"  ist  noch  überall  deuthch   (182  =:  „sie  hatten  nicht  gelernt"; 


ÜBER    BEOWULF    EDD.    HEYNE -SOCIN  365 

1446  intensiviert  ciide,  wie  so  oft  im  mhd.  ich  kan  „ich  verstehe"  =  „es  liegt  in 
meiner  art  oder  natur"  auch  von  leblosen  Subjekten  angewant  wird). 

deääic7c;  es  ist  mir  zweifelhaft,  ob  „des  todes  behausung,  wohnung  des 
todes"  mit  offenbai'  persönlich  gedachtem  „tod"  (also  „todeshaus"  :=  „Unterwelt"  wo 
der  tod  wohnt)  das  richtige  trifft.  Phon.  48  sind  dedärceced,  haleäa  heolstorcofan 
einfach  „gräber",  deddscle  Guthl.  1048.  Crist  1537  bezeichnet  die  höUe  (man  beachte 
an  lezterer  stelle  die  Zusammenstellung  deääsele  deofoles,  auch  die  parallele  mit 
u-ifehiis);  bezeichnend  ist  auch  Walf.  30;  wemi  der  walJisch  unteiiaucht,  auf  dessen 
rücken  die  Schiffer  gelandet  sind,  ponne  dedäsele  drence  bifasteä  scipu  niid  sceal- 
cum:  hier  ist  deddscle  das  todbringende  meer,  in  welches  Schiffer  und  schiffe  ver- 
sinken. Nach  unserem  Sprachgebrauch  wären  also  dedäwtc,  -reced,  -sele  eher  mit 
„totenhaus"  widerzugeben. 

deor;  es  ist  kein  grund  vorhanden,  für  2091  eine  besondere  bedeutuug  „wild, 
grausam"  anzimehmeu. 

dolgilp  ist  nicht  „verheissung  vci-wegener  taten,  verpflichtende  zusage  zu 
kühner  Unternehmung",  sondern  „toller  Übermut."  Es  ist  wider  auf  die  bedeutung 
von  for  keine  rücksicht  genommen  (vgl.  oben  s.  362  zu  urstafas). 

dorn;  hier  smd  die  bedeutimgen  orduuugslos  durch  einander  geworfen :  I.  zustand 
überhaupt;  11.  rechtlicher  zustand,  daher  1)  urteil,  rechthche  meinung,  2)  sitte,  3) 
gericht;  III.  freier  bevorzugter  zustand,  daher  4)  belieben,  wilkür,  5)  macht,  gewalt, 
6)  nihni,  ehi'e,  ruf,  7)  herlichkeit!  Auch  sind  die  einzelnen  belege  widerholt  falsch 
untergeordnet.  So  bedeutet  dorn  (/ödes  2859,  dryhtnes  dorne  441  sicher  nicht  „got- 
tes  gewalt",  sondern  „gottes  richterspruch." 

drincan.  Zu  dem  bedeutungsansatz  für  das  part.  druncen  vgl.  Beitr.  IX, 
139  fg. 

driisian  „eigentlich  hiufiillig  sein,  hier  vom  wasser  stagnieren,  faulig  wer- 
den; praet.  lagii  drihade  (durch  das  blut  Grendels  imd  seiner  mutter)  1631."  Auch 
dieser  ansatz  ist  mir  bedenklich,  wenigstens  die  gieichung  „stagnieren  =  faulig  wer- 
den." Ich  denke,  nachdem  Beowulf  aus  den  fluten  emporgetaucht  imd  an  das  land 
gestiegen  ist,  liegt  nun  das  blutgefärbte  wasser  (nachdem  öich  die  wellen  beruhigt 
haben)  in  öder  einsamkeit  da.  Auf  eine  solche  auffassung  scheint  uns  auch  wceter 
under  sfod  dreorig  ond  gedrefed  1417  fg    zu  deuten. 

dryht-  in  compositis  wie  drylitcnen,  -gestreöii^  -leöd,  -lic,  -niddunt,  -sele 
usw.  bedeutet  „edel,  vorti'eflich",  wie  auch  Heyne  z.  t.  ansezt.  Nach  dieser  analo- 
gie  hätten  auch  dryhtbearn  mid  dryhtguma  einfach  als  „edler  junger  mann,  edler 
krieger"  erklärt  werden  sollen;  auch  sie  setzen  die  abgeleitete  bedeutung  von  dryht- 
bereits  voraus,  und  sind  niclit  auf  „Jüngling  aus  einer  edeln  kriegerschaar"  und 
„mann  der  kriegsschaar"  zurückzuführen. 

dugud;  hier  heisst  foi-  dugedum  2502  nicht  „in  tüchtigkeit",  sondern  „wegen 
meiner  tapferkeit,  aus  tapferem  sinne"  (oder  „weil  ich  ihiu  überlegen  war"?) 

dyrne;  hier  ist  „abgelegen"  zu  streichen,  denn  dyrne  bedeutet  das  nirgends; 
auch  dyrne  „heimtückisch"  ist  zu  bezweifeln;  dyrne  heisst  u.  a.  alles,  was  aus  der 
finstern  hölle  komt,  also  auch  alle  bösen  geister,  dämouen  u.  dgl.. 

Den  rest  des  glossars  in  ähnlicher  weise  durchzugehen,  wird  man  mir  nach 
diesen  proben  wol  erlassen. 

HALLE,    18.   .lUNT    1S88.  ■  E.    SIEVERS. 


366  SIEVERS.    ÜBER    SARRAZIN,    BEOWL'LF  -  STUDIEN 

Beowiilf-studien.  Ein  beitrag  zur  geschichte  altgermanischer  sage 
und  dichtung  von  (»regor  Sarrazin.  Berlin,  Mayer  &  Müller,  1888.  VII [I]. 
220  s.     8.     5  m. 

Seit  etUchen  jähren  hat  der  Verfasser  dieser  „Studien"  es  sich  angelegen  sein 
lassen,  die  Beowulflitteratur  durch  eine  reüie  von  „  entdeckungen "  zu  bereichern. 
In  der  geschichte  dieser  entdeckungen  sind  drei  hauptphasen  oder  -stufen  zu  unter- 
scheiden. Zuerst  entdeckte  Sarrazin  (Paul  -  Braune ,  Beiträge  XI,  159  fgg.),  dass  der 
ags.  Beowulf  eine  einfache  Überarbeitung  eines  altdäuischen  Originals  sei.  Auf  der 
zweiten  stufe  (AugUa  IX,  515  fgg.)  wurde  Cynewulf  als  der  betreffende  boarbeiter 
entdeckt.  Unsere  „Studien"  stellen  die  dritte  stufe  dar;  sie  bringt,  neben  einer  reca- 
pitulierung  der  fräheren  aufsteUungen ,  als  Schlusskrönung  des  gebäudes  den  satz: 
Der  Verfasser  des  altdänischen  heldengedichtes ,  dessen  „obscure  bearbeitung"  (s.  118) 
im  ags.  Beowulf  vorliegt,  ist  StarkaSr  der  alte. 

Gegen  Sarrazins  methode  der  beweisführung  habe  ich  in  einem  speciellen 
punkte,  nämlich  in  bezug  auf  die  Verwertung  sprachhcher  kriterien,  bereits  zweimal, 
Beiträge  XI,  354  fgg.  und  XII,  168  fgg.,  leider  erfolglos,  einspruch  erhoben.  Wie 
die  „Studien"  zeigen,  ist  er  auch  jezt  noch  des  guten  glaubens,  dass  man  über 
sprachliche  dinge  mit  erfolg  schreiben  könne  ohne  die  betreffenden  sprachen  selbst 
zu  kennen.  Was  aber  neben  den  sprachlichen  momeuten  zur  begrüuduug  des  gan- 
zen hypothesengebäudes  vorgebracht  wird,  entspricht  so  sehr  dem  gegenteil  dessen, 
was  man  sonst  philologische  methode  zu  nennen  pflegt,  dass  ich  im  Interesse  der 
leser  dieser  Zeitschrift  darauf  verzichten  muss,  micli  eingehender  damit  auseinander 
zu  setzen.  Ich  versuche  es  also  nicht  zum  dritten  male,  den  Verfasser  zur  umkehr 
zu  bewegen,  sondern  begnüge  mich  damit,  ähnlich  wie  dies  soeben  ten  Brink,  Beo- 
wulf, Strassbiu'g  1888,  s.  248  getan  hat,  meinen  Widerspruch  einfach  zu  registrieren. 
Nur  ein  kleines  vergnügen  möchte  ich  mir  noch  gestatten,  nämlich  die  auf- 
merksamkeit  des  lesers  auf  die  polemischen  abschnitte  zu  lenken,  welche  dazu 
bestimt  sind,  die  mangeUiaftigkeit  meiner  kentnisse  im  nordischen  und  angelsäch- 
sischen ins  gebührende  licht  zu  stellen.  Unter  diesen  abschnitten  ist  namentlich  der 
excurs  über  den  suffigierten  artikel  s.  198  fgg.  lesenswert.  Hier  dokumentiert  der 
Verfasser  ziuiächst  wider,  dass  er  nicht  weiss,  was  der  nordische  suffigierte  artikel 
ist,  indem  er  behauptet,  er  finde  sich  in  Uedem  wie  Vgluspä  und  YQlundarkvida. 
Dann  weist  er  nach,  dass  der  gebrauch  des  suffigierten  artikels  im  altdäuischen  bis 
an  die  schwelle  des  uruordischen  zurückreiche.  Unter  den  beweisenden  Zeugnissen 
fungieren  dabei  u.  a. : 

a)  bei  Saxo  Grammaticus  Berginuni,  d.  h.  nach  Sarrazin  Berg -in  „die  berge" 
als  uame  der  Stadt  Bergen,  von  der  man  bisher  anzunehmen  pflegte,  sie  heisse  altu. 
Bji^rgijn,  gen.  Bjqrgynjar  für  älteres  Bjqrgvin  usw. 

b)  ehcnda,  Ly?ufiot'thmum  =  dän.  Limfjord-en;  es  steht  aber  bei  Saxo  Lym- 
fiorthinuni  fretum,  wie  er  sonst  auch  Lyn/ieus  s/'mis  oder  Lymicum  mare  braucht. 

c)  runeuinschriften  mit  formebi  wie  kubl  paiisi ,  st/'n  paust',  runar  pasi  usw. 
Das  weitere  möge  der  leser  im  originale  nachselien. 

HALLE.    1.   SEPT.    1888.  E.    SIEVERS. 


SIJMONS,    ÜBER    KORMAKS    SAGA    ED.    MÖBIUS  367 

Kormaks    saga    horausgegoben    von    TIi.   Möbhis.      Halle  a.  S.,    buclihandlimg 
des  Waisenhauses,  1886.     208  s.     8.     4  m. 

Der  wünsch  nach  einer  neuen  ausgäbe  der  Korinakssaga ,  dem  vor  einigen  jäh- 
ren Gudbr.  Vigfüsson  ausdruck  gab  (Cpb.  11,  63),  als  er  in  seine  samlung  ausser  den 
fragnieuten  von  Kormaks  Sigur|)ardrapa  die  mehrzabl  der  visur  der  saga  aufnahm,  ist 
von  Th.  Möbius  bald  erfült  worden.  Die  sehr  interessante,  strophenreiche  erzählung, 
bisher  nur  einmal  (1832)  herausgegeben,  verdiente  nach  einem  halben  Jahrhundert 
gewiss  eine  neue  bearbeitung:  dass  Möbius  ihr  die  sorgsamste  pflege  gewidmet  hat, 
braucht  dem  kenner  der  Möbiusschen  schritten  —  und  welcher  nordische  pliilologe 
wäre  dies  nicht?  —  kaum  erst  versichert  zu  werden.  Wie  der  editio  princeps,  so 
liegt  auch  dieser  neuen  ausgäbe  der  bekante  codex  AM  132  fol.  (A)  zu  gründe,  die 
einzige  alte  membrane,  welche  die  saga  A'olständig  bietet,  neuerdings  in  dem  hoch- 
wilkommenen  ersten  hefte  des  „Katalog  over  den  Aruamagnteanske  händskriftsamling" 
(Kbliv.  1888)  als  Mödruvallabök  bezeichnet  und  der  ersten  hälfte  des  14. Jahrhun- 
derts zugewiesen.  Doch,  davon  abgesehen,  dass  die  neue  vergleichung  von  A  sehr 
nutzbringend  gewesen  ist,  hat  Möbius  seinem  texte  der  saga  eine  breitere  handschrift- 
liche luiterlage  zu  geben  vermocht  durch  die  benutzimg  des  membranfragments  AM 
162  F  fol.  (s.  Katalog  vor  den  Arn.  händskrfsml.  1,  124),  das  allerdings  nur  ein  klei- 
nes stück  der  saga  (6-^ — 11-")  enthält,  aber  selbständigen  kritischen  wert  besizt  und 
einige  male  gegen  A  entschieden  im  rechte  ist.  Die  zalilreichen  chartacei  dagegen 
scheinen  sämtlich  auf  A  zurückzugehen,  wie  Möbius  für  neun  derselben  s.  78  fg. 
schlagend  nachweist;  ihre  abweichenden  lesarten  haben  somit  nur  die  bedeutung  von 
conjecturen  und  sind  für  den  text  der  Strophen  nur  mit  vorsieht  zu  verwenden,  da 
sie  vielfach  den  bei  Kormak  häufig  mangebiden  silbenreim  herzustellen  suchen.  Selbst- 
verständlich kann  bei  diesem  zustande  der  Überlieferung  eine  ausgäbe  der  Kormaks- 
saga  wesentlich  nur  eine  normalisierte  und  behutsam  bessernde  widergabe  von  A  sein, 
und  so  hat  auch  der  herausgeber  seine  aufgäbe  verstanden. 

Dem  texte  (s.  3  —  56),  dem  die  Varianten  und  vorgeschlagenen  emeudationen 
(zu  den  visiu')  beigegeben  sind,  folgt  zunächst  ein  buchstabengetreuer  abdmck  der 
visui"  nach  A  und  B  (s.  57  —  64),  sodann  eine  einleitung,  walche  über  Inhalt,  form, 
Überlieferung  und  kritik  der  saga  orientiert,  nebst  anmerkungen  kritischer  und  erklä- 
render natur  zum  prosatexte  (s.  65  —  91).  In  eingehendster  weise  werden  darauf  die 
85  Strophen  dei'  saga  erläutert  (s.  92  — 174),  erst  im  algemeinen,  dann  jede  einzeln. 
Dieser  teil  des  buches  ist  sehr  geeignet,  die  Schwierigkeiten  und  Wunderlichkeiten 
der  skaldenpoesie  einem  wider  so  recht  zum  bewustsein  zu  bringen.  Trotz  der  ver- 
hältnismässigen einfachheit  von  Kormaks  technik  und  trotz  der  peinlichen  Sorgfalt, 
mit  welcher  Möbius,  für  einzelne  strophen  unterstüzt  von  J.  forkelsson,  G.  Vigfüs- 
son, F.  Jonsson  imd  H.  Gering,  diese  gedichte  bearbeitet  hat,  bleibt  noch  so  man- 
ches rätsei  zu  lösen,  scheint  so  manche  crux  nicht  zu  beseitigen:  und  daran  ist  kei- 
neswegs bloss  die  schlechte  Überlieferung  schuld,  die  ihrerseits  wider  in  dem  den 
späteren  abschreibern  abgehenden  Verständnis  für  die  skaldische  spräche  wurzelt, 
sondern  fast  ebensosehr  die  kürzlich  von  Heinzel  (Auz.  f.  d.  a.  14,  43  fg.)  mit  recht 
hervorgehobene  Idiomatik  der  altnordischen  kunstdichtung.  Der  vorteil,  den  die 
festen  bestimmungen  über  Stabreim,  sUbenreim  und  silbenzahl  der  conjecturalkritik 
zu  bieten  scheinen,  bedeutet  tatsächlich  wenig  der  hilflosen  Unsicherheit  gegenüber, 
was  in  stilistischer  hinsieht  den  skalden  zugetraut  werden  dürfe  und  was  nicht.  Die 
Schwierigkeit  wird  bei  Kormak  noch  erhöht  durch  die  lässigkeit  seiner  metrischen 
technik  (s.  96  fg.):   statt  aäalhent  findet  sich  skotheut  und  umgekehrt,   und  liüttlaust 


368  siJMONs 

komt  äusserst  häufig  vor,  der  hauptstab  steht  in  17  fälleü  statt  auf  der  ersten  silbe 
auf  der  zweiten  oder  dritten  des  2.  verses  usw.,  sodass,  wie  der  herausgeber  auch 
betont,  in  unserer  saga  durch,  metrische  fehler  keineswegs  immer  auch  überlieferungs- 
fehler mit  Sicherheit  indiciert  werden.  Was  einstweilen  für  herstellung  und  deutung 
zu  eiTeichen  war,  hat  Möbius  gewiss  erreicht,  die  alzukünstlichen  coustructionen 
Sv.  Egilssons  hat  er  nicht  selten  durch  überzeugende  einfachere  ersezt,  und  manche 
schöne  emendation  ist  ihm  mittelst  einer  umsichtig  gehandhabten  plülologischen 
methode  gelimgen.  Dankbar  darf  man  ihm  sein  für  die  der  .prosaischen  Wortfolge 
der  einzelnen  Strophen  sich  anschliessende  deutsche  inlialtsangabe ,  wodurch  er  man- 
chem die  oft  wenig  lohnende  mühe  erspaii  haben  wird,  selber  die  glose  zu  suchen: 
mehr  als  WoKram  müssen  die  nordischen  skalden  tiutcBre  mit  ir  mcsren  laxen  gan, 
und  wir  dürfen  uns  nur  freuen,  wenn  Möbius  die  rolle  des  deuters  übemimt. 

Den  beschluss  des  buches  machen  ein  register  der  umschreibimgen  (keuningar, 
vidkenningar ,  hälfkenningar)  in  den  Strophen  der  Kormakssaga  (s.  175  — 178),  ein 
wörtei-verzeichnis  zu  den  visiu'  (s.  179  —  203),  in  welches  man  gerne  auch  diejenigen 
Wörter  des  prosatextes  hätte  aufgenommen  gesehen,  die  sich  nicht  im  „Altnordischen 
Glossar"  finden,  endlich  ein  nameuverzeichnis  (s.  204  —  206)  mit  dankenswerten  Ver- 
weisungen bei  den  isländischen  Ortsnamen  auf  Kälunds  „Historisk-topografisk  be- 
skrivelse." 

An  diesen  bericht  über  die  ausgäbe  knüpfe  ich  die  besprechmig  di'eier  einzel- 
ner punkte,  in  denen  ich  dem  herausgeber  nicht  beizupflichten  vermag  oder  doch  zwei- 
fei äussern  möchte.  Die  zwei  ersten  beti'effeu  kleinigkeiten  der  Orthographie  und  der 
erkläi'ung. 

Möbius  hat,  während  der  prosatext  auf  gnmd  von  A  normalisiert  wurde,  die 
visur  in  das  älteste  erreichbare  sprachliche  gewand  gekleidet.  Er  misst  dieser  nor- 
malisierung  mit  vollem  rechte  nur  eine  untergeordnete  „symbolische"  bedeutung  bei 
(s.  101*),  da  zwischen  der  eutstehung  dieser  visur  und  den  handschriftlichen  Zeug- 
nissen, auf  die  sich  die  normalisierung  stüzt,  noch  immer  mehr  als  zwei  Jahrhun- 
derte liegen.  Allein  es  ist  wünschenswert,  dass  in  die  reconstructionsversuche  der 
älteren  sprachgestalt  in  den  ausgaben  altnordischer  gedichte  almählich  einheit  komme. 
Im  algemeinen  wird  man  sich  dem  verfahren  des  herausgebers  durchaus  anschliesseu 
können.  Einige  fast  imvermeidliclie  iueonsequenzen  hat  Möbius  selber  berichtigt, 
und  es  verlohnt  sich  kaum  der  mühe,  auf  ein  paar  weitere  aufmerksam  zu  machen. 
Dass  dui'ch  versehen  in  str.  31  Hviteng,  Skafnongr  stehen  geblieben  sind  (gegen 
Skipunga  52*.  65*,  Solundar  ö7\  Skafnunge  59')  hat  Sievers  Beitr.  12,  482^  be- 
merkt. Die  gänzliche  Vermeidung  des  ?<-umlauts  von  «,  sowie  die  Unterlassung  des 
?<- Umlauts  von  «,  wo  der  silbenreim  unumgelauteten  vokal  zu  fordern  schien,  billigt 
Möbius  laut  seines  Widerrufs  s.  207  selber  nicht  mehr,  und  in  der  tat  ist  die  annähme 
skandinavischer  gelehrter,  dass  dieser  umlaut  erst  im  11.  Jahrhundert  eingetreten  sei, 
mit  den  beglaubigten  tatsachen  der  Sprachgeschichte  nicht  avoI  zu  vereinigen.  Adal- 
hendingar  von  a  r^  (^  oder  u  ^~^  '  sind  eben  nicht  völlig  reine  silbenreime,  die  in 
der  älteren  skaldik  ein  ähnliches  kenzeichen  noch  unvollendeter  technik  sind,  wie  die 
unreinen  endreime   der  älteren  mhd.   poesie.  ^     Auf  einen  anderen  hierher  gehörigen 

1)  Man  gestatte  mir  bei  dieser  gelegenlieit  die  berichtigimg  eines  ärgerlichen  ii-tiuus  in  der  Ortho- 
graphie des  kürzlich  erschienenen  ersten  halbbandes  meiner  ausgäbe  der  Eddalieder ,  auf  welchen  S.  Bugge 
und  E.  Sievers  mich  freiuidlichst  aufmerksam  gemacht  haben.  ]Mit  unrecht  habe  ich  ps-  und  qst-  in 
compositis  geschrieben ,  wählend  doch  beide  des  Umlaufs  entbehren  müsten ,  ersteres  als  langsilbiger 
M- stamm,  lezteres  als  langsilbiger  t- stamm:  vgl.  die  Beitr.  12,  491  von  Sievers  citierte  litteratur.     Das 


ÜBER  KORMAKS  SAGA  ED.  MOBIUS  369 

punkt  gehe  ick  etwas  näher  ein.  Die  pluralformen  des  ind.  praes.  der  wurzel  es 
schreibt  Möbius  mit  s:  esoni  16',  esut  =  eso-at  l?*,  eso  53^  (im  texte  ero,  doch 
s.  ]  Ol  *  in  eso  gebessert) ,  daneben  die  verkürzte  form  'ro  41  °.  Jedenfalls  nicht  mit 
recht,  denn  in  diesen  formen  ist  r  aus  x  bereits  umordisch;  ja,  wir  dürfen  Hxum, 
*ixuä,  w^ozu  die  3.  pl.  altn.  ero  analogiebildung  ist,  unbedenklich  als  die  urgerma- 
nischen formen  der  1.  2.  pl.  betrachten:  ahd.  birii/m,  bind  sind  daraus  durch 
mischung  mit  der  i- wurzel  hervorgegangen,  und  auch  ags.  earun  aron  weisen  auf 
eine  form  mit  x  zurück  (vgl.  Sievers  Beitr.  6,  571  fgg.).  Aber  auch  die  annähme, 
die  an  sich  immerhin  möglich  w^äre,  dass  in  späterer  zeit  das  s  einmal  aus  den  sin- 
gularformen est,  es  in  den  plural  eingedrungen  sei,  wird  durch  die  gekürzten  for- 
men 'rom,  'rop,  'ro  und  dann  sogar  'o  widerlegt.  Weiter  erhebt  sich  die  frage,  ob 
esomk  =^  es  vier,  wie  Möbius  16-  geschrieben,  oder  eronik  zu  schreiben  sei,  wäh- 
rend natürlich  in  der  bedeutuug  ero  mer  in  jedem  falle  nm-  eromk  richtig  ist.  Wäh- 
rend ich  in  den  Eddaliedern  esomk  und  vqsomk  (=  vas  mer)  in  den  text  gesezt,  ist 
mir  jezt,  namentlich  durch  briefliche  bemerkungen  S.  Bugges,  die  berechtigung  sol- 
cher formen  doch  zweifelhaft  geworden.  Die  formen  esomk  und  vqsomk,  in  den 
handschrifteu  wol  nirgends  belegt,  verdanken  ihre  einführung  wol  ausschliesslich  der 
formellen  übereiustimmung  mit  es,  vas,  allein,  wie  hiipomk  =  baup  mer  unter  ein- 
fluss  des  plurals,  Hesse  sich  auch  eromk,  vqromk  =  es  mer^  vas  mer  unter  demsel- 
ben einfluss  wol  erklären.  Auch  kann  bereits  vor  der  zeit  der  Eddalieder  und  der 
Kormakischen  dichtung  neben  betontem  es  unbetontes  eR  bestanden  haben.  S.  Bugge 
glaubt  für  diese  annähme  eine  stütze  zu  finden  in  den  Inschriften  von  Björketorp  und 
Stentoften,  die  er  jezt  auch  als  echte  alte  Inschriften  betrachtet  (über  frühere  ansich- 
ten  s.  F.  Burg,  Die  älteren  nord.  ruueninschr.  s.  59  fgg.),  wo  aR  =:  altn.  er  bereits 
vorzukommen  scheint.  Vorsichtiger  scheint  es  unter  diesen  umständen  jedenfals 
eromk  und  vqromk  beizubehalten. 

Sodann  eine  kleine  bemerkung  zur  erklärung  einer  stelle.  In  str.  4  sagt  Kor- 
mak  von  der  unverwant  auf  ihn  sehenden  Steingerd,  sie  habe  d  halse  Hagbarßs  — 
wofür  F.  Jonsson  mit  recht  und  h.  H.  lesen  will  —  auf  ihn  hingestart.  Die  saga 
hat  daraus  folgenden  zug  der  erzählung  gewonnen  (5^^~^^):  Nu  finnr  Steingerär  at 
hon  er  sen,  snyr  nü  i  skotid  ok  ser  undir  skegg  Hagbar äi.  Nu  berr  Ijos  i  annlit 
henni;  pd  mcelti  Tosti:  „Kormakr,  ser  pii  angun  utar  hjd  Hagbaräshqfdmu?" 
Der  herausgeber  erklärt  s.  82,  wesentlich  in  Übereinstimmung  mit  der  deutung  in 
einem  chartaceus,  Steingerd  habe  sich  hinter  einem  hölzernen  türpfosten  versteckt, 
der  am  obern  ende  mit  dem  geschnizten  köpfe  des  Hagbard  versehen  war.  Und 
ohne  zweifei  ist  so  etwas  gemeint;  nur  w'äi'e  es  merkwürdig,  wenn  ein  isländisches 
haus  des  zehnten  Jahrhunderts  mit  einem  bilde  von  Hagbards  bärtigem  haupte  ge- 
schmückt gewesen  sein  solte.  Trotz  der  beliebtheit,  deren  sich  die  sage  von  Hagbard 
und  Signy  im  ganzen  norden  erfreute  (vgl.  namentlich  Sv.  Grundtvig,  Daum,  gamle 
folk.  1,  258  fgg.),  haben  wir  doch  kaum  eine  stütze  für  die  annähme,  dass  die  islän- 

Stockh.  homüieiibuch  schreibt  wol  auch  stets  äst-  (z.  b.  li^.  1514.  ißse.  72i5.  1163.  igßi  usw.).  Es 
wäre  also  zu  schreiben  gewesen:  dsbrü  Griimi.  295,  dslißar  Skirn.  34 s,  äsniegen  Hym.  32'-.  Fragm.  6  (1)^, 
äsmeger  Vegt.  7^,  cismaga  Svipd.  11,  SS-",  Äsgarp  J'rkv.  IT^,  sgarpe  Hjm.  7°,  Äsnmndar  Griinn.  49^, 
4.solfr  Hyudl.  21 1,  sowie:  äsirdß  Hym.  4-'.  312.  Verführt  hat  mich  vermutlich  die  Schreibung  (isinundar 
im  Eegius  Grimn.  49-,  die  allerdings  nicht  zuftällig  sein  kann,  sondern  den  M-umlaut  andeuten  muss. 
Ich  will  überhaupt  gestehen ,  dass  die  freüich  unleugbare  tatsache ,  dass  die  u  -  stamme  mit  langer  erster 
Silbe  als  erstes  compositionsglied  regelrecht  keinen  w-umlaut  haben  (vgl.  vandstyggr,  fjarfbdl,  vallrop, 
hiattleikr,  skjaldpik.  u.  a.),  mir  durch  Heinzel  Anz.  f.  d.  a.  12,  48  fgg.  noch  keine  genügende  erklärang 
gefunden  zu  haben  scheint.     [Vgl.  jezt  die  ausführungen  von  E.  Sievers,  oben  s.  104.    Eed.] 

ZEITSCHRIFT    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.       BD.    XXI.  24 


370  siJiioxs 

(lische  kuust  sich  von  den  lielden  der  nordischen  sage  so  individuelle  Vorstellungen 
gebildet  hätte ,  dass  etwa  Hagbards  köpf  durch  bestirnte  charakteristische  züge  unmit- 
telbar als  solcher  wäre  erkant  worden.  Unwilküi'lich  erinnert  man  sich  der  bereits 
mehrfach  (z.  b.  von  Müllenhoff  Ztschr.  f.  d.  a.  12,  297  und  0.  Jaenicke  DHE  4,  XLH) 
hervorgehobeneu  interessanten  mhd.  glosse  hagcbart  „larva"  (gl.  Herrad.  189"),  die 
freilich  W.  Wackernagel ,  doch  wol  ohne  genügenden  grund,  als  agebart  (zu  ecje)  deu- 
tet: s.  "Wöiierb.  123*.  Dem  vereinzelten  ahd.  eigeunamcn  Hagiqjart  entspräche  aller- 
dings an.  *IIqgharpr  (wie  ahd.  hagustalt  =  an.  liqgstaldr^^  allein,  wie  neben  hagu- 
stalt  ein  hagastalt  {Hagustalt  und  Hagastalt  als  eigennamen:  Müllenhoff  a.a.O.),  ist 
auch  neben  Hagiqmrt  ein  ahd.  Hagapart  Hagabart  =  an.  Hagbarßr  denkbar.  Die 
Hagbardsage  muss  auch  in  Deutschland  einmal  bekant  gewesen  sein,  wie  sich  aus 
der  spielmannsmässigen  Umgestaltung  der  alten  austrasischen  Hugdietrichssage  erwei- 
sen lässt,  und  es  ist  nicht  unmöglich,  dass  mhd.  hagebart  „Larva"  eine  appellativisch 
gewordene  erinnerung  an  jenen  Hagliard  ist',  der  in  frauenverkleidung  die  geliebte 
gewint.  Dürfen  wir  etwas  ähnliches  für  die  Strophe  Kormaks  annehmen,  so  dass 
auch  in  ihr  Itagbarßr  appellativisch  als  „bärtige  larve,  bärtiges  haupf^  zu  verste- 
hen wäre?  Noch  möchte  ich  darauf  hinweisen,  dass  Hagbarßr  als  beiname  Odins 
nicht  nachzuweisen  ist.  Ich  bemerke  dies,  da  G.  Yigfusson  im  Oxford.  Dict.  231'' 
s.  V.  Hagbarär  mit  nicht  ungewohnter  Sorglosigkeit  angibt:  „a  name  of  Odin  .  .  . 
Edda",  und  im  Corp.  poet.  bor.  H,  80.  573  in  einer  strophe  des  tJlfr  Uggason,  welche 
sich  übrigens  nicht  nur  in  der  Kristni  saga  c.  8  (Bisk.  I,  13),  sondern  auch  Njala 
c.  102  luid  Fms.  II,  203  findet,  Hagbaräx  (=  „Woden's")  liest,  während  alle  hand- 
schriften,  soweit  ich  sehe  (s:  K.  Gislason  Njala  II,  498,  J.  f'orkelsson  Skjr.  ävisum 
i  Njäls  sogu  (1870)  s.  21),  auf  Hdrbarßs  weisen.  "Wäre  in  der  tat  Hagbarßr  als 
0{)insheiti  überliefert,  so  liesse  sich  die  stelle  in  Kormaks  vers  auf  einen  geschnizten 
Odinskopf  deuten,  der  allerdings  weit  leichter  zu  begreifen  i;nd  durch  genügende 
analogien  zu  stützen  wäre  (Weinhold  Altn.  Leben  s.  420  fg.). 

Gegen  Möbius'  datierung  der  Kormakssaga  oder  doch  gegen  das  stichhaltige 
der  ai'gumente,  welche  derselbe  für  seine  datierung  beibringt,  hat  sich  Heinzel  Anz. 
f.  d.  a.  14,  54  gewant.  Wie  ich  glaube,  sind  seine  einwendungen  nicht  grundlos. 
Möbius  schliesst  eme  verhältnismässig  späte  abfassung  der  saga  —  in  der  zweiten 
hälfte  des  13.  Jahrhunderts  —  aus  der  mangelhaften  composition  derselben  und  aus 
dem  Verhältnis  der  A'isur  zur  erzähhuig.  Der  sagaschreiber  hat  aus  einer  verlorenen 
Bersasaga  geschöpft  imd  aus  ihr  aucli  solche  züge  aus  Bersis  leben  in  seine  erzäh- 
lung  aufgenommen,  die  in  keiner  beziehimg  zu  Kormak  stehen  und  chronologisch 
später  fallen  als  die  in  unserer  saga  erst  nachher  erzählten  weitei'en  erlebnisse  des 
haupthelden:  also  ein  störender  compositionsfehler.  Er  wird  ferner  in  seinem  berichte 
diu'chaus  beeinflusst  durch  die  visur,  erzählt  um  ihretwillen:  statt  dass  sie  unmittel- 
bar aus  der  saga  „herauswachsen",  bilden  sie  die  „stützen  und  träger"  derselben. 
Diese  beiden  beobachtungen ,  deren  richtigkeit  keinem  zweifei  unterliegt,  führen 
Möbius  zu  der  ansieht,  dass  Kormakssaga  nicht  auf  einer  in  der  mündlichen  tradition 
ausgebildeten  saga  beruhe,  sondern  erst  in  späterer  zeit  auf  grund  alter  gedieh te  und 
historischer  eriunerungeu  nach  dem  vorbilde  älterer  SQgur  wilkürKch  zusammengesezt 

1)  haucstalda  iii  Eegius  Sig.  sk.  31=  und  OJdr.  G^  ist  wol  als  h^gsMda  zu  verstehen  (icli  vor- 
danke  diese  auffassung  einer  mitteilung  H.  Gerings,  in  der  er  seine  erklärung  im  Eddaglossar  70 *>  ziuück- 
nimt).  Das  wert  mag  dann  in  Snorra-Edda  wirklich  mit  hmikr  zusammengebracht  sein,  durch  die  pho- 
netische Schreibweise  mit  k  statt  g  (Noreen  Altisl.  gr.  §  187,  2)  verleitet.  Vgl.  übrigens  schon  Oxf.  dict. 
s.  V.  haukstaldar. 


ÜBER    KORMAKS    SAGA    ED.    MOBIüS  371 

sei.  Der  verehrte  herausgeber  wird  es  mir  nicht  verübeln,  wenn  ich  gestehe,  durch 
diese  erörterung  (s.  70  fgg.)  nicht  überzeugt  zu  sein.  Ich  glaube  nicht,  dass  diese 
stilistischen  oder  aesthetischen  beobachtungen,  so  dankenswert  und  fördernd  sie  sind, 
zu  einer  datierung  ausreichen.  Die  Unebenheit  der  composition  und  ungeschickte 
einfügung  von  episoden  könte  ja  an  sich  auch  auf  frühe  entstehuugszeit  deuten:  sieht 
man  z.  b. ,  wie  in  der  Njäla  die  composition  trotz  der  verschiedenen  in  dieser  saga 
zusammengearbeiteten  motive  wol  durchdacht,  die  episode  geschickt  verwendet  ist, 
so  könte  daraus  mit  gleichem  rechte  auf  die  weiter  fortgeschrittene  kunst  etwas  spä- 
terer zeit  geschlossen  werden.  Ähnliches  gilt  von  Laxdn?la;  denn  freilich  sind  die 
episoden  von  Gunnarr  und  BoUi  in  ganz  anderer  kunstvollerer  weise  mit  der  haupt- 
handlung  verwoben,  wie  die  episode  von  Bersi  in  Kormakssaga.  Was  ferner  das 
Verhältnis  der  Strophen  zum  jorosatexte  angeht,  so  muss  ich  zunächst  Heinzeis  ein- 
wendungen,  die  ich  nicht  widerholen  will,  zustimmen  und  mache  ferner  auf  die  nicht 
gleichgültige  tatsache  aufmerksam,  dass  keine  einzige  strophe  der  saga  zweifei  an 
ihrer  ächtheit  erregt.  Damit  will  ich  Möbius'  datierung  nicht  bestreiten,  sondern  nur 
andeuten,  dass  seine  argumente  mir  nicht  zwingend  scheinen.  So  lange  nicht  durch 
umfassende  stilistische  beobachtungen  eine  sichere  grundlage  geschaffen  ist,  scheint 
es  vorsichtiger,  auf  eine  relative  Chronologie  der  IslendingasQgur  zu  verzichten.  Be- 
zeichnend für  die  Unsicherheit  in  diesen  fragen  ist,  dass  G.  Vigfüsson,  allerdings 
ohne  seine  gründe  anziigeben,  die  Kormakssaga  noch  neuerdings  (Cpb.  II,  32)  one 
of  the  oldest  genant  hat.  Und  in  der  tat,  andere  beobachtungen,  wie  die  in  münd- 
licher Überlieferung  unschwer  begi'eifliche  lockerheit  der  Übergänge  und  die  den 
modernen  leser  befremdende  sprunghaftigkeit  der  erzählung,  die  sich,  ausser  an  den 
von  Möbius  hervorgehobenen  stellen,  auch  namentlich  iü  c.  11  bemerkbar  macht,  wo 
wir  ohne  ersichtlichen  grund  von  Melr  (22  ^-)  nach  Eeykir  (23  ^ :  Kormak  bringt  dem 
Skeggi  das  geliehene  schwert  zurück) ,  wider  nach  Melr  (23  *■* :  vier  stropheu  au  Dalla), 
und  wider  nach  Reykir  (24  -^ :  Kormak  entschuldigt  sich  str.  34 ,  dass  er  das  schwert 
so  spät  zurückbringt,  obwol  er  dies  schon  23*  getan)  versezt  werden,  sodann  das 
archaische  gepräge  des  satzbaus  gemahnen  oft  an  eine  frühe  entwickelungsperiode 
des  isländischen  sagastils.  In  Ljosvetningasaga  nimt  man  ähnliches  wahr.  Möchte 
doch  bald  die  methodische  erforschung  von  composition  und  Stil  der  isländischen 
SQgur  uns  in  den  stand  setzen,  mit  grössei'er  Sicherheit  über  derartige  fragen  zu 
urteilen :  B.  Dörings  leider  nicht  fortgesezte  „  Bemerkungen  über  typus  und  stil  der 
isl.  saga"  (1877)  imd  vor  allem  Heinzeis  „Beschreibung  der  isl.  saga"  (1880)  solten 
nachfolge  finden. 

Es  sei  mir  gestattet,  bevor  ich  diese  anzeige  schliesse,  noch  auf  einige  anord- 
nungen  der  äusseren  druckeinrichtung  aufmerksam  zu  machen,  durch  welche  sich 
Möbius'  neue  ausgäbe  der  Kormakssaga  sehr  zu  ihrem  vorteil  von  früheren  saga- 
editionen  unterscheidet  und  welche  sich  für  die  leichtere  benutzuug  derartiger  bücher 
den  nachfolgern  sehr  empfehlen  möchten:  1)  besonderes  titelblatt  (s.  1  —  2)  und  auf 
dessen  rückseite  übersichtliches  Verzeichnis  der  Codices  und  abkürzungen.  —  2)  durch- 
gehende nummerierung  der  Strophen  (z.  b.  Korm.  str.  1—85).  —  3)  der  setzer  ist 
von  vornherein  darauf  hinzuweisen,  dass,  wenn  eine  strophe  wegen  Seitenwechsels 
brochen  werden  muss ,  dies  nur  hälftenweise  (z.  1  —  4  |  5  —  8)  geschehe ,  da  zum 
Verständnis  unbedingt  die  Übersicht  der  halben  strophe  erforderlich  ist.  —  4)  ober- 
halb des  textes  oder  neben  demselben  am  rande  hinweis  auf  die  zulezt  erschienene 
hauptausgabe ,  wegen  der  citate  nach  früheren  ausgaben:  der  mangel  eines  solchen 
hin  weises    macht  sich  z.  b.  recht    fühlbar    in  K.  Gislasons  Njala,    wo    überdies    die 

24* 


3?2  DÜXTZER 

frühere  ausgäbe  falsche  kapitelzählung  hat.  —  5)  unten  in  den  Varianten  neben  der 
angäbe  der  in  den  text  aufgenommenen  lesart  auch  angäbe  ihres  aiietors,  die  nur  feh- 
len kann,  wenn  dieser  der  herausgeber  selber  ist,  obwol  auch  in  diesem  falle  eine 
andeiitung  den  vorzug  verdient.  —  Von  diesen  empfehlenswerten  neuerungen,  die, 
so  einfach  sie  sind,  für  die  praktische  brauchbarkeit  einer  ausgäbe  keineswegs  gering 
geschäzt  werden  dürfen,  hat  F.  Jonsson  1 — 4  in  seiner  neuen  ausgäbe  der  Egilssaga 
(1.  2.  Kbhv.  1886/87)  bereits  dui-chgeführt. 

Der  hochverdiente  herausgeber,  dem  die  pflege  der  nordischen  philologie  in 
Deutschland  so  viel  verdankt,  hat  auch  in  seinem  neuesten  werke  alle  uns  so  wol 
bekanten  und  so  lieb  gewordenen  Vorzüge  seiner  sorgsamen  und  umsichtigen  arbeits- 
weise  widerum  voll  bewährt..  Möge  noch  manche  ähnliche  gäbe  von  seiner  band  ims 
erfreuen ! 

GRONINGEN,    ni   MAI   1888.  B.    SIJMONS. 


Goethes  beziehungen  zu  Zürich  und  zu  bewohnern  der  stadt  und  land- 
schaft  Zürich.  Von  Ludwig'  Hirzel.  Neujahrsblatt  herausgegeben 
von  der  stadtbibliothek  in  Zürich  auf  das  jähr  1888.  Leipzig  bei 
S.  Hirzel. 

"Während  der  fünfunddreissig  jähre,  die  seit  erscheinen  meines  aufsatzes  über 
Goethe  und  Lavater  in  der  Schrift  „Goethes  Freimdesbilder "  verflossen,  ist  unsere 
keutnis  dieses  Verhältnisses  durch  urkundliche  mitteilungon  vielfach  erweitert  wor- 
den, aber  wie  manches  noch  immer  zu  tun  übrig  geblieben,  drängte  sich  mir  lebhaft 
auf,  als  ich  füi'  Kürschners  „  Nationalbibliothek "  die  Schweizerreise  zu  bearbeiten 
hatte,  wo  in  den  berichten  über  Zürich  noch  häufig  das  Verständnis  erst  vermittelt 
werden  muss.  Bei  der  künde  vom  erscheinen  der  Hirzelschen  abhandlimg  hegte 
ich  die  hofnung,  diese  werde  bei  der  günstigen  Stellung  des  Verfassers  aus  dem  vol- 
len geschöpft  sein  und  auf  der  höhe  der  Wissenschaft  stehen:  aber  wie  sehr  wurde 
meine  erwartung  getäuscht.  Es  ist  eine  unart  der  neuern  kritik,  dass  sie,  wo  es 
nicht  einen  Parteigenossen  zu  feiern  gilt,  mit  scharfer  hervorhebung  der  mängel, 
wenn  nicht  gar  mit  einfacher  verui'teilung  und  herunterreissung  sich  begnügt,  das 
wirkliche  verdienst  verschweigt:  um  so  mehr  scheint  es  mir  geboten,  dem  abfälligen 
urteil  über  die  neueste  Züricher  abhandlung  die  anerkennung  des  wirklich  geleisteten 
vorausgehen  zu  lassen. 

Hirzel  hat  natürlich  die  neuesten,  zum  teil  von  ihm  selbst  gelegentlich 
gegebenen  mitteilungen  über  Goethes  Verhältnis  zu  Zürich  und  Zürichern  seiner 
darstellung  einverleibt;  die  zahl  derselben  ist  nicht  unbeträchtlich.  Daneben  verdan- 
ken wir  ihm  auch  einiges  ganz  neue.  Unbekant  war  bisher  der  anfang  eines  brie- 
fes,  den  Lips  gleich  nach  seiner  ankunft  in  Weimar  (am  13.  november  1789)  in  Goe- 
thes hause  schrieb;  freilich  hätte  dieser  sich  nicht  im  berichte  selbst  voll  ergiessen 
dürfen,  sondern  in  eine  anmerkung  gehört.  Ton  einem  schreiben,  worin  Goethe 
am  15.  märz  1783  sich  über  den  freimaureriag  in  "Wilhelmsthal  gegen  Kaj'ser  aus- 
spricht, war  es  Hirzel  leider  niu'  gestattet,  die  freilich  recht  bezeichnenden  schluss- 
worte  zu  geben:  „Wenn  man  woltätig  sein  will  und  weiter  nichts,  kann  das  jeder 
am  hellen  tage  und  in  seinem  hauskleid."  S.  55  erhalten  wir  den  brief  von  Goethes 
mutter  an  Lavater  vom  9.  april  1795,  den  Mörikofer  nur  verstümmelt  mitgeteilt  hat. 
Darauf  beschränkt  sich  das  hier  zuerst  gegebene.  Nicht  viel  zahlreicher  sind  die 
Hirzel  eigentümlichen    und    zugleich    wahren  bemerkungen.     Eichtig  wird 


,1 


ÜBER   HIKZEL,    GOETHES    BEZIEH.    ZU    ZÜRICH  373 

s.  54  gegen  Bächtold  bemerkt,  Magdalena  Schweizer  müsse  Goethe  schon  1775  gese- 
hen haben;  aber  warum  steht  dies  ganz  verloren  erst  in  einer  anmerkung  zum  jähre 
1779?  In  der  anmerkung  63  wird  zustimmend  der  nachträglich  erhaltenen  mittei- 
lung  gedacht,  unter  den  „Orells",  die  Goethe  dui-ch  Lavater  grüssen  lässt,  sei  die 
familie  von  David  OreU  zu  verstehen,  dem  vater  des  philologen  J.  C.  Orelli,  dessen 
pathe  Lavater  gewesen.  "Wir  hören  dabei,  dass  von  OreUis  mutter  viele  briefe  vor- 
handen seien;  aus  einem  an  Lavater  wird  eine  Goethe  (die  „bekentnisse  einer  schö- 
nen seele'")  betreffende  stelle  mitgeteilt.  Da  wäre  auch  wol  ihres  anziehenden  brie- 
fes  an  Knebel  zu  gedenken  gewesen,  aber  meine  samlung  „Zur  deutschen  litteratur 
und  geschichte"  (1858)  kent  Hirzel  nicht,  und  so  sind  ihm  auch  alle  dort  gege- 
benen nicht  unwichtigen  briefe  Toblers  an  Knebel  unbekant  geblieben,  aus  denen  er 
genaueres  über  den  selbst  am  Weimarischen  hofe  mit  besonderer  auszeichnung  auf- 
genommenen, zur  griechischen  litteratur  mehr  als  zur  bibel  neigenden  jungen  Züricher 
theologen  erfahren  haben  würde,  als  er  jezt  mitteilen  konte.  Richtig  ist  die  Vermu- 
tung, dass  Goethe  bei  seiner  dritten  reise  durch  Joh.  Konrad  Eschers  „Geognostische 
Übersicht  der  alpen  in  Helvetien"  (1796)  gefördert  worden  sein  werde;  aber  Hirzel 
durfte  sich  diese  Vermutung  sparen,  da  sie  als  tatsache  bekant  ist.  "Wie  konte  er 
übersehen,  dass  Goethe  an  Yoigt  schreibt;  „Die  aufsätze  eines  herrn  Escher  von 
Zürich  haben  mü-  eine  geschwinde  Übersicht  gegeben  dessen,  was  ich  auf  meiner 
kleinen  vorgenommenen  tour  zu  erwarten  habe."  Dankenswert  ist  die  bemerkung, 
dass  der  von  Goethe  besuchte  Fäsi  damals  redakteur  der  BürkUschen  zeitung  gewe- 
sen, woraus  aber  freiKch  noch  nicht  folgt,  dass  es  diesem  bei  seinem  besuche  beson- 
ders um  politische  nachrichten  zu  tun  gewesen;  war  ja  Fäsi  vor  allem  ein  mann  der 
Wissenschaft,   wie  andere,  die  Goethe  damals  aufsuchte. 

Doch  inwiefern  hat  Hirzel  die  aufgäbe  gelöst,  ein  bild  von  Goethes  beziehung 
zu  Zürich  zu  entwerfen?  Zu  weit  würde  es  uns  führen,  wolten  wir  auf  alle  unge- 
nauen und  schiefen  ausdrücke  eingehen,  die  auf  ungenügender  kentnis  oder  nachläs- 
sigkeit  beruhen,  wir  beschränken  uns  auf  die  hervorhebung  sachlicher  irtümer.  S.  3 
lässt  Hirzel  den  Fraukfui'ter  dichter  am  8.  juni  „mit  seinen  reiscgefährten  (den  bm- 
dern  Stolberg)  in  Zürich  ankommen.''  —  Hätte  er  sich  mit  den  nachrichten  der  gräf- 
hchen  brüder  über  die  Schweizerreise  näher  bekant  gemacht,  so  hätte  er  gewusst, 
dass  Goethe  ohne  sie  zu  seiner  Schwester  gereist  (eben  erfahren  wir,  dass  Lenz  üin 
dorthin  begleitet)  und  er  allein,  einen  tag  vor  diesen  in  Zürich  angekommen  war.  — 
In  der  ausführung  über  den  musiker  Kayser,'über  dessen  Charakter  als  komponisten 
Hülers  urteil  nicht  übergangen  werden  dui-fte,  lesen  wir,  Goethe  habe  ihn  nach  Eom 
kommen  lassen,  während  dieser  sich  zur  überkunft  anbot;  noch  weniger  ent- 
spricht es  der  Wahrheit,  dass  dieser  am  hofe  zu  Weimar  verdriesslichkeiten  gehabt; 
er  begleitete  die  herzogin  mutter  auf  der  reise  nach  Italien,  fand  sich  aber  durch 
die  ihm  zu  teil  gewordene  behandlung  so  veiiezt,  dass  er  noch  in  Deutschland  sie 
veiiiess  und  voll  uumut  nach  Zürich  zurückkehrte,  wodiu'ch  das,  was  Goethe  mit 
ihm  beabsichtigt  hatte,  auf  immer  unmöglich  wurde.  Die  Vermutung,  Goethes  Ver- 
bindung mit  Reichardt  habe  zu  dem  bruche  zwischen  Kayser  und  dem  Weimarer 
dichter  mit  beigeti-agen,  dürfte  kaum  zu  halten  sein.  Kayser  zog  sich  zurück,  weil 
er  sich  schwermütigen  grillen  hingab,  die  auch  seine  tätigkeit  lahm  legten.  —  Wenn 
s.  12  behauptet  wird,  von  beziehungen  Goethes  zu  Nanne  Lavater  und  Luise  Ziegler 
sei  nichts  bekaut  geworden,  so  solte  man  meinen,  über  diese  personen  sei  überhaupt 
nichts  bekant.  Aber  ISTanne  Lavater  war  Hans  Kaspars  nichte  und  Luise  Ziegler  ist 
durch  ihre  Verbindung  mit  Christof  Kaufmann  nur  zu  sehr  bekant  geworden.     Aus 


374  DÜNTZER 

Nanne  Lavaters  briefen  an  die  Ziegier  habe  ich  (Kaufmann  s.  46)  eine  ungemein  merk- 
würdige äusserung  bekant  gemacht,  die  auf  die  bekautschaft  mit  Goethe  deutet,  ja 
ein  „herUches  briefchen"  Goethes  an  die  freuudin  Lise  erwähnt.  „Er  weiss,  dass  ich 
da  bin",  schreibt  sie  von  dem  „teui'eu"  Goethe,  „weiss  er  schon  nicht,  wie  sehr  ich 
für  ihn  bin." 

Nicht  zu  entschuldigen  ist  es ,  wenn  Hirzel  daselbst  die  verse  auf  dem  Züricher 
see  nicht  in  der  jezt  algemein  bekant  gewordenen  ursprünghchen  fassung  gibt,  ja 
man  diirfte  verlangen,  dass  er  auch  den  sonstigen  Inhalt  des  tagebuches  „Donners- 
tagsmorgen aufm  Zürchersee"  nicht  übergangen,  den  ersten  entwui'f  der  „Hoffnung" 
überscliriebenen  verse,  ja  selbst  die  ausgelassene  strophe  mitgeteilt  hätte: 

Ohne  Wein  kanns  uns  auf  Erden 

Nimmer  wie  dreihundert  werden. 

Ohne  Wein  und  ohne  Weiber 

Hol'  der  Teufel  unsre  Leiber, 
wo  Erich  Schmidt  nach  dreihundert  unbedenklich  „Säuen"  ergänzt,  während  doch  die 
einfache  Steigerung!  zu  dreihundertfaltiger  kraft  des  trinkers  genügen  dürfte  [?  Eed.], 
trotz  des  kannibalischen  chores  der  trunkenen  stndenten,  von  dem  zweifelhaft  ist,  ob 
er  nicht  aus  einem  wirklichen  saufliede  genommen  ist.  Auf  blossem  übersehen  beniht 
es,  dass  Hii-zel  unter  dem  jähre  1775  nicht  erwähnt,  was  ich  („ Ereundesbilder " 
s.  41)  aus  unmittelbarer  queUe  berichtet  habe:  „Am  2.  jiüi  lernte  er  bei  Lavater 
auch  den  treuherzigen,  fromchristUchen  Brenner  von  Basel  kennen,  der  sich  eines 
solchen  freigeistes  in  dem  freunde  Lavaters  und  Pfenningers  nicht  versah,  und  ihm 
am  31.  august  einen  wunderlich  beschränkten  brief  über  die  nnchristlichkeit  des 
„traktätleins:  die  leiden  des  jungen  Werthers"  schrieb,  das  er  erst  nach  Goethes  per- 
sönlicher bekautschaft  gelesen.  Als  möghch  bezeichnet  es  Hirzel,  dass  Goethe  schon 
1775  ijiit  dem  arzt  Hans  Kaspar  Hirzel  in  berührung  gekommen,  was  jedenfals  1779 
der  fall  gewesen.  Goethes  bekautschaft  mit  dem  schon  1761  erschienenen,  KUjogg 
schildernden  buches  Hirzels:  „Die  Wirtschaft  eines  philosophischen  bauers"  glaubt 
Hirzel  durch  dessen  äusserung  an  frau  von  Laroche  beweisen  zu  können,  er  habe  in 
Klijogg  keinen  moralisch  philosophischen  bauern  gefunden.  Dass  er  al)er  das  buch 
selbst  gelesen,  ergibt  sich  daraus  nicht;  es  war  algemein  bekant,  dass  der  arzt  Hir- 
zel auf  diesen  als  einen  philosophischen  bauern  die  aufmerksamkeit  hingelenkt,  und 
Klijogg  war  seit  dieser  zeit  ein  berühmter  mann  geworden,  so  dass  Goethe  nicht 
unterlassen  konte,  seiner  freundin  vom  besuche  bei  demselben  zu  beichten.  Dage- 
gen wird  man  freilich  aus  einer  briefstelle  Goethes  an  Lavater  vom  3.  juli  1780 
schhessen  müssen ,  dass  dieser  ihm  den  ersten  teil  seines  werkes  „  An  Gleim  über 
Sulzer  den  Weltweisen",  gesant  habe.  Danach  abei-  wäre  seiner  erst  1779  zu  erwäh- 
nen gewesen,  wie  es  richtig  mit  dem  jungen  Heidegger  geschieht,  obgleich  Hii'zel  es 
für  wahrscheinlich  erklärt,  dass  Goethe,  da  derselbe  eine  namhafte  kunstsamlung 
schon  1775  besessen,  schon  damals  mit  ihm  in  berührung  gekommen. 

Zu  manchen  Vermutungen,  dass  Goethe  im  jähre  1775  auch  andere  Züricher 
besucht,  verleiten  Hirzel  spottverse  des  chorhern  Tobler,  mit  denen  es  eine  ganz 
eigene  bewantuis  hat.  Sie  sind  wähi-end  Goethes  ausflug  in  die  kleinen  kantone 
geschrieben,  doch  eben  so  sehr,  ja  im  gründe  noch  mehr  wider  dessen  gegner  als 
wider  ihn  selbst  gerichtet.  Dass  der  berühmte  dichter  nur  einen  ausflug  gemacht 
habe,  von  dem  er  zu  Lavater  zurückkehren  würde,  ahnte  Tobler  nicht.  Er  wirft  ihm 
vor,  dass  er  mit  seinem  eingebildeten  adlerbhck  sogleich  alle  Zürcher  gelehrten 
durchschaut,    „charakter,    köpf   und   herz    aufs  härchen"   erkant   zu  haben  glaube. 


ÜBER    IIIRZEL,    GOETHES    BEZIKH.    ZU    ZÜRICH  375 

„Ich  keun'  sie  jetzt,  |  Ey,  ey,  die  Herren  Gessner,  Bodmer,  Breitinger,  |  Steinbrü- 
che!, Compagnie,  |  Das  Völkchen  Zürcher,  ha,  |  Ist  das  so  ganz  was  herrliclies?  |  Die 
keun'  ich  mehr  als  gnug!"  Toblor  führt  die  bedeutendsten  Züricher  gelehrten  mit  namen 
an,  fügt  aber,  da  er  nicht  alle  in  gleicher  oder  wenigstens  in  besonderer  achtung 
stehenden  nennen  mag  und  kann,  ein  „Compagnie"  hinzu.  Wolte  man  annehmen, 
Goethe  habe  aUe  genanten  gelehrten  besucht,  so  würde  dies  auch  noch  von  man- 
chem andern  gelten  müssen,  er  müste  vom  8.  oder  9.  bis  zum  14.  jimi  eine  grosse 
zahl  Zürcher  gelehrten  auf  Lavaters  wünsch  besucht  haben,  was  an  sich  dui'chaus 
unwahrscheinlich  ist,  weil  er  vouLavater,  dessen  näherem  kreise  und  seinen  eigenen 
freunden,  den  Stolbergen,  Passavant,  Kayser,  Lindau  in  ansprach  genommen  war.  Da 
Goethe  nach  seiner  gebii'gsreise  noch  längere  zeit  in  Zürich  zu  verbleiben  gedachte, 
so  wäre  es  ganz  auffallend,  wenn  Lavater  ihn  gedrängt  hätte  (denn  alle  besuche 
machte  er  nur  diesem  zu  liebe),  so  viele  bekantschaften  im  fing  zu  machen.  Dass 
er  von  den  genanten  Steinbrüche!  nicht  besucht,  steht,  wie  Hirzel  selbst  bemerkt, 
durch  Bodmers  äusserung  an  Schinz  vom  15.  juni  fest,  die  er  freilich  wörtlicli  hätte 
anführen  sollen.  Aus  demselben  briefe  geht  hervor,  dass  Goethe  mit  den  Stolbergen 
auch  nicht  bei  dr.  Hirzel  und  Hottinger  gewesen,  ja  beti'achtet  man  den  brief  Bod- 
mers oliue  verurteil  in  seinem  zusauunenhang,  so  geht  daraus  hervor,  dass  dieser 
zu  seiner  hohen  freude  aUein  von  Goethe  mit  einem  besuclie  beehrt  worden  war. 
Wenn  Tobler  von  Goethes  persönlicher  berührung  mit  andern  Zürichern  spricht,  so 
scheint  dies  auf  blossen  gerüchten  zu  berahen,  die  jenem  zugekommen  waren,  wie 
dies  bei  der  grossen  aufregung,  welche  Goethes  ankunft  und  sein  wohnen  in  Lavaters 
hause  hervorgerufen,  nichts  weniger  als  auffallend  ist.  Somit  dürfte  man  ganz  sicher 
mit  der  annähme  gehen,  dass  er  wälu'end  der  ersten  woche  seiner  anwesenheit  nur 
Bodmer  besucht  hatte,  der  diese  ehre  durch  einen  gegenbesuch  bei  Lavater  erwiderte. 
Doch  kehren  wir  zu  Toblers  spotversen  zurück,  so  schliessen  diese  damit,  die  mei- 
nung  der  von  Goethe  nicht  besuchten  Züricher,  Lavater  hätte  ihn  nicht  zu  ihnen 
geführt,  weil  er  gefüi'chtet,  „dem  würden,  ging  er  umher,  die  äugen  geöfnet",  sei 
eben  so  beschränkt,  wie  Goethes  verächtliches  lu'teil  über  alle  Züricher  gelehrten 
überhaupt. 

In  bezieliimg  auf  Hottinger,  den  Goethe  als  einen  der  entschiedensten  gegner 
Lavaters  nicht  hatte  besuchen  können,  werden  ausser  den  bekanten  tatsachen  ein 
paar  haltlose  bemerkungen  geboten.  In  den  ohne  namen  erschienenen  „Brelocken ", 
die  Hottinger  sich  zuschrieb,  findet  sich  die  äusserung:  „Aber  einstimmen  will  ich 
in  den  wünsch,  dass  er  [Goethe]  von  Seiten  seines  herzens  besser  gekant  sein  möchte!" 
Hirzel  würde  die  frage:  „Ob  Hottinger  Goethe  von  selten  seines  herzens  näher  hat 
kennen  lernen",  sich  erspart  haben,  hätte  er  gewusst,  dass  jene  bemerkung  durch 
ein  bekantes  wort  Jung  Stillings  in  dessen  von  Goethe  selbst  herausgegebener  „Wan- 
derschaft" veranlasst  worden:  „Schade,  dass  so  wenige  diesen  vertreflichen  mann 
[Goethe]  seinem  herzen  nach  kennen. "  Jungs  Schrift  ■  trägt  die  Jahreszahl  1778, 
erschien  aber  schon  im  jähre  1777.  Auch  die  „Brclocken"  zeigen  auf  dem  titel  das 
jähr  1778,  der  vorbericht  ist  gar  datiert  „Im  jidius  —  1777";  der  drack  verzog 
sich  wol  so  lange ,  dass  Hottinger  vorher  (die  stelle  steht  im  zweiten  teile  des  buches) 
Jungs  Schrift  gelesen  hatte.  Die  „Brelocken"  dürften  jedenfals  nicht  ganz  von  Hot- 
tinger stammen,  da  sie  dessen  parodie  „Menschen,  thiere  und  Goethe"  (s.  141  fg., 
wo  Hii'zel  den  druckfehler  „Wer  im  (statt  in)  menschen"  unverl)essert  gelassen  hat) 
und  seine  briefe  Selkofs  (s.  131)  mit  vollen  backen  preisen,  was  wir  diesem  unmög- 
lich   zuschreiben   können.     Aber   Hii'zel   will    aus   jenem   von  Hottinger   erwähnten 


376  DÜNTZER 

wünsche  auf  eine  vorher  eingetretene  nähere  Verbindung  zwischen  Goethe  und  Hot- 
tinger  schliessen,  obgleich  noch  die  „Brelocken"  mit  aller  schärfe  und  bitterm  höhne 
gegen  ihn  iind  Lavater  losfahren.  Mit  gleichem  unrecht  wird  aus  dem  „  simplen, 
bonhomiereichen  discours  über  AVielands  und  Goethes  Versöhnung",  den  Lavater  bei 
der  festlichen  vereinigimg  der  Züricher  gelehrten  auf  der  chorherrnschule  mit  Hot- 
tinger  gehabt  (er  gedenkt  desselben  gegen  Zimmermann  am  12.  februar  1776),  eine 
Verbindung  zwischen  Goethe  und  Hottinger  gefolgert.  Eine  damalige  annäherung 
zwischen  Lavater  und  Hottinger  leugnen  wir  nicht;  eine  briefliche  äusserung 
des  lezteren  an  Lavater  teilt  Hegner  unter  dem  2.  december  1775  mit,  und  in  seinem 
„schreiben  an  seine  feinde"  vom  1.  april  1776  erklärt  Lavater,  dass  er  Hottinger 
trotz  so  vieler  falscher  vorwürfe  nicht  mehr  für  einen  vorsätzlichen  lügner  halte.  Aber 
dies  kann  unmöglich  Goethes  Versöhnung  mit  Hottinger  beweisen.  Auf  rech- 
nimg  einer  solchen  möchte  Hirzol  auch  den  umstand  setzen,  dass  Goethe  bei  der 
neuen  redaktion  seines  „triumphes  der  empfindsamkeit "  im  jähre  1786  (nicht  1787) 
von  den  empfindsamen  büchern,  die  aus  dem  „leinenen  sacke"  gezogen  werden, 
„Seihofs  briefe"  gestrichen,  aber  nicht  diese  allein,  auch  „Thomas  Imgarten", 
„ Adelstan -und  Röschen",  „Allwills  Papiere",  „Freundschaft  und  Liebe"  (beide  von 
seinem  freunde  Fr.  Jacobi)  und  seine  eigene  Stella."  Er  weite  eben  die  stelle  ver- 
einfachen und  sezte  für  alle  diese  zum  teil  längst  vergessenen  romane  blos  einen, 
„Der  zarte  jüngling."  Also  nicht  aus  Schonung  Hottingers  Hess  er  „Selkofs  briefe" 
weg,  sondern  diese  gehörten  zufällig  zur  zahl  derjenigen,  die  er  der  dramatischen 
wii'kung  wegen  strich. 

„Zu  anfang  des  monats  juli  1775,  der  tag  der  abreise  ist  nicht  genau  ermittelt, 
verliess  Goethe  Zürich",  heisst  es  knapp  abgebi'ochen  s.  23.  Wie  es  damit  stehe, 
lässt  Hirzel  den  leser  gar  nicht  ahnen,  obgleich  dieser  punkt,  solte  der  Züricher 
aufenthalt  möglichst  genau  geschildert  werden,  von  grösster  bedeutung  ist.  Hirzel 
schrieb  dies  J.  Crüger  nach,  aber  hier  galt  es  selbst  nachsehen,  und  wie  verworren 
auch  die  Sache  durch  widersprechende  berichte  geworden,  sie  löst  sich  bei  ruhiger 
betrachtung  leicht.  Lavaters  äusserung  an  Herder  vom  22.  juli  1775,  einem  „Sams- 
tag" (so  dass  eine  verschreibung  des  monatstages  unmöglich  ist):  „Nun  ist  Goethe 
schon  zehn  tage  weg;  vermutlich  hast  du  ihn  schon  gesehen"  (dieser  brief  hat  uns 
selbst  vorgelegen),  gestattet  keinen  zweifei.  Lavater  konte  sich  bei  dieser  bestirnten 
angäbe  unmöglich  iiTen.  Sehen  wir,  was  ilir  entgegensteht!  Crüger  gibt  aus  einem 
briefe  Bodmers  an  Schinz  in  Alstetten  vom  11.  juli  die  werte:  „Jemand,  der  Goethen 
nach  seiner  abreise  in  Baden  gesehen  hat,  erzählt,  dass  er  mit  mir  überaus  wol  und 
mit  keinem  Züricher  besser  zufrieden  sei."  Gegen  das  sichere  datum  des  Lavater- 
schen  briefes  müssen  wir  den  11.  für  verlesen  halten.  Die  briefe  von  Bodmer  au 
Schinz  sind  im  sommer  1775  regelmässig  montags  oder  donnerstags  geschrieben,  nur 
einmal,  wenn  das  datum  richtig  ist,  an  einem  sontage;  der  11.  juli  aber  fält  auf 
einen  dienstag.  Wahrscheinlich  ist  der  brief  vom  13.,  und  es  wäre  dies  nicht  der 
einzige  fall,  wo  3  irrig  als  1  gelesen  worden.  Am  3.  juli  traten  die  Stolberge  ihren 
ausflug  an,  imd  Goethe  solte  am  5.  abreisen,  aber  es  war  ihm,  obgleich  die  mutter 
in  einem  briefe  an  Lavater  dringend  seine  rückkunft  gewünscht  hatte,  unmöglich  sich 
von  diesem  zu  trennen,  er  blieb  noch  eine  volle  woche.  Dieser  späte  tag  der  abreise 
stimt  auch  zu  dem  zusammentreffen  Goethes  mit  Zimmermann  in  Strassburg,  wo 
dieser  am  10.  ankam  und  bis  zum  14.  oder  15.  bleiben  wolte,  auch  zu  seinem  auf- 
enthalte  in  Darmstadt,  von  wo  er  am  24.  mit  Herder  und  dessen  gattiu  nach  Frank- 
furt zurückkehrte.     Soeben  ist  Lenzens  äusserung  vom  13.  bekant  geworden:   „Goethe 


ÜBER    HIRZEL,    GOETHES    BEZIEH.    ZU    ZÜRICH  377 

ist  bei  mir  und  wartet  schon  eine  halbe  stunde  auf  dem  hohen  münstertui'me."  Vgl. 
auch  Haym,  Herders  leben  I,  739.  Sonach  blieb  Goethe  nach  abreise  der  Stolberge 
noch  über  eine  woche  bei  Lavater  allein,  wo  er  ihn  und  seinen  nähern  kreis  noch 
genauer  kennen  lernte. 

Über  die  beiden  besuche  bei  Bodmer  gibt  Ilirzel  die  berichte  des  alten  Patriar- 
chen, die  frischer  sind  als  die  ein  halbes  jahrhimdert  spätere  erzählung  Goethes, 
aber  in  den  hauptpunkten  stimmen  sie  überein,  dass  die  besuchenden  ihn  „jugend- 
lich verehrten"  und  Bodmer  den  Frankfurter  dichter  imd  die  grafen  munter  und 
artig  erapfieug,  nur  gedenkt  Goethe  bloss  eines  besuches.  Die  sich  selbst  bespiegelnde 
eitelkeit  des  alten,  dem  das  treiben  der  jungem  nur  eine  anmassliche  verirrung 
schien,  tntt  so  bezeichnend  hervor,  wie  Goethes  geschick,  alles  zu  vermeiden,  was 
denselben  verletzen  konte.  Vom  zweiten  besuche  berichtet  Bodmer  ausdrücklich, 
Goethe  sei  zurückhaltend  gewesen,  habe  weder  von  seinen  Schriften  noch  von  Herder 
und  Wieland  gesprochen,  dagegen  Klopstocks  und  Homers  mit  Verehrung  gedacht. 
"Wir  hören  auch,  dass  Lavater  sie  vorher  in  Eschers  haus  geführt.  Das  kann  nur 
der  „colonel Escher"  sein,  der  im  jähre  1779  den  herzog  bei  seinem  zweiten  besuche 
zu  Bodmer  geleitete,  und  dieser  war  nach  dem  vertraulichen  tone  zu  Bodmer  dessen 
neffe  und  späterer  erbe,  Escher  im  Wollenhof,  wie  Crüger  gesehen  hat.  Aber  Hir- 
zel  meint  seltsam  genug,  es  sei  Johannes  Escher  im  Eelsenhof  (oder  im  Thalacker) 
gemeint,  von  dessen  näherer  beziehung  zu  Bodmer  wir  nichts  wissen. 

„Ein  teil  der  wahrscheinlich  1775  geschriebenen  ersten  abteüung  der  briefe 
aus  der  Schweiz "  scheint  nach  Hirzel  zu  bezeugen ,  dass  das  dortige  leben  Goethe 
beschränkt  vorgekommen  sei.  Freilich  lesen  wü.-  auch  in  Scherers  htteratm-- 
geschichte,  diese  briefe  hiengen  mit  Goethes  Schweizerreise  von  1775  zusammen  und 
seien  eine  nicht  sehr  bedeutende  nachahmung  von  Sternes  „Empfindsamer  reise." 
Aber  Sclierer  hatte  hier,  wie  auch  sonst  zuweilen,  keine  kentnis  von  dem  längst 
entdeckten.  Schon  vor  einem  menschenalter  habe  ich  in  meinen  erläuterungen  zu 
„Werthers  leiden "  diesen  briefen  eine  eingehende  betrachtung  gewidmet  und  aus 
einer  mir  bekant  gewordenen  angäbe  in  Goethes  tage  buch  bewiesen,  dass  sie 
im  februar  1796  zu  Jena  diktiert  seien,  was  freilich  bis  heute  aUen  Goethefor- 
schern, die  sich  über  jene  briefe  geäussert,  ein  offenbares  geheimnis  geblieben  war, 
wie  manches  andere,  da  man  sich  für  meine  „erläuterungen",  die  man  eben  meist 
gar  nicht  kent,  nur  unbekanterweise  herunterreisst,  zu  vornehm  dünkt. 

Goethe  habe,  heisst  es  weiter,  „durch  die  Unternehmung  der  reise  (von  1779), 
die  er  angeraten  gehabt,  seinem  jugendlichen  fürstlichen  gebieter  dasselbe  geben  wol- 
len, was  er  selbst  vier  jähre  zuvor  in  der  Schweiz  gewonnen:  „ablösung  von  stö- 
renden Verhältnissen  und  entwicklung  und  kräftigung  des  eigenen  wesens."  Ver- 
schwommener und  unklarer  dürfte  man  kaum  Goethes  absieht  der  zweiten  Schwei- 
zerreise bezeichnen  können.  Doch  wir  wollen  hier  nur  tatsächliche  irtümer  berichtigen. 
„Goethe  ward  damals,  und  zwar  in  Lavaters  oder  S.  Gessners  hause  [eine  ganz  aus 
der  luft  gegriffene  bestiramung] ,  auch  mit  dem  originellen  Jägerhauptmann  Salomon 
Landolt  bekant,  dessen  „tüchtige  Wunderlichkeit  er  anstaunte",  wie  er  sich  auch  an 
„den  märchen",  mit  denen  man  sich  von  Landolt  trug,  nicht  wenig  ergözte."  Frei- 
lich schi-eibt  Goethe  in  den  „Tag-  und  Jahresheften"  unter  dem  jähre  1820  hei 
gelegenheit  der  vom  Verfasser,  dem  Züricher  maier  David  Hess,  ihm  zugeschickten 
lebensbeschreibung  Landolts:  „Ich  hatte  den  mann  im  jähre  1779  persönlich  kennen 
gelernt  ....  Hier  fand  ich  nun  jene  frühern  tage  wider  hervorgehoben  und  konte 
ein  solches  psychisches  phaenomen  um  so  eher  begreifen,    als  ich  seine  persönliche 


378  DÜNTZER 

gegenwart  und  die  Umgebung,  worin  ich  ihn  kennen  gelernt,  der  einbildimgskraft 
und  dem  nachdenken  zu  hülfe  rief."  Aber  es  lässt  sich  leicht  zeigen,  dass  1779 
druck-  oder  Schreibfehler  statt  1797  ist.  Goethes  tagebuch  berichtet:  „Schaff hau- 
sen, den  17.  September  1797,  abends.  Im  gasthof  zur  kröne  ...  An  der  table 
d'hote  verschiedene  emigranten,  dame,  grcäfin,  Condesche  Offiziere,  pfaffen,  oberst 
Landolt."  Nun  hörten  wir  Goethe  bemerken,  die  erinnerung  an  die  Umgebung,  worin 
er  Landolt  getroffen,  habe  sein  bild  lebhaft  in  ihm  wach  gerufen.  Die  im  jähre  1797 
erwähnte  umgebiing,  verschiedene  emigriei-te,  eine  gräfin  (wol  eine  französische), 
Condesche  Offiziere  und  pfaffen,  war  fürwahr  so  sehr  auffallend,  dass  dieselbe  nicht 
leicht  aus  dem  gedächtnisse  schwand,  und  höchst  sonderbar  wäre  es  gewesen,  wenn 
sich  eine  ähnlich  wunderhche  Umgebung  schon  bei  einer  früheren  bekantschaft  gefun- 
den hätte;  wenigstens  wäre  eine  solche  bei  Lavater  und  S.  Gessner,  in  deren  haus 
Ilirzel  die  erste  bekantschaft  ganz  wilkürlich  verlegt,  kaum  möghch  gewesen.  Hess 
liatte  im  begleitschreiben  auch  sich  des  besuches  erinnert,  den  Goethe  mit  dem  her- 
zog 1779  der  Schweiz  gemacht,  aber  ohne  ihn  mit  Landolt  in  Verbindung  zu  brin- 
gen. Im  jähre  1797  war  Landolt,  damals  zugleich  landvogt  in  Eglisau,  als  oberst- 
lieutenant  der  von  ihm  aufgebrachten  Scharfschützen  recht  an  seiner  stelle,  da  es 
galt,  die  ruhe  gegen  die  emigrierten,  die  sich  hier  noch  herumtrieben,  aufrecht  zu 
halten. 

Seltsam  macht  Hirzel  aus  dem  Pestaluz,  dem  bekanten  Lavaters,  der  Goethe 
im  herbst  1775  zur  zeit  der  Fi'ankfiuter  messe  besuchte,  einen  kaufmann;  beileibe 
darf  dies  nicht  der  bekante  Pestalozzi  sein,  obgleich  das  weglassen  der  italienischen 
endung  ebensowenig  auffält  als  bei  Orell  neben  Orelli,  und  die  messe  nicht  bloss 
kaufleute  nach  Frankfurt  zog,  auch  Pestalozzi,  der  Anna  Schiüthess  zur  frau  hatte, 
mit  Lavater  bekant  war,  ja  sein  gewaltiger  anruf  an  Goethe  in  seinen  „Abendstun- 
den" (1780)  wol  darauf  deuten  könte,  wie  ihm  auch  aus  persönlicher  berührung  die 
macht  dieser  hinreisseuden  natur  aufgegangen  war.  —  Dass  der  herzog  Karl  August 
Lips  in  Klotten  besucht  habe,  wird  wol  kaum  mehr  als  eine  unschuldige  anekdote 
sein.  Nach  dem  briefe  zu  m-teilen,  den  Lips  1789  gleich  nach  seiner  ankimft  in  Wei- 
mar schrieb,  scheint  der  herzog  ihm  persönlich  noch  ganz  unbekaut  gewesen  zu 
sein;  denn  seine  hofnung,  dieser  werde  ihn  gut  aufnehmen,  beruhte  auf  dem,  was 
Goethe  ihm  versicherte,  und  auf  dem  lobe,  das  die  meisten  leute  ihm  gaben,  nicht 
auf  eigener  Überzeugung,  die  er  aus  einem  „wenn  auch  nur  kurzen  besuch  des  leut- 
seligen fünsten  in  seinem  dorfe"  gewonnen  haben  würde.  —  Auch  das,  was  über  das 
zusammentreffen  des  jungen  Tobler  in  Genf  mit  Goethe  gesagt  wird,  ist  irrefüh- 
rend. Schon  drei  jähre  muss  jener  damals  in  Genf,  wol  bei  dem  pastor  Diodati, 
gewesen  sein;  denn  gegen  Knebel  gedenkt  er  er  am  6.  augustl782  seiner  fast  sechs- 
jährigen abwesenheit.  Wenn  Goethe,  als  ihm  Tobler  zu  Genf  Lavaters  buch  über- 
reichte, nicht  zu  einem  vertraulichen  gespräch  mit  diesem  kam,  so  erklärt  sich  dies 
schon  daraus,  dass  sie  sich  nur  in  gegenwart  des  pastors  Diodati  sprachen,  wo  Tobler 
vielleicht  auch  durch  die  bedeutung  des  berühmten  mannes  befangen  war,  und  Goethe 
selbst,  wie  wir  wissen  und  er  selbst  bei  dieser  gelegenheit  ausdrücklich  bemerkt, 
sich  in  geselschaft  aufzuknöpfen  nicht  liebte.  Hirzel  sucht  den  grund,  dass  es  zu 
keinem  vertraulichen  gespräch  gekommen,  darin,  dass  Tobler  Lavaters  homiletische 
bearbeitung  der  Offenbarung  Johannis  Goethe  gegeben;  allein  diese  las  Goethe  erst 
später.  Nach  dem  zweiten  gespräch  mit  Tobler  bemerkte  Goethe,  dieser  habe  zwar 
nähe  und  vertrauen  zu  ihm,  aber  wegen  des  Unterschiedes  der  jähre  sei  es  ihnen 
nicht  wol  zusaminen  geworden.     Hirzel  dagegen  sucht  den  grimd  in  dem  unangeneh- 


ÜBER   HIEZEL,    GOETHES    BEZIEH.    ZU    ZÜRICH  379 

men  ein  druck,  den  Lavaters  scliiiften,  die  genante  homiletisclie  beschreibung  und 
der  anfang  seines  aus  derselben  Offenbarung  geschöpften  „Jesus  Messias"  ihm  ge- 
macht, woi-über  er  sieh  dem  jungen  freunde  gegenüber  nicht  habe  äussern  wollen. 
Und  doch  spricht  sich  Goethe  über  leztere  gegen  Lavater  selbst  mit  grossem  lobe 
aus;  sie  habe  ihm  viel  vergnügen  gemacht,  nur  bedauert  er,  nicht  gleich  auch  die 
zwölf  folgenden  gesänge  zu  haben.  Kann  man  schlimmer  als  Hirzel  misdeuten  ?  Übri- 
gens mag  auch  der  umstand  mitgewirkt  haben,  dass  Tobler  in  Genf  in  dem  trüben 
theologischen  duustkreise  befangen  war,  der  seine  frische,  freie  natur  diiickte,  und 
dass  Goethe  selbst  die  stadt  äusserst  fatal  war,  wie  er  frau  von  Stein  verriet. 

Wie  höchst  ungenügend  des  abschieds  gedacht  wird,  den  Lavater  von  den 
freunden  noch  in  Schaffhausen  zu  nehmen  von  seinem  herzen  getrieben  wurde,  deu- 
ten wir  bloss  an,  nicht  einmal  die  denkwürdige  erinnerung  des  herzogs  daran  ist 
erwähnt.  Aber  lebendige  schtldenmg  darf  man  bei  Hirzel  nicht  suchen,  der  nur 
seine  koUektaneen  so  gut  oder  schlecht,  wie  es  ihm  der  augenblick  gestattet,  anein- 
ander reihte.  Die  ausarbeitung  des  „in  den  bergen  entworfenen"  (?)  Singspiels  „Jery 
und  Bätely"  sezt  er  „auf  rechnung  der  in  Zürich  verlebten  tage."  Die  berge  und 
Zürich  haben  mit  dem  idyllischen  Singspiel  nichts  zu  tun;  dieses  bildete  sich  im 
dichter,  nachdem  er  die  Schweiz  verlassen,  da  er  ein  andenken  der  glücklich 
vollendeten  reise  dem  neuerbauten  Weimarschen  theater  spenden  wolte,  wozu  sein 
Züi-icher  freund  Kayser,  dem  er  in  Zürich  noch  nichts  davon  vertraut  hatte,  die 
musik  liefern  solte. 

Als  Übergang  zur  dritten  Schweizerreise  erhalten  wir  eine  weitläufige,  nm- 
längst  bekantes  ohne  einen  neuen  zug  bietende  ausfülirung  über  die  lösung  von  Goe- 
thes Verhältnis  zu  Lavater,  wobei  aber  gerade  das  bedeutendste  übergangen  wird, 
dass  der  angriff  des  Züricher  propheten  auf  die  von  Goethe  göttlich  verehrte  natur 
diesen  erbitterte,  was  besonders  hervortrat,  als  Tischbein,  der  mit  Lavater  in  freund- 
licher Verbindung  stand,  Rom  und  ihn  verlassen  hatte.  "Wenn  Hirzel  sonst  mit 
albekanten  briefstellen  seine  darstellung  verbrämt,  so  dui'fte  hier  Goethes  scharfe 
erklärung  in  den  briefen  an  Herder  nicht  fehlen.  Sogar  Lavaters  schriftchen  vom  jähre 
1786  „Nathanael  oder  die  eben  so  gewisse  als  unerweisliche  göttlichkeit  des  Christentums. 
Für  Nathauaelc,  das  ist  für  menschen  mit  geradem,  gesundem,  ruhigem,  truglosem 
Wahrheitssinne ",  das  derselbe  Goethe  als  einem  „Nathanael,  dessen  stunde  noch 
nicht  gekommen",  ins  haus  geschickt  hatte,  wird  mit  keiner  silbe  erwähnt,  obgleich 
sich  der  eine  brief  an  Herder  gerade  gegen  eine  stelle  desselben  wendet.  Noch  weit 
ungenügender  ist  das,  was  über  Meyer  bemerkt  wird.  Dass  die  erzählung  im  briefe 
vom  3.  november  1786,  wie  Goethe  im  Vatikan  Meyers  bekantschaft  gemacht,  auf 
später  ei-findung  beruht,  weiss  Hirzel  noch  immer  nicht,  obgleich  es  seit  dem  erschei- 
nen von  Goethes  ursprünglichen  reisebriefen  einem  Goetheforscher  kein  geheimnis 
sein  solte.  Vor  allem  muste  Hirzel  hier  des  grossen  werkes  gedenken,  das  Goethe 
und  Meyer  über  Italien  beabsichtigten,  da  dieses  mit  dem  dritten  besuche  der 
Schweiz  in  nächster  Verbindung  steht.  Um  Studien  zu  derselben  zu  machen,  war 
Meyer  1795  nach  Italien  gegangen,  wohin  ihm  Goethe  im  nächsten  jähre  folgen 
wolte,  aber  der  krieg  hielt  ihn  zurück,  und  im  frühlinge  1797  erschreckte  ihn  die 
künde  von  des  freundes  erkrankung.  Da  bat  er  diesen  denn,  nur-  eiligst  in  seine 
heimat  zurückzukehren,  die,  wie  schon  einmal,  seine  gesundlioit  herstellen  werde; 
von  dort  wolle  er  ihn  nach  Italien  abholen.  Kein  wort  sagt  uns  Hirzel  von  den 
briefen  des  ihm  nach  Stäfa  entgegenreisenden  Goethe ,  die  rührende,  herzliche  zeugen 
seiner  schmachtenden  Sehnsucht  nach  dem  freunde  sind,    dessen  ihm  so  woltätigen 


380  DÜNTZER 

iimgang  er  fast  zwei  jähre  hatte  entbehren  müssen.  Wie  herzlich  freute  er  sich, 
diesen  bald  wider  an  der  seite  zu  haben,  um  sich  nie  wider  von  ihm  zu  trennen,  sich 
seiner  reichen  ergebnisse  im  lebendigsten  austausche  zu  erfreuen.  Dabei  tröstete  er 
sich  leicht,  selten  sie  auch  auf  einen  widerholten  besuch  des  Landes  der  kunst  und 
damit  auch  auf  die  ausführung  ihres  grossen  werkes  verzichten  müssen.  Hirzel 
begnügt  sich  zu  bemerken,  dass  Meyer  in  den  jähren  1795  bis  1797  auf  einer  neuen 
Studienreise  in  Italien  gewesen  und  Goethe  ihm  auf  der  rückreise  bis  in  die  Schweiz 
entgegengekommen,  wo  Meyer  in  Stäfa  „von  der  reise  sich  noch  einige  zeit  erholen 
wolte."     Das  soll  ein  treuer  bericht  sein! 

Über  das  dritte  „  betreten  des  bodeus  der  Schweiz "  liegen  uns  Goethes  tage- 
buchbemerkungen  vor;  sie  bedürfen  aber  der  erläuterung,  die  man  von  einem  Züi'icher 
nicht  blos  für  den  Züricher  erwarten  durfte.  Aber  dieser  pflicht  ist  Hirzel  nur  teil- 
weis nachgekommen;  manches  ist  übergangen,  einzelnes  verfehlt.  Als  Goethe  in 
Schaffhausen  bei  der  abendtafel  eine  so  bunte  geselschaft  trift,  ist  Landolt  nach  Hir- 
zel „ein  alter  Züricher  bekanter",  wovon  das  tagebuch  nichts  weiss;  worauf  sich 
Hirzels  annähme  stüzt,  haben  wir  gesehen.  Bei  Goethes  äusserung,  er  habe  in 
Bülach  die  freude  gehabt,  „wider  gemalte  fenster"  zu  sehen,  wäre  es  seine  pflicht 
gewesen,  der  seit  Stuttgart  gemachten  beobachtungen  über  alte  glasmalereien  kui'z 
zu  gedenken,  und  wo  möglich  festzustellen,  ob  zu  Bülach  diese  sich  auf  dem  rat- 
hause, in  der  kirche  oder  im  hause,  wo  er  abgestiegen,  befanden.  Der  bericht  vom 
19.  über  die  abendtafel  in  Zürich,  an  der  herr  landvogt  Im  Thuru  von  Schaff  hausen, 
der  „vom  Syndikate  aus  Lavis  zurückkehrte",  und  ein  anderer  gleichfals  aus  Italien 
kommender  Züricher  teilgenommen,  hätte  dringend  der  erklärung  bedurft.  Aber  Hir- 
zel sagt  uns  nicht  einmal,  dass  Goethe  und  der  herzog  1779  diesen  Im  Thurm  in 
Schaff  hausen  kennen  gelernt,  noch  weniger  dass  Lavis  (Lugano)  und  Luggarus  (Lo- 
carno),  Mendrisio  und  Val  Maggia  eine  gemeinsame  vogtei  gebildet,  wohin  die  zur 
zeit  regierenden  orte  einen  landvogt  auf  zwei  jähre  schickten.  —  Goethe  berichtet  vom 
20.,  auf  dem  rückwege  vom  see  habe  er  „die  geistlichen  zu  und  von  einem  Ver- 
brecher hinüber  und  herüber  fahren  gesehen."  Wüste  Hirzel  dies  nicht  zu  erkläi'en 
oder  übersah  er  es,  genug  der  mit  Zürichs  geschieh te  nicht  bekante  leser  sucht  ver- 
gebens eine  erläuterung.  Der  gefangenthurm  für  Verbrecher,  der  sogenante  Wellen- 
berg (erst  1838  abgebrochen),  stand  beim  ausfluss  der  Limraat  im  see.  Theologische 
kandidaten  besuchten  hier  abwechselnd  die  gefangenen.  In  diesem  türme  hatte 
auch  der  unglückliche  Waser  gesessen,  dessen  bitte  man  erfülte,  ihm  am  lezten 
morgen  statt  der  dazu  der  reihe  nach  bestimten  kandidaten  Lavater,  Hess,  Schinz 
und  Pfenniuger  zu  schicken.  Vgl.  Meiners  „Briefe  über  die  Schweiz"  (zweite  ausg.) 
I,  59  fg.' 68.  Weiter  heisst  es  bei  Goethe:  „Dann  brachte  ich  den  morgen  unter  den 
hohen  hnden  auf  dem  ehemaligen  burgplatze  zu."  Hirzel  bemerkt  dazu  nur,  der 
einst  so  viel  besuchte  lindenhof  sei  heute  so  vernachlässigt.  An  einer  frühern  stelle 
(s.  7)  gedachte  er  der  „platzpromenade"  zwischen  Limmat  und  Sihl.  Woher  der  name 
„burgplatz"  stamme,  erfährt  man  von  Hirzel  nicht.  Es  war  dort  die  älteste  helvetische 
anläge,  an  deren  stelle  die  Römer  ein  kastell  bauten.  Meiners  nent  schon  1782  den 
platz  „schützenplatz."  Er  bemerkt:  „Diese  promenade  war  ursprünglich  (und  ist  es 
auf  eine  art  nocli  jezt)  eine  fruchtbare  wiese,  die  aber  mit  breiten  und  reinlichen 
gangen  durchschnitten  und  mit  prächtigen  aUeen  von  alten  ehrwürdigen  linden  besezt 
ist.  Die  aussieht  auf  die  stadt  und  wcinberge  jenseit  der  Limmat  ist  schön,  aber  ein 
wenig  eingeschränkt.  Hier  gingen  wir  mehrere  stunden  in  grosser  geselschaft  spa- 
zieren."    Es  war  auch  S.  Gessners  beliebter  Spaziergang. 


rBER    HIRZEL,    GOETHES    BEZIEH.    ZU    ZÜRICH  381 

Nach  Hirzel  hätte  Goethe  schon  früher  die  bekantschaft  von  Johannes  Escher 
gemacht,  der  jezt  ihn  und  Meyer  auf  seinem  landgute  bei  Herrliberg  bewirtete.  Als 
geschäftshaus,  wodurch  Cotta  Sendungen  an  Meyer  besorgte,  war  freilich  „Johann 
Escher  im  Thalacker  in  Zürich"  Goethe  bekant,  aber  von  persönhcher  bekantschaft  zeigt 
sich  keine  spur.  Erst  im  november  1798  erfreute  der  dichter  ihn  mit  einer  seiner 
arbeiten  in  dem  ersten  heft  der  „Propyläen."  Weshalb  die  anekdote,  Goethe  habe 
beim  ertönen  der  orgel  im  obern  saale  des  hauses  den  ganzen  saal  im  tanzschritt 
durchmessen,  auf  den  zweiten  besuch  bezogen  werden  soll,  sehen  wir  nicht.  Wie  es 
überhaupt  mit  der  Wahrheit  der  geschieh te  steht,  bleibt  demjenigen  zweifelhaft,  der 
weiss,  wie  manche  solche  sagen  entstanden  sind.  Zu  den  leichtfertig  ersonnenen  zäh- 
len wir  die  märe,  Meyer  habe  sich  in  die  tochter  des  landrichters  Kunz  verliebt,  so 
dass  er  verstört  worden,  als  er  ihre  verlobimg  vernommen,  Goethe  aber  habe  ihn 
„durch  einen  höchst  gelungenen  Vortrag"  von  üsteris  lied  „Freut  euch  des  lebens" 
zu  trösten  gesucht.  Die  geschichte  soll  freUich  ein  1803  geborener  Züricher  von 
seinem  vater  vernommen  haben.  Erst  bei  gelegenheit  dieser  anekdote  hören  wir, 
dass  Goethe  zu  Stäfa  im  wirtshause  „zur  brandschenke "  gewolmt,  woneben  noch  das 
„  zum  löwen "  erwähnt  wü'd.  Jedenfals  wohnte  auch  Meyer  in  demselben  gasthofe, 
seine  mutter  war  gestorben  und  ihr  haus  wol  verkauft.  Während  sonst  diejenigen, 
welche  Goethes  aufenthalt  in  einzelnen  städton  verfolgen,  über  häuser  und  örtlich- 
keiten genaue  auskunft  zu  erhalten  suchen,  ist  Hirzel  darmn  ganz  unbekümmert, 
seine  erwähnungen  solcher  sind  nur  zufällig  und  weit  entfernt  von  anschauhcher 
Schilderung. 

Von  Hans  Kaspar  Escher  hören  wir  zwar,  dass  er  in  Rom  mit  Meyer  bekant 
geworden  und  im  sommer  1797  aus  Italien,  zuiaickgekommen,  aber  in  der  lebens- 
beschreibung  Meyers  (Neujahrsblatt  der  künstlergeselschaft  zu  Zürich  1852)  findet 
sich,  dass  dieser  mit  Escher  und  Weinbrenner  die  räckreiso  aus  Italien  (Florenz) 
gemacht.  Hirzel  erwähnt  bloss,  dass  der  maier  Mako  mit  Escher  gekommen  und  sich 
in  Zürich  niedergelassen.  Über  diese  wäre  Meyers  spätere  äusserung  (Goethe  „Winckel- 
mann  und  sein  jahrhundeii"  s.  337)  anzuführen,  auch  wol,  wie  lange  er  in  Zünch 
geblieben,  zu  ermitteln  gewesen. —  Entschieden  falsch  ist,  dass  die  elegie  „Euphro- 
syne"  in  Stäfa  „fast  feiiig  geschrieben"  worden,  da  kaum  der  entwurf  in  der  Schweiz 
(in  Stäfa  und  Zürich)  ganz  zu  stände  kam.  —  Sehr  schlimm  ist  es  bestelt  mit  der 
deutung  der  beiden  tagebuchbemerkungen :  „Sonnabend,  den  21.  Früh  von  Stäfe 
ab.  Mittags  zu  Herrliberg  bei  herm  hauptmann  Escher.  Sontag  den  22.  Früh 
herrn  Eschers  kabinet,  das  sehr  schöne  suiten  des  Schweizergebirges  enthält." 
Hirzel  lässt  Goethe  und  Meyer  bei  Escher  übernachten,  wogegen  entschieden  die 
nichterwähnung  des  abends  daselbst  spricht.  Natüiiich  fuhren  sie  abends  weiter 
nach  Zürich,  wo  sie  im  gasthof  einkehrten.  Hirzel  beruft  sich  darauf,  dass  sie  am 
morgen  des  22.  „herrn  Eschers  kabinet"  sahen.  Es  steht  aber  nichts  weniger  als 
fest,  dass  Joh.  Escher  auf  seinem  landgute,  ja  dass  er  überhaupt  ein  mineralien- 
kabinet  besessen.  Der  besitzer  des  kabinets  mit  den  „sehr  schönen  suiten  des  Schwei- 
zergebirges" war  Konrad  Escher,  dessen  wir  schon  gedachten.  —  Aus  dem  briefe 
Goethes  an  Usteii  vom  8.  märz  1817  folgt  keineswegs,  dass  Goethe  diesen  persön- 
Uch  kennen  gelernt  hatte,  viel  eher  das  gegenteil;  denn  unmöglich  hätte  Goethe 
imterlassen  können,  des  früheren  Zusammentreffens  zu  gedenken,  wenn  er  Usteri 
persönlich  gekant  hätte. 

Ist  nach  dem  gesagten  der  wissenschaftUche  ertrag  der  schrift  unbedeutend 
(über  einzelnes,  wie  über  den  gastwiii  Ott,    den  arzt  Hotze,  Bodmer  und  seine  stif- 


382  HOLSTEIX,    ÜBER    CRÜGER,    STRASSBÜRGER    SCHULKOMÖDIE 

tung  hätte  noch  manches  neue  gegeben  werden  können),  so  stösst  sie  durch  den 
übertrockenen  ton,  den  mangel  an  feile  und  kunstvoller  darstellung  den  leser  ab, 
statt  ihn  durch  frisches  leben  eines  anziehenden  bildes  zu  fesseln.  Alles  gelehrte 
beiwerk  war  den  anmerkungen  zuzuweisen,  eine  fliessende,  nicht  durch  gehäufte 
anführung  längst  bekanter  stellen  zerhackte  Schilderung  zu  geben,  die  leben  und 
kraft  aus  den  quellen  sog,  ohne  mit  dem  vollen  Wortlaute  dei'  benuzten  überheferung 
den  leser  zu  überschwemmen.  Auch  hätten  wir  gewünscht,  das  bild  wäre  nicht  auf 
Goethe  beschränkt  geblieben,  sondern  aufWeiniars  beziehungen  zu  Zürich  ausgedehnt 
worden.  Denn  nicht  allein  Goethe,  auch  der  "Weimarische  hof  stand  mit  dem  helfer 
und  spätem  pfarrer  von  Zürich  in  Verbindung,  die  herzogin  war  schon  vor  ihrer 
Verlobung  in  Zürich  gev\"eseu  und  von  Lavater  und  der  Schweiz  begeistert  worden, 
dieser  hatte  ihr  auch  einen  band  seiner  „  fragmente "  gewidmet  und  war  lebhaft  für 
das  glück  ihrer  ehe  besorgt.  Prinz  Konstantin  liess  sich  von  Lavater  auf  seiner  lei- 
der so  wunderlich  endenden  reise  in  die  grosse  weit  segnen,  Knebel  erfrischte  sich 
in  Zürich  und  der  herzog  kam  noch  einmal  während  Lavaters  leben  nach  der  vor 
fünf  Jahren  mit  Goethe  besuchten  statte,  ja  der  dem  tode  nahe  pfarrer  der  Zürcher 
Peterskirche,  der  nüt  unerschrockenem  freimut  sich  seiner  gemeinde  und  dem  vater- 
lande gewidmet,  nahm  schriftlich  noch  rührenden  abschied  von  Weimars  Karl  August 
und  Luise,  mit  tiefem  bedauern,  dass  Goethe  sich  von  ihm  auf  ewig  abgewant  hatte. 
Da  wäre  wol  eine  lebendige,  in  sich  gerundete  darstellung  der  Verbindung  Weimars 
und  Zürichs  im  lezten  viertel  des  vorigen  Jahrhunderts  zu  leisten,  die  man  gern  läse 
und  wider  läse,  während  wir  Hirzels  „ Xeujahrsblatt "  weder  der  form  noch  dem 
Inhalte  nach  als  anmutende  geistesblüte  begiiissen  können. 

KÖLX.  H.    DÜNTZER. 

Dr.    Joliauues    Crüg'er,    Zur    Strassburger   schulkomödie.      Sti'assburg    1888. 

50  s.     8.     (Aus   der  festschrift   des   protestautischen    gymnasiums    zu  Strassburg, 

s.  305  —  354.) 

Der  Verfasser  behandelt  zunächst  die  anfange  der  Strassburger  schulkomödie. 
Auch  für  Strassburg  lassen  sich  drei  pcrioden  in  der  entwicklungsgeschichte  des 
lateinischen  schuldramas  feststellen.  Die  erste  derselben  umfasst  die  zeit,  in  welcher 
der  humanismus  die  ersten  frischen  geistesblüten  auf  dem  gebiete  des  dramas  erste- 
hen liess.  Wäkrend  aber  an  anderen  orten  Deutschlands  die  klassischen  dramen  des 
altertums  oder  selbstgeschaffene  lateinische  Schauspiele  die  aufmerksamkeit  der  gelehr- 
ten schulen  und  der  Universitäten  erregten,  zeigte  sich  in  Strassburg  nur  geringe 
teilnähme.  Wenn  die  nachricht  verbürgt  ist,  dass  ein  verloren  gegangenes  latei- 
nisches drama  des  Sebastian  Brant  „Herkules  am  Scheidewege"  von  den  Schülern 
der  domschule  im  jähre  1512  gespielt  wurde,  so  haben  wir  damit  den  anfang  des 
gelehrten  schuldramas  für  Strassburg  zu  verzeichnen,  dem  erst  1539  der  bei  der 
eröfnung  des  protestantischen  gymnasiums  gespielte  „Lazarus  redi\-ivus''  des  Sapidus 
folgte,  ohne  jedoch  weitere  Schulaufführungen  nach  sich  zu  ziehen.  Denn  erst  1557 
hebt  die  zweite  periode  der  Strassburger  schulkomödie  an,  in  welcher  unter  Johan- 
nes Sturms  sorgfältiger  leitung  die  Schüler  des  gymnasiums  angehalten  wurden,  latei- 
nische dramen  aufzuführen,  einmal  um  mit  dem  geiste  des  altertums  vertrauter  zu 
werden,  sodann  um  in  sithcher  beziehung  sich  zu  veredeln.  An  der  band  der  rats- 
protokoUe  der  einimdzwanziger  zählt  der  Verfasser  die  reihe  der  verschiedenen  auf- 
führungen  dieser  zweiten  periode  auf  und  lässt  ims  die  mannigfaltigkeit  der  Stoffe, 
welche  gewählt  wurden,- erkennen.     Die  dritte  periode,    die  blute  des  Strassburger 


BÖTTICHER,    ERWIDERUNG  383 

schultheators  unter  Kaspar  Brülow,  dai'zustellen,  lag  nicht  in  der  absiclit  des  ver- 
fassoi's;  auch  ist  dies  bereits  in  Jundts  wertvoller  arbeit  geschehen. 

Im  zweiten  abschnitt  behandelt  der  Verfasser  das  leben  und  die  werke  des 
Georgius  Calaminus,  der  längere  zeit  lernend  und  lehrend  in  Strassburg  lebte,  seit 
1578  am  gymnasiuni  zu  Linz,  zulezt  als  rektor,  wirkte  und  1595  starb.  Ein  ge- 
schmackvoller lateinischer  dichter  ist  er  der  erste,  der  die  Phönissen  des  Euripides 
in  das  lateinische  übersezte  (gedruckt  Strassburg  1577;  exemplar  im  britischen 
museum)  und  ausser  einer  menge  von  gelegenlieitsgedichten  zwei  eklogen  Philomusus 
und  Daphnis  seu  Christus  patiens  dichtete.  Seine  beiden  tragödien  Helis  (1591)  und 
Rudolphottocarus  (1594)  gedenkt  der  Verfasser  an  einem  anderen  orte  zu  behandeln. 
Dagegen  bespricht  er  in  einem  dritten  abschnitt  das  weihnachtsspiel  Carmius  sive 
Messias  in  praesepe  (1576)  und  bringt  dasselbe  am  ende  zum  abdruck.  Das  spiel, 
biblisch  nach  Inhalt,  von  altklassischer  form,  ist  eine  nachahmimg  der  Vergilschen 
ekloge. 

Die  arbeit  des  Verfassers  i'uht  auf  genauen  urkundlichen  forschungeu  und  ver- 
dient besonders  deshalb  lob  und  anerkenn ung,  weil  sie  offenbare  lücken  in  der 
geschichte  des  schuldramas  ausfült. 

WILHELMSHAVEN.  HUGO    HOLSTEIN. 


ERWIDERUNG. 

San  Marte  (A.  Schulz)  erklärt  am  schluss  seiner  au  werten  sehr  reichen,  an 
gründen  wissenschaftlicher  art  leider  sehr  armen  bekämpfung  meiner  Schrift  „das  hohe 
lied  vom  rittertum  usw."  (in  diesem  bände  der  ztschr.  s.  232—  242),  dass  „meiner 
deduction  durch  den  misverstand  der  rehten  e  (in  Parz.  468,  5)  die  Wur- 
zel abgeschnitten  sei."  Da  dies  der  einzige  punkt  ist,  in  welchem  er  einmal 
aus  dem  reiche  der  phantasie  heraus  —  leider  vergeblich!  —  auf  realen  boden  zu 
treten  versucht,  ein  punkt  zugleich,  dem  er  eine  entscheidende  bedeutung  in  dem 
streite  zwischen  uns  beilegt,  so  will  ich  mit  wenigen  werten  zeigen,  dass  der  mis- 
verstand nicht  auf  meiner,  sondern  auf  seiner  seile  ist. 

Ich  habe  die  zeile  teert  ir  erfunden  an  rehtcr  e  mit  Simrock  und  Bartsch, 
so  wie  es  der  Zusammenhang  fordert,  aufParzivals  ehe  bezogen,  welcher  Trevrezent, 
wenn  sie  eben  eine  rehfe,  d.  h.  sitlich  reine  und  von  wahrer  und  reiner  minne 
getragene  ist,  eine  vor  der  höUe  bewahrende  kraft  zuschreibt.  Das  uent  A.  Schulz 
„unsinn",  verschuldet  diu-ch  eine  „Idiosynkrasie  gegen  alle  irgend  religiöse  auffassung 
des  gedichts",  der  gegenüber  er  sehr  objektiv  San  Marte  aufruft,  der  „gewiss  den 
wahren  sinn  richtiger  treffend"  übersezt  habe:  „wärt  ihr  auch  rechtes  glaubens." 
Jeder,  der  mit  dem  mhd.  einigermasseu  vertraut  ist,  weiss,  dass  e  an  sich  nur  die 
algemeine  bedeutung  „geltendes  recht  oder  gesetz"  hat  und  dass  es  seine  beson- 
dere bedeutung  nur  diu'ch  den  Zusammenhang  oder  besondere  Zusätze  erhält.  Das 
mhd.  Wörterbuch  gibt  dazu  die  umfassendsten  belege.  SoU  es  also  auf  religiöse  Ver- 
hältnisse angewaut  werden,  so  muss  immer  ein  darauf  bezüglicher  zusatz  dabei  stehen, 
oder  der  Zusammenhang  muss  unmittelbar  darauf  führen.  Wir  linden  denn  auch  in 
allen  stellen  des  Parzival,  auf  die  sich  Schulz  =  San  Marte  beruft,  nämlich  13,  26. 
108,  21.  752,  28  nicht  das  blosse  e,  sondern  kristcn  c.  Ich  würde  diese  und  ein 
dutzend  andere  aus  beliebigen  mhd.  Schriftstellern  hier  anführen,  wenn  es  der  räum 
erlaubte.  Nun  spricht  Trevrezent  in  unserer  stelle  (467,  1  fgg.)  nicht  vom  glauben, 
überhaupt  nicht  von  religiösen  dingen,  sondern  von  Parzivals  weibe,  folglich  wird 
468,  5  der  begriff  e  eben  dadurch  näher  bestirnt  als  die  ehe.     Dass  die  verse  5  —  9 


384        '  NACHRICHTEN 

uocli  uotweudig  in  den  gedankenkreis  der  verse  1 — 5  gehören,  folgt  ja  ganz  klar 
daraus,  dass  Trevrezeut  auf  die  werte  Parzivals  467,  26  —  27  min  hohstiu  not  ist 
iimben  gräl  :  da  nach  unib  min  selbes  wip  antwortet.  Er  spricht  also  468,  1  —  9 
von  seiner  not  um  sein  weih  und  v.  10  fgg.  von  derjenigen  mn  den  gral.  Und  end- 
lich: e  kann  den  „rechten  glauben"  im  sinne  San  Martes,  nämlich  die  subjective 
heilsaneignung  im  evangelischen  sinne  überhaupt  nicht  bedeuten,  da  es  immer  objek- 
tive Verhältnisse,  recht  und  gesetz  in  irgend  welcher  beziehung  bezeichnet.  Treues 
lieben  bewahrt  vor  der  hölle,  das  ist  ja  ein  bekanter  lieblingsgedanke  "Wolframs;  vgl. 
Tit.  51  imd  Parz.  128,  23  fgg. 

Auf  die  übrigen  ausführungen  San  Martes  einzugehen,  hat  keinen  zweck,  da 
es  ihm  nicht  möglich  zu  sein  scheint,  sich  in  einen  andern  gedankeugang  zu  ver- 
setzen als  der  ist,  in  den  er  sich  so  lange  hineingelebt  hat.  Nur  so  kann  ich  mir 
auch  die  eutstellungen  erklären,  die  er  in  der  widergabe  meiner  ansichten  fertig 
gebracht  hat.  Nicht  einmal  citate,  die  er  in  anführungsstriche  sezt,  hat  er  richtig 
widergegeben;  eins  hat  er  sogar  so  wilkürlicli  verändert,  dass  baarer  unsinn  daraus 
geworden  ist.     Ich  stelle  zur  keuzeichnung  dieses  Verfahrens  die  stellen  nebeneinander : 


bei  San  Marte  s.  236  unten  und  s.  237 
oben 
„sein  mannesmut  hat  ihn  zum  siege  über 
Feirefiz  (!)  geführt,  indem  er  ihn  vor 
Verzweiflung  schüzte,  doch  indem  er  so- 
zusagen den  köpf  oben  behielt,  fand  er 
den  frieden  in  der  demütigung  vor  gott." 


bei  mir  s.  65 
„Nun  aber  hat  er  (Parzival)  der  sele 
ruoive  er  st  fiten  dadurch,  dass  er,  imi 
einen  vulgären  ausdruck  zu  gebrauchen, 
„den  köpf  oben  behalten  hat."  Sein  man- 
nesmut hat  ihn  zum  siege'  geführt,  indem 
er  ihn  vor  Verzweiflung  schüzte,  bis  er 
den  frieden  in  der  demütigung  vor  gott 
fand  und  nun  in  geduld,  doch  unter  fort- 
dauernden sorgenvollen  abenteuern,  auf 
des  Ubcs  frcude  wartete." 

Auf  die  ausfälle,    welche  sich   der  recensent  auch  gegen  meine  person  erlaubt 
hat,  antworte  ich  selbstverständlich  nichts. 

1)  natih-lich  über  den  xivlvcl. 

BERLIN,    OKTOBER   1888.  GOTTHOLD   BOETTICHER. 

AiitAvort  des  refereuteii. 

Da  Parteien  nicht  in  eigener  sache  richter  sein  können,    bleibe  das  endui'teil 
bewährten  sachverständigen  überlassen. 

ILlGDEBÜRa,    OKT.    1888.  DR.    SCHULZ. 


NACHEICHTEN. 

Der  ausserordentHche  professor  dr.  J.  Bächtold  in  Zürich  ist  zum  Ordinarius 
ernant  worden. 

Der  ausserordentl.  professor  dr.  Rud.  Kögel  in  Leipzig  wurde  als  nachfolger 
0.  Behaghels  nach  Basel  berufen. 

Prof.  dr.  Ed.  Sievers  in  Halle  wurde  von  der  kgl.  dänischen  geselschaft  der 
Wissenschaften  zum  auswärtigen  mitgliede  gewählt. 


Am  4.  sept.  d.  j.  starb   zu  Reykjavik  der  frühere  bibliothekar  Jon  Ärnason 
(geb.  17.  aug.  1819),  bekant  als  samler  isländischer  volkssagen  und  märcheu. 


Halle  a.  S. ,  Buchdruclcerei  des  "Waisenhauses. 


.1. 


HIMMELaAETKEE  BEUCHSTÜCKE. 

Der  gute  meines  freundes  dr.  BicJiard  Backivitz  in  Nordhausen 
verdanke  ich  die  mitteilung  der  im  folgenden  %um  abdruck  gebrachten 
fragmente.  Sie  sind  sämtlich  aus  einbänden  ton  büchern  ausgelöst, 
welche  der  bibliothck  des  klosters  Himmelgarlen  bei  Nordhausen^  ent- 
sta)n))ien.  Xr.  1  und  2  befinden  sich  jext  in  meinem  besitz,  die 
übrigen  gehören  dem  Nordhäuser  städtischen  museum  an  und  sind  mir 
von  dessen  conservator ,  herrn  Hermann  Arnold,  in  zuvorkommend- 
ster tveise  xur  Verfügung  gestelt  ivorden,  ivofür  ihm  mein  verbind- 
lichster dank  ausgesprochen  sei. 

1.  Bruchstücke  einer  mitteliiieclerdeutsclieii  eyangelieiiliarinoiiie. 

Von  diesem  in  manchen  bexiehungen  interessanten  werke  haben 
sich  leider  nur  6  pergamentstreifeyi  erhalten.  Drei  breitere  streifen 
gehören  zusamme?i  und  liefern  eine  volle  textcolumne  des  ziveispal- 
tig  geschriebene7i  manuscriptes  und  einen  nur  je  wenige  buchstaben 
umfassenden  abschnitt  einer  xiceiten  cohamie.  Ein  vierter  strei- 
fen hat  nahexu  den  umfang  einer  halben  columne,  so  dass  hier 
der  versuch  gemacht  werden  konte,  das  fehle7ide  vermutungsiveise  zu 
ergänzen.  Die  beiden  texten  streifen  endlich  haben  nur  geringe  breite, 
umfassen  also  jedesmcd  nur  tvenige  buchstaben,  ivelche  nicht  gestatten, 
den  zusaminenhang  mit  einiger  Sicherheit  festzustelleti ,  in  2celchen  sie 
gehören.  Von  der  mitteilwig  des  inhaltes  dieser  beiden  streifen  icie 
des  randstückes  der  oben  an  erster  stelle  angeführten  Streifengruppe 
sehe  ich  danach  ab.  Besonderes  sprachliclies  interesse  haben  die  weni- 
gen  volständig  überlieferte7i  ivorte  nicht,  ivelche  sich  dort  finden. 

Die  handschrift  gehört  der  mitte  des  NIII.  Jahrhunderts  an, 
2üie  mir  einer  unserer  ersten  handschriftenkenner ,  herr  professor 
W.  Schuvn  hierselbst,  freundlichst  bestätigte.  Unsere  evangelienhar- 
monie  zählt  cdso  mit  zu  den  ältesten  denkmälern  des  mittelniederdeut- 
schen. Um  so  mehr  ist  zu  bedauern,  dass  so  zrenig  von  ihr  auf  uns 
gekommen  ist. 

1)  tjher  diese  hibliothek  vgl.  B.  Raclarit/, ,  Xachricldcn  über  die  St.  Blasii- 
hibliothek  in  Nordhausen  tmd  das  kloster  Ilinimelgarten  bei  Xordhauseii,  dem  die 
bibliothek  entstamt.     Nordhausen  1883. 

ZEITSCHEIFT   F.   DEUTSCHE   PHILOLOGIE.      BD.    XXI.  25 


386  SIF.TERS 

Auch  sachlich  ist  das  fragment  7iicht  ohne  hedeutung.  Es  reprä- 
sentiert eine  von  Tatian  unabhängige  bearbeitung  des  evangelischen 
textes,  tvelche  ich  sonst  nicht  nachiceisen  kann.  Zur  vergleichung 
habe  ich  die  nach  dem  deutschen  auf  grund  der  vulgata  7'eeonstruierte 
mutmassliche  lateinische  vorläge  des  deutschen  bearbeiters  initgeteilt. 

Zum  abdruch  habe  ich  nur  zu  bemerken,  dass  meine  ergänxun- 
gen  cursiv  gegeben  sind,  und  dass  dieselbe?i  natürlich  7iur  den  unge- 
fähren tüortlaut  des  verlorenen  andeuten,  nicht  aber  mit  Sicherheit 
den  ursprünglichen  text  ividerherstellen  ivollen. 

l\ 

mit  kvlen.  gesant  von  den  vorsten  der 

pstere.  vü  von  den  eldesten  des  volkes 

vii  ivdas  de  ere  leider  ivas  vn  ene  vorret  gaf 

en.  en  teken  vii  spr«/»;  to  en.    Dene  ek  küsse 
5  de  is  it  lialdet  ene  vn  ledet  ene  ivarlike 

wen  au'  vnse  h're  ivoste 

alle  dink  de  'kwmftich  waren  ouer  ene 

Do  trat  he  vore  vn  sprak.     Wene  so 

ke  ie.     Do  antwcrc^ew  se  eme  vn 
10  spraken  ilim  \on  naxareth.     Do  sprak 

ihc  ek  ben  it.  vn  ivdas  de  ene  vorret 

de  stunt  mit  den  seinen.     Vn  do  he 

gesproken  hadr/c  ek  ben  it  do  gin- 
gen se  to  rucke  vn  velen  an  de 
15  erde  vn  sprake;*  vn  ihc  vragede 

se  echt  enes.     Wene  soke  ie.     Do  ant 

werden  se  ihm  \07i  naxareth.     Do  sprak 

he  ek  ben  it.  vii  ek  hebbe  iv  geseget 

dat  ek  it  ben.     Soke  ie  mek  so  kdet 
20  disse  en  wech  ga?i.  vn  dat  gescach  ^^ 

{Mt.  26,  4  7}  et  fustibus  misai  a  principibus  sacerdotum  et  senioribus  populi. 
(Mt.2G,  48)  Qui  autem  tradidit  eum,  dedit  illis  siguum  dicens  „Quemcunque  oscu- 
latus  fuero,  ipse  est,  tenete  eum  (J\[c.  14,  44)  et  ducite  caute."  {Joh.18,  4)  Jesus 
itaque  sciens  omnia  quao  Ventura  erant  super  eum,  processit  et  dixit  eis  „Quem 
quaeritis?"  {Joh.18,  5)  Eesponderuut  ei  „Jesiim  Nazarenum."  Dicit  eis  Jesus  „Ego 
sum."  Stabat  autem  et  Judas,  qui  tradobat  eum,  cum  ipsis.  {Job.  18,  6)  Ut  ergo 
dixit  eis  „Ego  sum",  abieruut  retrorsum  et  ceciderunt  in  terram.  (Job.  18,  7)  Ite- 
rum  ergo  Jesus  interrogavit  eos  „Quem  quaeritis?"  Illi  autem  dixerunt  „Jcsum  Na- 
zarenum."  {Joh.18,  8)  Eespondit  Jesus  „Dixi  vobis  quia  ego  sum.  Si  ergo  me  quae^ 
itis,  sinite  hos  abirc."     {Joh.18,  9)  Ut  impleretur  sermo 


HIMMELGARTNER  BRrCHSTÜCKE  387 

vme  dat  si  wo7't  eruilet  ivorde 
dat  he  sprak  to  sbieme  vadere.    De 
du  me  gegeveu  heues  7ienene  neheb 
be  ek  darvon  xorloren.     Do  ging 
25  ivdas  to  tu  spraA;  Aue  rahhi 

vn  kuste  ene.     Do  sprak  ihc  to  eme 
vrunt  war  to  qneme  du.  ivdas  vor 
redestu  des  menschcfi  sone  mit  eneme 
küsse,  to  haut  gi?ige7i  se  to  vn 

l^ 

helden  ene.  vn  do  gesagen  de  mit 

waren  wat  dar  Ä;Mmftich  was.  do  toch 

he  sin  sivert  ut    vn  sloch  des  bischoz^es 

kriecht  vn  sloch  eme  af  dat  locbt'e 
5  ore.     Dat  ivas  simon  petriis.  vn  de 

knecht  tvas  mcdchns  genant.    Do 

sprak  vnse  herre  petro.  stote  din 

swert  an  sine  stede  alle  de  dat  swer^ 

entvahet en  vorderiiene 

10  von  deme  sicerde.     De  kelik  dene 

min  vader  me  gaf  ne  scal  ek  den  mcht 

drinken.  geloues  du  nicht  dat  ek  mi 

nen  vader  bidden  möge  vn  he  me  sendet 

mere  denne  ^^relif  scare  *^®^'  engele 
15   We7ie  wo  mögen  and'es  irwllet  w^den 

de  scrifte de  geseget  hebben 

quem  dixit  „Quia  quos  dedisti  mihi,  non  perdidi  ex  eis  quemquam."  (Mt.  26,49) 
Et  confestim  accedens  ad  Jesum  dixit  „Ave  rabbi'^  et  osculatus  est  eum.  {Mt.  26,  50) 
Dixitque  illi  Jesus  „Amice,  ad  quid  venisti?  {Luc.  22,  48)  Juda,  osculo  filium  homi- 
nis tradis?"     {Mt.26,  .50)  Tunc  accesserunt  et  tenuerunt  eimi. 

Ib. 

(Ltic.  22,  49)  Videntes  autem  hi  qui  circa  ipsum  erant  quod  futurum  erat. 
(Luc.  22,  50)  Et  {Mc.  14,  47)  educens  gladium  [Luc.  22,  50)  percussit  unus  ex  Ulis 
servum  priacipis  sacerdotum  et  amputavit  auriculam  eius  dexteram.  {Joh.  18,  10) 
Simon  ergo  Petrus  .  .  .  Erat  autem  nomeu  servo  Malchus.  {Joh.  18,  11)  Dixit  ergo 
Jesus  Petro  „Mitte  gladium  tuum  in  vaginam  neben  Mt.  26,  52  Converte  gladium 
tuum  in  locum  suum.  Omnes  enkn  qui  acceperint  gladium,  gladio  peribunt.  {.Jo/t. 
18,  11)  Calicem  quem  dedit  mihi  pater,  non  bibaiii  illum?  {Mt.  26,  53)  An  putas 
quia  non  possum  rogare  patrem  meum,  et  exhibebit  mihi  modo  plus  quam  duodecim 
legiones  angelorum?  {Mt.  26,  54)  Quomodo  ergo  implebuntur  scripturae,  quia  sie 
oportet  fieri?" 

25* 


^ 


388  SIEVERS 

dat  it  so  gesehen  sal.     Do  ?'orde  he  den  knecht. 

vn  makede  ene  gesunt  in  der  stunde 

do  sprak  ihc  to  demQ  volke  vn  sprak. 
20  ie  quam  mit  s werden 

vfi  mit  kulen  alsQ  iegen  ene  mord'e 

mek  to  vaene  .  nu  tms  ek  alle  dage  bi  iv 

i7b  denie  temple  vn  fcrde  vn  ie  ne  lielde/i 

mek.  vn  dat  geschach  al  dar  vme.  dat 
25  de  Serif t  erivllet  ivoyAq.     Do  leten  en 

sine  ivngere  vn  -flogen  von  eme. 

vn  en  ivngelinc  volgede  eme  de  was 

geklcdet  7uit  eneme  linene  klede. 

ouer  deine  nakeden  vn  he  let  dat  kled 

2^ 

vn  oppenbareden  sek  to  iherlhi.  vele 
Ivden.     Do  centurio  gesach  wat  dar  ge 
sehen  Avas.     Do  sprak  got  lonede  he  got 
vn  sprak.    w'like  disse  was  goddes  sone 
5  vn  al  dat  volk  dat  dar  gegenwardich 
w^as.  vn  sach  wat  gesehen  was.  slocli 
sek  vor  sine  brüste  vn  sprak  kerden. 
vn  alle  de  küden  stunden  v'ne  von 
eme.  vü  de  vrowen  de  eme  gevolget 
10  waren  van  galilea.  vnder  den  was 
maria  magdalena.  vü  maria  iacobi 
vn  iosepes  nivder.    vii  div  mvder 

(Iaic.  22,  51)  Et  cum  tetigisset  auiiculam  eius  sauavit  eum.  {Mt.  26,  55)  In 
illa  hora  dixit  Jesus  tuilns  „Tanquam  ad  latronem  existis  eum  gladiis  et  fustibus 
comprehcnderc  me:  quotidie  apud  vos  sedebam  iu  templo  docens,  et  nou  tenuistls  me." 
{Mt.  26,  56)  Hoc  autem  totum  factum  est  ut  adimplerentur  scriptimie  .  .  .  {Mc.  14,  50) 
Tunc  discipuli  eius  reliuqueutes  eum  omnes  fugenmt.  {Mc.  14,  51)  Adolescens  autem 
quidam  sequebatur  eum  amictus  sindone  super  nudo  ...,  (Me.  14,  51)  at  ille  reieeta 
sindone  nudus  profugit  ab  eis. 

2\ 

{Mt.  27,  5.3)  venerunt  in  sanctam  civitatem  et  apparuerunt  multis.  {Liic.  28,  47) 
Videns  autem  centurio  quod  factum  fuerat,  glorificavit  deum  dicens:  {Alf.  27,  54) 
flVere  filius  dei  erat  iste."  {Iv/ic.  23,  48)  Et  omnis  turba  eorum  qui  simul  aderant 
...  et  videbant  quae  fiebant,  percutientes  pectora  sua  revertebantur.  {Luc.  23,  49) 
Stabant  autem  omnes  noti  eius  a  longe  et  mulieres  quae  secutae  eum  erant  a  Galilaea 
.  . . ,  {Mt.  2  7,  56)  inter  quas  erat  Maria  Magdalene  et  Maria  Jacobi  et  Joseph  mater 
et  mater 


HniMELGAETXER  BRUCHSTÜCEE  389 

sente  iohannes  vn  sente  iacopes 

vn  wenne  div  hochtit  was.   anstan 
15  de.    dat  de  lichamen  nicht  ne  bleue 

an  deme  cruce.    in  deme  sunnauede 

baden  de  ivden  pilatuse.  dat  man 

ere  ben  breke  vn  neme  se  von  deme 

cruce.     Dar  vme  quame  de  ridd*e 
20  to  deme  ersten  vn  braken  eme  sin 

ben.  vn  ok  deme  anderen  de  mit  eme 

gecrueeget  was.     Do  se  au*  quame 

to  ihü.  vii  sagen  dat  he  ioto  dot  was 

do  ne  braken  se  sine  ben  nich.     Der 
25  en  der  riddere  dede  eme  sine  siden 

op.    mit  eneme  spere.  vil  to  haut  vlot 

dar  vt  blot  vn  water.     Do  it  an  de 

nie  auende  was.     Do  qua  en  edele 

rike  man.  von  armenie.  iosep  de 

2\ 
ok  bedende  was  des  hemerikes.  wanne 
he  was  en  ivngere  ihü  doch  hemlike 
durch  dar  ivden  vorchten.     De  trat  man 
hken  in  to  pilatuse  vü  bat  eme  den 
5  lichamen  geuen.     Do  nam  pilatuse 
wunder  of  he  ioto  dot  were.  vn  sande 
na  deme  riddere  deme  he  de  hude  be 
volen  hadde.  vn  vragede  ene  af  he 
ioto  dot  were.  vii  do  he  des  gewis 

filiorum  Zebedaei.  {Joh.  19,  31)  Juclaei  ergo,  quoüiam  parascheve  erat,  ut  non 
remanerent  in  cruce  corpora  sabbato  . . .  rogaverunt  Pilatum  ut  frangerentui"  eoruni 
crura  et  tollerentur.  {Joh.  19,  32)  Yeneruüt  ergo  milites  et  priini  quidem  fregermit 
crura  et  alterius  qui  crucifixus  erat  cum  eo.  {Joli.  19,  33)  Ad  Jesum  autem  cum 
venissent,  ut  viderunt  eum  iam  mortuum,  uou  fregerunt  eius  cnu'a.  {Joh.  19,  34) 
Sed  UHUS  militiun  lancea  latus  eius  aperuit,  et  continuo  exivit  sanguis  et  aqua. 
{Mt.  27,  57)  Cum  autem  sero  factum  esset,  venit  quidam  (nobilis  Mc.  15,  43)  liomo 
dives  ab  Arimathaea  nomine  Joseph, 

2^ 
{Mc.  15,  43)  qixi  et  ipse  erat  expectans  regnum  dei  {Joh.  19,  38)  eo  quod  esset 
discipulus  Jesu,  occultus  autem  propter  metum  Judaeorum.  {Me.  15,  43)  Et  audacter 
introivit  ad  Pilatum  et  petiit  corpus  Jesu.  {Mc.  15,  44)  Pilatus  autem  mirabatur  si 
iam  obiisset.  Et  accersito  centurione  interrogavit  eiun  si  iam  mortuus  esset.  {Mc. 
15,  45)  Et  cum  cogno- 


390  SIEVERS 

10  wart  von  eme.     Do  gaf  he  den  licha 

men  ihosepe  vn  iosep  kophte  en 

reine  lilaken.  vn  nam  den  lichame 

von  deme  cruce  vü  nichodom^  de 

dar  konien  was  des  nachtes  von 
15  deme  crv  to  vnseme  h'ren.  de  brach 

te  alse  hundert  punt  divrer  sal 

ue  von  mirren  vn  von  aloe.  vn  be 

wunden  dar  inne  den  lichamen 

mit  and'em  edelen  krude.  alse 
20  man  pleget  de  ivden  to  begraue 

ne.  vii  legedeu  den  lichamen  an 

en  nvwe  graf.  dat  he  eme  seine 

gehowen  hadde  an  enen  sten. 

vn  weite  enen  groten  sten  vor 
25  de  dore  des  graues,  vn  ander  stat 

dar  ihs  gecruceget  wart,   dar 

was  en  garde  vn  in  deme  garden 

Avas  dat  nve  graf  dar  vor  des  nemä 

in  geleget  ne  was  vn  maria  mag 

visset  a  centimone,  donavit  corpus  Joseph.  {Mc.  15,  46)  Joseph  autem  mer- 
catus  sindonein  (mundam  Mt.  27,  59)  et  depouens  eum  (oder  et  accepto  corpore 
Mt.  27,  59)  ...  {Joh.  19,  39)  Et  Nicodemus  qui  venerat  ad  Jesum  nocte  primum, 
ferens  mixturam  myrrhae  et  aloes  quasi  libras  centum  . . .  {Joh.  19,  40)  Et  ligaverunt 
illud  linteis  cum  aromatibus  sicut  mos  est  Judaeis  sepelire.  {Mt.  27,  60)  Et  posuit 
illud  in  monumeuto  novo,  quod  exciderat  in  petra,  et  advolvit  saxum  magnum 
ad  ostium  monumenti.  {Joli.  19,  41)  Erat  autem  in  loco  ubi  crucifixus  est,  hortus, 
et  in  hoiio  monumentum  novum  in  quo  nondmn  quisquam  positus  erat.  {Joh.  20,  T) 
Una  autem  sabbati  Maria  Magdalene  venit  mane  . . . 

3.    Bruchstücke  eines  Cato. 

Ztvei  iminerhlätter  in  octav  ans  dem  ende  des  X.V.  jahrliunderts, 

das    lateinische    in    grösserer,    der   deutsche    text   in   kleiyierer  schrift 

darunter.     Für  die  feJdende  Übersetzung  von  II,  30  ist  räum  gelassen. 

Den  deutschen  text  gebe  ich  buchstäblich;  im  lateinischen  habe  ich 

die  der  geu'ohnheit  der  xeit  nach  sehr  häufigen  abkürxungen  aufgelöst. 

1\ 

II,  10.    Yictorera  victo  superare  sepe  videmus 

Den  du  weyst  dir  nich  gleyche 

Maffis  ffesev  vm  entwevche 
Summa <        o       o       ^    -^ 

Der  obir  wyde  dicke  obir  ficht 
Den  oberwynder  als  mä  spricht. 


HIMMELGARTXEK  BRÜCHSXrCKE 


391 


Summa  - 


11.  Aduersus  uotiim  noli  contendere  verbis 

His  minimis  verbis  interdum  maxima  crescit 
Wider  eyne  betete  mä 
saltu  keyne  streyt  nit  hat 
Es  körnet  zetlicher  zcevt 
Yon  kleyne  verteil  grosser  streyt. 

12.  Quod  deiis  intendit  noli  perqiiirere  sorte 
Quod  statiiit  de  te  sine  te  deliberat  ipse 

Du  Salt  mit  tzouber  nicht  vo'suche 
Was  gotes  wille  vil  gebruche 
Was  her  schicket  ordentlich 
.  Das  betraclit  her  wol  an  dich. 


Summ  a 


13.    Invidiam  nimis  cultu  vitare  memento 

Que  si  non  ledit  tarnen  häc  sufferre  molestiim  est 
Mit  vleyß  du  vermide 
Hast  vnde  auch  den  neyde' 
Ob  er  dir  nichs  anders  thut 
■  So  macht  er  dach  dir  swere  muth. 


Summa  < 


14.    Esto  animo  fortis  quum  sis  damnatus  inique 
Nemo  diu  gaudet  qui  iudice  vincit  iniquo. 
Du  sal  starckes  gemütes  lebin 
Wil  dich  ey  boßes  recht  vorteyle 
Her  fraüwet  sich  dy  lenge  nicht 
Wer  mit  boßem  rechte  fycht. 


Summa  < 


S  u  m  m  a 


15.  Litis  preteriti  noli  maledicta  referre 

Post  inimicicias  iram  meminisse  nialorum  est. 
Das  vorgehe  gutes  schände 
Nyme  (?)  mer  weder  geande 
Wene  boße  luchte  thü  das 
Dy  noch  der  vntschafft  trage  haß. 

16.  Non  te  coUaudas  nee  te  culpaberis  ipse 
Hoc  faciunt  stulti  quos  gloria  vexat  iuanis. 

Sehe  dach  das  du  nümer  alzo  ertobest 
Das  du  dich  scheltest  ader  lobest 
Tore  thü  offt  alzo 
Die  eytel  lob  machet  fro. 


Summ  a 


392 


Summa 


Summa  < 


17.    Ytore  quesitis  modico  dum  sumptus  abiindat 
Labitiir  exiguo  quod  partum  et  tempore  longo. 

f  Nach  ffrössem  brauch  saltu  spare 
Summa  -J  1 

(^  Ynd  vor  schaden  dich  beware. 

o  a 

25.  Spem  retine.  yna  spes  hominem  non  morte  relinquit 
Nich  traurig  biß  zu  kejner  frist 
So  es  dir  mysselüge  ist 
Hab  hoffenüge  die  keine  mä 

.  nich  in  dem  tod  pflicht  cze  lan. 

26.  Rpm  tibi  quam  noscis  aptam  dimittere  noli 
Fronte  capillata  post  hec  occasio  calua  est. 

Eyn  ding  das  dir  eben  ist 
Das  laß  von  dir  zu  kejn'e  frist 
Gelicke  off  eyne  zu  stat 
,  Das  ey  doch  darnach  vorlat. 

27.  Quid  sequitur  specta.  quidque  iminet  ante  videto 
Illum  imitare  deum  qui  partem  spectat  utramque 

Was  yecz  ist  oder  geschehe  sol 
Das  solt  du  vor  fursehe  wol 
Empfilch  got  dein  getat 
Der  anfang  vnd  das  ende  hat. 

28.  Fortius  vt  valeas  interdum  parcior  esto 
Pauca  voluptati  debentur  plura  saluti. 

Byst  meßig  zu  aller  stüdt 
Das  du  belybest  wol  gesüt 
Die  natur  ein  wenig  (?)  hat 
.  Da  mit  gesundheit  nit  bestat. 

29.  Judicium  populi  nun  quam  contempseris  vnus 
Ne  nulli  placeas  dum  vis  contempnere  multos. 


Summa  < 


S  u  m  m  a 


Summa 


Die  sorg  der  gesundheyt 
Sey  von  erste  die  bereit 
Die  zicz  wil  noch  von  schuldige  sey 
ob  der  k'anck  liczit  der  lebe  deT. 
30.    Sit  tibi  precipue  quod  primum  est  causa  salutis 
Tempora  ne  culpes  cum  sint  tibi  casa  doloris 


HIMMELGARTNER  BRÜCHSTÜCKE  393 

31.    Somnia  ne  eures  nam  me9  humana  quod  optat 
Dum  vigilat  sperat.  per  somnum  cernit  id  ipsum. 
Du  solt  erö  nit  entruche 


S  u  in  m  a 


ma  sagt  vnd'e  de  buchen 


S II  m  m  a 


Was  ey  ma  wacheyt  begert 
Das  in  des  ey  trau  gewert. 

III,  praef.   Hoc  quicunque  velis  Carmen  cognoscere  lector 
Hec  precepta  feres  que  sunt  gratissima  vite 
Welcher  leßer  gescheyt 
Weyl  merke  uff  disse  gedieht 
Der  sol  merke  disse  lere 
Der  gebt  manich  vii  auch  ere. 
1.    Instrue  preceptis  animum  ne  discere  cesses 
Nam  sine  doctrina  vita  est  quasi  mortis  imago. 

3.    Bruchstücke   eines  initteliüeclerdeiitsclien  spieles  toiu  leben 

Jesu. 

Auch  diese  fragmente  gehören,  ivie  nr.  1,  mindestens  noch  der 
mitte  des  XIII.  Jahrhunderts  an.  Leider  sind  sie  sehr  verstümmelt. 
Sie  sind  crhcdien  auf  xwei  zusammenJiängenden  stücken  eines  perga- 
mentdoj)pelhlattes  in  kleinem  octavformat.  Von  dem  rückbkitt  sind 
die  obersten  W^j^  'xeilen  erhalten,  von  dem  vorderhlatt  nur  je  6.  Die 
scliriftbrcite  beträgt  auf  dem  rückblatt  9,7  cm.;  von  dem  vorderblatt 
sind  am  äussersten  rande  je  1,7  cm.  der  columne  abgeschnitten.  Die 
Schrift,  an  sich  schön  und  deutlich,  ist  vielfach  abgerieben ,  so  dass 
vieles  nur  durch  amvendung  von  reo,gentien  zu  entziffern  war,  und 
an  einigen  stellen  versagte  auch  dies  hilfs^nittel. 

l^ 
Tc  ifantulus  dulcissim^  düs  ihc  sedeat  in 
g'mio  dil'ce  matris  sue.  &  dicat  ad  ^almam 

Ich  bede  di  nv  palmenbom.  da  n 

miner  moter  not.  unde  bogetich  neder  in  er 
5  scot.     StatI  aü  aduoce  pcipietis  da^  decli 

l^  Der  tcxt  dieses  frarjnients  stamt  aus  dem  eranc/elinm  Nicodenii,  Ti- 
schendorf, Evang.  aimer."^  87,  Schade,  Liher  de  infantia  s.  39.  Eigentümlich  ist, 
dass  die  flucht  nach  Egypten  vor  dem  bethlehemili sehen  kindermord  durchgeführt 
erscheint.  3  dau]  da  scheint  mir  sicher  %u  sein;  für  n  ist  vielleicht  te  fiu  lesen 
mit  unvolständig  erhaltenem  e.  Eine  sichere  ergänxnng  rermag  ich  nicht  %u  finden. 
Der  lat.  text  lautet  Floctere  arbor  et  de  fructibus  tuis  refice  niatrem  meam. 


394 


net  se  arbor  palme.  asumo  cacumme 
ad  plätas  beate  v'ginis  marie.  & 

l^ 

....  'itatur  Iregnü  siiü.  &  ouocet  scri 
ptores  c&  phariseos.  &  dicat.     Ha^  rmä  v'nome 
war  de  dri  konige  sin  gecome.  den  we  baten 
gehoden  dat  se  to  vns  weder  scolde  kome.     At 
5  Uli  die.     In  betlehem.  -wart  on  de  nige  konig 
getoget.  se  reden  doreh  dat  vroraede  lät.  vn 
kerden  weder  in  ost'lant.     Tc  berodes  dicat 

2^ 
simo'  cursu  a  facie  dni.  &  agl'a  magestatis  ei9. 
&  It'ini  cor9  cätet.     Rebq'd  eü  teptator.  &  accedät  ä 
gl'i  &  ministret  ei.  &  cätet.  diilcisona  uoce  iubilä 
do.     0  amor  ds  deitas.  magestatis  essentia.     Trini 
5  tatis  societas.  uerus  &  amicicia.  sümi  boni  leticia. 
Tu  siciens  sacietas.  uite  plena  felicitas.     Cor9.    Te 
scm  dnni.  angl'i.    Te  decet.    Corus.    Cberubi.  angl'i 
Te  decet.     Delde  v'tat'  dns  &  ueiat  iuxta  mare 
galilee.     Cor9  cätet.     Ambiiläs  ibc.  &  Tueniat  pe 
10  trfl  &  andreä  r^tia  mitetes  Tmare.  &  dicat  eis 
ueniät  iacob9  &  iobes.  p9 


scolen  de  ewigen  vroiide  ent  uän  vö  denie 
uat'e  min.     Nv  villeben  kindere  min.  gi 
scolen  gode  vrflde  vnder  tuisgen  sin.     Gi 
scolen  wolwillich.  un  otmodich.  gehorsam 
5  vn  vderdenicb  sin.  so  scal  ideme  rike  mi 

1^.     2  Ha^  imÄ]  nur  Ha  . . .  a  x?f  lesen. 

2^.  1  Zu  eryänxcn  ist  ettva  [Et  recessit  diabolus  uelocisjsimo  2V(/l.  Matth.4, 11 
Tunc  reliquit  eum  diabolus,  et  ecce  angeli  accesserunt  et  raiuistrabant  ei.  4  Die- 
sen hymniis  rermag  ich  nicht  nachxuiveisen.  7  Te  decet]  rcjl.  %.u  Murhachcr 
hymnen  nr.  XXV^.  8  rgl.  Matth.  4,  18  Ambulans  aiitem  Jesus  iuxta  mare  Galilaeae 
vidit  duos  fratres,  Simonem  qui  vocatur  Petrus,  et  Andream  fratrem  eius,  mittentes 
rete  iu  niare  ...  19.  et  ait  illis  „Venite  post  me,  et  faciam  vos  fieri  piscatores 
hominum."  20.  At  illi  coutiuuo  relictis  retibus  secuti  sunt  eum.  11  Die  erste 
hälfte  der  xeile  ist  abgeschnitten. 

2*".  Der  anfang  des  fragmentes  ist  ein  knapper  ausxug  aus  der  bergpredigt; 
daher  der  schhisssatx,  Explicit  praedicatio  x.  6  fg. 


HDLMELGARTXER  BRUCHSTÜCKE  395 

nes  vateres  guwe  Ion  dusen  volt  sin.     Ex 
plicit  pdicatio.     Ipse  ....     Wi  laten  alle  v 
se  diet.     Cor9.     Mirabätur  oms.     Delde  veTat 
consiibrinus  düi  iolies  ewgl'ista.  &  roget 
10  matre  düi  &  dum  cü  discipl'is  suis  adnup 
tias.     Ihc  villebe 

7    Vor  Wi   ein   icort  voji  4  —  5  huchstahen  unleserlich.  8   se   diet  sehr 

xweifclliaft.  Don  folgenden  liegt  xunächst  Matth.  7,  28:  Admirabantur  turbae  super 
doctrina  eius  xu  gründe,  dann  folgt,  mit  Deinde,  die  iibcrleitinig  xnr  hochxeit  von 
Ca?ia  nach  Joh.  2,  1:  Et  die  tertia  nuptiae  factae  sunt  in  Cana  Galilaeae,  et  erat 
mater  Jesu  ibi.  2  Vocatus  est  autem  et  Jesus  et  discipuli  eius  ad  nuptias.  11  Der 
rest  der  xeile  ist  abgeschnitten. 

4.     Bruchstücke  einer  Marienklage. 

Erhalten  sind  diese  bruchstücke  auf  fünf  übel  mitgenonimenen 
papierstücken,  icelche  die  schrift  dem  XV.  jah?'hundert  xuiveist.  Das 
formal  der  handschrifl,  welcher  sie  einst  angehörten,  ivar  das  bekante 
halbgebi'ochene  folio,  das  sogena?ite  register formal  K-  das  xweite  blatt, 
ivelchem  nur  der  obere  rand  fehlt,  hat  eine  länge  von  31  cm.  gegen 
10,5  cm.  breite. 

An  der  herstellimg  der  blätter  si?id  drei  etwa  gleichzeitige  hände 
beteiligt  geicesen.  Die  erste  schrieb  bl.  1^^  imd  4^ ,  die  ziveite  bl.  2"* 
und  4^ ,  die  dritte  bl.  3  und  5. 

Das  ganxe  trägt  einen  conceptai^tigen  Charakter;  das  stück  ist 
offenbar  in  der  handschrifl  einer  Umarbeitung  oder  erweiterung^ 
unterzogen  ivorden.  Neue  blätter  icurden  eingeschoben,  und  dafür 
einzelne  bereits  beschriebene  seilen  tnit  je  zwei  sich  kreuzenden  linien 
durchstrichen ,  soiveit  sie  nun  bloss  noch  tviderholungen  des  auf  den 
neuen  blättern  stehenden  textes  enthielte?!.  So  ist  bl.  2  vor  bl.  3  sicher 
eingeschoben.  Es  ividerholt  in  seiner  z.  5^  bis  schluss  den  ganzen 
inhalt  der  dwchkreuzten  voirlerseite  von  bl.  5*;  dcm?i  geht  der  text 
auf  bl.  3^  weiter.  Es  ist  aber  offenbar  mindestens  noch  ein  ziveites 
einschubs  blatt  verloren  gegangen.  Zucir  fehlt  das  untere  drittel  von 
bl.  3  (etwa  räum  für  15  — 16  Zeilen  bietend) ;  aber  auf  diesem  drittel 
kann  der  text  nicht  icol  gestanden  haben,  tvelclier  den  anschluss  von 
2'^,  31  an  3^,  1  zu  vermitteln  hatte,  denn  die  ganze  Vorderseite  von  5" 

1)  Vgl.  Mone,  Schauspiele  des  mittelalfers  II,  119.  Weigand,  xtschr.  f.  d. 
alt.  VII,  546.     Grein,  Alsfelder  passionsspiel  s.  IV. 

2)  Über  ähnliche  eriveiterimgen  in  der  hs.  des  Alsfelder  passionsspicls  s. 
Vilmar,  xtschr.  f.  d.  alt.  III,  478.     Grein  s.  V. 


396  SIEYERS 

ivar  sicJitUch  durchkreiixt.  Die  kreiixlinien  heyinnen  oben  genau  in 
den  ecken  der  columnen,  kreuzen  sich  in  der  mitte  des  volständig 
gedachten  blattes  iind  ivilrden  verlängert  wider  genau  in  die  untern 
ecken  des  volständigen  blattes  treffeil,  ebenso  wie  dies  bei  bl.  5%  dem 
untern  stück  einer  verstümmelte?i  seile,  der  fall  ist.  Danach  scheint 
es  also  bei  dem  einschub  von  bl.  2  (und  dem  verlornen  ergänxungs- 
blatt)  auf  eine  er  Weiterung  des  tcxtes  abgesehen  gewesen  xu  sein:  an 
bl.  3"'  fehlen,  ivie  bemerkt,  nur  15  —  16  xeilen,  dafür  stünde  auf  der 
andern  seile  der  umfang  zweier  ganzer  seilen,  die  allerdings  nicht 
ganz  beschrieben  gewesen  xu  sein  brauchen. 

Schwieriger  ist  die  beurteilung  des  zweiten  falles  von  ergänxung, 
auf  bl.  4  und  5.  Hier  ist  bl.  5  das  ältere.  Es  hat  nach  links  noch 
einen  schmalen  streifen,  der  über  den  alten  falz  hinausgeht ,  und  auch 
auf  diesem  ist  (neben  einem  vereinzelten  ge)  noch  der  rest  eines  kreu- 
zungsstriches  zu  sehen^.  Wahrscheinlich  ist  also  hl.  5  der  rest  des  7nit- 
telblattes  einer  alten  läge,  dessen  beide  innenseiten  durchkreuzt  ivaren. 
In  die  mitte  dieses  blattes  ist  dann  das  blatt  (oder  die  blatte?')  ein- 
geschoben, cds  deren  rest  hl.  4,  das  kopfstück  einer  cohimne,  vorliegt; 
bl.  4^,  4 — 8  entspricht  dem  getilgten  bl.  5";  1 — 5.  Auffällig  ist  dabei 
nur,  dass  das  eingeschobene  blatt  nicht  von  einer  hand,  sondern  von 
zwei  verschiedenen  händen  geschrieben  ist:  die  Vorderseite  von  dem 
Schreiber  von  bl.  1,  die  rückseite  von  dem  Schreiber  von  hl.  2.  Ist 
nun  hl.  2  sicher  ein  eijischubsblait ,  so  wird  das  gleiche  unter  diesen, 
umständen  auch  wol  von  bl.  1  gelten  müssen,  obwol  hier  direkte  Zeug- 
nisse fehlen.  Die  suche  läge  danach  vermutlich  so,  dass  die  ursprüng- 
liche handschrift  von  dem  Schreiber  von  hl.  3  und  5  geschrieben 
geivesen  und  dami  von  zwei  mit  einander  tvechselnden  ayidern  Schrei- 
bern mit  Zusätzen  und  ergänzungcn  versehen  ivorden  iväre.  Eine 
solche  ergänzung  ivar  wahrscheinlich  nach  4^,  8  =  5";  5  beabsichtigt; 
leider  bricht  der  deutsche  text  von  hl.  4  gerade  mit  jener  zeile  ah, 
aber  es  folgt  darauf  die  amveisung  [et  vertit]  se  ad  populiim,  auf 
hl.  5"  cünveichend  et  facit  quasi  cadere  velit  mit  folgendem  deutschen 
text.  Hier  solle  also  offenbar  noch  ein  neues  stück  text  eingeschoben 
werdest. 

Die  gesangsstücke  bl.P,9  —  13.  2'',  29— 30.  2\20—26  = 
3";  17 — 22  sind  mit  noten  versehen,  deren  widergabe  hier  unterblei- 
ben muss.     Auf  hl.  3^,  17  fgg.  sind   —    tvas  ich  im  abdruck  durch 

1)  Die  Vorderseite  dieses  Streifens  enthält  norli  spuren  einiger  grossen  an- 
fangsbiichstabcn,  ein  strich  ist  aber  nicht  vorhanden. 


him:\ielgartnt:r  beuchstücke  397 

klammern  vor  den  betreffenden  xeilen  cmgedeutet  habe  — ,  die  corre- 
spondierenden  zeüe^i  der  beiden  strophenhälften  unter  nur  eimnaliger 
notenvorxeichnuyig  zusammengeschrieben^  während  der  Schreiber  von 
bl.  2  bei  seiner  abschrift  die  Zeilen  auseinander  löst  und  demnach  die 
betreffende  notcnfolge  doppelt  gibt. 

Alle  fünf  blättcr  haben  durch  verbleichen  oder  abreiben  der 
Schrift,  durch  löcher  oder  risse  u.  dgl.  mehr  oder  iceniger  gelitten. 
Am  übelsten  ist  es  bl.  3  erga?igen;  der  text  der  rückseite  konte  nur 
mit  anwendung  von  reagentien,  und  auch  so  nur  bruchstückweise 
entziffert  werden.  Meine  ergänzungen  gebe  ich  auch  hier  ivider  cur- 
siv,  und  zivar  im  algemeinen  ohne  besondere  angäbe  des  speciellen 
grundes,  der  i?n  einzelnen  falle  das  fehlende  zerstört  oder  unleserlich 
gemacht  hat.  Versschlüsse  innerJmlb  nicht  abgesezter  Zeilen  habe  ich 
durch  II  ausgezeichnet. 

Zu  einer  genaueren  bestimnmng  der  verwantschaftsverJüiltnisse 
des  Spieles,  dem  unsere  fragmente  —  eine  ausgeschriebene  Marien- 
rolle —  gehören,  genügt  der  umfang  der  bruchstücke  kaum.  Die 
wesentlichsten  berührungen  mit  andern  spielen  habe  ich  unter  dem 
text  vermerkt. 

V. 
Owe  der  iemerlicbin  m'e 
Daz  ich  vil  arme  tod  were 
sal  ich  solch  leyt  finde 
an  raye  libin  kinde. 
5  &c 

Ich  weyß  wol  swest'  sy  sind  ome  grä 
Wolde  got  daz  oz  my  czam 
Czu  ghende  dez  nachtez  vf  der  strasße 
Ich  wolde  sin  taln  gelasße 
10  Ich  ginge  nach  myme  libin  kinde 
Ob  ich  oz  ergü  konde  finde 
Daz  ich  dach  sege  waz  ome  gesche. 
It  qn  ihc  duci'  ad  cayphä  tue 
ma'ia  obviat  ei  dices 
15  Ach  my  hercze  libe  kind 

1  =  Alsf.  passiotissp.  5328.  S.  Galler  passionssp.  (Mone  I,  105),  779. 
4  Nach  libin  'ist  koni  (angefangenes  konde  ?^  ausgestrichen.  6  Die  anrede  an  die 
Schwestern  erklärt  sich  atis  der  spielordnung  des  Alsfelder  passionsspieles ,  Orein 
s.  182,    deinde  Maria  emn   duabus  sororibus  suis  exeundo  cantat.  11    Vgl.  Alsf. 

passionssj}.  5821. 


398 


Wy  obele  von  dir  gewechen  sind 

Dyne  iüg'n  viid  dyne  frude 

0  libe  kind  daz  ich  konde 

Dach  czu  dy  gelange 
20  Yiid  muste  dich  vme  fange 

Yfid  dann  sterbn  tod 

Owe  kind  der  großü  nod 

Ach  ^V  lihn  früde  my 

Laßt  ome  daz  lebin  sin 
25  Ynd  toted  mich  dach  vor  on 

Ach  wo  sal  ich  arme  hen 

Owe  der  iemerlichin  fard 

Ach  d«^  wh  ie  geborin  ward 

l^ 
Ma'ia  ad  petr' 
0  petre  libe  früt  my 
Du  soldest  der  aller  beste  syn 
He  had  gudii  gloubn  zcu  dy  ^okad 
5  Nö  finde  ich  an  dusßer  stad 
Daz  din  triiwe  ez  geswached 
Wenn  du  hast  gar  obele  gethan 
As  ey  vngetruwe  man 
Owe  ist  ymät  so  gud  |1  der  mich  arme  muter 

10  erlose  von  dussiu  uoten  |1  owe  iä 

toten  II  loh'  libe  ome  my  ||  ghewy  czu  der 

marter  sbi  || 
vnd  hüff  my  clagiu  syne  nod  |]  owe  w'e  he 
noch  nicht  tod frund  ioh' 


Owe  der  wesselüge 

Ach  schepp  aller  dinge 

Sal  ich  my  ding  ßo  ergebn 

Du  bist  die  warheyt  \n  daz  lehn 

17  Lies  früde;  ein  strich  über  dem  u  ist  nicht  zu  sehen.  28  ie]  ein  rest 

des  e  noch  erhalten. 

1^.  1  Auch  nach  der  Alsfelder  spielordnung  wendet  sich  Maria  xu  Johannes 
und  Petrus,   Grein  s.  183.  9  gud]  lies  guter  11  — 13  =  Egerer  fronl.  6036 

—  39;  weiteres  bei  Milchsack  s.228,  anm.         12  he]  vom  h  nur  ein  rest  erhalten. 

2=^.     1  Die  erste  xeile  von  2*  lialb  abgeschnitten  tcnd  unleserlich. 


HIMMELGARTN'ER  BRUCHSTÜCKE  399 

5       Recedüt  &  cätät  Ecce  videm9 
cü  nö  babent] 
Acb  der  iemerlicb'  smercze         [spe| 
Ach  ach  my  kräke  hercze 
Vö  iäm'e  vn  vö  grosße  lede 
10  S}'!  ich  hiithe  nu  muß  Schede 
Vö  ihü  my  libfi  ßone 
Der  an  den  c^ce  scone 
lemerlicbe  muß  sterbn 
Konde  ich  den  tod  berwerbn 
15  Daz  were  my  hercze  ßusße 

Acb  schreged  hende  weynet  fusße 
So  lange  daz  sterbe  si  tod 
So  bad  ey  ende  deß  iämer  nod 
&c. 
20  Ach  ich  bore  ey  rufP 

Daz  ist  my  kind  daz  mich  geschufP 
De  bad  ey  ruff  ßo  kreuch 
Libe  iohes  ich  bethe  dich 
Daz  wedder  lasßes  gen 
25  Med  iäm'e  vnd'  daz  crucze  sten 
Czu  my  libn  kind 
Ob  ich  oz  nach  lebenTg  finde 

Ma'ia  a^^pinquat  ad  c^'ce  cäntans 
Owe  owe  owe  ich  bo*e  ey  iem'el/cheii  ruff 
30  Daz  iz  my  kind  dy  mich  ^"schuff  |1  de  ich  on  alle  siv'e 
gar  II  mf  'md  mayt  gebar 
Eya  du  h'cze  kindelin 
Ich  "wil  dich  bethe  mag  oz  sin 
Wen  oz  czemed  de  kinde  wol 
35  Daz  oz  dy  mt  geczwyde  sal 
So  bethe  ich  dich  nicht  me 
T^he  me  p9  te 
Czuch  mich  an  daz  c^'ce  din 
20 f.  =  vcrsikel  XVI  bei  Schönhack,  Marienklagen  s.S.         20  —  27  =  Alsf. 
pass.  6175—6182.     Trierer  marienkl.  (Fundcjr.II,  266)  16  fg.  19  —  26.        22  kre- 
lich]  die  lesung  ist  nicht  ganz  sicher;  Als  f.  hat  krenglich,  Tr.  krenkelich.       24  Er- 
gänze du  uns         27   Vgl.  Egerer  fronl.  6149.         29  ey  iem'e]  der  strich  über  dem 
e  von  iem'e  ist  rückuärts  gexogen  bis  über  das  y  von  ey.  29  —  30"  =  rersikel 

XVI  bei  Schönbach  a.  a.  o.  30^  —  31  =  versikd  III,  3  fg.         36  Nach  ich  ist 

me  ausgestrichen.        38   Vgl.   Unser  vromcen  klage   786.     Böhm.  Marienkl.  (Schön- 
bach s.  58)  145.     Heidelb.  pass.  5503. 


400  SIEVER3 

Sint  wy  beyde  eynes  fleysches 
40  &  äplexat'  c'^ce  cätad'  [sjn 

ramos  arbor  alta  d' 
Owe  welicli  rad  sal  my  w'den 

2^ 

uff  der  erd 

.  .  .  erbarme  ober  my  weyne 

Or  h'cze  .  .  .  harten  steyne 

Ach  du  wünigliche  boum 
5  Neyne  dine  czelliche  gavm 

Vü  dine  ast  nach  myner  ger  =  S",  1 

Yn  erbarme  dich  T  myner  swer 

Nu  sich  die  luthe  in  sollich'  schiebt 

Ober  mich  wolle  erbarme  nicht 
10  In  dusßer  betterlichn  not  3*,  5 

Ach  nu  kü  du  blöder  tot 

"VVy  lange  wiltu  forichte  mich 

In  dusßer  nod  doß  froge  ich  dich 

Daz  mich  nemest  balde 
15  lo  ist  daz  lieh  my  saldo  3",  10 

lemerliche  vorlosche  gar 

Deß  muß  ich  bebii  trost'  bar 

Yff  erdn  vn  ruwe  tribe 

So  lauge  daz  ich  thot  blebe  &c 
20  Großer  clage  ist  my  not.  ||  owe  legich  v'en 

tod  II  3",  15 

Schepp  vat'  bestu  my  |1  vn  ich  dy  gebereriu 
&c. 

Owe  kind  1|  dine  wäge  sint  1|  dy  ßogar  vorbleche?^ 

Äl  dy  macht  ||  vn  dy  kraf  ||  ez  dir  ßo  gar  entweche 
25  Owe  tod  i|  dusse  nod  |i  matstu  volenden  3^,  20 

Daz    ^  vö  dir  1|  biß  her  czu  mir  H  dine  böte  sendest 

V  frowe  vii  ir  mä 

41  i'amos]  der  erste  buchstahc  ist  xwelfelhaft;  er  sieht  mehr  wie  7  =  et  aus. 
2'',  5  Lies  wol  Neyge  diuer  czelliche   (=  zeigen)   gavm;    n-as  aber  gavm 
bedeutet,   ist  mir  unklar.     Im  übrigen  rcjl.  Bordesholmer  marienld.   734.     Liehten- 
taler  marienkl.  91.     Böhm,  niarienkl.   (Schönbach  s.  58)   145.  14  Ergänze  du 

nach  Daz.         17  Lies  lebii.         20  fg.  =  versikel  XV  bei  Schönbach  s.  4.         23  fg. 
=  versikel  V,  ebenda  s.S.  25  fg.  =  versikel  VIL  ebenda  s.  3.  27  —  30   Vgl. 

Präger  Marienkl.  (Schönbach  s.  65)  65  fgg. 


HIMMELGARTXER  BRUCHSTÜCKE  4Ö1 

Svd  myues  libes  kiudes  tod  an 
Yfi  helffet  my  clage  my  leyd  3",  25 

30  Daz  trage  myt  grosßer  bettherkeyd 
&  v'tit  se  ad  c''ce  dicens 
3^ 
Dinen  ast  noch  myn'  beger  =  2'',  6 

Vnd  erbarme  dich  in  myn'  sw'e 
Nu  sich  dy  lüte  in  solch'  schiebt 
Ober  mich  woln  erbarme  nicht 
5  In  disser  bitterlichü  not  2'',  10 

Ach  kn  du  blöde  tot 
Wy  läge  wiltu  forchtin  mich 
In  disser  not  deß  frage  ich  dich 
Daz  du  nicht  nemest  balde 
10  lo  ist  daz  licht  my  salde 
lem'lichin  vorlossin  gar 
Deß  muß  ich  lehn  trostes  bar 
Vff  erdin  vnd  ruwe  tribe 
So  lange  daz  ich  tot  blybe  ff 
15  Großer  clage  ist  mir  not  |1  owe  lege  ich  vor     2\  20 
tot  II  schepp'  vat'  bistu  my  ||  vnd  ich  dl  gehereriii 
rOwe  kint  1|  dine  wangin  sint  ||  dir  ßo  gar 
\Owe  tod  II  disse  not  ||  machstu  2",  25 

fvorblichn  ||  AI  din  macht  ||  Vnd  dm  craft 
20  \volendin  ||  daz  du  von  dir  1|  hiß  her  cxu  mir 
iis  dir  so  gar  entwechin 
\Dinen  boten  seyndest 
I  frouwen  vnd  y  man 
Sit  mynes  libin  kindes  tod  an 
25  Yüd  helfft  my  clagin  my  l&id 

Daz  ich  trage  mit  grosßer  bitterkeit  2*^,  30 

v'tit  se  ad  c^cem. 
3^ 
Alßo  he  gesprochn  hat 
Sal  kome  nümer  von  disser  stad 
Ich  wil  alhy  blibin  legen 
Ynd  ouch  myne  geyst  uff  gebin  ff. 

30  Ergänze  ich.  nach  Daz. 

3%  9  niclit]   mich  2''.  16   Xach   schepp'  ein  bis  xicei  biiclistaben   aus- 

gestrichen. 

ZEITSCURIfT    F.    DEUTSCHK   PHILOLOGIE.       BD.    XXI.  "  2o 


402  SIEVERS 

5         Ma'ia  veit  ad  c'^ce  cätas  fagit  (?) 
Ifans  int'  cater' 

Eya  hochgelobete  gotheyt 

Ich  mane  dich  diner  barh'cikeyt 

Die  du  von  alder  wan  her 
10  Äzst  gezalt  T  foller  ger 

Czu  vnsßen  vetern  mächin  tag 

Abraham  vnd  ysaac 

lacob  vnd  dauid 

Dy  du  hast  in  disßer  czit 
15  Von  grossen  sorgen  erlost 

Eya  veterliche  trost 

Vil  truelich  ich  dich  man 

Ob  ich  genode  van  dir  han 

Alßo  der  engel  czu  my  sprach 
20  Du  he  my  dy  herschafft  gach 

Daz  ich  muter  sulde  werde 

Dmes  kindes  hy  uff  erdin 

«So  thu  my  herre  genode  schyn 

Ynd  korcze  nu  mye  pin 
25  Ynd  my  grosße  h*czeleyt 

Eya  du  godes  myldikeyt 

mit  vorholn 

gute  daz  vor  doln 

30 grosße  smercze  ti-age 

ist  daz  my  clage 

ge  vorweysset  bin 

e  ich  hen 

ich  leyd*  nyman 

35  Lihe  ome  iohan 

erbarme  ober  mich 

got  ich  bethe  dich 

it" 

Owe  tod  wy  bistu  so  gar  vorczaget 
Daz  du  schonest  eyii  arme  maget 

3^,  27   Oder  nut. 

4%  1  —  7    Vgl.    Unser   vrouwen   klage    734  f gg.      Böhm.    Marienkl.   163  f gg. 
Wolfenb.  Marienkl.  28  fgg.     Pichler  s.  22. 


HBIMELCtäRTNER    BRUCHSTÜCKE  403 

Nu  sich  an  myes  jömerß  pin 
5  Vnd  zciibrich  daz  hercze  my 
Ynd  gib  mii*  keyn'ley  Mst 
Wen  my  geist  gar  s'e  gekreked  ist 

tfc  v'tit  se  ad  cruce 
H'e  vater  ihü  crist 
10  mynes  herczen  trost  du  bist 
Eya  übe  son  my 

4^ 
Ach  übe  kind  my 
Din  scharffe  crone  ist  my  pin 
Dy  haupt  ist  geneyget  in  tod 
Dyne  wunde  brenge  my  grosße  nod 
5  Owe  iämer  vn  nod 

Ouch  sind  dine  owe  vo  bluthe  rod 
Ach  übe  kind  mochte  eß  sin 
Daz  my  der  tod  ne  my  j?yn 
Et  vertu  se  ad  ppl'm 

5^ 
Dine  wüden  brengen  my  grosße  nod 
Owe  iom'  ynd  not 

Ouch  sint  dine  ouwen  von  bkite  rod. 
Ach  übe  kint  mochte  ez  sin 
5  Daz  my  der  tot  neyme  mye  pin 
Et  facit  q'^i  cad'e  veüt 
lohänes  übe  früt  my 
Gedencke  an  daz  h'cze  my 
Daz  ist  alkranh  vnd  iem'üch 
10  Er  sal  num'  werden  seüch 
Ich  sy  den  myne  hern 
In  alßo  grossen  ern 

5\ 
Erlosß  Ä're  vnß  uß  aüer  not 
Czu  les  —  orme  ende 
Dy  myn  endende 
Met  truwen  hüte  sin  an 

9  fg.    Vgl.  Böhm.  Marienkl.  139  fy. 

4^,  1—8    Vgl.  Böhm.  Marienkl.  107^116. 

5%  6   Vgl.  Alsfelder  passionssp.  s.  204. 

26* 


404  HAMBURGER 

5  Alle  dy  my  dy  bestan 
Thu  OD  din  genode  schyn 
Met  die  in  dem  riclie  din.  ff 

&c. 
Eya  liben  frii;ide  myn 
10  Daz  ir  aelig  must  sin 
loseph  vnd  Mcodeme 
Der  truwe  wil  nüm'  me 
5*^,  5  my]  lies  myt 

HALLE    A.  S.,    14.   SEPT.    1888.  E.    SIEVERS. 


DEE  DICHTEE  DES  JIWGEEEISr  TITUEEL. 

K.  Spiller  komt  in  seiner  abhandlung  „Albreclit  von  Scharfen- 
berg  und  der  dichter  des  jÜDgern  Titurel"  (Zs.  f.  d.  a.  27,  158  fgg.) 
zu  dem  ergebnis,  dass  Ulrich  Füetrer  keineswegs,  wie  man  bisher, 
in  der  tat  ohne  gehörige  begründung,  angenommen  hatte,  Albrecht 
von  Scharfeuberg  als  den  dichter  des  jüngeren  Titurel  bezeichne, 
sondern  vielmehr  gleich  seinem  älteren  freunde  und  lehrer  Jacob 
Pütrich  (vgl.  Spiller  „Studien  über  Ulrich  Füetrer"  Zs..  f.  d.  a.  27, 
278  fgg.)  die  autorschaft  des  jüngeren  Titurel  AVolfram  zuschreibe; 
dass  die  Identität  Albrechts  von  Scharfeuberg,  den  Füetrer  ausdrück- 
lich als  den  autor  der  vorlagen  seines  „Merlin"  und  „Seifrid  von 
Ardemont"  citiert,  mit  Albrecht,  dem  Verfasser  des  jüngeren  Titu- 
rel, auch  aus  materiellen  gründen  entschieden  abzulehnen  und  jener 
Albrecht  von  Scharfeuberg  einer  späteren  zeit  zuzuweisen  sei. 

Ich  verschiebe  bei  einer  erpeuten  prüfung  der  Sachlage  und  der 
von  Spüler  für  seine  ansieht  geltend  gemachten  gründe  die  behandlung 
von  Füetrers  beziehung  auf  Wolfram  bei  der  beschreibung  des  dem 
jüngeren  Titurel  entnommenen  grossen  turniers  auf  Floritschanz  bis  zum 
Schlüsse  und  knüpfe  meine  betrachtungen  an  einen  anderen  ausgangs- 
punkt  an. 

Im  laufe  seiner  Untersuchung  erörtert  Spiller  auch  die  frage 
(s.  160  fgg.),  ob  unter  „fraw  eren  hof'',  als  dessen  Verfasser  Füetrer  den 
Albrecht  von  Scharfeuberg  mit  werten  hohen  lobes  nent,  der  jüngere 
Titurel  verstanden  werden  könne;  er  gibt,  unter  anführung  einer  reihe 
von  belegen,  die  möglichkeit,  ja  das  „verlockende"  einer  solchen  auf- 
fassung  selbst  zu;  und  dabei  hat  er  noch  übersehen,  dass  der  abschnitt 


DER    DICHTER    DES    JUNG.    TITUKEL  405 

Füetrers,  welcher  den  hinweis  auf  den  „Ehrenhof"  Albrechts  von  Schar- 
fenberg  enthält,  seine  genaue  parallele  im  jüngeren  Titurel  hat  und 
dorther  eine,  wie  mir  scheint,  unzweideutige  beleuchtung  empfängt. 

Nach  Schionatulanders  tode  zieht  Füetrer  (35",  4fgg.)  mit  bitteren 
werten  die  frau  Minne  wegen  des  frühen  endes  seines  beiden  zur 
rechenschaft,  worauf  die  angegriffene  eine  derbe  entgegnung  nicht 
schuldig  bleibt,  in  deren  verlaufe  sie  Schionatulander  selbst  in  folgen- 
den auch  von  Spiller  citierten  Strophen  für  das  unheil,  das  ihn  getrof- 
fen, verantwortlich  macht: 

Hö7',  lieher,  ich  ivil  dich  fragen 
auf  dein  pestte  gewissen, 
Vnnd  thue  mir  auch  recht  sagen 
Vnd  pis  der  warhait  auch  gen  mir  geflissen, 
5    du  hast  gelesen  fraiv  eren  hof  den  schönevi, 
den  her  Albrecht  vo?i  scharffenberg 
thuet  mit  chunst  vnd  tvortten  so  hohe  krönen. 

Drin  Jiastu,  gauch  verbassen, 
dir  glesen  dick  genueg 
10    dy  artt  von  rechter  masscn, 

We7in  gar  zu  vil  ist  aller  fueg  vnfueg. 

chainr  mass  ivollt  nye  penüegen  den  vil  heren, 

darumbe  von  vnmasse 

tett  sich  die  mass  zu  vnmass  auch  verkeren. 

15    Was  das  nicht  vbermasse 

dortt  mit  den  Galiothen 

Vnd  aus  der  weishait  Strasse 

allain  zu  streitten  so  mit  mengen  rotten? 

Ein  starcken  kiel  mag  mayi  auf  wassers  vnnde 
20    Mit  vnmaß  so  peladen, 

das  er  mueß  sincken  von  vnmaß  gar  zu  gründe. 

Im  jüngeren  Titurel  finden  wir  aus  demselben  anlass,  nur  unmit- 
telbar vor  Schionatulanders  unglücklichem  Zweikampf  mit  Orilus,  ein 
Zwiegespräch  des  dichters  mit  frau  Abenteuer  eingefügt,  dessen  für 
uns  wichtige  stellen  ich  heraushebe  (Alter  druck  blatt  246,  Hahn  str. 
5019  fgg.)i: 

1)  Ich  gebe  den  text  der  aus  dem  jüngeren  Titurel  citierten  Strophen  nach  der 
Fernberger-Dietrichsteinschen  pergamenthandschrift  (A-  bei  Zarncke,  Der  graltempel, 
abschritt  von  Büsching  auf  der  kgl.  und  universitäts  -  bibliothek  zu  Breslau)  und  dem 
druck  von  1477  (E^),  welche  (vgl.  Zarncke)  derselben  Überlieferungsgruppe  angehören 


406  HAMBURGER 

Owe,  frou  äventiure,  Hahn  5019. 

ir  möht  uns  dirre  mcere  hä?i  gefriet! 

„Dax  kan  sich  ?iiht  gef Hegen,  5020. 

daz  reht  mich  dar  zuo  bindet. 

durch  daz  in  sol  genüegen, 

ob  sich  gelilck  noch  iemans  under  windet, 

daz  er  niht  gar  dar  üf  ze  vil  sol  borgen 

ze  verre  sunder  mäze: 

ez  wetzet  hin,  der  ez  niht  kan  besorgen 

Und  lüisen  rät  verhandelt"  5021. 

Owe,  frou  äventiure,  5024. 

waz  ivelt  ir  an  im  rechen, 

der  iu  so  manege  stiure 

an  prtse  ie  kimd  i?i  manegen  landen  zechen, 

des  iu  kein  äventiure  kan  genözen? 

sin  schade  ist  ivol  ge fliege: 

an  prtse  ir  tuot  iu  selben  schaden  grözeti. 

Er  kan  ouch  ivol  unmäze  5026. 

an  disen  dingen  fniden. 

soll  er  nu  widersäze 

gein  Orilus  mit  zagen  vorhte  liden. 

Des  möht  ir  selbe  für  uns  alle  spotten: 

tat  alle  sine  tvirde, 

gedenket  niur  al  ein  der  GaUotten!  

Hier  macht  str.  5020  die  Abenteuer  dem  Schionatulander  indirekt 
den  Vorwurf,  dass  er  nicht  mass  zu  halten  verstanden  habe,  und  str.  5026 
nimt  ihn  der  dichter  für  den  bestimten  fall  des  bevorstehenden  Zwei- 
kampfes gegen  die  beschuldigung  der  unmäze  in  schütz:  das  stimt 
durchaus  zu  einer  früheren  stelle  des  jüngeren  Titurel,  in  welcher  der 
dichter  selbst  Schionatulander  der  unmäxe  als  einzigen  fehlers  bezichtigt 
(Alter  druck  blatt  173,  Halm  3515  fgg.): 

nud  im  wesentlichen  übereiiistimmnng  zeigen,  indem  ich  nur  bei  offenbaren  fehlem 
und  zweifelhaften  stellen  auch  auf  die  Wiener  pergameuthandschrift  2675  (A  ^  Zarncke, 
abschrift  von  Schottky  in  Breslau)  mid  Hahns  abdruck  der  Heidelberger  pergameut- 
handschrift 383  (B  *)  zimickgreife.  Der  grund  hiefür  wird  aus  dem  s.  410  bemerkten 
ersichtlich.  —  Der  alte  druck  und  A  -  haben  eine  gestörte  strophenfolge :  sie  schieben 
5031  —  34  zwischen  5019  und  5020,  wodurch  der  Zusammenhang  sowol  im  gespräch 
des  dichters  mit  frau  Abenteuer  wie  auch  im  bcricht  von  Sehionatulanders  ende 
unterbrochen  wird. 


a] 


1. 


DER    DICHTER    DES    JUNG.    TITUREL  407 

Gamuret  dem  jungen  Hahn  3515. 

ist  hie  diu  äventiure 

xe  dem  hoehsten  lobe  ensprungen, 

also  daz  nie  kein  ritter  so  gehiure 

ivart,  den  man  geiti  äventiur  kan  mexzen: 

danne  ot  niur  ein  kleine, 

dar  an  er  künde  leider  sich  vergexxen, 

86  daz  i7i  niht  genüegen  3516. 

kund  der  rehten  7näze. 

daz  ka?i  ivol  schaden  fliegen 

und  künde  ouch  ie,  doch  tvas  er  üf  der  strdxe 

niht  des  nides  noch  der  ühermüete: 

ze  liebe  der  hohen  eren 

pflac  er  ein  teil  u?imäze  in  rehter  güete. 

Von  edelkeit  des  gräles  3517. 

und  von  angebornem  künne 

so  ivas  im  sunder  tiväles 

Sigüne  ein  spilndiu  meien  herzemvünne. 

da  von  daz  er  ir  tvirdekeit  erkande, 

des  kund  in  nie  genüegen, 

swie  hoch  er  trüege  den  prts  in  allem  lande  

Dem  iverden  ceheim  sine  3519. 

verlos  gemach  stn  eilen: 

von  übermäze  pine 

und  unbesihte  künde  leider  vellen 

disen  werden  edlen  hoch  gehiure. 

stn  höhez  prts  erwerben 

nani  von  Ithten  dinge7i  schumphentiure. 

Durch  daz  so  „Miete  der  verte!"  3520. 

stuont  an  dem  bracken  seile, 

ez  si  lind  oder  herte. 

daz  übersach  er  gar,  dem  ez  xe  unheile 

diu  reine  kläre  ju7ige  da,  was  lesende  

Die  verse  Füetrers,  in  welchen  er  die  Minne  als  Ursache  für 
Schionatiüanders  unglück  dessen  unmäxe  angeben  lässt,  sind  also,  wie 
sich  nunmehr  mit  Sicherheit  ergibt,  so  zu  interpretieren:  Wilst  du  die 
wahre  schuld  Schionatulanders  erfahren,  so  schlage  nur  im  Ehrenhof 
Albrechts  von  Scharfenberg  nach,    den    du   so    oft   gelesen    hast:    dort 


408  HAMBURGER 

steht  klar  und  deutlich  geschrieben,  dass  diese  seine  schuld  in  der 
unmäxe  bestanden  hat.  Die  Verweisung  auf  den  eren  hof  aber  führt 
mit  notwendigkeit  auf  die  ausgehobenen  abschnitte  des  jüngeren  Titu- 
rel.  —  In  ähnlicher  Situation  schiebt  bei  Füetrer  S*",  6  die  Minne  die 
schuld  für  Anfortas  Verwundung  darauf,  dass  er  um  die  verlobte  eines 
anderen  geworben  hätte:  diese  auffassung  entstamt  gleichfals  dem  jün- 
geren Titurel  (1733  fgg.). —  Die  beweiskraft  der  für  Füetrer  vorbildlichen 
Strophen  jung.  Tit.  5019  fgg.  in  Verbindung  mit  3515  fgg.  wird  noch 
durch  eine  einzelheit  erhöht:  der  dichter  des  jüngeren  Titurel  sagt  5026: 
„in  dem  kämpfe  Schionatulanders  mit  Orilus  kann  keine  unmdze  lie- 
gen: vor  diesem  gegner  brauchte  er  sich  wahrlich  nicht  zu  fürchten; 
es  genügt  zum  beweise  hiefür  nur  an  die  Galiotten  zu  erinnern."  Die 
Galiothen  nun  finden  sich  auch  bei  Füetrer  35",  2  wider  in  einer  ganz 
verständlichen  und  offenbaren  Weiterentwicklung  jenes  gedankens:  darin 
eben  zeigte  sich  Schionatulanders  vhermasse,  als  er  allein  gegen  die 
Galiothen  stritt.  Auch  die  beiden  im  jüngeren  Titurel  vorkommenden 
ausdrücke  iinmdxe  und  übermäze  werden  von  Füetrer  (oben  s.  405 
z.  14.  15)  verwendet;  und  überdies  hat  Füetrer  35'',  1  in  dem  verse 
chainr  mass  tvollt  nye  penüeyen  den  vil  heren  beinahe  wörtlich  die 
entsprechende  wendung  des  jüngeren  Titurel  entlehnt:  3516  so  da%  in 
niM  genüegen  kund  der  rehten  mäxe.  Die  beziehung  Füetrers  auf 
den  jüngeren  Titurel  wird  somit  als  erwiesen  zugestanden  werden  müs- 
sen; demnach  ist  der  Ehrenhof  identisch  mit  dem  jüngeren 
Titurel  und  Albrecht  von  Scharfenberg  als  Verfasser  dessel- 
ben von  Füetrer  anerkant. 

An  einer  anderen  stelle,  an  Avelcher  Füetrer  unzweifelhaft  auf  den 
jüngeren  Titurel  bezug  nimt,  nent  er  gleichfals  nicht  Wolfram  als 
seinen  gewährsmann,  freilich  auch  nicht  Albrecht  von  Scharfenberg, 
sondern  Mörlin.  Und  dieser  mystische  Mörlin  wird  noch  einmal  von 
Füetrer  angezogen,  als  zeuge  für  die  herlichkeit  des  graltempels.  Beide 
stellen  sind  von  Spiller  s.  164  citiert  und  behandelt:  seine  bemerkung 
darüber  vermag  ich  nicht  für  ausreichend  zu  halten. 

Im  zweiten  citat,  in  dem  es  sich  um  den  graltempel  handelt: 
Mörlin  thuet  die  ding  vns  lautier  chunde; 
Der  das  nicht  gelaubeji  wollte, 
In  Mörlin  Titui^el  ers  geschriben  fiinde. 
wird   die  Verbindung  in  Mörlin   Titurel   unter  anführung  einer    reihe 
von  ähnlichen  beispielen   als  gleichbedeutend  mit  Mörlin  und  Titurel 
erklärt.     Sehen  wir  uns    die  worte   einmal  genauer  an.     Mörlin   wird 
genant  neben  Kyot,  der  einfach  aus  dem  Parzival  und  jüngeren  Titurel 


DER    DICHTER    DES    JUNG.    TITUREL  409 

herübergenommen  ist,  und  Wolfram,  der  unbestritten  ersten  autorität 
auf  dem  gebiete  der  graldichtung  i ;  Mörliri  muss  also  einen  autor 
bezeichnen,  wie  er  auch  in  der  ersten  stelle  als  solcher  erscheint. 
Düi'fen  wir  nun  annehmen,  dass  Mörlin  einmal  den  namen  eines 
autors  und  in  der  darauf  folgenden  zeile  den  namen  eines  dichtwerks 
darstelt?  zumal  der  verweis  auf  das  dichtwerk  ganz  unverständlich 
wäre,  da  in  demselben  nirgend  von  dem  bau  des  graltempels  die  rede 
ist.  Ich  halte  deshalb  in  der  Verbindung  in  Mörlin  Titurel  Mörlin 
für  den  genetiv,  und  so  sehen  wir,  wie  in  jenem  ersten  citat,  Mörlin 
auch  hier  als  dichter  des  jüngeren  Titurel;  der  jüngere  Titurel  aber  ist 
identisch  mit  dem  von  Füetrer  an  anderer  stelle  fraw  eren  hof  betitel- 
ten werke  und  Mörlin  demnach  identisch  mit  Albrecht  von  Scharfen- 
berg;  die  doppelte  benennung  desselben  werks  kann  nicht  weiter  auf- 
fallen, besonders  da  die  bezeichnung  „Ehrenhof"  dem  Inhalt  besser 
entspricht  als  die  gang  und  gäbe  „Titurel"  und  überdies  an  jener  stelle 
mit  bedeutimg  und  nachdruck  gebraucht  ist.  So  vorstehen  wir  auch, 
dass  auf  Mörlins  zeugnis  das  hauptgewicht  gelegt  wird.  —  Nun  weist 
Füetrer  dem  Albrecht  von  Scharfenberg  ausckücklich  die  autorschaft  der 
vorläge  seiner  Merlin dichtung  zu:  imi  für  die  einführung  Scharfenbergs 
unter  der  maske  Merlins  ein  motiv  zu  gewinnen,  vermute  ich,  dass 
Scharfenberg  in  dieser  Merlindichtung  dem  Merlin  selbst  die  erzählung 
seiner  geschichte  in  den  mmid  gelegt  hat,  ähnlich  wie  ihn  der  franzö- 
sische roman  seine  Schicksale  dem  maitre  Blaise  berichten  lässt,  ja  dass 
er  vielleicht  sich  direkt  für  Merlin  ausgegeben  hat,  wie  er  sich  im 
jüngeren  Titurel  häufig  genug  für  Wolfram  von  Eschenbach  ausgibt:  so 
konte  Füetrer  leicht  auf  den  gedanken  kommen,  ihn  unter  dem  Pseu- 
donym Merlin,  das  er  sich  in  dem  einen  werke  beüegt,  auch  für  das 
andere  werk  zu  eitleren,  natürlich  zu  dem  von  Spiller  aufgeführten 
zwecke  Interesse  zu  erregen. 

Es  wäre  ohnehin  merkwürdig,  wenn  Füetrer  bei  seiner  genauen 
kentnis  des  jüngeren  Titurel  nicht  die  stellen,  an  welchen  der  dichter 
die  Verkleidung  abwirft  und  die  an  deutlichkeit  nichts  zu  wünschen 
übrig  lassen,  solte  mit  Verständnis  gelesen  haben"-;  auch  konte  er  sehi 
wol  besser  unterrichtet  sein  als  noch  1462  Pütrich,  der  im  Ehrenbrief 
str.  101    (Haupts  ztschr.  6,  50)    auch   den  Lohengrin  Wolfram  zuweist; 

1)  Auch,  lag  eiae  Verwechslung  des  graltempels  mit  dem  gralschlosse  nahe. 

2)  Spiller  sagt  selbst  s.  164:  „auch  kann  Füetrer  den  jungem  Titurel  unmög- 
lich als  von  Merlin  verfasst  angesehen  haben,  denn  die  vielen  stellen,  wo  sich  der 
dichter  ich  Wolfram  nent,  musten  ihm  ja  bekant  sein."  Warum  nicht  auch  die 
wenigen,  wo  er  sich  als  einen  anderen  zu  erkennen  gibt? 


410 


HAMBURGER 


unter  den  30  Titurelen,  die  Pütrich  nach  eigener  angäbe  (str.  142) 
gesehen,  der  hhainer  iiit  icas  rechte ,  sind  gewiss  viele  lückenhafte  gewe- 
sen, die  namentlich  die  autorfrage  verwischten,  vielleicht  auch  ein- 
zelne,' die  nur  die  echten  Wolframschen  bruchstücke  enthielten.  Es 
läge  nahe  zu  vermuten,  dass  Füetrer  für  sein  werk,  das  nach  Spiller 
(Zs.  f.  d.  a.  27,  266)  nach  1487  abgefasst  ist^,  den  druck  von  1477 
benüzt  haben  mag;  dagegen  sprechen  jedoch  ab  weichungen  in  einigen 
namensformen:  so  hat  der  druck  durchgängig  Grahordis ,  Füetrer  Gra- 
Imrtxoys^^ ;  sicherlich  aber  folgt  er  einer  vorläge,  die  derjenigen  gruppe 
der  Überlieferung,  zu  welcher  auch  der  alte  druck  gehört,  zuzuweisen 
ist  (vgl.  Zarncke,  Der  graltempel  s.  7  fgg.),  da  er  in  den  späteren  par- 
tieen  des  werks  öfter  Strophen  verarbeitet,  die  in  der  Überlieferung  der 
anderen  gruppe  fehlen^;  an  einigen  stellen  hat  es  sogar  den  anschein, 
als  hätte  er  eine  noch  reichere  Überlieferung  vor  sich  gehabt  als  sie 
im  alten  druck  niedergelegt  ist.  Auch  konte  ihm  leicht  die  bis  auf 
einige  von  S.  Boisseree  (Abhandlungen  der  philosoph.  -  philolog.  klasse 
der  kgl.  bair.  akademie  der  Wissenschaften  I  s.  384  fgg.)  abgedruckte 
bruchstücke  verloren  gegangene  Widmung  des  jüngeren  Titurel  an  her- 
zog Ludwig  den  Strengen  von  Baiern  bekant  gewesen  sein.  Gerade  in 
einer  jener  Strophen  (5028),  auf  welche  Füetrer  sich  als  dem  Ehrenhof 
Albrechts  von  Scharfenberg  zugehörig  bezieht,  wird  der  Verfasser  des 
jüngeren  Titurel  von  der  frau  Abenteuer  friiint  von  BUenvelden  ange- 
redet und  Füetrer  liess  sich  dadurch  nicht  irre  machen! 

Spillers  bemerkung  (vgl.  s.  160  und  anm.),  dass  Füetrer  in  der 
Übersicht  über  die  bedeutendsten  dichter,  die  er  im  Lanzelot  gibt, 
Albrecht  von  Scharfenberg  gar  nicht  erwähnt,  ist  meines  erachtens 
unrichtig:  ich  glaube,  dass  die  von  ihm  citierten  verse  so  auszu- 
legen sind: 

Ruedoll  (von  Ems),  zr/rr?^  (von  Grafenberg)  ^7^fZ  (Heinrich)  vom  Tüiiin, 
her  Albrecht  (von  Scharfenberg)  2ca7ii  benetxet  mit  kunsten  taive. 

1)  Als  terminus  ad  quem  sezt  Sijiller  das  Jahr  1508  an;  ein  fiüherer  Zeitpunkt 
wäre  gewonnen,  wenn  in  den  Ztschr.  f.  d.  a.  29,  434  anm.  3  citierten  Denkwürdig- 
keiten des  Ludwig  v.  Eyb  (f  1502)  wirklich  unser  Füetrer  citiert  wäre.  Allein  der 
autor,  der  bereits  vorher  „einen  poeten"  angezogen  hat  und  dann  fortfährt:  es  schreibt 
auch  furter  der  poef,  kann,  wie  mir  Edw.  Schröder  jezt  mündlich  zugibt,  sehr  wol 
den  gleichen  ungenauten  poeten  meinen,  den  er  nun  „fürder",  noch  weiterhin  citiert. 
Bei  Eüetrer  habe  ich  das  citat  nicht  ermitteln  können.     2)  A'  hat  die  form  Graharxois. 

3)  Das  bestätigen  auch  anderweitige  merkmale:  so  scheint  es  mir  z.  b.  beach- 
tenswert, dass  Füetrer  44'',  4  in  der  2.  und  4.  zeile  dieselben  reimworte,  nur  in 
umgekehrter  folge,  hat  wie  A-  und  der  alte  druck  in  der  entsprechenden  Strophe 
{lassen :  Strassen)  während  A  ^  und  B  ^  (Hahn  5G97)  abweichende  reime  bieten. 


DER    DICHTER    DES    JUNG.    TITUREL  411 

Auch  die  weiteren  gründe,  welche  Spiller  für  seine  meinung  ans 
einer  vergleichung  des  jüngeren  Titnrel  mit  den  beiden  von  Füetrer 
Scharfenberg  zugeschriebenen  und  nur  in  seiner  Überarbeitung  erhal- 
tenen dichtungen,  dem  Merlin  und  dem  Seifrid  von  Ardemont  her- 
ninit,  scheinen  mir  nicht  stichhaltig. 

1.  Seifrid  von  Ardemont.  Die  compositionsweise  des  Seifrid,  des- 
sen Verfasser  nach  Spiller  s.  176  „deutsche  dichtungen  benuzte  und  im 
übrigen  seine  phantasie  ft-ei  walten  liess"  hat  immerhin  viel  mehr 
ähnlichkeit  mit  der  des  jüngeren  Titurel  als  mit  der  des  Merlin,  der 
durchweg  aus  französischer  quelle  geflossen  ist,  so  dass  ich  nicht  ein- 
sehe, weshalb  derselbe  mann,  der  werke  so  verschiedeneu  Charakters 
wie  den  Seifrid  und  den  Merlin  verfasst  hat,  nicht  auch  solte  den  jün- 
geren Titurel  verfasst  haben  können.  Häufung  von  abenteuern  finden 
wir  z.  b.  schon  in  der,  allerdings  auf  französischer  vorläge  beruhenden, 
Krone  (um  1220):  sie  ist  also  in  der  zweiten  hälfte  des  13.  Jahrhun- 
derts um  so  eher  denkbar  (ich  nehme  demnach  an,  dass  der  Meleranz 
aus  dem  Seifrid  schöpft);  wer  weiss  überdies,  welchen  umfang  der  Sei- 
frid in  seiner  ursprünglichen  gestalt  gehabt  haben  mag?  Ebenso  kann 
ich  den  von  Spiller  s.  178  vorgebrachten  einzelheiten  keine  bedeutung 
beimessen;  das  gemeinsame  vorkommen  der  namen  Tennis  und  Piti- 
mont  im  Seifrid  und  im  jüngeren  Titurel  scheint  mir  eher  für  eine 
gemeinsamkeit  der  Verfasser  als  für  das  gegenteil  zu  sprechen;  und  die 
abweichung  betrefs  des  verwantschaftsverhältnisses  der  Albaflore  zu  Flor- 
dibintx,  („im  jüngeren  Titurel  5704  ist  Albaflore  die  gemahhn  Flordi- 
bintzes,  während  seine  tochter  Floramie  heisst;  bei  Scharfenberg  ist 
Albaflore  So"  1  Flordaivinses  jMreti'^}  fält  nicht  schwer  ins  gewicht,  da 
ein  derartiges  versehen,  namentlich  bei  der  ähnlichkeit  der  mit  flor 
zusammengesezten  namen,  Albrecht  passiert,  sehr  wohl  aber  auch  Füe- 
trer in  die  schuhe  zu  schieben  sein  kann.i  Spiller  erwähnt  s.  176 
„die  vielfachen  anlehnuugen  an  die  deutsche  heldensage"  und  die 
benutzung  des  Herzog  Ernst  im  Seifrid;  beides  findet  sich  auch  im 
jüngeren  Titurel:  anspielungen  auf  die  heldensage  1710.  3312.  3355; 
beziehungen  auf  die  Ernstsage  5996  fgg.  (Magnetberg,  Greifen,  Leber- 
meer), auch  5448  (Lebermeer).  Für  ein  motiv  des  Seifrid  führt  Spiller 
selbst  s.  176  parallelstellen  aus  dem  jüngeren  Titurel  an;  s.  177  ver- 
weist er  auf  die  benutzung  des  Parzival;    die  weiteren  s.  177   bespro- 

1)  So  spricht  Füetrer  2",  7  von  Kyoth  dem  Tcinijmnte/re,  vgl.  25*=,  3  von 
Tampuntcir  Sigune,  während  Tampimteire  der  name  von  Condwiramui's  vater  ist; 
26",  1  nent  er  einen  helden  tlicsariel,  während  dies  der  name  seines  landes  ist 
jung.  Tit.  1314.  16). 


412  HAMBURaER 

ebenen  motive  können,  wenn  wir  überhaupt  nacb  einer  vorläge  sucben 
wollen,  einfacb  aus  Albrecbts  kentnis  der  Lobengrinsage  berv orgegan- 
gen sein,  die  er  im  jüngeren  Titurel  ausbeutet.  Ich  sebe  demnacb  kein 
hindernis  für  die  annähme  der  Identität  des  Verfassers  des  Seifrid  mit 
dem  des  jüngeren  Titurel. 

2.  Merlin.  Dass  die  berufungen  auf  Caesarius,  Albertus  Magnus, 
Trotula  und  Gilbertus  in  Füetrers  Merlin  direkt  von  Füetrer  stammen, 
haben  die  nacbweisungen  Spillers  s.  166  fg.  allerdings  im  höchsten 
grade  wahrscheinlich  gemacht;  doch  sei  erwähnt,  dass  im  jüngeren  Ti- 
turel eine  schrift  des  Albertus  Magnus  benuzt  ist,  vgl.  Boisseree  a.  a.  o. 
s.  346;  Zarncke,  Der  graltempel  s.  111  fg.  Auffällig  bleibt  immerhin,  dass 
sich  Füetrer  hätte  bemüssigt  fühlen  sollen,  sich  unter  bezugnahme  auf 
jene  gewährsmäuner  gegen  den  Vorwurf,  er  wolle  fidein  kathoUcam 
gröblich  perawben,  aus  freien  stücken  zu  verteidigen;  das  anstoss  erre- 
gende moment  kann  nur  die  wunderbare  erzeugung  Merlins,  die  bewäl- 
tigung  einer  reinen  Jungfrau  durch  den  teufel,  sein;  er  fand  ja  aber 
den  Stoff  bereits  in  einer  gewiss  geschäzten  dichtmig  vor,  und  so  lässt 
sich  für  ihn  kaum  eine  veranlassung  zur  Verteidigung  denken,  während 
eine  solche  apologie  weit  natürlicher  demjenigen  zukommen  würde,  der 
die  Merlinsage  zuerst  auf  deutschen  boden  verpflanzte,  und  ausserdem 
vortreflich  zu  der  überal  hervorbrechenden  streng  kirchlichen  gesinnung 
des  Verfassers  des  jüngeren  Titurel  stimt.  Im  jüngeren  Titurel  ist  gele- 
gentlich ausdrücklich  betont  (Hahn  5595  fg.  und  in  einer  bei  Hahn 
fehlenden,  im  alten  druck  unmittelbar  vorhergehenden  strophe,  auch 
von  Füetrer  43*^,  8  übernommen),  dass  der  teufel  über  die  reinen 
keine  gewalt  habe,  also  mochte  der  gleiche  dichter  im  Merlin  wol 
anlass  fühlen  einen  fall  zu  entschuldigen,  der  dieser  auffassung  zu 
widersprechen  schien.  Vielleicht  ist  wenigstens  der  anlass  zu  der 
rechtfertigung  sowie  die  ganze  quellenerörterung,  welche  den  eingang 
des  Merlin  bildet,  doch  nicht  der  initiative  Füetrers,  sondern  Schar- 
fenberg  zuzuweisen:  Spiller  bemerkt  selbst  s.  166,  dass  das  gelehrte 
eitleren  einzelner  werke  als  Zeugnisse  für  die  Wahrheit  der  erzäblung 
bei  Füetrer  ganz  vereinzelt  dasteht;  bei  dem  gern  mit  seiner  gelehr- 
samkeit  prunkenden  Verfasser  des  jimgeren  Titurel  kann  sie  dagegen 
nicht  auffallen,  da  ihm  ja  die  Historia  regum  Britaniiiae  des  Gottfried 
von  Monmouth   unzweifelhaft  bekant  war  (s.  unten  s.  415). 

Die  weglassung  des  Vorspiels  in  der  hölle,  über  welche  sich  Spil- 
ler s.  167  fg.  äussert,  spricht,  auch  wenn  wir  weder  die  französische 
vorläge  noch  Füetrer  dafür  verantwortlich  machen,  keineswegs  gegen 
die    Identität   Scharfenbergs    mit    dem   Verfasser    des  jüngeren    Titurel; 


DER    DICHTER    DES    JUNG.    TITUREL  413 

vielmehr  konte  dieser  in  dem  plane  des  teufeis,  gott  nachzuäffen  durch 
die  erzeugung  eines  sohnes  gleich  der  Christi,  sehr  wol  einen  anstoss 
finden,  zumal  da  sich  ja  noch  Füetrer  (nach  Scharfenbergs  Vorgänge?) 
veranlasst  sieht,  sich  trotz  dieser  weglassung  seines  Stoffes  wegen  gewis- 
sermassen  zu  entschuldigen.  Es  bleibt  überhaupt  unklar,  weshalb  Spil- 
ler als  vorläge  Scharfenbergs  durchaus  einen  Merlin  ansetzen  will,  in 
welchen  die  geschichte  Josephs  von  Arimathia  hineininterpoliert  worden 
ist:  „dem  deutschen  bearbeiter,  Albrecht  von  Scharfenberg,  diese  Inter- 
polation zuzuschreiben,  würde  gewiss  gegen  die  Wahrscheinlichkeit  Ver- 
stössen." Warum  denn?  Im  gegen  teil:  diese  compositionsweise  hätte 
ähnlichkeit  mit  der  für  den  jüngeren  Titurel  beliebten.  Im  übrigen 
verrät,  wie  schon  Birch- Hirschfeld,  Die  sage  vom  Gral  s.  289  bemerkt 
hat^,  der  dichter  des  jüngeren  Titurel  bekan tschaft  mit  der  franzö- 
sischen grallegende  (vgl.  str.  6173.  76),  allerdings  in  einer  form,  die 
auf  keine  bestimte  quelle  schliessen  lässt.  Allein  die  einführung  Vespa- 
sians  im  anfang  des  jüngeren  Titurel  scheint  auf  einer  kentnis  des 
Grand  Saint  Gral  (oder  des  sog.  Kleinen  St.  Gral)  zu  beruhen.  J^ach 
dem  Grossen  St.  Gral  nun  hat  Scharfenberg  die  erlebnisse  Josephs  und 
die  gründung  der  tafeirunde  in  seinem  Merlin  berichtet;  wii-  finden 
Übereinstimmung  im  gang  der  ereignisse,  eine  Übereinstimmung,  die 
sich  zuweilen  auch  bis  ins  einzelnste  erstreckt:  so  erinnert  das  ver- 
sprechen Eualets  Joseph  gegenüber,  christ  zu  werden,  wenn  ihm  Chri- 

1)  Birch -Hirschfeld  will  dies  moment  füi'  die  nichtexistenz  Kiots  geltend 
machen;  allein  seine  ausführungen  sind  nicht  im  mindesten  stichhaltig.  Freilich  halte 
auch  ich  es  für  wahrscheinlich,  dass  Albrecht  Kiot  selbst  nicht  vor  sich  gehabt, 
sondern  seinen  namen  einfach  aus  Wolfram  herübergenommen  hat:  ein  schluss  auf 
"WoKrams  quelle  lässt  sich  doch  aber  daraus  nicht  wol  ziehen.  Die  von  Birch - 
Hirschfeld  geäusserte  Vermutung  einer  in  Deutschland  verbreiteten  mündhchen  über- 
heferang,  welche  von  vornherein  recht  unwahrscheinlich  ist,  stelt  sich  als  ganz 
hinfällig  heraus,  wenn  wir  in  dem  dichter  des  jüngeren  Titurel  zugleich  den  des 
deutschen  Merlin  erblicken  dürfen.  Wir  haben  den  wenig  auffallenden  Vorgang,  dass 
der  äusserst  belesene  Verfasser  von  dieser  seiner  belesenheit  gebrauch  macht;  und  er 
tut  es  nicht  „im  widersprucli  mit  seiner  quelle ",  worunter  Wolfram  zu  verstehen 
ist,  sondeiTi  er  versucht  vielniehi',  ganz  „der  ängstliche  nachahmer'-,  die  kentnis, 
die  er  anderswoher  sich  erworben,  so  gut  es  geht  mit  den  angaben  seines  meisters 
in  einklang  zu  bringen.  Die  erscheiuung,  dass  Älbrecht  hier  aus  einer  quelle  schöpft, 
die  Wolfram  nicht  kent,  ist  nichts  weniger  als  befremdlich:  denn  der  jüngere  Titurel 
beruht  dui'chaus  nicht  nui-  auf  Verarbeitung  von  Wolframs  Parzival  und  Titurel,  nach- 
ahmung  des  Willehalm  und  eigener  ei-findung  des  dichters.  Füi-  einen  bedeutungs- 
vollen abschnitt  am  ende  des  werks  hat  Zarncke,  Priester  Johannes  I,  142  fgg.  (vgl. 
auch  Bartsch,  Germania  YII,  271  fgg.)  die  quelle  nachgewiesen,  und  von  eutlehnungen 
aus  Gottfried  von  Monmouth  wird  sogleich  die  rede  sein. 


414  HAMBURGER 

stus  in  der  schlacht  beistände,  selbst  in  der  fassimg  Füetrers  21'',  1 
stark  an  den  betreffenden  abschnitt  des  Gr.  St.  Gral,  vgl.  Hucherll,  214; 
auch  dass  der  könig  nach  seiner  taufe  die  götzenbilder  zerbrechen  lässt, 
Füetrer  2P,  7,  mahnt  an  den  Gr.  St.  Gral,  Hucherll,  294;  bei  Füetrer 
führt  der  könig  eine  fahne  mit  einem  roten  kreuz  ins  feld,  im  Gr.  St. 
Gral  ist  das  kreuz  auf  des  königs  schild  angebracht:  diese  kleine  Ver- 
schiedenheit lässt  sich  vielleicht  aus  einem  misverständnis  der  werte 
des  Gr.  St.  Gral  herleiten:  es  heisst  nämlich  II,  214:  ,,Roys,  dist 
Josephes,  or  ejitendes  dont  que  vous  feres:  faites-moi  aporter  vostre 
esmi.''  Et  ü  li  fait  aporter.  Et  qucmt  il  fu  aportes,  si  demanda 
Josephe  wie  pieche  de  drap  viermeü  moult  rice  de  drap  de  soie,  et 
Josephe  prist  le  drap,  si  en  trencha  et  en  fist  une  crois  qui  bien 
eut  un  piet  de  Jone  et  demi  inet  de  let,  si  le  traist  desus  les  etiarmes 
en  l'escu,  et  Vatacha  moidt  hien  ä  claus  menus:  Scharfenberg,  der 
den  französischen  text  vielleicht  nicht  alzu  genau  studierte,  mag  den 
Zusammenhang  des  drap  de  soie  mit  dem  escu  übersehen  haben  ^.  Die 
abweichungen  dagegen  sind  ohne  belang.  Nur  dürfen  wir  bei  einer 
betrachtung  der  gestalt,  in  welcher  uns  die  legende  von  Joseph  von 
Arimathia  von  Füetrer  überliefert  ist,  nicht  vergessen,  dass  wir  erst 
eine  verkürzte  Überarbeitung  der  deutschen  Übertragung  des  franzö- 
sischen textes  vor  uns  haben;  und  gerade  in  diesem  abschnitt  macht 
sich  der  auszughaft  dürftige  Charakter  von  Füetrers  darstellung  beson- 
ders stark  geltend.  —  Dagegen  scheint  der  dichter  des  jüngeren  Titurel 
den  roman  von  Merlin  nicht  gekant  zu  haben-;  wenigstens  wird  Merlin 

1)  21^,  5  sagt  Füetrer  von  dem  sitze  au  der  tafelmnde,  welcher  frei  bleiben 
soll:  des  ucirclt  der  sorgidich  scsse  diser  sitz  fortt  gchaissen.  Nach  Bii"ch-Hirscli- 
feld  s.  189  fg.  findet  sich  eine  ähnliche  bezeichnung  nur  in  der  Queste  du  Saint  Gral: 
siege  perilleux.  Wir  haben  hier  einen  terminus  technicus,  den  Füetrers  ausdruck 
übersezt;  wenn  wir  nicht  eine  bekantschaft  Scharfenbergs  mit  der  Queste  annehmen 
wollen,  wozu  sonst  keine  nötigung  vorliegt,  so  werden  wir  ohne  jedes  bedenken  uns 
zu  der  ansieht  bekennen  können,  dass  Füetrer  diese  bezeichnung  aus  eigener  kentnis 
des  franz.  werkes  eingefügt  hat. 

2)  Strophe  4612  des  jüngeren  Titurel  zeigt,  dass  der  dichter  auch  noch  von 
anderen  gedichten,  die  von  Artus  mutter  handeln,  kentnis  hatte:  er  wendet  sich 
gegen  diejenigen,  welche  sie  freiwillig  durch  i:)faffen  liebe  geflohen  sein  lassen,  denn 
gegen  ihren  willen  habe  Klingsor  sie  entführt.  Diese  Zurückweisung  fülirt  uns  deut- 
lich auf  verhältDisse,  wie  sie  Heinrich  von  dem  Türlin  Krone  8305  fgg.  13035  fgg. 
13182  fgg.  13570  fgg.  20360  fgg.  23706  fgg.  25736  fgg.  berührt:  Igern  hat  sich,  frei- 
lich erst  nach  Uterj^andragons  tode,  mit  Gansguoter,  der  8308.  13025  fgg.  ausdiück- 
lich  als  pfaffe  bezeichnet  ist,  vermählt,  nachdem  er  durch  fiedelspiel  ihr  herz  gewon- 
nen. Ob  Albrecht  Heinnch  selbst  oder  andere  quellen  im  äuge  hat,  wird  schwer  zu 
entscheiden   sein.     Für   die    annähme,    dass    er   an   andere    gcschichten  von  Arnive 


DER    DICHTER    DES    JTNG.    TITUREL  415 

von  ihm  nie  erwähnt;  er  folgt  in  seinem  berichte  von  der  liebe  Uter- 
pandragons  zu  Arnive  =  Igerna  dem  Grottfried  von  Monmoiith  (vgl. 
Spiller  s.  169 1),  der  ihm  auch  sonst  zur  quelle  dient:  der  kämpf  Artus 
mit  kaiser  Lucius  von  Eom  jung.  Tit.  4551  fgg.  ist  .aus  Gottfrieds  Histo- 
ria  IX,  15  —  X,  12,  ausg.  von  San-Marte  s.  135  — 154,  geschöpft; 
ebenso  gehen  die  an  sich  ziemlich  unverständlichen  notizen  jung.  Tit. 
4555  fg.  deutlich  auf  die  von  Gottfried  V,  kap.  7  —  8,  s.  65  —  66  berich- 
teten Verhältnisse  zurück.  Die  Verschiedenheit  der  genealogie  (Spiller 
s.  169  fg.)  kann  also  nicht  wunder  nehmen,  da  der  dichter  für  den 
Titurel  und  für  den  Merlin  ganz  verscliiedene  vorlagen  benuzt  hat. 
Dass  aber  ein  dichter,  der  in  einem  früheren  werke  gelegentlich  einer 
bestimten  quelle  gefolgt  ist,  in  einem  späteren  werke,  das  dieselben 
dinge  in  extenso  nach  einer  ganz  anderen  vorläge  behandelt,  gezwungen 
sein  solte,  sich  deshalb  von  seiner  vorläge  zu  entfernen,  kann  ich  nicht 
zugeben:  dies  Verhältnis  unterstüzt  jedoch  die  annähme  eines  ähnlichen 
eingangs  des  Scharfenbergschen  Merün ,  wie  ihn  Füetrer  uns  darbietet. 

Weshalb  freilich  Scharfenberg  in  seiner  Merlin dichtung  die  genea- 
logie Merlins  gegenüber  dem  französischen  roman  geändert  hat,  bleibt 
zweifelhaft ;  vielleicht  wolte  er  Merlins  persönlichkeit  noch  dadurch  heben, 
dass  er  ihn  zu  einem  spross  des  britannischen  königshauses  macht; 
vgl.  auch  Spillers  bemerkung  darüber  s.  170. 

Einige  weitere  anzeichen,  welche  für  die  Identität  des  Verfassers 
des  Merlin  mit  dem  des  jüngeren  Titurel  sprechen,  können  wir  direkt 
Füetrers  erzählung  von  Merlin  entnehmen.  Aus  wortgebrauch  und  stil 
lässt  sich  allerdings  ein  schluss  auf  den  dichter  des  jüngeren  Titurel 
nicht  machen;  hiezu  trägt  das  ganze  werk  Füetrers  einen  zu  einheit- 
lichen Charakter.  Dagegen  wird  eingeräumt  werden,  dass  schon  die 
herbeiziehung  der  legende  von  Joseph  von  Arimathia  nach  einer  quelle, 

gedacht  und  die  Krone  gar  niclit  gekaut  hat,  spricht  folgender  umstand:  im  jüngeren 
Titurel  2433  fgg.  tritt  eine  Schwester  Uterpandragons  namens  Accedille  auf,  welche 
an  zauberischer  Weisheit  Tetis  und  Sibille  übertrift.  Auch  in  der  Krone  erscheint 
eine  Schwester  Uterpandragons,  18712  fgg.,  die  sogar  gotinne  genant  wird  und  im 
besitze  übermenschlichen  wisscns  ist;  doch  heisst  sie  Enfeidas.  Die  namensverschie- 
denheit  scheint  auf  verschiedene  grundlagen  hinzudeuten.  Überhaupt  findet  sich  im 
jüngeren  Titurel  keine  stelle,  die  mit  bestimtheit  auf  die  Krone  zurückgeht. 

1)  Die  bemerkvmg  Spülers  s.  170  „Urlois  ist  im  Titurel  nur-  ein  Mitbewerber 
um  Arnives  minne"  ist  durchaus  irrig,  da  Urlois  mit  klaren  werten  als  ihr  gatte 
bezeichnet  wird,  vgl.  str.  4596  e  Tiv  kornuale  Vrlois  die  magt  ertvurbe,  4597  bix 
dax  vrlois  ertcorben  Het  beide  magt  V7id  dax  laut,  4600  der  (Urlois)  quam  m,it  siner 
frou-en,  wie  es  überhaupt  die  ganze  genau  nach  Gottfried  gearbeitete  darstellung 
ergibt. 


416  HAMBURGER 

welche  der  bauptvoiiage  fremd  ist,  wie  bereits  hervorgehoben,  der  com- 
positionsweise  des  jüngeren  Titurel  entspricht,  in  welchem  wir  die 
verschiedensten  geschichten  von  den  gralkönigen,  Schionatulander,  Ar- 
tus, Parzival,  Lohengrin  zusammengeschweisst  sehen.  Albrecht  zeigt 
stets  das  bestreben,  was  er  gibt  auch  in  möglichster  volständigkeit  auf 
den  markt  zu  bringen.  Ferner  sind  die  einleitenden  Strophen  17'\  7 — 9, 
welche  von  der  bekehrung  der  Völker  durch  die  von  Christus  ausgesan- 
ten  jünger  handeln,  ganz  im  geiste  des  frommen  Albrecht;  ebenso  was 
an  Mogines  gerühmt  wird:  er  spendet  den  armen,  baut  kirchen,  unter- 
nimt  kriege  in  gottes  dienst,  uin  den  Unglauben  niederzuwerfen,  genau 
in  derselben  weise,  wie  es  zu  beginn  des  jüngeren  Titurel  von  den 
ahnen  Titurels  berichtet  ist;  auffällig  ist  auch  die  ähnlichkeit  seines  todes 
mit  dem  des  Barille,  der  von  den  beiden  hinterlistig  vergiftet  wird: 
er  fält  im  kämpf  durch  ein  vergiftetes  geschoss.  Sein  nachfolger  Con- 
stans  kämpft  gleichfals  gegen  die  ungläubigen.  Die  Sachsenkämpfe 
werden  als  specielle  glaub enskämpfe  aufgefasst.  Merlin  heisst  den  könig 
Uterpandragon  an  der  statte,  wo  sein  bruder  begraben  ist,  eine  kirche 
zu  ehren  der  heiligen  Jungfrau  erbauen.  Dies  alles  liegt,  wie  wir  sehen, 
in  der  gleichen  richtung.  Wenn  Füetrer  IT",  7  auf  Hieb  verweist,  so 
mag  das  aucii  auf  Scharf enberg  zurückgehen:  im  jüngeren  Titurel  finden 
sich  häufig  beziehungen  auf  das  A.  T.,  z.  b.  71.  172.  278.  1726.  2491. 
3075  u.  öfter.  Dahingestelt  bleiben  muss  es,  ob  die  erklärung  der 
tafeirunde  23%  2 

Ntv  hört  zu  2vas  nu  sey  die  tauelründ 

In  cirkcls  maß  gar  sunnder  eck  vmb  kraysset: 

das  all  der  werden  sedel 

nicht  das  ober  oder  das  nyder^  haisset, 
die  auf  Parzival  309,  25  zurückgeht,  Füetrer  oder  schon  seiner  vorläge 
zuzuweisen  ist.  —  Merlins  bericht  über  die  begründung  der  zweiten 
tafel  durch  Joseph  von  Arimathia  zeigt  bei  Füetrer  einige  abweichun- 
gen  vom  französischen  roman.  Wir  hören,  dass  Mordelas,  Nasiens  und 
Narpus  durch  eine  Inschrift  auf  dem  heiligen  gefässe  zum  gral  berufen 
werden:  davon  weiss  der  französische  text  nichts,  wie  wir  überhaupt 
in  der  französischen  grallegende  noch  nicht  die  Vorstellung  einer  festen 
gralgemeinde  finden.     Dann  heisst  es  weiter  21°',  10  fg.: 

Dy  lieyligkait  sy  iverte, 

wiß  dise  all  erstürben. 

1)  Hier  von  anderer  liand  ende  eingefügt;    unrechtmässig,    weil  den  vers  über 
sein  mass  erweiternd. 


DER   DICHTER   DES   JUNG.    TITUREL  417 

Nach  dem  menigldich  gerte 

hockfart,  vnheiccsh,  mit  geytxe  si  nw  würben, 

imnd  das  an  higendt  si  tvurden  gar  dg  flössen, 

die  gotx  poi  si  verachten  gar: 

des  nam  auch  got  in  disen  schacz  vil  grossen. 

Der  was  vil  manig  iare 

verborgen  aller  dyet. 

Nw  ist  ain  geslächt  für  icare, 

des  tugendt  akust  an  eren  nye  verschriet, 

es  ist  ain  diet  an  ivirden  aus  gesundert, 

den  gab  got  dise  heiligJcait 

durch  ir  andacht  manigfeltigldich  erwundertt. 

Aiicli  hievon  steht  im  französischen  text  nichts.  Haben  wir  diese 
änderungen  Scharfeuberg  zuzuschreiben,  wofür  avoI  die  grössere  Wahr- 
scheinlichkeit spricht,  so  würde  sich  für  dieselben  die  begründung  von 
selbst  ergeben,  wenn  wir  in  ihm  den  Verfasser  des  jüngeren  Titurel 
sehen:  er  muste  ein  motiv  vorbringen,  welches  den  Übergang  des  grals 
von  seinen  ursprünglichen  besitzern  in  fremde  bände  rechtfertigt;  in 
der  französischen  legende,  die  den  deutschen  dichtem  vor  Scharfenberg 
unbekant  war,  bleibt  der  gral  bei  dem  geschlecht  Josephs  von  Arima- 
thia;  Scharfenberg  sucht  beide  Überlieferungen,  die  französische  und  die 
Wolframische,  mit  einander  zu  vereinigen,  wozu  er  schon  im  jüngeren 
Titurel  einen  anlauf  genommen.  Die  neuerung  kann  aber  immerhin 
auch  Füetrer  zufallen,  um  über  die  lücke,  die  sonst  in  seiner  erzäh- 
lung  vom  gral  entstehen  würde,  hinwegzuhelfen. 

Halten  wir  es  demgemäss  auf  grund  von  Füetrers  Zeugnis  und 
von  materiellen  erwägungen  für  ausgemacht,  dass  Albrecht  von  Schar- 
fenberg, dem  Verfasser  des  Seifrid  von  Ardemont  und  des  Merlin,  auch 
die  autorschaft  des  jüngeren  Titurel  gebühi-t,  so  werden  wir  annehmen 
dürfen,  dass  von  diesen  seinen  werken  der  Seifrid  das  früheste  und  der 
Merlin  das  lezte  ist:  wir  haben  dann  eine  fortlaufende  entwicklung  des 
dichters  bezüglich  der  wähl  seiner  stoffe  vor  uns:  der  Seifrid,  wol  ein 
jugendvverk,  zeigt  nur  freie  erfindung  und  benutzung  in  der  deutschen 
dichtung  vorhandener  motive,  der  jüngere  Titurel  teils  freie  ei-findung 
und  benutzung  solclier  schon  vorhandener  motive  teils  Verarbeitung 
fremder  quellen,  der  Merlin  ausschliesslich  Verarbeitung  fremder  quellen. 

Nun  scheint  freilich  allen  vorstehenden  erwägungen  und  Füetrers 
ausdrücklichem  zeugnis,  nach  welchem  er  Albrecht  von  Scharfenberg 
als   den  Verfasser  des   von   ihm   auch  fraiv   eren  hof  betitelten   Titurel 

ZEITSCHRIFT    F.    DEUTSCHE   PHILOLOGIE.     HD.    XXI.  ^7 


418  HAMBURGER 

nent,  jene  eingangs  erwähnte  stelle  entgegen  zu  stehen,  die  ebenso  aus- 
drücklich für  eine  unzweifelhaft  dem  jüngeren  Titurel  entnommene 
begebenheit,  das  turnier  auf  Floritschanz,  "Wolfram  als  gewährsmann 
aufführt.  Dürfen  wir  uns  damit  begnügen  an  ein  versehen  Füetrers 
zu  glauben?  ein  versehen,  das  vielleicht  um  so  eher  statthaben  konte, 
als  er  bei  der  erzählung  der  Schicksale  des  Anfortas  sowol  dem  jünge- 
ren Titurel  wie  dem  Parzival  folgt  i.  Oder  sollen  wir  uns  den  Wider- 
spruch so  erklären,  dass  Füetrer  das  pseudonym  Albrechts  schonte, 
trotzdem  er  es  durchschaute,  ähnlich  wie  er  —  nach  meiner  Vermu- 
tung —  sein  Pseudonym  Merlin  beibehielt?  Oder  hat  die  annähme 
mehr  Wahrscheinlichkeit  für  sich,  dass  er  von  der  existenz  eines  "VYolf- 
ramischen  Titurel  als  grundlage  des  sogenanten  jüngeren  Titurel  wüste 
und  glauben  konte,  dass  das  turnier  auf  Floritschanz  auch  in  Wolframs 
Titurel  geschildert  wurde?  Ich  halte  es  für  sicher,  dass  Wolframs 
Titureldichtung  bei  weitem  ül)er  die  beiden  allein  in  ihrer  ursprüng- 
lichen gestalt  erhaltenen  lieder  hinausgereicht  hat:  die  von  Bartsch  Ger- 
mania 13,  1  fgg.  herausgehobenen  stücke  des  jüngeren  Titurel  scheinen 
mir  von  ihm  als  unwiderleglich  echt  Wolframisch  erwiesen  zu  sein.  Seine 
durchschlagenden  gründe  lassen  sich  noch  durch  die  unzweideutigen 
spuren  einer  interpolierenden  Überarbeitung  vermehren:  er  hat  selbst 
sicherlich  mit  recht  str.  932  und  939  als  Interpolationen  bezeichnet; 
ebenso  ist  946  ein  störender,  erweiternder  einschub,  da  947  sich  klär- 
lich  unmittelbar  an  945  anschliesst;  auch  948  wol  unecht:  947  mit 
den  schönen  echt  Wolframischen  versen  6.  7  ein  vortreflicher  abschluss 
der  klage  Schien  atulanders  und  überhaupt  eines  liedes,  Avie  949  den 
anfang  eines  neuen  anzeigt.  Auch  die  scene  2502  fgg.,  welche  nur 
eine  geschmacklose  widerholung  von  1247  fgg.  ist,  spricht  für  die  echt- 
heit  der  früheren.  Ich  glaube,  dass  auch  in  den  sich  an  Bartschs 
erstes  bruchstück  anschliessenden  Strophen  954  — 1013  Wolframische 
bestandteile  enthalten  sind;  die  darauf  folgende  erzählung  von  Schiona- 
tulanders  besuch  bei  Gailet  macht  den  eindruck  eines  aus  eigenem  und 
fremdem  zusammengestoppelten  berichts;  entschieden  Wolframisch  aber 
scheinen  mir  dann  wider  die  Strophen  1039  — 1046,  welche  lezte  einen 
vorzüglichen  liedabschluss  bietet;  auch  257.  258  mögen  der  eingang 
eines  echten  liedes  sein;  und  ebenso  stecken  meines  erachtens  in  den 
unmittelbar  auf  Bartschs  zweites  bruchstück  folgenden  abschnitten,  wie 
sich  aus  dem  Vorhandensein  der  Bartschischen  merkmale  ergibt,   Wolt- 

1)  Die  von  Spiller  s.  163  euigeführten  veise  brauchen  niclit  notwendig  die 
ihnen  beigelegte  bedeutung  zu  haben;  auch  wäre  dadurch  die  annähme  eines  ilüch- 
tigkeitsirtums,  einer  augenblickh(;hen  gcdankenlosigkeit  nicht  ausgeschlossen. 


DER  DICHTER  DES  JVXG.  TITUREL  419 

ramische  strophen.  Allein  erst  eine  kritische  ausgäbe  des  jüngeren 
Titurel  könte  einen  gesicherten  boden  für  weitere  auf  die  ausscheidung 
Wolframischer  bestandteile  hinzielende  Untersuchungen  bereiten  und 
über  die  art  und  weise  der  späteren  Überarbeitung  licht  verschaffen.  — 
Bis  in  die  Schilderung  des  turniers  von  Floritschanz  reichen  freilich 
die  spuren  Wolframschen  geistes  und  die  objectiven  kenzeichen  echter 
Strophen  nicht  i;  allein  Füetrer,  der  über  das  Verhältnis  Wolframs  zu 
seinem  Überarbeiter  und  fortsetzer  nicht  klarer  sein  mochte  als  wir, 
konte  wol  noch  jenen  für  einen  abschnitt,  der  von  den  mit  echten 
bestandteilen  durchsezten  partieen  nicht  gar  weit  entfernt  ist,  als 
ursprünglichen  autor  vermuten,  zumal  da  Schionatulander  schon  in  der 
zum  zweiten  Bartschischen  bruchstücke  gehörigen  strophe  1235  auf  das 
fest  von  Floritschanz  hinweist. 

Ich  möchte  sonach  diesem  znlezt  besprochenen  quellen  verweise 
Füetrers  kein  ausschlaggebendes  gewicht  in  Spillers  sinne  zugestehen, 
sondern  vielmehr  jenen  Zeugnissen  glauben  schenken,  welche  Albrecht 
von  Scharfenberg  als  autor  des  jüngeren  Titurel  erscheinen  lassen,  eine 
auffassung,  welche  meiner  meinung  nach  auch  durch  anderweitige 
momente  gestüzt  wird;  zum  mindesten  aber  scheint  mir  das  resultat, 
zu  welchem  Spiller  gelangt  ist,  als  unsicher  und  anfechtbar  dargetan 
worden  zu  sein. 

BRESLAU.  PAUL    HAMBURGER. 


EEASMUS  ALBEEUS  GESPEÄCH  VON  DEE  SCHLANaEJST 
VEEFÜHEUNa  (DIE  UNGLEICHEN  KINDEE  EYAE). 

Unter  den  Schriften  Albers  ninit  das  gespräch:  Yon  der  Schlan- 
gen Yerfürung,  vnd  Gnade  Christi  vnsers  Heilands  eine  her- 
vorragende Stellung  schon  deshalb  ein,  weil  es  die  liebliche  fabel 
Von  den  ungleichen  kindern  Evae  zum  gegenständ  hat,  von  wel- 
cher Jacob  Grimm  schon  vor  mehr  als  40  jähren  mit  recht  angenom- 
men hat,  dass  sie  vielleicht,  gleich  den  Petruslegenden,  noch  viel  ältere 
grundlagen  in  der  geschichte  unserer  poesie,  als  das  16.  Jahrhundert, 
ansprechen  dürfe,    wenn  es  ihm  damals  auch  an  material  fehlte,    den 

1)  Einer  hiiufung  von  stumpfem  ausgang  in  vers  1  und  3  begegnen  wir  nacli 
einer  langen  nui'  durch  ganz  vereinzelte  fälle  unterbroclienen  pause  in  einem  späteren 
abselmitt  des  werkes:  5151.  187.  211.  212.  Alter  druck  bl.  255 <»,  4  =  5214.  215. 
223-,  auch  hier  wäre  eine  imtersuchuug  auf  Wolframscho  bestandteile  anzustellen. 

27^= 


420  MATTHIAS 

beweis  dafür  zu  erbringen  i.  Ferner  gewint  Albers  werk  noch  dadurch 
ein  ganz  besonderes  interesse,  weil  die  bearbeitungen  des  Stoffes  durch 
Hans  Sachs-,  durch  welche  die  fabel  am  bekantesten  geworden  ist 
teilweise  wörtlich  mit  der  fassung  unseres  gespräches  übereinstimmen, 
obgleich  jener  den  Alber  nirgend  als  quelle  nent,  sondern  sich,  wie 
dieser,  auf  Melanchthons  lateinischen  brief  beruft.  Endlich  hat  die 
Schrift  eine  gewisse  kulturhistorische  bedeutung,  weil  sie  im  16.  jahi-- 
hundert  ein  beliebtes  Volksbuch  gewesen  ist  und  zur  Verbreitung  des 
Lutherschen  katechismus,  den  sie  in  populärer  weise  vorträgt,  nicht 
unwesentlich  beigetragen  haben  wird. 

Albers  tätigkeit  als  reformatorischer  Schriftsteller  erreichte  zwar 
ihren  höhepunkt  erst  im  jähre  1548,  als  er  durch  den  Dialog  vom 
Interim'^  für  die  rettung  der  bedrohten  evangelischen  freiheit  eintrat. 
Doch  war  er  schon  als  er  nach  Berlin  übersiedelte  (1540)  durch  den 
anteil,  den  er  an  dem  reformationskampfe  in  wort  und  tat  genommen 
hatte,  rühmlich  bekant.  Im  auftrage  des  landgrafen  Plülipp  von  Hes- 
sen hatte  er  das  ländchen  Dreieich  reformiert.  Er  spricht  sich  selber  in 
seiner  „Kurtzen  beschreibung  der  "VYetteraw"^  folgendermassen 
darüber  aus:  „Es  sind  auch  gute  Brunnen  in  dem  selben  lendlin,  welchs 
ich  erstlich  zu  der  erkcndnis  des  Euangelii  bracht  habe,  dann  ich  war 
XL  iare  [1528- — 39]  Pastor  zu  Sprendenlingen  bey  dem  Hirtzsprung 
vnd  zu  Götzenhain,  welchs  ich  Gotteshain  nenne,  weill  es  von  den 
vnnützen  Götzen  zu  dem  rechten  Gott  bekert  ist.  Mit  der  Dreieyche 
grentzet  ein  Stat,  die  ist  Hannisch  [Hanauisch],  mit  namen  Babenhau- 
sen,  die  erkent  mich  auch  für  iren  ersten  geystlichen  Yater.  Ynd  sind 
beyde  in  der  Dreieyche  A'nd  zu  Babenhausen  fi'umme  leute."  Kurz 
vor  dem  gespräch  (im  jähre  1539)  erschienen  zwei  Streitschriften,  bei 
denen  wir  noch  einen  augenblick  verweilen  wollen,  w^eil  sich  Alberus 
in  der  einleitung  zu  jenem  direkt  oder  indirekt  auf  beide  bezieht; 
zuerst  „am  mitwoch  nach  Quasimodogeniti "  [16.  apr.]:  Yom  Ynd  er- 
scheid der  Euangelischen  vnd  Papistischen  Messz,  für  die 
einfeltigen.     Item  vom  grossen  Abgott  Canon.     22  bL  (o.  o.). 

Der  hauptinhalt  des  ersten  teiles  ist  natürlich  der:  dass  ein  prie- 
ster  nicht  für-  andere  leute  das  sacrament  nehmen  soll,  sondern  als  ein 

1)  S.  Haupts  zeitschr.  11,  257  fgg.   (=  J.  Grimm,  kl.  schrifteu  VII,  106  fgg.). 

2)  Besonders  die  comoedie  vom  jähre  1558. 

3)  Welchen  ich  demnächst  mit  ausführlicher  einleitung  und  mit  aumcrkungon 
versehen  herauszugeben  gedenke. 

4)  Anhang  zu  der  schritt:  Yom  ßasiliskon  zu  Magdeburg  (bog.  E  11  a  dos 
"W'ülfenbüttlei-  oxomplares). 


EK.    ALBEKUS,    VON   DER   SCIILAXÜEX   VERFÜHRUXG  421 

diencr  der  gemeinde  dasselbe  nach  der  Ordnung  unseres  lieben  herren 
Christi  ansteilen,  auch  die  lente  zuvor  also  treulich  unterweisen,  dass 
sie  gerne  und  mit  lust  kommen  und  des  heiligen  sacramentes  begeh- 
ren. Besonders  bemerkenswert  ist  die  schrift  auch  deshalb,  weil  Alber 
in  ihr  ganz  entscliieden  Stellung  nimt  gegen  die  fanatiker  unter  den 
anhängern  des  evangeliums,  welche  auch  alle  äusserlichkeiten,  die  an 
die  katholische  zeit  erinnern  könten,  aus  der  kirche  enfernt  wissen  wei- 
ten. So  scharf  und  rücksichtslos  er  ist,  wenn  es  sich  um  Verteidigung 
und  Wahrung  evangelischer  grundsäize  handelt,  so  massvoll  zeigt  er 
sich,  Avenn  nur  äusserliches  und  unwesentliches  in  frage  komt:  „Darumb 
müss  man  auff  der  mittel  Strassen  bleiben  und  also  sagen,  ob  der  prie- 
ster  ein  messgewand  oder  chorrock  an  habe,  darauff  sehe  ich  nit,  son- 
der darauf  habe  ich  acht,    ob   er  auch   das  heilig  Sacrament  aussteile 

nach  dem  befel  Christi  Es  wer  wol  kein  sünd,  wann  er  in  wam- 

mes  vnd  hosen,  oder  inn  kriegsskleidern  ging,  aber  es  stund  nit  fein. 
Non  est  peccatum  contra  pietatem,  sed  contra  mores  et  honestatem." 

Als  ein  rechter  schüler  Luthers  tritt  er  namentlich  warm  ein  für 
die  Verwendung  der  musik  in  der  kirche.  In  dem  buche:  Widder 
die  verflüchte  lere  der  Carlstader,  vnd  alle  fürnemste  Heub- 
ter  der  Sacramentirer  ....  Musica  verechter,  Bildstürmer, 
feiertagfeinde,  vnd  verwüster  aller  guten  Ordnung  (gedr.  1556) 
verheisst  er  sogar  eine  schrift:  Yom  lob  der  Musica,  welche  wahr- 
scheinlich nie  erschienen  ist.  Als  einen  grossen  freund  der  musik 
zeigt  er  sich  aber  öfter,  so  auch  in  unserer  schrift.  Bog.  B  iij'':  „.  . 
ich  lass  alle  glocken  zusamen  leiten,  ich  lass  orglen,  lass  mit  vier  stim- 
men singen,  dan  solches  laut  nit  übel,  vnd  seind  gottes  gaben,  welche 
wir  nit  verachten,  sonder  \il  mer  Gott  darumb  dancken  sollen,  die 
sollichs  nit  gern  hören,  die  solt  man  inn  die  sewsteigen  weisen,  vnder 
die  Schwein.  Dann  es  rechte  Scythe,  Türeken  vnd  grobe  sew  seind." 
Bog.  B  iiij'':  „Es  ist  fein  wann  das  volck  zusamen  kumpt,  dass  man 
orgelt,  vnd  mit  vier  stimmen  singet.  Dann  des  menschen  hertz  ist  on 
das  etwa  blöd  vnd  betrübt,  vnd  mag  Gott  wol  leiden,  das  man  sich 
frölich  mache  mit  seinen  lieben  gaben.  Wir  seind  doch  gnüg  gemart- 
tert  durch  des  teufeis  eingeben,  vnd  seltzamen  gedancken,  darumb  sol- 
len wir  Got  noch  darzü  dancken,  wann  wir  ein  schöne  melodei  hören, 
vnd  nit  wie  die  sew  verachten.  Ists  aber  sünd,  dass  ich  in  der  kir- 
chen  orgeln  hör,  so  ists  auch  sünd,  das  ich  mich  frew  der  jugent  meins 
weibs,    wie  mich  Got  heisst,    Prov.  Y.  \   vnd  dass   ich  frewd  an  mein 

1)  Prov.V,  18:  „laetare  cum  muliere  adolescentiae  tuae" ;  Luther:  „deiu  Born 
sei  gesegnet  und  freue  sich  des  Weibes  deiner  Jugend" ;    alle  drei  auffassuiigen  nicht 


422  MATTHIAS 

Idndern  hab.  Ach  es  ist  des  teufelss  gespöt,  der  gündt  vns  nit  der 
gaben  Gotss  vnd  rieht  newe  müncherei  vnder  vns  an."  Ebenda:  „da  wil 
diser  keinen  latinischen  gesang  in  der  kirchen  liden,  der  ander  kein 
bilder,  der  drit  kein  corrock  oder  messgwand,  der  vierd  kein  orgel, 
der  Y.  will  [bl.  B  iiij'']  gar  kein  fest  haben,  der  sechst  will  kein  ker- 
tzen  leiden,  der  siebend  ist  ein  Tigris ^  vnd  kan  nit  glocken  hören 
] eilten,  der  acht  will  nit  Christus  leib  vnnd  blüt  im  abentmal  haben, 
der  neünd  gibt  den  kindern  die  tauff  nit  völlick,  lest  sie  gewickelt, 
vnd  geust  nur  ein  tröpfflein  wassers  auts  haupt."  In  gleicher  weise 
tritt  er  für  beibehaltung  lateinischer  gesänge  ein,  wann  sie  nur  nicht 
Avider  gottes  wort  fechten.  Denn  wenn  man  in  der  kirche  keine  andere 
spräche  gebrauchen  wolle,  als  die  deutsche,  so  dürfe  man  nicht  Amen, 
nicht  Alleluja,  nicht  Kyrie  Eleison,  auch  nicht  von  Christo  singen, 
denn  es  seien  hebräische  oder  griechische  werte. 

Yon  Bog.  Ciiij''  folgt  sodann  der  zweite  teil  der  schrift:  Von  dem 
grossen  Abgott  Canon.  Canon  nent  er  die  summe  der  katholischen 
irlehren,  deren  er  zehn  aufzählt  und  bekämpft:  „Zürn  ersten  heben  sie 
die  mess  au,  ziim  gedechtniss  Marie,  vnd  der  heiligen  ....  Zum 
andern  halten  sie  das  gedechtniss  etlicher  halben,  so  man  nit  weiss,  ob 
sie  selig  seind,  oder  nicht  ...  Zum  dritten  bitten  die  papisten  im  Canon 
das  sie  Gott  beschirmen  wolle,  vmb  der  heiligen  verdienst  willen  .  .  . 
Zum  vierden  nennen  sie  brod  vnd  wein  ein  opffer,  auch  ehe  sie  ein 
Sacrament  (wie  sie  meinen)  draus  machen  ....  Zürn  fünfften,  bissher 
haben  sie  brot  vnd  wein  geopffert,  darnach,  wann  sie  ein  Sacrament 
darauss  gemacht  haben,  (wie  sie  meinen),  so  machen  sie  wider  ein 
opfier  darauss  vnd  opfPerns  Gott  ...  Zum  sechsten  bitten  sie  Gott,  das 
er  jhm  solicli  opffer  wolgefallen  lass  ...  Zum  sibenden,  darnach  bitten 
sie  Gott  im  Canon,  er  wolle  dem  Engel  gebieten  das  er  das  Sacra- 
ment für  den  altar  Gottes  hoch  hinauff  für  sein  göttlich  Maiestat  bringe 
...  Zürn  achten.  Da  kompt  wider  ein  recht  ertz  Narren  stuck,  dann 
sie  bitten  vnd  sprechen.  Presta  vt  quotquot  ex  hac  altaris  participa- 
tione  sacro  sancti  filij  tui  corpus  et  sanguiuem  sumpserimus  omni  beno- 
dictione  et  gratia  impleamur,  vnd  er  nimpts  doch  allein  .  .  .  Zum 
neunten,  Darnach  machen  sie  die  Mutter  Gots  vnd  die  lieben  heiligen 
zii  fürsprechen  .  .  .  Zum  zehenden  brechen  sie  ein  stuck  von  jhrem 
Sacrament  vnd  legens  inn  den  kelch  vnnd  machen  ein  soppen  draus." 

übereinstimmend;  der  hebräische  text  lautet:  „über  das  weib  deiner  Jugend,  ist  also 
von  Luther  am  zutreffendsten  übersezt. 

1)  Dasselb  tier  ist  der  art,  wann  es  ein  glock  oder  schel  hört,  so  wirt  es  toll 
vnd  vnsinnig,  vnd  wil  sich  selbs  reissen  (Physiologus). 


ER.    ALBERUS,    VON    DER    SCHLANGEN    VERFÜHRUNG  423 

Bekämpft  er  in  dieser  schrift  die  lehren  der  katholischen  kirche 
überhaupt,  so  ist  das  zweite,  im  gleichen  jähre,  erschienene  buch  aus- 
schliesslich gegen  einen  ebenso  geschickten  und  gewanten,  als  schrift- 
stellerisch tätigen  Verteidiger  derselben  gerichtet,  gegen  den  anfangs 
dem  Protestantismus  zugetanen,  nachher  in  den  schoss  der  alten  kirche 
zurückgekehrten  Greorg  WitzeU. 

Diese  höchst  interessante  schrift ^  ist  betitelt:  Das  der  Glaub 
an  Jesum  Christum  alleyn  gerecht  vnnd  selig  mach,  widder 
Jörg  Witzeln  Mammeluken  vnd  Ischariothen.  Item  von  Jörg 
Witzeis  leben,  vnd  dabei  Ludus  Syluani  verdeudscht,  ser 
kurtzweilig  zulesen.  Erasmus  Alberus.  Im  Jar  M.  D.  XXXIX. 
96  bl. 

Im  ersten  •  teile  komt  er  nach  erwähnung  anderer  gegner  des  evan- 
gelii  auf  sein  thema  in  folgender  weise  [bl.  9'']: 

„Neben  denselben  ist  eyn  ander  vffgestanden  aus  vnsern  brüderu, 
vnd  gleich  wie  Judas  Ischarioth,  Christum  verlies,  des  brod  er  doch 
gessen  hatte,  vnd  zu  den  Juden  trat,  also  hat  sich  dieser  des  Euange- 
liums  eyn  zeyt  lang  angenummen,    vnd  darnach  desselben  allerergster 

1)  Auf  eine  kleine,  aber  überaus  heftige  sehmähselirift,  welche  wahrscheiulicli 
kurz  vor  unscrm  gespräche  erscliieu  (sommer  1541),  wollen  wir,  da  sie  schon  wider 
abgedruckt  worden  ist  (Schade,  Sat.  u.  Pasq.  I,  nr.  7),  nur  hinweisen:  Newe  zeitung 
von  Eom,  Woher  das  Mordbrennen  komme,  enthaltend  1.  einen  augeblichen  brief 
Petri  Ribaldi,  dat.  Rom,  am  tag  Petr.  u.  Pauli  (29.  Juni),  des  inhaltes,  dass  der 
pabst  beschlossen  habe,  das  lutherische  Deutschland  mit  feuer  zu  verbrennen,  zu- 
gleich, dass  er  Jörgen  Wetzelu  jährlieh  300  gülden  gebe,  dass  er  desto  freydiger  ... 
wider  die  Lutherischen  schreibe.  2.  Ein  new  Te  Deum  laudamus.  Vom  Bapst  Paulo 
dem  dritten,  Welchs  zu  Eom  in  Lateinischer  Sprach  gesungen  haben  Pasquillus  vnd 
Marforius  . . .  verdeutscht  durch  Bepstlicher  Heiligkeit  guten  Freund ,  Erasmum  Albe- 
rum.  3.  Antwort  Conradi  Ribaldi  auff  seins  Brüdern  Petri  Ribaldi  Schrifft,  an  jn 
aus  Rom  gethan;  dat.  Nürnberg,  am  tag  Laureutij  (10.  aug.)  1541.  Pasquillus  rmd 
Marforius  sind  beliebte  gesprächspersonen  der  damahgeu  zeit:  Weller  (Annalenll,  230, 
nr.  37)  führt  ein  deutsches  gespräch  an:  Der  verzucket  Pasquinus,  Auss  "Welscher 
sprach  inn  das  Teütsch  gebracht.  M.  D.  XLIII,  in  welchem  sich  jene  beiden  per- 
sonen  unterreden;  das  lateinische  original  (des  Coelius  Secundus  Curio),  welches  in 
meinem  besitz  ist,  trägt  den  titel:  Pasquilli  Extatici,  seu  uuper  e  coelo  reuersi,  de 
rebus  partim  superis,  partim  inter  homincs  in  Christiana  religione  passim  hodie  con- 
trouersis,  cum  Marphorio  colloquium,  multa  pietate,  elegantia,  ac  festiuitate  refertum. 
s.  1.  et  a.  —  Die  anknüpfung  an  die  beiden  bekanten,  vom  volksmund  als  Pasqiüno 
und  Marforio  bezeichneten  statuen  in  der  nähe  des  Urbinschen  palastes  ist  natürlich 
auch  der  gniud,  warum  Rom  in  diesem  sowie  im  Alberschen  Zwiegespräch  als  scliai;- 
platz  gewählt  ist. 

2)  Selten  ist  sie  auch,  das  einzige  bekante  exemplar  besizt  die  königl.  biblio- 
thek  zu  Berlin,  von  wo  es  mir  bereitwilligst  zur  Verfügung  gestelt  wurde. 


4'J4  MATTHIAS 

tVind  \\'orden,  wio  Joann.  schreibt.  Er  war  nit  von  viis,  daii  wo  er 
von  vns  gewesen  were,  so  were  er  ia  bei  vns  blieben  ^  Der  Judas 
aber,  dauon  ich  jetzt  rede,  heyst  Jörg  Witzel,  das  verlorn  kind,  der 
seinen  mund  weit  vffgethan  hat  zulestern,  mehr  dan  noch  nie  keyn 
Papist,  Gleich  wie  Judas  Christo  leyder  thet,  dan  die  Phariseer  selbst. 
Diser  Ischarioth  war  eyn  pfaff,  und  nam  eyns  frummen  burgers  toch- 
tcr  zu  Eisenach  zur  ehe,  vnd  genoss  auch  der  freiheit,  die  weder  er 
noch  sunst  keyn  mensch  vff  erdenn,  sonder  D.  Martinus  Luther,  mit 
seins  leibs  vnd  lebes  fahr  zu  wegen  bracht,  vnd  keyner  vor  ihm  sölchs 
gewagt  hat.  Eben  nun,  wie  Judas  Ischarioth  Christus  brot  ass,  vnd 
trat  ihn  darnach  zu  danck  unter  die  fues.  Also  hat  dieser  Judas  bru- 
der  auch  gethan.  Er  hat  des  gedachten  burgers  Crausen  dochter  nun 
freilicli  in  die  XY.  oder  XVI.  iar  gehapt,  vnd  ist  doch  mitler  zeyt  der 
Satan  in  ihn  gefarn,  das  er  widder  von  Euangelio  gefaln  ist,  vnd  vn- 
terstanden  sein  arms  weib,  den  Papisten  zu  ehrn,  für  eyn  hur,  vnd 
seine  arme  kinder  für  hurnkinder  zu  halten.  Pfei  dich,  du  verlornes 
kind,    ein  Tigris  mus   dich  geseügt  haben,    das  du  deinen  armen  kin- 

dern  so  hart  bist,  vnd  keyn  mitleiden  mit  ihn  hast "     Yon  seinen 

„ lesterbüchern "  und  von  seiner  lehre  sagt  er:  „Die  pfaffen  .  .  freuen 
sich  hoch  vber  des  Witzeis  lere,  vnd  er  ist  jr  vermeynter  Messias,  der 
sie  erlösen  wird  zu  pfingsten  vff  dem  eiss.  Sie  machen  ihnen  mit  des 
Witzeis  lere  eyn  galgen  frist,  dann  bald,  bald  wirts  beide  mit  ihnen 
vnd  ihrem  Messia  aus  sein." 

„Meinstu  verzweiuelter  Judas,  das  die  herrn  vnd  Fürsten,  sampt 
den  Stedten  etc.  so  das  Euangelium  an  genommen  haben,  von  wegen 
deiner  gottslesterigen  scarteken,  widderumb  fressen  werden  was  sie 
gespeit  haben,  wie  du  feyger  bösse wicht  gethann  hast.  Dan  du  machst 
dir  selbst  eyn  whan,  man  halt  deine  bücher  für  eitel  oracula.  Aber 
das  soltu  wissen,  das  sich  an  deine  bucher  niemand  keret,  on  die 
vormals  Christum  auch  nit  lieb  gehabt,  vnd  ihren  glauben  auff  den 
sand  gebawet  haben,  vff  das  die  schüler  seien,  wie  ihr  meyster  ist. 
Schemestu  dich  nit  iun  dein  hertz,  das  du  für  so  vielen  hochgelerten 
Theologen  deinen  rüssel  darffst  auffthun?  vnd  gibst  grosse  kunst  für, 
der  du  mit  dem  donat  nur  vff  den  hindern  geschlagen  bist  vnd  hast 
eynmal  eyn  kriechischs  buch  hinder  den  ofen  gesehen,  daher  kumpt 
dir  das  grosse  geschrey  vnd  gepreng.  Meinstu,  grober  gesel  (esel  wolt 
ich  sagen)  man  werde  so  vil  gelerter  theologen  bücher  verwerffen,  umb 

1)  1.  Ep.  Job.  2,  19:  non  erant  ex  uobis,  nam  si  fuissent  ex  nobis,  perman- 
sissent  utirjue  nobiscum. 


ER.    ALEEKUS,    VON    DER    SCHLANGEN    VERFÜllRUNa  425 

deines  vnflats  willen?  Ei  wie  sol  michs  doch  gelüsten,  das  ich  die 
allei'schönste  homilias  M.  Joä.  Brentij  hinwerffen,  vnd  dafür  dein  Tem- 
poralia  vnd  Casualia  lesen  würde?  Icli  werde  freilich  D.  Martinum 
lutlier  (durch  welchen  Got  das  Bapstumb  stürmet,  vnd  den  Antichrist 
offenbart)  faren  lassen,  vn  Philippi  Melanthonis,  Yrbani  Regij  2C  bücher 
verdammen,  vnd  deine  dormisecures  dafür  lesen?" 

„Den  höchsten  vnd  aller  besten  articul ,  daher  wir  Christen  heissen, 
flehtet  Judas  Witzel  an,  der  articul  aber  lieisst  also." 

„ALLeyn  durch  den  GLAVBen  an  Jesum  Christum  werden  wir 
selig.  Da  wil  er  Christum  nit  lassen  Christum  sein,  diesen  allerhöch- 
sten articul  greifft  er  an,  vnd  gibt  für,  der  glaub  an  Christum  mach 
nit  alleyn  selig,  sonder,  die  werck  müssen  dem  Glauben  zu  hülff  kum- 
men.  Diesen  articul  (sag  ich)  greifft  er  an,  dem  sein  vater,  das  ist, 
der  Satan,  auch  nie  hold  gewest,  vnnd  darumb  so  viel  vnschuldiges 
bluts  vergossen  hat." 

„Ynib  dieses  Articuls  Avillenn,  hat  müssen,  der  gerecht  Abel, 
ermordt  werdenn.  Dann  sein  bruder  war  eyn  werckheylige ,  vnd  gtü 
Witzelisch  Papistisch,  Turckisch,  heydenisch,  vnd  Judisch,  dan  disser 
volcker  keyns  gleubt  diesen  articul.  Der  Turck  gleubt  ihn  nit,  die 
Juden  auch  nit,  die  Papisten  vn  Wicelischen  auch  nit.  Vmb  dises 
Articuls  willen  sind  die  propheten,  Christus  der  herr  selbst,  die  Apostel, 
vnd  vuzehlichen  Christen  ermordt  worden,  vnd  sonderlich  von  dieses 
articuls  wegen  haben  wir  vns  von  Bapst  abgesondert,  vnd  wie  wol 
keinem  Christen  gepurt  zu  zweiueln  an  disem  articul,  als  von  dem  er 
den  edeln,  königlichen  vnd  hymelischen  namen  hat,  das  er  ein  Chri- 
sten heyst,  vn  nun  in  das  zwenzigst  iar  bucher  genug  dauon  geschrie- 
ben sind,  so  wil  ich  doch  auch  mich  gegen  diesem  herlichen  articul 
danckbar  erzeygen^,  vnd  so  vil  mir  gott  gnad  gibt,  denselbigen  mit  der 
heyligen  schrifft  beweisen  vnd  erhalten,  dan  vff  den  articul  bin  ich 
getaufft,  darin  leb  ich,  darin  wil  ich  mit  Gottes  hulff  sterben,  vnd  ist 
gewiss,  wer  vff  diesen  articul  nit  stirbt,  der  ist  ewiglich  verdampf,  vn 
niemand  iemals  on  diesen  articul  selig  geworden  ist." 

„Hat  sich  nun  iemand  durch  des  Witzeis  lere,  lassen  verfüren, 
vnd  an  ihm  noch  hoffnung  ist,  er  werde  sich  lassen  bekeren,  der  höre 
eben  zu  vnd  hab  acht  druff,  was  ich  schreib.  Versehe  mich  auch,  wo 
ich  disen  articul  beweisen  werde,  so  sei  damit  vmbgestossen  alles,  was 
der  Witzel  darneben  furgibt"  usw.  ^ 

1)  Auf  diese  ganze  aiisfühning  nimt  er  iu  der  voiTede  zum  gespräch  fast  wört- 
lich bezua;. 


42G  MATTHIAS 

Von  bl.  40''  an  folgt  oiue  betraclitung  über  die  motive  seiner 
handhmgsweise,  über  sein  leben  und  seine  tätig-keit,  von  bl.  47''  an 
„die  gantze  historia  seines  Jebeus,  wie  sie  von  d.  Justo  Jona  beschrie- 
ben." Endlich  bl.  61"  bis  zum  schluss  die  Verdeutschung  eines  latei- 
nischen gespräches,  welches  von  Witzeis  abfall  handelte:  „des  Titel  heyst 
Ludus  Sylvani  hessi  in  defectioneni  Georgii  Wicelii  ad  papistas;  per- 
sonen  desselben:  Witzel,  Anna  sein  hausfraw,  Nicolaus  Faber,  Crotus, 
Cocleus." 

Im  jähre  1542  visitierte  Alberus,  auf  befehl  des  kurfürsten 
gemeinsam  mit  dem  M.  Johann  Siegfried,  pastor  in  der  altstadt  Bran- 
denburg, das  dortige  Barfüsscrkloster;  sie  fanden  auch  bücher  im  refec- 
torio  (aber  keine  bibel),  darunter  auch  eins,  welches  sie  nennen  librum 
Conformitatum ,  und  ist  der  Barfüsser  Alcoran,  schier  so  dick,  wie  eine 
halbe  bibel,  enthaltend  die  Wunderwerke  Prancisci;  aus  diesem  buche 
hat  er  mehr  denn  500  stück  legenden  usw.  aufgezeichnet  und  ver- 
deutscht. Auf  solche  weise  entstand  die  bekante  und  berühmte  satire: 
Der  Barfuser  Münche  Eulenspiegel  vnd  Alcoran.  Mit  einer 
Vorrede  D.  Martini  Luth.  Yersicu.  Eranciscanorum.  Erancis- 
cus  est  in  coelo.  Responso.  Quis  dubitat  de  illo?  Antipho. 
Totus  m  und  US.  M.  D.  XLII.  80  bl.  4.  Gedruckt  zu  Wittemberg, 
durch  Hans  Lufft.  ^ 

Es  richtet  sich  die  schrift  gegen  die  übermässige  Verehrung,  ja 
Vergötterung  des  heiligen,  den  man  an  einem  tage  300  wamder  vol- 
bringen  liess.  „Das  ist  ja  wol  über  die  schnür  gehauen;  und  über- 
haupt wäre  nach  den  wahnsinnigen  legendenschreibern  (man  verzeihe 
mir  diesen  ausdruck!)   Christus   nur  ein  stümper  gegen  ihn  gewesen."- 

Zwischen  den  durchaus  polemischen  Schriften  nun  vom  jähre  1539 
und  1541  erschienen  drei  anderen  Charakters:  1.  Novum  Dictionarii  Genus, 
1540,  eine  art  reimlexicon,  besonders  wichtig  für  die  kentiiis  des  Hes- 
sischen dialektes  im  16.  Jahrhundert;  das  dritte  rein  erbaulich  und  frei 
von  jeder  polemik:  Jesus -büchlein  oder  X  schöne  gottselige  Dialogi  für 
die  Kinder,  so  anfangen  zu  reden  vnd  vernehmen  können  3;  zwischen 
beiden    endlich    unser    gespräch  Yon   der  schlangen   Verführung   usw., 

1)  In  meinem  besitze. 

2)  So  spricht,  ganz  in  Albers  sinne,  ein  gesinnuugsgenosse  im  vorigen  jahr- 
liundert:    Bistoiius,  Kronik  der  heiligen  (Wittemberg  1787),  von-ede. 

3)  Der  1.  und  3.  mit  seiner  damals  dritthalb  jähr  alten  tochter  Gertrud;  2.  mit 
Christiana  Eeders;  4.  mit  seiner  tochter  Dorothea;  5.  mit  Wigmund;  6.  mit  Cecilia 
Eeders;  7.  mit  seiner  tochter  Anna;  8.  mit  Bernhard  Eeders;  9.  mit  Danielis  Dobini; 
10.  mit  Gertrudechis ;  darin  3  wahrscheinlich  noch  unbekante  kinderlieder  Albers. 


ER.    ALBKKL'S,    VON    DER    SCHLANGEN    VERFÜHRl'N«  427 

welches  ebenfals  erbaulicher  natiir  ist,  da  die  polemik,  ausser  iii  der 
vorrede,  zurücktritt. 

Über  seine  quelle  spricht  er  sich  in  der  vorrede  folgendermassen 
aus:  „Ich  habe  die  vrsach  vnd  argument  dieses  Gesprechs  gezogen  aus 
der  schönen  Epistel,  so  D.  Philippus  Melanchthon  an  den  wolgebornen 
Herrn  vnd  Grauen  HeiTu  Johansen  von  Weda  geschrieben  hat." 

Es  ist  der  lateinische  brief,  welcher  2  jähre  vorher  (1539)  im 
drucke  erschien  unter  dem  titel:  Ad  nobilem  et  generosum  comitem 
Joannem  a  weda  etc.  Epistola  Philippi  Melanthonis.  Francoforti^  Der 
inhalt  des  briefes  ist  folgender: 

Lange  nach  erschaffung  Adams  und  Evas  beschloss  der  herr  sie 
und  ihre  familie  zu  besuchen  und  in  ihrem  kummervollen  dasein  zu 
trösten.  Eva,  welche  zufällig  aus  dem  fenster  schaute,  sah  den  heiTu 
mit  seinen  engein  kommen;  und  da  am  nächsten  tage  ein  fest  bevor- 
stand, hatte  sie  begonnen  die  kinder  zu  waschen,  auf  dass  sie  dem 
Opfer  und  der  predigt  des  vaters  beiwohnten.  Da  sie  sich  schämte, 
die  noch  ungewaschenen  dem  herrn  vorzustellen,  hiess  sie  diese  sich 
im  heu  und  stroh  verstecken,  die  übrigen  sollen  in  der  verhalle  den 
herrn  erwarten  und  nachdem  ihn  die  mutter  begrüsst,  der  reihe  nach 
ihn  ebenfals  begrüssen.  Nachdem  der  empfang  in  dieser  weise  stat- 
gefunden  und  der  herr  die  Eva,  deren  antlitz  schäm  und  furcht  aus- 
drückte, geti'östet  und  seine  hilfe  verheissen  hatte,  lobte  er  sie,  dass 
sie  die  kinder  nicht  nur  gepuzt,  sondern  auch  sitsamkeit  gelehrt  habe. 
Das  sei  aber  nur  der  anfang  der  erziehung;  sie  müssten  auch,  was 
wichtiger  sei,  wissen,  dass  sie  geboren  seien  zur  erkentnis  gottes,  zur 
Verbreitung  seines  glaubens,  zur  bewahrung  der  ihnen  zu  teil  gewor- 
denen vorbei ssung,  zum  gehorsam  gegen  gott;  auch  müssten  sie  belehrt 
werden  über  die  Unsterblichkeit  und  die  ewigen  strafen  der  gottlosen. 

Eva  erwiderte,  dass  diese  lehren  den  kindern  von  ihr  und  Adam 
unermüdlich  eingeprägt  würden,  und  fügte  weinend  hinzu:  Eingedenk 
des  sündenfals  und  der  gute  gottes  seien  sie  unablässig  darauf  bedacht, 
die  kinder  zu  lehren,  welcher  dienst  gott  wolgefällig  sei  und  welche 
verheissuug  er  ihnen  gegeben  habe;  er  möge  sie  selber  anhören  und 
sie  zurechtweisen,  wenn  sie  etsvas  falsch  verstanden. 

Sie  forderte  also  Abel  auf,  vorzutragen,  was  er  gelernt  habe. 

Dieser  begint:  Ich  glaube  an  einen  almächtigen  gott,  welcher  die 
weit  geschaffen  hat  und  sie  weise  regiert,    der  den  menschen  verstand 

1)  Philippi  Melanthonis  opera  ed.  Car.  Gottl.  Bretschneider,  vol.  III,  p.  654, 
nr.  1785;  von  diesem  ahdruck  weicht  das  Wolfenbüttler  exemi)lar  des  druckes  vom 
jähre  1539  mehrfach  ab. 


428  SLVTTHIAS 

verliehen,  die  gottheit  zu  erkennen,  ferner  bcwusstsein  ihrer  pflichten 
gegen  gott,  der  endlich  an  die  eitern  sein  gehet  habe  ergehen  lassen, 
ihren  gehorsam  zu  prüfen.  Hätten  diese  sich  darnach  gerichtet,  wäre 
die  Sünde,  der  tod,  kurz  alles  übel  nicht  in  die  weit  gekommen.  Der 
teufel  aber  brachte  die  menschen  zu  falle;  durch  ihn  und  die  mensch- 
liche Schwachheit,  nicht  durch  gott,  ist  die  sünde  in  die  weit  gekom- 
men, mit  ihr  der  tod  und  die  herscliaft  der  schlänge. 

Gott  aber  w^olte  die  menschheit  nicht  zu  gründe  gehen  lassen 
daher  verhiess  er  erlösung  und  Versöhnung  durch  des  weibes  sameu; 
ihn  wird  die  schlänge  zwar  in  die  ferse  stechen,  er  aber  wird  ihr  den 
köpf  zertreten. 

Ich  glaube  auch,  dass  die  opfer,  welche  der  vater  für  uns  dar- 
bringt, ein  zeichen  des  opfers  sind,  welches  der  verheissene  für  uns 
sein  wird;  denn  durch  dieses,  nicht  durch  unsere  opfer,  werden  wir  mit 
gott  versöhnt.  Und  Avenn  auch  sünde,  tod  und  sonstige  übel  in  der 
weit  bleiben  werden,  so  wird  doch  in  denen,  die  an  die  göttliche  ver- 
heissung  glauben,  ein  neues  licht  angezündet  und  ein  neues  leben 
beginnen;  der  verheissene  aber  wird  kommen,  die  weit  zu  richten,  den 
gläubigen  das  ewige  leben,  dem  teufel  aber  und  seinem  anhang  die 
verdamnis  zu  teil  werden  zu  lassen. 

Zu  dem  göttlichen  dienst  aber  sind  alle  menschen  berufen,  nur 
dürfen  sie  sich  durch  keine  gefahren,  auch  nicht  durch  die  wut  der 
schlänge  und  der  gottesverächter  irre  machen  lassen. 

Mit  nochmaliger  Versicherung  seines  glaubens  an  gott  und  der 
bitte,  er  möge  ihm,  seinen  eitern,  seinen  brüdern  und  Schwestern  gnä- 
dig sein,  schliesst  Abel  sein  bekentnis.  Nachdem  Seth  und  die  Schwe- 
stern ähnlich  geantwortet,  lobt  gott  alle,  ermahnt  sie  im  glauben  und 
im  gehorsam  zu  verharren  und  verspricht  ihnen  in  allen  fährlichkeiten 
zu  helfen.  Darauf  heisst  er  die  Eva  auch  die  übrigen  kinder  zu  holen, 
sie  scheltend,  dass  sie  dieselben  habe  verbergen  wollen. 

Eine  von  den  Schwestern  holt  die  geschwister;  Cain  erscheint, 
mit  trotziger  miene,  Strohhalme  in  den  haaren,  ohne  den  herrn  zu 
grüssen.  Auch  er  muss  berichten,  was  er  gelernt  hat:  Ich  glaube  an 
einen  almächtigen  gott,  schöpf  er  der  ganzen  weit,  dem  man  opfern 
muss,  damit  er  unsere  äcker  fruchtbar  macht.  Ob  er  unser  gebet 
erhört  oder  sünden  vergibt,  weiss  ich  nicht.  Über  ein  leben  im  jen- 
seits lässt  sich  erst  nach  dem  tode  urteilen;  ich  sehe  aber,  dass  man, 
um  eines  behaglichen  lebens  Avillen,  gute  sitten  pflegen  muss.  Gott 
tadelt  ihn  und  mahnt  ihn  auf  den  rechten  weg  zurückzukehren. 


ER.    ALBERUS,    VOX   DER   SGHLAXGEN   VERFÜHRrxa  429 

Darauf  redet  er  alle  folgenderniassen  an :  Als  stamväter  des  mensch- 
lichen geschlechtes  solt  ihr  den  nachkommen  ein  vorbild  der  frömmig- 
keit  und  tugend  sein.  Die  gläubigen  unter  euch  wird  der  verheissene 
held  gegen  die  angriffe  der  schlänge  schützen.  Und  da  ich  die  Avelt 
durch  mein  wort  lenken  und  regieren  will,  werde  ich  aus  eurer  schaar 
mir  geeignete  diener  wählen.  Nach  diesen  werten  weiht  er  den  Abel 
zum  priester,  den  Seth  zum  könig,  den  Cain  aber  macht  er  zum  scla- 
ven,  der  nur  durch  furcht  vor  strafe  verhindert  wird,  den  gottesdienst 
und  die  gemeinschaft  der  gläubigen  zu  stören. 

Nach  dieser  Verteilung  der  stände  wendet  er  sich  wider  an  die 
Eva,  mahnt  sie,  der  erziehung  der  kinder  auch  fernerhin  ihre  Sorgfalt 
zu  widmen  und  tröstet  sie,  als  sie  nochmals  reue  über  den  sündenfall 
äussert,  durch  lünweis  auf  den  verheissenen  samen. 

Darauf  entfernt  er  sich,  von  der  Eva  geleitet,  die  er  endlich  zu 
den  kindern  zurückschickt  mit  dem  trost,  dass  auch  seine  begleiter, 
die  engel,  beschützer  und  freunde  der  familie  sein  würden.  Nach  die- 
sen Worten  wird  er  durch  eine  wölke  in  den  himmel  zurückgeführt. 

Das  ist  der  wesentliche  Inhalt- des  Melanchthonschen  briefes;  ver- 
gleichen^  wir  nun  damit  den  Alberschen  dialog,  dessen  „vrsach  vnd  argu- 
ment"  aus  jenem  gezogen  ist.  Gemeinsam  ist  beiden  eigentlich  nur 
die  idee,  dass  gott  die  ersten  menschen  besucht,  um  ihren  haushält, 
vor  allem  ihre  kinder,  die  stamväter  des  künftigen  menschengeschlech- 
tes,  kennen  zu  lernen.  Im  übrigen  aber  w^eichen  beide  erheblich  von 
einander  ab.  Der  brief  bewahrt  durchaus  die  tendenz  der  alten  fabel, 
nach  welcher  sich  an  den  göttlichen  besuch  die  für  das  menschen- 
geschlecht  so  überaus  wichtige  Scheidung  in  verschiedene  stände  knüpft: 
Abel  vertritt  das  geistliche,  Seth  das  weltliche  regiment,  Cain  die 
grosse  masse  der  Untertanen.  Alber  scheint  diese  tendenz  gar  nicht 
erkant  zu  haben,  mindestens  lässt  er  sie  ganz  fallen  und  am  schluss 
gott  dem  Abel  zur  belohnung  sein  reich,  also  die  ewige  Seligkeit 
verheissen,  dem  Cain  mit  ewiger  verdamuis  drohen.  Dafür  hat  er  die 
prüfung  Abels  und  Cains,  die  doch  eigentlich  nur  mittel  zum  zweck 
ist,  mit  grosser  breite  behandelt  und  sie  in  den  Vordergrund  gestelt. 
Abel  trägt  auf  die  katechetischen  fi-agen  des  herru  den  ganzen  Luther- 

1)  Melanchthon  neut  als  seine  quelle:  ein  gewisses  gedieht.  Da  wir  demnäclist 
eine  gründliche  Untersuchung  über  die  geschichte  der  fabel  von  den  Ungleichen  Km- 
dera  Evae  von  Hru.  Dr.  Joh.  Bolte  in  Berlin  zu  erwarten  haben,  beschränkt  sich 
unsere  betrachtung  nur  auf  das  Verhältnis  zwischen  Albers  dialog  und  der  von  ihm 
genanten  quelle. 


430  MATTHIAS 

sehen  katechismus  fast  wörtlich  vor^  und  auch  in  Adams  und  Evas 
reden  spielt  das  erbauliche  die  hauptrolle.  Im  briefe  tritt  von  den 
eitern  nur  Eva,  von  den  kindern  ausser  Abel  und  Cain  auch  noch  Seth 
auf,  ferner  neben  Abel  und  Seth  einerseits  und  Cain  andererseits  je 
eine  reihe  gleichgesinter  Schwestern.  Dabei  läuft  eine  kleine  Unklarheit 
mit  unter.  Eva  ist  damit  beschäftigt,  wegen  eines  am  nächsten  tage 
zu  feiernden  festes  die  kinder  zu  putzen.  Sie  wird  vom  herrn  über- 
rascht und  versteckt  die  noch  ungewaschenen  im  heu  und  stroh.  Erst 
nachher,  bei  dem  auftreten  beider  teile,  wird  klar,  dass  die  gewasche- 
nen kinder  zugleich  die  wolgeratenen ,  die  ungewaschen  gebliebenen 
zugleich  die  misratenen  sind.  Im  dialog  erscheinen  Adam  und  Eva, 
von  den  kindern  dagegen  nur  ^  Cain  und  Abel.  Aus  der  einfachen 
erzählung  des  briefes  hat  Alber  gewissermassen  ein  drama  gemacht, 
welches  in  4  akten  verläuft :  1.  Klage  der  Eva  und  Adams  trost.  2.  An- 
kündigung des  göttlichen  besuches  und  Schilderung  der  beiden  so  ver- 
schiedenen brüder.  3.  Katechisierung.  4.  Predigt  Adams,  deren  Vor- 
handensein zunächst  ganz  unmotiviert  scheint,  aber  dadurch  sich 
erklärt,  dass  die  erbauung  Albers  hauptabsicht  war.  Im  briefe  puzt 
Eva  die  kinder  für  ein  fest,  welches  am  folgenden  tage  statfinden  soll, 
und  versteckt,  als  der  herr  sie  überrascht,  die  noch  ungepuzten;  im 
dialoge  kündigt  Adam  den  besuch,  von  dem  er  durch  den  engel  Ga- 
briel erfahren  hat,  der  Eva  an  und  fordert  sie  auf,  dem  besuche  zu 
ehren  die  kinder  zu  waschen.  Cain  wird  zu  diesem  zwecke  eigens 
geholt,  bei  welcher  gelegenheit  Abels  und  Cains  Charakter  drastisch 
geschildert  wird;  dort  lässt  Eva  die  ohne  ihre  schuld  ungepuzt  geblie- 
benen kinder  erst  holen,  als  der  herr  es  befiehlt,  hier  empfangen  beide 
brüder  zusammen  den  herrn,  und  zwar  ist  der  ältere  in  folge  seines 
widerstrebens  ungewaschen  geblieben.  Dort  begrüsst  Cain  den  herrn 
gar  nicht,  hier  reicht  er  ihm  die  linke  hand  zum  grusse.  Evas  klage 
über  den  sündenfall  ist  im  briefe  nur  beiläufig  erwähnt,  im  dialog  fült 
dieselbe  den  langen  monolog,  der  denselben  eröfnet,  der  auch  zugleich 
eine  sehr  ins  breite  gehende  ausspinnung  des  einfachen  biblischen  bericli- 
tes  vom  Sündenfalle  enthält.  Dort  trägt  Abel  sein  glaubeusbekentnis 
im  zusammenhange  vor,  hier  wird  ihm  stück  für  stück  abgefragt  wie 
im  confirmandenunterricht.  Dort  erscheinen  Cains  antworten  nur  mate- 
rialistisch und  rationalistisch,  hier  ausserdem  auch  noch  zum  teil  siu- 
los,  wie  eines  schul ers,  der  seine  aufgäbe  schlecht  gelernt  hat. 

So  Hessen  sich  im  einzelnen  noch  mehr  Verschiedenheiten  aufzäh- 
len.    Der  hauptunterschied  aber  liegt,  wie  schon  hervorgehoben,   darin, 

1)  Vgl.  s.  431  anm.  1. 


KR.    ALBERUS,    VON   DER   SCHLANGEN'   VERFÜHRUNG  431 

(lass  in  dorn  briete  die  einsetzung  mehrerer  stände  durch  gott,  welches 
der  natürliche  und  ursprüngliche  abschluss  der  fabel  ist,  beibehalten 
wird,  während  sie  Alber  von  dieser  seite  ganz  gleichgiltig  ist;  seine 
absieht  ist  offenbar  die  gewesen,  die  christliche  glaubens- 
lehre  in  populärer  weise  zur  darstellung  zu  bringen.  Er  ver- 
knüpft sie  darum  mit  unserer  fabel,  die  zu  diesem  zwecke  wie  geschaf- 
fen erscheint,  und  es  ist  anzunehmen,  dass  dadurch  sein  werk  grossen 
beifall  und  einen  weiten  leserkreis  gefunden  hat. 

Bei  dieser  absieht  des  Verfassers  hat  es  auch  einen  sinn,  dass  an 
stelle  der  einsetzung  des  Ständeunterschiedes  Adams  predigt  getreten 
ist.  Jene  würde  seinen  zweck,  zu  erbauen,  nicht  gefördert  haben;  in 
dieser,  welche  das  protevangelium ,  die  erste  verheissnng,  zum  gegen- 
stände hat  und  nachweist,  dass  der  satan,  wenn  er  auch  umhergeht 
wie  ein  brüllender  löwe,  doch  nicht  mehr  unüberwindlich  ist  und  end- 
lich mit  dem  ganzen  antichristentum  vernichtet  werden  wird,  —  in 
dieser  findet  die  darstellung  der  giaubenslehre  ihren  natürlichen  ab- 
schluss 1. 

Die  erhaltenen  drucke  des  gespräches  zerfallen  in  2  klassen. 

1.  Originalausgabe  Albers  vom  jähre  1541. 

2.  Doppelte  bearbeitung  des  gespräches  durch  magister  Leonhard 
Jacobi  aus  Nordhausen  vom  jähre  1544  und  1553. 

Nr.  1  ist  in  zwei  exemplaren  erhalten,  von  denen  sich  das  eine  in 
Zwickau,  das  andere  in  der  kleinen,  aber  wertvollen  samlung  der  kir- 
chen-ministerial-bibliothek  zu  Celle  befindet,  welche  es  mir  zweimal 
in  freundlichster  weise  überliess,  das  erste  mal  durch  gütige  vermit- 
lung  des  herrn  gymnasial -directors  dr.  Ebeling  daselbst.  Der  folgende 
textabdruck  ist  eine  genaue  widergabe  desselben  2.  Die  ausgäbe  ist 
gedruckt  in  Berlin  durch  Hans  Weissen  a.  1541. 

Die  erste  bearbeitung  des  Originals  durch  magister  Leonliard 
Jacobi  aus  ISTordhausen  führt  den  titel:  Ein  Gesprech,  Yon  der 
verfuhrung    der    Schlangen    vnd     der    gnade    Christi    vnsers 

1)  Eine  recension  der  Jaroliischen  bearbeitung  vom  jähre  1553  (s.  unten  s.  434) 
in  den  Unschuldigen  uachriehteu  1727,  s.  1224,  deren  nachweis  ich  herrn  prof.  dr. 
Ilertel  in  Magdeburg  verdanke,  tadelt,  dass  der  Luthersche  katechismus  von  wort 
zu  wort  widergegeben  sei;  auch  „schicken  sich  etliche  .  .  hier  gebrauchte  Forniuln, 
als  vom  Gassen  lauffen  Cains  nicht."  Die  gelehrten  der  Unsch.  nachr.  halten  .lacobi 
für  den  Verfasser  des  gesprächs;  Albers  name  ist  ja  auch  vom  titel  ganz  verschwun- 
den imd  erscheint  nur  in  der  vorrede. 

2)  Weggelassen  ist,  weil  mit  dem  gespräch  gar  niclit  zusammenhängend,  das 
angehängte  stück:  Frag  vnd  antwort  für  die  Kinder,  wenn  sie  zu  des  lleri'n  Abend- 
mal gehen  wollen. 


432  MATTHIAS 

Heylands,  zwischen  Gott,  Adam,  Ena,  Abel,  vnd  Cain.  Eras- 
mus  Alberus.  Ein  Auslegung,  vber  die  obgenielten  Namen, 
einem  Erbarn  vnd  Wolweisen  ßatli,  der  Keyserliclien  Stadt 
Northausen,  zu  Ehrn  in  Druck  gegeben.  Durch  M.  Leon- 
hardum  Jacobi,  Northusianum.  32  bl.,  am  schluss:  Zu  Erffurd 
Trückts  Wolffgang  Sthürmer,  Zu  dem  buntten  Lawen,  Bey 
S.  Paul.  Die  vorrede  ist  unterschrieben:  Geben  zu  Northausen, 
aus  dem  Steinbackhaus.  Am  tage  Elizabeth  [19.  novbr.]. 
Anno  15441. 

Dieser  Leonhard  Jacobi,  über  dessen  leben  und  Schriften  wir 
in  der  Zeitschrift  des  Harzvereins  für  geschichte  und  altertumskunde, 
21.  Jahrg.  1888,  2.  hälfte,  ausführlicher  berichten,  war  ungefähr  1515 
in  Nordhausen  geboren,  wurde  1533  in  Erfurt  immatriculiert,  wo  er 
sich  wahrscheinlich  auch  die  magisterwürde  erwarb,  sodann  1539  und 
1540  als  Schulmeister  im  tal  Mansfeld  und  Halberstadt  tätig,  endlich, 
nachdem  er  vertretungsweise  in  Nordhausen  ein  pfaramt  verwaltet  und 
in  Wittenberg  durch  Luther  die  Ordination  empfangen  hatte  (c.  1543),  als 
geistlicher  kurze  zeit  in  Laucha  a.  d.  Unstrut  (1544/45),  dann  an  der 
Ulrichskirche  in  Magdeburg  (1546  —  48),  endlich  an  der  Stephanikirche 
in  Calbe  a.  d.  Saale  angestelt,  wo  er  nach  1553  an  der  pest  gestorben 
zu  sein  scheint.  Er  war  unermüdlich  für  die  ausbreitung  der  evange- 
lischen lehre  durch  wort  und  schrift  tätig  —  wir  kennen  von'  ihm  aus 
der  zeit  von  1544  —  53  nicht  weniger  als  16  werkchen,  zum  teil  gelehrt - 
theologisclien  Inhaltes  —  und  erwies  sich  vor  allem  in  verschiedenen 
kritischen  lagen  seines  lebens  als  einen  mann  von  hohem  mute,  der 
seiner  Überzeugung,  der  erkanten  Wahrheit  des  evangeliums,  amt  und 
freiheit  unbedenklich  zum  opfer  brachte  und  in  den  schweren  tagen 
des  Interims  mit  grosser  energie  und  hoher  wärme  die  reine,  unver- 
fälschte lehre  in  mehreren  Schriften  verteidigte. 

Seine  tätigkeit  an  unserm  dialoge  aber  besteht  in  folgendem:  An 
die  stelle  der  Alberschen  widmung  sezte  er  eine  neue  vorrede,  in  wel- 
cher er  das  buch  dem  rate  seiner  Vaterstadt  zueignete.  Sodann  zer- 
legte er  das  im  original  zusammenhängende  gespräch  in  zwei  teile, 
deren  erster  den  monolog  der  Eva  und  ihr  gespräch  mit  Adam  bis  zu 
den  Worten:  „wie  sol  ich  dirs  jmermehr  voldancken?"  deren  zweiter 
aUes  übrige  enthält.  Jedem  von  beiden  teilen  folgt  eine  ausführliche 
„auslegung",  in  welcher,  unter  anführung  zahlreicher  bibelsprüche  und 

1)  Einziges  exemplar  in  der  Leipziger  uiiivcrsitätsliiltliotliek,  von  wo  es  mir 
freundlichst  zugesendet  wurde. 


ER.    ALBEKUS,    VON   DER   SCHLANGEN   VERFÜIIRTTNG  433 

stellen  aus  den  vätern,  das  gespräcli  erläutert  und  Adams,  Evas  und 
der  kinder  verhalten  und  beispiel  für  das  altägliche  leben  nutzbar 
gemacht  wird.  Am  schluss  folgt  die  kinderlehre.  Der  text  weicht  von 
dem  ursprünglichen  nur  unerheblich  ab. 

Von  dieser  ausgäbe  erschienen  in  Nürnberg  zwei  nachdrucke,  der 
eine  bei  Friedr.  Gutknecht  ohne  jähr,  der  andere  bei  Valentin  Neuber 
1559,  jener  in  Celle,  dieser  im  besitz  des  herrn  oberbibliothekars 
dr.  E.  Köhler -Weimar,  der  ihn  aus  Maltzahns  bücherschatz  erwor- 
ben hat. 

Beide  tragen  den  titel:  Ein  Gespräch,  von  der  verfürung 
der  Schlangen  vnd  der  Gnade  Christi  vnsers  Heilandts,  zwi- 
schen Gott,  Adam,  Ena,  Abel,  vnd  Cain.  Erasmus  Alberus. 
Ein  Ausslegung  vber  die  obgemelten  Namen.  Durch  M.Leon- 
hardum  Jacobi,  Northausianum.     32  bl.     8. 

Auch  im  texte  stimmen  beide  miteinander  fast  buchstäblich 
überein. 

Die  abweichungen  der  nachdrucke  von  dem  Leipziger  exemplar 
sind  teils  unabsichtliche  oder  unwilkürliche,  veranlasst  durch  nachläs- 
sigkeit  der  setzer,  teils  absichtliche,  indem  zuweilen  stellen  weggelassen 
worden  sind,  die  sich  gegen  die  katholische  kirche  richteten.  So  ist 
z.  b.  im  Alberschen  texte  die  stelle  weggeblieben,  an  welcher  Abel  von 
der  Unwirksamkeit  der  guten  werke,  sünde  zu  vertilgen,  spricht  [s.  456], 
in  der  auslegung  fehlen  beispielsweise  die  klagen,  dass  die  evangeli- 
schen von  den  heillosen  papisten  angriffe  zu  erdulden  hätten,  ferner 
die  überaus  heftigen,  vor  den  stärksten  ausdrücken  nicht  zurückscheuen- 
den angriffe  gegen  die  katholische  messe. 

Nimt  man  hinzu,  dass  auch  die  stark  polemischen  einleitungen 
Albers  wie  Jacobis  fortgelassen  worden  sind,  so  wird  man  nicht  fehl 
gehen,  wenn  man  vermutet,  dass  bei  beiden  ausgaben  buchhändlerischo 
Spekulation  im  spiele  gewesen  ist,  welche  durch  beseitigung  solcher 
den  anti- katholischen  Standpunkt  der  beiden  Verfasser  gar  zu  deutlich 
zum  ausdruck  bringenden  stellen  den  nachdrucken  des  an  sich  mass- 
voll und  verhältnismässig  unparteiisch  gehaltenen  schriftchens  womög- 
lich auch  in  nicht- evangehschen  leserkreisen  eingang  verschaffen  wolte. 

Acht  jähre  später  veranstaltete  Jacobi,  damals  pfarherr  in  Calbe, 
eine  neue  ausgäbe  dieser  seiner  bearbeitung,  welche  er  dem  rate  von 
Halberstadt  widmete.  Er  versah  sie  mit  einer  neuen  einleitung  (unter- 
schrieben mit  der  jahrzahl  1552),  nach  welcher  das  gespräch  im  Zusam- 
menhang folgt,  nur  sind  die  beiden  teile  der  ersten  ausgäbe  noch  in 
kapitel   eingeteilt  in  folgender  weise:   Das  erste  Tiieil   dises  Gesprechs. 

ZElTSniKIFT    F.    DKUTRrilE    PIIILOLOlilR.       BO.   XXI.  2o 


434  MATTHIAS 

Caput  primiim;  Caput  secuiidiim.  Das  ander  Theil  dises  Gespreclis. 
Caput  primmn  usw.,  indem  zugleich  von  jedem  kapitel  in  der  Über- 
schrift kurz  der  inhalt  angegeben  wird.  Die  völlig  umgearbeitete  „aus- 
legung",  Avelche,  ebenfals  im  Zusammenhang,  dem  gespräche  folgt, 
schliesst  sich  jener  einteilung  genau  an,  nur  dass  das  2.  kapitel  des 
andern  teiles,  sowie  Adams  predigt  keine  auslegung  haben.  Die  kin- 
derlehre  fehlt  überhaupt. 

Der  Albersche  text  ist  in  dieser  neuen  ausgäbe  ziemlich  wilkür- 
lich  behandelt  und  vielfach  „gebessert."  Jacobi  hat  eben  das  fremde 
werk,  welches  er  zum  zw-eiten  male  herausgab  uud  mit  dem  er  sich 
verwachsen  fühlen  mochte,  der  sitte  seiner  zeit  gemäss,  wie  sein  eig- 
nes behandelt  und  nicht  nur  einzelne,  ihm  unpassend  erscheinende 
werte  und  ausdrücke,  sondern  oft  ganze  sätze  durch  Verkürzungen  oder 
Zusätze  oder  Umschreibungen  verändert,  und  zwar  oft  an  stellen,  wo 
der  Albersche  text  dessen  gar  nicht  zu  bedürfen  schien.  Im  dem  fol- 
genden abdrucke  sind  die  wesentlichen  abw^eichungen  am  fusse  jeder 
seile  angegeben. 

Yon  dieser  zweiten  bearbeitung  gibt  es  eine  ganze  reihe  von  exem- 
plaren,  die  alle  widerholungen  der  ersten  ausgäbe  von  1553  sind,  wie 
daraus  hervorgeht,  dass  die  einleitung  in  allen  die  jahrzahl  1552  trägt. 

Der  titel  lautet  in  dieser  neuen  bearbeitung:  DIALOGVS  Das 
tröstlich  vnd  lieblich  Gespreche,  zwischen  Gott,  Adam,  Ena, 
Abel,  vnnd  Cain,  von  Adams  fall  vnd  Christi  erlösung,  mit 
besonderm  vi  eis  gebessert,  gemehret  vnd  ausgelegt,  Vnd 
einem  Erbarn,  Avolweisen  Radt  zu  Halberstadt  zu  ehren  in 
Druck  gegeben.  Durch  M.  Leonhardum  Jacobi  Northusia- 
num  Pfarherrn  zu  Calbe.  Auf  der  rücksei te  des  titelblattes  zwei 
bibelsprüche.  Am  schluss:  Gedru,ckt  zu  Leipzig,  Durch  Jaco- 
bum  Berwald,  Avonhafftig  in  der  Nickelsstrassen.  M.  D.  LIII. 
G8  bl.  octav.     Die  vorrede  mit  der  Jahreszahl  1552. 

Das  in  Dresden  befindliche  exemplar,  welches  mir  die  biblio- 
theksverwaltung  bereitwilligst  zur  Verfügung  stelle,  ist  in  einem  schö- 
nen, mit  goldschnitt  versehenen  pergamentbande  vereinigt  mit  drei 
Lutherschen  Schriften  (darunter  der  kleine  katechismus)  und  V.  Die- 
trichs Einfeltigem  vnterricht,  wie  man  das  Yater  vnser  beten  sol;  auf 
den  zwei  ersten,  leeren  blättern  des  bandes  steht  von  Melanchthons 
eigner  band:  Paulus  zu  den  Colossern  Die  rede  des  Herrn  Christi  soll 
in  Euch  Reichlich  wohnen  in  aller  w-eisheit.  vnd  ihr  sollt  euch  vnter- 
einander  leln-en  vnd  erinnern  Diser  spruch  gebeut  das  wir  alle  gottes 
wort  offt  sollen    hören,    oder   selb    lesen,    vnd   ist  gewislich  war.     Wo 


ER.    ALBERUS,    VON'   DER    SCHLANGEN"   VERFÜHRUNG  435 

gottes  Wort  wohnet,  das  ist,  avo  gs  im  herrzen  betracht  vnd  mit  glaw- 
ben  angenomeü  wirt,  im  selbigen  heiTzen  wohnet  Gott  wesentlich  vnd 
krefftiglich,  gibet  trost  hiilpf  vnd  ewige  selikeit.  Scriptum  manu  Phi- 
lipp!. Dieselbe  ausgäbe  auch  in  München  und  Wolfenbüttel  i.  In  "Wei- 
mar 2  exemplare,  das  eine  aus  derselben  druckerei  vom  jähre  1555, 
aus  Gottscheds  bibliothek  stammend,  das  andere,  ohne  angäbe  des 
druckortes  und  druckers,  vom  jähre  1559.  Endlich  drei  exemplare 
aus  demselben  jähre  von  Jac.  Berwald,  befindlich  in  Göttingen,  Celle 
und  in  der  turmbibliothek  zu  St.  Andreas  in  Eisleben. 

Unbekant  sind  mir  zwei  von  Draudius  aufgezählte  ausgaben  ge- 
blieben, die  eine  ohne  jähr,  gedruckt  bei  Henning  Gross  in  Leipzig, 
die  andere  vom  jähre  1604,  gedruckt  von  Heinr.  Birnstiel  in  Erfurt; 
endlich  das  in  den  Unschuldigen  Nachrichten  recensierte  exemplar  (Wit- 
tenberg 1553,    8.    7  bogen). 

Von  der  Sclilangen 

Terfüruiig-,  viid  Gnade  Cliristi 

Yusers  Heilands,   Ein  aesprecli 

zwiselien  Grott,  Adam,  Eua, 

Abel,  Cain. 

Erasmus  Alberus. 

(Wappen) 

Gedruckt  zu  Berlin,  M.  D.  xlj. 

Der  diirchleuchtigsten  hochgebornen  Fürstin  und  Frawen,  Frawen 
Hedwigen-,  Gebern  aus  Königlichem  stamm  zu  Poln  2C.  Marggreffin 
zu  Brandemburg  Chuifurstin,  zu  Stettin,  Pomern,  der  Cassuben,  Wen- 
den, Vnd  in  Schlesien,  zu  Crossen  Hertzogin,  Burggreffin  zu  Nurm- 
berg,  Ynd  furstin  zu  Rügen,  meiner  gnedigsten  Frawen. 

DYrchleuchtigste  Hochgeborne  Furstin  Gnedigste  Fraw,  Die  Christ- 
liche Ritterschafft  liat  in  jrem  Artickelsbrieff  kein  höhern  Artickel, 
denn  diesen, 

Der  glaub   an  Jhesum  Christum  macht  allein  gerecht 

und  selig. 

Mit  diesem  Artickel  schlagen  die  Christen  jre  feind  zuboden,   nemlich. 

Teuffei,  tod,  sund,  hell,  vnd  alles  vngluck,  vnd  ist  vnmöglich,  das  diese 

feinde  der  christlichen  Ritterschafft  obligen  künden,  wo  sie  sich  an  die- 

1)  Nach  freundlicher  angäbe  der  herreu  dr.  Joh.  B  ölte -Berlin  und  laudes- 
archivar  dr.  P.  Zimmermann-Wolfenbtittel. 

2)  Schwester  k(3uig  Sigismuuds  vou  Pöleu,  geniahliu  Joachims  IL  Hector. 

28* 


436  MATTHIAS 

sen  Artickel  lielt,  das  bezeugt  auch  S.  Johannes,  da  er  spricht,  VNSER 
GLAYB  ist  der  sieg  der  die  Welt  vberwindt^ 

Darumb  werden  wir  auch  von  diesem  heubtartickel,  CHRISTEN, 
oder  Christgleubigen  genennet,  Ynd  in  diesem  Artickel  lest  sich  Gott 
auffs  aller  klerlichst  mercken,  wie  lieb  er  sein  Christenheit  hab,  Denn 
nach  dem  der  Teuffei  vnser  liebe  Eltern,  ADAM  vnd  EYA  verfurt, 
vnd  vberredt  hatte,  das  sie  Gottes  gebot  faren  Hessen,  Ynd  dem  Satan 
gehorchten,  dadurch  sie  vnd  alle  jr  erben,  des  Teuffels  eigen,  vnd  wol 
sein  arme  Leut^  worden  sind,  Ynd  wie  der  selb  vnser  herr  war,  also 
niusten  wir  auch  sein-^.  Die  weil  er  aber  ein  Fürst  der  finsternis  vnd 
des  hellischen  fewers  ist.  So  kundt  er  es  vns  freilich  nicht  besser  gün- 
nen,  denn  er  es  selbst  hatte,  darumb  musten  wir  auch  hellebrennen ^, 
und  kinder  der  finsternis  ewiglich  sein,  bis  das  sich  unser  lieber  Herr 
Gott  vnsers  elends  erbarmet,  Ynd  vns  verhies  seinen  lieben  Son  Jhe- 
sum  Christum,  der  vns  widerumb  von  der  Teufflischen  gewalt  erlöset, 
welchs  auch  (Gott  sey  lob  vnd  danck  gesagt)  geschehen  ist,  daher  denn 
dieser  hoher  Artickel  sein  vrsprung  hat,  das  wir  bekennen. 

Allein  der  glaub  an  jhesum  Christum  macht  vns  selig. 
Das  ist.  Wir  glauben,  das  vns  armen  verdampten  Leuten  niemand  das 
ewig  leben  verdienet  hat,  noch  verdienen  kundt,  denn  Christus  vnser 
lieber  Herr,  der  hat  vns  mit  seinem  blut  thewer  erkaufft  2c.  Darumb 
wir  billich  auch  nach  unserm  Erlöser,  Christen  geneunet  werden,  denn 
wir  sind  Gottes  Erben  vnd  miterben  Christi,  welcher  auch  darumb 
mensch,  vnd  also  vnser  bruder  worden,  Das  ist  nu  die  grosse  vnd 
vnaussprechliche  lieb,  die  vns  Gott  Yater,  durch  Jhesum  Christiun 
bewisen  hat,  Ynd  aus  dieser  Yeterlichen  vnd  brüderlichen  lieb  Gottes 
Vaters  vnd  seines  Sons  Christi  fleust  dieser  hoher  Artickel,  ALLEin 
durch  den  Glauben  an  Jhesum  Christum  macht  vns  Gott  Yater  selig. 

Als  aber  vnser  lieber  Herr  Gott  vater  seer  wol  wüste,  das  den 
Satan  gar  vbel  verdross,  das  vns  Christus  von  seiner  tyranney  erlösen 
solt,  das  einer  der  grösser  vnd  stercker  ist  denn  er,  vber  jn  komen 
solt^,  jn  vberwinden,  vnd  seinen  hämisch  nemen,  darauff  er  sich  ver- 
lies, vnd  den  raub  aussteilen  2C.  Sagt  er  zuuor,  das  der  zornige  Satan 
Christo  würde  in  die  fersen  stechen,    daher  der  Satan,   gedachtem  vn- 

1)  Äi/i  rande  1.  Joli.  5.  (v.  4). 

2)  jemandes  arme  leiit  sein,  schon  iiihd.,  jcuuiud  Untertan,  von  jemand 
ahliüncjig  sein. 

3)  Wie  der  iierr,  so  der  Inicclit. 

4)  Bei  Grimm,   Wb.  IV,  2,  1744  mir  das  jJart.  liüllbrennend. 

5)  Am  rande  1.  Joli.  4.  (v.  4);  Luc.  XI.  (v.  21.  22). 


M  . 


ER.    ALBERUS,    VON    DER    SCHLANGEN    VERFÜHRUNG  437 

serm  crbartickcl  nie  hold  werden  kund,  wird  auch  fiirtliin  den  selben 
zuuerfolgen  nicht  anffhören  bis  an  der  Welt  ende.  Aus  welchem  giff- 
tigen  des  Satanas  zorn  entsprungen  sind  souiel  ketzereyen,  so  viel  Ver- 
folgung, vnd  blutvergiessens,  von  der  zeit  her  da  Gott  vater  vns  sei- 
nen Son  im  Paradeis  verheissen  hatte,  bis  auff  diese  zeit,  vnd  der 
Verfolgung  kein  auffhörens  zuhoffen  bis  an  jüngsten  tag,  Ynd  (wie 
Gott  vater  zu  Christo  im  CX.  Psalmen  spricht)  bis  ich  deine  feinde 
zum  Schemel  deiner  fusse  lege.  Vnd  wie  Sinieon  sagt,  das  Christus 
ein  zeichen  sey,  dem  man  widerspricht,  also  gehets  noch  heutiges  tages, 
das  dieser  Artickel,  DER  GLAYB  AN  Jhesum  Christum  macht  allein 
frura,  gerecht  vnd  selig.  Kein  friden  für  dem  Satan  vnd  seinen  die- 
nern hat,  dem  müssen  sie  kurtzumb  widersprechen,  vnd  lügenstraffen. 

Darumb  der  Satan  bald  im  anfang,  Adams  erstgebornen  Son  den 
Cain,  erreget  wider  den  Abel,  das  er  jn  erschlug,  allein  dieses  Artickels 
halben,  Wider  disen  Artickel  hat  sich  der  Satan  gesetzt  mit  dem  Kel- 
ber  Gottsdienst  vnd  so  mancherley  tollen,  vnnd  gleissenden  wTrcken, 
damit  Er  durch  seine  falsche  Propheten  furgab,  Wer  solche  werck  vnd 
vermeynte  Gottsdienst  auffricht,  der  würde  dadurch  selig,  Ynd  diese 
falsche  werck  lere  so  hefftig  treib  das  auch  etliche  so  vnsinnig  worden, 
vnd  jre  eigen  kinder  der  meinung  opfferten  vnd  schlachten,  als  ob  sie 
durch  solch  werck  das  ewig  leben  verdienten. 

Wenn  denn  Gott  einen  Propheten  erweckt,  der  diese  grewel 
strafft,  vnd  den  rechten  glauben  predigt,  der  must  flux  ein  ketzer  vnd 
auffrhürischer  gescholten  werden,  Ynd  sind  der  selben  Propheten  frei- 
lich wenig  mit  dem  leben  daruon  komen,  wie  S.  Steffan  zeugt,  da  er 
zu  den  Phariseern  sprach  i,  Ir  halstarrigen  vnd  vnbeschnitten  an  hertzen 
vnd  obren,  jr  widerstrebt  allezeit  dem  Heiligen  Geist,  wie  ewer  Yeter, 
also  auch  jr.  Welchen  Propheten  haben  ewer  Yeter  nicht  verfolget, 
vnd  sie  getodt?  die  da  zuuor  verkundigeten  die  zukunfft  des  Gerechten 
(das  ist  Christi)  welchs  jr  nu  verrheter  vnd  mörder  worden  seid  2c. 
Ynd  dis  hatte  S.  Steffan  kaum  ausgeredt,  als  er  auch  des  offtgedachten 
artickels  halben  gesteinigot  werden  must.  Demnach  sind  die  lieben 
Aposteln  und  vnzelich  Christen  verfolget  vnd  erwürgt  worden.  Dieses 
Artickels  halben  wird  die  Christenheit  noch  heutiges  tags  gehasst  vnd 
verfolgt  von  den  Turcken,  Juden,  Papisten,  Widerteuffern,  vnd  allen 
falschen  Christen,  denn  diese  alle  lugenstraffen  diesen  Artickel,  vnd 
wollen  Christum  nicht  lassen  vnsern  Jhesum,  das  ist  vusern  Seligmacher 
sein,  Sondern  ein  jgiiche  sect  bringt  jre  werck  herfur,  Avelchen  sie  die 

1)  Am  randc  Acto.  7.  (Y.  51.  52). 


438  MATTHIAS 

Seligkeit  zu  schreibt,  Ynd  auff  das  sich  ja  niemand  dnimb  erger,  ^veil 
dieser  Articljel  so  viel  Widersacher,  ja  den  meisten  vnd  besten  teil  der 
weit  zu  feind  hat,  so  ist  solchs  zuuor  durch  Gott  im  Paradeis  verkün- 
diget w^orden,  das  der  Satan  des  Weibs  samen  in  die  fersen  stechen 
werde.  Denn  dieser  Artickel  solt  wol  verfolget  werden,  aber  doch  (weil 
Christus  der  Schlangen  kopff  zutretten  solt),  obligen,  Darumb  alle  Chri- 
sten diesen  Artickel,  dauon  sie  den  herrlichen  vnd  himlischen  namen 
haben,  das  sie  Christen  heissen,  in  grossen  ehren  halten  sollen,  vnd 
mit  höchstem  vleis  wider  den  Satan  vnd  seine  Trabanten  vnd  hellischem 
kriegsvolck,  verteidigen,  ja  leib  vnd  leben  vnd  alles  drüber  wagen, 
denn  wo  sie  jnen  diesen  Artickel  nemen  lassen,  so  haben  sie  das  feld 
schendlich  verlorn,  vnd  sind  des  Teuffels  ewiglich,  nicht  das  man  nicht 
auch  vber  andern  Christlichen  artickeln  halten  sol,  Sondern  wer  diesen 
Artickel  in  ehren  helt,  der  wird  gewislich  die  andern  so  aus  diesem 
fliessen,  auch  nicht  verachten.  Wer  aber  diesen  artickel  verleuret,  der 
wird  von  den  andern  nur  die  hülsen,  vnd  ein  eusserlichen  schein  be- 
halten, oder  gar  ein  roher  mensch  werden. 

Das  diesem  Artickel  der  Satan  so  feind  ist,  des  ist  er  nicht  zu- 
uerdencken.  Denn  dadurch  wird  jm  sein  hellischer  kopff  zutretten, 
Darumb  auch  der  zornig  Satan  am  negsten  zu  Wurms  durch  sei- 
nen lieben  getrewen  Doctor  Ecken,  seine  Hellischc  flammen  von  sich 
geschossen,  vnd  gesagt  hat,  Jr  Lutherischen  habt  nichts  mehr  für  euch, 
on  den  losen  vnd  laussichten  Sprucli,  SOLA  fides  iustificat,  damit 
behclfft  jr  euch,  vnd  pocht  die  gantze  weit  3C.  Da  sihet  man,  wo  der 
Teuffei  ist.  Desgleichen  redet  auch  ein  mal  der  Satan  durch  einen  Ju- 
den, Es  sind  so  viel  mord  geschehen,  die  doch  verriebt  vnd  verschwie- 
gen sind,  aber  des  tods  Christi  mus  man  stets  gedencken,  dauon  haben 
ia  die  Christen  viel  von  zusagen,  zu  predigen,  zu  singen  2C.  Denn 
der  Teuffei  fület  wol,  was  jm  durch  den  Glauben  an  dem  tod  Christi, 
für  ein  abbruch  an  seinem  reich  geschieht.  Wir  aber  dancken  Gott 
hertzlich  vmb  diese  bekentnis  des  Satanas,  durch  den  losen  D.  Ecken, 
vnd  den  laussichten  Juden,  auch  das  verlorn  kind  Ischarioth  Witzeln, 
des  Bapst  Esells  Schmeichler,  Denn  dadurch  werden  wir  vermanet  bey 
diesem  Artickel  destvester  zuhalten,  vnd  jn  destlieber  zuhaben,  eben 
vnd  sonderlich  darumb,  weil  jm  der  Satan  so  feind  ist. 

Weil  ich  nu  auch  ein  armes  glid  der  Christlichen  heersclmr  bin, 
vnd  mich  derhalben  gegen  diesem  tröstlichen  Ai'tickel,  da  vns  all  glück 
vnd  heil  vnd  die  ewige  Seligkeit  her  kompt,  gern  danckbar  erzeigen 
wolt,  so  hab  ich,  zu  dem,  das  ich  vormals  diesen  Artickel,  Avider 
Ischarioth  Witzeln,    Apostaten  vnd   Mameluken,   meines   geringen  ver- 


ER.   ALBERUS,    VON   DKK   SCHLANÜEN   VERFÜHRUNG  439 

mügcns,  mit  der  Heiligen  Schrifft  verteidiget  hab^,  auch  dis  Gesprecli 
geschrieben,  vnd  darin  angezeigt,  Avie  von  Adam  an,  bis  auff  diese 
zeit,  vnd  furthin  bis  an  den  jüngsten  tag,  nie  kein  mensch  durch  etwas 
anders  denn  durch  den  glauben  an  Jhesum  Christum  selig  worden  sey, 
vnd  furthin  sein  wird,  Vnd  wie  S.  Peter  klerlich  sagt^,  das  in  keinem 
andern  heil  sey,  auch  kein  ander  name  den  menschen  gegeben,  darin- 
nen wir  sollen  selig  werden,  denn  durch  den  Griauben  an  Jhesum 
Christum,  hab  auch  angezeigt,  das  gleich  wie  Abel  dieses  artickels  hal- 
ben, für  dem  mörder  Cain  kein  rüge  hatte  bis  er  jn  erwürget,  also 
werde  die  Christenheit  dieses  Artickels  halben  kein  friden  haben,  bis 
an  der  weit  ende,  Gott  dem  Herrn  aber  sey  lob  vnd  danck  gesagt, 
das  ob  wol  der  Abel  von  des  Cains  band  erwürget  ist,  doch  Abel  far 
Gott  in  vnd  durch  Christum  lebt,  vnd  Gott  nimpt  sich  des  Abels  an, 
vnd  sein  blut  ist  thewer  geacht  für  jm^,  vnd  ist  dieser  artickel,  darumb 
Abel  erwürget  ward,  dennoch  in  der  weit  blieben,  und  noch  wol  für 
den  Cainischen  bleiben  wird,  Daher  wir  auch  gleuben  vnd  bekenneu, 
Ein  Christliche  Kirch,  oder  Gemein  der  Heiligen,  Ich  habe  die  vrsach 
vnd  argument  dieses  Gesprechs  gezogen  aus  der  schönen  Epistel,  so 
D.  Philippus  Melanch.  an  den  wolgebornen  Herrn  vnd  Grauen,  Herrn 
Johansen  von  Weda  geschrieben  hat*. 

Die  weil  nu  E.  F.  G.  auch  in  die  Christliche  kirch  gehört,  vnd 
den  offtgemelten  artickel  des  Glaubens  an  Jhesum  Christum  mit  vns 
bekennen,  ia  E.  F.  G.  gemahel  M.  G.  H.  Leib  vnd  Leben,  Land  vnd 
Leute,  vmb  dieses  Artickels  willen  wagt,  Ynd  mit  dem  Ixxiij  Psalm 
zu  Christo  spricht,  "Wenn  ich  nur  dich  hab,  so  frage  ich  nichts  nach 
Himel  vnd  erden,  "Wenn  mir  gleich  leib  vnd  seele  verschmacht,  so 
bistu  doch  Gott  allzeit  meins  hertzen  trost  vnd  mein  teil.  Denn  sihe, 
die  von  dir  weichen,  werden  vmb  komen,  du  bringst  vmb  alle  die 
wider  dich  huren,  aber  das  ist  mein  freude,  das  ich  mich  zu  Gott 
halt  ;c.  So  habe  E.  F,  G.  ich,  als  meins  G.  H.  vnd  Churfurst.  vnter- 
theniger  diener,  dis  Buchlin  zu  einem  newen  seligen  jar  zugeschrieben, 
vntertheniglich  bittende,  E.  F.  G.  weiten  jr  diese  meine  geringe  ehr- 
erbietimg  nicht  raisfallen  lassen,  E.  F.  G.  seien  vnserm  lieben  Herrn 
Christo  vnd  dem  wort  seiner  gnaden  befolhen,  Prima  Januarij.  An. 
M.  D.  xlj.     E.  F.  G. 


Untertheuiger 


Eras.  Alb. 


1)  Siehe  oben  s.  423.  2)  Am  rande  Acto.  4.  (v.  12). 

3)  Am  rande  Ps.  72.  (v.  14). 

4)  Siehe  oben  s.  427  fg. 


440  MATTHIAS 

E8  ist  kein  zweiuel,    das    vnser  liebe  Altmutter  Ena    sich 
jres  falls,  vnd  Göttlichen  gebots  vbertrettiing  offt  vnd  seer 
bekümmert  habe,  vnd  jr  solclie  sunde  offt  eingefallen  sey. 
Demnach  hab  ich  in   diesem  Dialogo  Euam  zum  ersten 
also  eingefurt,  das  sie  sich  beklaget,  wie  nachfolget.  5 

EVA. 

Ah  Gott  von  Himel,  wie  hab  ichs  so  vbel  ausgericht.  Ah  ich 
armes  vnseliges  weib,  wie  hab  ich  meinen  frumen  Man,  vnd  alle 
vnser  Erben  so  jemerlich  verderbet  i.  Ah  lieber  Gott  solt  ich  ge- 
dacht haben,  das  ich  so  vbel  thet,  da  ich  ass  von  dem  Baum  des 
erkentnis  gutes  vnd  böses  2?  Gab  mir  doch  die  Schlange  so  gute,  10 
süsse ^  wort,  als  ich  dergleichen  nie  gehört  hatte,  Solt  ich  gedencken 
das  der  leidige  Satan  durch  die  Schlange  redet  ■^P  0  du  schal ck- 
liafFtiger  Satan,  0  du  listige  schlang,  was^  hastu  mich  vnd  meine 
arme*^  Erben  gezigen'^?  Ich^  war  der  Schlangen  so  wol  gewonet, 
das  ich  mich  solcher  schalckheit^  zu  jr  nimermehr  versehen  hette.  15 
0  du  böser  Belial,  habe  ich  dich  nu  gelernet  recht  kennen  1*^,  lei- 
der mit  meinem,  vnd  meiner  armen  Erben  greulichen  schaden ^^P 
Hette  ich  das  gewust,  das  der  Teuffei  durch  die  schlangen  redet ^-, 
sie  solt  mich  doch  nimermehr  verfurt  haben  ^^^  wiewol  ich  darumb 
nicht  entschuldigt  bin^'^,  Denn^^  mein  frumer  Hauswirt  1*'  hatte  20 
mir^'  vnsers  Hergots  wort  trewlich  gnug  furgesagt,  dem  solt  ich  ia 
billig  gehorcht  haben,  Ynd  wenn  schon  ein  Engel  vom  Himel  komen 
were,  vnd  mich  änderst  geleret  hette  1^,  so^'*  solt  ich  jm  doch  nicht 
gefolgt  haben,  aber  was  solt  ich  thun?     Mein  lieber  Man  hielt  mir 

1)   so  vbel  fürgestauden.  2)   Das  das  so  vbel  getban  were.    Das  icb  von 

dem  Baum  des  erkentnis  gutes  vnd  böses  esse?  3)  süsse,    glate    (gute  fehlt). 

4)  reden  köndt?         5)  wie  6)  fehlt         7)  verfüret  vnd  so  schendtlich  l3otrogen'? 

8)  Ach  ich  9)  vnd  betrug  10)  recht  gelernct  kennen  11)  leider  mit  mei- 

nem, meines  lieben  Mannes,  vnd  aller  meiner  armen  Erben  greulichem  verderb  vund 
schaden.  12)  hette  reden  wollen  13)  Es  solt  dahin  nicht,  wie  leider  geschehen 
ist,  sein  komen,  die  Schlaugen  solte  mich  nicht  so  vberredt  ^^ld  verfüret  haben 
14)  Doch  aber,    bin   ich   darumb   nicht  entschuldiget,  15)  Denn   es  hatte  mir 

16)  Hauswird,  Adam         17)  hatte  mir  fclilt.      18)  hette  leren  wollen       19)  so  fehlt. 

Z.  1.  Die  randbcvierl;H)i(jen  (entircder  bihelstelleu  oder  kurze  angäbe  des 
inhaltes)  sind  -im  folr/endcn,  tceil  unicesentlich,  fortgelassen.  9.  des:  In  dieser  for- 
mel  ist  das  /rort,  dessen  geschlecht  sonst  zn-ischen  f.  1/.  n.  schwankt,  im  16.  jh. 
immer  neutral,  sowie  unflektiert  gehraucht  worden,  s.  Grimm,  wb.  III,  870. 
14.  gezigen:    arguere?    hat  hier  keinen  rechten  sinn,    daher  tcol  Jacobis  änderung. 


ER.    ALBKRUS,    VON    DER    SCHLANGEN    VERFÜHRUNG  441 

Gottes  befelch  ernstlich  gniig  für,  vnd  warlicli  er  meinet  mich  mit 
sonderlichen  trewen^  aber  ich  weis  nicht,  wie  ich  mir  der  schlan- 
gen süsse  wort  so  wol  gefalln  vnd  mich  mehr  bewegen  lies  2,  weder 
meines  lieben  Adams  ernstliche  rede,  die  er  doch  von  gantzem 
hertzen  zu  mir  sagt^  Ich  arme  nerrin  meinet  flux^  meiner  einfei-  5 
tigkeit  nach,  was  die  schlänge  saget,  das  were  köstlich  ding  vnd 
eitel  gülden  berge  ^,  Ej  wie  ein  listiger  Bösswicht  mus  doch  der 
Satan  sein,  denn  Avere  der  schalck  in  seiner  eigen  gestalt  komen, 
so  hotte  ich  mich  doch  künden  fiir  jm  hüten  •^,  Weil  er  aber  mit 
so  freundlichen  geberden  solche  schöne,  liebliche  rede  furgab,  ge-  10 
dacht  ich  meiner  cinfeltigkeit  nach'',  nicht  anders,  denn  ia  were 
ia,  vnd  nein,  nein,  Ynd  meinet  ich  liette  vielleicht  meinen  lieben 
Hauswirt  nicht  recht  verstanden'^.  Ey  (sprach  die  schlang)  solt 
Gott  das  gesagt  haben,  das  jr  sterben  werdt,  wenn  jr  von  der 
schönen  lieblichen  frucht  esset,  Meinstu,  das  die  meinung  habe?  15 
Solt  jr  so  töricht  sein,  vnd  solchs^  gleuben,  Ir  werdet  traun  nimer- 
mehr  des  tods  sterben,  ia  ich  darff  euch  das  mit  der  warheit  zusa- 
gen ^0,  Ynd  Gott  weis  selbs,  der  sol  auch  mein  zeuge  sein,  das, 
welchs  tags  jr  von  der  feinen  lieblichen  frucht  esset,  so  werden 
ewer  äugen  wacker  sein,  vnd  werdet  sein  wie  Gott,  Ynd  wissen  20 
was  gut  vnd  böss  ist,  so  weit  feilets  noch,  das  solcher  Baum  den 
tod  wircke,  Solt^^  ein  solche  schöne  frucht  tödlich  sein  12?  Ah  jr 
arme  Leute  das  jr  so  töricht  seid,  Jr  da  wert  mich,  das  jr  so  vnuer- 
stendig  seid,  vnd  von^^  der  allerschönsten  frucht  nicht  essen  wolt, 
die  doch  Gott  euch^^  zu  gut  geschaffen  hat,  Warzu^^  solt  Gott  den  25 

1)  Mein  lieber  Manu  meinets  Avarlicli  mit  mir  gautz  trcwlicli,  hielt  mir  den 
befehl  Gottes  von  der  verbotenen  frucht  des  Bawms  ernstlich  genug  für  .  2)  vnd 
mich  dadurch,  so  schendlich  betricgeu  lies.  3)  weder  meines  lieben  —  sagt  fehlt. 
4)   Statt  flux:    niclit  anders  5)   meiner  einfeltigkeit  nach,    Das  es  eitel  köstlich 

ding  Yund  eitel  güldene  berge  weren,  Das  die  Schlange  zu  mir  saget.  6)  hüten 

vnnd  fürsehen.  7)  meiner  —  nach  felüt.  8)   nein,    meinet  auch  das  ich 

meinen  lieben  Hauswird  nicht  recht  verstanden  hette.  9)  Statt  Meinstu  —  solchs: 
Ey  wie  seid  jr  so  töricht  das  jr  solches  möget  10)  mit  warheit  sagen  11)  Ey 
solt  12)  frucht  den  Todt  geben?         13)  seid,  vnd  dauret  mich  gleich  ewer  gro- 

ber vnuerstand,  Das  jr  von  14)  vmb  eweren  willen,  euch  15)  denn  warzu 

• 

Z.  1.  meinet  mich  mit  —  trewen:  jemand  meinen  in  der  bedeutuny  es  auf 
einen  absehen,  sonst  nur  in  feindlichem  sinne ,  daher  mit  xusätxen,  wie:  übel,  mit 
ernst,    daher  wol   auch   Jacob is    ändcrung.  3.   ^'eder  —  sagt:    ich  Hess  der 

schlant/en  süsse  worte  mich  mehr  bewegen,  als  (=  weder)  Adams  rede;  dieser 
Schwierigkeit   wegen  von  Jac.  weggelassen.  15.  das  es?  21.  feilets:   feilen, 

im  16.  jh.  ganx  gewöhnliche  form  für  fcJilcn,  )nlul.  vaelen,  velcu,  vuleu. 


442  MATTHIAS 

Baum  anders  haben  wachssen  lassen  i,  denn  das  jr  dauon  esset? 
Es  essen  je^  die  Engel  nicht  dauon,  So  darff  unser  Herrgott  sein^ 
auch  nicht,  Wer  isset  denn*  billicher  dauon  denn  jr^,  als  vmb  wel- 
cher willen  er  geschaffen  isf?  Auch  ists'  ein  vngereimet  ding, 
das  euch  Gott  sonst  alle  beume''  erleuben  solt,  vnd  eben  den  schön-  5 
sten  verbieten,  das  were^  ein  zeichen,  das  er  euch  nicht  lieb  hette, 
so  doch  Gott  voller ^0  lieb  ist,  vnd  ist  kein  hass  in  jm^^  Darumb 
liebe  Schwester  sey^^  getrost,  vnd  bekümer  dich  gar  nicht,  gedencke 
auch  nicht  ein  mal  dran,  das  solche  schöne  frucht  den  tod  bringe, 
Solt  ein  frucht  im  Paradeis  tödlich  sein^^,  so  müst  es  ein  andere  10 
sein,  diese  kan  es  w^arlich  nicht  sein,  Sihe  sie  lacht  doch^'^  einen 
an,  so  lieblich  ist  sie,  Solt  das^^  ein  zeichen  des  zorns  vnd  tods 
sein?  Das  ist  nimermehr  möglich ^'^,  Wer  solt  gedencken,  das  solche 
schöne  1^  wort  vom  Teuffei  kemen?  Ah  lieber  Herr  Gott,  so  werd 
ich  nu^^  allererst  (leider  allzulangsam ^^)  klug,  mit  meinem,  vnd  15 
aller  meiner  Erben  vnvberwindhchen  schaden,  die  ich  zuuor  leider 
durch  des  Teuffels  radt  klug  werden  wolt'-"^. 

Nu  ist  es  wol  war,  das  vus  der  liebe  barmhertzige-^  Got 
zugesagt  hat,  Des-"^  Weibs  samen  sol  der  Schlangen  den  kopff  zu- 
treffen ^s,  Welcher  zusag  mein  lieber  Adam,  Ich-*  vnd-'^  mein  lie-  20 
bes  Abeichen  2",  Vns  in  allem  vnserm  trübsal  trösten  (denn  der  lei- 
dige Cain,  das  böse  kind  fragt  nichts  darnach  2-)  Denn  wir  wissen, 
das  war  durch  solche  zusag,  an  Gott  einen  gnedigen  barmhertzigen 
Yator  haben,  der  vns,  vnd  vnsern^s  Erben,  so  sie  auch^»  gleich 
wie  wir,    an  den  verlieissenen   des  Weibs  samen,   gleuben  werden,  25 

1)    gepflauzet,    wachsen    vnd    fruchte    tragen    lassen  2)  ja  3)  sein 

nach  daiif  4)   denn  nu  5)   denn  eben  jr  6)    ist  worden    gescliaffen. 

7)   Dazu   ists  auch  8)   Bewmc   im  garten  0)   were  je  10)  die  liebe 

selber,    viind  voller  liebe  11)   vnd  weiss  von  keinem  hass.  12)   sey  nur 

13)  statt  vnd  bokümer  —  sein:  las  dich  deshalben  nicht  bekümmern  noch  anfech- 
ten, nim  es  doch  nur  in  sinn  nicht,  das  solche  schöne  liebliche  frucht  könne 
den  Todt  bringen,  Solte  aber  eine  frucht  im  Paradeis  sein,  die  den  todt  mit  sicli 
brechten,  14)  gleich  15)  solte  sie  IG)  sein,  ist  nimer  mehr  müghch.  17)  glatt r- 
süsse         18)  so  fehlt;  nu  werde  ich  19)  sam  fehlt.  20)  die  ich  zuuor  diu'ch 

des  Teuifels  Radt  vnd  eingeben  gedachte  klug  zu  werden.  21)  gütige,   Barmher- 

tzige  liebe  22)  Das  des  23)  Darnach  das  ist,  Er  wil  einen  senden  vnd  geben, 
der  Ton  einem  "Weibe  sol  geboren  Averden,  Derselbige  sol  sich  widerumb  an  dem 
Teuffei  rechen,  von  wegen  des  grossen  Schadens,  den  der  Teuffei  durch  die  Schlange 
im  Paradiss  hat  angericht.  24)  ich  vor  mein  lieber  25)  Statt  vnd:  Desgleichen 
26)  mein  lieber  Son  Abel  27)   böse  vngehorsame   kind,    achtet  des  alles  nichts 

28)  vnsere  nachkomende        29)  fehlt. 

Z.  2.  je:  über  den  ivcchacl  conjc  und ]a  «.  (Jriinin,  ah.  IV,  2,  2278.   darff:  bedarf. 


EK.    ALBKRUS,    VON    DER    SCHLANGEN    VERFÜHRUNG  443 

das  ewig-  leben  gewislicli  geben  wird,  aber  nichts  dcstweniger  müs- 
sen wir  arme  leute  vnter  des  manclierley^  aufechtung  vnd  zuletzt 
den  bittern  tod  leiden,  welches ^  nimermehr  geschehen  were  wo 
ich  bey  Gottes  wort  fest  gehalten,  vnd  der  schlangen  nicht  gefolget 
hette.  Darzu  bin  ich  darnach  auch^  betrogen  worden,  in  dem  das  5 
ich  meinet S  mein  erst  geborner  Son  Cain,  solt  der  selbig'^  same 
sein,  so  der  schlangen  den  kopff"  zutretten  würde,  so  hat  mirs  lei- 
der auch  gefehlet,  ia*^  ich  befinde  das^  widerspiel,  das  der  Cain  viel 
mehr  mit  der  schlangen^  dran  ist,  denn  wider  sie,  denn  warlich  er 
ist  ein  böss  mutwillig  kind,  das  sich  nicht  ziehen  lassen  Avil",  Ynd  10 
der  fehll  gar  nicht  an  mir  ist^",  Yiel  weniger  an  meinem  lieben 
Herrn ^^,  denn  wir  keren  allen  fleis  an,  und  leren  vnser  kinder  den 
Catechismum  mit  solchem  ernst ^-^  vnd  so  treulich,  das  michs  vber 
die  mass  wundert,  Avie  doch  alle  mühe  vnd  erbeit^'^  an  dem  lei- 
digen^* Cain  so  gar  verlorn  sein  AviP'',  Das  frum  Abelchon  ist  vns  15 
(Gott  lob)  in  allen  dingen  gehorsam,  vnd  ist  ein  fein  Gottfurchtig 
Idnd^'',  Aber  der  Cain  hat  den  Schalck  hindern  obren,  vnd  ist  ein 
hartneckichter  halstarriger  lecker,  der  jm  nicht  sagen  lest,  Das 
frume  kind  Abelichen  betet  doch  so  gerne,  abends  vnd  morgens, 
für  vnd  nach  essen,  vnd  danckt  Gott  so  vleissig,  aber  den  Cain  20 
kan  ich  darzu  nicht  bringen,  ia  ich  furcht  nichts  ^^  so  seer,  denn 
das  er  mir  etwa,  wenn  er  elter ^'^  Avird,  das  frume  Abelchin^''  vm- 
bringe-°,   denn  er  ligt  jmer  an  jm  zupfetzen-^,  Vnd  Avas  das  frume 

1)  viel  vnd  iiiancheiiey  2)  A\'elches  denn  3)  Zu  dem  l)in  ich.  aiicli  dar- 
nacli  4j  nachdem  ich  gemeinet         5)  solte  oder  würde  derselbige  G)  aber  es 

hat  mir  leider,  alles  A'nd  weit  gefeilet,  Denn  7)  allenthalben  das  8)  Nemlich, 

Das  mein  Son  Cain,    mit  der  Schlangen  wol  9)  Statt  dran  ist  —  wil:    dran  ist, 

geschweig  denn,  das  er  sollte  wieder  sie  sein,  Denn  er  ist  zumal  ein  böse  mutwillig 
kiüdt,  das  sich  nicht  Avil  ziehen  lassen,  fraget  nach  keiner  vcrmanung  oder  warnung. 
10)  Vnnd  ist  in  dem  wai'lich  der  fehl,  oder  mangel  an  mir  gar  nicht,  11)  Haus- 
herren 12)  Statt  mit  —  ernst:  so  ernstlich  13)  vleis  vnd  arbeit  14)  schend- 
lichen  15)  so  gar  vmb  sonst  vnd  A'erloren  ist.  16)  Nach  gehorsam:  thut  was 

es  thuu  sol,    vnd  ist  in  Summa  ein  feiner  Gottfürchtiger  knabe  17)  Nach  brin- 

gen: es  helffen  bey  jm  weder  gute  wort  oder  straff  wort,  vnd  fürchte  nichts  18)  uu 
elter         19)  kindt  Abeichen  20)  Aanbs  leben  bringe  21)  Statt  er  ligt  —  zu- 

pfetzen:  Denn  er  ist  jm  feind, 

Z.  23.  zupfetzen  ligen:  2.  beisjyiel  dieser  schon  Grimm,  tch.  III,  1575  in 
der  dunJdoi  stelle  Keisersberffs  unverständlicli  gebliebenen  rede/reise  (die  jungen  gesel- 
len ligen  ze  fetzen),  an  tcelcher  docii  aucli  schon  Jacobi  anstoss  (/oiotjunen  hat; 
der  sinn  scheint:  er  reisst  ihm  heim  raufen  die  Meider  vom  leib,  bei  Keiserbercj 
überhaupt:  raufen,  dass  die  Ideidcr  in  fetzen  gehen;  vgl.  Wich:  rolhv.  23^ :  Jiadern, 
fetxen,  raufen  (Grimm  a.  a.  o.  sp.  15  76);  die  konstriüäion  vcrinag  ich  auch  nicht 
\u  erklären,  so  lange  weitere  bcispiele  nicht  bekant.     [Es  ist  u'ol  nicht  an  fetze 


444  MATTHIAS 

kind  thiit,  das  taddolt  der  Cain  i,  da  reifft'^  er  jn,  da  schlegt  er  jn, 
da  trit  er  jn  mit  füssen,  Vnd  weil  der  schal ck  sihet,  das  wir  das 
kind  umb  seiner  frumkeit  vnd  einfeltigkeit  willen  lieb  haben  •^,  so 
thut  er  jm,  vns  zuuerdries,  was  er^  kan,  vnd  mus  jmer  dar  das 
arme  Abelichin  sein  creutz  tragen  ^^  vnd  von  dem  Cain  geplagt  5 
vnd  gemartert  sein,  welches  vns*''  nicht  ein  gerings  hertz  leid  ist, 
Zu'^  solchem  jamer  vnd  elend  bringt  vns  die  vei-fliichte  sclilang,  das 
sei  Gott*^  geklaget  dem  Himlischen-'  vater,  den  bitten  wir^*^,  das 
er  vns  das  verheissen  kind  geborn  werden  las,  das^^  vns  in  die- 
sem elend  vnd  mancherley  trübsal  ergetz,  Ynd  den  empfangenen  10 
schaden  an  der  schlangen  rechne,  Gott  sey  lob  vnd  danck  gesagt, 
das  er  von  vns  den  ewigen  tod  durch  den  verheissenen  samen^- 
genomen,  Ynd  lest  es  nur  bey  dem  zeitlichen  trübsal  vnd  sterben 
bleiben,  das  wir  nicht  auch  nach  diesem  leben  mit^'^  heulen  vnd 
zeenklappern  geplagt  sollen  werden,  Für  solche  grosse  wolthat  sey  15 
dir  lieber  Herr  Gott  lob  vnd  danck  in  ewigkeit  gesagt  i^. 

ADAM  Gott  grüs  dich  mein  allerliebstes  weiblin.  EVA  Danck 
habt  mein  allerliebster  Hausswirt.  ADAM  Ey  wie  bin  ich  so  müd 
worden.  EVA  Ah  die  schuld  ist  leider  mein,  Warumb  hab  ich  der 
schlangen  gefolget,  daher  vns  all  vnglück,  all  mühe  vnd  erbeit  20 
kompt.  AD.  AVie  sihestu  so  vbel  liebes  weiblin,  Avas  fehlt  dir? 
EVA  Ah    mein   lieber  Hausswirt,   ist    es  wunder ^'^    das    ich    vbel 

1)  der  böse  buhe  (^"ain  2)  reiiffet  3)  Statt  kind  —  haben:  kind  Abei- 

chen lielier  haben  vmb  seiner  frümigkeit  vnnd  gehorsams  willen,  denn  jn,  den  Cain 
4)  was  schalokheit  vnd   büberey  er  nur  weis  \Tiud  5)  Vnnd  mus  also  das  liebe 

Abeichen  sein  Creutz  jmerdar  tragen  6)  vns  denn  warlich  7)  Ynd  zu  8)  Gott 
im  Himcl  9)  gütigen  10)  wir  aucli  11)  Statt  das  er  —  das:    Das  er  vns 

den  verheissenen  des  Weihes  Same,  hisse  geboren  werden,  Der  12)  Das  er  durch 
den  verheissenen  Samen   des  AVcibes,    von   vns  den   ewigen  Todt  13)  dort  mit 

14)  Statt  Für  — •  gesagt:  doch  so  ferne,  Das  wir  an  den  verheissenen  Samen  des 
Weibes  gleubcn,  vnd  in  solchem  glauben  bis  ans  ende  beharren.  Dz  wolle  vns  Gott 
durch  denselbigen  Samen  verleihen  vnd  helffen.  AMEN.  Darnach:  Caput  Secun- 
dum.  In  welchem  Adam  sein  weih  Euam  tröstet,  von  wegen  des  Jamers  vnd  elends, 
So  der  Teuffel  durch,  die  Schlange,  jnen  vnnd  dem  gantzen  Menschlichen  Geschlechte 
im  Paradis  hat  zugericht.  Von  liier  an  sind  nur  die  nrsentliehen  ahieeichunfjen 
angeführt.         15)  Stedt  ist  —  wunder:  dünckets  euch  seltzam 

(pannus)  xn  dcnhen,  sondern  an  das  rerbuin  pfctzen  (D.  irb.  VII,  1694  fg.),  nrlches 
tirsprl.  „kneipen,  stechen^',  dann  in  übertragene»)  sinne  „sticheln,  schmähen,  tadeln" 
bedeutet;  also:  „er  hört  nicht  auf  (er  lässt  es  sich  angelegen  sein),  an  ihm  %u 
)//äkrIn.''     licd.J 

Z.H.  rechne:  diese  rer/rechslnng  MciscJ/en  rächen  (eticas  an  je///.)  und  anrech- 
nen (jem.  etir.)  rührt  irol  daher,  iceil  1.  beide  begriffe  einander  -verwandt,  2.  weil 
sclion  ml/d.  rechenen  dnrcJi  Kusam)ncn\icJiung  mit  rechan  (rechen)  gleichlautend  wurde. 


ER.    ALBERUS,    VON   DER   SCHLAXGEN    VERFÜHRUNG  445 

seile?  OS  were  doch  nicht  Avunder,  das  ich  mein  leben  lang  nicht 
frölich  würde,  vnd  für  leid  stürbe,  wenn  ich  gedencke  an  den  greu- 
lichen vnd  erschrecklichen  fall,  damit  ich  vns  vnd  alle  vnscr  Erben 
verderbet  vnd  in  gross  angst  vnd  not  gebracht  habe,  wie  kan  ich 
denn  frölich  sein?  ADAM  Nu  wolan  liebes  weiblin,  es  were  wol  5 
ia  nicht  wunder,  das  wir  uns  drumb  fressen,  vnd^  zu  tod  greme- 
teu,  denn  vnser  vnfal  nicht  allein  vns,  sondern  auch  allen  vnsern 
Erben  gilt,  Doch  haben  wir  dagegen  den  trost,  das  Gott  durch  des 
Weibs  samen,  vns  vnd  unsern  Erben,  so  wir  an  jn  gleuben,  vnsere 
sunde  ziiuergeben,  Vnd  nach  diesem  leben  das  ewig  leben  zugeben  10 
verheissen  hat,  denn  vns  vnd  vnsern  kindern  ist  das  verheissen. 
Ist  nu  das  nicht  ein  grosser  trost,  das  sich  Gott  nach  vnserm  fall 
so  hertzlich  annimpt,  vnd  wil  durch  den  verheissen  des  Weibs  sa- 
men vnser  lieber  Vater  sein,  vnd  vns  behüten,  vnd  für  vns  sorgen 
als-  für  seine  liebe  kinder,  darumb  er  auch  vns  rocke  von  felln  15 
gemacht,  vnd  dieselbige  vns  selbst  angezogen  hat,  Avelchs  ein  merck- 
lich  zeichen  ist  der  gnaden  Gottes  gegen  vns. 

Nu  ist  es  wol  nicht  vnrecht,  das  wir  vns  vmb  vnser  sunden 
willen  bekümern  vnd  leid  tragen,  so  fern  doch,  das  wir  vns  auch 
widerumb  trösten  lassen,  durch  die  Gottliche  zusag,  dadurch  unser  20 
sunde  vertilget  werden ,  vnd  sollen  warten  auff  die  zeit  der  erquickung, 
denn  die  rew  vmb  die  sunde  on  glauben  ist  oder  bringt  verzwei- 
uelung,  vnd  ewige  verdaninis. 

Haben  wir  nu  vnter  des  hie  auff  erden  mancherley  anfech- 
tung  vnd  trübsal,    so  wissen  wir    doch,    das  vns   die  selbige  nicht  25 
allein  nicht  schaden,    sondern   auch   zum  besten  dienen,    ia   dieser 
zeit   leiden    ist   nicht  wert    der    herrligkeit   die   an  vns  so!   offenbar 
werden,    Vnd  ob  wir  schon    (wo  es  Gott  also  gefeilt)    in  der  weit 
vnfriden  haben,    So  haben  wir  doch  friden  mit  Gott  in   dem  ver- 
heissenen  Heiland,  durch  welchen  wir  auch  einen  Zugang  haben  im  30 
glauben  zu  dieser  gnad,    darin  wir  stehen,    Vnd  rhümen  vns   der 
hoffnung  der  zukunfftigen  herrligkeit,    die   Gott   geben  wird,    nicht 
allein  aber  das,    sondern   wir  rhümen  vns  auch  der  trübsaln,    die 
weil  wir  wissen,    das  trubsal  godiilt  bringt,    die  gedult  aber  bringt 
erfarung,  die  erfarung  aber  bringt  hofthung,   die  hoftuung  aber  lest  35 
nicht  zu  schänden  werden,    das  alles  darumb,    das  die  liebe  Gottes 
in  vnser  hertz  ausgegossen  ist  durch    den  heiligen  Geist,    welcher 
vns  gegeben  ist. 

1)  Statt  fressen  vnd:  gleich  2)  Als  ein  Vater 

.^.  27  — 37  =  Rom.  V,  2  —  5. 


446  MATTHIAS 

Ist  im  Gott  für  vns,  wer  wil  Avider  vns  sein?  Wer  wil  die 
auserweleten  Gottes  beschuldigen?  Gott  ist  hie,  der  da  gerecht 
macht,  Wer  wil  vns  verdammen?  Da  ist  des  Weibes  samen  uns 
verheissen,  der  dem  Teuffei  den  kopff  zutretten  wird,  Wer  wil 
vns  scheiden  von  der  lieb  Gottes?  Trübsal  oder  angst?  oder  5 
Verfolgung?  oder  liunger?  oder  blosse?  oder  ferligkeit?  Aber  in 
dem  allem  vberwinden  wir  weit  umb  des  willen,  der  vns  zuhelf- 
fen  verheissen  ist,  denn  ich  bins  gewis,  das  weder  tod  noch 
leben,  noch  Engel,  noch  Furstenthum,  noch  gewalt,  noch  gegen- 
wertiges, noch  zukunfftiges ,  noch  hohes,  noch  tieffes,  noch  kein  10 
ander  Creatur  mag  uns  scheiden  von  der  liebe  Gottes,  die  da  ist 
in  dem  Heiligen  verheissenen  des  weibes  samen.  EVA  Es  ist  (Gott 
lob)  also,  wie  jr  dauon  redt,  aber  doch  feilt  mir  offt  ein  die  grosse 
sunde,  damit  mich  der  Teuffei  zufall  bracht  hat,  vnd  dencke  offt 
an  den  jamer,  der  vns  daraus  entstanden  ist.  ADAM  Es  ist  ein  15 
gut  zeichen,  das  eim  menschen  seine  sunde  einfallen,  vnd  sich  der- 
lialben  bekümmert,  aber  in  solchem  schrecken  sol  man  nicht  behar- 
ren, sondern  (wie  ich  vor  gesagt)  ergreiffen  die  gnedige  zusage 
Gottes  mit  festem  glauben.  Denn  das  ein  mensch  seiner  sund  hal- 
ben erschrickt,  Ist  ein  werck  des  Heiligen  geistes,  so  fern  anders  20 
der  mensch  sich  widerumb  zu  der  gnadenreichen  verheissung  Got- 
tes holt.  Denn  gleich  wie  ein  Basilick  so  gifftig  ist,  das  wer  jn 
ansihet,  sterben  mus,  also  gifftig  ist  auch  die  sunde,  das  der  mensch, 
der  allein  auff  die  selbige  sihet,  vnd  auff  solchem  ansehen  in  der 
Sunden  beharret,  vnd  nicht  dagegen  die  verheissung  Gottes  helt,  25 
vnd  sich  der  selbigen  tröstet,  so  mus  er  verzweiueln,  vnd  in  sei- 
nen sunden  sterben  vnd  verderben,  welchs  denn  ein  werck  des 
Teuffels  ist,  vnd  nicht  des  heiligen  Geistes,  der  aller  blöden ^  hertzen 
ein  tröster  ist.  EVA,  Ich  weis  auch  warlich  kein  grossem  trost 
aiiff  erden ,  denn  die  gnedige  zusage  vnsers  lieben  Himlischen  vaters,  30 
daran  wil  ich  mich  mit  hülffe  des  heiligen  Geistes  halten.  Wenn 
ich  in  anfechtung  fall,  so  halt  ich  mich  zu  Gottes  wort,  wie  ich 
denn  von  Euch,    lieber  Herr,    offt  gehört  hab,    Wolt  Gott,    das  ich 

])  betrübten 

Z.  1  bis  %um  scJduss  der  rede  frei  nach  Rom.  IX,  31  —  39.  3  Da  ist  - 

4  zutretten  wird:    offenbar  mit  bexug  auf  den   inhalt    ihres   gesjrräches    statt  des  ' 
bibeltextes:  Christus  Jesus,  qui  mortuus  est  etc.  (v.  34).  28  blöden;  uimdcrbar, 

dass  Jacobi  an  dem  von  L/idher  so  gerne  gehrai(ehten  irorfe  atistoss  genommen  und 
dass  er  es  nicJä  xutreffender  ii)nsehr>cben  liat ,  blüdo  {\\\\g. :  p.ividus ,  formidolosus) 
=  Kiirrfalnrn ,  liirr  am  besten:  venagf. 


ER.    ALBERUS,    VOX   DER   SCHLAXGEX   YERFÜHRUXG  447 

mich  mit  erst  auch  also  gehalten,  vnd  ewr  guten  lere,  vnd  nicht 
der  schlangen  falschen  lere  gefolget  hette^  ADAM  Nu  liebes  weib, 
es  ist  leider  geschehen.  Doch  sey  zufriden,  es  ist  alles  vergeben, 
Las  vns  Gott  bitten,  das  wir  furthin  bey  seinem  Avort  bleiben,  das 
vns  sein  wort  süsser  sey  denn  honig,  vnd  lieber  denn  alle  crea-  5 
turn,  EVA  Ich  hab  auch  mit  euch  grosses  mitleiden,  vnd  bin  mir 
selber  feind,  das  ich  nicht  allein  für  mich  gesundiget,  sondern  euch 
auch  Zufall  bracht  hab-.  Denn  wenn  jr  von  der  verbotten  frucht 
nicht  gessen  bettet,  so  würde  es  freilich  kein  not  gehabt  haben, 
Ynd  were  noch  nicht  die  gantze  weit  umb  meiner  sunden  willen  10 
verdampt  worden.  ADAM,  Ja  liebe  hausfraw,  das  ich  gesundiget 
hab,  das  ist  dir  zu  gutt  geschehen,  Sonst  liette  mir  Gott  wol  ein 
ander  weib  geschaffen,  vnd  du  allein  bettest  müssen  verdampt  sein, 
Nu  aber  hat  sich  Gott  dein  erbarmet,  vnd  mich  vmb  deinet  willen 
auch  fallen  lassen,  Auff  das  er  sich  vuser,  vnd  aller  vnser  Erben  15 
miteinander  erbarmet,  dar  umb  du  Gott  viel  zu  dancken  hast.  EVA, 
Ah  du  allerliebster  herr  Gott  vater,  wie  sol  ich  dirs  jmermehr  vol- 
dancken^? 

ADAM,  wo  ist  Abel?  EVA,  Er  futtert  die  Schaffe.  AD. 
Das  ist  recht,  AYas  thut  denn  der  Leckerbub  Cain?  EVA,  Ah  lie-  20 
her  Gott  was  sol  denn  das  vngehorsam  Belials  kiud  thun?  Ich  hies 
jn  holtz  jus  haus  tragen,  da  murret  er  vnd  flucht  mir,  vnd  schnur- 
ret flux  zum  haus  hinaus.  Ich  weis  nicht  wo  er  ist,  Er  schlegt  sich 
etwa  mit  den  kindern  autf  der  gassen,  wie  sein  gewonheit  ist,  denn 
selten  ein  tag  vergehet,  das  nicht  ein  klag  vber  jn  kompt.  Er  cpie-  25 
let  mir  mein  hertz.  ADAM,  Ich  furcht  jmer  wir  werden  kein  guts 
an  jm  erleben,  Wolan  es  sey  Gott  befolhen. 

1)  Darnach:  so  würde  es,  sonder  zweiifel  vmb  vns  vnd  vusore  Erben  viel 
besser  stehen,  denn  es  leider  stehet,  Aber  doch,  sey  Gott  lob  vnnd  danck  für  seine 
gnedige  verheissung,  von  des  Weibes  Samen.  2)  Statt  euch  —  hab:    euch  vnnd 

alle  menschen  in  solchen  grossen  vnüberwintUichen  verderben  vnd  schaden,  welcher 
von  der  sünde  herkomen,  gefüret  habe,  3)  Statt  Ah  —  voldancken:  Das  will  ich 
hertzlich  gerne  thun,  Aber  wie  kan  ich  dem  lieben  trewen  Gott  vnd  Vater  gnugsam 
dancken?  Darnach:  Das  ander  Theil  dieses  Gesprechs.  Caput  primum.  In  welchem 
Adam  vnd  Ena  mit  jren  zweycn  Sönen,  Abel  vnd  Cain  reden,  vnd  wird  hierin  Abel 
beschiieben  als  ein  Gottfürchtiger  fromor  gehorsamer  Son,  Cain  aber,  als  ein  roher 
Gottloser  bube,  der  weder  Got  noch  seine  Eltern  vor  äugen  holt. 

ZA.  mit  erst:  icofür  jcxt  dialcldisclt:  ersten,  =  rorlter,  frülirr,  im  10.  jh. 
öfter.  2.    gefolget  bette:    haben   statt  sein   lehn  jjrät.  nach  dem  ii/hd.  (jeljranch 

in  der  ersten  nhd.  xeit  alyemein. 


448  JUTTHIAS 

Ich  liab  vom  Engel  Gabriel  Yerstanden ,  Vnser  Herr  Gott 
werde  zu  vns  komon,  vnd  sehen  wie  wir  haushalten,  Ynd  vnser 
kinder  verhören,  was  sie  im  Catechismo  gelernet  haben,  denn  es 
ist  morgen  ein  Hochfest,  das  man  opffern  vnd  Gottes  wort  hören 
mus,  Darumb  zwag  die  kinder  vnd  strele  sie,  auff^  die  zukuiifft  5 
des  Herrn.  EYA  Das  wil  ich  gern  thun,  vnd  bin  hertzlich  fro, 
das  vnser  lieber  Herr  Gott  ein  mal  zu  vns  komen,  vnd  vns  in  vn- 
serm  elend  trösten  wil,  Vnd  sihe,  da  kompt  eben  vnser  liebes  Abel- 
chin.  Gehe  hin  liebes  kind,  vnd  sihe,  wo  dein  bruder  sey.  ABEL, 
Ah  liebes  mütterlein  ich  furcht,  wenn  ich  jn  heis  heim  gehen,  so  10 
werde  mich  der  tuckmeusser  schlagen 2.  ADAM,  Gehe  hin  lieber 
Son,  er  wird  dir  auff  dis  mal  nichts  thun,  Ynser  lieber  Herr  Gott 
wird  bald  zu  vns  komen.  AB.  Ey  Gott  sey  gelobt  in  ewigkeit,  das 
der  gütig  Himlisch  Vater  zu  vns  armen  Sundern  komen  wil.  Ich 
wil  gern  hin  gehen,  lieber  Vater,  und  euch  vnd  meiner  lieben  nmt-  15 
ter  allzeit  gehorsam  sein,  wie  mir  Gott  befolhen  hat,  Schlegt  mich 
schon  mein  bruder,  so  werde  ich  dennoch  in  Gottes  gehorsam  erfun- 
den, der  wird  mir  mein  kumer  wol  wendend  Ah  lieber  Herr  Gott, 
Wo  mag  doch  mein  bruder  sein?  ich  hab  jn  so  lang  gesucht  vnd 
finde  jn  doch  nirgend,  mich  wundert  wo  er  sey,  Sihe  doch  was  ist  20 
dort  für  ein  handel?  Wer  loufft  dort  her  so  schnei?  Ah  es  ist 
mein  bruder,  Er  wird  wider  auff  der  gassen  vnter  den  kindem  ein 
vnlust  angericht  haben,  Sihe  wie  leufft  er,  ich  besorge,  er  habs 
vbel  ausgericht,  das  er  also  eilt-^.     Bruder  Cain,  bruder  Cain,  wo 

1)  wasche  die  kinder  vnd  kemme  sie  gegen  2)  Staft  Ah  —  schlagen:  Ach 
liehste  Mutter,  ich  wil  es  gerne  tliun,  ich  fürchte  aber,  wenn  jch  jn  heisse  heim 
gehen,    das    er  mich  schlage.  3)  Stau  der  —  wenden:    der  alle  ding  kan  zum 

besten  wenden.  4)    Statt  Silie  wie  —  eilt:    denn  er  leufft  eilends,    ich  besorge, 

es  werde  niclit  wol  zu  gehen. 

Z.  1.  verstanden:  in  der  heute  nicht  mehr  (jehräiichlichen  hedeutnng :  erfah- 
ren, hören.  4.  das:  so  dass.  5.  zwage  —  strele:  beides  offenbar  mehr  worte 
der  täglichen  Umgangssprache ,  daher  von  Jac.  gemieden,  der  trotx^  seiner  absieht, 
das  Älbersehe  gesprüch  allen,  die  lesen  können,  xugänglic-h  xii  machen,  dergleichen 
„Verbesserungen"  häufig  anbringt.  auff:  Jac.  gegen,  beides  gleichbedeutend:  in 
erivartung  der  xiiMmft,  auf  sie  tvartend,  ihr  entgegensehend;  auf  so  noch  hcutxtt- 
tage,  gegen  noch  im,  vorigen  Jahrhundert  gehräuchlicli.  zukunfl't:  des  herrn,  in 
der  bedeutung :  widerkehr  am,  jüngsten  tage,  noch,  heute  gebräuchlich;  in  der  bedeu- 
tung:  'XU  erwartende  anlmnft,  berorsfehender  besuch,  irie  es  hier  gebraucht,  längst 
erstorben.  11.  tuckmeusser  oder  tückmeuser  (x.  b.  im  dial.  v.  Interim  v.  Carl  V.), 
sind  die  von  Alber  mit  deutlicher  ajdelinuiig  au  fürhe  gebrnuchteu  fnrtueu,  dock- 
mauser  bei  H.  Sachs. 


KR.    ALBEKl^S,    VON   DER   SCHLANGEN   VEREÜJIRUNG  449 

leuffstu  hin?  Du  solt  heim  gehen.  CAIN,  Wer  ist  da^?  Sihe  bist 
dus  lecker?  ich  dürfft  dem  buben  auch  wol  ein  kappen ^  geben,  ich 
bin  wol  so  lustig  darzu,  aber  ich  mus  des  dings  nicht  zu  viel 
machen,  ich  habs  schon  auff  dis  mal  vbel  gnug  ausgericht^. 

ABEL,  Du  solt  flux  heim  gehen,  die  mutter  wil  vns  zwa-  5 
gen^.  CAIN  Ich  hab  scliun  jtzt  auch  einem  gezwagen'^,  mit  rotter 
laugen,  were  ich  nicht  entlauffen,  man  hett  mir  auch  gezwagen°. 
ABEL,  Es  ist  warlich  ein  feiner  rhum,  du  must  jmerdar  vnglück 
stiö'ten,  jch  mein  du  wölst  ein  mörder  werden?  CAIN,  "Warumb 
nicht?  ich  dürfi'ts  wol  ein  mal''  an  dir  versuchen.  AB.  Du  wirst  10 
mir  dennoch  heut  nichts  thun,  Vnser  herr  gott  wird  bald  zu  vns 
komen  mit  seinen  lieben  Engeln,  darumb  mach  dich  heim  vnd  stelle 
dich  auch  wie  ein  liebhaber  Gottes,  denn  es  wird  morgen  ein  hoch 
fest  sein.  CAIN,  Es  sey  hoch  oder  nidder,  was  ligt  mir  dran? 
AB.  Du  must  dich  dennoch  auch  stellen  wie  ein  Gottfurchtiger.         15 

CAIN,  Ich  wil  mich  wol  also  stelln,  vnd  doch  bleiben,  Avie 
ich  bin,  das  kan  ich  meisterlich  woF,  Woher  weistus,  das  unser 
Herr  Gott  komen  werde?  ABEL,  Der  vater  hats  gesagt.  CA. 
Er  bliebe  mir  lieber  aus.  AB.  Warumb?  Bitten  wir  doch  in 
vnserm  gebet,  das  Gott  der  vater  bey  uns  sey,  vnd  las  vns  nicht  20 
verderben.  CAIN,  Ich  habs  auch  offt  also  müssen  beten,  habs  aber 
nie  im  hertzen  begert,  ich  nehm^  dis  leben,  vnd  lies  Gott  sein 
ewiges  leben,  Ich  weis,  wie  es  hie  ist.  Wer  weis  wie  es  dort  sey? 
ABEL,  wie  magstu  doch  so  Gottlos  sein?  Furch testu  dich  nicht 
für  der  ewigen  verdamnis?  CA.  Was  verdamnis?  Meinstu  das  25 
war  sey,  was  der  vater  von  der  hell  predigt?  Ich  gieub  nicht,  das 
ein   hell   sey.      AB.    Des  wirstu  wol   gewar  werden,    wo    du    dich 

1)  Statt  AVer  —  da:  Wer  raffet  mir.  2)  klappen  3)  aber  ich  —  aus- 

gerielit  fehlt.  4)  wasclien  —  gewaschen.  5)  Statt  man  —  gezwagen:  die  iim- 

gen  hetten  micli  wider  gewasclien  6)  einesmals  7)  Statt  ich  hin:  voi'liin 

das  —  wol  fehlt.  8)  im  hertzen  hetracht,  ich  nem 

Z.  2.  lecker:  in  der  bedcutimg:  schurke,  schuft,  nur  in  der  älteren  spräche, 
u-o  es  gerne  mit  dem  ()Ieichbedeittende)i  hübe,  dieh  rei-bunden.  2.  kappe:  einon  eine 
kappe  gehen,  einem  eins  versetzen,  eine  namentlicli  im  IG.  jcüirhimdert  sehr  beliebte 
redensart,  sicher  durch  einen  sprung  'abgeleitet  aus:  einem  eins  auf  die  kappe 
geben  (s.  Orimm,  tvb.  V,  193);  das  Jacob ische:  klappe  dagegen  ist  schalwort,  schlag 
mit  der  hand,  dass  es  schalt,  rein  hochd.  klapf;  ihm  erschien  wol  jene  redensart 
u-ider  zu  vulgär.  22   Der  gravis  auf  dem  e  /;*  nehm   .s'V/   icol  den  cni/J.  prciet. 

andeuten:    nähme,    u-ünle   nrlimrn.     ueiiu    mir   die    u-ahl  grslell    irürde.    und  Hess 
(ivürde  lasser/). 

'TU 

ZlilTSCHRIFT    F.    DKUTSCHE    rHILOLOOIE.       TiD.    XXI.  -  ■-' 


450  MATTHIAS 

nicht  besserst.  CA.  Sweig  du  grundteri  lecker,  wiltu  mich  leren? 
Ich  weis  besser  was  ich  gleuben  sol  denn  du,  Bin  ich  versehen  zum 
ewigen  leben,  so  kome  ich  wol  drein,  der  Teuffei  hole  mich  denn  2, 
ists  anders  war,  das  man  vom  ewigen  leben  sagt,  Wil  mich  Gott 
nicht,  so  ist  der  Teuffei  fro,  das  er  mich  vberkome.  ABEL,  Ah  5 
lieber  Herr  Gott  wie  kome  ich  darzu,  das  ich  solchs  höre?  Der 
vater  sagt,  du  solst  flux  heim  gehen.  CA.  Ich  frage  souiel  nach 
jm  als  nach  dir,  wenn  ich  mich  nicht  mehr  für  der  rufen  furcht, 
denn  für  dem  vater,  ich  wolt  noch  in  zwo  stunden  nich  heim  ge- 
hen, sondern  wolt  lieber  hingehen,  vnd  noch  ein  gezenck  anrichten,  10 
wenn  ich  blut  sehe,  das  ist  mein  lust^.  ABEL,  Vater,  ich  kome 
wider.  AD.  Bistu  da  Abel?  wie  bistu  so  lange  aussen  gewest? 
ABE  Ich  kund  den  Cain  nirgend  finden,  zuletzt  da  ich  jn  lange 
gesucht  hatte,  kam  er  daher  gelauffen,  vnd  hatte  sich  mit  den  kin- 
dern  auff  der  gassen  geschlagen,  Ey  wie  waren  jm  die  liend  so  15 
rot  von  blut.  EVA,  Ah  lieber  Gott,  wie  sollen  wir  jm  jmermehr 
thun  mit  dem  bösen  bubeu?  ADAM,  "Wo  ist  er?  ABEL,  Er  sitzt 
draussen  vorm  thor,  vnd  sihet  mürrisch  vnd  wil  nicht  herein  ge- 
hen. ADA  Cain  wo  bistu?  CA.  Er  sol  mir  noch  wol  drey 
mal  ruften,  ehe  ich  jm  ein  mal  antwort.  AD,  Cain  wo  bleibstu?  20 
Cain  hörestus  nicht?  EVA,  Hörestus  nicht  Cain,  das  dir  der  vater 
rufft?  CA.  Wo  sol  ich  sein?  hie  sitze  ich.  AD.,  Gehe  her- 
ein, vnd  las  dich  auch  z wagen  ^,  denn  morgen  werden  wir  ein  feir- 
tag  haben,    das  wir  opffern,   beten  vnd  predigt  hören.     CAIN",    Ich 

1)  amechtiger  2)  der  Teuffei  —  denn  fcliU.  3)  Statt  sondern  —  lust: 

Ich  hatte  lust  noch   ein  gezencke  anzurichten,    denn  wenn  ich  mag  blut  sehen,    das 
ist  meines  hertzen  lust.         4)  waschen 

1.  grundter  lecker:  lecker  icider  loie  oben,  gleieh  schalle,  hübe,  grundter? 
(1cm  si)inc  nach  sicher  =  (jrundlcclcer ,  buhe  von  grund  aus,  u-ie  das  ebenso  beliebte 
in  der  heut  (haut),  aber  die  form  ?  am  wahrscheinlichsten  verliürxt  aus  gegründeter. 
Jacobis :  amechtiger  =  iuüi'mus,  schirächlich ,  armselig;  die  mhd.  form  (amacht, 
aniehtic)  atccli  von  Luther  gern  gebraucht.         3.  Bei  H.  Sachs  (238  fgg.   Tittm.J: 

Du  lecker,  wiltu  mich  erst  lern? 

ich  weiss  wol,  was  ich  glauben  sol. 

wil  mich  der  Herr  nicht  haben  wol 

im  himl,  mich  hat  der  teufel  gern. 
Jacobi  hat  die  irorte:    der  Teuf.  —  denn  u-eggelassen ,    n-eil  sie   nicht  ganz  logisch 
sind;    denn  sie  sollen   den    vorangehenden   satz    nicht  einschränl-en,    sondern   den 
gegensatz  xu  ihm  bilden:   bin  ich  nicht  daxu  bestirnt,  mag  mich  der  tcrifel  holen; 
vgl.  unten  s.450.  IG.  wie  sollen  —  hüben:   was  sollen  u-ir  mit  ihm  anfangen, 

machen,  mit  dem  bösen  buhen? 


ER.    ALT3ERUS,    VOX   DER   RCIILANGEX   TERFÜHRTJXa  451 

wolt,  das  predigen  vnd  beten  ^  nie  erdacht  worden  were,  das  opffern 
lies  ich  hingehen,  wen  es  geliist,  der  mag  beten  vnd  predigt  hören, 
jch  wolt  morgen  lieber  füchs  jagen,  vnd  der  büberey  nach  lauffen, 
denn  predigt  hören,  es  ist  doch  ein  tag  wie  der  ander.  AD. 
Was  sagstu?  CA.  Ich  fragt  wie  es  euch  im  haus  gieng.  ADAM,  5 
Ah  du  lest  doch  dein  schalckstück  nicht,  Wolan  vnser  Herr  Gott 
wird  dich  verhören  werden,  was  du  gelernt  hast  CA.  Ich  halt 2, 
wenn  ich  jm  ein  gebund  leerstro  opffer,  so  werde  er  zufriden 
sein.  AD.  Vnserm  Herrn  Gott  ist  viel  mehr  gelegen  am  gehor- 
sam vnd  Gottseligem  wesen,  weder  am  opffer,  Hörestus  nicht,  das  10 
du  herein  gehest  vnd  dich  weschen  last  CA.  Ich  mag  nicht 
gezwagen^  sein,  wenn  ich  gern  gezwagen^  were,  so  wolt  ich 
wider  vnter  die  knaben  auff  die  gassen  lauffen,  da  wolten  wir 
vns  einander  zwagen"^,  das  vns  das  blut  die  backen  herab  ken- 
deln^  solt.  AD.  Was  sagstu  von  blut?  EVA,  Ah  lieber  15 
Adam,  wil  der  lecker  nicht  gez wagen '^  sein,  so  bleib  er  ein  vn- 
flat.  CAIN,  Ja  liebe  mutter,  du  redest  wol  dauon,  auff  der  weise 
bleib.  EVA,  Kum  du  her  Abel,  las  mich  dich  zwagen-^  vnd  hübsch 
macheu,  das  du  morgen  für  dem  Herrn  fein  ehrlich  vnd  reinlich 
stehest,  so  wird  der  Cain  für  jm  stehen  wie  ein  saw''.  AB.  Ich  20 
wils  gern  thun,  liebes  mütterlein,  ich  wil  euch  gern  gehorsam  sein. 
CA.  Ich  wolt,  das  ich  jm  zwagen*  solt.  AD.  Ich  sehe  wie  vn- 
ser Herr  Gott  dorthin  kompt  mit  seinen  üeben  Engeln.  EVA, 
Wolan  stelt  euch  fein,  wenn  jr  für  vnsern  Herrn  Gott  tretten  solt, 
Cain  wie  stehestu  da,  vnd  Avendest  den  rück  gegen  dem  Herrn?  25 
stelle  dich  dahin  bey  den  Abel  vnd  hab  acht  auff  jn  wie  er  sich 
helt,  wenn  der  vater  vnd  ich  vnserm  Herrn  Gott  die  hend  gegeben 
haben,  so  trettet  jr  auch  herzu  vnd  neiget  euch  fein  für  jm,  vnd 
gebt  jm  die  hende,  Sihe  wie  stelt  sich  der  Cainl  GOT,  Der  fried 
sey   mit    euch    mein   lieben    kindün.       AD.    Amen,    Wir    dancken  30 

1)   Opffem,    beton  vnd  Predigen.  2)   Statt  Ich  halt:    Das  weis   ich   selber 

nicht,  aber  es  wird  vberig  viel  nicht  sein,  Ich  achte  3)  gewaschen  4)  waschen 
5)  herunter  kendeln  0)  vufletige  Saw.         7)  Darnach  Caput  secundiun.     In  wel- 

chem angezeiget  wird,  das  Gott  zu  Adam  vnd  zu  Eua  komeu,  mit  jnen  geredt,  vnnd 
sie  von  wegen  des  grewlicheu  falss  im  Paradis  geschehen  tröstet  mit  dem  verheisse- 
nen  des  "Weibes  Samen,  vnd  darnach  wie  er  die  kiuder  Abel  vnd  Cain  verhöret,  was 
sie  im  heiligen  Catechismo  gelernet  haben. 

Z.  1.  Jacobis  xitsatx :  opffern  ist  natürlich  vom  übel,  denn  opffern  irill  ja 
Cain  gerade  gelten  lassen.  15.  kendeln:  ein  wetteranisclies  u-ort,  käneln,  kennein, 
kendeln  {ron  känel,  kändel,  kendel  =  cauaL  rinne)  =  tropfen,  vie  der  regen  rnn 
der  daehrinne  (Grimm,  icb.  V,  160  fg.). 

29* 


452  MATTHIAS 

dir  Himlisclier  Yater,  das  du  nach  deiner  grossen  gute  vns  arme 
Sunder  so  gnediglicli  daheim  sucliest  EVA,  Ah  aller  liebster  Herr, 
wie  künden  wirs  jmer  vmb  dich  verdienen,  das  du  hieher  jus  elend 
zu  vns  armen  leuten  kompst,  Vnd  lest  mich^  nicht  entgelten,  das 
ich  dein  Heiliges  wort  veracht,  vnd  der^  Schlaügen  gehorcht  hab,  5 
Welchs  dir  Himlischer  vater  ewiglich  geklagt  sey,  wie  bekümmer 
ich  mich  so  hart  drumb.  GOT,  Sey  zufriden  liebe  tochter,  dein 
sund  ist  dir  vergeben,  denn  ich  von  natur  gnedig  vnd  gütig  bin, 
Vnd  ein^  vater  aller  armen  bekümmerten  vnd  betrübten  hertzen, 
die  hülff-^  bey  mir  suchen,  Vnd  ich  wil  meine  voaussprechliche  lieb  10 
gegen  euch^  ein  mal  beweisen,  wenn  ich  euch  nu  des  weibs  sameii, 
den  ich  euch  verheissen  hab,  senden  werde,  durch  den  selben  wil 
ich  euch  von  allem  vbel  erlösen,  Vnter  des  aber  solt  jr  doch  vn- 
getröst  nicht  bleiben,  sondern  durch  den  glauben  an  mich,  vnd  mei- 
nen lieben*',  den  ich  zu  seiner  zeit  senden  werde,  ein  gnedigen  15 
Zugang  zu  mir  haben,  vnd  mich  in  allen  ewern  nöten  anruffen,  so 
wil  ich  euch  vmb  des  verheissenen  des  weibs  samen  willen  erhören, 
darzu  ich  euch  geb  meinen  Heiligen  geist,  welcher  den  waren  rei- 
nen glauben  in  euwer  hertzen  erwecken  vnd  wircken  sol,  Wenn  jr 
ansehet  mein  ewiges  wort,  vnd  meine  gnedige  zusag.  AD.  Silie^  20 
wie  stelt  sich  der  Cain,  vnd  wendt  vnserm  Herrn  Gott  den  rücken 
zu,  Sihestu  nicht  du  Eselskopff,  wie  sich  der  Abel  so  fein  stellt, 
vnd  das  hütlin  abzeugt,  Trit  hinzu  vnd,  heiss  den  Herrn  wilkom 
sein.  CAIN,  Wilkom  Herr.  EVA  Ey  reichstu  vnserm  Herrn  gott 
die  lincke  band,  du  grober  filtz.  AB.  Allerliebster  Herr  gott  vater,  25 
Schöpfler  Himels  vnd  erden,  ich  danck  dir  hertzlich,  das  du  dich 
vnser  annimpst,  vnd  koniest  her  jns  elend  zu  vns,  Wie  sollen  wir 
dirs  jmer  voldancken?  GOT,  Abel  ist  ein  fein  holdselig  wolgezo- 
gen  kind,  vnd  hat  seine  freundliche  geberden.  Der  Cain  sihet  all- 
zustörrig.  EVA  Ah  Heber  Herr  Gott,  er  wil  sich  nicht  ziehen  30 
lassen.  GOT,  Künnen  sie  auch  beten?  Rum  her  Abel,  ich  wil 
dich  mit  ernst  hören,  Sage  mir  her  wie  betestu?  ABEL,  0  vnser 
allerliebster  Himlischer  vater,  ich  bit  dich  umb  des  lieben  Heilands 
willen,  den  du  vns,  aus  vnsprechlicher ''  gnad  zugesagt  hast,  das 
er  dem  Teuffei  den  kopff  zutretten,  vnd  vns  von  seiner  gewalt  erlö-  35 

1)  mich  armes  betrübtes  '\\\'ib  2)  der  bosliafftigcn  verfluchten  3)  ein  tröst- 
licher Tiehulff lieber  4)  Trost  vnud  hülöe  5)  euch  ynd  ewre  Nachkomeu  6)  lieben 
Son  7)  Darfür  sey  dir  0  Herr  Gott  himlisclier  Vater,   lob  ehr  vnd  danck  gesagt, 

von  nu  an  liis  zu  ewigen  zeiten.     Kompt  her  ir  kinder,  empfahet  vnsern  lieben  Herrn 
Gott  vuil   mit  inM-t'/liilicr  amhiclit  vnd  i'brerliioiung.     Sibe         8)  vnaussprechlicher 


ER.    ALBERUS,    VOX    DER    SCHLANGEN    VERiÜHEUXG  453 

seil  sol,  Gib  vns  deinen  Heiligen  geist,  das  wii-  lernen  allein  dei- 
nen namen  heiligen,  loben  vnd  preisen,  vnd  den  selben  in  allen 
nöten  anruffen,  Las  fern  von  vns  sein  alle  heuchley,  vnd  falsche 
lieiligkeit,  dadnrch  dein  name  verlestert  wird,  Las  vns  Himlischer 
vater  dein  Eeich  zukomen,  Vnd  nym  nicht  von  vns  das  tröstlich  5 
Avort  der  verheissenen  gnaden,  Las  dein  wort  ein  leuchte  sein  vn- 
sern  füssen  vnd  ein  liecht  auff  vnserm  wege. 

Las  allein  deinen  willen  geschehen  hie  auff  erden,   wie  er  im 
Hiniel   vnter  deinen    lieben  Engeln  geschieht,    Wehre    des  Satanas 
vnd  aller  bösen  menschen  willn,    den  sie  zu  vns  haben,    Ynd  vns  10 
gram  sind,  weil  wir  deinen  namen  bekennen  und  anruffen,  vnd  in 
deinem  Reich  dir  allein  dienen,  Ynd  weil  wir  arme  sünder,  die  an 
dich  gleuben,    auch  in  vnsern  sterblichen  gliedern  ein  bösen  willn 
Avider  dein  wort  befinden,    So   hilff  vns  himlischer  vater,    das  der 
selbe   böse  AviU  Avider   dein  Gesetz   in  vns,   nicht  vberhand   neme,  15 
Sondern  durch  deinen  heihgen  Geist  vberAvunden  ATid  getödtet  Averde, 
das  allein  dein  Gottlicher,   guter,    lieber  ^  Avill  in  vns  die  vberhand 
habe.     Wir  bitten    dich    auch  Himüscher  vater  Amib  vnser  tegiich 
brot,  vnd  allerley  zeitliche  notturfft,    Behüt  vns  für  dem  geitz,    der 
alles  Abels   ein  wurtzel  ist-,    0  Herr  Himlischer  vater  vergib  vns  20 
vmb  deines  verheissenen  Heilands-^  Avillen  Amsere  schuld  vnd  sunde, 
Vnd  gib  vns  gnad,  allen  denen  hertzlich  zu  vergeben,    die  sich  an 
vns   versündigt   haben.     Nicht   las   vns   Himlischer   vater,   in   Ver- 
suchung vnd  anfechtung  fallen,  sondern  hilff  vns  durch  deinen  hei- 
ligen Geist  vnser  sundig  fleisch  zwingen,    die  Avelt   mit  jrem  Gott-  25 
losen   Avesen   verachten    vnd    den  Satan    mit   allen    seinen    tücken* 
vberwinden,  vnd  vnter  vnser  füsse  treffen.     Vnd  zuletzt  bitten  wir 
Himlisclier  vater,  du  wollest  vns  erlösen  von  allem  A'bel'',  Das  Avir 
dauon  bringen  das  ende  A'users  glaubens,  der  seelen  Seligkeit  Amen. 
GO,    Was    heist   Amen?       AB.    Amen    ist    ein    wort,    damit   Avir  30 
vngezweiuelf  bekennen  vnd  gleuben,    du  werdest  vns  gewislich  ge- 
ben, Avas  Avir  gebet  vnd  begert  haben.     GOT,  Woher  wirstu  geAvis, 
das  dein  gebet  erhöret  sey?     ABEL,  Ans  deiner  gnedigen  verheis- 
sung,    die  nimermehr   fehlen    kan,   Himel  vnd    erden  Averden    ver- 
gehen,   aber  dein  wort  Amd  verheissung  bleibet  ewiglich,    Denn  du  35 
Himlischer  vater  bist  der  lügen  feind,   vnd  ein  vater''  der  Avarheit, 

1)  g'uter,  lieber  fehlt.  2)  der  eine  Avurtzel  ist  alles  l)ösen.  3)  vmb  des 

A'erheissenen  des  Weibes  Samens  vnsers  lieben  Heilands  Avillen  4)  mit  allen  sei- 

nen tückischen  anschlagen  ziuiicke   treiben  vud  5)    vbef    leibs    vnd   der  seelen 

6)  liebhaber 


454  .MATTHIAS 

Dagegen  ist  der  Teuffei  ein  vater  der  lügen,  welchs  unser  liebe 
Eltern^  leider  wol  gewar  sind  worden  im  Paradeis,  Dir  aber  him- 
iisclier  vater  sey  lob  vnd  danck  in  ewigkeit  gesagt,  das  du  vns 
Widder  durch  den  verheissenen  Heiland  zu  gnaden  angenomen  hast, 
durch  welchen  wir  behalten  für  dem  zukunfftigen  zorn.  GOT,  Wenn  5 
ich  aber  nicht  bald  gibe,  was  man  bittet,  Wie  sol  sich  als  denn  der 
gleubig  halten?  ABEL,  Da  sol  er  bey  leib  nicht  ablassen  zuhof- 
fen auff  deine  tröstliche  zusage,  denn  wie  lang  du  die  hülffe  ver- 
zeuchst, so  wirstu  doch  gewislich  helffen,  wenn  es  zeit  ist  2.  GOT, 
Das  ist  recht,  warumb  verziehe  ich  aber  offt  mein  hülffe 3?  ABEL  10 
Das  thustu  Himlischer  Vater  vns  zum  besten  vnsern  glauben  zu 
vben  vnd  zu  prüfen,  Auff  das  die  boAverung  an  vnserm  glauben 
rechtschaffen  erfunden  werde.  GOT,  Wenn  icli  aber  gar  nichts  gib 
was  man  von  mir  bittet,  Avie  helt  sichs  als  denn?  ABEL,  Das  ist 
gewis,  das  du  vns  vmb  des  verheissenen  Heilands  willen  lieb  hast,  15 
vnd  wilt  vns  geben,  was  vns  nütz  vnd  gut  ist,  Darumb  wenn  wir 
aus  vnuerstand  bitten,  das  vns  nicht  nütz  vnd  gut  ist.  Wie  wir 
denn  arme  Sünder  sind,  vnd  nicht  wissen,  was  wir  bitten  sollen, 
wie  sichs  gebürt,  so  Aviltu  ein  bessers,  vnd  mehr  geben  denn  Avir 
gebeten  haben,  das  ist  geAvislich  war.  GO,  Kanstu  auch  die  Zehen  20 
gebot?  AB.  Ja  Herr  Gott  himlischer  vater,  ich  kan  sie  von  dei- 
nen gnaden  avoI  erzelen,  Avie  sie  mich  mein  liebe  Eltern  geleret 
haben,  Hilff  vns  nur  lieber  vater,  das  wir  sie  auch  also  von  hertzen 
thun  künnen,  Avie  Avir  sie  mit  dem  munde  bekennen. 

GOT,  Du  Aveist  doch  avoI,  das  ich  euch  darumb  meinen  Hei-  25 
land  vnd  des  Aveibs  samen  verheissen  hab,    das  er  CAver  sunde  die 
jr  aus  gebrechlichkeit  eAvers  fleischs   Avider  mein  gesetz  thut,    auff 
sich   neme.     ABEL   Für   solche   vnaussprechliche    Avolthat   sey    dir 
Himlischer  vater  eAvig  danck  gesagt,   Amen.     GOT,  Wie  heist  das 
erste  gebot?     ABEL,  Du  solt  nicht  andere  Gotter  neben  mir  haben.  30 
GOT,  Was  ist  das  gesagt?     ABEL,  Wir  sollen  Gott  vber  alle  ding 
furchten,  lieben  vnd  A'ertraAven.     GOT,  Wie  heist  das  ander  gebot? 
AB.    Du    solt    den    namen    deines    Gottes    nicht    vnnützlich    füren. 
GOT,  Was  ist  das  gesagt?     AB.  Wir  sollen  Gott  furchten  vnd  lie- 
ben, das  wir  bey  seinem  namen  nicht  fluchen,  schweren,  zaubern,  35 
liegen  oder  betriegen,  sondern  den  selbigen  in  allen  nöten  anruffen, 
beten  loben  vnd'^  dancken.     GOT,  Wie  heist  das  dritte?     AB.  Du 

1)  Darnach  beitlo  mit  jreiii  vnd  vnserin  scliadeii  alle  sam})t  2)  Darnach 

vund  dir  gcfellig  ist.  3)   mit  der  liilffe  ebenso  rorJicr  mit  der  hülffe  verzeuchst 

4)  vund  Gott 


ER.    ALBEIiUS,    VOM    DKß    SCIlLAXCiEN    VEKFÜIIRUKG  455 

solt  den  fcirtag  heiligen.  GOT,  Was  ist  das?  AB.  "Wir  sollen  Gott 
fiircliten  vnd  lieben,  das  wir  die  predigt,  vnd  sein  wort  nicht  ver- 
achten, sondern  dasselbig  heilig  halten,  gern  hören  vnd  lernen. 
GOT,  Wie  heist  das  vierde?  AB.  Du  solt  deinen  Yater  vnd  deine 
Mutter  ehren.  GOT,  Was  ist  das?  AB.  Wir  sollen  Gott  furchten  vnd  5 
lieben,  das  wir  vnser Eltern  nicht  verachten  noch  erzürnen,  sondern 
sie  in  ehren  halten,  jnen  dienen,  gehorchen,  lieb^  und  Averd  haben 
GOT,  Wie  heist  das  funffte.  ABEL,  Du  solt  nicht  todten.  GOT, 
Was  ist  das?  ABEL  Wir  sollen  Gott  furchten  und  lieben,  das  wir 
vnserm  negsten  an  seinem  leibe  keinen  schaden  noch  leid  thun,  son-  10 
dern  jm  helffen  vnd  fordern  in  allen  leibs  nöten.  GOT,  Wie  heist 
das  sechste?  AB.  Du  solt  nicht  ehebrechen.  GOT,  Was  ist  das? 
ABEL,  Wir  sollen  Gott  furchten  vnd  lieben,  das  wir  keusch  vnd 
züchtig  leben  in  werten  vnd  wercken,  vnd  ein  jglicher  sein  gemahel 
lieben  vnd  ehren.  GOT,  Wie  heist  das  siebende?  AB.  Du  solt  15 
nicht  Stelen.  GOT,  Was  ist  das?  AB.,  Wir  sollen  Gott  furch- 
ten vnd  lieben,  das  wir  vnsers  negsten  gut  nicht  nemen  sollen 2, 
sondern  jm  sein  narung  helffen  bessern  vnd  behüten  3.  GO.  Wie 
heist  das  achte?  AB.  Du  solt  nicht  falsch^  gezeugnis  reden 
wider  deinen  negsten.  GOT,  Was  ist  das?  AB.  Wir  sollen  Gott  20 
furchten  vnd  lieben,  das  wir  vnsern  negsten  nicht  feischlich  beile- 
gen, verrhaten,  affterreden^  oder  bösen  leumnnd  machen'',  sondern 
sollen  jn  entschuldigen,  vnd  guts  von  jm  reden,  vnd  alles  zum 
besten  keren.  GOT,  Wie  heist  das  neunde?  AB.  Du  solt  nicht 
begeren  deines  negsten  haus.  GOT,  Avas  ist  das?  AB.  Wir  sol-  25 
len  Gott  furchten  vnd  lieben,  das  wir  vnserm  negsten  nicht  mit  list 
nach  seinem  Erbe  oder  haus  stehen,  vnd  mit  einem  schein  des 
rechts  an  vns  bringen,  sondern  jm  dasselbige  zubehalten^  forderlich 
vnd  dienstlich  sein.  GOT,  AVie  heist  das  zehend?  AB.  Du  solt 
nicht  begern  deines  negsten  weib,  knecht,  magd,  vihe  vnd  alles  30 
was  sein  ist.  GOT,  W^as  ist  das?  ABEL,  Wir  sollen  Gott  furch- 
ten vnd  lieben,  das  wir  vnserm  nehesten  nicht  sein  weib,  gesind 
oder  vihe  abspannen,  ab  dringen  oder  abwendig  machen,  sondern 
die  selbigen  anhalten'*,  das  sie  bleiben,  vnd  thun  was  sie  schul- 
dig sind. 

1)    sie    auch    lieb  2)    Darnach    noch    durch    einige    wege    entfreinbdcu, 

3)  erhalten.         4)  falsche         5)  Statt  affterreden:  im  an  sein  ehr  reden         6)  Statt 
oder  —  machen:   vnd  in  ein  böse  geschrey  bringen  7)  erhalten  8)  anlialten 

vnd  vermanen 

Z.  22.    affterreden:  das  irort  war  Jac.  offenbar  ;.u  derb. 


456  MATTHIAS 

GOT,    Kanstu    auch    den    Glauben?      ABEL,    Ja  Herr  Vater. 
GOT,    Sage    her.      AB.    Ich    gleub    an    Gott    vater    AKmechtigen, 
Schepffer  Himels  vncl  der  erden,  Ynd  gieub  an  den  lieben  Heiland 
vnsern  Herrn,    den  vns  der  Himlisch  vater  zugeben  verheissen  hat, 
das  er  dem  Satan   seinen  köpft'  zutrett,    A^nd  vns  vom  tod,    teuffei,     5 
hell   vnd  ewiger  verdamnis  erlöse,   Auff  den  hoff"en  wir,   Auff  den 
verlassen  wir  vns,  Ynd  bitten  Gott,  das  er  vns  denselben  bald  sende, 
der  wird  vns  helöen  von  vnsern   sunden.     Ich  gleube  an  den  hei- 
ligen geist.    Eine  heilige  Gemein  vnd  ein  Himlische  bürgerschafft, 
Vergebung  der  sunden  i,  Aufferstehung  des  fleischs,  Vnd  ein  ewiges  10 
leben.      GOT,   Was    heist    an    Gott   gleuben?      AB.    Es    heist    sich 
hertzlich  auff  jn  verlassen,  vnd  nicht  zweiueln,  du-  himlischer  vater 
liabst^  vns  tausent  mal  lieber,  denn  ein  jglicher  leiblicher  vater  sein 
Idnd  jmer  lieben  kan.     GOT,  Was  heist  Schopffer  himels  vnd  erden? 
ABEL,  Es  heist,  das  ich  vnd  alle  creatur  von  dir^  geschaffen  sind,  15 
vncl  das   du^  vns    allezeit    erneren    wilt^,    leib   vnd  seele   bewaren, 
vnd  sorgest  für  vns-'.     GOT,  Was  heist  an  heiligen  geist  gleuben? 
AB.    Das  wir  aus  vnsern  krefften  nicht  künnen  zu  deiner^  erkent- 
nis  komen.    Sondern  dein  heiliger*  geist  heiliget  vns,   vnd  erweckt 
in  vnsern  hertzen    den  w^^ren  glauben.      GOT,  Was  ist  die  heilige  20 
Gemein?     ABEL,  Das  sind  alle  die  an  dich  gleuben,  vnd  auff  den 
verheissen  hoiland  warten^,  w^ eiche  aber  solchen  glauben  nicht  haben, 
vnd  durch  ein  ander  mittel  hülff^°  suchen,  die  sind  von  dieser  hei- 
ligen ii    bürgerschafft   abgesondert,    vnd^-    nimermehr  selig  w^erden, 
sondern  der  zorn  Gottes  bleibt  vber  jm^^.     GO.  Warumb  sprichstu,  25 
Vergebung  der  sunden?      AB.    Darumb   das  wir  nicht  mit  vnsern 
wercken  künnen  sunde  vertilgen,  sondern  die  sunde  müssen  durch 
deinen  1*  Heiligen    heiland,    den    du  vns    senden  wirst  ^^^    vergeben 
werden,  'sonst  ist  kein   hülff  noch  rat,    zufinden.     GOT,  Warumb 
gebiet  ich  denn  gute  werck  zuthun  vnd  zu  opffern,  so  jr  dadurch  30 
nicht   frum    vnd    selig    werd^*^?       AB.    Weil    du   gnediger    vater  ^^ 
vns  Vergebung  der  sunden,   durch  den  verheissen  Heiland  zugesagt 
hast",  So  ists  ia  billich,  das  wir  dir^-^  dagegen  danckbar  seien,  und 

1)  süüdon,  durch  den  verheisseuen  Hoilaud       2)  der  liebe  himlische       3)  hab 
4)  Gott         5)  er  —  wil         6)  vnd  für  vus  sorgen.         7)  Gottes  9)  der  heilige 

9)  Statt    an    dich  —  warten:    an   Gott    vnd    an    den    verheissenen  Heiland    gleuben 

10)  suchen  in  Himel  zukomen  11)  hinilischen  12)  vnd  können  13)  jnen. 
14)  den  verheissenen  15)  den  Gott  senden  wird  16)  Statt  "^Varunlb  —  werd: 
W^arunib  wei'den  denn  gute  werck  zu  thun  geboten,  so  mau  dardurch  nicht  kan 
from  noch  selig  werden?  vnd  wazu  dienet  denn  das  Opffern?  17)  Gott  der  geue- 
dige  Vater  —  hat        18)  Fehlt. 


ER.    ALBERUS,    VON    DER    SCHLANGEN   VERFÜHRUN&  457 

deinen^  geboten  g-ehorchen,  Vnd  ^vcnu  wir  schon  alles  gethan  haben, 
das  vns  dnrcli  dein^  gnade  möglich  ist,  so  sollen  wir  dennoch  sagen. 
Wir    sind   vnnütze    knechte,    so    weit   fehlets    noch,    das    vns  vnser 
werck  gerecht   vnd  selig  machen,    desgleichen   helt   sichs   mit  dein 
opffer,    das  wir  dir  Himlischen  vater^  nicht    der  meinung  opffern,     5 
als  weiten  wir  allererst  dadnrch  frura-  vnd  selig  werden,    Sondern 
wir  sind  fnr  allen  vnsern  opffern,    fnr  allen  vnsern  wercken,    frura, 
gerecht,    vnd  selig,    allein  dnrch  dein^  vnaussprechliche  gnade  vnd 
barmhertzigkeit,    die   du^  vns  zngesagt  hast^  dnrch   deinen  ^  lieben 
Heiland  vnd   erlöser,    Vnd    ist    vnser    opiTer   nicht    mehr    denn   ein  10 
gedechtnis    des   znkunfftigen   opffers,    dadnrch    wir   sollen   mit    dir'^ 
versünet  werden,  welchs  opffer  sein  wird,  der  verheissen  saraen  des 
weibs,    der  sich  selbst  für  vnser  sunde,    als  ein  vnschnldiges  Lam 
opffern  wird,    Auff  das  wir  nu  vns^  in   solchem  glauben   auff  die 
znkunfft  des  Seligmachers  der  gantzen  weit,  gesterckt  werden,  vnd  15 
zuneme,  darumb  opffern  wir  nach  deinem^  Gottlichen  befelh^,  Auch 
bedeut  das  rauch  werck   im    opffern,    der   gleubigen  gebet,    welches 
die  wolcken  durch  dringt,  Vnd  die  kolen  bedeuten  deine ^  Gottliche 
lieb  vnd  verheissung  des  zukunö'tigen  Heilands,  darauff*^  das  reuck- 
werck  legen,    das  ist,    vnser  gebet   geschieht  im  glauben  an  deine  20 
verheissung',  Vnd  wie  das  t'eur  das  rauchwerck  anzundt,  also  wird     , 
vnser  glaub   entzündet  durch  deine  Himlische'^  verheissung.     GOT, 
"Was  heist  aufferstehung  des  fleisches?     ABEL,  Es  heist,  wenn  ein 
mal  der  iungste  tag  kompt,    so  sol  vnser  fleisch,  das  ist  vnser  leib 
wider  lebendig  werden  vnd  aufferstehen.     GOT,  Wie  kan  ein  todter  25 
leichnam  der  verfaulet  ist,  wider  lebendig  werden?     ABEL,  Solchs, 
wie  alle  ander  ding,   Befelhen  wir  dir  Himelischer  Vater,    denn  es 
ist    dir    alles    mügiich'*.    Aus    nichts    sind    wir    worden,    aus   nichts 
wirstu    vns    wider   zum    leben    beruffen,    auff   das    wir    der  ewigen 
freude  in   der  znkunfftigen   weit  teilhafftig  werden,   für  welche  vn-  30 
auspreche^^  wolthat  dir  Himlischer^o  Vater  lob  vnd  danck  ewiglich 
gesagt  sey  Amen. 

GOT,  Wie  heltestu  dich,  wenn  du  dich  schlaffen  legest?  ABEL, 
Da  befelh  ich  mich  Dir  Himelischer  Vater,  mit  diesen  werten.  Ich 
dancke  dir  mein  Himlischer  Vater,    durch  deinen  verheisscnen  hei-  35 

1)  seiuen  —  Gottes  —  dem  himliscliou  Yater  —  Gottes  —  er  —  hat  —  seinen 
2)  from,  gerecht  .3)  Gott  4)  Statt  nu  vns:  nur  5)  nach  Gottes  befelü  — 

die         6)  daraiiff  wir  7)  an  die  verheissung  Gottes         8)  Statt  deine  Hinilischc: 

die  9)   sol  man  Gott  befehlen,   Avelchem  alles  müglich  ist.  10)  VHaussprerh- 

liche  —  clii-  0  laimlischer 


458  JUTTHIAS 

land  Yiisern  Herrn,  das  du  micli  diesen  tag  gnediglich  für  allem 
schaden  vnd  fahr  bell  littet  hast,  Ynd  bitte  dicli,  du  wollest  mir 
alle  meine  siinde  vergeben,  Vnd  mich  diese  nacht  gnediglich  behü- 
ten, denn  ich  befehl  mich,  mein  leib  vnd  seele,  Yater  vnd  Mutter, 
vnd  alles  in  deine  hende,  dein  heiliger  Engel  sey  mit  mir,  das  der  5 
böse  feind  keine  macht  an  mir  finde,  Amen  GOT,  Wie  sprichstu 
des  morgens,  wenn  du  auff  stehest?  AB.  Also  sprich  ich.  Ich 
dancke  dir  mein  Himlischer  vater,  durch  deinen  verheissenen  Hei- 
land, vnsern  lieben  Herrn,  das  du  mich  diese  nacht  gnediglich  für 
allem  schaden  vnd  fahr  behüttet  hast,  vnd  bitte  dich,  du  wollest  10 
mich  diesen  tag  auch  behütten,  für  sunden  vnd  allem  vbel,  das  dir 
all  vnser  thun  vnd  leben  gefalle,  denn^  ich  befelh  mich  mein  leib 
vnd  seele  2C.^  GOT,  AVolan  liebes  kind  fare  also  fürt 2,  darzu  wil 
ich  dir  meinen  heiligen  geist  geben,  der  dich^  in  allem  trübsal 
tröste,  Ynd  furcht  dich  nicht,  denn  es  ist  mein  wolgefallen,  dir  15 
das  reich  zugeben.  AB.  Danck  sey  dir  gesagt  allerliebster  vater. 
CAI,  Du^  solt  mirs  warlich  halten-^,  ich  wil  den  böswicht  noch 
erwürgen.  Ich  kau  nicht  ein  wort  dauon,  was  er  geantwort  hat, 
vnd  mus  noch  drüber*^  zuschanden  werden.  GOT,  Kum  her  Cain, 
las  mich  hören  was  du  gelernet  hast,  wie  sihestu  so  sawer,  Ynd  20 
warurab  verstellt  sich  dein  geberd?  Bete  her.  CA.  Es  ist  mir 
vergessen.  GOT,  Dir  wird  nicht  viel  vergessen  sein,  weil  du  nichts 
gelernet  hast.  Sag  her  souiel  du  kanst,  CA.  Yater  Himel  unser, 
las  ^ns  dein  reich  geschehen  im  Himel  vnd  erden.  Gib  vns  viel 
brods,  vnd  alles  vbel  Amen.  GOT,  \Yas  ist  das  für  ein  verkert  25 
gebet?  EYA,  Ah  lieber  Herr  Gatt,  es  hilfi't  kein  lerens  an  jm,  ja 
er  darff  wol  den  Abel  schlagen,  wenn  er  jn  heist  beten.  GOT, 
Sage  mir  her  den  glauben.  CA.  Ich  glaub  an  Gott  vater  hime- 
lischer  erden,  der  des  weibs  samen  ist,  vnd  der  heilig  geist  sund 
fleisch    leben,    Amen.      GOT,    Ists    schon   aus?      CA.    Ich  hab   das  30 

1)  Statt  denn  —  seele  3c. :  vund  befohle  mich  du'  mit  allem  was  ich  hin  vnnd 
habe.  2)  fort  wie  du  angefangen  hast  3)   dich  weiter  lere,   vnd  4)  Harr 

lecker,   du  5)    Statt  warlieh  halten:   hezalen  6)  darüber  zum  spot  vnd  zu 

Schanden  werden. 

Z.2^fyg.  Hans  SacJ/s  a.a.o.  664  f gg.:  0  vatter  himel  vnser,  lass  vns  allhie 
dein  reich  geschehen  in  himel  und  in  erden  sehen,  gib  uns  schult  und  teglich  vil 
brot  uu  alles  übel,  angst  und  not.  amen,  ebda  676.  Datan  spricht:  Ich  glaub  an 
Got,  himel  und  erden,  mid  auch  des  samens  weih  muss  werden  imd  des  heiligen 
geistes  namen,  die  sünde,  fleisch  und  leben,  amen.  (Der  Herr:)  Ist  so  kui'z  deines 
glaubons  grünt?     (Dat.:)  So  viel  ich  kaum  behalten  kimt. 


ER.    ALBKKUS,    VON   DEK    SCHLANGEN    VERFÜHRUNG  459 

kaum  können  behalten.  GOT,  Sage  mir  her  die  Zehen  gebot.  CA. 
Da  kan  ich  gar  nichts  von  behalten.  GOT,  Gedenckstu  denn  auch 
selig  zu  werden?  CA.  Ich  weis  wol  wie  es  hie  ist,  Wer  Aveis 
wie  es  dort  sey?  Bin  ich  versehen,  so  werde  ich  villeicht  auch 
einmal  ein  wenig ^  selig,  Bin  ich  nicht  versehen,  ich  thue  gleich  ö 
was  ich  wolle,  so  mus  ich  doch  verdampt  werden,  das  ist  mein 
glaube.  GOT,  Ist  das  dein  glaube?  "Was  heltestu  denn  vom  opffer? 
CA.  Mit  opffern  verdienet  man  das  ewig  leben,  wo  anders  ein 
ewig  leben  ist.  GO.  Wer  hat  dich  also  geleret?  CA.  Ich  finds 
in  meiner  vernunft't.  GO.  Du  seit  nicht  gleuben,  was  dich  vnd  10 
dein  verderbte  vernunfft  gut  dunckt.  Sondern  was  ich  deinen  Eltern 
befolhen  hab-.  CA.  Was  die  äugen  sehen,  das  gleubt  das  hertz. 
GOT,  Selig  sind,  die  nicht  sehen  vnd  gleuben  doch.  Wolan  ge- 
dencke  vnd  folge  deinen  Eltern,  vnd  las  dich  den  Abel  leren,  der 
sol  dein  Schulmeister  sein,  Gedencke  vnd  gehorche  jm,  du  wirst  15 
sonst  in  die  ewige  finsternis  geworffen  werden,  da  wird  sein  heu- 
len vnd  zeen  klappern,  Abel  las  dir  den  Cain  befolhen  sein.  AB. 
Himlischer  vater,  Ich  wil  jn  gern  leren,  wolt  er  mir  nur  folgen. 
CAIN  Du  solt  mirs  warlich  halten,  soltu  mich  leren?  Der  böss- 
wicht  macht  mich  gantz  zuschanden  mit  seinem  Catzencismo.  GOT,  20 
Was  murrestu?  Ich  weis  deine  gedanken  wol,  rieht  ein  spil  an, 
das  du  vnsted  vnd  flüchtig  werdest  auff  erden,  vnd  darnach  ewig- 
lich verdampt.  Wolan  Adam  du  wirst  vns  ein  predigt  thuu.  AD. 
Ja  gerne  lieber  liiraelischer  vater  3. 

Lieben  kindcr,    auff  das  wir  Gottes  wort  fruchtbarlich  hören,  25 
so  last  vns  vnsern  Herr  gott  vmb  gnade  auruffen.  Höret  das  heilig 
Euangelium'^. 

1)   ein  wenig  fehlt.  2)   was  ich  deine  Eltern  geleret,    vnd  jnen  befohlen 

habe.  3)  Barnach  Caput  Tertiiim.  Yen  Adams  Euangelion,  ATid  seiner  Auslegung. 
Adaui.  4)   Statt  vnsern  —  Euangelium:   vnsem  lieben  Herren  Gott  anruffen  vnd 

bitten  vmb  seine  genade,  das  diese  prediget  geschehen  möge  jm  zu  lob  vnd  zu  ehren, 
vnd  ATIS  zur  besserung  vnsers  lebens,  zu  sterckung  des  Glaubens,  vnd  der  Seelen 
heil  vnd  Seligkeit.     Amen.     Höret  das  heilige  Euangelium  Genesis  am  3. 

Z.  3  f()(j.  ebda  688  fy(j.  (Achan:)  Ich  weiss  wol,  wie  es  stet  auf  erden;  wies 
dort  zuget,  das  weiss  ich  nicht;  doch  wenn  mich  Got  darzu  versieht,  das  ich  auch 
selig  werden  söl,  so  wirt  ich  selg,  tu  was  ich  wöl.  8.  Hans  Sachs  695  (Esau:) 
Ich  halt,  Got  wert  das  ewig  leben  uns  von  des  oplfers  wegen  geben  .  .  .  wo  änderst 
ein  ewigs  leben  ist.  12.   ebda  (Xiinrof :)  was  mein  augn  sehen,  glaubt  das  herz. 

20.  Catzencismo:  der  scherz  ist  wol  von  Alber  aufgebracht;  katze  soll  wie  in 
katzenglaube ,  katzengold,  katzeugebet  das  falsche  bezeichnen.  22  ffj.  rcjl.  I.Mose 
4,  12:  Unstät  und  flüchticj  solst  da  sein  auf  erden;  ebda  U:  Und  nun  rerflurlit 
seist  du  auf  der  erde. 


460  MATTHIAS 

Also  sprach  Gott  der  Herr  zu  der  schlangen,  Ich  wil  feind- 
schafft setzen  zwisschen  dir  vnd  dem  weihe,  vnd  zwisschen  deinem 
samen  vnd  jrem  samen,  der  selb  sol  dir  den  köpft'  zutretten,  vnd 
du  wirst  jn  in  die  fersen  stechen.  Das  sind  die  wort  des  heiligen 
Euangelij,  der  selbigen  gebe  vns  Gott  einen  reinen  lautern  verstand  5 
amen  ^. 

Lieben  kiiider,  das  heilig  Euangelium  hat  zwey  stück,  Im 
ersten  wird  angezeigt,  was  der  barmhertzige  Gott  vns  armen  Leuten 
zu  gut  thun,  vnd  vns  für  der  schlangen  tyranney  behüten  wil.  Im 
andern  wird  angezeigt,  das  wir  in  diesem  zeitlichen  leben  anfech-  10 
tung  haben  werden,  vnd  die  Schlang  werd  sich  wider  die  gleubigen 
setzen,  vnd  in  des  weibs  samens  fersen  beissen^,  aber  das  ist  vnser 
trost,  das  jhn  sein  beissen  nichts  helffen  wird,  denn  Gott  hat  wol 
ein  kileli  in  der  band,  daraus  gibt  er  seinen  lieben  kindern  zu 
drincken,  aber  der  Satan  vnd  sein  Gottloser  hauff  mus  die  heften  15 
aussauffen. 

Von  diesen  zweien  stücken  wollen  wir  handeln. 

Zum  ersten  habt  jr  nu  offt  gehört,  wie  wir  arme  Leute  von 
der  teuffelischen  Schlangen  so  jemerlich  betrogen,  vnd  verfurt  sind 
wider  Gottes  gebot  zusundigen  mit  listen  vberredt  sind  3,  Ynd  wie-  20 
wol  wir  billich,  nach  dem  gerechten  vrteil  Gottes,  ewiglich  verdampt 
sein  selten.  So  hat  sich  doch  vnser  lieber  Herr  Gott  vnsers  ewigen 
Verderbens  erbarmet \  vnd  vns  seinen  lieben  Heiland,  nemlich  des 
weibs  samen  zu  geben  verheissen,  der  dem  teuffei  den  kopff  zu- 
tretten, das  ist,  sein  gewalt  vber  vns  neme,  vnd  vns  von  sunden  25 
vnd  allem  vnglück  erlösen,  das  also  wer  an  des  weibs  samen  gieubt, 
vnd  sich  aiiff  jn  verlest^  der  sol  das  ewig  leben  haben,  Ynd  hat 
also  Gott  der  Herr  die  ewige  strafte  in  eine  zeitliche  verwandelt. 

Also  müssen  wir  nu  wol  leiblich  sterben,  aber  nach  diesem 
leben  werden  Avir  wider  aufferstehen  von  den  todten,  vnd  bey  Gott  30 
ewiglich  sein,  da  werden  wir  vns  frewen  mit  vnaussprechlicher  vnd 
herrlicher  frende,  So  sollen  wir  Gott  allzeit  für  solche  grosse  gnade, 
die  er  vns  durch  den  verheissen  Heiland  zugesagt  hat,  danckbar 
sein,  Ynd  sol  sich  ein  jglichs  gegen  seinem  nehesten  halten,  wie 
sich  Gott  gegen  vns  erzeigt.  35 

1)  Daruach  Auslegung  des  heiligen   Euangelij.  2)   Darnach  das  ist,   die 

gleubigen  vorfolgen,  vnd  vmbriugen,  .3)  Stau  verfurt  —  sind:  verfüret,  vnd  mit 

listen  vberredt  worden  sind,   wider  Gottes   gebot  zu  sündigen.  4)   erbarmet  vnd 

angenomen,  5)  Statt  vnd  sich  —  verlest:   vnd   in  solchem  glaulien  bis  ans  ende 

beharret, 


ER.    ALBERUS,    VÖX   DER   SCHLAXGEX   VERFÜHRUNG  461 

Auch  solt  jr  mercken,  das  der  verheissen  Same  des  weibs  on 
sunde  sein  wird,  weil  er  die  siind  vertilgen  vnd  vergeben  sol,  Es 
Ullis  je  der  on  alle  sund  sein,  der  allen  armen  sündern  von  Sun- 
den helffen  sol,  darumb  wird  er  auch  nicht  geborn  werden  aus 
sundlicheni  samen  wie  wir,  Sondern  vom  heiligen  Geist  empfangen,  5 
Vnd  von  einer  jungfrawen  geborn  werden,  darumb  heisst  er  des 
weibs,  vnd  nicht  des  mans  Samen,  denn  alles  was  von  man  und 
weib  geborn  wird,  das  gehört  vnter  die  verdamnis  vnd  ist  dem 
ewigen  fluch  vnterworffen.  Aber  dieser  einiger  mensch,  der  vnser 
Heiland  sein  soP,  wird  heilig  sein,  vnd  von  keinen  sunden  wis-  10 
sen.  Sondern  durch  sein  vnschuld,  heiligkeit  vnd  gerechtigkeit,  alle 
arme  sunder  frum,  heilig  vnd  gerecht  machen,  die  an  jn  gleuben-. 

Wenn  aber  Gott  der  Herr  diesen  heiligen  Man  geben  werde, 
das  hat  er  vns  nicht  wissen   lassen,    sondern  wir  warten    sein   in 
gedult,    vnd  haben  kein  zweiuel,    was  vns  Gott  der  Herr  zugesagt  15 
hat,  das  werde  er  auch  gewislich  halten,  Ynd  weil  wir  doch  vnser 
zuuersicht  auff  die  selbige  zusag  Gottes,    vnd  vnser  hoffnung  aufi" 
den  zukünff'tigen  Heiland  setzen.    So  Averden  vns  eben  so  wol  da- 
durch vnser  sunde   vergeben,    als  wenn  wir  die  zeit  seiner  geburt 
erlebten,  Darumb  helt  vns  Gott  sein  wort  für,  vnd  hat  vns  befohlen  20 
dasselbig   stets    zutreiben,   aufl"  das  vnser  glaub    dadurch    gesterckt 
werde  in   allerley  anfechtung,   gute  hoffnung  zuhaben,    Gott  werde 
vns  nimer  mehr  verlassen,    Vnd  dis  sey  jtzt  gnug  vom  ersten  teil 
des  heiligen  Euangelij.     Vom   andern  teil  wollen  wir  kurtzlicli  hö- 
ren, was  das  sey,  das  die  Schlang  dem  heiland  in  die  fersen  stechen  25 
werde,  das  hat  nu  die  meinung,  das  der  teuffei  nicht  ablassen  werde, 
die   heilige    Gemein    Gottes    die    an    den    verheissen   heiland    gleub, 
zuuerfolgen  ^,    vnd  von  dem  waren  glauben  abzureissen  vnterstehen 
wird^,   beide  durch  blutvergiessen  vnd  ketzerey^,    das  wird  uns  nu 
angezeigt  vnd  furgehalten,    zur  warnung  vnd  zum   trost.    Zur  war-  30 
nung  darumb ,  das  wir  nicht  lass  vnd  sicher  seien  in  der  Gottselig- 
keit, vnd  nicht  gedencken,  als  ob  der  böse  feind  ferr  von  vns  sey. 
Sondern  wie  er  vns  im  Paradeis  gethan  hat,    also  wird  er  furthin 
vns  vnd   allen   vnsern   erben   vnterstehen   zuthun,    bis   an    der  weit 
ende,   denn  der  gifftig  wurm  kan  vns  vmb  seines  vnmeslichen  hass  35 
vnd  neids  willen,  das  ewig  leben  nicht  günneu,  daraus  er  vmb  sei- 

1)  sol  vnnd  seiu  wird,  2)  die  —  gleubcu  fehlt.  3)  Barnach,  vud  werde 
sich.  in.  aUe  wege  vnterstehen  diselbig  von  u^iv.  4)  vnterstehen  wird  feldt.  5)  Slalt 
beide  —  ketzerey:  beide  durch  lügen  vnd  niordt,  das  ist,  durch  i'alsi.-lic  leivn,  i^etze- 
reien  vnd  jrthunib,  vnd  durch  Icrieg  vnd  blutuergiessen. 


462  MATTHIAS 

iier  hoffart  willen  Verstössen  ist,  darumb  er,  vnser  Widersacher, 
vmbher  gehet  wie  ein  brüllender  lewe,  vnd  sucht  welchen  er  ver- 
schlinde^,  dem  sollen  wir  vhest  widerstelm  im  glauben,  So  sehet 
nu  zu,  wir  jr  fursichtigiich  wandelt,  nicht  als  die  vn weisen,  son- 
dern als  die  weisen,  Vnd  schickt  euch  in  die  zeit,  denn  es  ist  böse  5 
zeit-,  Seid  starck  in  dem  Herrn  vnd  in  der  macht  seiner  stercke, 
ziehet  an  den  hämisch  Gottes,  das  jr  bestehen  kund  gegen  dem 
listigen  anlauf!'  des  teuff'els,  denn  wir  haben  nicht  mit  fleisch  vnd 
blut  zukempffen,  sondern  mit  fursten  vnd  gewaltigen,  nemlich  mit 
den  herrn  der  weit,  die  in  der  finsternis  dieser  weit  herschen,  mit  10 
den  bösen  geistern  vnter  dem  Himel,  vmb  des  willen,  so  ergreifft 
den  hämisch  Gottes,  auff  das  jr  widerstehen  kund  an  dem  bösen 
tage,  vnd  in  all  ewerm  thun  bestehen  möget,  So  stehet  nu,  vmb- 
gürtet  ewer  lenden  mit  warheit,  vnd  angezogen  mit  dem  krebs  der 
gerech tigkeit,  vnd  gestiftelt  an  fassen  mit  dem  Euangelio  des  frie-  15 
des,  damit  jr  bereit  seid.  Für  allen  dingen  aber  ergreifft  den  schilt 
des  glaubens,  mit  welchem  jr  auslesschen  künd  alle  fewrige  pfeif 
des  bösswichts,  A'nd  nemet  den  heim  des  heils,  vnd  das  schwerd 
des  Geistes,  welclis  ist  das  wort  Gottes,  Ynd  betet  stetts  in  allem 
anligen,  mit  bitten  vnd  flehen  im  geist,  Ynd  wachet  darzu  mit  allem  20 
anhalten  viul  flehen.  In  solchem  kampff  aber  den  wir  mit  dem 
Satan  haben,  sol  das^  vnser  trost  sein,  das  Gott  auff  vnser  seitten 
ist,  der  ist  stercker  denn  der  Fürst  dieser  weit,  darzu  hat  vns  Gott 
seinen  heiligen  geist  verheissen,  das  er  vnser  sterck  vnd  trost  sey 
in  aller  anfechtung,  Vnd  in  summa,  vnser  trübsal  diese  zeit  sol  ein  25 
ende  haben,  vnd  wird  darauö'  folgen  die  ewige  freude,  Vnd  zwar 
Gott  kund  wol  dafur  sein,  das  vns  der  Satan  gar  nicht  anfechten 
must,    aber  weil  Gott  Aveis,    das  vns   die  trübsal  nütz  ist  vnd  zum 

1)  verschlinge  2)  Statt  So  —  zeit:   viid  sollen  fursichtigiich  wandeln  vnd 

vns  schicken  in  die  zeit,  denn  es  ist  böse  zeit,  sintemal  wir  stets  mit  der  alten 
Schlangen  zu  kempffen  haben.  Alles  folgende  bis  den  wir  mit  dem  Satan  haben  fehlt. 
3)  Statt  sol  das:   Aber  doch  sol  dis 

Z.  2.  verschlinde:  1.  Pctr.  5,  8,  icoher  die  tcorte  stammen,  hat  Luther,  der 
sonst  verschlingen  gehraucht,  verschlinde,  icie  das  verb.  tirsprünglich  gelautet  (got. 
slindan,  alid.  slintan,  iithd.  slindeu),  auch  noch  im  16.  Jh.,  ehe  der  anfänglich  nur 
dialektische  Übergang  des  ud  in  ug  algemein  icurde;  siehe  Weigand  IIP,  597. 
15.  Die  ganxe  stelle  {x.  l  —  x.21  flehen  —  Ephes.  V,  15.  IG  und  VI,  10—18,  niul 
xicar  nach  Lnthers  übersetxung,  ausser  %.  14,  tco  der  grieeh.  text  lautet:  15.  y.cu 
vno^rjac(fiivoc  Toi'i  nöSng  iv  iroi-fAicatu  tov  fvuyyfXi'ov  Tfjg  efQi'p'rjg;  Ltdh.:  Und  an 
den  beinen  gestiefelt,  als  fertig,  zu  treiben  das  Evangelium  des  Friedens,  damit  ihr 
bereitet  seid. 


ER.    ALBKRÜS,    VOX   BER    SCIILAXGEX    VERFÜHRTIXa  463 

besten  dienet,  als  dadurch  vnser  glaub  geübt,  die  hoffnung  wechst, 
vnd  die  liebe  zu  Gott  dester  mehr  zunimpt,  vnd  wird  also  vnser 
alter  Adam  gezüchtiget  vnd  gedemütiget,  auff  das  er  sich  nicht  wi- 
der Gott  aufflehne,  vnd  den  Gott  fiiren  las,  der  jn  gemacht  hat, 
Dariimb  helt  vns  Gott  also  in  der  furcht,  auff  das  vnser  sundlich  5 
fleisch  nicht  von  sich  werffe  des  giaubens  joch,  Vnd  zuchtiget  vns 
der  liebe  Gott  aus  veterlicher  lieb,  die  selbig  Züchtigung  sollen  wir 
gednltiglich  tragen,  der  hoffnung,  es  werde  vnser  traurigkeit  zur 
freude  werden,  darzu  helfP  vns  der  AUmechtige  Gott  Yater  durch 
den  lieben  Heiland,  den  er  vns  verheissen  hat,  Amen.  Vnd  sey  10 
also  auff  dismal  gnug^. 

So  habt  jr  nu,  lieben  kinder  das  heilig  Euaugelium  gehöret, 
Darumb  wir  Gott  hertzlich  dancken  vnd  vmb  gnad  bitten  sollen, 
das  sein  Heiliges  wort  in  vnsern  hertzen  Avachs  vnd  frucht  bringe 
in  gedult^.  15 

GOTT,  Ir  habt  wol  gehört,  was  euch  Ewer  vater  Adam  gepre- 
diget hat,  Gedenckt  vnd  halt  das  predig  ampt  in  grossen  ehren,  denn 
dadurch  lernet  man  mich  recht  erkennen,  Ich  hab  mein  wort  in 
seinen  mund  gelegt,  "Wer  das  wort  nicht  lieb  hat,  der  wird  sein 
anathema,  maharani  motha^.  ABEL,  Wir  wollen  durch  dein  gnad  20 
von  deinem  Heiligen  Avort  nimermehr  Aveichen.  EVA,  Amen  lieber 
Herr  gott  Vater,  Amen^. 

Folget  Frag  vnd  antworte 

1)  Statt  Amen  —  giuig:  an  welclien  fest  zu  gleubeu  vnd  in  solchem  Glauben 
zuuerliarren ,  wolle  vns  der  gütige  Vater  dazu  seinen  heiligen  Geist  verleihen  vnd 
geben,  Amen.  2)  Darnach  Beschlus  des  andern  Teils  dieses  Gesprechs.  3)  Statt 
Ich  hab  —  motha:  on  welch  erkentnis  niemand  wird  können  selig  werden  Ich  habe 
mein  AVort  in  seinen  mundt  geleget,  AVer  das  wort  nicht  lieb  hat,  der  sey  verflucht. 
4)  Ende  dieses  schönen  Gesprechs,  von  Adams  fall,  wie  derselbige  ist  gebüsset  wor- 
den, durch  Jesum  Christum  der  gantzeu  weit  Heiland.  Volget  nu  die  ausleguiig 
vber  das  erste  Capitel  des  ersten  theils,  dieses  Gesprechs.  S'^j^  seiteri.  Darnach 
Xützlich  Lere  aus  diesem  Ersten  Capitel  4^/^  seifen;  darnach  Auslegung  vber  das 
aoder  Capitel  des  ersten  Theiles,  3^^  Seiten;  Volget  nu  die  Auslegung  vber  das  erste 
Capitel  des  andern  Theils,  14^^  seifen;  2.  capitel  des  andern  teiles,  sowie  Adams 
prediijt  haben  keine  auslcfjwuj.  5)  Folget  Frag  ATid  antwort  tisiv.  bis  ztim  schluss 
fehlt;  auch  in  unser/n  abdrucke  wegyelassen ,  weil  xu  dem  yespräch  (jar  nicht  in 
bexieliuny  stehend. 

NORDHAUSEX.  E.    MATTHIAS. 


464 


EIN  BEIEF  JOHANN  LAUEEMBEEOS. 

Wann  und  mit  ivem  Lauremherg  seinen  hausstand  begründete, 
l/isst  die  sorgfältige  und  verdienstliche  wbeit  Lrqjpenbergs  (1861)  über 
seinen  lebensgang  unentschieden;  doch  teilt  er  s.  165  ein  glückininsch- 
gedicht  zum  18.  april  1619  mit,  in  welchem  der  junge  Rostocher  pro- 
fessor  einem  Hamburger  freunde,  dem  pastor  Heinrich  Mump,  bekent, 
dass  er  im  vergangenen  winter  zu  Hamburg  eine  geliebte  gefunden 
habe,  mit  der  er  sich  i))i  frühlinge  zu  verheiraten  hofte: 

Me  per  hortulos  vagantem,  quos  Cythera  prolicit,  — 
Mellea  siiave  cepit  Liliiim  fragrantia,  — 
Lilium,  qnod  mox  magistra  casti  Amoris  doxtera 
Inserendum,  sponte  Lauri  complicabitiir  comis, 
Una  radix  sab  gemcllo  floriturum  siirciilo.  — 
Mox  obumbrabit  cupituui  nostra  Lauras  Lilium. 

Wenn  schon  die  auffällig  oft  iriderholte  vergleichung  der  geliebten  mit 
einer  lilie,  verbunden  mit  der  in  Laurus  enthaltenen  anspielung  auf 
den  namen  Lauremberg,  auf  den  namen  der  braut  hinzudeuten  seheint, 
so  findet  diese  Vermutung  ihre  bestätigung  in  der  von  L.  Daae^  aus 
J.  Worms  Forsog  til  et  Lexicon  over  laerde  maend  1,  583  (1771) 
entlehnten  nachricht,  dass  Lauremberg  mit  Maria  Lelin  (Lilie)  ver- 
heiratet ivar.  Volle  Sicherheit  gewärt  nun  der  nachfolgende  aus  dem 
Wolfenbütteler  Mscr.  Gud.  lat.  12  entnommene  brief,  in  welchem  Lau- 
ronberg seiiwn  früheren  Ichrer  Kirch>nann  zu  seiner  am  23.  mai  1619 
zu  Hamburg  zu  feierncloi  hoclizeit  mit  Maria  Lilie,  tochter  des  Ham- 
burger bürgers  Sebastian  Lilie,  feierlich  einladet.  Johann  Kirchinann, 
geb.  1575  zu  Lübeck,  gest.  ebenda  1643,  hatte  1603—1613  in  Rostock 
die  später  von  Lauremberg  verwaltete  professur  poeseos  bekleidet,  ivar 
dann  aber  als  rcktor  der  Lübecker  gelehr tenschule  in  seine  Vaterstadt 
zurückgekehrt-.  Wir  können  an  der  hand  dieses  authentischen  doku- 
ments  zugleich  eine  bisher  auffällige  nachricht  des  historikers  Joh. 
Loccenius,  auf  welche  Dcme  aufmerksam  gemacht  Jmt,  als  irtümlich 
nachweisen.  Loccenius^  schreibt  nämlich  am  23.  med  1630  aus  Up- 
sala  an  den  Soröer  professor  Joh.  Meursius,  dass  Sebastiauus  Lilie, 
D.  Joanuis  Laurembergii ,    communis    nostri    amici,    gener    im    begriffe 

1)  0>i>  liitnuDiistcn  o(j  satir/'Lcreii  JoJmn  Laureinherg,   Cl/r/sfäau'a  1SS4  s.lö. 

2)  Bursian,  Alhfptii.  deutsclie  l)iof/raj>hir  IG,  14  fg. 

3)  Joci.  Meursius,   Opera  11,  511  (Florentiae  1762). 


fciN   BRIEF   LAUREMBERGS  465 

sei  nach  Dänemark  %u  reisen.  Unmöglich  konte  Laureinberg  1630 
schon  eine  heiratsfähige  tochter  U7id  einen  Schwiegersohn  hesitxen: 
Loccenius  hat  eben  g*ener  und  socer  verivechselt. 

Der  brief  steht  auf  einem  folioblatte  und  ist  mit  noch  xierliche- 
7'er  und  zarterer  schrift  als  die  von  mir  im  Jahrbuche  für  nd.  Sprach- 
forschung 13,  49  xusammengestelten  autographen  Laurembergs  ge- 
schrieben. 

S.  Amicitiae  nosti-ae  nuper  renatae  et  bono  cum  Deo  perennatu- 
rae  leges  postulant,  Vir  Clariss.  vt  audacius  nunc  te  compellem,  et 
sanctum  piumquo  a  te  poscani  Honoris  obsequium.  Ego  dum  vestigijs 
tuis  insistens  per  hortos  Apollineos  felicissime  ä  te  excultos  ambulo, 
et  calore  Poetico  nonnunquam  accendor,  alius  quoque  mentem  invasit 
igniculus,  qui  casti  Amoris  ala  ventilatus,  in  coniugalem  flammam  tan- 
dem  erupit.  Solet  sanö  Medicorum  et  Poötarum  cummunis  praeses 
interdum  adseclas  suos  in  hortos  Dioneos  deducere,  ijsque  spectanda 
praebere  lierbarum  florumquo  genera  quam  plurima:  Ego  quoque  non 
invitus  eo  perductus,  quemnam  e  tot  üosculis  seligerem,  diu  multum- 
que  mecum  perpendj:  sed  nee  rosae  purpura,  nee  ligustri  splendor, 
nee  viror  amaraci,  nee  caltae  aurum  nee  oder  violarum  ita  animum 
meum  affecit,  ut  unius  lilij  candor  et  fragrantia.  Hoc  quod  dico  lilium, 
virgo  est  honesta  et  überaus,  Maria  Lilia,  viri  integerrimi  et  pru- 
dentissimi  Sebastiani  Lilij,  civis  Hamburgensis  filia,  quam  legitime 
mihi  desponsam  solemniter  et  ritu  consueto  doniuui  deducere  constitui 
ad  diem  23  Maij,  qui  S.  Trinitatj  sacer  est.  |  Intelligis  nunc  ipse,  Vir 
Clarissime,  quid  a  te  petiturus  sim.  Cum  Floralia  celebrant  virgines, 
et  ad  serta  conficienda  flosculos  decerpturae  eunt,  amicularum  et  fami- 
liarium  turbam  convocant,  vt  ne  secretö  ac  sine  testibus  tarn  pulcra 
pereat  florum  amoenitas.  Ego  dum  coronam  mihi  plectit  Hymenaeus, 
et  pronubus  Amor  me  ducit  ad  delibandum  virgineum  lilij  mei  floscu- 
lum,  non  possum  non  convocare  ad  hanc  celebritatem  vires  quos  eru- 
ditio  et  virtus  amicos  mihi  conciHavit:  quos  inter  Tu  non  postremus 
es  Clariss.  Kirchmane,  quem  olim  praeceptorem  venerabar,  nunc 
amicum  haereditarium  et  fautorem  suspicio  ac  colo.  Tu  itaque  hoc 
officij  largiturus  es  amicitiae  nostrae,  atque  ita  te  compositurus,  ut  ad 
diem  modo  dictum  Hamburg!  praesto  esse^,  ibique  luceni  hanc  sollem- 
nem  et  Hymenaeo  ac  Hilaritudini  sacram  devotamque  ducere  proque 
feüci  nostro  coniugio  vota  ad  Deum  fundere  possis.  Facies  eo  ipso 
quod  dignum  est  sua  Virtuto,  et  mc  iam  ante  tibi  devinctum  aeternum 

1)  Hier  folgt  in  der  hs.  possis,  das  nachher  durchgestrichen  ist. 

ZEITSCHRIFT   F.    DEUTSCHE   PHILOLOGIE.      BD.    XXI.  30 


466  VON   BAHDER 

poiTu    obstringes.     Yale    Vir    Clarissime,    et   nie   tui    obseruantissimiini 
amare  perge. 

Eostochij,  Prid.  Non.  Maj.  An.  CIÜIOCXIX. 

T.  Exe.  Obs. 
Joannes  Laurembergius. 

BERLIN.  JOHANNES    BOLTE. 


KARL  BARTSCH.  1 

Mit  Karl  Bartsch,  f  zu  Heidelberg  am  19.  febr.  1888,  ist  ein  gelehrter 
dahingeschieden,  der  auf  dem  gebiet  der  germanischen,  wie  auf  dem  der  romanischen 
pliilologie  eine  vielseitige  und  erstaunlich  ausgedehnte  tätigkeit  entfaltet  hat,  auf  bei- 
den gebieten  als  kritiker  und  lierausgeber  der  hervoiTagendsten  einer. 

Karl  Bartsch  wurde  zu  Sprottau  am  25.  febr.  1832  geboren.  Von  seiner  frü- 
hesten Jugend  hat  er  uns  in  dem  bruchstück  einer  autobiographie  „Aus  der  kinder- 
zeit"  erzählt.  Seine  erste  ausbildung  erhielt  er  auf  den  gymuasien  zu  Gleiwitz  und 
Breslau.  Im  jähre  1849  bezog  er  die  dortige  Universität  um  klassische  philologie  zu 
studieren,  wendete  sich  aber  bald  und  dauernd  der  germanischen  philologie  zu,  in 
die  er  durch  Weinhold  eingeführt  wurde.  Seine  Studien  sezte  er  in  Berlin  fort,  wo 
namentlich  "W.  Grimm  anregend  auf  ihn  wirkte.  Neben  der  altdeutschen  zog  ihn 
auch  die  altfranzösische  und  provengalische  litteratur  in  hohem  grade  an,  imd  um 
sich  mit  diesen  näher  bekant  zu  machen,  unternahm  er  1852  —  53  eine  reise  nach 
Paris,  London  und  Oxford  und  durchforschte  die  dortigen  bibliotheken.  Frilchte  die- 
ser reise  sind  das  altfranzösische  und  das  provengalische  lesebuch,  hilfsmittel  die 
dem  Studium  der  romanischen  sprachen  ausserordenthch  zu  gute  gekommen  sind  und 
eine  reihe  von  auflagen  erlebt  haben.  Nachdem  er  die  folgenden  jähre  privatisierend 
und  in  vorübergehender  lehrerstellung  verbracht,  erhielt  er  1855  eine  anstellung  als 
custos  der  haudschriften  am  germanischeu  museum  zu  Nürnberg.  In  diesen  jähren 
knüpfte  er  die  bekantschaft  mit  Franz  Pfeiffer  an,  die  für  seine  wissenschaftliche 
richtung  von  eingreifender  bedeutuug  war.  Pfeiffers  bestrebuugen,  die  deutsche  phi- 
lologie von  den  fesseln  engherziger  schulmeinungen  zu  befreien  und  der  altdeutschen 
litteratur  mehr  als  es  bisher  der  fall  war,  in  den  kreisen  der  gebildeten  eine  statte 
zu  bereiten,  fanden  durch  Bartsch  warme  Unterstützung.  Von  anfang  au  gehörte  er 
zu  den  eifrigsten  mitarbeitern  der  Zeitschrift  Germania,  deren  redaction  er  vom 
14.  bände  ab  nacli  Pfeiffers  tode  übernahm.  In  Nürnberg  begann  er  seine  tätigkeit 
als  herausgeber  mhd.  bisher  unedierter  werke,  durch  die  er  viele  neue  quellen  der 
altdeutschen  litteratur  erschloss  und  die  deutsche  philologie  um  eine  reihe  kiitischer 
leistungen  ersten  ranges  bereicherte.  Noch  in  Nürnberg  erschienen  in  rascher  folge: 
des  Strickers  Karl,  die  bruchstücke  des  Berthold  von  Holle,  die  Erlösimg  mit  reich- 
haltigen mitteil ungen  über  andere  geistliche  dichtungen,  die  analyse  der  compilation 
Karlmeinet.  Erst  als  er  im  jahi-  1858  einen  ruf  als  professor  der  deutscheu  littera- 
tur an  die  Universität  Rostock  erhielt,  kam  er  in  eine  Stellung,  die  ilim  vöUig  zusagte 
und  ihm  erlaubte  mit  frischcrem  mute  fortan  sich  seinen  wissenschaftlicl\en  arbeiten 

[1)  Der  nachstehende  nekrolog,  dessen  abfassung  lir.  prof.  v.  Bahder  auf  unsere  bitte  freund- 
lichst übernommen  hatte ,  gelangt  seinem  wünsche  gemäss  unverändert  znm  abdruck ,  -wir  bemerken 
jedoch ,  dass  wir  mit  den  von  dem  hemi  verf.  ausgesprochenen  luteilen  und  ansehauiingen  in  mehreren 
punkten  nicht  übereinstimmen.     Red.] 


KARL   BARTSCH  467 

ZU  widmen.  Wie  uns  Bartsch  in  seinem  auf  der  Karlsruher  philologenversamluug 
gehaltenen  Vortrag  „Über  die  gründung  gormanischer  und  romanischer  Seminare  und 
die  methode  kritischer  Übungen"  selbst  erzählt,  war  schon  bei  der  berufung  verab- 
redet, dass  das  seit  1839  bestehende  phOosopliisch-ästhetiselie  Seminar  in  ein  deutsch - 
lihilologisches  verwandelt  werden  solte.  Bartsch  eröfnete  dies  Seminar  im  herbst 
1858 —  das  erste  deutsch -philologische,  das  den  späteren  gründungen  der  art  vielfach 
zum  Vorbild  gedient  hat.  In  die  Rostocker  zeit  fallen  eine  reihe  kritischer  untei"- 
suchungen  und  ausgaben,  von  denen  ich  nur  envähne  seine  Untersuchungen  über  das 
Nibelungenlied,  die  meisteiiieder  der  Kolmarer  handschrift,  die  altfranzösischen 
romanzen,  Albrecht  von  Halberstadt,  herzog  Ernst.  In  den  von  Pfeiffer  gegründeten 
„Ueiitschen  klassikcrn  des  nüttelalters "  übernahm  er  die  Kudrun,  das  Nibelungen- 
lied, später  Wolfram  von  Eschenbach.  Die  berufiuig  nach  Heidelberg  (1872)  als  pro- 
fessor  der  germanischen  und  romanischen  philologle  erschloss  ihm  einen  ausgedehnteren 
Wirkungskreis.  Auch  hier  war  die  begründung  eines  deutschen  seminars  (in  Verbin- 
dung mit  einem  romanisch -englischen)  seine  erste  tat.  Hier  in  Heidelberg  wirkte  er 
in  einem  immer  wachsenden  kreise  von  schillern  bis  zum  jähr  1876,  wo  ihn  eine 
lungenkrankheit  dem  tode  nahe  brachte.  Aber  seine  kräftige  natur  überwand  den 
anfall,  bis  ihn  1886  km'z  vor  dem  Heidelberger  Jubiläum,  an  dessen  Vorbereitungen 
er  |tätigen  anteil  genommen  liatte,  die  tückische  krankheit  von  neuem  ergriff  luad 
nicht  wider  gesunden  Hess.  Die  lezten  lebeusjahre  muste  der  unermüdlich  tätige 
mann  ohne  akademische  und  fast  ohne  schriftstellerische  tätigkeit  verbringen.  Sehr 
gross  ist  die  zahl  der  Schriften,  die  in  Heidelberg  von  ihni  ausgegangen  sind,  ich 
nenne  hier  den  grundriss  der  proveu^alischcn  litteratur,  die  sagen,  märchen  und 
gebrauche  aus  Mecklenburg,  die  ausgaben  von  Konrads  v.  Würzburg  Partonopier. 
Hugo  V.  Montfort,  Reinfrid  von  Braunschweig,  die  schweizerischen  Minnesinger,  die 
die  neubearbeitung  von  Kobersteins  grundriss  und  Gervinus  litteraturgeschichte ,  das 
buch  „Zur  quellenkunde  der  altdeutschen  litteratur. " 

Im  mittelpunkt  der  gelehrten  tätigkeit  Bartschs  auf  germanistischem  gebiet 
steht  die  kritische  behandlung  altdeutscher,  vornehmlich  mhd.  gedichte.  Als  kritiker 
wandelt  Bartsch  in  den  fussstapfen  von  Lachmann  und  Haupt.  Als  geistigen  schüler 
Lachmanns  müssen  wii'  Bartsch  m  der  tat  bezeichnen,  trotz  der  kluft,  die  ihn  von 
der  Lachmannschen  schule  trente;  er  selbst  hat  sich  als  solchen  gern  bekant.  Wie 
Lachmann  hatte  er  es  sich  zum  ziel  gesteckt,  die  herausgegebenen  gedichte  in  ihrer 
ursprünglichen  form  wider  herzustellen.  Die  mit  Sicherheit  durchgeführte  kritische 
methode,  die  voUe  beherschuug  der  mhd.  spräche,  die  Vertrautheit  mit  der  altdeut- 
schen litteratur,  die  poetische  Veranlagung,  die  es  ihm  ermöglichte,  die  werte  des 
dichters  bei  trümmerhafter  Überlieferung  wider  herzustellen,  Hessen  ihm  auch  schwere 
aufgaben  glänzend  geHngen.  Sein  versuch  das  gedieht  des  Albrecht  v.  Halberstadt 
aus  Wickrams  Überarbeitung  in  die  ursprüngliche  form  zuiilckzuübeiiragen,  legt  von 
seinem  talent  rühmliches  zeugnis  ab.  Notwendige  Voraussetzung  einer  kritischen 
ausgäbe  ist  die  gründliche  durchforschung  der  spräche  und  metrik  des  behandelten 
denkmals.  Bartsch  führte  nicht  wie  Lachmann  in  seinen  ausgaben  ein  normalisieiies 
nüttelhochdeutsch  dui'ch,  sondern  suchte  durch  sorgfältige  betrachtung  der  reime  die 
sprachformen  des  dichters  festzustellen.  So  hat  er  bei  den  mitteldeutschen  denk- 
mälern,  die  ihn  nach  Pfeiffers  Vorgang  besonders  anzogen,  die  ursprüugHchen  formen 
zu  erschliessen  gesucht.  Dass  es  ihm  Ijei  diesem  verfahren  auch  nur  annähernd 
gelungen  wäre,  die  sprachformen  des  dichters  überall  herzustellen,  wird  jezt  aller- 
dings niemand  behaupten  können,    dazu  sind   speciellere  dialektische  Untersuchungen 

30* 


468  VON   BAHDER 

erforderlich  mit  benutzuag  urkuudliclieu  materiais  und  der  modernen  mundart.  Solclie 
eingehendere  sprachliclie  forscliuugcn  vorzunehmen,  lag  Bartsch  fern,  wie  das  gebiet 
der  Sprachforschung  überhaupt  nicht  das  war,  auf  dem  er  sich  mit  verliebe  bewegte. 
—  Von  bleibenderem  werte  sind  Bartschs  metrische  Untersuchungen.  Auch  hier 
durchaus  von  Lachmanns  forschungen  ausgehend,  gelangte  er  doch  bald  in  wichtigen 
punkten  zu  abweichenden  ansichten.  Sein  feines  gefühl  für  rhythmiis  lehrte  ihn  das 
unhaltbare  von  bctonuxigcn  wie  liebe  mit  leide.  Eine  reihe  von  monographicn ,  wie 
über  den  strophenbau  in  der  höfischen  Ijaik,  den  inneren  reim  in  der  höfischen  lyi'it, 
die  lateinischen  Sequenzen,  legen  für  seine  begabung  für  metrische  imtersuchungen 
Zeugnis  ab. 

Als  htterarhistoriker  komt  Bartsch  die  gleichmässige  beherschung  der  germa- 
nischen und  romanischen  litteraturen  zu  gute.  So  konte  er  über  die  zusammenliänge 
der  provengalischen  und  mhd.  lyrik,  über  die  bearbeitungen  der  Eolandsage,  über 
die  quellen  des  Parzival  wichtige  aufschlüsse  geben.  Das  meiste  hierher  gehörige 
findet  sich  in  den  Anleitungen  zu  den  ausgaben;  die  zu  Albrecht  v.  Halberstadt  und 
zum  herzog  Ernst  seien  besonders  hervorgehoben.  Die  eiuleitungen  zu  den  „Classi- 
kern"  geben  in  gesclimackvoUer  form  über  die  entstehung  und  grimdlage  der  dich- 
tungcn  aufschluss.  Nach  diesen  leistungen  dui-fte  sich  Bartsch  wol  als  berufen 
ansehu,  die  neubearbeitung  von  Kobersteins  grundriss  und  Gervinus  geschichte  der 
deutschen  dichtviug  zu  übernehmen.  Die  den  altdeutschen  Zeitraum  behandelnden 
teile  des  gruudrisses  sind,  namentlich  in  der  6.  aufläge,  fast  ganz  zum  eigentum 
Bartschs  geworden,  wir  verdanken  ihm  nicht  bloss  die  fülle  des  bibliographischen 
materiais,  sondern  auch  den  darstellenden  tcxt  zum  grossen  teile. 

Fragt  man  nach  dem  höhepunkt  der  wissenschaftlichen  tütigkeit  Bartschs,  so 
werden  lüer  unstreitig  seine  Untersuchungen  über  das  Nibelungenlied  zu  nennen  sein. 
Die  ansichten,  die  sich  Bartsch  aus  seineu  früheren  kritischen  Untersuchungen  über 
die  bearbeitiuigen  älterer  gedichte  gebildet  hatte,  übertrug  er  hier  auf  das  gröste 
deutsche  cpos  und  trat  mit  einer  theoric  hervor,  welche  berufen  schien,  die  sich  einan- 
der scliroff  gegenüberstehenden  meinungen  zu  versöhnen.  Wenn  sie  in  fachkreisen 
keine  ungeteilte  Zustimmung  gefunden  hat,  so  lag  das  ziuii  teil  daran,  dass  man 
sich  nicht  entschliessen  konte  oder  wolte,  den  kernpunkt  der  theorie,  die  annähme 
der  beiden  bearbeitungen,  von  einigen  weniger  gesicherten  annahmen  zu  sondern, 
zu  denen  sich  Bartsch  bekante,  z.  b.  zur  autorschaft  des  Küreubergers,  oder  dass 
man  der  art  und  weise,  wie  Bartsch  das  original  zu  reconstruieren  suchte,  nicht 
durchaus  zustimte.  Mögen  auch  einzelne  von  Bartschs  aufstellungen  als  zweifelhaft 
oder  hinfällig  erscheinen,  die  grundlagen  seiner  theorie  sind  unerschüttert,  ja  es  ist 
kaum  der  versuch  zur  widerlegimg  derselben  gemacht  worden.  Bartsch  gereichte  es 
zur  besonderen  genugtuung,  dass  man  auch  von  ehemals  gegnerischer  Seite  seinen 
ansichten  in  wesentlichen  stücken  entgegenkam. 

Nicht  geringschätzen  wollen  wir  Bartschs  tätigkeit  auf  bibliographischem  gebiet. 
In  seinen  seit  1863  in  der  Germania  erscheinenden  bibliograplüschen  Übersichten  gab 
er  zuerst  einen  überblick  über  das  gesamtgebiet  der  deutschen  philologie,  welcher 
diese  als  eine  in  sich  geschlossene,  wolgegiiederte  Wissenschaft  hervortreten  liess,  und 
hat  die  algemeinc  anerkeunung  der  deutschen  pMologie  als  einer  selbständigen,  phi- 
lologischen Wissenschaft  dadurch  nicht  wenig  gefördert,  vor  allem  aber  den  fach- 
genossen ein  beqiiemes  und  unentbehi-Hches  hilfsmittel  geliefert.  Bartsch  hat  dieseni 
rmternehmen,  das  fast  allein  auf  seinen  schultern  ruhte,  einen  grossen  teil  seiner 
zeit  geopfert,  er  führte  es  auch  noch  weiter  fori,  als  im  jahresbericlit  der  gesclschaft 


(! 


KARL   BARTSCH  469 

für  deutsche  phüologie  ein  coucurrenzunternelimea  entstanden  war;  nur  in  den  lezten 
jalirea  verhinderte  ihn  seine  schwere  krankheit  die  bibliographie  zu  liefern.  —  Sehr  aus- 
gedehnt war  auch  Bartschs  recensionstcätigkeit.  Er  hat  fast  über  alle  werke,  die  ihn 
näher  berührten,  recensionen  geschrieben,  meist  in  der  Germania.  Yiele  derselben 
enthalten  höchst  wichtige  beitrage  zur  kritik.  Es  ist  erstaunlich,  wie  ausserordent- 
lich weit  Bartsch  den  kreis  seiner  kritischen  Untersuchungen  zog  und  doch  begegnet 
unter  diesen  kaum  eine,  die  nicht  von  gründlicher  bekantschaft  mit  der  handschrift- 
lichen Überlieferung  und  tiefer  Versenkung  in  den  Sprachgebrauch  des  besprochenen 
Werkes  zeugte. 

Bei  diesen  Untersuchungen  kam  Baiisch  namentlich  noch  eins  zu  gute:  seine 
bedeutenden  kentnisse  auf  dem  gebiete  der  i)aläographie  und  handschriftenkunde. 
Die  zahl  der  handschriften ,  welche  durch  seine  bände  gegangen  sind,  ist  enorm.  Er 
besass  auch  eine  kentnis  der  gedruckten  und  noch  ungedruckten  altdeutschen  litte- 
ratur  wie  kaum  ein  anderer.  Zeugnis  davon  legt  der  katalog  der  altdeutschen  hand- 
schriften der  Heidelberger  imiversitätsbibliothek  ab;  leider  konte  er  die  den  einzelnen 
stücken  beigefügten  verweise  nicht  in  der  volstäudigkeit  geben,  wie  es  ui'sprünglich 
sein  plan  war.  Seit  jähren  arbeitete  er  an  einer  Quellenkunde  der  altdeutschen  litte- 
ratur,  eine  kleine  probe  daraus  veröffentlichte  er  in  dem  gleichnamigen  buche,  das 
übrige  war  bei  seinem  tode  schon  so  weit  gediehen,  dass  eine  Veröffentlichung  des 
ganzen  zu  erwarten  ist. 

Die  persönlichen  schüler  Bartschs  gedenken  mit  besonderer  daukbarkeit  des- 
sen, was  er  ihnen  als  lehrer  in  colleg  und  seminar  gewesen  ist.  Seinem  Vortrag 
fehlte  jeder  phrasenhafte  aufputz;  schlicht  gehalten,  wie  er  war,  fesselte  er  doch 
den  Zuhörer  durch  die  klare  gedankenentwicklung  und  die  zu  herzen  gehende  wärme 
des  tones.  Den  teilnehmern  am  seminar  werden  besonders  die  textkritischen  Übun- 
gen uuvergesslich  sein.  Hier  wusste  er  den  schüler  selbst  zui'  kritischen  arbeit 
anzuregen  und  ihn  in  stand  zu  setzen,  seine  grammatischen  imd  metrischen  kent- 
nisse zvu'  kritischen  reconstruction  der  texte  zu  verwerten.  Nirgends  so  wie  hier 
gewann  man  den  eindruck,  dass  Bai'tsch  von  seinem  eigensten  gebe  und  aus  dem 
reichen  schätze  seiner  durch  die  eingehendsten  forschungen  gewonnenen  erfahrungen 
schöpfe. 

Seinem  wesen  nach  eine  milde  und  versöhnliche  natui',  Hess  sich  Bartsch  doch 
hie  und  da  zu  scharfer  und  verletzender  polemik  hinreissen,  doch  meist  nur  da,  wo 
er  es  mit  einem  in  parteihochmut  befangenen  gegner  zu  tun  zu  haben  glaubte.  In 
der  Wissenschaft  hat  er  nie  den  einseitigen  parteistandpimkt  eingenommen,  der  alles 
nicht  innerhalb  der  parteikreise  entstandene  ignoriert  oder  nur  gelegentlich  mit  hämi- 
schen bemerkungen  abfertigt,  sondern  hat  auch  das  von  gegnerischer  Seite  kommende 
gute  willig  anerkant,  das  nach  seiner  ansieht  verfehlte  mit  gründen  bekämpft.  Die 
kleinliche  freude,  wissenschaftliche  gegner  vom  katheder  herab  zu  verunglimpfen, 
hat  sich  Bartsch  nie  bereitet.  "Wenn  er  sich  im  colleg  über  die  in  unsrer  Wissen- 
schaft bestehenden  gegensätze  aussprach,  tat  er  es  nie  ohne  auch  seinen  geguern  mit 
achtimg  zu  begegnen. 

Viel  zu  früh  ist  Bartsch  seiner  rastlosen  tätigkeit  entrissen  worden.  In  der 
deutschen  philologie  wird  der  reichbegabte  mann,  der  gründliches  wissen  und  metho- 
dische Schulung  mit  feinem  sinn  für  poesie  verband,  allezeit  eine  ehrenstelle  ein- 
nehmen. 

LEIPZIG.  KARL    VON    BAHDER. 


470 


JON  ARNASON. 

Soeben  bringt  mir  ein  brief  des  isländischen  geologen  IVjrvaldur  Thoroddsen 
die  traurige  nachricht  von  dem  am  4.  September  1.  j.  erfolgten  tode  seines  pflege- 
vaters,  des  bibliotliekars  Jon  Arnason  in  Reykjavik.  Die  liervorrageuden  Verdienste 
des  treflichen  mannes  um  die  volks-  und  sagenkunde  seiner  heimat  begründen  für 
ihn  doch  wol  einen  nachruf  in  einem  deutschen  fachblatte,  und  meine  langjährige 
Verbindung  mit  demselben  mag  es  entschuldigen ,  wenn  gerade  ich  dem  lieben  freunde 
einen  solchen  zu  widmen  wage. 

Jon  Arnason  war  am  17.  august  1819  zu  Ilof  auf  den  Skagaströud  in  der 
Hünavatnssysla  geboren;  nicht  am  7.  august,  Avie  bei  A.  de  Gubernatis,  Dictionnaire 
international  des  ecrivains  du  jouv,  s.  83  verdruckt  steht.  Schon  in  früher  jugend 
verlor  er  seinen  vater,  Arni  Illugason  {-f  1825),  welcher  am  genanten  orte  pfarrer 
war,  lind  wuchs  unter  der  obhut  seiner  mutter  auf,  bis  er  die  gelehrte  schule  bezog, 
welche  damals  noch  in  Bessastadir  ihren  sitz  hatte.  Im  jähre  1843  absolvierte  er 
diese  laut  des  mir  vorliegenden  schulberichts  über  dieses  jalir,  mit  welchem  auch  die 
angaben  von  Erslew,  Forfatter-lexicon,  Suppl.  I.  s.  38  und  Kr.  Kälund ,  in  J.  0.  Bricka's 
Dansk  biografisk  Lexikon,  I,  s.  334  übereinstimmen;  das  mir  anderweitig  genante 
jähr  1845  muss  darnach  auf  einem  irtum  beruhen.  Unter  der  leitung  Sveinbjöru  Egils- 
sons,  des  tüchtigen  rectors,  und  Hallgrim  Schevings,  des  vortreflichen  lehrers  der 
genanten  schule,  erwarb  sich  Jon  eine  gründliche  klassische  bildung  nicht  nur,  son- 
dern auch  eine  sehr  eingehende  bekantschaft  mit  der  isländischen  spräche  und  litte- 
ratur;  beiden  männern  bewahrte  er  ein  treues  und  dankbares  angedenken.  Lange  jähre 
diente  er  sodann  selbst  an  der  gelehrten  schule,  zuerst  als  aushilfslehrer  und  später 
als  inspector;  andererseits  bekleidete  er  mehrere  jähre  hindurch  den  dienst  eines 
bischöflichen  secretärs,  und  über  30  jähre  lang,  anfangs  unentgeltlich,  später  um 
geringen  lohn,  das  amt  eines  Vorstandes  der  landesbibüothek ,  welche  unter  seiner 
Verwaltung  einen  sehr  bedeutenden  Zuwachs  erhielt.  Endlich  gehörte  er  auch  zu 
den  bogründern  und  eifrigsten  förderei'u  der  isländischen  altei'tümersamlung  und  zu 
den  fleissigsten  mitglicdcru  der  in  Reykjavik  sesshaften  abteiluug  des  Islenzka  Bök- 
mentafolags,  überall  seine  kräfte  einsetzend,  wo  sein  land  deren  zu  bedürfen  glaubte. 
—  Am  25.  august  1866  verheiratete  sich  Jon  Arnason  mit  Katrin,  einer  tochter  des 
administrators  forvaldur  Sivertsen  von  Hrappsey;  ein  hofnungsvoUer  söhn,  welcher 
aus  dieser  ehe  hervorgieng,  starb  im  jähre  1883,  und  sein  verlnst  beugte  den  ohne- 
hin schon  leidenden  vater  vollends  darnieder.  Durch  gicht  schon  seit  geraumer  zeit 
am  schreiben  gehindert,  und  in  den  lezten  jähren  überdies  axxch  nahezu  erblindet, 
ertrug  er  gottergeben  sein  schweres  leiden,  bis  er  demselben  vor  wenigen  wochen 
endlich  erlag.  Schlichte  frömmigkeit  war  überhaupt  der  grundzug  im  Charakter  des 
mannes,  so  wenig  er  davon  sprach,  und  so  wenig  er  jemals  neigung  zum  geistlichen 
stände  verspürt  hatte,  zu  welchem  ihm  sein  bilduugsgang  den  zutritt  eröfnet  hätte. 
Einfach  und  grundehrlich,  zurückhaltend  im  verkehr  mit  andern,  und  doch  wolwol- 
lend  und  dienstfertig  gegen  jedermann,  war  er  bei  allen  beliebt  die  ihn  kanten;  alzu 
bescheiden  um  sich  irgendwie  vorzudrängen,  spielte  er  aber  trotz  seiner  nationalen 
gesinnung  und  seiner  begeisterung  für  alles  volkstümliche  nie  eine  rolle  im  Öffent- 
lichen leben  seiner  heimat,  und  nie  konte  er  es  zu  einer  Stellung  bringen,  die  ihm 
ein  sorgenfreies  dasein  gesichert  hätte.  Sein  leben  war  ein  leben  voller  arbeit  und 
not,  und  wird  er  seinen  lohn  erst  im  jenseits  erhalten. 


MAtTRER,   JOS  ARN'ÄSON  471 

Jon  Ärnason  hatte  schon  frülizeitig  eine  lebensbeschreibung  Luthers  (Agrip  af 
sefisögu  dr.  Maiieins  Lüters,  Reykjavik  1852),  und  eine  solche  kaiser  Karls  des 
grossen  geschrieben  (Sagan  af  Karlamagnüsi  keisara;  Kopenhagen  1853);  er  war  fer- 
ner niitherausgeber  der  Drapa  um  Örvar-Odd  von  Benedikt  Gröndal  (Reykjavik  1851) 
und  der  gesammelten  Schriften  Sveinbjörn  Egüssous  gewesen  (Reykjavik  1855  —  5ü), 
für  welche  lezteren  er  auch  eine  lebensbeschreibung  dieses  seines  lehrers  beisteuerte. 
Der  Schwerpunkt  aber  seiner  leistungen  lag  in  seinen  werken  auf  dem  gebiete  der 
isländischen  Volkskunde.  Der  biiider  Grimm  „Kinder-  und  hausmärchen"  gaben  den 
anstoss  zu  diesem  seinem  mrken.  Sie  waren  ihm,  der  damals  als  hauslehrer  bei 
Sveinbjörn  Egilsson  in  Bessastaflii"  lebte,  und  zugleich  Magnus  Grimsson  in  die  bände 
gefallen,  welcher  damals  als  schüler  die  dortige  gelehrte  schule  besuchte;  schon  im 
jähre  1845  verabredeten  beide  gemeinsames  sammeln  isländischer  volkssagen  und  mär- 
chen,  Volkslieder,  Sprüche,  spiele,  rätsei  u.  dgl.,  und  als  erste  frucht  ihrer  gemein- 
samen tätigkeit  veröffentlichten  sie  bereits  im  jähre  1852  ein  büchlein,  welches  den 
titel  „Islenzk  «jfintyii"  führt  (Reykjavik).  Teils  der  frühe  tod  seines  freundes  imd 
mitarbeiters,  welcher  am  18.  januar  1860  als  pfarrer  zu  Mosfell  in  der  Mosfellssveit 
starb,  teils  auch  die  Schwierigkeit  für  die  rasch  anwachsenden  samlungen  einen  Ver- 
leger zu  finden,  Hess  diese  später  etwas  ins  stocken  geraten;  als  sich  aber  eine  nam- 
hafte buchhandlung  in  Deutschland  bereit  erklärte,  den  vertag  zunächst  der  volks- 
sagen und  märchen  zu  übeniehmen,  und  als  auch  das  Islenzka  Bokmentafelag  zu 
solchem  behufe  seine  Unterstützung  zusagte,  strömte  rasch  neuer  stoff  von  allen  sei- 
fen bei,  und  bereits  in  den  jähren  1862  —  6-4  konte  die  samlung  in  zwei  starken 
octavbänden  erscheinen  (Islenzkar  {)jöctsögur  og  jefintyri;  Leipzig  J.  C.  Hiniichs). 
Hatte  noch  im  jähre  1849  ein  dänischer  arzt,  welcher  doch  anderthalb  jakre  lang  die 
insel  in  amtlichem  auftrage  bereist  hatte  (P.  A.  Schleisner,  Island  undersögt  fra  et 
Isegevidenskabeügt  syuspunkt,  s.  164  —  65)  behaupten  können,  dass  auf  Island  zwar 
noch  viel  aberglaube  hersche,  aber  ohne  den  dichterischen  schwung,  welchen  er  im 
übrigen  norden  zeige,  imd  dass  man  dort  nur  sehr  wenig  den  elben  und  sonstigen 
naturgeistem  entsprechendes  kenne,  mit  welchen  das  volk  in  Norwegen,  Schweden 
und  Dänemark  die  natiu'  zu  bevölkern  verstehe,  so  zeigte  sich  jezt  in  schlagendster 
weise  die  völlige  unlialtbarkeit  dieses  ausspruches.  Das  statliche  werk  hat  bereits 
so  viele  bearbeitungen  in  englischer,  dänisch -norwegischer  imd  deutscher  spräche 
erhalten,  und  ist  von  fachmänuera  und  reisebeschreibern  schon  so  vielfach  benüzt 
worden,  dass  es  unnötig  erscheint  über  dessen  bedeutung  hier  etwas  zu  sagen;  aber 
dafür  darf  ich  hier  zeugnis  ablegen,  dass  Jakob  Grimm,  welchem  dasselbe  gewidmet 
ist,  immittelbar  nach  dessen  empfang  in  einem  briefe  an  mich  eine  wahrhaft  rtihrende 
freude  ausspracli  über  den  ebenso  reichen  als  eigentümlichen  Zuwachs,  welchen  die 
samlung  der  germanischen  sagenkuude  bringe.  Neuerdings  hat  nun  das  Bokmenta- 
felag angefangen  ehien  zweiten  teil  der  volkstümüchen  samlungen  Jons  und  einiger 
jüngerer  freunde  desselben  herauszugeben,  nämlich  die  rätsei,  reimspiüche  und 
spiele;  das  erste  heft  der  rätsei  hat  noch  Jon  Arnason  selbst,  das  erste  heft  der 
spiele  aber  hat  im  einverständnisse  mit  ihm  Olafur  Davidsson  bearbeitet,  welchem 
lezteren  man  auch  eine  sehr  verdienstliche  einleitung  über  die  geschichte  der  spiele 
auf  Island  verdankt  (Islenzkar  gatur,  pidur  og  skemtanir,  1887  imd  1888).  Hoffent- 
lich wird  nicht  nur  die  veröffenthchung  dieser  samlung  glücklich  zu  ende  geführt, 
sondern  auch  die  überaus  reiche  liedersamlung  bald  herausgegeben,  welche  Jon  Arna- 
son zusammengebracht  hat.  Da  sein  handschriftlicher  nachlass  teils  beim  Bokmenta- 
felag, teüs  in  der  isländischen  landesbibliothek  untergebracht  ist,    düi'fte  die  heraus- 


472  MAUEEß,  JON  AENASON 

gäbe  keine  übertriebenen  sehwierigkeiten  bieten ;  der  mann  selbst  und  die  Wissenschaft 
haben  aber  ansprach  darauf,  dass  des  ersteren  treue  lebeusarbeit  nicht  nutzlos  ver- 
loren gehe. 

Indem  ich  diesen  nekrolog  abschliesse,  gehen  mir  die  „Isländische  volks- 
sagen.  Aus  der  samlung  von  Jon  Arnason  ausgewählt  und  aus  dem 
isländischen  übersezt  von  M.  Lehmann -Filhes"  zu  (Berlin,  Mayer  &  Mül- 
ler, 1889),  ein  werk,  welches  ganz  geeignet  scheint,  die  bekantschaft  mit  den  volks- 
sagen  Islands  denjenigen  zu  vermitteln,  welche  der  isländischen  spräche  nicht  hin- 
reichend mächtig  sind,  um  sie  im  originale  studieren  zu  können.  Nui'  wäre  zu  wün- 
schen, dass  die  auswahl  etwas  reichlicher  ausgefallen  wäre,  und  dass  der  bearbeiter 
zimial  auch  von  den  für  Island  so  überaus  charakteristischen  tJtilegumannasögur  einige 
mitgeteilt  hätte. 

Ich  benutze  aber  diese  gelegenheit,  um  auf  ein  weiteres  werk  aufmerksam  zu 
machen,  welches  unter  dem  titel:  „Jon  Sigurclsson,  the  icelandic  patriot. 
A  biographical  sketch,  published  by  one  of  his  relatives"  kürzlich 
erschienen  ist  (Reykjavik,  1887).  Ganz  abgesehen  von  seinen  sonstigen  Verdiensten 
hat  der  am  7.  december  1879  verstorbene  Jon  SigurSsson  für  die  volkskimde  seiner 
heimat  unendlich  vieles  geleistet,  wenn  auch  ziun  teü  in  mehr  verborgener  weise, 
durch  die  von  ihm  angelegten  samlungen  und  die  anderen  von  ihm  gewährte  anre- 
gung  und  förderung;  aus  diesem  gründe  mag  die  ebenso  warm  als  wahr  geschriebene 
biographie  desselben,  welche  wir  einem  seiner  jüngeren  verwanten,  I'orlakur  Olafsson 
Johnsen  in  Reykjavik  verdanken,  hier  erwähnt  werden. 

MÜNCHEN,    26.   OCTOBER   1888.  KONRAD   MAURER. 


MISCELLEN  UND  LITTEEATUR 

Die  Griseldissage  in  der  littcraturgeschichte  von  Friedrich  you  Westen- 
holz.     Heidelberg,  K.  Groos.  1888.     1  bl.  u.  177  s.    8.     2,40  m. 

Eine  eingehende  Untersuchung  über  die  zahlreichen  gestaltimgen  der  von  dem 
dichter  des  Decamerone  in  die  litteratur  eingeführten  Griseldisfabcl  ist  widerholt  in 
Iczter  zeit  als  wünschenswert  bezeichnet  worden.  Sehr  erleichtert  ist  diese  arbeit  durch 
den  vorzüglichen  artikel  „Griselda"  in  Ersch  und  Grubers  Algemeiner  encyclöpädie 
der  Wissenschaften  imd  künste  I.  Serie,  91.  band,  s.  413  —  411  (1871),  in  welchem 
Rein  hold  Köhler  die  samlung  und  Ordnung  des  materiales  vorgenommen  und  die 
wichtigsten  fragen  knapp  und  sachkundig  erörtert  hat,  imd  durch  che  nachtrüge, 
welche  Ph.  Strauch  1885  in  der  Zeitschrift  für  deutsches  altertimi  29,  373  —  443 
im  anschluss  an  seine  Veröffentlichung  von  Albrecht  von  Eybs  Grisardis  gab.  Auch 
lagen  für  die  methode  einer  solchen  Untersuchung  genug  ähnliche  arbeiten  vor,  welche 
als  muster  dienen  konten. 

Leider  erfült  das  vorliegende  buch,  welches  nach  s.  164  als  doktordissertation 
in  Heidelberg  eingereicht  und  genehmigt  worden  ist,  nicht  die  durch  den  titel  eiTeg- 
ten  erwartungen.  Das  von  Köhler  zusammengebrachte  material  hat  der  Verfasser 
nicht  volständig  ausgenuzt,  von  Strauchs  artikel  aber  auffallender  weise  erst  nach 
abschluss  des  ganzen  kimde  erhalten,  und  auch  andre  neuere  einschlagende  werke 
wie  C.  Schröders  ausgäbe  der  Griseldis  und  des  ApoUonius  (Leipzig  1873),  W.  Sehe- 


BOLTE,    ÜBER  VON   WESTENHOLZ,    GRISELDISSAGE  473 

rers  Anfänge  des  deutschen  prosaromaus  (Strassburg  1877)  oder  M.  Landaus  Quellen 
des  Decamerone  (Stuttgart  1884)  übei-sehen.  In  der  anordnuug  des  Stoffes  folgt 
er  diu'chaus  Köhler,  indem  er  seine  darstellung  in  folgende  abschnitte  gliedert: 
I.  Über  den  Ursprung  der  sage.  11.  Die  grundlegenden  bearbeitungen  der  sage  (Boc- 
caccio und  Petrarca).  III.  Bearbeitungen  in  prosa  ( Volksbücher  und  märchen). 
IV.  Poetische  bearbeitimgen  (3  epische  gedichte  und  4  dramen).  Als  sein  ziel 
bezeichnet  v.  Westenholz  s.  4,  eine  geschichte  aus  dem  Decamerone  auf  ihren  Wande- 
rungen durch  Europa  oder  doch  den  hauptstationen  derselben  zu  verfolgen,  da  ihm 
ein  derartiges  unternehmen  recht  interessante  einblicke  in  die  verschiedene  auffas- 
sungs-  und  darstellungsweise  eines  und  desselben  Stoffes  bei  verschiedenen  Völkern 
und  zu  verschiedenen  zeiten  zu  versprechen  schien.  In  wirkliclikeit  begnügt  er  sich 
mit  einer  analyse  von  sechs  prosaischen  und  sechs  poetischen  bearbeitungen,  unter 
denen  die  von  Dekker,  Chettlo  und  Haughton  verfasste  „Comedy  of  Patient  Grissil" 
und  Halms  Schauspiel  Griseldis  (1834)  am  ausführlichsten,  auf  66  selten,  besprochen 
werden.  Ein  solches  eklektisches  verfahren,  welches  dem  mehrverheissenden  titel 
einigermassen  widerspricht,  liesse  sich  rechtfertigen,  wenn  eben  wirklich  die  haupt- 
sächhchsten  fragen,  welche  sich  an  die  entwickelung  des  Stoffes  knüpfen,  erörtert 
und  eine  geschichte  der  lezteren  gegeben  würde.  Aber  die  erste  hauptfrage,  auf 
welche  v.  Westenholz,  nachdem  er  über  Boccaccios  quelle  nur  zu  einem  nega- 
tiven ergebnis  gelangt  ist,  auf  s.  21  eingelit,  das  Verhältnis  der  lateinischen  bearbei- 
tung  Petrarcas  zu  dem  italienischen  originale,  vennag  er  nicht  selbständig  zu 
lösen,  da  ihm  die  erzähluug  Petrarcas,  die  doch  für  die  Verbreitung  des  Stof- 
fes nach  dem  auslande  weit  wichtiger  wurde  als  Boccaccios  novelle,  welche  nach 
G.  Voigts  ausdruck  die  gattung  der  novelle  überhaupt  erst  in  den  humanistenkreisen 
hoffähig  machte,  „nicht  zugänglich"  war;  er  beschränkt  sich  also  auf  die  Verdeut- 
schung Steinhöwels  vom  jähre  1472  und  die  schon  von  Köhler  gegebenen  bemerkim- 
gen.  War  es  wirklich  so  schwierig,  was  die  Heidelberger  bibliothek  nicht  bot,  von 
einer  andern  zu  erhalten?  Sehr  nahe  lag  es  ferner,  die  verschiedenen  deutschen 
Übersetzungen  des  15.  Jahrhunderts  mit  einander  zu  vergleichen,  von  denen  eine  sogar 
in  Heidelberg  selbst  handschriftlich  vorhanden  ist.  Wir  besitzen  drei  bearbeitungen 
nach  Petrarca:  durch  Heinrich  Steinhöwel,  durch  Albrecht  von  Eyb,  durch  einen 
ungenanten  obersächsischen  klostergeistliclien,  und  eine  nach  Boccaccio  direkt  durch 
Arigo,  den  Verfasser  der  ohne  ausreichende  gründe  Steinhöwel  zugeschriebenen  üeca- 
meronübersetzung,  während  Niclas  von  Wyles  Verdeutschung  verloren  gegangen  zu 
sein  scheint.  Aber  v.  Westeuholz  geht  an  diesen  wertvollen  beispielen  für  das  eindrin- 
gen der  italienischen  novelle  in' die  deutsche  litteratur  und  für  die  gestaltung  des 
prosaromans  vorüber  und  citiert  weder  Bobertag  noch  Scherer;  nur  im  anhange 
bespricht  er  nachträglich  Eybs  arbeit,  freilich  ohne  der  formalen  seite  genügende 
beobachtung  zu  schenken.  Die  gedruckten  Volksbücher  in  verschiedenen  sprachen 
werden  nach  Köhler  aufgezählt;  für  die  vier  märchen  (s.  33  —  46)  wird  ebenfals  Köh- 
lers aufsatz  „Die  Griseldisnovelle  als  Volksmärchen"  [Archiv  f.  litgesch.  1,  409  —  427] 
ausgezogen;  woher  aber  Köhler  das  dänische,  das  russische  und  das  isländische  mär- 
chen entlehnt  hat,  wird  nicht  gesagt,  wie  auch  sonst  die  bibliograpliischen  angaben 
öfter  die  nötige  Sorgfalt  vermissen  lassen;  Köhlers  grundlegender  artikel  bei  Ersch  und 
Gruber  z.  b.  wird  weder  s.  8  noch  s.  28  genau  angeführt.  Schi'ieb  vielleicht  der  Ver- 
fasser sein  buch  überhaupt  für  ein  grösseres  publikum,  dem  an  dergleichen  dingen 
nicht  viel  liegt?  Allein  diesem  würde  doch  auch  nicht  mit  seitenlangen  blossen  auf- 
zählimgen  von  büchertiteln  wie  s.  28  fgg.  gedient  sein. 


474  BOLTE 

Besser  gelungen  ist  dem  Verfasser  der  4.  abschnitt :  „Poetische  bcarbeitiingen" ; 
er  gibt  hier  ausführliche  inhaltsan gaben  von  Chaucers  „The  prioresses  tale",  von 
der  altcuglischen  ballade,  welche  für  die  Dekkersche  komödie  die  quelle  hergab,  und 
von  der  „Nouvclle  de  Griselidis",  welche  der  märchenerzähler  Charles  Perrault  zuerst 
in  Versen  und  dann  in  pi'osa  behandelte.  Vieles  ist  hier  gut  beobachtet  imd  hervor- 
gehoben, wenn  auch  die  darstellung  oft  gar  zu  breit  wird  und  die  charakteristischen 
züge  jeder  fassung  nicht  genügend  erkennen  lässt.  Das  gleiche  gilt  von  den  analy- 
sen  der  Griseldisdramen :  1)  Comedy  of  Patient  Grissil  von  Dekker,  Chettle  und 
Haughton,  2)  Lope  deVega,  El  exemplo  de  casadas  y  prueva  de  la  paciencia  (1616); 
nur  ein  auszug  aus  Grillparzers  Inhaltsangabe;  3)  Hans  Sachs,  Die  gedultig  und 
gehorsam  markgräfin  Griselda  (1546),  4)  Friedrich  Halm,  Griseldis  (1834).  v.  Westen- 
holz verrät  auch  hier  in  der  sorgfältigen  widererzählung  geschmack,  aber  zugleich 
einen  wol  aus  ungeübtheit  herrührenden  mangel  an  zielbewusster  und  das  wesent- 
liche vom  unwichtigen  sondernder  methode,  während  seine  beschränkuug  hinsichtlich 
des  materials  ihm  die  erkentnis  der  historischen  eutwickluug  und  verschiedener  zu- 
sammenhänge erschwert.  Der  positive  gewinn  also,  den  die  Wissenschaft  aus  seinem 
buche  ziehen  kann,  ist  nur  ein  geringer.  Für  weitere  forschungen  bleibt  nach  wie 
vor  Köhlers  artikel  die  grundlage,  nur  nebenher  Avird  man  den  lezten  abschnitt  des 
vorliegenden  Werkes  einzusehen  haben. 

Zu  nachtragen  wäre  somit  reiche  gelegenheit;  ich  beschränke  mich  jedoch 
auf  einige  einzelheiten,  da  schon  Ph.  Strauch  im  Anzeiger  für  deutsches  altert.  14, 
249  —  251  verschiedene  ergänzungen  geliefert  hat. 

Eine  spanische  Übersetzung  von  Petrarcas  novelle  steht  in  der  dem  15.  Jahr- 
hundert angehörigen  samlung  „Castigos  y  dotrinas"  und  ist  mit  dieser  herausgegeben 
von  H.  Knust  in  „Dos  obras  didäcticas  y  dos  legendas  sacadas  de  manuscritos  de  la 
Biblioteca  del  Escorial ",  Madrid  1878  s.  260  —  265;  vgl.  R.  Köhler,  Zs.  für  roman. 
philol.  3,  273.  —  Über  einige  neugriechische  Volkslieder  vgl.  F.  Liebrecht,  Jahrb. 
für  roman.  litt.  4,  113  und  Zur  Volkskunde  (1879)  s.  217  nr.  292.  —  Zu  s.  30: 
R.  Bechstein,  Altdeutsche  märchen,  sagen  und  legenden  1863  s.  34  —  56. —  Zu  s.  32: 
über  eine  böhmische  hds.  vom  jähre  1459  vgl.  J.  Dobrowsky,  Geschichte  der  böh- 
mischen Sprache  und  litteratur  1792  s.  153.  —  Zu  s.  83  vgl.  L.  Petit  de  Julleville, 
Les  mysteres  1880  2,  182.  —  Ebenda  z.  8  v.  u.  1.  Gillot  statt  Gillet.  —  Zu  s.  167: 
eine  weitere  hdschr.  von  Eybs  Gnsardis  liegt  in  Wolfenbüttel,  44.  16  Aug.  fol. 

Zu  s.  84  fg.  Schon  von  Köhler  angeführt,  aber  von  v.AVestenholz  übersehen  ist 
die  merkwürdige  lateinische  schulkomödie  Grisellis  von  Eligius  Eucharius  (= 
Houckaert),  Antverpiae  1519,  von  der  ich  exemplare  auf  der  Genfer  und  der  Löwe- 
ner  bibliothek  sah.  Unter  den  deutschen  stücken  des  16.  Jahrhunderts  ist  das  drama 
des  Hans  Sachs  (1546)  das  wichtigste;  es  existiert  davon  ein  Kölner  nachdruck 
ohne  jähr  (Goedeke  2-,  427),  1579  zur  fastnacht  ward  es  im  rahmhof  zu  Frankfurt 
am  Main  von  etlichen  gesellen  dargestelt  (E.  Mentzel,  Ai'chiv  für  Frankfiu'ts  geschichte, 
n.  f.  9,  14),  und  ward  1582  von  einem  landsmanne  des  dichters,  dem  schuhneister 
Georg  Mauritius  (1539  — 1610),  zu  Steier  in  erweiterter  und  veränderter  gestalt 
aufgeführt.  Diese  Umarbeitung  ist  uns  in  einem  drucke  vom  jähre  1606  erhalten; 
aus  dem  prolog  geht  hervor,  dass  Mauritius,  der  inzwischen  um  seines  protestan- 
tischen bekentnisses  willen  vertrieben  und  in  die  heiniat  zurückgekehrt  war,  sein 
werk  auch  in  Nürnberg  auf  die  bühne  brachte: 

Ob  wir  aber  gleichwol  von  den  Altn 
Verstandn ,  das  solch  Spiel  auch  sey  ghaltn, 


ÜBEK  VOX   WESTENHOLZ,    GRISELDISSAGE  475 

Vor  vielen  Jahrn  in  dieser  Stadt 
Eim  fiirsichtign,  tcohceisen  Rath: 
Jedoch  icas  nir  dabey  habn  gthan, 
Wird  geben  die  Collation. 
Denn  drinn  geicesn  viel  Lücken  ivüst, 
Die  ivir  habn  xieinlich  aussgebüsst, 
Dem  Handel  tceiter  nachgedacht, 
Vnd  besser  all  vmbständ  betracht, 
Verhoffn  nach  diesem  xu  euch  alln, 
Es  iverd  auch  d'   Ordnung  bass  euch  gfalln. 
Die  hier  angedeuteten  erweiteriingen  sind  sehr  äusserlicher  art,    der  primk   der  gan- 
zen hofhaltung,    das  treiben  der  dienerschaft  wird  uns  vorgeführt,    die  äusserungen 
der  Untertanen  des  grafen  über  sein  benehmen  mitgeteilt,    die  personenzahl  von  13 
auf  50  vermehrt.     Hofteufel  und  Eheteufel  müssen  nach  der  weise  des  protestantischen 
dramas  als  anstifter  der  intrigue  vor  den  äugen  des  publikums  agieren.    Verschiedene 
reden   der  rate  Walters  Averden  von  Mauritius    einem    „  hofprediger "    in    den  mund 
gelegt;    für  die  ergötzung  der  Zuschauer  sorgen  verschiedene  narren    (Rupl,  Morio, 
Yeitl)  und  ein  zwerg  Pigmäus ,  deren  <äusserungen  mit  der  handlung  in  keinem  zusam- 
menhange stehen  und  auch  ganz  kunstlos  eingeleitet  werden;  so  sagt  Morio  zuVeitl: 
Lass  sie  beysanimen  spintisirn, 
'  Wir  icollcn  da  ein  tveil  stultirn. 

Des  Maui'itius  gleichnamiger  söhn  übersezte  1621  die  Griseldis  des  vaters  in 
lateinische  prosa  und  Hess  sie  durch  Studenten  auf  dem  Altdorfer  Theatrum  academi- 
cxmi,  über  welches  ich  nächstens  einiges  mitteilen  werde,  aufführen. —  Keinen  unmit- 
telbaren einfluss  von  Haus  Sachs  lassen  zwei  norddeutsche  Griseldisdramen  erkennen. 
Von  dem  ersten,  bisher  uii'gends  erwähnten  besizt  die  Weimarer  bibliothek  eine 
gedruckte  Inhaltsangabe : 

ARGVMEXTA  \  Comoediarum  quae  Latine  et  \  Germanice  ä  scholasticis 
ludi  Mariani  |   sunt  exhibitae  |  In  Hilarijs  huitis  Änni   \   1578.  \  Scripta  et 
edita  ä  M.  |    Valentino   Schreckio.  |  Inhalt  \  Der  Comedien  u-elche  Lateinisch 
vh  I  Deudsch    von    der  jugent    auß  der   Pfarr-   \   schulen   %u  S.  Marien  sind 
agiret  |  tvorden  \  In  Faßnacht  \  Dieses  Jares  1578.  |  Beschrieben  vn  in  Druck 
verfertiget  \  Durch  \  M.   Valentinum  Schrechium.  \  1  ^4  Bogen.   8.     Am  Schlüsse 
steht:   Oedruckt  xu  Dantxigk  bcy  |  Jacobo  Rhoclo.  \  1578.  \ 
Die  lateinische  "«idmung  gibt  an,    dass  der  Danziger  Schulmeister  V.  Schreck  vor- 
schriftsmüssig  jährlich  eine  latemische  imd  eine   deutsche  komödie  aufzuführen  hatte 
und  diesmal  den  Phonnio  des  Terenz  und  eine  deutsche  Griseldis  eigner  mache  dazu 
wählte.     Als  seine  quelle  nent  er  mu'  Boccatius;   von  der  anläge  des  ganzen  geben 
gereimte  Übersichten  der  5  einzelnen  akte  künde.    Eigentümlich,  ist,    dass  die  heirat 
Walthers  nicht  vorgeführt  wird,  sondern  das  stück  erst  nach  derselben  begint.   Einen 
breiten  räum  nimt  die  Schilderung  der  verschiedenen  stände  und  ihrer  Schattenseiten 
(bauer,  kaufmann,  hofleute)  ein,  Satan  hezt  den  fürsten  wider  seine  gemahlin,   aber 
der  aus  der  geschichte  des  Tobias  wolbekante  engel  Eaphael  tritt  ihm  entgegen ;  ver- 
geblich protestieren  die  stände  wider  die  austreibimg  der  fiü-stin.  —  Das  andre  drama 
hat  den  Berliner  domküster  Georg  Pondo  (vgl.  Allgem.  deutsche  biogr.  20,  407  fg.) 
zum  Verfasser  imd  ist  von  diesem  nebst  einer  komödie  von  Isaacs  Heyrath  dem  her- 
zöge Heimich  Julius  von  Braimschweig   1590    zu    seiner    hochzeit    gewidmet.      Der 
prolog  beruft  sich  auf  Petrarcas  novelle: 


476  BOLTE,    ÜBER   VON   WESTENHOLZ,    GRISELDISSAGE 

Diese  Historien  beschreibet  fein 
Franciscus  Petrarcha  im  Latein, 
Sie  ist  mit  vleis  ins  Detttsch  gebracht, 
Vnd  nun  zu  einr  Co^noedicn  gmaclit. 

Mit  Mauritius  und  Schreck  teilt  Poudo  die  verliebe  füi-  die  ausmalung  des 
lioflebens,  das  er  in  Berlin  selbst  beobachten  konte.  "Was  die  rate,  die  edelknaben, 
die  trabanten,  trompeter,  hofnarren,  kammermägde  von  den  handlungen  der  haupt- 
personeu  gewahren,  das  erzählen  sie  ausführlich  und  geben  ihr  urteil  darüber  ab; 
"Walther  ist  ein  junger,  lebenslustiger  herr,  der  etwas  zur  Völlerei  und  ziu-  jagd  und 
bauernplackerei  neigt  und  vom  eheteufel  in  seinem  Widerwillen  gegen  die  ehe  bestärkt 
wird.  Gar  nicht  übel  wird  die  familie  der  heldin  eingeführt;  Janiculus  und  seine 
frau  Gertsch  unterhalten  sich  in  schlesischem  dialekte  über  einen  träum  ihrer  toch- 
ter,  der  von  einer  heirat  mit  dem  markgrafen  handelt;  nichtsdestoweniger  schilt  die 
mutter  die  mit  der  Schafherde  heimkehrende  Griseldis  wegen  ihres  hochmutes  (wie 
in  den  Josephdramen  Jakob  seinen  sohif  wegen  seines  traumes);  diese  aber  entgeg- 
net (in  hochdeutscher  mundart),  dass  der  markgraf  schon  öfter,  wenn  er  zur  jagd 
ausritt,  freundlich  mit  ihr  geschwäzt  habe.  Das  von  Pondo  vielfach  verwante  kunst- 
mittel ,  durch  ahnungcn  und  träume  auf  die  späteren  ereignisse  vorzubereiten  ^,  benuzt 
auch  Mauritius;  doch  träiunt  bei  ihm  nicht  Griseldis,  sondern  Janickl  von  der  stan- 
deserhöhuug  seiner  tochter.  Pondo  eigentümlich  ist,  dass  im  4.  akt  die  beiden  alten 
gerade  in  dem  augenblicke  auf  das  schloss  kommen,  ihre  tochter  zu  besuchen,  wie 
diese  von  ihrem  gatten  Verstössen  wird.  Eingelegt  sind  nd.  scenen  zwischen  den 
baueru  Brix  und  Stentzel  und  dem  narren  Dromo,  einzelne  hiebe  auf  die  katholische 
kirchc  fehlen  nicht. 

Andre  Zeugnisse  fiir  das  fortleben  des  Griseldisstoffes  auf  der  bühue  sind: 
1598  aufführung  durch  gesellen  in  Deynze  (E.  Vander  Straten,  Le  theätre  villageois 
en  Flandre  1,  22.  1874.).  —  1626  (aber  nicht  1671)  aufführung  einer  ChrysUla  (= 
Grissil)  in  Dresden  durch  englische  komödianten  (Fürstenau,  Zur  geschichte  der 
musik  und  des  theaters  zu  Dresden  1,  97.  231.  C.  Heine,  J.  Veiten.  Diss.  Halle 
1887  s.  22).  —  Jesuitenkomödien  (ausser  der  s.  176  erwähnten  Wiener  handschr. 
vom  jähre  1681):  1736  in  Fi'cisingen:  Amor  personatus  s.  Gualterus  in  Griseldam 
simulate  furens  (Strassburg,  TJniversitätsbibl.).  1740  in  Grammont  (Faber,  Histoü'e 
du  theätre  franyais  en  Belgique  1,  49.  4,  347).  1762  in  Freisingen :  Gaudens  patieu- 
tia  (Cod.  lat.  Monac.  22U4  s.  406).  1775  in  Renaix  (F.  Vauderhaeghen ,  Bibhographie 
Gantoise  7,  256.  1869).  1783  in  Regensburg  (Kleinstäuber,  Verhandlungen  des  histor. 
Vereins  von  Oberpfalz  und  Regensbui'g  37,  154.  1883.  Mettenleitcr,  Musikgeschichte 
der  Stadt  Eegensburg  1866  s.  254).  —  Fernere  aufführungen :  1741  zu  Fraukfurt 
(E.  Mentzel,  Ai'chiv  f.  Frankfurts  gesch.  n.  f.  9,  449)  uud  1770  zu  Kaufbeuren 
(Trautmann,  Archiv  f.  litteraturgesch.  14,  230). 

Zu  den  italienischen  dramen  trage  ich  nach:  RoUi,  Griselda  1744  (AUacci, 
Drammaturgia  s.  889).  Über  die  opern  gibt  H.  Riemann,  Opernhandbuch  (1887) 
s.  196  fg.  725  fg.  noch  folgende  nachweise:  Zenos  text  wurde  komponiert  von  Anto- 
nio Pollarolo  (Venezia  1701),  Predieri  (Bologna  1711),  Orlandini  (Bologna  1720), 
G.  B.  Buononcini  (Londra  1722),  P.  Torri  (Monaco  1723;  F.  M.  Rudhart,  Gesch.  der 
oper  am  hole  zu  München  1,  108.  1865.),  Fr.  Conti  (Vienna  1724;  vgl.  L.  v.  Köchel, 
J.  J.  Fax  1872  s.  541),  Albinoni  (Ven.  1728).     Andere  opern:  CheUeri  (Piacenza  1707), 

1)  Vgl.  F.  Spongler,  Dor  verlorene  solin  im  drama  des  16.  jiüirh.  (1888)  s.  60  und  95  fg. 


feOLTE,   UBEß  BiRKET   SMJTlJ,   ALTDÄN.    KOMÖDIEN*  477 

Capello  (Rovigo  um  1710),  AI.  Scarlatti  (Koma  1721),  Vivaldi  (Veii.  1735),  Porpora 
(Monaco  1735,  text  von  Salli),  Latilla  (Eonia  1747),  Nie.  Logroscino  (Napoli  1752, 
text  von  T.  Stanzani),  N.  Piciani  (Ven.  1793),  F.  Paer  (Parma  1796,  text  von  Anelli), 
Fed.  Ricci  (Ven.  1847,  text  von  Piave),  Or.  Scarana  (Napoli  1878),  Giulio  Cottraii 
(Torino  1878,  text  von  Golisciaui).  Auf  Halms  drama  gehen  ohne  zweifei  zurück  die 
opeiTi  von  T.  Friedr.  Müller,  Percival  und  Griseldis  (Agram  1841,  text  von  A.  v.  Kies- 
heim) imd  von  K.  Schnabel,  Griseldis  und  Percival  (Breslau  1851,  text  von  Karlo). 

BERLIN.  JOHANNES   BOLTE. 


Tobiac  komedie,  et  dansk  skuespil  fra  tiden  omkring  1600,  udgivet 
for  universitets-jubilaeets  danske  samfund  af  S.  Birket  Smith.  Kj0- 
benhavn,  Thieles  Bogtrykkeri  1887.  XYIH,  98  s.  8. 
Comoedia  de  Mundo  et  Paupere,  et  dansk  skuespil  fra  begyndelsen  af 
det  17.  aarhundrede,  udgivet  for  universitets-jubilaeets  dansko 
samfund  af  S.  Bii'ket  Smith.  Kjobeuliavn,  Thieles  Bogtrykkeri  1888.  XVII, 
119  s.     8. 

S.  B.  Smith,  der  schon  durch  verschiedene  tüchtige  abhandluugen  und  aus- 
gaben um  die  geschichte  des  älteren  dänischen  Schauspieles  wolverdicnte  Vorsteher 
der  Kopenhagener  Universitätsbibliothek,  legt  in  den  beiden  genanten  bänden  uns  zwei 
dänische  dramen  vor,  aus  welchen  bisher  nur  kleine  bruchstücke  veröffentlicht  waren. 
Beide  stücke  sind  einer  handschrift  der  königi.  bibUothek  in  Kopenhagen  (Gamle  kon- 
gelige  samling  794  fol.)  entnommen,  welche  für  die  geschichte  des  unter  dem  ein- 
tlusse  der  reformation  entwickelten  schuldramas  wichtig  ist.     Sie  enthält  nämlich: 

1)  Nabal,  eine  dänische  Übersetzung  von  Rod.  Gualtherus'  lateinischem 
stücke  (Tiguri  1549),  wahrscheinlich  identisch  mit  der  1578  in  Ribe  auf- 
geführten des  büi'germeisters  Soren  Skriver  zu  Kolding. 

2)  Tobias. 

3)  Drei  Zwischenspiele:  Aarets  fii-e  tider,  Herkules  og  Omfale,  De  fii'e  Verdens 
aldre. 

4)  S  am  so  US  fiengsel  (1599)  von  Hieronymus  Justesen  Ranch;  gedi'uckt  in 
Smiths  ausgäbe  von  desselben  „Danske  skuespil  og  fuglevise",  Kjobenhavn 
1877  s.  135  —  265. 

5)  Maria  Magdalena. 

6)  De  Mundo  et  Paupere. 

7)  Hecastus,  eine  übersetzimg  nach  dem  lateinischen  des  Niederländers 
G.  Macropedius  (Antverpiae  1539),  in  Aarhus  entstanden. 

Wie  einige  kui-ze  vermerke  lehren,  diente  diese  handschrift  bei  einer  auffüh- 
ruug,  welche  der  junge  rektor  der  schule  zu  Randers,  Petrus  Theocarus  oder  Th0- 
gersen  (1582  —  1G34)  mit  seinen  Schülern  am  5.,  6.  und  7.  mai  1607  von  nr.  6, 
nr.  1  imd  von  Plautus'  Aulidaria  veranstaltete.  In  ähnlicher  weise  scheint  nr.  2,  der 
Tobias,  zusammen  mit  dem  Heautontinionnnenos  des  Terenz,  wozu  man  den  prolog 
aus  Hegelunds  Susanna  entlehnte,  und  dem  Eimuchus  desselben  dichters  dargestelt 
zu  sein^  Der  Verfasser,  Avelcher  nirgends  genant  wii'd,  hat  sich  nur  bei  nr.  1  und  4 
ermitteln  lassen;  doch  weisen  zwei  stellen  im  Tobias  (s.  50  und  98)  ziemlich  klar  auf 

1)  Man  kann  hierzu  die  vorsclii-ift  vorschiedenor  Schulgesetze  in  deutschen  städton  vergleichen, 
wonach  im  16.  Jahrhundert  jährlich  eine  lateinische  komödie  des  Plautus  oder  Terenz  und  eine  deutsche 
biblischen  Inhalts  aufgeführt  werden  musten. 


478  BOLTE 

Viborg  als  den  eutsteliungsort  dieses  Stückes  hin.  Die  naheliegende  Vermutung, 
dass  der  in  Viborg  lebende  Eanch,  der  dichter  von  nr.  4,  auch  nr.  2  verfasst  habe, 
weist  Smith  aus  inneren  gründen  zuriick,  während  er  für  nr.  6,  De  Mundo  et 
Paupere,  dem  obengenanten  Peter  Th0gersen  in  Eanders  einigen  anspnich  auf  die 
Urheberschaft  zugesteht. 

Von  diesen  beiden  stücken  nr.  2  und  6  liefert  uns  der  herausgeber  einen  buch- 
stäblichen getreuen  abdruck,  in  welchem  wir  nur  des  bequemeren  citierens  wegen  die 
verszählung  hinzugefügt  wünschten;  die  einleituugen  erörtern  die  fragen  nach  dem 
entstehungsoiie ,  dem  Verfasser  und  der  Originalität  derselben. 

Der  Tobias  reiht  sich  der  grossen  gruppe  von  Schauspielen  an,  welche  auf 
grund  der  wolabgenmdeten  biblischen  erzählung  im  16.  Jahrhundert  in  Deutschland 
und  den  nachbarläudem  entstanden.  Das  gegenseitige  Verhältnis  dieser  bearbeitungen 
ist  noch  nicht  imtersucht  und  lässt  sich,  da  mehrere  stücke  noch  nicht  wider  auf- 
gefunden sind,  vielleicht  nicht  mit  völliger  Sicherheit  bestimmen ^  Dem  dänischen 
Schauspiel  weist  Smith  eine  selbständige  Stellung  zu,  da  er  fünf  deutsche,  ein  latei- 
nisches und  ein  schwedisches  Tobiasdrama  untersucht  hat,  ohne  eine  nähere  ver- 
wantschaft  zu  finden.  Indes  scheint  der  Viborger  anonymus  nicht  ganz  ohne  kentnis 
älterer  dramatischer  versuche  gearbeitet  zu  haben.  Zwar-  dass  er  gleich  Hans  Sachs 
und  Ackermann  die  mutter  des  jungen  Tobias  ebenso  Anna  nent  wie  die  mutter  der 
Sara,  darf  man  hier  nicht  anführen;  denn  hierfür  konte  dieVulgata,  der  auch  Luther 
folgte,  die  quelle  sein,  während  Rollenhagen,  Schonaeus  und  Martin  Bohemus  (1618) 
der  mutter  der  Sara  den  namen  Edna  (Hedna),  welcher  sich  im  griechischen  Origi- 
naltexte findet,  verleihen.  Aber  auf  die  mehrfach  nachgeahmte  komödie  des  Elsässers 
Georg  Wickram  (1551)  gehen  möglicherweise  die  beiden  scenen  I,  3  mxd.  III,  2 
zimick,  in  denen  Salvator,  d.  i.  gott-,  die  engel  Gabriel  und  Eaphael  aussendet,  lun 
die  Seele  eines  erschlagenen  Juden  in  den  himmel  zu  holen  und  den  jungen  Tobias 
auf  seiner  reise  zu  geleiten.  Andre  gemeinsamkeiten,  welche  vielleicht  auf  zufall 
beruhen,  versage  ich  mir  anzuführen.  Jedenfals  gehört  die  darstelluug  im  einzelnen, 
wie  die  anspielungen  auf  dänische  sitten  und  vollcslieder  (s.  57,  vgl.  s.  XI ')  zeigen, 
zum  grössteu  teile  dem  dänischen  autor.  Sein  eigentum  ist  aucli,  wie  die  verglei- 
chung  der  andern  Schauspiele  lehrt,   der  ganze  zweite  akt.     Nachdem  er  nämlich  im 

1)  Vgl.  Sclierer,  Doutscho  Studien  3  (Wiener  Sitzungsberichte  phü.  -  hist.  kl.  90,  185  —  193.  1878); 
Holstein,  Dramen  von  Ackermann  und  Voith  1884  s.  8;  Bolte,  HeiTigs  archiv  77,  305.  Bibliograpliisches 
matorial  wird  näclistens  E.  Picot  in  der  von  Rothschild  begonnenen  ausgäbe  des  Mistere  du  Viel  testa- 
raent  liefeni. 

2)  Mit  dem  namen  Salvator,  der  ja  unzweideutig  Cliristus  bezeichnet,  hat  es  übrigens  seine 
eigene  bewantnis.  Wenn  derselbe  sich  bei  katholiken  und  Protestanten  au  stelle  gottvaters  in  darstellun- 
gen  alttestamentlicher  goschichten  findet,  so  hat  man  darin  eine  anwendung  des  schon  bei  Irenäus  (202) 
und  Origenes  (254)  auftretenden  dogmas  zu  erblicken,  dass  alle  oifenbarungen  gottes  durch  den  Xoyoc:, 
den  präexistenten ,  wie  nachher  den  incarnierten ,  also  durch  Chn'stus ,  geschehen  sind.  So  erscheint 
Salvator  in  dem  um  1480  niedergeschriebenen  Künzelsauer  fronleichnamspiel  (Werner,  Germania  4, 
340}  und  in  dem  gleichzeitigen  Egerer  fronleichnamspiel  (herausg.  von  Müchsack  1881  v.  29  — 1058) 
als  der  weltschöpfer  und  der  gott  Adams ,  Abrahams ,  Moses  und  Salomos ,  in  dem  1514  aufgezeich- 
neten Heidelberger  passionsspiel  (herausgegeben  von  Milchsack  1880  v.  2239.  4113)  als  der  leiter  der 
geschicke  dos  Elias  und  Hiob.  Ebenso  tritt  er  in  den  Tobiasdramon  von  Wickram  (1551),  Rollenhagen 
(1579) ,  Gotthart  (1619)  und  in  dem  Geistlichen  spiele  vom  falle  Adams  und  Even  dos  Holsteiners  Joh. 
Stricerius  (1570)  auf.  Ganz  den  gleichen  siim  hat  es,  wenn  Joh.  Avianius  1596  in  seiner  lateinischen 
tragüdie  Adamus  lapsus  und  1016  sein  vordeutscher  Joh.  Oepffolbach  (vgl.  Bolte ,  Allgem.  deutsche  biogr. 
24,  366  fg.)    die  erschaffung  der  weit  und  des  ersten  menschenpaares   dem  Logos  zuteilen.    Dagegen 

werden  in  Chr.  Richters  oper  Adam  und  Eva  (Hamburg  1078)  Salvator  und  Jehovah  zusammen  neben- 
einander eingeführt 


ÜBER   BIRKET   SMITH,    ALTDÄN.    KOMÖDIEN  479 

ersten  die  fromme  gesimiung  des  Tobias  und  seine  Wendung  vorgeführt  hat,  stelt  er 
hier  dar,  wie  die  freier  der  Sara  einer  nach  dem  andern  vom  teufel  erwürgt  werden, 
weil  sie  es  verschmähen,  ihren  ehestand  mit  gebet  zu  beginnen.  Verständigerweise 
liisst  er  dies  nicht  siebenmal,  wie  in  der  bibel,  geschehen,  sondern  beschränkt  sich 
auf  drei  freier,  die  er  als  hoffäitig,  reich  und  als  gamel  horejagere  charakterisiert. 
Dem  biblischen  eheteufel  Asmodeus  geselt  er  noch  einen  gehilfen,  den  bryllupstrold 
Misogamus,  zu  und  malt  ihr  walten  mit  besondrem  behagen  aus.  Zu  den  anzüg- 
lichen lästerreden  der  mägde  bieten  die  deutschen  stücke  parallelen.  Im  3.  akte 
wird  die  aussendung  des  jungen  Tobias,  dem  sich  der  eugel  Eaphael  unter  dem 
namcn  Azarias  als  gefährte  anbietet,  geschildert;  im  4.  die  wandrung  und  Werbung 
desselben,  hochzeit  mit  Sara,  Vertreibung  des  Asmodeus,  ankimft  Gabeis;  im  5.  die 
abreise  des  jungen  paares  in  die  stadt  des  alten  Tobias,  welcher  sein  augenlicht  wider 
erhält.  —  Die  hochzeitsbräuehe  werden  nicht  mit  der  ausführlichkeit  wie  von  RoUen- 
hageu  (157(J)  und  Friderici  (1637)  dargestelt*,  aber  die  sitte,  dass  der  bräutigam 
nach  der  trauung  von  den  gasten  schlage  erhält,  kehrt  auch  hier  (s.  20  imd  56) 
wider:  Hie,  nt  fit  in  sponsaliis,  terga  mutuo  verberant  astantes.  —  Das  s.  33 
citierte  deutsche  lied:  „Ich  bin  so  lang  geuessen"  ist  erhalten  im  Ambraser  lieder- 
buche  von  1582  nr.  258,  auf  fl.  blättern  von  1606  und  1611,  in  den  Niederdeutschen 
Volksliedern  (Hamburg  1883)  nr.  33;  mit  melodie  im  hsl.  liederbuche  Seb.  Ebers  vom 
jähre  1592  (Berliner  mscr.  germ.  qu.  733)  1  nr.  5,  in  dem  um  1608  geschriebenen 
liederbuclie  des  Petrus  Fabricius  (vgl.  Bolte,  Niederdeutsches  Jahrbuch  13,  55  —  68) 
nr.  106  und  bei  Melch.  Franck,  Eeuteiiiedlein  1603  nr.  5;  vgl.  desselben  Fasciculus 
quodlibeticus  1611  nr.  5;  eine  vierstrophige  geistliche  umdichtung  im  Coburger  gesang- 
büchlein  6121  s.  147.  —  S.  95  wird  ein  Pygmer-  (Pygmäen?),  ein  reifer-  imd  ein 
thorentanz  aufgeführt.  —  S.  37  der  ausmf:  o  hui  iodidh.  —  S.  65  ein  ausfall  auf 
den  papst.  —  S.  85  ein  träum  des  alten  Tobias  als  Vorbereitung  auf  die  rückkehr 
des  Sohnes.  —  S.  21  u.  ö.  halbverse  zum  ausdrucke  der  erregtheit,  auch  als  teu- 
felsmetrum. 

Das  andre  stück,  die  Comoedia  de  Mundo  et  Paupere,  der  wir  uns  nun  zu- 
wenden, ist  durcli  seinen  eigenartigen,  an  die  französischen  und  englischen  morali- 
täten  älterer  zeit  erinnernden  Inhalt  merkwürdig.  Muudus  erscheint  dem  gramma- 
tischen geschlechte  zuwider  als  ein  weibliches  wesen;  es  ist  die  aus  der  siureichen 
dichtung  Konrads  von  Würzbiu'g  und  den  bussreden  der  predigermönche  wolbekante 
„Frau  Welt",  die  Personifikation  der  irdischen,  von  gott  abführenden  sinnerdust^. 
Unter  trompeten-  und  höruerschall  tritt  sie  auf  und  verheisst  reich  tum  und  frohes 
leben  dem,  der  ihr  dienen  wolle;  Pauper  naht  sich  ihr  bittend,  fast  wie  der  Fortunat 
des  deutschen  Volksbuches  und  der  englischen  komödianten;  sie  verleiht  ihm  einen 
beutel  mit  geld  und  prächtige  kleider,  indem  sie  ihm  befiehlt,  übers  jähr  widerzu- 
kommen. Vergeblich  warnt  ihn  der  engel  Gabriel  vor  dem  trüge  der  weit.  Nach 
ablauf  eines  jahi-es  stelt  er  sich  wider  ein  und  erhält  von  frau  Welt  widernm  geld 
und  die  Weisung,  ein  jähr  lang  in  freuden  zu  leben,  von  ihrer  tochter  eine  goldene 
halskette.  Er  nimt  nun  den  ihm  begegnenden  Claus  Schot  in  seinen  dienst  und  lässt 
sich  zu  einer  wirtin  „fru  Thuttensmach"  führen,   wo  sie  unbekümmert  um  die  worte 

1)  Vgl.  Bolte,  Alemannia  14,  188  —  193. 

2)  Vgl.  F.  Sachse,  Der  weit  lohn  von  Konrad  von  Würzburg,  progr.  Berlin  1857  s.  14  fg. 
Erich  Schmidt,  Goetlie-jahibuch  3,  120  —  123.  In  den  Gesta  Romanorum  202  erscheint  einem  ritter  eine 
Jungfrau,  vorn  schön  und  lieblich,  hinten  voller  würmer  und  Verwesung ;  sie  nent  sich  ,,Seculum." 
Ähnlich  in  Dantes  Inferno  17,  10:  ,,Gerione." 


4§0  ÖOLTE 

des  zweiten  engeis  schmausen  und  zechen.  In  der  3.  scene  —  die  einzelnen  auf- 
tritte  sind  durch  moralisierende  ermahnungen  eines  interlocutors  an  die  Zuschauer 
unterhroclien  —  empfangt  frau  Welt  den  Pauper  widcrum  gnädig  und  verhcisst  ihm 
kaiserkrone  und  sccpter,  doch  unter  einer  hedingung: 

Oni  du  vill  horc  och  lyde  min  hud, 

Daa  schall  du  forst  forsuerre  gud, 

Tht'll  predicken  at  höre  scliall  du  cy  gern, 

Tlien  fathig  schall  die  roffuc  och  slaa, 

Ander  dieris  guodtx,  schalt  du  med  ivold  borttage, 

Der  äff  schall  du  hafftie  kresen  dage  . . . 
Trotz  der  Warnung  des  dritten  engeis  willigt  Pauper  ein,  wird  zum  kaiser  gekrönt 
und  wirbt  sogleich  Soldaten,  denen  er  gebietet,  auf  der  landstrasse  alle  waudrer  zu 
berauben  und  weder  möuch  noch  priester  zu  schonen.  Die  Soldaten  machen  sich 
bereitwillig  unter  der  führung  von  Claus  Schot  auf  und  überfallen  nach  einander 
einen  mönch,  einen  priester,  einen  kaufmann  und  einen  bauern,  plündern  sie  aus 
und  schleppen  sie  zum  kaiser,  der  neue  mahnungen  der  engel  zur  gottesfurcht  in 
den  wind  schlägt.  Damit  schliesst  der  1.  akt.  —  Der  2.  begint  mit  einem  komischen 
Zwischenspiel.  Der  bauer,  den  seine  frau,  ähnlich  wie  in  Schonaeus'  lateinischer 
posse  Vitulus  (1.595)  und  in  nd.  bauernscouen ,  nüt  allerlei  waaren  in  die  stadt  zu 
markt  geschickt  hatte,  kehrt,  nachdem  ihn  die  Soldaten  beraubt  haben,  heim  und 
wird  von  der  frau  mit  scheltworten  empfangen;  sie  beschuldigt  ihn,  das  geld  ver- 
trunken zu  haben,  und  prügelt  ihn  mit  hülfe  ihrer  kinder  so  arg  durch,  dass  er  die 
hülfe  der  teufel  anruft,  die  ihn  auch  alsbald  von  seinen  quälern  befreien.  Inzwi- 
schen naht  der  kaiser  seiner  gönuerin  mit  einer  neuen  bitte,  er  wirbt  um  ihre  toch- 
ter.  Nachdem  er  das  Jawort  erhalten,  wird  die  hochzeit  mit  pracht  gefeiert,  und 
sein  glück  scheint  volkommen.  Aber  durch  eine  neue  unbarmherzigkeit  macht  er 
das  mass  seiner  sünden  voll.  Ein  altes  krankes  weib,  das  vor  der  pforte  seines 
palastes  um  speise  bettelt,  jagt  er  trotz  der  fürbittcn  seiner  mitleidigen  diener  mit 
harten  werten  foi't.  Da  befält  ihn  während  des  tanzes  ein  plötzlicher  schmerz,  er 
muss  sich  aufs  bett  legen  und  seine  gattin,  die  eben  zärtlichen  abschied  von  ihm 
genommen,    imi  ihre  mutter  zu  besuchen,  zurückrufen.     Aber  diese  verlässt  ihn  jezt 

herzlos : 

Kand  du  ey  Icffue  och  vere  min  ynand, 
leg  thager  en  anden,  huor  leg  kand.  —  — 
Derfor  vill  ieg  thiU  min  moder  hierngaa 
Och  see,  huor  ieg  en  anden  mand  kand  faa. 
Auch  die  herbeigeholte   frau  Welt    erklärt    ihm   nicht  helfen   zu  können,    er  müsse 
jezt  zur  höUe  fahren: 

Ey  anden  Ion  giffucr  ieg  dig 
For  all  den  thieniste,  du  giorde  mig. 
Ebenso  versagen  ihm  seine  ritter  und  fieuude  ihren  beistand.  Der  doktor  Frunteius, 
der  zu  Köln  und  Paris  studiert  hat  und  Aristoteles  und  Socrates  zu  eitleren  weiss, 
bereitet  dem  kranken  einen  trank;  da  dieser  jedoch  nicht  anschlägt,  rät  er  ihm,  auf 
sein  Seelenheil  zu  denken.  Unterdes  hat  sich  das  arme  weib  wider  in  der  nähe  ein- 
gefunden; in  der  hofuuug,  dass  sie  vielleicht  ein  mittel  anzugeben  wisse,  lässt  sie 
der  kaiser  holen;  aber  seiner  früheren  abweisung  eingedenk  weigeii  sio  sich,  ihm 
zu  helfen.  Er  bescheidet  den  mönch  zu  sich  (hier  ein  ungeschickt  angebrachter 
aktschluss)   und  bewegt  ihn  durch  grosse  verheissungcn ,   ihm  absolution  zu  vcrspre- 


ÜBER   BIRKET    SMTH,    ALTDÄX.    KOMÖDIEN  481 

cjien  kraft  des  von  papst  Sixtus  IV.  eiieilten  ablassbriefes.  Da  tritt  der  tod  selbst 
liereiu;  die  diener  schreien  entsezt  auf  und  greifen  um  dann  auf  des  kaisers  geheiss 
an;  doch  er  scheucht  sie  leicht  zurück: 

Neij,  nei,  icke  saa,  i  (jiiode  drcmje, 

leg  lader  mig  icke  threnge 

Äff  keiser  eller  kong, 

Fri  eller  fange, 

Herre  eller  frue, 

Det  siger  ieg  paa  min  loffue. 

Tili  saa  mange,  ßom  erre 

I  Verden  herre, 

Maa  alle  doe 

Äff  denne  verdsens  oe. 

Saa  maa  det  och  eders  keiser  gaa, 

For  huilcken  ieg  nu  gich  fraa. 
Der  mouch  liört  dem  sterbenden  die  beichte,  aber  statt  ihn  zu  absolvieren,  vei-flucht 
er  ihn  in  einem  mischmasch  von  latein  und  dänisch  zur  höUe,    weil  er  selbst  von 
ihm  früher  böses  erfahren,  und  ruft  den  teufelu  zu: 

0,  gribite,  gribite,  rapideque  ducite, 

Bychite,  slebitte,   Orchoque  tradite, 

Hoc  erit  ipsius  postrcmum  valete. 
Wie  sich  nun  die  teufel  der  seele  bemächtigen,    tritt  ein  engel  ihnen   entgegen  und 
furdei-t  sie  vor  den  richterstuhl  gottes,    der  noch  ein  feierhches  Verdammungsurteil 
über  den  verstockten  sünder  ausspricht. 

Es  ist  wol  ohne  weiteres  klar,  dass  diese  dramatische  fabel  nicht  erst  im  jähre 
1G07  von  Peter  Thogersen  in  Eanders  ersonnen  wurde,  sondern  dass  uns  hier,  wie 
der  herausgeber  ausführt,  eine  bearbeitung  eines  älteren  ausländischen  Schauspieles 
vorliegt.  Die  einfache  handlung,  die  allegorische  einkleidung  und  der  stark  aus- 
geprägte moralische  oder  religiöse  zweck  erinnern  an  die  dramengruppe,  welche  sich 
an  die  englische  moralität  Everyman  angesclilossen  hat;  allein  während  es  sich  dort 
um  die  rettung  eines  bussfertigen  Sünders  vermittels  der  guten  werke  oder  des  glau- 
bens  handelt,  ist  im  dänischen  drama  die  bestrafung  des  unbussfertigen  Sünders  der 
gruudgedanke.  Die  zahlreichen  moralpredigten ,  welche  der  interlocutor  und  auch 
einige  der  handelnden  personen  au  die  Zuschauer  richten,  bieten  ein  gegenstück  zu 
den  betrachtiuigen  eines  doktors  und  eines  kaufmanns  in  dem  1510  zu  München  auf- 
geführten spiele  „Vom  aygen  gericht  vnd  sterbenden  menschen",  über  welches  zulezt 
K.  Ti'autmaun  im  Jahrbuch  für  Müncluier  geschichte  1,  190  —  201  (1887)  gehandelt 
hat.  Zu  dem  eigentümlichen  auftreten  der  sieben  warnenden  engel  hat  Smith  s.  IV  eine 
wertvolle  parallele  aus  Joh.  Herolts  Sermones  de  tempore  nr.  62  (1499)  nachgewie- 
sen (vgl.  ferner  G.  Eeypchen,  Spil  von  den  siben  "Weysen  1559  bl.  15  a);  mir  scheint,  dass 
der  dänische  bearbeiter  hier  seine  vorläge  mehrfach  gekürzt  hat.  Der  zweite  engel 
tritt  uämüch  (s.  19)  in  weissem  gewande  und  mit  palmzweigen  auf  und  deutet  dies 
als  ein  abzeichen  der  im  himmel  weilenden  seligen ;  ebenso  trägt  der  5.  engel  (s.  47) 
specerei,  der  6.  (s.  51)  brot  und  wein,  der  7.  (s.  62)  eine  kröne.  Die  Symmetrie 
erfordert,  dass  auch  der  1.,  3.  und  4.  mit  attributen  versehen  sind;  und  dies  wird 
sicher  im  original  der  fall  gewesen  sein.  Auch  auf  s.  12,  wo  Pauper  den  1.  engel 
als  Gabriel'  anredet,  bevor  ihm  dieser  seinen  namen  angegeben  hat,  liegt  eine  flüch- 

1)  Der  3.  engel  wird  s.  25  Raphael ,  der  8.  auf  s.  109  Ottoniel  genaiit. 

'>  I 

ZEITSCHRIFT    F.    DF.UTSCHK   PHILOLOGIE.       BD.   XXI.  '^  i- 


482  BOLTE 

tigkeit  des  Übersetzers  vor,   während  sich  auf  s.  16  fg.  wohl  durch  einige  Umstellun- 
gen der  reden  des  Miles  und  des  Pauper  helfen  lässt. 

Das  original,  welches  trotz  aller  bemühungen  nicht  zu  ermitteln  war,  sucht 
der  herausgeber  s.  VII  im  benachbai'ten  Deutschland  oder  in  Holland.  Dass  die  vor- 
läge nicht  lateinisch  abgefasst  war,  darf  man  aus  der  ungeschickten  bezeichnung  der 
frau  Welt  als  Muudus  und  aus  der  Verwendung  des  lateins  in  den  lezten  reden  des 
möuches  folgern.  Deutsche,  besonders  nd.  worte  und  Wendungen  finden  sich  diu'ch 
das  ganze  stück  verstreut;  für  Holland  aber  spricht  die  verliebe  der  Holländer  für- 
allegorische  darstellungen ,  und  ausserdem  wissen  wir,  dass  P.  Th0gersen  von  1602 
ab  in  Leiden  studierte  und  sich  somit  einige  kentnis  nid.  litteratur  erwerben  konte. 
Allein  was  von  titeln  deutscher  dramen  etwa  eine  verwantschaft  vermuten  lässt, 
gehört  entschieden  nicht  hierher,  wie  J.  Greifs  Mundus  (1537),  V.  Boltzs  Der  weit 
Spiegel  (1551),  B.  Riugwaldts  Speculum  mundi  (1590)  und  J.  Dehns  glcichbetiteltes 
stück  (1629),  A.  Papes  Mundus  iramundus  (1012)  und  die  Nordhausener  schulkomö- 
die  Vom  laufe  der  weit  (=  Fortuuat.  1643).  Dagegen  bin  ich  in  der  glücklichen 
läge,  ein  niederländisches  Schauspiel  nachweisen  zu  können,  welches  zwar  nicht  die 
vorläge  Thögersens  gewesen  sein  kann,  aber  mit  derselben  in  sichtlichem  zusammen- 
hange steht.     Es  führt  den  titel: 

Spieghel  des  Loops  deser  Wcrcldt.  \  Bat  is:  \  Een  sehoone  Comedia,  Waer 
in  I  hetoont  2vort  hoe  het  hwjdesdaechs  in  deser  We-  \  reit  toe  gaet,  ende  hoe 
dieBoosheyt  overkant  genomc  liehbcn-  \  de,  den  Onnooselen  jammerlijc  bedrieeht, 
de  ireleke  \  nochtans  ivederom  tot  hennisse  comende,  door  |  de  Waerhcyt  bekeert, 
ende  op  den  rechten  \  Weck  ghcbrocht  icordt.  \  Allen  Simpclen  e^ide  vromen 
Chri-  I  stenen  tot  ivaersehouicimjhe  in  \  Druck  ictglicgaen.  |  Q  |  TOT  GOR- 
CHVM.  II  Voor  Adriaen  Helmichsx.  Boec-vcr-  \  cooper,  op  de  Marckt.  1620.  \ 
2 Y2  bogen  8°.  —  Auf  bl.  Ciiijb  der  druckervermerk:  Tot  Dordrccht.  \  By  Niclaes 
Vincenten.  Bocck-druc-  \  ker,  1620.  \  (Bibl.  der  Maatschappij  voor  nederl. 
letterkunde  in  Leiden). 

Das  stück,  dessen  autor  ungcuaut  bleibt,  zerfält  in  8  akte  (Wtcomen)  und  ist 
in  den  kunstvoll  verschlungenen  reimverscn  der  Eederj-ker  geschrieben.  Es  treten 
darin  folgende  10  personen  auf: 

Den   Onnoselen  een  Man  sleclttelijc  ghecleet. 

De  WaerJiegt  een  Man  statich  ende  slecJ/t. 

De  Liefde  een   Vroio  statich  en  siecht. 

T  ghelooff  een   Vrou  statich  ende  siecht. 

Welhist  een  sinnekeu. 

Tu-ijffel  een  sinneken. 

Die   Wereldt  een  Man  Costelijk  toeghemacckt. 

T  schadt  een  vrou  Costelijck  toegheinaeckt. 

Knaghoule  Consciency  een  Wächter. 
Schriftucr  een  Priester. 

Akt  I.    Onnoosele  (der  unschuldige)  tritt  klagond  aiif  und  wünscht  sich  den  tod: 
Want  Trouux  niijn  vaeder  die  is  rerdrcuen 
En  Oottnocdicheyt  mijn  moeder  — 
Da  komt  ein  mann  herzu,   Wahrheit  geheisscn,    fragt  nach   seinem  leide  und  tröstet 
ihn,  er  werde  seine  eitern  wider  finden: 

Ghy  moet  beminnen  des  Heeren  troordt 

Siecht  en  recht  Oodt  rre^csende,  en  gacn  soo  roort, 


t'BER   BIRKET    SMITH,    ALTDÄN.    KOMÖDIEN  483 

Mijn  reden  hoort,,  ivat  ick  v  ontknoope, 
Met  cen  vast  betrouiven  en  vlijtighe  hope 
Beicijsende  alt y dt  trou  aen  v  naesten 
Met  Caritate  icilt  v  vry  haesten, 
So  cocii/pt  ghy  ten  lactsten,,  int  huys  ran   Vreden: 
Daer  suldt  yhyse  rinden. 
n.     "Wahrheit  holt  seine  frau  Liebe  und  seine  tochter  Glaube  herbei,    welche 
Onnoosele  geleiten  sollen ;  dieser  verlobt  sich  mit  der  tochter  und  verabredet,  sie  am 
andern  tage  im  hause  „van  Gratien"  zu  treffen.  —  III.  "Wollust  und  Zweifel  beraten 
sich,  wie  die  heirat  des  Onnoosele  zu  hindern  sei. 
Tivyffel:  Ick  weet  ons  een  ranck 

AI  met  den  ganck,,  verstaet  dees  d/'nghen: 
Wy  sullen  hem  tot  die  Wereldt  bringhen 
En  segghen,  die  Wereldt  weet  vrylijck  dat, 
Off  hy  teil  ghcucn  xijn  dochter  Schadt 
Den  Onnoosclcn  tot  eenen  tcijue. 
Weiht  st:   By  dien  raedt  ick  gantschelijck  hlijiie. 

Macr  hoc  soliden  tcy  hem  crijgen,  hy  cn  soude  niet  icillen? 
Off  tcy  sullen  moeten  maken  gheschille 
En  segghen,  dat  T'ghelooff  en  hocr  is, 
En  dat  Logen  haer  rader  eh  Bedroch  liaer  nioer  is, 
En  dat  Iiy  met  Iiacr  te  cort  sal  clooten. 
IV.     Onnoosele  iii-t  umher: 

Wat  ick  veel  draeiic,  icat  ick  vecl  loope, 
Wat  ick  i'eel  waeye,,  met  alle  winden, 
Wat  ick  veel  craeye,,  icat  ick  veel  roepe: 
Dat  huys  van  Gracie  en  weet  ick  niet  te  vinden. 
Ick  loope  vast  soecken  glielijck  die  blinden 
Met  xware  ghepeynsen,  en  vreemde  ghedacliten, 
0  Geloof,  Lief  de  en  Wacrheyt,  wie  sal  my  ontbinden? 
Da  begrüssen  ihn  "WoUust  und  Zweifel  und  raten    ihm    ab,    seinen  weg  weiter  zu 
verfolgen;  denn  die  Wahrheit  möge  niemand  leiden,  sie  werde  aus  städten  und  dör- 
fern  vertrieben,    seine  braut  Glaube  aber  werde  ihn  nur  ins  verderben  ziehen,    wie 
lun  ihretwillen  schon  viele  propheten,  apostel  und  nicärtjTer  gestorben  seien. 
Wel liest:   Soeckt  troost  aen  die  Wereldt,  dat  is  v  t' beste. 

So  crijciit  ghy  int  teste  xijn  dochter  tot  een  wijuc. 
Onnoosele.   Die   Wereldts  dochter,  tvats  haer  bedrijuen? 

Wat  can  sy  doen?  off  tcat  is  haer  hantieringlie? 
Tivyffcl.    Sy  cant  ran  als. 
Well  HS  t.  Sy  doet  reel  nceringhe. 

In  alle  verkeeringhe,,  moet  niense  ghebruycken. 
Ticgffel.    Sy  doet  Twist  rijsen,  ende  Oorloge  ontlueken, 
Sy  maeckt  crom  recht,  ende  recht  iceer  crom. 
Wcllust.    Sy  timmert  groote  Hnysen^  eh  werpse  wederom. 
AI  wat  sy  doet,  sy  en  is  niet  bcschaempt. 
Onnoosele.    Hoe  heet  dcese  dochter? 

Wel  Inst.  Sy  is  hct  Schadt  gJienacinpt, 

Sy  coempt  ongheblaemt  int  openbaer  rry. 

31* 


484  BOLTE 

Onnoosele  hat  seinen  ansclieinend  wolmeinenden  ratgebern  scWiosslich  keinen 
andern  einwand  als  das  misfalleu  seiner  eitern  entgegenzusetzen,  vernimt  aber,  dass 
man  mit  den  grundsätzen  von  Treue  und  Demut  nicht  vorwärts  komme.  So  fügt  er 
sich  ängstlich  geworden  in  die  vorschlage  von  Wollust  und  Zweifel,  wird  in  den 
gewohnheiten  der  weit,  saufen,  fluchen,  lügen  und  betrügen,  unterwiesen  imd  für 
den  empfang  bei  dieser  mit  andern  gewändern  bekleidet:  mit  dem  rocke  Iloover- 
dicheyt,  mit  der  mutze  Hoochmoedt,  dem  mantel  Eerghiericheydt  imd  dem  Schwert 
Ghewclt.  —  V.  Unterdes  sorgen  sich  Wahrheit,  Liebe  und  Glaube  um  den  ausblei- 
benden freund  und  klagen  in  vier  parallelen  Strophen. 

T' (jheloouc:    AI  vioeteti  tci)  nv  achter  lande  gaen  clolen, 

AI  moden  ivij  nv  van  een  ycgclijck  vcrtredcn  %ijn, 

AI  is  den  Onnooselen  ons  nv  ontscholen, 

AI  moeten  tvy  nv  van  hem  verscheyden  xijn, 

AI  moet  trihulacy  van  ons  ghcleden  xijn 

AI  gaet  ons  die   Wereldt  nv  verdrucken, 

AI  wil  nv  niernandt  niet  ons  te  vreden  %ijn, 

AI  valtet  ons  contrary  in  alsidcken  stucken, 

AI  cn  icil  nv  niernandt  ons  rooskens  pluckcn  . .  . 
VI.     Herr  Welt  heisst  seine  knechte  Zweifel  und  Wollust  im  haus  der  Sünde 
ein  mahl  für  seinen  gast  zurüsten  und  lässt  diesen  mit  seiner  tochter  Schaden  allein. 
Beide  trinken  einander  zu,  Onnoosele  ruft  hingerissen: 

0  lustighe  blocyendc  wijngaerdt  rank, 

AI  toaer  ick  cranck,,  ick  ivorde  ghesondt: 

Ick  moet  v  eens  cusscn,  u  roodcr  mondt, 

Mijn  sherfscn  grondt,,  doct  ghy  ontfonckcn. 
Schade  singt  ein   lied:    Ontfonckt  v  liert,    ivilt  vrolijck  xijn  im  tone:    Een  macch- 
deken  heb  ick    int    herte  ghesindt.      Da,    als   Onnoosele  wider    seine    liebste    küsst, 
tönt  mitten  in   den  jubel  hinein  von  oben  die  Warnungsstimme  eines  Wächters,    Na- 
gendes gewissen  geheissen,   welcher  jedesmal  mit  den  werten  schliesst:    Keert,   kcert 
iceer,  tis  meer  dan  tijdt.     Durch   die  erinnerung  an  den  kreuzestod  Christi  für  den 
Sünder  fühlt  sich  Onnoosele  ergriffen  und  fragt  den  wamer,    wo  er  seine  verlobte 
Glaube  finde.     Wie  dieser  ihn  an  Heiligeschrift  verweist,  veiiässt  er  Schade  und  ihre 
diener  i;nd  macht  sich  auf  den  weg.     Von  den  zurückbleibenden  vernimt  der  eintre- 
tende harr  Welt,    dass  sein  anschlag  mislungen  ist.  —    VH.  Onnoosele  bekent  gott 
nüt  den  werten  des  51.  psalms  seine  sünde.     Heiligeschrift  erscheint,  bestreicht  seine 
äugen  mit  der  salbe  Licht  und  heisst  ihn  andre   kleider    (Rocht,   Sanftmut,  Einfalt, 
Reue)  anlegen.     Dann  wird  der  bussfertige   zu  Wahrheit,    Liebe  und  Glaube  geleitet 
und  mit  Glaube  zusammen  gegeben.     Heiligeschrift  spricht  ihm  das  ehogelöbnis  vor: 
Hier  cocni  ick  Onnoselen  mct  mijn  vryen  moetwille 
En  beghcer  alleen  Tghelooff  te  trouircn^ 
Niet  äff  te  gaen,  al  soudt  mijn  rouu-en, 
Nocli  van  te  scheyden  om  lieff  noclt  leedt. 
Nachdem  alle  kniend   gottes  sogen  erfleht,   gehen  sie  in  das  haus  des  Friedens,  wo 
Onnoosele  seine  eitern  finden  soll.   —    VIH.  Vergebliche  wutausbrüche  von  Wollust 
imd  Zweifel. 

Das  nid.  drama  reiht  sich  mehreren  französischen  moralitäten  des  L5.  — 16. 
Jahrhunderts  an,  welche  die  bekohrung  des  sündigen  menschen  durch  Personifika- 
tionen der  ilim  zu  liilfe  kommenden   christlichen  tuc;cndcn  und  der  ihm  cntoee-entre- 


ÜBKIJ    BIKKET    SMITII,    ALTDÄX.    KOMÖDIEN  485 

tendcn  laster  veranscbaulichen  ^  Unter  den  erhaltenen  stücken  steht  wol  die  1494 
in  Tours  gespielte  moralität  U komme  pecheiir  demselben  am  nächsten-.  Auch  hier 
verführen  Monde ,  Franc  Arbitre ,  Peche  und  andre  laster  den  menschen,  aber  Charite, 
Foy,  Esperance,  Confession,  Penitence,  Chastete  und  die  übrigen  tugenden  leiten  ihn 
zur  busse  und  zu  einem  seligen  ende.  Von  andern  Schauspielen  kennen  wir-  leider 
nui-  die  titel:  Le  Monde  qui  tourne  le  dos  a  chacun  von  Jehan  d'Abondance  (1538), 
L'histoire  du  Module  (1575),  L'Innocent  (1507)  und  Eistoire  pieuse  du  pauvre  com- 
mun  (1531).  Namentlich  der  vorlezte  titel  legt  es  nahe,  hier  das  original  des  nid. 
Stückes  von  1620,  welches  seiner  ganzen  anläge  nach  sehr  wol  im  16.  Jahrhundert  ent- 
standen sein  kann  xind  über  dem  personen Verzeichnis  den  nebentitel:  Comoedie  van 
den  Onnooselen  trägt,  zu  vermuten.  Überdies  Liefert  der  1539  zu  Middelburg  gespielte 
Boom  der  sehriftueren^  in  der  hcldin  Elc-Bysonder  ein  weibliches  Seitenstück  zu 
Onnoosele.  Gegenüber  den  älteren  moralitäteu  zeichnet  sich  der  Spieghel  des  loops 
dcser  Wcreldt  durch  eine  weniger  einförmige,  lebendigere  eiukleiduug  der  allegorischen 
begriffe  aus;  Wahrheit,  Liebe,  Glaube  stehen  nicht  als  gleichaiüge  gestalten  da,  welche 
sich  nach  einander  dem  wandrer  als  begleiter  auf  dem  wege  zi;m  ewigen  leben  zu- 
gesellen ,  sondern  Glaube  ist  die  tochter  von  "Wahrheit  und  Liebe ,  mit  welcher  Onnoo- 
sele, der  natürliche  mensch,  einen  ehebund  eingehen  muss:  ein  zug,  welcher  den 
einfluss  der  reformatorischen  rechtfertigungslehre  erkennen  lässt.  Eigentümlicherweise 
begegnet  uns  der  bisher  in  französischen  bühnenwerken  nicht  nachgewiesene  Inhalt  des 
6.  aktes:  der  besuch  bei  herrn  Welt,  der  gnädige  empfang,  das  bankett  und  die  Ver- 
lobung mit  der  tochter  der  Welt,  auch  in  Süddeutschland,  wo  1562  Job.  Heros*  in 
seiner  „Tragedia  Der  irrdisch  Pügerer"  eine  unbeholfene  travestie  verfasste:  aus  der 
tochter  der  Welt  ist  frau  Venus,  aus  ihren  dienern  Cupido,  aus  Onnoosele-  eine  art 
Tannhäuser  geworden. 

Trotz  mancher  mit  der  uld.  moralität  übereinstimmenden  züge  behält  das  dänische 
drama  freüich  noch  besonderheiten  genug.  Vor  allem  nimt  Pauper  ein  andres  ende  als 
Onnoosele;  er  häuft  als  Schwiegersohn  der  Welt  und  mächtiger  kaiser  freveltaten  auf 
freveltaten  und  stirbt,  nachdem  alle  seine  freunde  ihm  in  der  todesnot  (ganz  wie  im 
Everymandrama)  ihren  beistand  versagt  haben,  in  Verzweiflung,  während  jener  sich 
rechtzeitig  durch  den  abgesanten  gottes  warnen  lässt  und  zum  himmel  eingeht.  Lides 
auch  für  diese  lösung  des  problems  bietet  die  französische  bühnendichtung  beispiele  dar, 
indem  sie  in  den  moralitäten  Bien  avise,  Mal  avise  luid  L'homme  juste  et  l'Iiomme 
mondain  dem  lebenslaufe  eines  frommen  Christen  den  weg  eines  gottlosen  gegenüber- 
stelt,  der  von  den  lästern  zu  Malefin  hingeleitet  wird.  Wir  werden  somit  kaum  fehl- 
gehen, wenn  wir  die  quelle  der  Comoedia  de  Mundo  et  Panpcre  in  einer  französischen 
moralität  suchen,  welche  dann  in  den  Niederlanden  überarbeitet  und  ausgestaltet 
wurde,  und  von  welcher  noch  ausläufer  in  dem  Gorchumer  dnicke  und  in  Heros'  tragö- 
die  vorliegen.    Thogersen  konte  dann,  wie  schon  erwähnt,  während  seines  aufenthaltes 

1)  Vgl.  meine  oinloihinir  zu  dem  in  kurzem  erscheinenden  neudiiick  von  J.  Strickers  Düdeschem 
schlömer.  Eine  geschichte  der  allegorie  und  Personifikation  im  ma. ,  welche  K.  Eaab  in  seinem,  ver- 
dienstlichen Programm  „Über  vier  allegorische  motivo  in.  der  lateinischen  und  deutschen  litteratur  des 
ma."  (Leoben  1885)  in  angriff  genommen  hat,  verspricht  lohnende  ergebnisso  und  würde  einem  dringen- 
den bedürfnisse  abhelfen. 

2)  L.  Petit  de  Julleville,  Rei)ertoire  du  theatre  comique  en  France  au  moyen  age  1886  s.  72. 
306,  359 ,  398.    Leroy  in  der  Patrie ,  Journal  Suisse  18G6 ,  18.  a^Til. 

3)  .Jonckbloet,  Geschichte  der  nid.  litteratui-  1,  390  —  393.  Toxtabdruck  in  Willems'  Belgisch 
miiseum  10,  327  —  335  (1846). 

4)  Goedeke ,  Everyman  (1865)  s.  101.     Spengler ,  Der  verlorene  söhn  (1888)  s.  143  fg. 


486  BOLTE,    ÜBER   BIRKET    SMITH,    ALTDÄN.    KOMÖDIEN 

in  Leiden  den  stoff  kennen  lernen;  es  ist  aber  auch  möglich,  dass  derselbe  auf  einem 
andern  wege  zu  ihm  gelangte.  Am  7.  märz  1561  teilte  der  Schulmeister  Christian 
Schreigelius  zu  Wismar  dem  rate  der  stadt  mit:  „dat  ick  ein  Christlick  spil  mit 
minen  midhidpern  habe  thogericht,  dar  de  Lop  der  Welt,  wo  es  it-xt  in  velen 
Orden  thogheit,  rast  grüntlick  inne  Vorräten  rnd  ogenschinliek  vorgestellet, 
destduige  im  Nedderlande  gemaeket  vnde  ock  sünst  in  etlieken  Sesteden  gespe- 
let",  und  bat,  ihm  „de  Kercke  tfiom  Grauen  Municken"  zu  vergönnen,  „darinne 
vor  de  gemeine  tJio  speien"^.  Hier  haben  wir  also  eine  nid.  moralität,  die  im  titel 
und  somit  auch  wol  im  Inhalte  mit  dem  Gorchumer  drucke  von  1620  übereinstimt; 
da  dieselbe  auch  in  den  Seestädten,  d.  h.  Eostock,  Lübeck,  Hamburg,  auch  wol 
Bremen  undDanzig,  aufgefülirt  worden  war,  so  mag  sie  von  da  aus  nach  Dänemark, 
insbesondere  nach  Eanders  vorgedrungen  und  hier  1607  zu  einer  schulkomödie  ver- 
arbeitet worden  sein.  Sicheres  können  wir,  solange  nicht  neue  entdeckungen  uns 
zu  hilfe  kommen,  hierüber  nicht  feststellen. 

Auch  über  die  grössere  oder  geringere  Selbständigkeit  des  dänischen  dichter« 
lässt  sich,  solange  uns  seine  vorläge  mangelt,  schwer  ein  urteil  abgeben.  Von  eini- 
gen offenbar  dem  bearbeiter  zur  last  fallenden  kürzimgen  war  schon  s.  481  die  rede. 
Als  Zusätze  sind  der  jn-olog  und  der  epilog  zu  beti'achten,  welche  teilweise  mit  dem 
Tobiasdrama  wörtlich  übereinstimmen;  ebenso  die  bauemscenen ,  welche  einen  frische- 
ren ton  anschlagen,  und  die  anspielungen  auf  dänische  lokalitäten  und  Verhältnisse; 
imter  den  40  personen,  welche,  wenn  ich  richtig  gezählt  habe-,  im  stücke  auftreten, 
verdankt  sicher  der  aus  der  nordischen  mythologie  entlehnte  teufel  Urgatiloch 
(s.  37.  38  fg.  104),  vielleicht  auch  der  s.  45  genante  Claus  Narr,  sein  dasein  dem 
dänischen  Übersetzer.  Auf  das  katholische  bekentnis  des  ersten  Verfassers  scheint 
die  person  des  mönclies,  seine  Schriftauslegung  und  lehre  vom  ablass  hinzudeuten; 
doch  haben  protestantische  bearbeiter  diese  figui"  mit  burlesken  zügen  ausgestattet 
und  den  ernsten  schluss  vor  dem  richterstuhlc  gottes  hinzugefügt.  Der  ursprüng- 
lichen fassung  ist  vielleicht  auch  die  erwähuung  des  papstes  SixtusIV.  (1471 — 1484), 
des  erbauers  der  Sixtiuischen  kapeile  in  Rom,  auf  s.  87  zuzuweisen;  indes  daif  man 
hierauf  nicht  zu  viel  gewicht  legen. 

Von  einzelheiten  notiere  ich  noch:  s.  11,  z.  3  v.  u.  ist  wol  scenam  statt  sel- 
lam  zu  lesen,  d.  h.  der  Standort  der  nicht  auf  der  bühne  tätigen  Schauspieler;  die 
bühne  heisst  theatrum  (s.  13.  38.  42.  49.  62)  und  proscenium  (s.  35.  46.  49.  72; 
s.  auch  H.  J.  Eanchs  Danske  skuespil  s.  68).  —  S.  77  und  80:  das  lied  „Ich  stand 
an  einem  morgen"  steht  bei  Böhme,  Altdeutsches  liederbuch  nr.  269;  geistliche  um- 
dichtungen  bei  Ph.  "Wackernagel,  Das  deutsche  kirchenlied  3  nr.  792.  1255.  1258  — 
1260.  —  S.89  und  108  „0  vae  iodut."  —  S.  80  „Jeus  Plebs"  und  „  Per  Omnes "  r=r 
alle  menschen.  —  S.  117  über  den  „Floriger  vel  Maigravius",  der  hier  wie  im  Tobias 
s.  97  den  beschluss  spricht,  weil  die  beiden  stücke  an  einem  maifest  der  schule  auf- 
geführt werden,  vgl.  Ed.  Pabst,  Die  Volksfeste  des  maigrafen  (Berlin  1865.  4.)  und 
W.  Mannhardt,  Der  baumkultus  der  Germanen  (1875)  s.  369  —  382. 

1)  D.  Schrötlor ,  Kirchonhistorie  des  ovangel.  Mocklenburg^s  2 ,  314  (1788) ,  vgl.  Goedoke ,  Grund- 
riss  2",  402. 

2)  Leider  fohlt  ein  persononverzeichnis. 

BERLIN.  JOHANNES    BOLTE. 


GERING,    ÜBER    \VIMAU:r  ,    DDBEFONTEK    I    AKIRKEBY  487 

Dobcfoutcu  i  Akirkeby  kirke.  Af  Ludv.  F.  A.  Wimmer.  Kobenhavn,  Gyl- 
dendalske  boghandel,  1887.  Ol),  84  s.  gr.  4.  Mit  4  +  3  tafeln.  20  kroncii 
(=  22,55  m.). 

Der  hundertjährige  gebm-tstag  des  grossen  dänischen  Sprachforschers  Rasmus 
Kristian  Rask  (geb.  22.  nov.  1787  zu  Brfendekilde  auf  Fühnen,  gest.  14.  nov.  1832 
zu  Kopenhagen)  hat  in  seiner  heimat  eine  reihe  von  festschriften  hervorgerufen  \ 
unter  denen  die  vorliegende  zweifellos  die  wertvolste  ist.  Sie  gilt  einem  altskandi- 
navischen sprach-  und  kunstdenkmal,  über  dessen  herkunft  und  alter  bis  in  die 
neueste  zeit  irtümliche  ansichten  bestanden,  die  erst  durch  "Wimmcr  endgiltig  besei- 
tigt sind. 

Die  meinung,  dass  die  runeninschrift  auf  dem  taufsteine  der  kirche  zu  Akir- 
keby (einem  Städtchen  im  südlichen  teile  von  Bornhohn)  nicht,  wie  man  seit  der 
ersten  publikation  des  denkmals  durch  Chr.  J.  Thomsen  und  Finn  Magnusen-  kritik- 
los angenommen  hatte,  den  dialekt  jener  insel  repräsentiere,  sondern  in  gotländischer 
spräche  abgefasst  sei,  war  von  Wimmer,  der  den  stem  1879  an  ort  und  stelle  unter- 
sucht hatte,  bereits  iu  den  Smäbidrag  tu  nordisk  sproghistorie ^  ausgesprochen  und 
dann  in  einem  in  der  königl.  dänischen  geselschaft  der  Wissenschaften  am  27.  februar 
1880  gehaltenen  vortrage  ausführlich  begründet  worden.  Mit  der  Veröffentlichung 
dieses  Vortrages  zögerte  er  indessen,  bis  zwei  neue  reisen  nach  Bornholm  (1882  und 
1887)  die  lezten  zweifei  gelöst  und  das  erfreuliche  ergebnis  gehabt  hatten,  dass  die 
ganze  inschnft  —  wenige  buchstaben  abgerechnet,  die  durch  conjectuv- gefunden  wer- 
den musten  —  mit  zweifelloser  Sicherheit  entziffert  wurde.  Der  voiirag  gestaltete 
sich  nun  zu  einer  umfangi'eichen  festschrift,  die  durch  die  munificenz  des  dänischen 
Unterrichtsministeriums  in  einer  des  gefeierten  namens  würdigen,  höchst  gediegenen 
ausstattung  erschienen  ist. 

!Xach  einer  einleitung  über  die  methode  der  runenforschung,  die  mittel  zur 
datierung  der  inschiiften  u.a.  (s.  1  — 11),  wendet  sich  der  Verfasser  ziu- beschi-eibung 
des  aus  grauem  (gotiändischen?)  Sandstein  gefcrtig-ten  baptisteriums ,  imd  zwar  zu- 
nächst (s.  18  —  21)  zur  Schilderung  der  auf  demselben  befindlichen  sculptui-en.  Es 
ist  nämlich  der  obere,  cylinderförmige  teil  des  beckens  auf  der  aussenseite  diu'ch 
elf  Säulen,  die  durch  kleeblattförmige  bogen  verbunden  sind,  in  elf  felder  geteilt, 
welche  zu  bildlichen  darsteUungen  aus  der  heilsgeschichte  benuzt  sind.  Im  ersten 
felde  erblicken  -uii"  den  engel  Gabriel  (geflügelt  und  mit  einem  scepter  in  der  rechten 
band),  der  an  die  vor  ihm  stehende  Jungfrau  seine  botschaft  ausrichtet;  im  zweiten 
Maria  und  Elisabeth,    die   sich   durch  umarmimg  begnissen*;    im  dritten  die  geburt 

1)  Aus  Veranlassimg  dieses  tages  erscliienen  eine  ausführliclie  biographie  Easks  von  Fr.  Rön- 
ning  (Kopenh.  bei  K.  Scbonberg) ,  eine  festrede  von  W immer,  gehalten  in  der  Kopenhagener  Univer- 
sität (Kopenh.  bei  Gyldendal)  und  eine  neue  ausgäbe  der  altehrwürdigen  Islendingabok  von  Finnur 
Jünsson  (im  auftrage  des  isländischen  bökmentafelag,  Kopenh.  beiiloller).  Von  den  aufsätzen,  die  die 
nordischen  Zeitschriften  infolge  des  Jubiläums  verölfentlichten ,  erwähne  ich  nur  den  von  Tilh.  Thom- 
sen in  Nordisk  (Letterstedtskaj  tidskrift,  1887,  s.  593  — C06. 

2)  Antiqvariske  annaler  IV  (Kjobh.  1827)  s.  140  — 151.  Nachträgliche  bemerkimgen  dazu  von 
Rask  ebda  s.  269  —  271. 

3)  In:  Det  philologisk - historiske  samfunds  mindeskrift   (Ivobh.  1879)   s.  193  fgg. 

4)  Die  auffallende  zutat,  die  der  glorienschein  der  Jungfrau  Maria  im  1.  und  2.  felde  erhalten 
hat  (und  zwar  wolgemerkt  nur  in  diesen!)  hat  Vimmer  nicht  genügend  erklärt.  Es  erhebt  sich  näm- 
lich aus  der  glorie  ein  schmaler ,  durch  2  pai-allele  linien  begrenzter  streifen ,  der  sich  jedoch  in  der  mitte 
kreisförmig  erweitert.  Wimmer  vermutet  zweifelnd,  dass  dieser  streifen  einen  strahl  dai-steUon  solle  und 
hat  sicher  damit  recht ,  nur  geht  derselbe  nicht ,  wie  "Wimmer  meint ,  von  Maria  aus ,  sondern  senkt  sicli 
auf  sie  herab.    Es  soU  dadurch,    wie  aus  verwanten  bildwerken  zweifellos  her\'orgeht,    die  befruchtung 


Christi  (Maria  iin  bette  liegeud,  am  fassende  Joseph,  über  ihrem  haupte  ein  engel 
ein  räucherfass  schwingend,  daneben  die  krippe  mit  dorn  eingewickelten  Jesuskinde, 
recMs  davon  der  Steilige  stern  und  darüber  die  köpfe  von  ochs  und  esel);  im  vier- 
ten und  fünften  die  anbetung  der  heiligen  drei  könige,  die  in  langen  ge wändern  mit 
krönen  auf  den  häuptern  langsam  heranscbreiten  und  in  der  emporgehobenen  rechten 
band  ihre  gaben  darbringen  (salbenbüchse,  ring  und  weihraucbfass),  während  das  auf 
dem  schösse  der  mutter  sitzende  Chiistuskind  zwei  fiuger  der  rechten  band  wie  seg- 
nend emporstreckt;  über  dem  baupte  der  Maria  ist  widerum  der  stern  angebracht. 
Im  sechsten  bis  achten  fehle  ist  die  heimkehr  der  drei  könige  dargestelt,  die  hoch 
zu  rosse  davon  reiten,  in  der  rechten  ihre  scepter  haltend,  die  in  laubgewinde  aus- 
laufen. Die  drei  lezten  fehler  sind  der  passion  gewidmet:  im  neunten  wird  Christus, 
der  bis  an  die  hüften  entblösst  und  an  einen  pfähl  gebunden  ist,  von  zwei  kriegs- 
knechten  gegeisselt;  im  zehnten  wird  er  von  zwei  Söldnern  zum  kreuze  geführt  und 
im  elften  endlich  ist  er  bei  demselben  angelangt  und  ein  schergo,  der  hammer  und 
nagel  in  den  bänden  hält,  steht  bereit  die  krcuzigung  vorzunehmen. 

Die  runeninschrift,  welche  eine  erklärung  dieser  bildlichen  darstellungen 
enthält,  ist  auf  den  erwähnten  kleeblattförmigen  bogen  angebracht,  doch  sind  zuwei- 
len, wenn  der  räum  dort  nicht  ausreichte,  auch  die  kapitale  und  säulen  mit  zu  hilfe 
genommen  worden.  Dieser  Inschrift,  die  natürlich  den  eigentlichen  Vorwurf  für  die 
Untersuchung  des  Verfassers  bildet,  ist  der  folgende  teil  des  buches  (s.  21  fgg.)  gewid- 
met, und  zwar  folgt  zunächst  (s.  21  —  38)  ein  ausführlicher  rechenschaftsbericht  über 
den  gegenwärtigen  zustand  der  Inschrift,  in  welchem  über  die  mehr  oder  minder 
deutliche  lesbarkeit  der  einzelnen  zeichen,  über  die  risse,  Sprünge  und  abblätterun- 
gen, die  einige  von  ihnen  beschädigt  oder  ganz  zei'stört  haben,  genaue  mitteüungen 
gemacht  werden.  Es  ergibt  sich  aus  diesen,  dass  von  431  runen,  aus  denen  die 
Inschrift  bestand,  nur  12  gar  nicht  mehr  erkenbar  sind,  die  aber  in  den  meisten 
fäUen  sehi'  leicht  sich  ergänzen  lassen;  nur  in  einem  falle  schwankte  der  Verfasser 
eine  zeit  lang  zwischen  mehreren  möglichkeiten,  bis  er  schliesslich  zu  einer  ent- 
scheidung  gelangte,  die  meines  erachtens  das  richtige  getroffen  hat.  Der  Verfasser 
gibt  darauf  (s.  38)  eine  transscription  der  ganzen  inschrift  in  lateinischen  buchstaben, 
behandelt  dann  (s.  39  —  42)  das  zu  derselben  benuzte  aiphabet  und  erklärt  im 
anschlusse  daran  (s.  42  —  60)  ausführlich  die  vorkommenden  sprachformen,  worauf 
eine  nochmalige  (normaUsieiie)  widergabe  der  inschrift,  die  den  genauen  phonetischen 
wert  der  einzehicn  zeichen  darzustellen  sucht,  und  eine  wörtliche  Übersetzung  folgen 
(s.  61  —  62).  Die  hieran  sich  anknüpfenden  erörterungen  (s.  63  —  75)  gelten  der  datie- 
rung  des  denkmals,  füi'  die  namentlich  ein  im  jähre  1328  abgefasstcr  gotlän- 
discher  kal ender  (herausgegeben  von  Ole  Worm  unter  dem  titel  „Fasti  daniei" 
1626)  und  die  altgotländischen  gesetze  (Guta  lag,  herausgegeben  von  Schlüter 
im  7.  bände  von  „Sveriges  gamla  lagar",  Lund  1852,  und  von  C.  Säve  in  den 
„Gutniska  m-kunder",  Stockh.  1859)  benuzt  worden  sind.  Beide  denkmäler  müssen, 
wie  die  vergleichung  der  sprachforraen  lehrt,  der  taufsteininschrift  zeitlich  sehr  nahe 
stehen,    doch   ist    diese   unzweifelhaft   älter.     Namentlich  ist   hierfür  der  umstand 

dor  Jlaria  durch  den  heiligen  geist  bezeichnet  worden ,  und  der  kreis  in  der  mitte  dos  stralües  ist  entwe- 
der eine  rohe  (verstümmelte)  andeutung  der  den  heiligen  geist  symbolisierenden  taube  oder  geradezu  der 
embryo  des  Jesuskindes,  der  anderwärts  noch  deutlicher  dargestelt  wird,  vgl.  J.  E.  Wepsely,  icono- 
graphie  gottes  und  der  heiligen  (Lpz.  1874)  s.  29  fg. ;  Alwin  Schultz,  die  legende  vom  leben  der  Jung- 
frau Maria  und  ihre  darstelliuig  in  der  bildenden  kunst  des  mittelalters  (Lpz.  1878)  s.  54  fgg. ;  Heinr. 
Otte,  handbuch  dor  kirchl.  kmist - archäologio  dos  deutschen  mittelalters,  P  (Lpz.  1883)  s.  527. 


ÜBEK    WIMMER,    DOBErONTEN    I    AKIRKi':BY  489 

l)o\veiscud,  class  der  kalender  die  Unterscheidung  zwischen  R  r  (=.  german.  r)  und 
Y  ß  (=  gcrm.  x),  welche  die  taufsteininschrift  noch  consequent  festhält,  bereits 
aufgegeben  hat.  Das  ergcbnis,  zu  dem  Wiaimer  gelangt,  ist,  dass  der  taufstein  dem 
Iczten  viertel  des  13.  Jahrhunderts  angehört,  ein  ergebnis,  das  durch  das  von  dem 
kunsthistoriker  Jul.  Lange  abgegebene  (s.  75  abgedruckte)  gutachton  bestätigt  wird. 
Da  nun  auch  die  sämtlichen  sonst  bckanteu  gotländischen  runeninschriften  jüngeren 
datums  sind,  so  stelt  sich  die  taufsteininschrift  als  die  älteste  Urkunde  der  gotlän- 
dischen Sprache  dar,  die  wir  besitzen.  —  Der  schluss  des  buches  (s.  77  fgg.)  behan- 
delt noch  ein  dem  steine  von  Akirkeby  sehr  ähnliches  denkmal,  den  schonischen 
taufstein  in  der  kirche  zu  Bjersjö,  der  jedoch  mindestens  ein  halbes  Jahrhundert  älter 
ist  als  jener  und  zu  seiner  mit  einzelnen  dänischen  Wörtern  vermischten  latei- 
nischen Inschrift  nicht  runon,  sondern  lateinische  majuskela  verwendet.  Eine  ver- 
gleichung  dieser  beiden  deukmäler,  die  zum  teil  dieselben  scenen  darstellen,  ist 
schon  deshalb  interessant,  weil  sie  zeigt,  wie  sehr  die  künstler  des  mittelalters  an 
die  herschende  tradition  gebunden  waren  und  mit  welcher  Zähigkeit  Jahrhunderte 
hindurch  die  einmal  ausgebildeten  typen  nicht  nur  innerhalb  eines  landes,  sondern 
im  ganzen  occident  festgehalten  wurden,  wie  denn  z.  b.  die  darstellung  des  Christus- 
kindes in  der  krippe  mit  den  darüber  angebrachten  köpfen  des  ochsen  und  des  esels 
nicht  bloss  auf  den  beiden  eben  besprochenen  nordischen  taufsteiuen,  sondern  auch 
auf  einem  Gernroder  taufstein  (abgebildet  bei  Ütte  a.  a.  o.)  genau  in  dei-sclben  typi- 
schen manier  ausgeführt  ist. 

Die  Inschrift  von  Akirkeby  ist  natürlich,  wie  alle  runendenkmäler  aus  christ- 
licher zeit,  mit  den  zeichen  der  sogenanten  jüngeren  reihe  geschrieben,  deren  zahl 
zunächst  nui-  16  betrug,  bis  almählich  (seit  dem  ende  des  10.  Jahrhunderts)  als  neue 
sprossformen  die  punktierten  runen  hinzutraten,  von  denen  unser  denkmal  7 
besizt,  sodass  im  ganzen  23  buchstaben  vorhanden  sind,  die  wir  nachstehend  nebst 
der  üblichen  lateinischen  transscription  widergeben  (zuerst  unter  a)  den  gi'undstamm 
von  16  zeichen,  dann  unter  b)  die  nei;en  sprossformen): 

a)  r  n   t'  +  R  K  h)  n   r  K    +    *    t   ^ 

f        >'      P       0       r       k  y       (j       iir)        c       ;i        d       j) 

>l<     +     I     +     H 

h        )i       /       a       s 

t    ^    r  Y  /k 

t  b         l        VI        R 

Es  ist  dies  im  wesentlichen  dasselbe  aiphabet,  das  im  13.  Jahrhundert  alge- 
mein angewant  wurde  imd  z.  b.  auch  in  dem  bekanten  codex  runicus  des  schonischen 
gesetzes  benuzt  ist.  Nur  haben  auf  dem  taufstein  die  runen  +  und  <  nicht  die  gel- 
tung  CS  und  o  (diese  laute  waren  dem  altgotländischen  fremd),  sondern  bezeichnen 
a  imd  o;  ferner  hat  die  rune  A.,  welche  in  der  runenliandschrift  bereits  den  vocal  y 
widergibt,  auf  dem  taufstein,  wie  oben  erwähnt,  noch  die  alte  geltung  (=r  r);  end- 
lich ist  es  eine  sonst  nirgends  begegnende  eigentümlichkeit  unseres  denkmals,  dass 
aus  der  alten  Ä:-rune  (K)  zwei  sprossformen  gebildet  sind  (K  und  K),  von  denen 
die  eine  zur  bezeichnung  der  gutturalen  media  {[/),  die  andere  zur  bezeichuung  des 
gutturalen  nasals  (ng)  verwendet  wird. 

Wir  geben  die  inschrift  nach  der  Wimmerschen  lesung,  indem  wir  wie  dieser 
die  durch  conjectur  gefundenen  zeichen  in  eckige  klammern  einschliessen ,  und  fügen 
eine  wörtliche  Übersetzung  hinzu  (die  römischen  zahlen  bezeichnen  die  elf  bogen): 


490  GERING 

1.     fiifa   in  aaiiti  yctbrel  ol;  sclipi  saida  iitan'a  af  //an  skuldi  bani  fypa, 
IL     ßi'fa  /R   cl/>.abcß  ok  mar/'a  ok  licüsas. 

III.  Iiiar  Iniilis   »/aria   sum   hau   beim   fydi  slripcra  liiutix   oh  iorpar  swn 

OS  Icijsti. 

IV.  pita  iRii  pat'R  priR  kimimyaR  \s]u)n  kristi  giarpu  ofr  KCirum  drotiii. 
V.     hiar  fok  kau  iiipr  knmiiiga  ofri  uar  drotin. 

VI.  Yll.     liiar  ripii  paiR  bnrt  pjviR  kunuiiyaR  sipan  palR  ofrat  I/[af]a  onnii  drot- 
ni  yitpi. 
Vlll.     pjair  pct  hiar  fram  s\a]t]u.. 

IX.  ioPüR  tokii  iiarn  drotin  ok  bc[rp]i{  h[a]n  7iip)[r  t'\ri  ok  yetu. 

X.  sipan  ladu  ^aiR  lian  burt  piapa)i  bundin. 
XI.     ok  nrlildii  hiar  iopaR  irsus  a  krns. 

si  fram  a  pita. 
sihrafR    [n/,]cstcr[i]. 


I.     Dies  ist  S.  Galn'iol  und  (welcher)  sagte  der  S.  Maria,    dass   sie   solte  ein 

kind  gebtären. 
IL     Dies  ist  Elisabeth  und  Maria  und  (welche)  sich  begrüsscn. 
in.     Hier  ruht  Maria  naclidem   sie  als   kind  gel)ar  den  Schöpfer  des  hinimels 

und  der  erde,  so  uns  erlöste. 
IV.     Dies  sind  die  drei  künige,  so  Christo  machten  Opfer,  unserem  herrn. 
V.     Hier  nahm  er  an  der  konige  opfer,  unser  herr. 
VI.  YU.     liier  ritten  sie  foii  die  drei  könige,    nachdem  sie  geopfert  haben  unserm 
herrn  gott. 
Vni.     Sie  das  hier  voraus  sahen. 
IX.     Die  Juden  nahmen  unsern  herrn  und  schlugen  ihn  am  pfalile  und  bewach- 
ten ihn. 
X.     Darauf  leiteten  sie  ihn  fort  von  dort  gebunden. 
XL     und  nagelten  hier  die  Juden  Jesus  aus  kreuz. 
Sieh  hin  auf  dieses! 
Sighrafr  der  meister. 


Dass  diese  inschrift  wirklicli  in  der  spräche  der  insel  Gotland  geschrieben  ist, 
kann  keinem  zweifei  unterhegen.  Man  l>rau('ht  nur  die  ersten  kapitel  der  Gutalag 
zu  vergleichen,  um  hierüber  ins  kLare  zu  kommen.  "Wie  die  taufsteininschrift,  so 
beginnen  auch  die  Gutalag  mit  den  Wörtern  pita  ir,  die  beide  für  den  altgotlän- 
dischen  dialekt  charakteristisch  sind,  da  die  übrigen  altskandinavischen  muudarten 
(die  ostnordischen  wie  die  westnordischen)  an  stelle  des  i  das  ältere  e  aufweisen; 
ferner  finden  wir  auf  der  ersten  seite  der  Gutalag  wie  in  unserer  inschrift  die  selt- 
same femininform  //an,  die  Wimmer  gewiss  mit  recht  als  eine  analogiebildung  auf- 
fasst;  hier  wie  dort  begegnet  das  verbum  fypa^  (got.födjan,  altn.fWpa)^  das  widerum 
ein  unverkenbares  merkmal  des  gotländischen  besizt,  in  welchem  altn.  o'  regelmässig 
durch  >}  vertreten  wird;  beide  deukmäler  zeigen  ferner  die  alten  diphthonge  uuver- 
kümmeii  (auf  dem  taufsteine  //ailsas,  paiR,  leysti  —  in  den  Gutalag  naika,  //aipnii, 
/laisii ,  //oy,  soypui)/  usw.),  während  die  übrigen  ostnordischen  mundarten  dieselben 
sclion  längst  in  einfache  vocale  gewandelt  hatten;  beide  quellen  haben  die  im  ostnor- 
dischen sonst  unbekante  pronominalform  örun/,  usw.  usw. 


ÜBER    WIMMER,    D0BEFONTEN    1    AlvlRKEBY  491 

Der  beweis,  den  Wimmor  für  seine  behauptuug  führt,  ist  also  durchaus  unau- 
fcchtbar,  und  ebenso  wird  das  ergebuis  seiner  lesuug  (die  conjecturen  eingerechnet) 
kaum  jemals  modificiert  werden.  Nur  über  die  deutung  der  worte,  die  auf  dem 
8.  bogen  eingegraben  sind,  wage  ich  anderer  mcinung  zu  sein  als  der  Verfasser. 
"Wimmer  glaul)t,  dass  dieselben  auf  den  träum  der  magier  sich  beziehen,  durch  den 
diese  augewiesen  wurden,  nicht  zu  Herodes  zurückzukehren,  sondern  auf  einem 
andern  wege  in  ihre  heimat  sicli  zu  begeben.  Ich  halte  diese  erklärung  aus  ver- 
schiedenen gründen  für  falsch.  Wäre  sie  richtig,  so  hätte  „meister  Sighrafr",  dessen 
worte  doch  sonst  an  deutlichkeit  nichts  zu  wünschen  übrig  lassen,  gerade  hier  sich 
verzweifelt  unklar  ausgedrückt.  Ferner  würde  die  darstellung  der  vision  —  Wim- 
mers erklärung  als  richtig  vorausgesezt  — ■  von  der  sonst  in  der  altendländischen 
kunst  traditionellen  behandlung  dieser  scene  —  in  welcher  der  biblischen  erzählung 
entsprechend  die  könige  ruhend,  aber  nicht  reitend  abgebildet  werden  (vgl.  Alwin 
Schultz  a.  a.  o.  s.  62)  in  auffallender  weise  abvveichen.  Endlich,  solte  der  bildhauer, 
der  doch  sonst  mit  der  einführung  von  engelgestalten  nicht  kargt  (vgl.  feld  III)  gerade 
hier,  wo  sie  am  platze  war,  die  anbringung  des  engeis  unterlassen  haben?  Alles 
dies  scheint  mir  unglaublich.  Ich  betrachte  vielmehr  die  Inschrift  über  dem  8.  felde 
als  eine  hinweisung  auf  die  in  den  drei  nächsten  abteilungen  dargestelte  passion: 
„sie  sahen  das  (nämlich  das  folgende,  die  marter  des  herrn)  hier  voraus."  Die  lei- 
densgcschichte  wird  somit  gewisscrmassen  als  eine  vision  der  heiligen  drei  könige 
hiugestelt.  Diese  bilden  überhaupt  den  mittelpuukt  der  ganzen,  aus  11  bildorn  beste- 
henden darstellung;  die  fünf  mittelsten  sind  ihnen  ausschliesslich  gewidmet,  1  —  3 
und  9  — 11  bilden  gleichsam  nur  den  rahmen.  Dadurch  stelt  sich  der  bildliche 
schmu(;k  des  denkmals  als  ein  symmetrisches,  wol  geordnetes  ganze  dar:  die  geburt 
wie  der  tod  Christi  ist  an  die  geschichte  der  heiligen  drei  könige,  die  dem  bildhauer 
die  hauptsache  war,  augeknüpft.  Dass  diese  heiligen  auf  dem  steine  in  auffallender 
weise  bevorzugt  sind,  hat  auch  Wimmer  gefühlt  (vgl.  s.  77):  der  umstand  lässt  sich 
wol  nicht  anders  erklären,  als  durch  die  annähme,  dass  die  kirche,  für  die  der  tauf- 
stein bestimt  war,  die  heil,  drei  könige  als  ihre  speciellen  Schutzheiligen  verehrte. 

Dies  wäre  der  einzige  puukt,  in  dem  ich  von  dem  gelehrten  Verfasser  abzu- 
weichen mich  genötigt  sehe.  Nur  beiläufig  will  ich  noch  bemerken,  dass  derselbe 
einmal  in  dem  verlaufe  der  arbeit  genötigt  gewesen  ist,  sich  selber  zu  berichtigen: 
während  s.  35  die  form  hnndan  (so  hatten  die  ersten  herausgeber  der  Inschrift  statt 
bundin  gelesen)  für  eine  „Versündigung  gegen  die  grammatik"  erklärt  wird,  ist  s.  57 
zugegeben,  dass  diese  form  „a  priori"  möglich  sei. 

Ich  bin  für  den  leserkreis  dieser  Zeitschrift  vielleicht  schon  zu  ausführlicli 
geworden,  glaubte  aber  einem  w^erke  gegenüber,  das  als  eine  musterleistung  beson- 
nener philologischer  kritik  und  Interpretation  anzusehen  ist,  zu  einem  etwas  einge- 
henderen referate  verpflichtet  zu  sein.  AVir  nehmen  das  schöne  buch  dankbar  als 
eine  abschlagszahlung  an  —  indem  wir  hoffen  das  grosse  monumentale  werk,  das 
der  Verfasser  seit  langeu  jähren  vorbereitet,  bald  ans  licht  treten  zu  sehen.  Die 
aufgäbe,  die  sämtlichen  runendeukmäler  seines  Vaterlandes  zu  deuten,  konte  in  keine 
würdigeren  bände  gelegt  werden.  Der  norden,  der  auf  dem  gebiete  der  runcnfor- 
schung  lange  genug   unberufene   dilettanten'   an   der  arbeit  gesehen  hat,    darf  stolz 

1)  Der  sclilimste  —  und  hoffentlich  lezte  —  dieser  dilettanten  hat  auch  im  3.  hande  seines  wüsten 
Werkes ,  das  bekantlich  ein  einziger  grosser  anaclironismus  ist ,  es  sich  nicht  versagen  können ,  aufs  neue 
seinen  kindischen  fanatismus  zu  bekunden,  indem  er  die  deutsche  Wissenschaft  der  „raubgior"  bezich- 
tigte.   Veranlassung  dazu  gab  ihm  ein  bild  in  Joh.  Scherrs    „nationalem  prachtwerk"   Germania,    das 


492  FINNUR   JÖNSSON 

darauf  sein,   dass  er  jczt  zwei  meister,   deren  namen  liingst  europäischen  ruf  erlangt 
haben  —  Sophus  Bugge  und  Ludvig  Wimmer  —  sein  eigen  nent. 

HALLE,    9.    APRIL    1888.  HUGO    GERING. 


Die  runenschrift  von  Ludr.  F.  \.  Wimmer.  Vom  Verfasser  umgearbei- 
tete und  vermehrte  ausgäbe.  Mit  3  tafeln  und  abbildungen  im  texte. 
Aus  dem  dänischen  übersezt  von  dr.  F.  Iloltliauseu.  Berlin,  Weidmann- 
sche  buchhandlung.  1887.     XXIV,  392  (2)  seiten.     14  m. 

Die  frage  nach  dem  Ursprünge  der  runenschrift  hat  schon  seit  langer  zeit  viele 
gelehrte  beschäftigt,  und  beinahe  ebenso  gross  ist  die  zahl  der  darauf  gegebenen 
antworten;  von  den  schwedischen  und  dänischen  altertumsforschcrn  des  16.  und  17. 
jalirhundci-ts  —  unter  denen  nur  Rudbeck  und  Ole  "Worm  genant  seien  —  bis  auf 
den  Verfasser  der  vorliegenden  schrift  hat  fast  ein  jeder  in  anderem  sinne  sich  aus- 
gesprochen. Auch  dieser  gleicht  seinen  Vorgängern  darin,  dass  er  zu  einem  resultat 
gelangt,  das  von  den  meisten  früher  aufgestelten  hypothesen  abweicht,  doch  unter- 
scheidet er  sich  von  ihnen  dui-ch  die  tiefe  gründlichkeit  seiner  Untersuchung,  die 
Sicherheit  der  methode  und  die  endlich  erreichte  richtigkeit  des  ergebnisses.  Das 
original^  erschien  1874  (zuerst  in  den  Aarboger  for  nordisk  oldkyndighed  og  historie, 
dann  auch  separat)  und  machte  auf  dem  gebiete  der  runologie  geradezu  epoche. 

Wie  das  werk  jezt  in  deutscher  Übersetzung  vorliegt,  besteht  es  aus  zwei 
büchern,  nebst  verschiedenen  als  anhang  beigefügten  einzelabhandlungen.  Das  erste 
buch  (s.  11  — 176)  führt  den  titel:  „der  Ursprung  der  runenschrift"  und  zerfält  in 
folgende  kapitel:  1.  frühere  ansichten  über  alter  und  Ursprung  der  runen  (s.  11  — 
22);  2.  das  Verhältnis  zwischen  dem  phöuicischen  und  den  alten  südeuropäischen 
alphabeten  (s.  22  — 56);  3.  die  runenschrift:  A.  ihre  Verbreitung  (s.  56  — 74),  B.  das 
älteste  gcmeiugermanische  runenalphabet  (s.  74  —  89),  C.  das  Verhältnis  der  runen- 
schrift zu  den  übrigen  alten  alplialjeten.  Ihre  abstammung  vom  lateinischen  aipha- 
bet (s.  89  — 140),  D.  Verschiedenheiten  zwischen  der  runenschrift  und  den  übrigen 
alten  alphabeten  (s.  140  — 143),  E.  die  richtung  der  runenschrift,  trenuungszeichen, 
binderunen,  einfassungshnien  (s.  143  —  171),  F.  wo  entstand  die  runenschrift  (s.  171 
—  176).  —  Das  zweite  buch  (s.  179  —  258)  ist  betitelt:  „die  entwicklung  der  runen- 
schrift im  norden"  und  gliedert  sich  in  nachstehende  kapitel:  1.  die  jüngere,  kürzere 
runenreihe  (s.  179  — 190);  2.  das  Verhältnis  zwischen  der  kürzeren  und  längeren 
runenreihe  (s.  191  —  251);  3.  die  punktierten  runen,  das  jüngste  runenalphabet 
(s.  252  —  258).  Schon  diese  Übersicht  zeigt,  wie  vorzüglich  und  planmässig  der  stoff 
geordnet  ist. 

Es  war  für  den  ref.  von  besonderem  Interesse,  das  original  mit  der  Über- 
setzung zu  vei-gleichen  und  die  fortschritte  zu  betrachten,  die  der  Verfasser  infolge 
neuer  funde  und  fortgesezter  Studien  gemacht  hat.  "NVii"  begegnen  dabei,  um  es  von 
vornherein  zu  sagen,  den  günstigsten  und  erfreulichsten  resultaten. 

Zunächst  sind  im  ganzen  genommen  alle  Zeitbestimmungen,  sowol  in  der 
geschichtlichen   entwicklung  der  runenschrift  wie   auch  bei  der  datierung  der  oinzel- 

einen  upländischen  ruiienstein  darstolt ,  den  aber  die  untorsc}\rift  schlankweg  zu  einem  rügonschen  macht. 
AVir  verurteilen  natürlich,  wie  jeder  ehrliche  mensch,  den  g-owissenlosen  nnfug,  den  fingerfertisre  auto- 
ron  oder  Verleger  mit  der  wilkürlichon  honutzung  von  cliches  treiben,  glauben  aber  dem  auslande  gegen- 
über darauf  hinweisen  zu  müssen,  dass  mit  der  Wissenschaft  das  genante  bilderbuch  von  Joh.  Sehen- 
ebenso  wenig  etwas  zu  schaffen  hat ,  wie  die  drei  folianten  des  anglodänischen  ruiienopus. 

1)  Dieses  ist  s.  z.  im  6.  bände  dieser  ztschr.  (s.  330  —  341)  von  Max  Rioger  besprochen  worden. 


ÜBER   WIXDIER,    RUNENSCHRIFT  493 

uen  steine,  mit  weit  grösserer  Sicherheit  und  genauigkeit  angesezt,  namentlich  für 
die  älteste  periode.  Der  vei-fasser  ist  jezt  zu  dem  ergehnis  gelangt,  dass  die  einfüh- 
rung  der  runonschrift  im  norden  erst  um  das  jähr 400  n.Chr.  erfolgte,  also  1'/.,  Jahr- 
hunderte später,  als  man  früher  annahm.  Hiermit  stimmen  die  jüngsten  rcsiütate 
der  archäologischen  forschung  üherein. 

Eine  durchgreifende  änderung  haben  auch  neuere  sprachwissenschaftliche  Unter- 
suchungen und  entdeckungen  (z.  b.  über  die  germanische  spirantem-eihe  j,  (f,  Ö) 
veranlasst.  Hierauf  komme  ich  unten  noch  einmal  zurück.  Zunächst  sei  der  Inhalt 
der  einzelnen  teile  des  buches  kurz  resümiert. 

Das  1.  kapitel  des  1.  buches  handelt  über  die  ansichten  früherer  forscher 
(von  denen  jedoch  mit  recht  nur  das  wichtigste  mitgeteilt  wird);  das  2.  kapitel  über 
das  Verhältnis  zwischen  dem  altsemitischen  (phönicischen)  aiphabet  und  den  südeuro- 
päischen. Von  diesen  stammen  die  giiechischen  alphabete  direkt  von  dem  semi- 
tischen ab,  die  zwei  italischen  hauptgruppen  (die  etruskisch - umbrisch - oskische 
[sabellische]  und  die  lateinisch -faliskische)  von  dem  griechischen.  Diese  beiden 
kapitel  sind  nur-  wenig  verändert  und  vermehrt,  doch  haben  die  neuerdings  auf 
Cypern  gefundenen  phönicischen  Inschriften -fragmente  beräcksichtigung  erfahren  (vgl. 
s.  23  und  26  —  27).  Die  darstellung  von  dem  gegenseitigen  Verhältnis  der  verschie- 
denen alphabete  wird  auch  für  klassische  philologen  sehr  lehrreich  sein  und  sei  die- 
sen zum  Studium  angelegentlich  empfohlen. 

Der  1.  abschnitt  des  3.  kapitels  bespricht  die  Verbreitung  der  nmenschiift  bei 
den  germanischen  Völkern.  Die  beweise  für  "Wimmers  behauptung,  dass  die 
mnen  ein  gemeinschaftlicher  besitz  aller  Germanen  gewesen  seien,  haben  sich  seit 
dem  jähre  1874  beinahe  vordoppelt.  Zu  den  im  original  besprochenen  6  continen- 
talen  deukmälern  —  das  7.,  die  spange  von  Freilaubersheim ,  hatte  erst  in  der  nach- 
schrift  (Aarb.  1874  s.  2(33  fgg.)  berücksichtigt  werden  können  —  sind  6  neue  hinzu- 
gekommen :  das  speerblatt  von  Kovel  in  Volhyuien  und  die  spangen  von  Nordendorf  (b), 
Hohenstadt,  Friedberg,  Ems  und  Engers.  Der  Verfasser  geht  darauf  zu  der  bespre- 
chung  der  aus  dem  altert  um  und  mittelalter  überlieferten  quellenzeugnisse  über: 
Tacitus  (Germ.  19),  Yenantius  Fortunatus  (dessen  „barbara  ruua"  zweifellos  richtig 
als  gegensatz  zu  lateinischer  schrift  verstanden  wird),  Saxo  grammaticus  (litterae 
ligno  insculptae)  usw.  Das  ergebuis  der  imtersuchung  ist,  dass  „die  germanische 
Völkerklasse  in  den  ersten  Jahrhunderten  nach  Christi  gebmi  ein  ninenalphabet  ge- 
habt hat." 

Dieses  gemeingermanischc  runenalphabet  wird  hierauf  näher  untersucht,  unter 
Zugrundelegung  dreier  „  futharke ",  die  auf  3  iu  verschiedenen  hindern  gefundenen 
denkmäleru  erhalten  sind:  dem  bracteatcn  von  Vadstena  (Schweden),  der  spange  von 
Charnay  (Frankreich)  und  dem  Themsemesser  oder  richtiger  Themseschwert  (Eng- 
land). Diese  3  denkmäler  liefern  den  beweis,  dass  das  gemeingermanisclie  aiphabet 
aus  24  zeichen  bestand,  deren  reihenfolge  die  auf  dem  brakteaten  von  Vadstena 
beobaclitete  gewesen  ist  (auf  dem  jedoch  das  zeichen  für  et  aus  mangel  an  platz 
fehlt). 

Der  wichtige  3.  abschnitt  enthält  den  nachweis,  dass  dieses  aiphabet  aus  einem 
lateinischen  abgeleitet  worden  ist. 

Nachdem  der  Verfasser  auf  die  unleugbare  verwantschaft  einzelner  lateinischer 
buchstaben  mit  den  entsprechenden  runenzeiclien  aufmerksam  gemacht  hat,  wird 
gezeigt,  dass  die  lezteren  weder  direkt  von  dem  gemein -semitischen  noch  von  dem 
griechischen  aiphabet  abstammen   können.      Hier    ist    namentlich    das   zeichen  für  f 


494  FINXUR   JOXSSON 

massgebend:  im  gnechischen  bat  F  (digamma)  den  lautwert  «;  (uicbt  /"),  im  latei- 
niscben  dagegen  bezeicbnet  F  ebenso  wie  die  entsprecbende  rune  f.  Ungefähr  das- 
selbe ^^^rd  sodann  für  k  geltend  gemacht:  nur  im  lateinischen  (und  etruskischen)  ist 
C  =  Ä-,  ebenso  im  runenalphabet.  Das  etruskische  aiphabet  kann  jedoch  nicht  in 
betracht  kommen,  da  es  in  anderen  punkten  von  dem  ruuenfuthark ,  trotz  mehrerer  — 
scheinbarer  —  Übereinstimmungen,  recht  bedeutend  abweicht.  Ein  direkter  Zusam- 
menhang zwischen  dem  lateinischen  aiphabet  und  den  runen  ist  somit  bewiesen.  Die 
abweichungen  einzelner  runen  von  der  gestalt  der  lateinischen  buchstaben  (z.  b. 
F  \'' ,  T  T.  T^  V)  erklären  sich  einfach  aus  der  beschaffenheit  des  materials,  auf  dem 
jene  anfänglich  angebracht  wm-deu.  Nach  den  Zeugnissen  bei  Venantius  und  Saxo 
wurden  die  rmien  auf  holztäfelchen  eingerizt.  Hierzu  „sind  namentlich  senkrechte 
linieu  zweckmässig,  wogegen  die  wagerechten  leicht  undeutlich  werden";  das  prin- 
cip:  gerade  linien  mit  schräger  richtung  zu  brauchen  „hat  die  runenschrift  in 
ihrer  ursprünglichen  gestalt  in  seiner  ganzen  strenge  durchgeführt"  (97).  Hierzu  komt 
ferner  das  2.  princip ,  „  die  beistriche  niemals  sich  über  den  senkrechten  stab  erheben 
oder  unter  densell)en  gehen  zu  lassen"  (100).  Auf  diese  weise  lassen  sich  17  runen 
im  ganzen  sehr  leicht  aus  den  entsprechenden  lateinischen  buchstaben  ableiten,  näm- 
lich ABCDEFHILMN  ORSTU.  Dass  D  die  mutterform  für  |>  wurde,  könte 
wunderbar  scheinen;  es  hat  jedoch  seinen  gruud  daiin,  dass  d  im  germanischen 
spirantisch  war  (das  Verhältnis  ist,  wie  später  nachgewiesen  wird,  dasselbe  Avie  zwi- 
schen k  und  g).  „Wären  die  laute  im  lateinischen  und  germanischen  dagegen  die- 
selben gewesen ,  so  wäre  es  mindestens  sehr  auffallend ,  dass  mau  lat.  D  zur  bezeich- 
nimg  für  den  ganz  verschiedenen,  im  lat.  unbekanten  laut  p  gewählt,  aber  für  das 
dem  lat.  und  germ.  gemeinsame  d  ein  neues  zeichen  gebildet  hätte.  Ganz  anders 
dagegen  stelt  sich  die  sache,  wenn  das  germ.  den  fZ-laut  gar  nicht  hatte,  aber 
sowol  p  wie  ^,  die  beide  vom  lat.  (/  weit  ablagen  und  zwei  zeichen  im  runenalpha- 
bet erforderten.  Es  lag  dann  ebenso  nahe,  lat.  D  zur  bezeichnuug  für  p  wie  für  ä 
zu  wälilen,  und  das  hat  das  ranenalphabet  ja  auch  getan,  da  es  ausser  allem  Zwei- 
fel'steht,  dass  V  formell  das  lat.  I>  ist"  (108  —  109).  cf  wurde  darauf  auf  die  weise 
gebildet,  dass  man  zwei  D  neben  einander  stelte.  So  hatte  man  also  aus  den  16 
lat.  buchstaben  17  runen  erhalten. 

Da  nun  mehrere  zeichen  nur  aus  dem  lat.  aiphabet  gebildet  sein  können  und 
andere  zum  mindesten  ebenso  gut  aus  diesem  wie  aus  dem  griechischen,  so  ist  die 
nächstliegende  schlussfolgenmg  die,  dass  alle  runen  ausschliessHch  aus  den  lateini- 
schen buchstaben  entstanden  sind.  „Wo  sich  ein  charakteristischer  unterschied  in 
form  oder  bedeutung  zwischen  dem  lateinischen  und  den  andern  alphabeten  findet, 
weisen  die  rimenzeicheu  ausschliesslich  auf  das  lateinische  hin"  (111). 

Die  behandlung  der  übrigen  runen  (der  zeichen  für  j,  n-,  R  =^  r  finale, 
ny ,  j,  p,  und  der  rune  'V,  deren  bedeutung  unsicher  ist)  gehört  zu  den  am  meisten 
umgearbeiteten  partien  des  buches,  da  für  mehrere  derselben  eine  neue  auffassung 
geltend  gemacht  wird;  sie  ist  daher  ganz  besonders  interessant.  Der  Verfasser 
beweist  unwiderleglich,  dass  X  =  J  aus  zwei  neben  einander  gestelteu  C  entstanden 
ist  (das  lat.  X  hat  vielleicht  als  vorbild  gedient^),  P  :=  iv  aus  Q^  Y  =  -  (später 
=  R)  aus  lat.  Z,  ^  =  ng  widerum  aus  zwei  aneinander  gerückten  C,  endlich  H 
oder  H  =y  (die  jära-rune)    aus  lat.   G    (der  nachweis  dieser  lezten  entwicklung  ist 

1)  Das  ist  jedoch  streng  genommen  wol  nielit  notwendig ,  da  die  analogie  mit  i^  auf  dieses  zei- 
chen führen  uiuste,  das  also  nur  zufällig  zu  der  ähnliclikeit  mit  lat.  X  gelangte? 


ÜBER   WIMMER,    RUNENSCHRIFT  495 

besonders  scliÖu  und  interessant).  Diese  runo  hat  übrigens  mehrere  formen,  die  sich 
jedoch  fast  sämtlich  leicht  ans  dem  lateinischen  bnchstaben  herleiten  lassen.  Die 
ruue  für  ;;  hat  el)enfals  mehrere  formen:  ^  N  DC  usw.  Der  lateinische  buchstabe  P 
hätte  ja  zu  Y  werden  können,  dies  aber  war  das  zeichen  für  ?r;  folglich  konte  diese 
rune  nicht  =^>  gebraucht  werden.  Im  original  hatte  der  Verfasser  daran  gedacht,  dass 
die  angeführten  formen  auf  eine  zusammenrückung  zweier  ^  zurückführen  könten;  jezt 
nimt  er  dagegen  an,  dass  man  aus  Peine  runo  K  und  hieraus,  der  Symmetrie  lialber, 
das  zeichen  ps  bildete.  Ohne  diese  annähme  irgendwie  bestreiten  zu  wollen,  erlaubt 
sich  der  ref.  die  frage  aufzustellen,  ob  dieses  ^  nicht  direkt  aus  i?  abgeleitet  ist;  da 
der  erfinder  des  runenalphabets  sah,  dass  erP  nicht  brauchen  konte,  um  ein  zeichen 
Y  =  p  daraus  zu  bilden ,  so  könte  er  möglicherweise  P  ganz  aus  dem  spiele  gelassen 
und  aus  B  zwei  zeichen  gescliaffen  haben,  ebenso  wie  aus  G  und  P,  allerdings  auf 
ganz  verschiedene  weise? 

Die  bedeutung  des  lezten  Zeichens  ^  ist  der  Verfasser  genötigt  als  ganz  unsicher 
hinzustellen  (obgleich  es  auf  dem  kreuze  von  Ruthwell  ein  h  widerzugeben  scheint). 
Mögliche rweiso  stamt  es  von  dem  lat.  Y  und  hat  wol  niemals  einen  wirklichen  laut- 
wert gehabt. 

So  gibt  es  kaum  eine  rune,  die  sich  nielit  bestirnt  aus  einem  entsprechenden 
lateinischen  bnchstaben  ableiten  lässt;  überdies  beweist  die  jära-rune  ganz  sicher, 
dass  das  lateinische  aiphabet,  nach  dessen  muster  die  runen  geschaffen  sind,  das 
jüngere  lateinische  aiphabet  war,  ein  resultat,  das  von  ganz  besonderer  Wichtigkeit 
ist.  Dieses  resultat,  obwol  dasselbe  wie  im  original,  ist  hier  weit  besser  begründet, 
da  einzelne  zweifei  und  unaufgeklärte  momentc  jezt  volständig  entfernt  sind. 

Auf  die  folgenden  abschnitte  geht  ref.  nicht  näher  ein  und  bemerkt  nur,  dass 
zwei  Paragraphen  in  der  2.  abteilung  (binderunen;  einfassimgslinien ,  bildliche  dai'stel- 
lungen)  ganz  neu  sind. 

Der  lezte  abschnitt  behandelt  die  frage,  wo  die  runenschrift  entstanden  ist. 
Hierauf  kann  der  Verfasser  eine  bestimte  antwort  nicht  geben,  hält  aber  die  annähme 
für  die  wahrscheinlichste,  dass  sie  in  einem  südgermanischen  volksstamme  geschaf- 
fen wurde,  vielleicht  ohne  direkte  berührung  mit  den  Römern,  sondern  indirekt, 
sodass  der  erfinder  des  futhark  das  lateinisclie  aiphabet  bei  den  Galliern  kennen 
gelernt  hat.     Es  muss  dies  in  der  ersten  kaisorzeit  geschehen  sein. 

Hieraus  kann  sodann  die  sehr  wichtige  folgerung  gezogen  werden,  dass  die 
runenschrift  „nicht  als  beweis  für  das  eindringen  eines  neuen  Stammes  zu  dieser  zeit 
(der  eisenzeitj  gebraucht  werden  kann"  (176). 

Das  zweite  bucli  beschäftigt  sich  mit  der  „  entwicklimg  der  runenschrift  im 
norden."  Die  runenschrift  ist  um  400  nach  dem  norden  gelangt;  aus  dieser  zeit 
imgefähr  müssen  die  ältesten  Inschriften  (auf  losen  gegenständen)  stanmien.  "Wäh- 
rend man  in  diesen  noch  das  gemeingermanische  aiphabet  von  24  bnchstaben  benuzt 
findet,  erscheint  in  späteren  Inschriften  (ungefähr  nach  800)  ein  neues  aiphabet  von 
IG  runen,  das  im  gegeusatz  zu  dem  ersteren  ein  specifisch  nordisches  genant 
werden  kann.  Im  Widerspruch  mit  altern  forschern,  welche  meinten,  dass  dieses 
aiphabet  älter  sei  als-  jenes  und  es  mit  einer  einwanderungstheorie  in  Verbindung 
sezten,  die  jedoch  aus  historischen  und  archaeologischen  gründen  so  gut  wie  unmög- 
lich ist,  beweist  der  Verfasser  punkt  für  punkt,  wie  dieses  aiphabet  von  IG  zeichen 
mit  notwendigkeit  und  ziemlich  natürlich  aus  dem  älteren  von  24  nmen  entstanden 
sein  muss.  Diese  entwicklung,  die  selbstverstiüidlich  ganz  almählich  vor  sich  gieng, 
wurde  besonders  durch  Veränderungen  in  der  spräche  selbst  bedingt.     Die  alte  jära- 


496  FINNUR   JONSSON 

rune  z.  h.  muste  iliren  laiTtwcrt  ändern ;  da  anlautendes  j  durchweg  abgeworfen  ward, 
wurde  *jnra  zu  dr:  daraus  erklärt  sich,  dass  diese  rune  nun  zur  bezeichnung  eines 
a  verwendet  ward.  Die  alte  rune  ansuR  (die  äss  -  (Jss  -  rune)  bekam  die  bedeutung 
eines  nasalen  a  (nicht  o).  Obgleich  man  auf  diese  weise  zwei  zeichen  für  den  a-laut 
ci'hielt,  wurde  die  zahl  der  ruueu  im  ganzen  weit  geringer.  Die  rune  für  o  wurde 
aufgegeben,  da  dieser  laut  in  vielen  fällen  sich  in  n  gewandelt  hatte;  oft  war  er 
auch  ganz  fortgefallen  usw. 

An  manchen  stellen  sind  vo]n  Verfasser  auf  grund  neuerer  funde  (z.  b.  des 
Vatn- Steins)  Umarbeitungen  vorgenommen  worden  und  mehrere  partien  sind  weitläuf- 
tiger  behandelt  als  im  original. 

Dies  war  die  2.  periode  der  runenschrift  im  norden.  Die  dritte  begint  um 
das  jähr  1000;  ihr  charakteristisches  merkmal  sind  die  sogenauten  punktierten 
runen.  Zuerst  gab  es  deren  nur  zwei  (},  p'  =  e,  g)^  später  kamen  andere  hinzu. 
Hierbei  macht  sich  das  streben  geltend,  die  runenschrift  in  genauere  Übereinstim- 
mung teils  mit  der  herschenden  ausspraclie,  teils  mit  dem  lateinischen  alphabete  zu 
bringen. 

Die  resultate,  zu  denen  der  Verfasser  gelangt  ist,  sind  in  allen  wesentlichen 
punkten  unbedingt  sicher,  und  die  zukunft  wird  sie  nicht  umstürzen  können,  eben- 
sowenig wie  dies  die  14  jähre,  die  seit  dem  erscheinen  des  Originals  verflossen  sind, 
vermocht  haben.  Zu  erwarten  ist  nur,  dass  die  gewonnenen  ergebnisse  durch  wei- 
tere forschungen  eine  immer  festere  stütze  erlangen,  und  dass  über  eiuzelheiten,  die 
noch  als  unsicher  betrachtet  werden  müssen,  almählich  klareres  licht  verbreitet  wird. 
Ich  erinnere  besonders  an  die  coli -rune  und  deren  gebrauch.^ 

Der  grosse  wert  des  buches  für  geschichte,  spräche  und  kultur  des  ganzen 
germanischen  volksstammes  wird  durch  die  6  abhandlungeu ,  die  der  Verfasser  als 
auhang  hinzugefügt  hat,  in  hohem  masse  vermehrt.  Im  original  fand  sich  nur  die 
lezte,  die  übrigen  fünf  sind  ganz  neu.  Ich  erlaube  mir  auch  über  diesen  anhang 
kurz  zu  referieren. 

In  der  1.  alihandlung  („das  wulfilanische  aiphabet ")  bekämpft  der  Verfasser 
die  von  J.  Zacher  ausgesj)rochene  ansieht,  dass  Wulfila  das  runenfuthark  „als  gnind- 
lage  für  seine  schrift  gebraucht  und  die  runen  zur  ähnhchkeit  mit  den  griechischen 
(und  lateinischen)  buchstaben  umgebildet  habe"  (270).  Wimmer  weist  im  gegenteile 
nach,  dass  das  griechische  aiphabet  das  direkte  vorbild  für  das  gotische  abgegeben 
hat,  und  dass  "Wulfila  aus  dem  lateinischen  aiphabet  nur  die  zeichen  für  q,  h,  j,  f,  s 
und  aus  dem  nmenfuthark  nur  zwei,  nämlich  o  und  ti  entlehnte. 

In  der  2.  abhandlung  („  das  altnorwegische  runengcdicht  und  die  isländische 
runenreinierei")  behandelt  der  Verfasser  ein  in  Norwegen  um  1200  gedichtetes  und 
ein  auf  Island  wahrscheinlich  im  15.  Jahrhundert  verfasstes  runen -Med,  die  für  die 
spätere  entwicklung  der  runenschrift  von  bedeutung  sind. 

In  der  3.  abhandlung  („örtliche  abweichungen  im  gewöhuhchen  nordischen 
futliark")  werden  besonders  solche  abweichungen  besprochen,  wie  sie  die  in  melu'- 
facher  beziehung  interessanten  Inschriften  der  steine  von  Eök  und  Kälfvesten  auf- 
weisen, sowie  die  Hclsinger  „  stablosen "  runen. 

Die  4.  abhandlung  fülirt  den  titel:  „das  Verhältnis  zwischen  den  runen  r 
und  R."-     In  der  älteren  runeuperiode  und  in  den  ersten  zeiten  der  jüngeren  wer- 

1)  Gelegentlich  komt  der  Verfasser  auf  den  magischen  gebrauch  der  ranen  zu  sprechen.  Eine 
besondere  abhandlung  über  diese  vei-wendung  nach  dorn  gegenwärtigen  Standpunkt  der  Wissenschaft  wäre 
sehr  erwilnsclit,  da  die  frage  für  die  kultm-geschichte  von  ausserordentlicher  bedeutung  ist. 


ÜBER   "WIMMER,    RUNENSCHRIFT  497 

den  diese  zwei  zeichen  stets  unterschieden.  Gleichwol  wird  später  ziemlich  häufig  R 
gebraucht,  wo  mau  r  erwartet  hätte  (z.  b.  titaR,  afteR,  fapeR).  Dies  wird  zwei- 
fellos richtig  als  eine  aualogiebildung  erklärt;  ein  r,  das  im  auslaute  eines  woiies 
stand,  bekam  den  lautwert  des  R,  weil  dieses  nur  auslautend  vorkam.  Um  das  jähr 
900  tritt  dann  die  Veränderung  ein,  dass  umgekehrt  R  nach  dentalen  lauten  in  r 
übergeht,  nach  labialen  und  guttiu'alen  dagegen  erhalten  bleibt.  Zulezt  drang  r 
überall  ein. 

Die  5.  abhandlung  („  chronologische  Übersicht  der  ältesten  nordischen  runen- 
denkmäler'^)  enthält  eine  sehr  wilkoramene  Übersicht  über  die  Zeitfolge  der  einzelnen 
runendenkmäler  und  zugleich  eine  sehr  interessante  und  überzeugende  darstellung 
der  beweguugen,  welche  die  runenschiift  in  den  nordischen  ländern  gemacht  hat. 
Dieselbe  gelangte,  wie  es  natürlich  ist,  zuerst  nach  Dänemark  (um  400)  imd  wurde 
hier  nur  zu  inschriften  auf  losen  gegenständen  verwant.  Demnächst  finden  wir  sie 
in  allen  3  ländern  (500  —  800);  in  dieser  zeit  komt  sie  jedoch  nui-  in  Norwegen  und 
Schweden,  nicht  auch  in  Dänemark,  auf  steinen  zur  anwendung.  Seit  sehr  alter  zeit 
war  es  nämlich  in  Norwegen  brauch,  zum  gedächtnis  verstorbener  bau  tasteine  zu 
errichten,  und  mm  fieng  man  —  zuerst  wol  ebenfals  in  Norwegen  —  an,  runen  auf 
diesen  einzuhauen.  Almählich  änderte  sich  jedoch  die  sitte.  Es  wurde  üblich  einen 
kleinereu  stein  mit  ganz  kurzer  Inschrift  im  Innern  des  grabes  selbst  anzubringen 
imd  auf  demselben  einen  bautastein  ohne  Inschrift  aufzustellen.  Almählich  (nach 
650)  wurde  .'^odanu  der  ganze  brauch  in  Norwegen  aufgegeben,  er  wanderte  aber 
nach  Süden  und  wurde  nun  in  Dänemark  angenommen,  wo  er  im  9.  Jahrhundert  zur 
anwendung  kam  imd  hier  die  sitte  hervorrief,  steine  —  und  mitunter  sehr  grosse 
und  prächtige  —  mit  langen  inschriften  zu  versehen.  Diese  kreisbew-egung  macht 
es  volkommeu  erklärlich,  wariun  Island  keinen  einzigen  runenstein  aus  der  zeit  vor 
1300  aufzuweisen  hat.  Die  besiedelimg  der  insel  fält  nämlich  in  die  zeit,  wo  im 
mutterlande  der  braueli.  bautasteine  mit  inschriften  darauf  zu  errichten,  verschwun- 
den war. 

Die  6.  und  lezte  abhandlung,  die  schon  im  original  sich  fand,  bespricht  „die 
ältesten  dänischen  runendenkmäler  mit  der  kürzeren  runenrcLhe."  Es  wird  hier  eine 
genaue  abbildung  jedes  deukmals  und  zugleich  eine  musterhafte  exklärung  desselben 
gegeben,  nachdem  eine  sprachgeschichtliche  Übersicht  über  den  lautweii  der  ein- 
zelnen runen  (die  eine  starke  Umarbeitung  erfahren  hat)  vorausgeschickt  ist.  Die 
hier  behandelten  inschriften  sind  um  3  vermehrt  (die  der  steine  von  Öija,  Nörrenaerä 
rmd  Rönninge). ^ 

Dass  der  Verfasser  in  seiner  schrift  gelegentlich  manche  von  den  alten  inschrif- 
ten in  musterhafter  weise  behandelt  hat,  sei  zum  schluss  noch  ausdrücklich  bemerkt; 
auch  dass  öfter  neue  und  sorgfältige  abbüdimgen  mitgeteilt  sind.  Für  die  Veranstal- 
tung der  deutschen  ausgäbe,  diu'ch  die  Wimmer  sein  werk  nun  einem  weit  grösseren 
leserkreise  zugänglich  gemacht  hat,  sind  alle  freunde  der  germanischen  altertumskunde 

1)  Gegen  die  deutiingen  des  Verfassers  liat  der  ref.  im  ganzen  genommen  nichts  einzuwenden. 
Nur  kann  er  einen  zweifei  über  die  auffassung  der  worte :  at  rita  sa  varpi  (auf  den  steinen  von  Glaven- 
drup  und  Ti-yggevfelde)  nicht  zurückhalten.  Ebenso  wie  der  verf.  würde  auch  ref.  einen  weit  stärkeren 
ausdruck  erwarten  als  „er  soU  widerherstellen";  überdies  würde  diese  aufforderung  sehr  wenig  eindruck 
auf  denjenigen  gemacht  haben ,  dessen  wh-kliche  absieht  es  war ,  den  stein  zu  schädigen  oder  zu  entfer- 
nen. Riti  könte  ja  möglicherweise  ein  wort  von  sehr  schlimmer  bedeutung  gewesen  sein,  das  später 
verloren  gieng  und  dessen  sinn  zu  finden  infolgedessen  schwer  oder  unmöglich  sein  wird. 

ZEITSCHRIFT    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.       BD.    XXI.  «jJ 


498  MATTHIAS 

ihm   zu  wärmsten  danke  verpflichtet.     Eühmend    sei   noch,  hervorgehoben,    dass  die 
verlagshandlung  dem  buche  eine  ganz  vortrefliche  ausstattung  gegeben  hat. 

KOPENHAGEN,    IM   MÄBZ   1888.  FINNUE   JONSSON. 


[Das  uneingeschränkte  lob,  das  der  ref.  dem  buche  spendet  imd  dem  wir  uns 
volstiindig  anschliessen ,  darf  auch  auf  die  Übersetzung  ausgedehnt  werden;  einzelne 
kleine  Verstösse  (z.  b.  „die  kgl.  nord.  oldskriftselskab"  s.  XIX)  werden  den  meisten 
deutschen  lesern  gar  nicht  zum  bewustsein  kommen.  Dagegen  kann  es  zu  misver- 
ständnissen  führen,  dass  die  Wörter  „Germanen"  und  „germanisch"  in  dem  werke  in 
verschiedenem  sinne  angewendet  woi'den  sind:  einmal  (z.  b.  s.  56)  nach  der  in  Deutsch- 
land üblichen  weise  als  bezeichuung  aller  Völker  unseres  Sprachstammes,  dann  aber 
auch  (z.  b.  s.  71  imd  73)  nach  dänischem  brauch  als  benennung  der  eigentiichen 
„Deutschen"  oder  Westgermaneu.  —  Auf  s.  5  hätte  für  deutsche  leser,  die  doch  in 
der  nord.  litteratur  häufig  weniger  gut  zu  hause  sind,  der  Urheber  des  doii  citierten 
ausspruches  (Niels  Math.  Petersen)  angegeben  werden  können.  eed.]- 


Badenfahrt  von  Thomas  Murner.  Neudruck  nach  der  ausgäbe  Strass- 
burg  1514.  Mit  erläuterungen,  insbesondere  über  das  altdeutsche 
badewesen  von  Ernst  Martin,  professor  an  der  Universität  Strassburg. 
Mit  sechs  Zinkätzungen.  Strassbui'g,  J.  H.  Ed.  Heitz  (Heitz  &  Mündel).  1887. 
XXn,  44  s.     2  m. 

In  der  einleitung  wird  zunächst  das  dreifache  Interesse  heiTorgehoben ,  welches 
sich  an  Murners  „  andechtig  geistliche  badenfart "  knüpfe :  nur  hier  zeige  sich  der 
lachlustige  ernst,  der  Spötter  gefühlvoll;  ferner  sei  das  gedieht  ein  zeugnis  für  die 
predigt  vor  der  reformation,  und  zwar  für  die  predigt,  die  nach  Geilers  vorgange 
nicht  einen  bibeltext,  sondern  Vorgänge  aus  dem  täghcheu  leben  zu  gründe  lege; 
endKch  gebe  das  buch,  indem  sein  Verfasser  die  einzelnen  Vorgänge  des  damals 
üblichen  badeus  zu  gründe  lege  und  diese  dui'ch  die  beigegebeneu  bilder  erläutere, 
einen  erhebhchen  beitrag  zu  unserer  kentnis  der  badealtertümer.  Auf  s.  VI  —  XXTT 
folgt  sodann  eine  aufzähluug  und  besprechung  von  badegebräuchen  ältester  und  älte- 
rer zeit,  wobei  auch  ausserdeutsche  stamme,  wie  Finnen  und  Slawen,  beräcksich- 
tigung  finden  und  zugleich  dankenswerte  nachtrage  und  berichtigimgen  zu  der  aus- 
führlichen darsteUung  des  badewesens  von  G.  Zappert  (Ai'chiv  f.  künde  österr.  ge- 
schichtsqueU.  XXI,  "Wien  1859)  sowie  zum  III.  kap.  des  1.  bandes  von  Schultz, 
Das  höfische  leben  zur  zeit  der  minnesinger  (Leipzig,  Hirzel,  1879)  gegeben  werden. 
Der  eigentliche  abdruck  des  in  35  abschnitte  zerfallenden  gedichtes  umfasst  41  sel- 
ten ;  s.  42  fg.  gibt  auskunft  über  den  der  ausgäbe  zu  gründe  liegenden  druck  der  Göt- 
tinger Universitätsbibliothek  (poet.  germ.  2459),  43  fg.  über  die  im  neudrack  verbes- 
serten sinstöreuden  felüer  des  alten  di-uckes,  sowie  ein  Verzeichnis  der  druckfehler 
des  neuen,  44  endlich  über  die  sonstige  gestaltung  des  textes. 

Zu  den  in  der  einleitung  besprocheneu  Ijadealteitiimem  Hessen  sich  ja,  wenn 
räum  und  gelegenheit  es  gestatteten,  noch  nachtrage  liefern,  wie  es  natürlich  ist,  da 
sie  eine  erschöpfende  darstelluug  derselben  gar  nicht  geben  wül^  Doch  w-ollen  wii' 
wenigstens  auf  ein  paar  Schriften  hinweisen,  in  denen,  ähnHch  wie  in  Murners 
gedichte,     die    Vorgänge    beim    baden    eine    aUegoiische    anwendung    finden.      Zwei 

1)  Zu  ivadel  und  queste  (s.  XVI)  ist  zu  vergleichen  XI ,  493  iind  XII ,  226  dieser  Zeitschrift. 


ÜBER    MURNERS    BADENFAHRT    ED.    JURTIN  499 

davon  sind  in  Scheibles  Schaltjahr  enthalten  (III,  212  und  398),  Der  Juden  Bad- 
stub  {auctore  Adriano  Warnero  Franco,  Ursel  1606);  imd  Des  Bapst  und  der 
Pfaffen  Badstub  (1546),  eine  satire  gegen  den  pabst  und  seinen  anhang-,  die 
dritte  in  prosa  von  einem  Nordhäuser  landsmann,  M.  Johannes  Spangenberg,  scheint 
eine  unmittelbare  uachahmung  des  Murnerschen  gedichtes  zu  sein:  Ein  geistlich 
Badt  der  Seelen,  angezeigt  im  Leiblichen  Bade^ 

Der  text,  dem  ein  facsimile  des  alten  titeis  vorangeht,  ist  eine  genaue  wider- 
gabe  des  erwähnten  Göttinger  druckes,  nur  dass,  offenbar  um  den  unifang  des  buches 
nicht  noch  mehr  auszudehnen,  die  zahlreichen  lateinischen  randglossen  fortgelassen 
und  von  den  35  bildern,  die  den  35  abschnitten  beigegeben  waren,  nur  das  titelbild, 
n,  V,  XV,  XVII,  XXXIV  wdderholt  sind. 

Da  die  bilder  einen  wesentlichen  bestandteil  des  werkchens  bilden,  geben  wir 
hier  kurz  eine  beschreibung  der  im  neudrucko  fehlenden. 

III.  Christus  neben  einem  Ziehbrunnen,  über  dessen  steinerner  eiufassung  der 
eimer  schwebt,  links  neben  derselben  sizt  der  dichter,  den  köpf  in  die  linke  band 
gestüzt. 

IV.  Laugen  machen.  Christus  giesst  in  einen  dreieckigen,  an  drei  bändern 
aufgehangenen  sack  wasser,  welches  in  einen  darunterstehenden  kübel  läuft. 

VI.  In  das  bad  enphahen.  Der  dichter  wird  von  Christus  empfangen,  im 
hintergrunde  das  badehaus,  an  dem  aushängeschild  kentlich:  an  einer  langen  stange 
hängt  eine  badehaube,  in  derselben  eine  badequaste. 

VII.  Sich  abziehen.  Christus  zieht  dem  vor  ihm  knienden  dichter  die 
kutte  aus,  im  hintergrunde  das  badehaus,  kentlich  an  3  auf  einem  bret  Liegenden 
badekappen. 

VIII.  Vor  got  nackent  ston.  Christus  mit  aufgehobener  rechter  hand, 
vor  ihm  der  dichter,  nur  mit  einer  badehose  bekleidet,  die  linke  hand  auf  der  brüst, 
in  der  rechten  die  quaste,  im  liintergrunde  das  badehaus. 

IX.  Die  Füs  we sehen.  In  einer  art  Säulenhalle  sizt  in  gleichem  kostüm 
der  dichter,  die  hände  gefaltet,  neben  ihm  auf  der  bank  der  wadel,  vor  ihm  kniet 
Christus,  ihm  in  einem  kübel  die  füsse  waschend;  vor  der  tüi-  der  Ziehbrunnen 
sichtbar. 

X.  Den  Leib  reiben.  In  derselben  halle  der  dichter  lang  auf  einer  bank 
ausgestreckt,  daneben  Christus,  ihm  mit  den  händen  den  leib  reibend. 

XL  Die  hut  kratzen.  Der  dichter  sizt  vornübergebückt,  Christus  steht 
vor  ihm  iind  krazt  ihm  mit  den  nageln  den  rücken;  links  darüber  in  einer  nische 
ein  häufen  steine  (zur  erzeugimg  des  dampfes,  vgl.  Zajjpert,  a.a.O.  s.  88). 

XII.  Schrepffen.  Der  dichter  auf  einem  schemel  sitzend,  hinter  ihm  Chri- 
stus, auf  die  linke  schulter  einen  schröpfkopf  setzend;  auf  dem  schemel  liegt  ein 
Schröpfmesser  und  ein  glashütchen. 

XIII.  Das  haubt  waschen.  Cliristus  sizt  auf  einer  bank,  vor  ihm  an  der 
erde  der  dichter,  dem  von  jenem  mit  beiden  händen  das  haupt  gewaschen  wird; 
links  ein  kübel  mit  querholz,  rechts  ein  brunnen  mit  fliessendem  Avasser,  in  einer 
nische  die  erwähnten  steine. 

XIV.  Das  haupt  scheren.  Der  dichter  auf  einem  schemel  sitzend,  Chri- 
stus steht  vor  ihm  und  rasiert  mit  einem  breiten  schermesser,    welches  er  in  der 

1)  Diese  bisher  unbekante  schrift  (herausgegeben  1552  von  dem  sehne  dos  Verfassers,  Cyriacus) 
ist  enthalten  in  einem  mischband  der  gräfl.  Stolb.  bibliothek  zu  "Wernigerode. 

32* 


500  MATTHIAS 

linken  band  hält,  jenem  den  köpf,  offenbar  die  auf  der  tonsur  nachgewachsenen 
haare;  rechts  auf  einer  hank  ein  barbierbecken,  sowie  eine  spitzzulaufende  barbier- 
tasche  mit  umhängeriemen. 

XVI.  Das  har  strelen.  Auf  einer  bauk  in  einer  niedrigen  stube,  deren 
decke  sichtbar,  ein  ganz  nackender  ohne  badehose  mit  reichlicherem  haarwuchs  als 
der  dichter  und  ohne  tonsur,  Christus  davor,  mit  der  rechten  band  ihm  den  köpf 
haltend,  mit  der  linken  das  haar  strehlend.  Das  bild  rührt  von  einem  anderen  holz- 
schneider  her  als  die  übrigen  34. 

XVIII.  Die  Füs  reiben.  Auf  einer  bauk  ausgestreckt  der  dichter,  ganz 
nackend,  die  bände  gefaltet,  die  blosse  durch  einen  wadel  verdeckt,  den  rechten  fuss 
gegen  die  linke  hüfto  des  vor  ihm  stehenden  teufeis  stemmend,  welcher  ihin  mit  lan- 
gen krallen  die  füsse  reibt;  der  teufel  mit  bocksfüssen,  langem  schwänz,  fledermaus- 
flügeln,  das  gesiebt  mit  wallendem  haupt-  und  barthaar  wie  mit  flammen  umgeben. 

XIX.  Ab  giessen.  Christus,  vor  dem  hause  im  freien  stehend,  giesst  mit 
der  linken  band  wasser  aus  einem  kübel  über  den  vor  ihm  gebückt  stehenden  dich- 
ter; rechts  ein  Springbrunnen. 

XX.  Ein  badmantel  geben.  Christus  hängt  dem  dichter  einen  bademan- 
tel  i;m. 

XXI.  Niderlegen.  Christus  deckt  den  dichter,  der  auf  einem  mit  hohem 
kopfkissen  versehenen  ruhebette  liegt,  mit  einer  decke  bis  an  die  schultern  zu;  unter 
dem  bett  zwei  schuhe. 

XXII.  In  ruwen  hüten.  Der  dichter  schläft,  den  linken  arm  auf  der  decke; 
rechts  sizt  in  einem  niedrigen,  künstlicli  geschnizten  stiihl  Christus,  den  köpf  auf  die 
linke  band  gestüzt,  der  rechte  arm  ruht  auf  dem  bette. 

XXni.  Wider  anthuon.  Christus  und  der  dichter  vor  dem  bette,  lezterer 
im  Unterkleid,  Christus  zieht  ihm  die  kutte  an. 

XXIV.  Heim  gon.  Der  dichter,  völlig  angekleidet,  mit  einer  kappe  auf 
dem  haupte,  entfernt  sich,  Christus  gibt  ihm  den  segen,  im  hintergnmd  das  badehaus. 

XXV.  Wol  leben.  Christus  sizt  an  der  hinterseite  eines  gedeckten  tisches, 
auf  demselben  eine  gebratene  gans  und  angeschnittenes  brot,  links  von  Christo  der 
dichter,  rechts  ein  bürger,  beide  grosse  becher  vor  sich. 

XXVI.  Der  Jungbrun.  Ein  Springbrunnen  mit  grossem  becken,  aus  wel- 
chem durch  zwei  röhi'on  das  wasser  an  den  boden  läuft,  unter  der  einen  sizt  eine 
frau,  unter  der  anderen  ein  mann,  beide  nackend,  das  wasser  mit  den  bänden  auf- 
fangend; aus  dem  becken  erhebt  sich  eine  säule  mit  drei  röhren,  im  becken  zwei 
kinder,  mit  den  bänden  das  aus  jenen  fliessende  wasser  auffangend. 

XXVII.  Im  Vordergrunde  rechts  ein  korb  mit  kräutern,  links  über  einein 
feuer  ein  kessel  mit  kräutern  gefült,  zu  unterst  an  einem  mit  noch  drei  zahnen  ver- 
sehenen eisenstabe  hängend;  neben  dem  kessel  in  einer  mit  wasser  gefülten  wanne 
der  dichter,  eine  kappe  auf  dem  haupte,  im  hintergrundo  ein  Springbrunnen. 

XXVIII.  Aus  einem  mit  bäumen  bewachsenen  bergabhange  Hiesst  wasser  aus 
vier  i'öhren  in  einen  trog,  von  dem  sich  eine  weibliche  person  mit  zwei  gefiüten 
krügen  entfernt;  im  hiutergrund  das  badehaus,  dessen  aushängeschild  ein  kränz  an 
einem  langen  holzkreuz. 

XXIX.  Unter  einer  säulenlialle  badet  eine  frau  in  einer  hölzerneu  wanne  ein 
kleines  kind;  links  davon  auf  einem  feuer  ein  topf. 

XXX.  In  einem  gewölbten  badezimmer  sizt  der  dichter,''  in  einer  fast  leeren 
badewanne;    Christus    giesst  ihm   aus   einem  kleinen   krug  öl  über  die  füsse. 


ÜBER   MUENERS    BADEMFAHRT    ED.    MARTLN  501 

XXXI.  Das  te glich,  bad.  Im  freien  sizt  in  einem  steinernen  tröge,  in  dem 
aus  einem  brunnen  wasser  fliesst,  der  dichter  zwischen  zwei  jüngeren  männern  nicht- 
geistlichen Standes. 

XXXII.  Das  wilt  bad.  In  rundem,  mit  wasser  gefiilten  kübel  steht  der 
mit  badehose  belileidete  dichter,  indem  er  eine  vor  ihm  auf  einer  Strohmatte  liegende 
nackte  person  segnet,  welche  die  arme  kreuzweise  über  den  leib  gelegt  hat;  vor  die- 
ser liegt  auf  einem  dreibeinigen  Schemel  neben  einem  deckelki-ug  ein  stück  brot,  auf 
einem  teller  zwei  äpfel  (?). 

XXXni.  Das  seh  weiss  Bad.  Der  dichter  in  einem  kübel  sitzend,  welcher 
von  einem  spitzen  zeitdach  völlig  überdeckt  ist;  dasselbe  hat  vorn  einen  schlitz,  aus 
welchem  jener  mit  dem  Oberkörper  hervorsieht. 

XXXV.  Der  baderin  danckeu.  In  der  mitte  steht  eine  schwangere  frau, 
mit  beiden  htänden  ein  buch  haltend,  mit  einem  heiHgenschein,  in  welchem  der  name: 
S.  Anna.  Darüber  ein  verschlungenes  band  mit  einer  oifenbar  fehlerhaften  inschrift 
(coticeptio  cae  marie  in  corpore  suo  .proprie  gtialiter  absque  peccati  madaj. 

Endlich  hat  eine  vergleichung  des  von  der  Verwaltung  der  Göttinger  Univer- 
sitätsbibliothek freundlichst  zur  Verfügung  gestelten  alten  druckes  mit  dem  neudrucke 
folgendes  resultat  ergeben: 

1.  Ausser  den  auf  s.  43  fg.  als  im  neudrucke  verbessert  angeführten  fehlem 
des  alten  druckes  sind  in  jenem  noch  folgende  stilschweigend  verbessert:  I,  48  aue 
(im  alten  drucke  ane);  71  fehlt  nit  %uo;  11,  2  Da  {So)^  15  tugont  (tugent),  53  Das 
(Dass)]  V,  25  tveis  (weiss) ^  49  grfieret  {ge-)\  VI,  2  dier  (dir)^  40  alss  (als),  71 
trostlch  {-lich)\  VIII,  A  standt  {stan :  dranY^  31  iungfronwen  {-frouicen) ^  bl  g straf- 
fet (ge-)]  XIV,  54  sten  {ston)\  XV,  16  leern  {leren  :  eren);  XVID,  33  Älss  (Als); 
XX,  21  glagst  {clagst);  XXIII,  30  denneti  (denen);  XXV,  89  mecht  (macht);  XXVI,  5 
gstorben  (ge-);  XXIX,  58  Vnss  (Vns);  XXX,  10  Mb  (Leib);  XXXI,  SQWnd  (Vnd); 
XXXIII,  [30  Velrürt  (Verl-)],  46  dersrlben  (-selben);  XXXIV,  63  ivürdt  (würd); 
XXXV,  8  Vrrgiss  (Ver-),  20  strastburg  (Strassb.),  38 gwohnheit  (geiv-),  Msj^racch 
(sprach),  171  vnss  (vns). 

2.  finden  sich  ausser  den  s.  43 ,  anm.  1  angeführten  druckfehlern  im  neudrucke 
noch  folgende:  I,  22  steht  im  alten  drucke  richtig  wil  (im  neuen  will),  II,  31  ivuosch 
(tvüsch);  m,  7  letst  (letzt),  70  do  rxuo  ::=  dar  xuo  (do  &uo);  V,  1  gesuntheit  (ge- 
siindli.),  41  luilliklich  (ivülickl.) ,  53  ims  =  imes  (im),  71  leyd  (leid);  VI,  3  Keim 
^^  keinem  (Kein),  11  kort  ist  richtiges  impf.,  auch  sonst  im  16.  jahrh.,  aus  Murners 
Luth.  narr.  b.  Grimm  (V,  409)  im  reüu,  also  unzweifelhaft: 

alsbald  er  dis  beschwerden  hört 

das  angsicJ/t  er  gleich  von  mir  kort; 
also  kert  im  neudrucke  nicht  richtig.  40  früm  (frtim),  45  lond  (lont);  VII,  10 
diser  (dieser),  35  notturfft  ( —  turft);  VIII,  71  siehst  (siehst);  IX  Überschrift 
fus  (F.);  X  überschr.  leib.  (L.),  70  Dartimb  (Darum).  XI,  70  barmhcrt^ikeit 
(-igkeit);  XII,  4  es,  nämlich  das  geil  bluot  (er),  27  vppikeit  (vppigk.),  40  och 
(ouch);  XTTI,  15  süberleich,  im  reime  auf  gleich  (silberlich);  XIV,  6  Dan  (Den), 
49  dennocht  bleibst  (dennoch  dl.);  23  erßllen :  tvillen  (erfüllen);  4A  gerechtikeit  (ge- 
rechtigk.);  ebenso  55;  XVI,  5  fürsichtikeit  (fiirs.),  37  dennocht  (dennoch),  57  diser 
(dieser),  24  den  (die);  XVIII  überschr.  fus  (F.),  44  Da  (Das),  70  verxiveiflen 
(-fein);    XX,    5  buoss  :  muoss  (büoss  :  müss),    5l  frummer  (frommer);    XXII,  31 

1)  Wol  wegen  des  reimes  als  druckfehler  anzuseilen,  obgleich  alemannisch  stände  als  praes. 
nachweisbar,  z.  b.  gleich  3  zeüen  vorher:  xvü  stand  ich,  her,  so  mtßkcnd  hie. 


502  NACHRICHTEN 

doch  {}iocIi);  XXIV,  66  das  (des)^  -lant  {-landt)^  67  ivcrendt  (tveren);  XXV,  36 
Doch  (Dach),  XXVII,  42  vhersach  {üb.);  XXVIII,  13  schlechtem  {schlechten),  22 
ein  {im),  27  7iit  {mit),  46  mit  {nit);  XXIX,  34  nie  {nit),  65  seivi  {sein),  66  stir2)t 
{stirbt);  XXX,  10  leib  {Leib),  12  gesuntheit  {gesunt);  XXXI  überschr.  Bad  ibad), 
4  hat  auch  {kot  oueh);  XXXII  überschr.  Bad  {bad),  19  Her  {Herr),  49  rernomen 
{-nommen),  XXXIII,  32  Vnsufcr  {-fufer),  61  xuon  =  xuo  den  {zuo);  XXXV,  19 
kuntschafft  {kundschaft) ,  31  Er -für  {Es -für),  34  keiserin  {kais.),  123  herschafft 
{-Schaft), 

XV,  22  steht  im  alten  wie  im  neuen  drucke:  gut,  im  reime  auf  duot,  ist  zu 
lesen  guot?  XIX,  52 

Ich  mag  sie  nit  im  dreck  Ion  Ugen, 
So  sie  so  cleglich  %iio  mir  schreien. 
muss    es  sehr  igen  heissen?    ich  kann    freilich    diese  mhd.  fonn    alemannisch   nicht 
nachweisen. 

NORDHAUSEN.  E.    MATTHIAS. 


NACHKICHTEN. 


Die  ord.  professoren  drr.  Th.  Mob  ins  in  Kiel  und  K.  Weinhold  in  Breslau 
erhielten  den  Charakter  als  geheime  regierungsräte. 

Von  der  königl.  bair.  akademie  der  Wissenschaften  wurden  professor  dr.  Ludv. 
F.  A.  Wimmer  in  Kopenhagen  iind  director  dr.  A.  Essen  wein  in  Nürnberg  zu 
auswärtigen  mitgliedern,  professor  dr.  Joh.  Kelle  in  Prag  zum  correspondierenden 
mitgliede  erwählt. 

Der  privatdocent  dr.  freiherr  vouWaldberg  in  Czernowitz  wurde  zum  ausser- 
ordentl.  professor  befördert. 

An  der  Universität  Leipzig  habilitierte  sich  dr.  Ernst  Elster  für  nex;ere 
deutsche  litteratur. 

Der  herausgeber  dieser  Zeitschrift  hat  einen  ruf  an  die  Universität  Kiel  erhal- 
ten und  angenommen. 


Am  30.  nov.  1888  starb  zu  Marburg  der  ordentliche  professor  der  germani- 
schen Philologie,  dr.  Karl  Lucae  (geb.  7.  aug.  1833). 

Am  26.  december  1888  starb  zu  Luud  der  frühere  professor  an  der  dortigen 
Universität,  Carl  Johan  Schlyter,  der  herausgeber  von  „Sweriges  gamla  lagar" 
(geb.  29.  Januar  1795  in  Karlskrona). 


503 


I.     SACHREGISTER 


Achillesmytlius  siehe  mythologie. 

alaisiagae  (*aisagj6)  siehe  mythologie. 

A 1  b  e  r  u  s ,  E  r  a  s  m  u  s ,  reformiert  das  läud- 
cheu  Dreieich  420.  seine  Schrift  Yora 
Vnterscheid  der  Euangelischen  vnd  Pa- 
pistischen Messz  420  fg.  gleichgiltig 
gegen  äusserlichkeiteu  der  katholischen 
kirche  421.  verliebe  für  musik  421  fg. 
—  Von  dem  grossen  Abgott  Canon 
422  fg.  —  Newe  zeitung  von  Rom  423, 
anm.  1.  —  Streitschrift  gegen  Georg 
Witzel  423  —  26.  —  Der  Barfuser  Mün- 
che  Eulenspiegel  vnd  Alcoran  426.  — 
Von  der  schlangen  Verführung 
(die  ungleichen  kinder  Evae): 
H.  Sachs  abhängigkeit  von  Alber  420. 
vgl.  450,  3.  458,  23.  459,  3.  quelle 
des  gespritchs  Melanchthons  lateinischer 
brief  427.  Inhalt  desselben  427  fgg. 
Verhältnis  Albers  zu  demselben  429  fg. 
drucke  des  gesprächs  431  —  35.  bear- 
beitung  desselben  durch  magister  Leon- 
hard  Jacobi  aus  Nordliausen  431  —  35. 
text  des  gespräches  435  —  63. 

Albrecht  von  Scharfenberg:  der  von 
UMch  Füetrer  dem  Albrecht  zugeschiie- 
bene  Fraw  eren  hof  identisch  mit  des- 
sen Jüngerem  Titurel  404  —  408.  Al- 
brecht auch  Verfasser  des  von  Füetrer 
bearbeiteten  Seifrid  von  Ardemont  408 
—412,  und  Merlin  412—17.  —  Ver- 
hältnis Albrechts  zu  Kyot  413  anm.  1. 
zu  "Wolfram  418  fg.  zu  den  französi- 
schen vorlagen  411  —  17. 

althochdeutsch  siehe  Otfrid. 

altnordisch:  über  transscription  der  Ed- 
dalieder 102  fg. —  Upsala-Edda:  zweck 
des  traktats  „af  setningu  hattalykils" 
272  fg.  Inhalt  desselben :  kreisfigur  und 
kommentar  dazu  275  —  79.  rechteck- 
figur  und  kommentar  dazu  279  fg.  — 
datierung  der  Kormakssaga  370  fg.  — 
altnordische  mythologie  siehe  dieses. 

Anna  von  Köln,  beschreibimg  ihres  lie- 
derbuches  129.     Inhalt  siehe  kirchenhed. 

Arnason,  Jon,  nekrolog  470  fgg. 

Bartsch,  Karl,  nekrolog  466  —  69. 

Bartsch,  Michael,  biographisches  22,  anm.  2. 
briefe  von  Opitz  an  ihn  22  —  24. 

Becanus,  Martin,  sein  Manuale  von  Opitz 
übersezt  18. 

Becker,  Friedrich,  nekrolog  73  fgg. 

Beda  (göttin)  siehe  mythologie. 

Bergers  Galora  von  Venedig  identisch  mit 
Den  unglücklichen  brüderu  45  fg.  bio- 
graphisches über  Berger  46  fg. 


Bernegger,  Matthias,  28,  aum.  1.  8;  31, 
anm.  1;  178,  anm.  2. 

bibeldrucke:  Zusammenhang  des  1.  imd  4. 
mit  einer  haudschrift  der  Paulinischen 
briefe  des  (Waldensers '?)  Ulrich  Ortlieb 
203  —  206. 

Bodmers  beziehungen  zu  Goethe  s.  diesen. 

böhmische  vogelnamen  siehe  dieses. 

Bornholmer  taufstein  siehe  ruueu  u.  Maria. 

Brieg,  fürst  von,  siehe  Opitz. 

Catü :  Himmelgartner  bruchstücke  eines  C. 
390  —  93.     vgl.  Himmelgarten. 

Cats,  Jac. ,  siehe  Titz. 

Coler,  Christoph,  biographisches  17,  anm.  3; 
18.  übersezt  den  latemischen  text  von 
Grotius  Von  der  Wahrheit  der  christ- 
lichen religion  19  fgg.  —  briefe  von 
Opitz  an  ihn  18  fgg.  25  —  3.3.  34  fg. 
37  fg.  163  —  78.—  brief  Senftlebeus  an 
Coler  182  fg. 

Cothm-nius,  schulgeuosse  von  Opitz  24, 
anm.  5. 

Cimi'ad,  Caspar  38,  anm.  2.  vgl.  175, 
anm.  4. 

Czepko,  Daniel,  brief  von  Opitz  an  ihn  34. 

Dach,  Simon,  siehe  Titz. 

dänische  dramatisierung  des  Tobias  von 
einem  auonymus  478  fg.  des  Peter 
Thogerseu  Comoedia  de  Mundo  et  Pau- 
pere  479  —  86.     vgl.  drama. 

Dohna,  Karl  Hanuibal  von,  Opitz'  gönner 
17  fgg.  befiehlt  die  deutsche  Übersetzung 
von  Grotius  lateinischem  gedichte  Von 
der  wahi-heit  der  christlichen  religion 
19  fgg.     vgl.  Coler. 

drama:  bedeutimg  des  sogenanten Ham- 
burger Preisausschreibens  42.  Ur- 
sache der  zurücksetzimg  des  Julius  von 
Tareut  vor  den  Zwillingen  42  fg.  hono- 
lierimg  von  Schinks  Gianetta  Montaldi 
44.  Die  unglücklichen  brüder  identisch 
mit  Bergers  Galora  von  Venedig  45  fg. 
vgl.  diesen,  aufzählung  der  honorier- 
ten und  nicht  honorierten  stücke  47.  — 
Christian  Reuter  durch  das  volksdrama 
beeinflusst  119.  Stranitzkys  abhängig- 
keit von  Reuter  119.  —  der  stoff  von 
Mart.  Rinckharts  Der  Eislebische 
christliche  Ritter  behandelt  in  einem 
Sterzinger  fastnachtspiel,  Rex  mortis 
188  fg.  vgl.  Rinckhardt.  —  der  Papi- 
nianus  des  Andreas  Gryphius  auf 
dem  repertoir  der  Wandertruppen  280  fg. 
beschreibung  der  handschrift  281.  der 
beai'beiter  des  Stückes,  Hasskerl,  wid- 
met es  der  truppe  der  Sophie  Julie 
Elenson  281  fg.      aufführungen  dessel- 


504 


SACHREGUSTER 


beu  282  fg.  eiufüguug  komischer  sce- 
nen  in  die  bearbeitimg  283  fg.  akt  1 
284  —  95.  inhalt  von  akt  2  —  5  295  — 
301.  vergleichuug  der  bearbeitung  mit 
dem  original  302  —  309.  —  Griseldis, 
bearbeitung  des  Stoffes  von  E.  Eucha- 
rius,  H.  Sachs,  G.  Maiu'itins,  V.  Schreck, 
G.  Pondo  474  fgg.  vgl.  Griseldis.  —  To- 
bias, dänische  bearbeitung  eines  ano- 
nymus  478  fg.  des  Peter  Thogersen 
Comoedia  de  Mundo  etPaupere479 
fgg.  damit  verwantes  niederländisches 
Schauspiel  Spieghel  des  Loops  deser 
Wereldt  482  fg.  ähnliche,  namentlich 
französische  moraütäten  484  fg.  ver- 
miitliche  vorläge  des  dänischen  Schau- 
spiels 485  fg. 

Dreieich,  reformiert  durch  Alber,  siehe 
diesen. 

Dudithius,  Andreas  163,  anm.  3. 

Edda  siehe  altnordisch. 

Eichendorff:  bruchstücke  aus  seinem 
littorarischen  nachlass  214 — 18.  Schrif- 
ten über  ihn  218.  seine  romane  und 
novellen  218  —  25.  seine  lyrik  225  — 
229.  Eichendorff  als  vorbild  Heines  und 
W.  Müllers  225  fg.  seine  patriotischen 
gedichte  und  litterarischen  Satiren  227 
—  229.  seine  dramen  229  fg.  seine 
epischen  gedichte  231  fg. 

Elenson,  Sophie  Julie,  und  ihre  Wander- 
truppe 281  fg.  in  ihrem  repertoir  eine 
beailieitung  des  Papinian  von  A.  Gry- 
phius  dm-ch  Hasskerl  281  fg. 

Eschers  beziehungen  zu  Goethe  s.  diesen. 

Eucharius,  Eligius,  siehe  Griseldis. 

fastnachtspiel:  Eex  mortis  in  dem  manu- 
script  des  Vigil  Eaber  identisch  mit 
Rinckharts  Der  Eislebische  christliche 
Ritter  188  fg. 

Feinler,  Gottfr. ,  Übersetzer  Owens  326  fg. 

Fimmila  (göttiu)  sielie  mythologie. 

Franck,  Joh.,  seine  bearbeitung  der  Lu- 
cretia  310  fg.  seine  Übersetzung  Owens 
325,  aum.  1. 

Püetrer,  Ulrich:  der  von  ihm  dem 
Albreclit  von  Scharfenberg  zugeschrie- 
bene Fraw  eren  hof  identisch  mit  des- 
sen Jüngerem  Titurel  404  —  408.  Al- 
brecht der  Verfasser  des  von  F.  bear- 
beiteten Seifrid  von  Ardemont  408  — 12 
und  Merlin  412  —  17. 

geistliches  lied  siehe  kirchenlied. 

Genesis  siehe  Rudolf  v.  Ems. 

Gerhardt,  Paul,  zwei  lateinische  gelegen- 
heitsgedichte  auf  Petrus  Vehr  201  fg. 
und  Samuel  Rosa  202  fg. 

Gertrud,  legende  von  S. ,  157,  anm.  1. 

Gilhausen,  Isaac,  Gramraatica  252. 


Goethes  Faust:  die  gesprächsscene  zwi- 
schen Faust  und  Wagner  beernflusst 
von  Herders  theologischen  Streitschrif- 
ten 329  —  33.  sonstige  anspielungen  auf 
persönliche  erlebnisse  333  fg.  —  Goe- 
thes beziehungen  zu  Zürich:  G.  kam 
einen  tag  nach  den  brüdern  Stolberg 
dort  an  373.  seine  beziehungen  zu 
dem  musiker  Kayser  373.  zu  Nanne 
Lavater  und  Liüse  Ziegler  373.  erster 
entwurf  der  Hoffnung  374.  bekant- 
schaft  mit  Hirzels  buche  Die  Wirtschaft 
eines  philosophischen  bauern  (=  Kli- 
jogg)  374.  beziehungen  zu  sonstigen 
Züricher  gelehrten  374  fg.  zu  Hottin- 
ger  375  fg.  zu  Bodmer  xmd  Escher  377. 
zu  Landolt  377  fg.  zu  Pestalozzi  378. 
zeit  der  abreise  von  Zürich  376  fg.  Karl 
Augusts  angeblicher  besuch  bei  Lips  in 
Kletten  378.  zusammentreffen  mit  dem 
jüngeren  Tobler  in  Genf  378  fg.  zeit 
der  abfassung  von  Jery  und  Bätely  379. 
bruch  mit  Lavater  379.  beziehungen 
zu  Meyer  379  fg.  über  die  dritte  Schwei- 
zerreise 380.  besuch  bei  Escher  381. 
Usteri  Goethe  unbekant  381. 

Goldast,  Melchior,  polyhistor,  33,  anm.  9. 

Gotländische  runeniuschrift,  älteste,  siehe 
runen. 

Griseldissage:  lateinische  schulcomödie 
Griseldis  von  Eligius  Eucharius  474. 
Umarbeitung  des  dramas  von  H.  Sachs 
durch  Georg  Mauritius  474  fg.  latei- 
nische Übersetzung  davon  475.  zwei 
norddeutsche  bearbeitungen  der  sage 
durch  Valent.  Schreck  475,  und  Georg 
Pondo  475  fg.  andere  Zeugnisse  für  das 
fortleben  des  Stoffes  476  fg. 

Guiot  siehe  Albrecht  von  Scharfenberg  und 
AVolfram. 

Hamburger  Preisausschreiben,  das  soge- 
naute,  siehe  drama. 

Harsdörffer  gesprächsspiele  IV  252.  vgl. 
Spaugenberg. 

Hasskerl,  bearbeiter  des  Papinian  des  An- 
dreas Grvphius  für  die  Wanderbühnen 
281  fg. 

Heine,  H.,  beeinflusst  von  Eichendorff 
siehe  diesen. 

Heinsius,  Daniel,  hymnus  in  Bacchum 
übersezt  von  Opitz  180,  anm.  4.  vgl.  Titz. 

Herdei's  theologische  Streitschriften  von 
Goethe  im  Faust  benuzt  329  —  33. 

Herrmann ,  Daniel ,  brief  von  Opitz  an  ihn 
21.     178  fgg. 

Himmelgartner  bruchstücke  einer  mit- 
telniederdeutschen evangelienharmonie 
385  —  90.  eines  Cato  390  —  93.  eines 
mittebiiederdeutschen  Spieles  vom  leben 


SACHREGISTER 


505 


Jesu  393  fgg.  einer  Marienklage  395  — 
404. 

Hirzels  beziehungen  zu  Goethe  siehe  diesen. 

Hottingers  beziehungen  zu  Goethe  siehe 
diesen. 

Jaeobi,  magister  Leonhard,  aus  Nord- 
hausen, gibt  Älbers  gesijräch  Von  der 
schlangen  Verführung  usw.  neu  heraus 
431  —  35.  vgl.  Alber. 

Jesu,  leben,  Himmelgaiiner  bruchstücko 
vom  393  fgg.  vgl.  Himmelgarten. 

indogermanische  mythen  siehe  mythologie. 

Irminsul  siehe  mythologie. 

Karl  Augusts  angeblicher  besuch  bei  Lips 
in  Klotten  siehe  Goethe. 

katholisches  kirchenlied  des  16.  jahrhim- 
iiunderts  siehe  kirchenUed. 

kirchenlied  des  16.  und  17.  Jahr- 
hunderts: liederbuch  der  Anna  von 
Köln  129  —  163.  beschreibung  dessel- 
ben 129.  inhalt  eines  kathohschen  he- 
derbuches  des  16.  Jahrhunderts  130  fg. 
samlung  der  Catherina  Tirs  132.  Inhalt 
des  liederbuchs  der  Anna  von  Köln  132 
— 139.  lateinisches  weihnachtslied  ]  40. 
in  dulci  jubilo  141  fg.  weihnachtslied 
142.  Du  bist  mein  143.  beeiuflusst 
von  Luthers  Nu  freut  euch  lieben  Chri- 
sten gemein  (1524)  143,  anni.  1.  pfingst- 
lied  144.  ähnlichkeit  mit  dem  Luther- 
schen  Nu  bitten  wir  den  heiligen  geist 
144,  anm.  2.  Ayauderlied  145  fgg.  buss- 
lied  147  fg.  christenfreude  148  fg.  em- 
pfang der  braut  Christi  im  himmel  149  fg. 
Sehnsucht  nach  dem  himmel  151  fg. 
gebet  an  Jesu.  Maria  und  Michael  152  fg. 
geistlicher  frühliug  153  fg.  Marienkranz 
154  fgg.  Sankt  Gertrud  157  fgg.  lie- 
besHed  geistlich  verändert  159  fg.  zwei 
geistliche  parodien  eines  tiinküedes  160 
fg.     trinklied  161  fgg. 

Kirchmann ,  brief  Laurembergs  an  464  fgg. 

Kirchners  biographie  von  Opitz  29,  anm.  3. 

Klingers  ZwilliBge  siehe  drama. 

Klopstock:  fehler  im  drucke  des  Messias 
imd  der  Oden  190  fgg.  mitteilung  des 
Messiasfragmentes :  Gericht  über  die  bö- 
sen könige  192  —  199. 

Köhler,  Georg,  von  Mohrenfeld  167,  anm  8. 

Köln,  Anna  von,  siehe  diese. 

Kormakssaga,  datienmg  370  fg. 

Landolts  beziehungen  zu  Goethe  siehe 
diesen. 

Laurembergs  gattin  Maria  Lelin  464  fgg. 
brief  an  seinen  lehrer  Kirchmanu  ebda. 

Lavaters  beziehungen  zu  Goethe  siehe  die- 
sen. —  Nanne  Lavater  siehe  Goethe. 

legende  von  S.  Gertrud  157,  anm.  1. 

Leisewitz,  Julius  von  Tarent  siehe  drama. 

Lelin,  Maria,  siehe  Lauremberg. 


Lessings  einüuss  auf  Wieland  336. 

Lieguitz,  fürst  von,  siehe  Opitz. 

Lingelsheim  32,  anm.  3. 

Loeber,  Valentin,  Übersetzer  Owens  326. 

Luther:  zwei  stücke  des  liederbuches  der 
Anna  von  Köln  von  Lutherschen  liedern 
beeinflusst  143,  anm.  1;  144,  anm.  2. 
vgl.  kirchenlied. 

Machner,  Matthias,  biographisches  16, 
anm.  4.  beziehungen  zu  Moscherosch 
ebda,  brief  au  ihn  von  Moscherosch 
183—88. 

Manutius,  Paulus  163,  anm.  7. 

Maria:  bildliche  darstellimg  der  immacu- 
lata  conceptio  auf  einem  Boruholnier 
taufsteiue  487  und  anm.  4.  —  Himmel- 
gartner  Marienklage,  bruchstücke  395  — 
404.     vgl.  Himmelgarten. 

Mauritius,  Georg,  Griseldis  siehe  dieses. 

Melanchthons  brief  an  den  fürsten  von 
"VVied  quelle  für  Albers  Gespräch  Von 
der  schlangen  Verführung  usw.  427. 
vgl.  Alber. 

metrik:  accentuatiou  bei  Otfrid  352  fgg. 

Meyers  beziehungen  zu  Goethe  siehe  die- 
sen. 

minnegesang:  das  tagelied  romanischen  Ur- 
sprungs 244  fgg.  Verhältnis  der  späte- 
ren tagelieder  der  Volksdichtung  zum 
höfischen  minnegesang  247. 

mittelniederdeutsche  evangelienharmonie, 
bruchstück  385  —  90.  —  spiel  vom  leben 
Jesu,  bruchstück  393  fgg.  vgl.  Him- 
melgarten. 

Monavius,  Jacob  25,  anm.  5. 

Moscherosch,  briefe  von,  an  Matthias 
Machner  183  —  88. 

Muckius  35,  anm.  5. 

MüUer,  "W. ,  beeintlusst  duix-h  Eichendorff, 
siehe  diesen. 

Müncer,  Andr. ,  siehe  Titz. 

mythologie:  methode  der  vergleichen- 
den m.  336  fgg.  indogermanische  niy- 
thengruppen  338  fg.  gewittermythus 
(Achilleusmythus)  339  fg.  vergleichung 
der  Sigfridsage  mit  lezterem  340.  ver- 
gleichung der  germanischen  göttermy- 
then  mit  dem  ui'mythus  342  —  45.  — 
Tius  Things,  der  altnordische  him- 
melsgott  1.  in  Deutschland  kriegsgott  1. 
bei  den  Sachsen  mit  den  beinamen  Sax- 
uot,  Saxneat,  auch  Er  (Irminsul)  1  fg. 
mit  dem  beinamen  Things,  der  über  das 
ding  waltende,  auf  zwei  lateinischen  in 
England  gefundenen  Inschriften  2  —  5. 
die  daneben  genanten  alaisiagae  = 
alaisagiae  =:  aisagjü,  die  grossen  gesetz- 
sprecheriunen  7.  erklärung  der  wort- 
form und  bedeutung  aus  den  germani- 
schen dialekten  7  — 12.     crklärun";  der 


506 


SACHREGISTER 


uameu    Bedu    und    Fimmila    12  fgg. 
der  friesische  gott  Forsite  14  fgg. 

neulateinisclie  dichtung,  ihr  einüuss  auf 
die  deutsche  des  17.  Jahrhunderts  315 
—  328.     vgl.  Titz,  P.  Gerhardt. 

Nicaeus  Äucumanus,  Übersetzer  Owens 
324  fgg. 

niederdeutsche  grammatik:  Schwächung  des 
auslautenden  m  zu  n  249.  —  gebrauch 
von  dat  (nicht  plconastisch)  249  fg.  syk 
bei  intransitiven  verbis  250. 

Ojtitz  im  dieuste  des  burggrafen  von 
Dohna  17  fgg.  übersezt  das  Manuale 
des  Mart.  Becanus  18.  35,  anni.  6,  so- 
wie des  Grotius  gedieht  Von  der  Wahr- 
heit der  christhchen  religion  18.  vgl. 
Coler  und  Dohna.  —  biief  an  Daniel 
Herruiann  21.  178  fgg  briefe  an  Coler 
18  fgg.  25  —  33.  34  fg.  37  fg.  163  — 
178.  stambuchblatt  von  ihm  21.  183. 
briefe  an  Michael  Bartsch  22  —  24.  an 
Andreas  Senftleben  24  fg.  biographie 
Kirchners  29,  anm.  3.  brief  an  Daniel 
Czepko  34.  an  Caspar  Sinner  36  fg. 
Verfasser  von  sangbaren  liedern29,  anm  9. 
sein  vater  31 ,  anm.  7.  sein  religiöser 
imd  sitlicher  Standpunkt  17  fgg.  31, 
anm.  9.  beziehungen  zu  den  fürsten 
von  Brieg  undLiegnitz  20fg.  167,  anm. 7. 
seine  Übersetzung  des  Hymnus  in  Bac- 
chum  des  Daniel  Heinsius  180,  anm.  4. 
seine  geliebten  Asterie  und  Sylvia  180, 
anm.  6. 

Ortlieb,  Ulrich,  Waldenser?  siehe  l>ibel- 
drucko. 

Otfrid:  über  accentuation  bei  Otfr.  352  fgg. 

Owens  epigrammc  320  —  24.  übersezt 
von  Beruh.  Nicaeus  Ancumauus  324  fgg. 
von  Joh.  Franck  325,  anm.  1.  vonVal. 
Loeber  326.  von  Gottfr.  Feinler  326  fg. 
von  Titz  327  fg. 

Papinianus  des  Andr.  Giyphius  auf  dem 
repertoir  der  wanderlnihnen  281  fg.  siehe 
drama. 

Pestalozzis  beziehungen  zu  Goethe  siehe 
diesen. 

Pfeiffer,  David,  siehe  Titz. 

Pfüntel:  comoedie  aus  der  grammatica  des 
magister  Martin  Pf.  252. 

Pondo ,  Georg,  seine  Griseldis,  siehe  diese. 

Pool,  Eeginald  175,  anm.  3. 

Eeichardt,  Benedict,  deutsches  gedieht 
P.  Gerhardts  auf  ihn  202  fg. 

Reuter,  Christian,  durch  das  volksdrama 
beeinflusst  119.  Stranitzkys  abhängig- 
keit  von  ihm  119. 

Rhenauus,  Johannes,  Spcculum  aestheti- 
cum  252. 

Einckhart,  Martin,  stoff  seines  Eislebi- 
schen christlichen  ritters    behandelt  in 


einem  Sterzinger,  aus  dem  manuscript 
des  Vigil  Eaber  herausgegebenen  fast- 
uachtspicl,  Eex  mortis  188  fg. 

Eosa,  Sam.,  lateinisches  gedieht  P.  Ger- 
hardts auf  ihn  202. 

Eudolf  von  Ems,  reimchronik,  be- 
schreibung  des  bruchstückes  einer  hand- 
scluift  257.  Schreibweise  derselben  257 
fgg.  vergleichimg  des  Inhaltes  mit  der 
Genesis  260  fgg.     text  262  —  71. 

r  u  n  e  n  i  n  s  c  h  r  i  f  t ,  älteste  gotländische,  auf 
einem  Bornholmer  taufstein  488  fgg. 

Euttart  (Ruthald),  Matth.  182,  anm.  3. 

Sabinus  siehe  Titz. 

Sachs,  Hans,  Die  ungleichen  kinder  Evae, 
abhängig  von  Alber  siehe  diesen.  —  Gri-  • 
seldis  siehe  dieses. 

Salvator  (=  gott)  in  spielen  des  15.  und 
16.  Jahrhunderts  478,  anm.  1. 

Scharfenberg,  Albrecht  von,  siehe  Al- 
brecht. 

Schinks  Gianetta  Montaldi  siehe  drama. 

Schreck,  Valentin,  Griseldis  siehe  dieses. 

Sebisius,  freund  von  Opitz  32,  anm.  4. 
167,  anm.  1. 

Senftleben,  Andreas,  briefe  von  Opitz  an 
ihn  24  fg.  —  brief  von  ihm  an  Coler 
182  fg. 

Sigfrid-mythus  siehe  mythologie. 

Sinner,  Caspar,  brief  von  Opitz  an  ihn 
36  fg.  —  brief  von  ihm  an  Opitz  180  fgg. 

Spangenberg,  Johannes,  Bellum  gramma- 
ticale  251  fg.  ähnlichen  Inhaltes  Isaac 
Gilhausens  drama  Grammatica,  Joh. 
Ehenanus  Spcculum  aestheticum,  Co- 
moedie aus  der  grammatica  des  Martin 
Pfüntel,  Harsdörffers  gesprächsspiele  IV, 
Casp.  V.  Stielers  Willmut  252. 

Sterzinger  fastnachtspiel  Eex  mortis  siehe 
Einckhart. 

Stieler,  Caspar  v. ,  Willmut  252. 

Stranitzkys  abhängigkeit  von  Eeuter  119. 

tagelied,  das  deutsche,  romanischen  Ur- 
sprungs 244  fg.  Verhältnis  der  späteren 
tagelieder  der  Volksdichtung  zum  höfi- 
schen miunegesang  247. 

Teubner,  füi-stl.  Lieguitzischer  rat  22, 
anm.  4. 

theater:  Wandertruppe  der  Sophie  Julie 
Elenson  281  fg.     vgl.  diese  und  drama. 

Thogersen,  Peter,  comoedie  de  Mundo  et 
Paupere  479  —  86.     vgl.  drama. 

Tirs,  liedersamlung  der  Catheiiua,  siehe 
kirchenlied. 

Titurel,  der  jüngere,  siehe  Albrecht  von 
Scharfenberg. 

Titz,  Joh.  Peter,  Lucretia  310.  der- 
selbe Stoff  bearbeitet  von  Heinr.  Held 
und  Joh.  Franck  310  fg.  übeiiragung 
zweier  dichtungeu  des  Holländers  Jacob 


rr.     VERZEICHNIS    DER   BESPROCHENEN    STELLEN 


507 


Cats  311.  Rhodope  und  das  deutsche 
geselschaftslied  312  fgg.  ahmt  in  sei- 
ner lyrik  Dach  nach  313  fg.  ankuüpfung 
an  Opitz  315.  einfluss  der  neulateini- 
schen dichtung  von  Pfeifer,  Hein.sius, 
Sabinus,  Müncer  315  — 19.  einfluss  der 
epigramme  Owens  320.  Übersetzung 
Owens  327. 

Tius  Things  siehe  mj'thologie. 

Tobias,  drama  eines  dänischen  anonymus 
478  fg. 

Toblers  beziehuugen  zu  Goethe  siehe  diesen. 

Tronimer,  David,  von  der  dichtung  der 
neulateiner  beeiuflusst  319  fg.  vgl.  Titz. 

Vehr,  Petrus,  lateinisches  gedieht  Paul 
Gerhardts  auf  ihn  201  fg. 

vögeln  amen  aus  dem  nördlichen  Böh- 
men 207  — 11.  fuudgruben  für  deut- 
sche vulgäruameu  von  vögeln  211 — 14. 

voUislied,  geistliches,  siehe  Idrchenlied. — 
tagelied  der  Volksdichtung  siehe  jenes. 

Waldenser  siehe  bibeldrucke. 

"Wessel,  söhn  Johanns  27,  anm.  1. 

AYieland,  beeinüusst  von  Lessing  336. 


Witzel,  Georg,  Streitschrift  Albers  gegen 
ihn,  siehe  diesen. 

"Wolfram  von  Eschenbach  in  derdar- 
stellung  der  frauen  im  Parzival  ab- 
hängig von  seiner  quelle  48  fg.  Ursache 
49.  daher  die  Widersprüche  in  seiner 
sitlichen  lebensanschauung  49  fg.  des 
dichters  frauenideal  50  fg.  erklärung 
bedenklicher  Situationen  51  fgg.  betrach- 
timg  der  einzelnen  frauen  nach  diesen 
gesichtspunkten :  Amphlise  55  fgg.  Be- 
lacane57fgg.  Herzeloide  59  fgg.  Jeschute 
61  fgg.  Sigune  62  fgg.  Kundwiramur 
64  fg.  Obie  und  Obilot  65  —  68  Orge- 
luse  68  —  72.  Itonje  72  fg.  —  das  the- 
ma  des  Parzival  (e=  glaube  oder  ehe) 
232- — 40.  383.  in  der  französischen 
vorläge  (Guiot)  spiegeln  sich  die  reli- 
giösen gegensätze  der  zeit  wider  241  fg. 
—  AYolframisches  im  Jüngeren  Titui'el 
418  fg.     vgl.  Albrecht  von  Scharfenberg. 

Ziegler,  Liüse  siehe  Goethe. 

Zürich,  Goethes  bezieh ungen  zu  Z.  siehe 
Goethe. 


IL     VERZEICHNIS  DER  BESPROCHENEN  STELLEN. 


Tacitus ,  Germania 

c.  14' s.  254  fg. 
Saxo  Grammaticus  (ed.  Mül- 

ler-Yelschow)I,139s.200. 
Lieder -Edda: 

frymskv.  12,  1  s.  109. 

Harb.  80  s.  109. 

Hav.  109,  3  s.  109. 

Hym.  33,  4  s.  108  fg. 

Lokas.  12,  4  s.  109. 

Vaf|)r.  3,  3  s.  109. 


6,  3 

14,  3 
Voluspa  2" 


s.  109. 
s.  109. 
s.  126. 
ö-  s.  127. 
11 3-^  s.  127. 
13'^  s.  127. 
181  g  127. 
19-  s.  127. 
241  s.  127. 
251  s.  127. 
30^  s.  127. 
31 2  s.  127. 
32  2  s.  127. 
33-  s.  127  fg. 
41,  3»'  s.  108. 
45,  4  s.  108. 
Snorra-Edda:  I,  252  s.  343. 
Kormaks  saga   (ed.  Möbius) 
5'--^=  s.  369. 


Beowulf  43 

s.  355. 

241 

s.  355. 

269 

s.  355. 

390 

s.  355. 

787 

s»355. 

797 

s.  355. 

1037 

s.  355. 

1071 

s.  355. 

1129 

s.  355. 

1224 

s.  355. 

1286  fgg.  S.361 

1631 

s.  365. 

1665 

s.  364. 

1881 

s.  363. 

2502 

s.  .365. 

2524 

s.  355. 

2660 

s.  355. 

2715 

s.  363. 

3106 

s.  364. 

3122 

s.  364. 

Wolfram  von  Eschenbach 

Parzival  70,  7—12  s.  55  fg. 

362.26— 30  s.  66,  anm  1. 

468,  5  s.  235  fg.  383  fg. 

479,    21—23     s.  2.39, 

anm.  1. 

MF.  4,  35  und  5,  7  s.  243. 
244. 
39,  18  s.  243.  244  fg. 


Burggraf  vonLüenz  (Bartsch 

D.  L.  153)  s.  246. 
Reinke  de  Vos  (ed.  Prien) 
2.vorr.  §  5  (s.5, 1.3)  s.248. 
81  —  83  s.  248  fg. 
127  s.  249. 
764  s.  249. 
983  s.  250. 
1136  s.  249  fg. 
2131  s.  249. 
2786  s.  250. 
3973  fg.  s.  2.50  fg. 
Albrecht  von  Scharfenberg 
der    jüngere    Titurel    (ed. 

Hahn) 
3515  fgg.  s.  406  fg. 
5019  fgg.  z.  405  fg. 
Ulrich  Füetrer,  der  jüngere 
Titurel  35%  4  fgg.  s.  405. 
Laurembergs  Scherzgedichte 
(ed.  Braune) 
I,  352  s.  2.56. 
II,  125  s.  256. 
Lessing,  Hamb.  dramaturgie 

S.18L.  s.  199  fg. 
Goethe,  Faust  I. 
177  —  80  s.  330  fg. 
186  s.  331. 
200  fg.  s.  331. 


508 


III.      WORTREGISTER 


Goethe,  Faust  I. 
203  S.329. 
206  fgg.  s.  331  fg. 
219  fe.  s.  332. 


228  —  33  s.  332  fg. 
234  —  35  s.  333. 
Wieland  (Hempel) 
XXX,  263  s.  336. 


Anastasius  Grün 
n,  355  s.  335. 


Altfriesisch. 

äsega  s.  8. 
Beda  s.  12. 
bodthiug  s.  12. 
fimmelthiug  s.  12. 
Fimmila  s.  12. 


Altnordisch. 

Byleiptr  s.  104. 

enn  s.  108. 

esomk  (er.)  s.  105.  369. 

eyrinde  (or.)  s.  105. 

-fa{)ir,    -fo|)r    (in    compos.) 

s.  105  fgg. 
go3i  s.  10. 
Hagbarf)r  s.  370. 
haucstaldr  s.  370  amn. 
hvern  s.  109. 
iarn  (jarn)  s.  108. 
I{)min  s.  105. 
lagastafr  s.  105. 
lagmadr,  logm.,  logSQgumadr 

s.  9. 
sigtöptir  s.  104  fg. 
Svarangr  s.  105. 
vosomk  (vor.)  s.  105.  369. 


III.     WORTREGISTER. 


Altlioclideutscli. 

esago  s.  11. 
goto ,  gote  s.  10. 

Aiig-elsäclisiseh. 

andhätor  s.  361. 
breotan  s.  356. 
gefaga  s.  356. 
*fylce  s.  356. 
helrüna  s.  357. 
oferswtdan  s.  358. 
sigl,  sigle  s.  357. 
slsepan  s.  357. 
styl,  style  s.  357. 
swTgra  s.  358. 
gej)ingan  s.  358. 
gewegan  s.  358. 
weorce  s.  358. 
gewef ,  gewif  s.  358. 

Mittelhoelideutseli . 

stiezen  s.  255  fg. 

Xiederdeiitseli. 

dat  s.  249  fg. 
deren  s.  153,  anm.  1. 
kere  s.  155,  anm.  2. 
kuraxt  s.  161,  anm.  2. 


melsuesse  s.  1.54,  anm.  2. 
meyerayn  s.  153,  anm.  2. 
overmiddes  s.  156,  anm.  1. 
piysen,  sik-an  s.  251. 
snaren  s.  141 ,  anm.  2. 
swone  s.  152,  anm.  1. 
verwent  s.  159,  anm.  2. 

Französisch. 

merlette  s.  335. 

?ireiihochdeutsch. 

catzencismus  s.  459 ,  20. 
erkentnis  s.  440,  9. 
erst,  mit  s.  447,  1. 
feilen  s.  441,  21. 
fetzen,    zu   pfetzen   ligen 

S.443,  23. 
grundter  s.  450,  1. 
hellebrennen  s.  436,  4. 
kappe,  klappe  s.  449,  2. 
keudeln  s.  451,  15. 
meinen,  jemand  s.  441,  1. 
rechnen  (=:  rächen)  s.  444, 

11. 
schünden  s.  462,  2. 
verstehen  s.  448,  1 . 
zigen  s.  440,  14. 
Zukunft  s.  448,  5. 


Halle  a.  S. ,  Buchdmckerei  des  Waisenhauses. 


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PF 

3003 
Z35 
Bd. 21 


Zeitschrift  für  deutsche 
Philologie 


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